Reisen durch die Inselwelt der Südsee
Part 11
Der Wind ist zum Durchsegeln dieser Einfahrt selten günstig, ein Ankern außerhalb am Riffe nicht immer rathsam, und so begegnete es mir beim Einkreuzen, daß der über das Riff auslaufende Strom das Schiff innerhalb der langen Einfahrt an das Riff trieb, und dieses auf der schräg abfallenden Korallenwand sitzen blieb. Das Wasser fiel und, kam ich nicht frei, mußte das Schiff schließlich sich auf die Seite legen, umfallen und volllaufen. Deshalb wurde schnell ein Anker ausgebracht, der auf hundert Fuß Wassertiefe erst den Grund erreichte, und nun versucht, das Schiff abzuwinden; allein die starke Leine riß sehr bald von scharfen Korallen durchschnitten entzwei, und der Anker, an dem die Bojenleine zu kurz gewesen, war verloren. In Ermangelung eines schweren geeigneten Ankers, wurde nun als letzter Versuch schnell einer der Buganker zum gegenüber liegenden Riffe gebracht und gut hinter Korallensteine versenkt, dann versuchten wir aufs neue, das sich langsam neigende Schiff mit aller Gewalt abzubringen, und es gelang.
Wäre diese Anordnung erfolglos geblieben oder nochmals die Leine gerissen, so hätte ich nur noch versuchen können, schnell Gaffeln oder Segelbäume abzutakeln von den Masten, und senkrecht an der gefährdeten Seite im Wasser aufzustellen; wären diese an der Bordwand festgebunden worden, so wäre vielleicht durch solche Stützen, wenn das Wasser nicht zu tief fiel, ein Unglück vermieden worden sein.
Ich war fast jedesmal gezwungen, in der Ebon-Lagune einzulaufen, selbst später mit dem größten Schiffe der Gesellschaft und bin immer ohne besondere Schaden weggekommen. Nur einmal in dunkler Abendstunde in der Ost-Durchfahrt, der kleineren, aufkreuzend, lief ich noch, von den Riffen frei, auf Anrathen eines guten Lootsen, den der König von Ebon, der Häuptling Nelu, mir gestellt hatte, der mit seinem ganzen Gefolge sich an Bord befand, weiter nach der Insel Eninaitok, zwischen vielen Riffpatschen und Untiefen hindurch. Als die Insel in Sicht kam, war wegen der Dunkelheit der Abstand vom Lande schwer zu schätzen, und hätte ich mich nur auf die Kenntniß des Lootsen verlassen, und nicht lothen lassen, würde dieser mir das Schiff mit voller Fahrt aufs Riff gesetzt haben. Plötzlich nur drei Meter Wassertiefe findend, jagte ich gerade noch zur rechten Zeit das Schiff in den Wind und brachte es zum Stillstand; darauf segelte ich vom Lande ab und ging auf größerer Tiefe zu Anker, mich wenig daran kehrend, daß nun die Häuptlinge etwas länger im Boote sitzen mußten und die Ausschiffung länger dauerte. Um die schon tagelang an Bord befindlichen Eingebornen noch ans Land zu bringen, hätte ich, vertrauend der besseren Kenntniß derselben, bald mein Schiff arg gefährdet gesehen.
Manchem anderen Schiffe ist es beim Einkreuzen in dieser Lagune nicht sonderlich gut ergangen, Beschädigungen am Schiffsboden, leichter oder schwererer Art, waren nicht selten, und wer nicht durchaus hinein segeln mußte, vielleicht nicht unter der Insel Juridi ankern durfte, kreuzte lieber tagelang vor der Einfahrt hin und her; was ich mitunter auch that, wenn in der schlechten Jahreszeit die See am Riffe zu schwer oder nur wenig Ladung zu landen oder abzunehmen war.
Die Lagune selbst bietet, sobald man die schlechte Durchfahrt durchsegelt hat, einem Schiffe überall sichern Ankergrund; ein geschützter Hafen ist das weite Becken, in welchem heftiger Wind nur selten das ruhige klare Gewässer erregen kann.
Ein flüchtiger Ueberblick auf dieses weite Becken läßt vermuthen, daß nur noch wenig Riffe mehr, außer den der Ausfahrt vorgelagerten, vorhanden sind, und doch befindet sich eine große Zahl kleiner und größerer Riffpatschen in demselben; die Thätigkeit der bauenden Koralle, welche im Laufe der Zeit diese Lagune verschließen wird, ist in vollem Gange. Recht in die Augen fallend erweist sich diese Thatsache, langsam zwar, aber immer weiter bauen die Polypen, und nach menschlicher Voraussicht wird sich hier von allen offenen Atolls zuerst der Vorgang abspielen, daß diese Lagune für jeden Schiffsverkehr durch die unzerstörbare Arbeit der winzigen Thierchen geschlossen wird. Fahrten durch die ganze Lagune von Insel zu Insel bestätigten mir diese Annahme, da ich unter Land sowohl wie auch im großen freien Wasserbecken weit ausgedehnte Riffe vorfand.
Die meisten der langgestreckten Inseln dieses Atolls sind flach und ohne besondere Erhebungen, der Unterbau, Korallensteine, die aber schon so hoch mit einer Humusschicht bedeckt sind, daß solche wenig sichtbar werden, auch hat die reiche Vegetation, das Eindringen der Pflanzen im Gestein, das ihre zur Verwitterung desselben beigetragen. Ueberhaupt habe ich kaum auf einem anderen Atoll so dichtes Gebüsch, hohe Bäume und wuchernde Pflanzen angetroffen, wie auf Ebon; anzunehmen ist, daß dazu der reichlich fallende Regen, der die Verwesung in der Pflanzenwelt befördert, viel beigetragen hat.
Vor allem erwähnenswerth ist hier neben den sehr zahlreichen Kokospalmen der mächtige Brotfruchtbaum, dessen schmackhafte Frucht eine Hauptnahrung der Eingebornen ist. Der Baum wird über 60 Fuß hoch und trägt auf hohem Stamme, der oft mehrere Fuß im Durchmesser hat, eine gewaltige Krone, er könnte in seinem Bau mit unserer Eiche verglichen werden. Seine Früchte, am Ende der Zweige hängend, haben eine länglich runde Form und werden ein bis zwei Pfund schwer. Sie werden gewöhnlich zwischen heißen Steinen oder am Feuer geröstet und bieten selbst dem weißen Manne einen Ersatz für Brot und Kartoffeln, vor allem auf Inseln, wo die Jamswurzel oder Taro nicht erhältlich sind.
Hier auf Ebon, wo ich öfter an den Mahlzeiten der Eingebornen theilnehmen mußte, lernte ich eine neue Art der Zubereitung dieser Brotfrucht kennen, wodurch dieselbe ganz besonders schmackhaft gemacht wurde. Das Herz der Frucht wird mit einem Stückchen Holz oder mit den Fingern entfernt, in die entstandene Höhlung dann weiße Kokosnußmilch gefüllt, und so in Blätter eingewickelt, zwischen heißen Steinen gebacken. Das goldgelbe Fleisch, dessen Nährgehalt durch die Milch noch erhöht ist, wird so ein noch vorzüglicheres Nahrungsmittel. Auf anderen Inseln wo man diese Art der Zubereitung nicht kannte, fanden alle vereinzelt lebenden weißen Händler stets ganz besonderes Wohlgefallen an der auf diese Weise zubereiteten Brotfrucht.
Aeußerst fischreich ist auch die Ebon-Lagune, namentlich in der starken Strömung der Einfahrt hält sich ein wohlschmeckender, giftfreier Fisch auf, ähnlich unserem Blei. Um solche Fische nun zu erhalten, die weder nach der Weise der Eingebornen, noch mit Angeln zu fangen sind, benutzen hier die Händler von San Franzisko eingeführte Dynamitpatronen, die angezündet und zur rechten Zeit ins Wasser geworfen, durch Zerspringen alle am Orte befindlichen Fische betäuben. Diese kommen dann für wenige Minuten an die Oberfläche und werden, ehe sie wieder sinken, in die Kanoes oder Boote schnell eingesammelt; ist das Wasser nicht zu tief, werden die Fische durch Taucher vom Grunde heraufgeholt.
Die Verwendung solcher Patronen bedingt aber große Vorsicht; ein Verpassen des rechten Augenblickes, eine fehlerhafte Zusammenstellung des Sprengstoffes, bringt immer große Gefahr für den, der nicht ganz genau mit der Anwendung Bescheid weiß. Mehrfach habe ich Leute getroffen, denen durch das explodirende Dynamit, wenn eine solche Patrone nicht gut geladen war, mehrere Finger weggerissen waren, einige aber auch, die ihre Unkenntniß oder Ungeschick mit dem Verluste der rechten Hand bezahlt haben.
Als ich einst unter der Insel Juridi vor Ebon zu Anker lag, erbat sich mein Steuermann Kitimatu, ein Japaner, die Erlaubniß, mit dem Boote fischen zu dürfen. Da mir unbekannt war, daß derselbe sich von einem Händler Dynamitpatronen gekauft hatte -- übrigens eine verbotene Waare, die nur im Geheimen zur Einführung gelangt -- wurde ich erst durch den dumpfen Knall darauf aufmerksam gemacht. Bald sah ich, wie die Besatzung des Bootes in das Wasser sprang und eine beträchtliche Menge großer Fische in dasselbe hineinwarf. Der Japaner, ein vorzüglicher Taucher, holte vom Grunde immer mehr herauf, so daß nach der Zahl der angesammelten Fische zu urtheilen, mehrere hundert derselben betäubt oder getödtet sein mußten.
Dulden durfte ich nicht, daß fernerhin solche Art von Fischerei betrieben wurde, vor allem nicht die Mitführung des gefährlichen Dynamits an Bord, und obwohl mir, wie auch der Mannschaft, die große Menge schöner Fische nicht unwillkommen war, so mußte für die Folge doch die Verwendung solcher Patronen unterbleiben. Ziemlich erstaunt war daher der Japaner und die Freude seines Erfolges gedämpft, als ich vor seinen Augen die mir ausgehändigten übrigen Patronen über Bord warf; es wollte ihm nicht recht einleuchten, wie ein so nützlicher Gegenstand anderen gefährlich werden könne.
Ehe ich meine Angaben über den Ebon-Atoll schließe, will ich noch eines Vorganges erwähnen, der mir später an den Außenriffen leicht den Verlust des Schiffes „Futuna“ eingetragen hätte. Leichter, südwestlicher Wind wehte, als ich einst in der schlechten Jahreszeit, im Anfang Oktober, vor Ebon anlangte und wegen einiger Bootsladungen Güter nicht erst einlaufen wollte, sondern die Boote an Land sandte und durch den Steuermann das Geschäftliche erledigen ließ. Darauf segelte ich, da ich von hier nach den Karolineninseln beordert war, beim Winde liegend längs der Riffe nordwestwärts; zwar nahe dem Riffe, jedoch frei genug, um gegebenen Falls ein Segelmanöver ausführen zu können. Querab der Insel Toka aber, als ich schon hoffen konnte das Riff nach kurzer Entfernung mehr nach rechts abfallen zu sehen, wurde das Schiff von einer unerwarteten Strömung dem Riffe, auf welchem eine mittelmäßige Brandung lief, zugedrängt und erkennend, ich würde nicht frei davon kommen, gab ich Befehl zum wenden.
Nie hatte der Schooner, selbst in gefährlichen Engen, eine Wendung versagt, jetzt aber ging er nicht durch den Wind. Ein zweiter Versuch, mit ganzer seemännischer Geschicklichkeit ausgeführt, schlug wieder fehl; einen dritten wagen, da ich schon der Brandung sehr nahe gekommen war und der sicher fehl gehen mußte, da das Schiff nicht mehr Raum genug hatte um gute Fahrt zu gewinnen, hieß es geradezu aufs Riff setzen. Verloren schien das Schiff auf jeden Fall, da ich wegen des kurzen Abstandes vom Riffe keine Möglichkeit mehr sah, dieses vor den Wind herumzubringen, welches ja das einzige Manöver ist, wenn Strömung und schwerer Seegang ein Wenden verhindern. Doch um alles zu thun, mußte ich auch dies wagen; wie ich auf das Riff kam, angetrieben, oder mit vollen Segeln vor dem Winde, war jetzt gleichgültig; einmal in der Brandung mußte das Schiff doch nach kurzer Zeit am steilen Riff zerschlagen und in die Tiefe sinken; die einzige Aussicht war, daß sich die Mannschaft noch unter Umständen retten könnte.
Es ist ein Haupterforderniß für den Seemann auch in der gefahrvollsten Lage nicht den Kopf zu verlieren, sondern entschlossen zu handeln, so gab auch ich ohne Besinnen ehe noch das Schiff durch den Druck seiner Segel wieder an den Wind gekommen war, den Befehl, das Ruder hart Backbord zu legen, die Raasegel vierkant zu führen, alle Schooten der Schratsegel los zu werfen, und siehe wie ein Schwan mit ausgespannten Fittichen lief das Schiff mit schneller Fahrt seinem Verderben entgegen. Noch aber war seine Stunde nicht gekommen; das wackere Schiff, mit dem ich noch manche Noth und Sturm durchkämpfen sollte, ehe es in diesem Ozean an einer anderen Insel „Kili“ in die Tiefe sank, gehorchte über Erwarten gut dem Steuer. Die 150 Fuß, die das Schiff vom Riffe entfernt gewesen, hatte es noch nicht durchlaufen, als es durch den Druck der sehr schnell hantirten Segel wieder an den Wind gebracht war. Zwar lief die hohle See schon unter dem Kiel und hob das Schiff zum vernichtenden Stoße, -- keine zehn Fuß hinter dem Heck donnerten die Schaumkronen der Brandung -- und doch, mit freiem Winde die Fahrt beschleunigend, entkam ich dem sicher erwarteten Verderben.
Auf einer Fahrt von Jaluit nach Ebon und zurück, traf ich in der Ebon-Lagune den Häuptling Launa mit einigen seiner Proas an, mit denen er, zur Abreise nach Jaluit gerüstet, nur auf gutes Wetter wartete. Da die Gelegenheit günstig war, mit dem deutschen Schiffe nun die Ueberfahrt zu machen, trat Launa mit mir in Unterhandlung wegen des Fahrgeldes, dessen Höhe ihm zwar gut genug bekannt, das er aber herabgesetzt wissen wollte. Als ich darauf nicht eingehen konnte, erklärte er mir, dann solle auch keiner seiner Leute mit mir fahren, er segele mit seinen Kanoes billiger. Thatsächlich ging er am Abend desselben Tages in See und erreichte glücklich Jaluit.
Die Kunst, mit Geschick und Verständniß, solche nicht ungefährliche Fahrten in leicht zerbrechlichen Kanoes zu unternehmen, ist heute nur noch wenig Inselbewohnern eigen, obwohl sie früher im Bereich dieses Archipels nichts Ungewöhnliches waren. In der Nalik-Kette bedienen sich die Häuptlinge aber mehr der europäischen Segelschiffe, auch besitzt der König Kabua, eigentlich Nelu, ein solches, mit dem sie von Insel zu Insel fahren und es auch selber, ohne Hilfe eines Weißen führen.
Dieses Verständniß der Navigirung nur war einst ein streng gehütetes Geheimniß erfahrener Häuptlinge. Der es den Weißen verrieth, büßte es mit dem Tode. Obgleich die Inselbewohner sich auf ihren Fahrten nach dem Stand der Sonne und des Nachts nach den Sternen richten, worüber sie zu ihrem Zwecke genügend Bescheid wissen, haben sie sich doch eine Seekarte angefertigt, die unzweifelhaft beweißt, daß sie über die Lage der einzelnen Gruppen sowohl, wie über Wind und Strömungen gut unterrichtet waren.
Diese Karte besteht nur aus geraden oder gebogenen dünnen untereinander verbundenen Stäben, auf denen an bestimmten Stellen die einzelnen Inseln durch kleine Muscheln oder Steine angezeigt werden, die gebogenen Stäbe geben den Strom oder auch den Seegang an, was gleichbedeutend mit der Windrichtung sein würde. Alle Atolle sind auf diese Weise bezeichnet, und die Abstände derselben von einander verhältnißmäßig ziemlich genau angegeben. Hieraus ersieht man, daß in früheren Zeiten ein reger Verkehr im Bereiche dieses Archipels stattgefunden hat, die Eingebornen von Insel zu Insel segelten und so ihre Kenntnisse erweiterten; die vor sehr langer Zeit einfach genug gewesen sind, z. Z. als die heutigen Atolle noch nicht vorhanden waren, oder doch deren Ränder noch hohe zusammenhängende Landmassen bildeten, die im Laufe der Zeiten erst gesunken. Keine oder nur sagenhafte Ueberlieferungen haben diese Eingebornen, von denen die eine Beachtung verdient, daß nach der vor langer, langer Zeit an Stelle der jetzigen Atolle hohe Inseln gestanden haben, aber welche Veränderungen hier stattgefunden, was ihre Vorfahren geschaut, darüber schweigt ihr Mund!
Der Namorik-Atoll, in Nordwest-Richtung etwa 70 Seemeilen von Ebon entfernt, ist einer der wenigen, die durch die Korallen schon geschlossen sind. Nur zwei langgestreckte Inseln, von einander durch Riffe getrennt, die früher den Zugang zur Lagune gestatteten, bilden die ganze Landmasse, sind aber ebenso fruchtbar und ertragreich, wie die Inseln des Ebon-Atolls.
Steile Korallenwände, an denen kein Ankergrund gefunden werden kann, heben sich aus großer Tiefe empor. Und wenig angenehm ist es für einen Schiffsführer, sich stets unter Segel hier halten zu müssen; oft habe ich daselbst tagelang an der Westseite unter Land kreuzen müssen, ehe mit Booten, die häufig am steilen Strande gefährdet sind, die Ladung abgenommen war. Wohl ist heute noch das Wasser in der Lagune klar und rein, da von außen über die Riffe hinweg der Ozean seine Wogen hineinspült und damit der noch langsam bauenden Koralle frische Nahrung zuführt; wird dies aber einst durch Anhäufungen von Gestein und Sand unmöglich, so muß durch die heiße Sonne eine Verdunstung und damit eine Versumpfung eintreten.
Diesen Prozeß hat bereits die von Namorik in Ost-Richtung etwa 65 Seemeilen entfernt liegende Insel „Kili“ durchgemacht. Eine Seemeile lang, ist die kleine Lagune schon vollständig umschlossen und ein großer Sumpf, in welchem die Pflanzenwelt Fuß gefaßt hat und überreich wuchert. Anfänglich war das Eiland unbewohnt, weil Kokospalmen und Pandanus nur spärlich vorhanden waren und einzig wilde Hühner und Schweine dort ungestört hausten; jetzt hat man mit der Lichtung des wilden Busches begonnen, und die Anpflanzung einer ausgedehnten Kokosplantage verspricht einen lohnenden Ertrag.
Die Insel ist ebenso steil und unzugänglich wie Namorik, nur am Südende erstreckt sich ein langes Riff in die See hinein, auf welchem stets schwere Brandung steht und beim Kreuzen unter Land einem Schiffe gefährlich werden kann. Auf diesem ging auch der, einst von mir geführte Schooner „Futuna“ gänzlich in einer dunklen Nacht verloren.
Solche Schiffsverluste sind gewöhnlich auf unbekannte Strömungen zurückzuführen, die vorherrschend sind oder zeitweise auch von den Winden hervorgerufen werden. Muß man sich des Nachts unter Land halten, um nicht zu weit abzutreiben und dadurch Zeit zu verlieren, so ist es immer nöthig, sich über die Stromverhältnisse erst Gewißheit zu verschaffen.
In dieser Hinsicht ist die auf 0° 25' Süd-Breite und 167° 10' Ost-Länge liegende Insel „Pleasant-Eiland“ besonders bemerkenswerth, da dort der starke Aequatorialstrom, sobald der Wind nachläßt, jedes Schiff hinwegführt und Tage auch Wochen hingehen, ehe die Insel wieder erreicht werden kann. Fast jedem Schiffe, das dorthin Reisen unternommen hat, ist diese Strömung verhängnißvoll geworden, auch mir, unter den sechs Malen, daß ich dort habe anlaufen müssen, in zwei Fällen.
Anfang April 1886 nach Pleasant-Eiland beordert, erreichte ich die Insel mit günstigem Winde schnell. Da auch hier nirgends Ankergrund gefunden wird, ist es Gebrauch, sich Tag und Nacht ganz dicht unter Land zu halten, vor allem nicht nord- oder südwärts über die Insel hinauszusegeln, sonst führt der starke Strom das Schiff mit sich fort und kann nur bei frischem Winde und ein guter Segler den verlorenen Abstand wieder gewinnen.
Die Insel ist sehr fruchtbar, daher auch die Kopraausfuhr recht bedeutend; aber eigenthümliche Verhältnisse unter der Bevölkerung schädigen den Handel sehr, da zwischen den Bewohnern der elf Bezirke fast fortwährend gekämpft wird, und das Niederschlagen der Palmen durch den Sieger, das Aufblühen dieses gesegneten Ländchens verhindert. Die Eingebornen waren anfänglich den Fremden feindlich gesinnt und haben lange der Niederlassung europäischer Händler widerstanden; erst als ihnen die Wirkung der Feuerwaffen, die namentlich von Amerikanern eingeführt wurden, bekannt war, gelang es einzelnen Fremden, dort Fuß zu fassen.
Im Innern dieser etwa 15 Seemeilen im Umfange haltenden Insel erheben sich zwei kegelförmige Krater, einige hundert Fuß hoch, die längst erloschen sind und auf deren verwitterten Lavafeldern sich eine überaus reiche Pflanzenwelt entfaltet hat. Selbst ein Kratersee ist vorhanden, in dem die Eingebornen Fische züchten; auch Höhlen sollen vorhanden sein, die wahrscheinlich durch vulkanische Erhebungen entstanden sind.
An jenem Tage, als ich die Nordspitze zum ersten Male umsegelte und dicht unter dem etwa 200 Meter breiten Riffe mich aufhielt, hörte man am Nordende der Insel fortwährendes Gewehrfeuer. Die Eingebornen waren wieder in einen Kampf verwickelt. Zum Glück wußte ich wie harmlos im Grunde genommen solche Kämpfe sind, daß es in der Hauptsache dabei nur auf zweckloses Knallen, wildes Geschrei und lautes Geschimpfe ankommt. Selten fällt ein Gegner, auch genügen einige Verwundungen, um die Kampflust zu befriedigen, und bald beenden feierliche Verträge, die nie gehalten werden, die Raufereien. Das Schlimmste dabei ist, daß die anfänglich zügellose Wuth dieser wilden Menschen den Europäer gefährdet, daher ist dessen Haus gewöhnlich eine kleine Festung, geeignet, im Nothfall sich dahinter zu vertheidigen; sie fürchten aber auch die Treffsicherheit des weißen Mannes und wagen es daher selten, Wunden oder Tod sich durch einen Angriff zu holen.
Ist ein Kampf eröffnet, so nimmt der ganze Stamm daran theil; auch wenn der Europäer selbst nicht gefährdet ist, kann er zu solcher Zeit keine Arbeiter erhalten, um Ladung in Empfang zu nehmen oder zu verschiffen.
So war es auch an diesem Tage. Der Superkargo, Herr Tuchtfeldt, ein Beamter der Gesellschaft, den ich abgesetzt hatte, theilte mir mit, daß nichts zu machen sei; ich hatte also zu warten, und unablässig mit vollen Segeln auf- und abkreuzend d. h. ich ließ das Schiff eine gewisse Strecke treiben und segelte dann wieder dem Lande zu. Als nun die dunkle Nacht hereinbrach, deren Schatten die Insel den Blicken entzog und es schwer wurde, den sichern Abstand vom Lande zu schätzen auch vor Mitternacht noch die Kraft des Windes nachließ, erkannte ich bald, daß die Fahrt des Schiffes geringer sei als der entgegenlaufende Strom.
Mehr und mehr verschwanden die dunklen Umrisse der Insel, und als der Morgen tagte, sah ich nichts mehr von dieser, nur vom hohen Maste aus entdeckte ich, weit im Osten noch einen dunklen Punkt. Fünfzehn Seemeilen hatte der Strom das Schiff schon nach Westen getrieben, und Tage, dachte ich, würden hingehen, ehe ich diese Entfernung mit frischem Winde wieder aufgekreuzt hätte. Ich konnte über Backbord Bug am meisten Ost gewinnen, deshalb segelte ich 24 Stunden in Südost-Richtung fort.
Hatte ich aber geglaubt, südlich weniger Strom zu finden, so war dies eine bittere Täuschung, denn ich ermittelte am nächsten Mittag, daß das Schiff einen Grad in Südsüdwest-Richtung versetzt worden war, mithin ein Strom von vier Seemeilen in der Stunde nach Westen lief. Eine solche Stärke des Stromes von dessen Vorhandensein ich ja Kenntniß hatte, kam mir unerwartet, doch brachte sie mich nicht in Verlegenheit, besonders da nichts zu ändern war.
Unter den Schiffsführern, die bereits abgetrieben waren, war wie ich später erfuhr die Ansicht verbreitet, daß man in solchem Falle nicht gegen den Strom kreuzen dürfte, sondern sofort über den Aequator hinauszukommen suchen müsse, weil man erst auf 4 bis 5 Grad nördlicher Breite mit dem Gegenstrome erfolgreich nach Osten aufsegeln könne. Daß ich dies nicht wußte, hat mir großen Nachtheil gebracht, denn als ich nun überzeugt, daß ich auf südlichem Kurse nichts gewinnen würde und wieder nordwärts auf Nordnordwest Kurs beim Winde lag, wurde dieser immer schwächer, so daß ich nur wenig Nord gewann. Am dritten Tage erst hatte ich wieder den Breitengrad der Insel Pleasant-Eiland erreicht, befand mich aber bereits 70 Seemeilen weit von dieser entfernt; was ich befürchtet und in dieser Gegend nicht selten ist, traf ein, der Wind wurde ganz still und auf dem spiegelglatten Meere, das kaum eine langgezogene Dünung bewegte, trieben wir unter der brennenden Sonnengluth immer weiter westwärts, mit einer Geschwindigkeit von durchschnittlich 72 Seemeilen in 24 Stunden.
Jeden Lufthauch, der hin und wieder aufsprang nutzte ich aus, um bloß aus dieser häßlichen Lage herauszukommen, denn am zehnten Tage (die Linie war wieder passirt) war das Schiff bereits 750 Seemeilen von der Insel abgetrieben worden. Am 14. Tage auf etwa ein Grad nördlicher Breite angelangt, fand ich keinen oder nur noch sehr geringen Strom, aber kein Wind wollte aufkommen; was aber das Schlimmste war, der Wasservorrath ging zu Ende; das Tagesmaß war längst schon so weit herabgesetzt worden, daß jeder Mann nur einen Tassenkopf voll per Tag empfing, und nach einigen Tagen war kein Tropfen mehr an Bord.