Reisen durch die Inselwelt der Südsee
Part 10
Besondere Beachtung nun verdienen die Fahrzeuge, mit denen der Inselbewohner sich auf den gefährlichen Ozean hinauswagt. Den Kanoebau muß man entschieden als ihre bedeutendste Leistung ansehen, Geschick, ja Kunstfertigkeit ist ihnen dabei nicht abzusprechen. Schon die Anforderungen, die sie an ihre größeren Fahrzeuge stellen, bedingen eine eigenartige Bauart; ihnen genügen nicht mehr ausgehöhlte Baumstämme, wie sich andere Völker solcher bedienen, hier gilt es vielmehr einen regelrechten Bau aufzuführen. Und zieht man in Betracht, daß früher (und heute noch vielfach) ihre einzigen Werkzeuge die Meermuschel und die Fischgräte waren, und das mit Geschick verwendete Feuer bei solcher Arbeit ihr bester Helfer ist, so kann man sich vergegenwärtigen, was es heißt, solche Fahrzeuge, die oft 50 und mehr Menschen zu fassen vermögen, herzustellen.
Ihre Geschicklichkeit und Ausdauer finden deshalb staunende Anerkennung bei den Fremden, ja ich möchte den Europäer sehen, der an die Stelle der Eingebornen gestellt, sich mittelst Feuer und Muscheln aus einem dicken Baumstamm eine Planke verfertigen könnte!
Die Kanoes, zu deren Bau das nicht sehr harte Holz des Brotfruchtbaumes verwendet wird, sind aus verschiedenen Theilen zusammengesetzt. Der Kiel wird aus einem Stücke gefertigt, dies ist so ausgehöhlt, daß er an und für sich schon ein kleines Kanoe bilden würde; auf diesem werden dann die scharfen Vorder- und Hintertheile aufgesetzt, und dazwischen wieder die oft aus mehreren Stücken bestehenden Seitenwände eingefügt; die Höhe eines mittelgroßen Kanoes beträgt etwa 4 Fuß.
Alle Theile werden stumpf auf- und aneinander gesetzt; aber um die dauernde Befestigung derselben, die Dauerhaftigkeit des Ganzen zu erreichen, dazu gehört eine wahre Engelsgeduld, denn um dieses zu erreichen müssen durch zolldicke Wände oft viele hundert Löcher mittelst Fischgräten oder Knochen gebohrt werden, die nahe aneinander, in den einzelnen Theilen sich stets gegenüber liegen.
Naturgemäß können mit so unvollkommenen Instrumenten, Werkzeugen gearbeitete, stumpf aufeinander stoßende Hölzer nicht dicht halten, auch glatte Flächen sind damit nicht herzustellen; um aber dennoch eine gewisse Dichtigkeit zu erzielen, werden die Nähte mit zwischen gelegten trockenen Pandanusblättern ausgefüllt, dann werden durch die einander gegenüber liegenden Löcher Cajarfäden eingezogen und diese sehr fest angeholt. Die große Zahl solcher Laschungen ermöglicht es, jeden Theil des Kanoes dauernd und gut zu befestigen, und was Menschenkraft nicht fertig bringt, thut das Wasser, indem durchnäßt, sowohl die Pandanusblätter aufquellen, als auch die Cajarfäden sich zusammenziehen.
Finden sich sichtbare Undichtigkeiten, namentlich in den Löchern, so bereitet sich der Erbauer aus fein geriebenem Holz und dem klebrigen Safte der Pandanusfrucht eine Art Kitt, mit dem er gefundene lecke Stellen zustopft und verkittet. Da unbedingte Dichtigkeit natürlich nicht herzustellen ist, so lecken ohne Ausnahme alle Kanoes ziemlich stark, indeß mit einer aus demselben Holze hergestellten Mulde, einer Art Schöpfkelle, die der Eingeborne geschickt zu handhaben weiß, bewältigt ein Mann bequem ohne sonderliche Anstrengung das eingedrungene Wasser leicht; auch Kokosnußschalen, Blechbüchsen, selbst die hohlen Handflächen dienen ihm als geeignete Schöpfgefäße.
Alle Kanoes haben an einer Seite einen Ausleger, ein dem Kanoe parallel gelegtes und dem Bau desselben entsprechendes Stück Holz, mit diesem durch eine Anzahl biegsamer Zweige, die über beide Seitenwände des Kanoes hinreichen, verbunden ist. Weit genug abstehend, dient dieser als eine Art Schwebe, ein Kentern der scharf gebauten Fahrzeuge wird dadurch verhindert; namentlich beim Segeln giebt er ein Gegengewicht ab. Bei großen Kanoes liegt der Ausleger oft 6-8 Fuß von der Bordseite entfernt und besteht aus einem schweren Holzstücke, das, an sich möglichst stark, durch Träger und schräg liegende Gegenstützen, am Kanoe befestigt ist. Auf solchen Trägern, d. h. den einzelnen Verbindungen mit deren Ausleger, die unter sich ebenfalls gut verbunden sind, findet man oft noch eine kleine Hütte erbaut, worin für mehrere Mann Raum vorhanden ist, sie dient dem angesehensten der Besatzung gewöhnlich als Aufenthalt. Auch wenn befürchtet wird, der starke Wind könnte durch seinen Druck auf das Segel das Kanoe trotz des Auslegers zum Kentern bringen, setzen sich außerhalb der Bordwand mehrere Insassen auf das Flechtwerk des Trägers, so daß durch ihr Körpergewicht ein gewisser Gegendruck erzielt wird.
Im ruhigen Wasser, oder in leicht bewegter See, sind diese Kanoes sehr schnelle Fahrzeuge. Ein europäisch gebautes Boot muß sehr gute Eigenschaften haben, wenn es eine Wettfahrt mit ihnen aufnehmen will, würde aber stets, sobald ein Ziel windwärts erreicht werden sollte, also ein Aufkreuzen gegen den Wind nöthig wäre, glänzend geschlagen werden; denn die scharf gebauten Kanoes mit ihren Mattensegeln liegen so dicht am Winde und werden dennoch so schnell durchs Wasser getrieben, wie es mit einem gewöhnlichen Boote nicht möglich ist. Ich habe in den großen Lagunen, Majuro, Arno, Malonlab u. a., wenn ich auf entfernteren Inseln in solchen Atolls kleinere Aufkäufe an Kopra oder Nüssen machen wollte, des öfteren diese Kanoes benutzt und muß bezeugen, flinkere Fahrzeuge habe ich bei keinem ungesitteten Volksstamme gefunden.
So praktisch der Ausleger aber auch ist, ja so nothwendig für größere Fahrzeuge, um das Segeln mit diesen zu ermöglichen, so wird er doch auf freier und bewegter See oft verhängnißvoll. Obgleich er nach Möglichkeit zwar festgefügt und durch Cajar mit dem Kanoe verbunden ist, so löst er sich doch und bricht jede Verbindung leicht und geht, wenn die Wellen unablässig diesen hin und her zerren, verloren. Da eine Ausbesserung kaum vorgenommen werden kann, so ist, sobald diese Stütze verloren gegangen, das Schicksal der Insassen eines Kanoes auch besiegelt. Und diese Gefahr liegt immer vor, sie wächst mit dem Winde und den Wellen.
Ich habe erwähnt, daß diese Proas sehr scharf gebaut sind, sie sind es aber nicht nur vorne und hinten, sondern auch längs des ganzen Kiels; was aber besonders von Verständniß und Nachdenken zeugt, ist die Form, welche solchen Kanoes gegeben wird. Beim Vorwärtstreiben durch Wind und Paddeln ist der Ausleger, der zwar ebenso scharf geformt ist, doch naturgemäß ein Hinderniß und würde ein Kanoe immer nach der Seite hin abweichen, an welcher sich dieser befindet. Diesem Uebelstande abzuhelfen, baut nun der Insulaner sein Kanoe so, daß die Seite, an welcher der Ausleger nicht angebracht werden soll, vom Kiel aufwärts bis zur Bordwand fast ganz flach verläuft, die andere dagegen ist erhaben ausgebaut. Natürlich ergiebt sich daraus, daß im Verhältniß zur Länge ein Kanoe nur sehr schmal sein kann, aber durch die flache Seite wird der Vortheil gewonnen, das tiefgehende Kanoe kann beim Segeln am Winde nicht oder nur sehr wenig abgedrängt werden.
Zudem bleibt der Ausleger stets an der Windseite, andernfalls würde durch den Druck des Segels das Kanoe sofort kentern; ein wenden, wenn eine andere Kursrichtung genommen werden soll, geschieht nicht, vielmehr wird das gehißte Segel nur von vorne nach hinten oder umgekehrt geschiftet. Der Mast, in der Mitte des Kanoes in einer Spur feststehend, wird vom Ausleger aus durch Cajartaue gehalten, ist aber beweglich, so daß er nach vorne oder hinten geneigt werden kann, was stets beim Umschiften des immer in der Spitze festgesetzten Segels geschehen muß. Das Tau, mit dem das an langer Raa befestigte Segel gehißt ist, dient gewöhnlich nach hinten zu dem Maste als Stütze, seltener sind noch Hilfstaue angebracht.
Ein Reffen, d. h. verkleinern der Mattensegel, sowie diese gebildet sind, ist nicht wohl angängig; wird der Wind zu stark oder überrascht eine starke Böe ein Kanoe, kann man nichts weiter thun, als das Segel einfach niederzuführen, oder frei im Winde peitschen zu lassen. Im ersteren Falle kommt es oft vor, daß das vom Winde aufgebauschte Segel ins Wasser zu liegen kommt, und wüßten die Eingebornen nicht so geschickt mit den Fahrzeugen umzugehen, müßte häufig genug, wenn die nicht selten äußerst heftigen Windböen einfallen, ein Unglück eintreten. Für einen Europäer wäre das Kentern eine unangenehme Sache, der Eingeborne dagegen macht sich nicht viel daraus, er bringt schwimmend sein gekentertes Kanoe wieder in Ordnung.
Die Mattensegel, stets dreieckig, sind aus einem Geflecht von Pandanusblättern hergestellt, das aus etwa zehn Zentimeter breiten Streifen besteht, die sauber zusammengenäht, dicht und biegsam sind.
Von Religion kann bei diesen Inselbewohnern eigentlich keine Rede sein; sie haben nur eine unbestimmte Vorstellung von einem höheren Wesen, welches ihnen Gutes und Böses zufügen kann, sonst sind sie wie alle ungesitteten Völker dem Aberglauben verfallen. Da sie nur wenige Ueberlieferungen besitzen, so beschränkt sich ihr Gottesdienst lediglich auf einige Gebräuche. Gewöhnlich wenn ein Unternehmen geplant ist, z. B. eine Reise, ein Kriegszug, wahrsagen weise Männer aus loderndem Feuer und das gute oder böse Vorzeichen ist für die Ausführung oder Unterlassung maßgebend; auch wird zum Weissagen ein zusammengefaltetes Pandanusblatt angewandt, man fängt an dem einen Ende zu kniffen an und benutzt die so gewonnene Breite als Maßstab für die übrige Blattlänge, bleibt nichts übrig, so ist es ein gutes Zeichen, im anderen Falle ein schlechtes.
Erklärlich ist, da Götter und Gottheiten nicht vorhanden, die Insulaner nur eine sehr beschränkte Vorstellung von einem höheren Wesen hatten, daß sie, als die Missionare unter ihnen erschienen, willig der neuen Lehre lauschten, und sich zu ihr bekannten. Das Ansehen der Missionare war groß; diese verwandten dann ihren Einfluß dazu, der Unsittlichkeit, der Vielweiberei und anderen Lastern entgegen zu treten, sie haben aber nur dort Erfolg gehabt, wo sie selbst ansässig waren, d. h. auf den südlicheren Atolls, als Ebon, Jaluit und Milli.
Anscheinend ist das Begriffsvermögen des Eingebornen nicht groß, er erfaßt bei weitem nicht alles, was ihm gelehrt wird, auch hat er nur eine unklare Vorstellung von allem, was außerhalb seines Gesichtskreises liegt, und nur das natürliche Empfinden von Recht und Unrecht ist bei ihm geschärft worden; er folgt zwar aus Furcht vor einer strafenden Gerechtigkeit nicht so willig mehr den natürlichen Trieben, erliegt aber trotzdem leicht einer Versuchung.
Ausgebildete einheimische Missionszöglinge sind heute die eigentlichen Lehrer, und es ist zu hoffen, daß unter dem Schutze der deutschen Verwaltung das Christenthum mehr und mehr an Ausbreitung gewinnt, das ist um so eher zu erwarten, wenn erst die Häuptlinge bekehrt sind und durch maßvolles Vorgehen, unparteiische Rechtspflege, das Vertrauen der Eingebornen ganz gewonnen ist.
Da die Marschall-Inseln heute deutsches Besitzthum, die Bewohner also in gewissem Sinne unsere Landsleute sind, so mag es vielleicht an der Stelle sein, hier in ihrer Sprache das Gebet des Herrn, das „Vater unser“, anzuführen.
_Yememuij i lon, en kwojarjar etom. Ea itok am ailin. Yen komonmon ankil am i lol enwot dri lon._
_Ranin, letok non kim kijim ranin: Im jolok annuij jerawiwi, enwot kimuij jolok an armij jerawiwi jen kim. Im jab tellok non mon, ak drebij kim jennana, Bwe am ailin, im kajur, im wijaak in driv._
Erwähnt habe ich bereits, daß eine Stammverwandtschaft zwischen den Bewohnern der Marschall-Inseln und der Karolinen-Gruppe besteht, ihre Sprache und Sitten in vielen übereinstimmen. Deshalb will ich das gleiche Gebet auch in der Sprache dieser Inselbewohner, mit denen ich oft genug zusammengekommen und die auch zu jener Zeit, leider nur vorübergehend, unter dem Schutze der deutschen Flagge gestanden haben, hier anführen. Es lautet:
_Papa tumus su in kosav, E'los val payi. Pogasai lalos tuku. Orek ma nu fwalu, ou elos oru in kosav. Frite kit len si ini ma kut mono misini: et nunok munas nu seske ma koluk las, oanu kut nunok munas sin met orek ma kuluk nu ses. A tie kot kit kut in mel, a es kit la liki ma koluk, tu togusai lalos, a ku, a mwolanu, ma patpat._
Mit dem Versuche, in obiger Schilderung ein anschauliches Bild von den Marschall-Inseln zu geben, möchte ich noch gleichzeitig eine wichtige Frage, nämlich die Deportationsfrage, verbinden.
Unzweifelhaft wird auch in unserem Vaterlande einst entschieden werden müssen, ob Deutschland nicht auch, wie seit langem Rußland und Frankreich, die Deportation als ein Mittel ansehen muß, um sich der Elemente der Bevölkerung zu entledigen, die heute die Zucht- und Gefängnißhäuser anfüllen, wenigstens die unverbesserlichen Individuen und schweren Verbrecher auszustoßen und solche, so der menschlichen Gesellschaft, ihrer Gefährlichkeit halber, zu entziehen. Zwar wird in Deutschland wohl nur die zwingende Nothwendigkeit dahin führen die Deportation rechtskräftig zu machen, zumal die Ansicht, mit dieser sei sowohl das geistige wie körperliche Verderben eines Individuums verbunden, noch eine allgemeine ist. Indeß man kann doch zu einer anderen Beurtheilung der Frage gelangen, wenn zugleich mit der zweifellos harten aber gerechten Strafe die Menschlichkeit durchaus gewahrt wird und ein Deportirter nicht als ein bereits dem Tode Verfallener anzusehen ist, eher noch die Möglichkeit vorliegt, ein solcher kann der menschlichen Gesellschaft wieder als ein nützliches Mitglied zugeführt werden.
Wohl zu berücksichtigen ist natürlich bei einer in Frage kommenden Deportation, daß eine der Hauptbedingungen, der nöthige Abschluß von jeder Gesellschaft ist und dabei doch, anders als in Zucht- und Gefängnißhäusern, den Verurtheilten ein bestimmtes Maß der Freiheit gegeben wird. Das Nächstliegende, um solche unerläßliche Vorbedingung zu erfüllen, wird immer das sein, daß man naturgemäß einsame, dem Verkehr entzogene Landstrecken, wie es größere oder kleinere Inselgruppen sind, dazu in Aussicht nimmt. Und nicht mit Unrecht, denn der schwer zu bändige Trieb nach persönlicher Freiheit wohnt jedem Wesen inne und wird daher bei verwegenen Naturen weit eher zum Durchbruch kommen.
Indeß, ist eine natürliche, unübersteigliche Grenze gezogen, stellt dem menschlichen Willen und Wollen sich ein Element, der Ozean, entgegen, ist die Folge, daß bei nicht gänzlich empfindungslosen Naturen schon der großartige Anblick des Weltmeers, die ruhige oft aber wildgrollende Sprache des Ozeans, eine wirksame Besserung im Naturell eines Verbannten erwarten läßt. Und fraglos werden demjenigen, dessen Gesichtskreis nicht enge Zellen beschränken, sondern dem sich die Wunder der Natur, der Ozean und das Firmament, in ihrer erhabensten Schönheit zeigen, sich Empfindungen aufdrängen, die schließlich die Erkenntniß herbeiführen, daß der Mensch dazu berufen ist, im Einzelnen, wie in der Gesammtheit einem höheren Zwecke zu dienen.
Wohl läßt sich erwarten, daß prinzipielle Fragen sich einer gesetzlichen Deportation entgegen stellen werden, indeß, mögen sich auch noch so große Einwendungen dagegen erheben lassen, eines ist sicher, dem in Freiheit gebornen, wenn auch verbrecherisch veranlagten Menschen, bringt nicht die Strafe, bringt nicht die enge Zellenhaft, sondern die goldene, wenn auch beschränkte Freiheit zur besseren Erkenntniß. Um nun zu begründen inwiefern die Deportationsfrage nicht so ohne weiteres als unausführbar abzuweisen ist, ziehe ich die Möglichkeit in Betracht, daß die einsamen sehr wenig bevölkerten und dem Weltverkehr entlegenen Marschall-Inseln als eine Heimstätte für schwerer Verbrechen wegen Verbannte angesehen werden könnten und zwar aus triftigen Gründen 1. als das Klima auf diesen Inseln als ein gesundes anzusehen ist; 2. die Ernährung, selbst für eine große Zahl, mit Leichtigkeit durchzuführen ist; 3. die Bewachung auf so einsamen von jeder Verbindung abgeschlossenen Inseln keine strenge zu sein braucht; 4. Feste Häuser unnöthig sind und nur Baracken des milden Klimas wegen in Frage kommen können. Sollten aber dennoch feste Häuser nothwendig sein, sind solche leicht durch das im Ueberfluß vorhandene Korallenmaterial herzustellen; 5. geregelte Thätigkeit wird durch Anbau von Kokosplantagen, Anpflanzung tropischer Gewächse als Taro, Arrowroot etc. der Züchtung von Schweinen und Hühnern und schließlich Bereitung der Kopra, der Herstellung von Matten und Tauwerk aus den Fasern der Kokosnuß etc. für zahlreiche Verbannte vorhanden sein und mit der Zeit sich aus Anpflanzungen Erträge ergeben, die die zweifellos anfänglich erheblichen Kosten reichlich decken werden.
Was speziell die Ernährung anbetrifft, die für einen Europäer besondere Beachtung verdient, so würde solche durch Zufuhr geeigneter Nahrungsmittel in Verbindung mit den leicht zu züchtenden und zu erhaltenden Schweinen und Hühnern eine ausreichende sein, zudem bietet der Ozean selbst durch seinen überaus großen Fischreichthum eine beliebige Abwechslung dar, und für keinen Kenner jener Koralleninseln kann ein Zweifel bestehen, daß dort nicht ausreichende gesunde Nahrungsmittel vorhanden sind. Anders freilich würde die Frage betreffs des guten Trinkwassers zu lösen sein, da das gefundene Grundwasser (durch Korallen filtrirtes Seewasser) auf die Dauer doch schädlich sein könnte, auch angelegte Cisternen in regenarmer Zeit nicht ausreichen möchten. Jedoch die Anlage von Condensatoren, die Seewasser in Süßwasser verwandeln, das auf großen Passagierschiffen fast ausnahmslos verwendet wird, würde jeden Bedarf decken.
Der berechtigte Einwand, den auf tiefer Kulturstufe stehenden Eingebornen sollte man nicht, um nicht das Ansehen der Europäer zu schädigen, den Transport gefangen gehaltener Weißer vor Augen führen, wird bei der Anlage einer Verbrecherstation auf den gedachten Inseln hinfällig. Denn wie erwähnt ist die Bevölkerung eine geringe und manche Korallen-Inseln sind fast unbewohnt auf denen aber nicht minder die Anlage von ausgedehnten Kokosplantagen möglich ist. Zieht man das Facit, so kann der Gedanke, auf einsamen Inseln der Marschall- resp. Browns-Gruppe Deportirte unterzubringen, durchaus nichts abschreckendes haben, zumal alle Vorbedingungen gegeben sind und neben der großen Entlastung der Zellengefängnisse käme der Vortheil dazu, daß mit einer verhältnißmäßig billigen Arbeitskraft ein Kulturwerk gefördert würde, das die Eingebornen niemals zu vollbringen im Stande sein werden; auf solche Weise der Werth der Marschall-Inseln für Deutschland ganz besonders gesteigert werden würde.
V. Reisen durch die Marschall- und Karolinengruppe.
Wie erwähnt, weisen sämmtliche Atolls der Marschall-Gruppe dieselbe Eigenthümlichkeit auf, nur in Form und Größe sind sie verschieden; auffallend aber ist, daß fast bei allen die Leeseite der Atolle, d. h. also die, welche dem schweren Anprall der Ozeanwogen, die der oft sehr starke Nordost-Passat an diese Gestade treibt, nicht ausgesetzt sind, größere Landmassen aufweisen, hingegen an der Luv, d. h. Nordostseite, nur dort sich Anhäufungen von Sand und kleine oder größere Inseln sich finden, wo die Koralle ein weites mächtiges Riff erbaut hat. Ich habe nachgewiesen, daß Korallen-Inseln allein nur durch losgelöste Rifftheile entstanden sind, naturgemäß also die Wind- oder Wetterseite zuerst solche aufweisen müßte, daß dies nun auf diesen Atolls weniger der Fall, liegt daran, daß der starke Wind den von den Wellen gebildeten Korallensand hinwegfegt, über die Lagunen treibt und eine Anhäufung an der Leeseite begünstigt. Deshalb sind auch, mit wenigen Ausnahmen alle Stationen und Ansiedelungen der Weißen dort angelegt, zumal da dort bequeme Zugänge zu den Lagunen sich befinden, theils für die Schiffahrt günstiger Ankergrund vorhanden ist.
Da die Lagunen eine ganz beträchtliche Ausdehnung haben, zwischen 5 bis 70 Seemeilen lang sind, wird es erklärlich, daß in den Einfahrten sowohl bei Fluth, als auch Ebbe, eine starke und unter Umständen sehr starke Strömung vorhanden ist. Die Einfahrten im Jaluit-Atoll und auch in anderen sind gewöhnlich, weil sie nur schmal, für ein Segelschiff nicht zu passiren, so lange der Strom mit großer Kraft ein- oder ausläuft; erst kurz vor oder nach eingetretenen Stillstand, d. h. wenn Fluth oder Ebbe wechselt, sucht man ein- oder auszulaufen; und am besten ist es, wenn Durchfahrten auch bei niedrigstem Wasserstand noch tief genug sind, mit steigendem Wasser dies zu unternehmen; man sieht dann die Riffe besser und läuft auch keine Gefahr, wenn das Schiff an oder auf einem Riffe festkommen sollte, sitzen zu bleiben.
Im Jaluit-Atoll wird meistens die zwischen den Inseln Jabor und Enübor befindliche Südost-Passage, als Einfahrt, und die von hier nach Südwesten, zwischen Ai und Medjerrurik, liegende Passage, als Ausfahrt benutzt, seltener die Nordost-Passagen. Gegen widrige Winde diese engen Fahrstraßen zu benutzen ist für ein größeres Schiff schier unmöglich, ich habe es mit einlaufendem Strome öfter versucht, nie aber gewagt ein großes Segelschiff auf diese Weise, wenn ich in Jaluit anwesend, und zeitweilig als Lootse thätig war, ein- oder auszubringen.
Sehr häßlich ist es, wenn zwischen zwei Inselspitzen der vorher starke Wind plötzlich abflaut, oder sogar für den Augenblick entgegengesetzt weht; hat dann das Schiff keine genügende Fahrt oder ist sogar Gegenstrom vorhanden, ist die Lage für einen Führer oder Lootsen geradezu peinlich. Für den Schiffsführer der aus der Südwest-Ausfahrt von Jaluit segeln will, bedarf es einer genauen Kenntniß der Oertlichkeit, vor allem namentlich am Nachmittage, wo er die Sonne recht voraus hat, die das Wasser wie eine Silberfluth erscheinen läßt.
Als ich einst beordert war eine Bark hier hinaus zu lootsen, wurde der Wind zwischen den Inseln Ai und Medjerrurik still, die Untersegel schlugen back, während die Oberbramsegel noch den vollen Wind hatten und das Schiff trieb dem nahen Riffe zu. Nichts war dagegen zu machen, da aber jede Zögerung die Gefahr vergrößerte, so gab ich kurz entschlossen die nöthigen Befehle. Die Raaen flogen an den Wind, die klar gehaltenen Boote rauschten ins Wasser und wurden schnell voraus gebracht, nachdem das Schiff mit Tauen an ihnen befestigt war, ruderten kräftige Seemannsfäuste aus Leibeskräften, um das steuerlose Schiff wieder in Fahrt zu bringen. Bald half der stoßweise umspringende Wind, bald hemmte er, doch ging es langsam vorwärts, bis die Brise wieder mit voller Kraft einfiel und es ermöglichte, das Schiff zu regieren.
Als ich mit meinem Boote zurückkehrte, hoffte ich die zehn Seemeilen weite Entfernung bis Jabor aufkreuzen zu können, da brach aber in einer Böe der Mast, und die zwei Mann im Boote konnten gegen Strom und Wind nicht vorwärts kommen. Nirgends war wegen der Riffe Land zu erreichen, so mußten wir ohne Wasser und Lebensmittel wachend die Nacht verbringen. Am nächsten Vormittage mußte irgendwo Land aufgesucht werden, wir landeten auch an einer unbewohnten Stelle, wo wir, nachdem meine Leute aufgefundene Kokospalmen erklettert hatten, Durst und Hunger an jungen Nüssen stillen konnten. Darnach als hiervon genügend Vorrath eingesammelt war, ruderten wir in heißer Sonnengluth längs der Riffe weiter, erreichten aber die Station erst in der frühen Morgenstunde des dritten Tages.
Die erste Reise im Marschall-Archipel hatte ich nach Ebon, Namorik, Kili u. a. zu unternehmen und besuchte auf dieser zuerst die kleinsten, aber auch fruchtbarsten Atolle. Die einzige Einfahrt in der Ebon-Lagune liegt an der Südwestseite zwischen den Inseln Juridi und Meidj, diese ist zwar tief, aber sehr schmal und ausgedehnte Riffpatschen nach innen machen diese sehr schwer zugänglich, dazu läuft ein wirbelnder Strom ein und aus, der einem Schiffe gefährlich werden kann, wenn dieser in voller Stärke einsetzt, ehe frei Wasser gewonnen ist.