Reisen durch die Inselwelt der Südsee
Part 17
Als dies gethan war, mußte Wind und Wellen anheimgegeben werden, was ihre Gewalt uns noch Schlimmes zufügen wollte. In all der Noth dieser Stunden, in dem verzweifelten Kampfe mit den Elementen, hatte keiner mehr darauf geachtet, daß eigentlich um eine sinkende Planke gerungen wurde, bis der Augenblick gekommen, wo wir uns wieder darauf besinnen konnten und das im Schiffsraum so unheimlich spülende Wasser uns an die Gefährlichkeit unserer Lage mahnte.
Mit beiden Pumpen, die jetzt Wasser warfen, wurde unablässig fortgepumpt, standen wir auch bis zum Halse im Wasser, drohten die Seen uns wegzuspülen, wir mußten ausharren und die letzten Kräfte einsetzen. Es war ungefähr 10 Uhr Abends geworden, rabenschwarze Nacht umgab uns, bei der Arbeit war der Nebenmann nicht zu sehen, nur fühlen oder durch Anruf konnte man sich überzeugen, ob keiner fehlte, da öffneten sich die Schleusen des Himmels, eine Regenfluth stürzte herab, wie solche kein Wolkenbruch furchtbarer ausgießen kann.
Waren wir aber nicht im Stande gewesen, uns Lichter anzuzünden, so leuchteten plötzlich, gleich einer magischen Erscheinung, solche an den Enden jeder Raa auf, flüchtig erscheinend und schwindend. Es waren die Elmsfeuer, die durch Ausgleichung entgegengesetzter Elektrizitäten entstehen. So lange der furchtbare Regen anhielt, zeigten diese sich bald einzeln, auch zu mehreren, nur sekundenlang waren sie auf allen Raaen zugleich sichtbar.
Eine wunderbare Wirkung übte aber der strömende Regen; die See, so wild und furchtbar, beruhigte sich sehr schnell, das Zischen der weißen Schaumkronen verstummte allmählich und gegen Mitternacht, da auch in gleicher Weise der Sturm sich gelegt, hoben nur noch langlaufende Wellen das Schiff auf ihren Rücken, es war, als wenn der im wildesten Aufruhr tobende Ozean wieder ruhig zu athmen begann. Der goldene Morgen kam, so freundlich grüßte die Sonne vom wolkenlosen azurblauen Himmelszelt hernieder, als hätte sie nichts vom Verzweiflungskampfe der Menschen mit den entfesselten Naturkräften gesehen. Fast hätte man aus diesem Frieden, der wieder über den breiten Ozean gebreitet lag, schließen mögen, daß jener heiße Kampf um das Leben, nur ein böser, schrecklicher Traum gewesen sei, wenn nicht jeder Blick über das arg zugerichtete Schiff das Gegentheil bewiesen hätte.
36 Stunden unausgesetzter, schwerer Arbeit waren hingegangen, als endlich das Wasser im Schiff, das durch den verwaschenen Ballast nicht zu den Pumpen gelangen konnte und mit Eimern ausgeschöpft werden mußte, bewältigt war und auch so viel Segel wieder gesetzt waren, daß das Schiff langsam mit wieder leichtem Ostwinde durch die Fluthen zog. Am 30. Januar 1888 erreichte ich wohlbehalten den Hafen von Apia.
Unverändert in der äußeren Erscheinung fluthete auf Samoa das Leben, nichts verrieth, welche Kämpfe in einem Zeitraum von zwei Jahren hier gewüthet hatten, welch' Parteizwist die Bevölkerung zu blutigen Kriegen verleitet hatte. König Maliatoa war entthront und verbannt, Tamasessi, König von Samoa, gegen den aber, als Schützling der Deutschen, die feindlich gesinnten Häuptlinge zu Felde zogen, deren großer Zahl dieser König auch erliegen mußte, für die deutsche Sache floß selbst das Blut der deutschen Marine-Matrosen, die im heldenhaften Kampfe der Uebermacht erliegen mußten!
Schlimmer aber als früher war der Konkurrenzneid entfacht, die Parole war „gegen die Deutschen“. Weigerte sich schon der Samoaner der betreffenden Behörde, damals der deutschen, die geringe Steuer zu zahlen, welche für den Kopf einen Dollar betrug, so war es um so bedauerlicher, wenn auch Weiße durch ihre Weigerung den Eingebornen zu noch größerem Widerstand aufreizten.
Eines Falles will ich nur Erwähnung thun: Im Frühjahr 1888 wurde von der damals deutschen Munizipalität einem in Apia ansässigen Franzosen, der jede Steuerzahlung verweigert, mehrere Kisten mit Getränken gepfändet und ihm in Folge dessen die Schankgerechtigkeit entzogen. Amerikaner und Engländer, die, wo es sich gegen Deutsche handelte, stets alles in Bewegung setzten, was nur irgend zu Schwierigkeiten führen konnte, hatten sich vorgenommen, am Tage der Versteigerung, die in den Räumen des deutschen Konsulats stattfinden sollte, einen Putsch zu veranstalten, der zu Thätlichkeiten führen sollte. Auch standen hinter ihnen eine Anzahl Halb-Samoaner, meistens Abkömmlinge von Engländern, eine Menschensorte, die alle Untugenden der Weißen und Eingebornen in sich vereinigt.
Diese löbliche Absicht war jedoch nicht geheim genug geblieben und so fanden sich am festgesetzten Tage der größte Theil der in Apia anwesenden Deutschen ebenfalls zur Versteigerung ein. Es war ein stilles Uebereinkommen unter allen, das bedrohte deutsche Ansehen zu schützen, auch, wenn nöthig, die Beamten vor Beleidigungen zu bewahren.
Doch die verhältnißmäßig große Zahl von Deutschen, die wir erschienen, sowie der strömende Tropenregen kühlten wunderbar schnell die Rauflust der Gegenpartei ab, die, weil in der Minderzahl, keine Bekanntschaft mehr mit den deutschen Fäusten zu machen wünschte und alles verlief zur vollsten Zufriedenheit. Daß bei einem Straßenkampfe vor dem deutschen Konsulat, der durch das Eingreifen der aufgehetzten Eingebornen große Ausdehnung annehmen konnte, die deutschen Kriegsschiffe im Hafen nicht unthätig bleiben würden, wußten wir, denn der angesammelte Groll war so groß, daß aus einer kleinen Reiberei sich schnell ein ernster Kampf entwickelt hätte.
Noch waren die Vorbereitungen, die „Futuna“ zur eingehensten Ausbesserung aufs Land zu holen, nicht beendet, als eines Tages Ende Februar die untrüglichen Anzeichen eines Orkans sich bemerkbar machten.
Blutroth stand die Sonne am Himmel, ihre Strahlen durchdrangen nicht mehr das dichte Dunstgebilde, immer drohender wurde die Luft, die, schließlich eine gelbe Dunstmasse bildend, den ganzen Horizont umzog.
Wie furchtbar frühere Orkane gewüthet hatten, davon zeugten an den Riffen die zahlreichen zerschmetterten Schiffskörper, die selbst von der furchtbaren See bis zum festen Lande geschleudert worden waren. Gefahr beim Ausbruch eines Wirbelsturms war hauptsächlich für die im Hafen liegenden Schiffe, unter denen sich die deutschen Kriegsschiffe „Olga“, „Adler“ und „Eber“ befanden und für die Sicherung dieser Fahrzeuge unterblieb wohl nichts, was in der Möglichkeit menschlichen Könnens lag.
Mein Schiff zu sichern, mit dem ich unter dem Schutze des vorspringenden Korallenriffes „Kap Horn“ lag, brachte ich vier Anker aus mit so viel Kette, als es der beschränkte Raum gestattete. Vor mir lag mit ihrem Heck, dem genannten Riffe zugekehrt, die „Olga“ und dampfte, als die einlaufende See immer höher und wilder wurde, gegen diese an zu dem Zwecke, ihre aufs Aeußerste angespannten Ankerketten zu entlasten.
Berge gleich rollte die See in den Hafen und es war ein großartiger, wenn auch wenig erhebender Anblick, die Schiffe mit der immer mehr zunehmenden See kämpfen zu sehen.
Furchtbar arbeitete die „Olga“; im Wellenthal, wenn zwischen meinem Schiffe und diesem ein Wasserberg heranrollte, der sich mit donnernder Gewalt auf dem Riffe brach, sah ich mitunter nichts weiter von dem Kriegsschiffe als dessen obere Masten und Marsraaen, so hoch, so gewaltig war die See. Wirbelnd, ohne Widerstand zu finden, raste die Schraube jedesmal in freier Luft, wenn der Bug des Schiffes tief hinabsank, das Heck dagegen von anlaufender See hochgehoben wurde.
Die in den Hafen aus nordöstlicher Richtung einlaufenden Wassermassen mußten naturgemäß sich einen Abfluß suchen und fanden diesen, einen wirbelnden Strom verursachend, unter Land nach der See zu auslaufend. Dieser Strom, oft so breit wie das ganze Riff und namentlich im kleinen Hafen sich verbreitend, hatte zur Folge, daß die in diesem liegenden Schiffe dessen ganzer Gewalt ausgesetzt waren und ein Spiel der See und des Stromes wurden.
Aengstlich wartete jeder auf den Ausbruch des Orkans; die wilde See kam bei vollständiger Windstille heran, aber so schwer und hoch, daß, hätte hinter dieser die Gewalt des Windes sich gesetzt, das Unglück jetzt schon eingetreten wäre, das ein Jahr später so vielen Schiffen verderblich geworden ist und hunderten deutscher Seeleute ein frühes Grab bereitete. Wo an diesem Tage die „Olga“ mit Erfolg der wilden See widerstand, sank 1889 der „Eber“ mit seiner ganzen braven Besatzung, von den Wogen hinabgerissen unter das hohle Riff, das selbst die Todten nicht zurückgab.
Ein Schiff nur widerstand der Gewalt der Seen nicht; im großen Hafen an jener Stelle, wo keine steinigen Riffe das Ufer umsäumen, wurde es hoch auf den Strand geworfen, es ist dies derselbe Ort, auf welchen 1889 die „Olga“, nachdem ihre Ankerketten zerrissen, von den Wogen geschleudert worden ist, der einzige Punkt, wo es möglich ist, ein gestrandetes Schiff wieder flott zu machen.
Die gefürchtete Nacht kam mit ihren Schrecken -- doch der erwartete Orkan blieb aus, wo dieser geweht, welche Inseln er mit seiner verheerenden Gewalt heimgesucht, wer konnte das sagen! Samoa verschonte er dieses Mal, um dafür ein Jahr später desto furchtbarer zu wüthen, mit seinem mächtigen Arme die stolzen Schiffe und ihre braven Besatzungen in den Grund, in den Tod zu wirbeln. --
Meine Absicht, die deutsche Heimath nach langer Abwesenheit wieder aufzusuchen, konnte erst im Monat Mai zur Ausführung gelangen und, da in Apia Mangel an Schiffsführern war, mußte ich die Aufsicht über die Ausbesserung der „Futuna“ aufgeben und mehrmals noch kürzere Fahrten nach Tutuila und anderen Orten unternehmen. Unter anderem hatte ich im Monat März nach den Tonga-Inseln zu segeln; als ich am 27. März im Hafen von Vavau „Neiafu“ zu Anker lag, lief dort ein englisches Segelschiff, von den australischen Kolonien kommend, ein, dieses brachte die Trauerkunde von dem Ableben unseres Heldenkaisers „Wilhelm des Großen“, der am 9. März seine irdische Laufbahn vollendet hatte.
Ich konnte diese Kunde nicht sofort nach Samoa bringen, weil ich erst nach den Keppels-Inseln, Niuatobutabu, segeln mußte, deshalb setzte das englische Schiff seine Fahrt nach Samoa fort.
Auf Niuatobutabu angelangt, senkte sich dort, sobald der Tod des deutschen Kaisers bekannt geworden, die Flagge des Königs Georg von Tonga, als Zeichen der Trauer für den ruhmgekrönten, edlen Herrscher. War doch sein Name und seine Thaten selbst diesem weltentlegenen Inselvolke nicht unbekannt geblieben; unter ihnen lebende Deutsche hatten in mancher Mußestunde den staunenden Eingebornen von dem mächtigen Volke erzählt, über das der große Kaiser geherrscht, das er zu großen Thaten, zu ungeahnter Höhe geführt.
So lange ich auf Niuatobutabu weilte, drei Tage, wehten die Trauerflaggen sowohl an Land wie an Bord des außen am Riffe in bewegter See verankerten Schiffes.
Auch diese Inseln sah ich zum letzten Mal. Nachdem ich Abschied genommen, segelte ich am dritten Tage in später Nachmittagsstunde weiter, jedoch frei von den Riffen, begann das Schiff durch die querlaufende See heftig zu rollen -- ich suchte westlich von Boskaven zu passiren, um nicht gegen Wind und See zu kreuzen, da ich hoffen konnte, den freien Ozean zu gewinnen ehe die Nacht hereinbrach.
Nachdem an Deck vorher alles gut zur Reise versichert war, ließ der Obersteuermann Goede noch die Pumpen ansetzen, ehe die Mannschaft, Niueleute, theils auf ihren Posten, theils zur Ruhe ging. Da plötzlich -- ich war in die Kajüte hinabgegangen die Papiere zu ordnen -- erscholl der Schreckensruf „Mann über Bord“ und an Deck springend, sah ich eine Schiffslänge hinter dem Schiffe den Obersteuermann noch auftauchen.
Mit starrem Blicke, in dem die Todesangst geschrieben, schaute er dem enteilenden Schiffe nach -- die nächste Woge bedeckte ihn und wir sahen nichts mehr. Eine Rettungsboje ergreifend und über Bord werfend, das Schiff in den Wind jagend, war das Werk weniger Sekunden -- so furchtbar vom starken Winde auch die Segel gepeitscht wurden, das Schiff stand und ging durch den Wind -- es mußte der Stelle zutreiben, wo der Steuermann zuletzt gesehen wurde.
Auf den Befehl „ein Ausguck in die Masten“ enterten vier eingeborene Passagiere auf, sie sahen die treibende Rettungsboje, aber nicht mehr den Steuermann. Das nächste war, das an Deck befestigte Boot über Bord zu setzen; ohne Rücksicht wurden die Befestigungen durchschnitten, das Boot nur vorne hoch gehißt, halb über die Verschanzung geschwungen, wurde dieses von der ganzen Besatzung an Deck hochgehoben und im gegebenen Augenblick mit aller Kraft in die unruhige See geworfen; mitunter bei schwerem Seegange die einzige Art ein Boot von der Schiffsseite freizuhalten, ehe es an dieser zerschlagen und unbrauchbar wird. Vier Mann sprangen mit kühnem Satze von der Regeling sogleich hinterher ins Boot, das, sobald die haltende lange Leine losgeworfen war, nach hinten trieb. Die Richtung, wohin die Leute, die in der hohen See nicht um sich sehen konnten -- das Boot war bald vom Schiffe aus nur hin und wieder sichtbar, wenn es hoch auf dem Kamm einer Woge tanzte -- zu rudern hatten, wurde von den Leuten in den Masten angegeben.
In drei Minuten war das Boot über Bord und bemannt, doch suchte dieses vergeblich in der hohen See hin und her, die Boje wurde gefunden aber der Steuermann war und blieb verschwunden. Wie furchtbar solch' ein Augenblick, weiß nur der, welcher einen Kameraden von seiner Seite in den jähen Tod gerissen sieht und doch nicht helfen, nicht retten kann!
Lange, bis zur schnell hereinbrechenden Dunkelheit, trieb ich mit dem Schiffe umher, dem Boote folgend, das vom Schiffe aus geleitet, immer größere Kreise zog, in der eitlen Hoffnung, es könnte doch noch etwas vom Steuermann gesehen werden, obgleich ich wußte, daß alles längst vorbei war; hatte der Verunglückte mir doch selbst gesagt, er könne nicht schwimmen und wenn auch, in solcher See wäre die Kraft des besten Schwimmers bald erlahmt.
Erst als alles nutzlos war, als die Nacht hereinbrach und die Mannschaft im Boote äußerst ermüdet sein mußte, nahm ich dieses wieder auf und jetzt die nördliche Durchfahrt wegen dort liegender unbekannter Riffe nicht mehr als sicher ansehend, kreuzte ich die ganze Nacht zwischen Boskaven und den gefährlichen Riffen von Niuatobutabu, um den freien Ozean zu gewinnen.
Nach Aussage der Mannschaft wollte der Steuermann, nachdem das Pumpen beendet, nach dem Hinterdeck gehen, das Schiff schwer rollend, habe er jeden Halt auf dem freien Deck verloren und sei, mit voller Wucht gegen die Verschanzung fahrend, über diese hinweggestürzt, eine schnell geworfene Leine ergriff er nicht mehr. So fand er den Seemannstod, im weiten Ozean ein stilles, unbekanntes Grab, die donnernde Woge sang ihm hier sein letztes Schlummerlied. --