Reisebilder und verschiedene Skizzen
Part 20
»Höre Pa ...« sagte ich und nahm meinen Schwiegervater beiseite. »Bei dir ist’s wohl nicht richtig, daß du solch ’ne Wohnung für mich nimmst.«
»Weshalb, mein Junge?« fragte er und machte das ehrlichste Spitzbubengesicht von der Welt.
»Teufel, weil das Ding Geld kostet, sicherlich heidenmäßig viel Geld, und ich keins habe! Wenigstens nicht genug. Kannst du mir keins pumpen?«
Da aber lachte er auf. »Nein, mein Junge; aber laß dir kein graues Haar wachsen, fürs erste werde schon ich dafür sorgen.«
»Na, wenn’s so ist, meinetwegen.«
Und ich nahm mein Weibchen unter den Arm und zeigte ihr all die schönen Räume, die ich für sie gemietet hatte, mit dem stolzen Bewußtsein meiner Splendidität.
»Aber das ist ja viel zu schön,« sagte sie bewundernd.
Ich aber entgegnete stolz: »O für dich, mein Kind, ist mir nichts zu teuer.«
Meine Freunde indessen, und es kamen deren immer mehr, denn hinter jeder Gardine, hinter jedem Schrank steckte einer, hatten sich’s bequem gemacht, und schickten sich an, das Bankett hier erneuern zu wollen. Vergeblich erklärte ich, daß sich das wahrhaftig nicht schicke. Sie möchten jetzt ’mal gehen und uns allein lassen. Sie lachten aber nur, und mein Schwiegerpapa -- lachte auch. Was blieb zu thun?
Ich warf kurz entschlossen einen nach dem andern hübsch sachte und freundlich zur Thür hinaus, meinen Schwiegerpapa und Frau Johnson mit inbegriffen; dann schloß ich zu -- sah noch unter jedes Möbelstück, ob nicht doch noch ein oder der andere Freund drunter stecken geblieben wäre und atmete auf.
Nichts, gar nichts. Wir waren allein. Endlich allein!
Ich schloß mein Weibchen in die Arme und hob es dann jubelnd in die Höhe, in demselben Augenblicke aber ließ ich sie ziemlich unsanft fallen -- denn was war das? Dort auf dem Tischchen lag eine Urkunde. Ich trat hin.
Es war eine Schenkungsurkunde, auf Grund deren mir mein Schwiegerpapa das ganze Haus, in dem ich wohnte, samt dessen Einrichtung zum Geschenk machte!! --
Ich muß dabei ein unglaublich dummes Gesicht gemacht haben, denn mein Weibchen lachte und lachte, daß ihr die Thränen in die Augen traten. Dann aber zog sie mich am Arme zum Fenster hin.
»Da sieh hin,« sagte sie und wies auf das Haus gegenüber.
Hol’ mich der Teufel, -- das Haus, das Haus da gegenüber war wahrhaftig -- das Haus meines Schwiegervaters. Mein Haus und sein Haus lagen einander querüber und um hierher zu gelangen, waren wir drei Stunden immer in der Runde herumgefahren, und das -- in der Hochzeitsnacht!
Na -- wenn man mit solch einem Schwiegervater nicht Humorist werden soll, dann wird man es nie und nimmermehr!« --
Im Herbst 1870 gab Clemens seine Stellung in Buffalo auf und zog nach Hartford in Connecticut. Er war jetzt ein wohlhabender Mann, denn die ›Harmlosen auf Reisen‹ brachten ihm bedeutende Summen ein und auch das Vermögen seiner Frau war nicht unbeträchtlich. 1871 erschien ein neues Buch von ihm, ›~Roughing it~‹, in welchem er mit köstlichem Humor sein abenteuerliches Leben unter den Goldgräbern schildert. Das Werk fand großen Beifall, was der Verfasser in seiner humoristischen Weise besonders der anregenden Wirkung des Tabaks zuschreibt. »Von meinem achten Jahre an,« berichtet er, »begann ich unmäßig zu rauchen, monatlich etwa hundert Zigarren; als ich zwanzig Jahre alt war, verbrauchte ich zweihundert den Monat und mit dreißig Jahren hatte ich es bis dreihundert gebracht. In meinem fünfzehnten Jahre rauchte ich einmal drei Monate lang gar nicht, ob das aber eine gute oder schlechte Wirkung hatte, erinnere ich mich nicht mehr. Mit zweiundzwanzig Jahren wiederholte ich den Versuch; mit vierunddreißig hörte ich anderthalb Jahre lang ganz auf zu rauchen. Meine Gesundheit wurde nicht besser davon, wahrscheinlich, weil an derselben überhaupt nichts auszusetzen war. Damals schrieb ich nur zum Zeitvertreib dann und wann einen Journalartikel und eine Abnahme meiner Geisteskräfte war mir nicht gerade aufgefallen. Als ich mich nun aber eines Tages daran machte, laut abgeschlossenen Vertrags für einen Verleger ein Buch zu schreiben -- nämlich ›~Roughing it~‹[13] -- da fühlte ich, wie schwer es mir wurde. In drei Wochen brachte ich nur sechs Kapitel fertig. Nun wußte ich, was die Glocke geschlagen hatte; ich gab den Kampf auf, rauchte wieder meine dreihundert Zigarren, verbrannte die sechs Kapitel und beendete das ganze Buch mit Leichtigkeit in drei Monaten.«
[13] In unserer Ausgabe betitelt: »Nach dem fernen Westen« und: »Im Gold- und Silberlande.« (Band 4 und 5 der humoristischen Schriften.)
Fünftes Kapitel.
Mark Twains spätere Werke.
Im Jahre 1872 unternahm Mark Twain eine Reise nach Europa, um mit dortigen Verlegern über die Herausgabe seiner Bücher zu unterhandeln. In England war er schon wohlbekannt und ein willkommener Gast. Er erzählt uns von einem Festmahl in London, zu welchem acht- bis neunhundert Personen Einladungen erhalten hatten und dem er auch beiwohnte. Bei Beginn des Festes wurden die Namen sämtlicher Berühmtheiten verlesen, welche anwesend waren, wobei die Versammlung jeden einzelnen mit mehr oder weniger Beifall begrüßte. Dies fand Mark Twain auf die Dauer ermüdend und er fing an, sich mit seinem Tischnachbar zu unterhalten, bis plötzlich ein wahrhaft betäubender Beifallssturm das Gespräch unterbrach. Von der allgemeinen Begeisterung mit fortgerissen, begann auch er aus Leibeskräften zu klatschen. »Wem gilt denn das?« fragte er endlich verwundert, als sich der Lärm noch immer nicht legen wollte. »Herrn Samuel Clemens,« war die Antwort. Das überwältigte ihn so sehr, daß er die Arme sinken ließ, regungslos sitzen blieb und sich in seiner Verwirrung nicht einmal dankend verbeugte.
Als ›Tom Sawyer‹ 1876 erschien, erreichte Mark Twain den Gipfel seines Ruhms. Das Buch fand ungeheuern Absatz; in kürzester Frist war immer eine Auflage nach der andern vergriffen. Im folgenden Jahre kam das ›Skizzenbuch‹ heraus, eine Sammlung humoristischer Erzählungen und Aufsätze, die der Verfasser gelegentlich in verschiedenen Zeitungsblättern veröffentlicht hatte. Es zeugt von seiner großen Vielseitigkeit und manche Liebhaber Mark Twains geben diesen kleinen Stücken den Vorzug vor seinen größeren Schöpfungen.
Die Reise, welche Mark Twain im Frühling 1878 mit seiner Familie nach Europa machte, lieferte ihm den Stoff für sein berühmtes Buch: ›~A Tramp Abroad~‹. Der Weg führte ihn durch England, Frankreich und die Schweiz nach Deutschland, wo er sich für den Sommer niederließ und eingehende Studien über Sprache, Sitten, Lebensgewohnheiten und Vergnügungen der Deutschen anstellte. Wir lernen in diesem Buch eine ganz neue und unterhaltende Persönlichkeit kennen, nämlich Twains Reisegefährten Harris, der bald Führer, bald Kurier ist, sich zur Zielscheibe vieler Späße hergeben muß und in allerlei Verlegenheiten gerät. Zu einer wörtlichen und vollständigen Wiedergabe im Deutschen eignet sich ›~A Tramp Abroad~‹ nicht, dagegen sind die vorzüglichsten Episoden daraus unserer Auswahl im gegenwärtigen Bande einverleibt.
Nach Amerika zurückgekehrt, gab Mark Twain den ›Gestohlenen weißen Elefanten‹ heraus. In diesem Band findet sich auch das berühmte: ›Brüder, knipst ein!‹ dessen Ursprung auf eine Einrichtung zurückzuführen ist, die damals versuchsweise in der New Yorker Stadtbahn getroffen wurde. Sie bestand in einer Art gegenseitiger Kontrole für Schaffner und Reisende; die betreffende Verfügung der Direktion wurde in den Koupees angeschlagen; sie war zufällig so abgefaßt, daß sie sich von selbst zu reimen schien und eine Art Gassenhauer bildete, der bald in aller Munde war. Mark Twain hat diesen Umstand aufs trefflichste benützt, um seinen Witz auszulassen.
Im Jahre 1883 erschien das ›Leben auf dem Mississippi‹, welches ein bedeutendes Bruchstück aus dem eigenen Leben des Verfassers enthält. Im ersten Teil desselben schildert er aufs anschaulichste seine Thätigkeit als Lotse auf einem Dampfer des Riesenstromes, während er im zweiten Teil bei den Veränderungen verweilt, die sich seit dem Bürgerkriege auf dem Mississippi und an dessen Ufern vollzogen haben.
Eine Erzählung ganz eigener Art, mit der Mark Twain selbst seine genauesten Freunde überraschte, ›Prinz und Bettelknabe‹ folgte 1885. Es kann nicht eigentlich unter die humoristischen Schriften zählen, verrät vielmehr die eingehendsten und genauesten Kenntnisse der Zustände Altenglands, die nur als Frucht ausgedehnter Geschichts- und Sprachstudien gewonnen werden konnten.
In ›Huckleberry Finn‹, der Fortsetzung und dem Seitenstück von ›Tom Sawyer‹, das 1886 veröffentlicht wurde, bot der Verfasser seinem Publikum eine hochwillkommene Gabe. Sie berichtet die weiteren Erlebnisse Tom Sawyers und seines Freundes Huckleberry und macht den Leser mit einer Menge neuer Charaktere bekannt, die durch ihre Frische und Eigenartigkeit ungewöhnlich anziehend sind.
Ferner hat Mark Twain geschrieben: ›Der amerikanische Prätendent‹, -- ›Ein Yankee an dem Hofe König Arthurs‹, -- ›Die Jungfrau von Orleans‹. Die erste dieser Erzählungen erschien zwar in deutscher Uebersetzung, bleibt jedoch hinter anderen humoristischen Schöpfungen des Autors zurück. Die beiden anderen Erzählungen verraten gleich dem früher erwähnten ›Prinz und Bettelknabe‹, daß Mark Twain sehr eingehende Studien der altenglischen und altfranzösischen Geschichte getrieben hat; sie liegen jedoch nach Stoff und Behandlung einem deutschen Leserkreis fern; sein Werk über die ›Jungfrau von Orleans‹ ist übrigens durchaus ernster Art. Dagegen zeigt er in seiner Erzählung ›Querkopf Wilson‹ (in deutscher Uebersetzung 1898 im Verlag von Rob. Lutz in besonderer Ausgabe erschienen) wiederum den Humor seiner besten Zeit, ja manche Kritiker schätzen ›Querkopf Wilson‹ als eine der genialsten Gaben des Autors. Die Erzählung spielt in den dreißiger Jahren in einem der damaligen Sklavenstaaten am Mississippi und er hat in ihr den Typus einer Negermutter geschaffen, der in seiner tragi-komischen Gestaltung kaum wirkungsvoller dargestellt werden könnte. Der eigentliche Held der Erzählung ›Querkopf Wilson‹ ist ein Sonderling, dem Mark Twain durch eine Reihe von Sprüchen, die im ›Kalender Wilsons‹ enthalten sind, einen Teil seiner eigenen Lebensweisheit in den Mund gelegt hat. -- Von seinem allerneuesten Werk: der ›Reise um die Welt‹ wird später die Rede sein.
Von Mark Twain’s Büchern sind in Amerika über eine Million Exemplare verkauft worden und ungefähr halb so viele in England und den Kolonieen; auch wurden die meisten seiner Werke ins Französische, Italienische, Deutsche, Norwegische und Dänische übertragen.
In Deutschland waren Mark Twains Schriften vor Erscheinen der vorliegenden Ausgabe wenig verbreitet. Erst durch diese, welche den schwer zu verdeutschenden Autor in einer allen Anforderungen entsprechenden guten Uebersetzung zu billigem Preis bringt, und zwar durch Auswahl des Allerbesten und für Deutschland Passendsten, hat Mark Twain in Deutschland eine noch immer im Wachsen begriffene Volkstümlichkeit erlangt.
Sechstes Kapitel.
Oeffentliche Vorlesungen.
Von vielen Seiten aufgefordert, vereinigten sich Mark Twain und George W. Cable im Jahre 1884 zu einer Rundreise durch die Vereinigten Staaten, um Vorlesungen aus ihren eigenen Werken zu halten. Ueberall, wohin die beiden Schriftsteller kamen, wurden sie mit Freuden aufgenommen und fanden volle Häuser. Wie wir bereits wissen, war für Mark Twain ein solches öffentliches Auftreten nichts Neues; schon 1866 und 1867 hatte er in Nevada und Kalifornien eine Reihe von Vorlesungen gehalten, sich auch bei verschiedenen Gelegenheiten in England vor einem größeren Publikum hören lassen. Sehr beliebt war er auch als Tischredner bei Festessen, seine Toaste in Boston und New York hatten Aufsehen erregt, auch seine Shakespearevorlesungen rühmte man als meisterhaft.
Die obenerwähnte Vorlesungstour dauerte fünf Monate und es trug sich manches Spaßhafte dabei zu. Als Clemens und Cable nach Albany, der Hauptstadt des Staates New York, kamen, machten sie dort in Gesellschaft mehrerer anderer Herren dem Gouverneur ihre Aufwartung und wollten auch das Kapitol besuchen. Der Generaladjutant war ausgegangen und sie mußten im Bureau auf seine Rückkehr warten. Clemens ließ sich behaglich an einem der Schreibtische nieder, die andern Herren setzten sich gleichfalls und bald war eine heitere Unterhaltung im Gange. Da kamen plötzlich von allen Seiten wohl ein Dutzend Schreiber und Beamte, die in der Abteilung beschäftigt waren, ins Bureau gestürzt, um nach ihrem Begehr zu fragen. Die Mitglieder der Gesellschaft sahen einander verwundert an, sie begriffen nicht, um was es sich handeln könne. Bald jedoch stellte sich heraus, daß Mark Twain zufällig oder absichtlich auf den elektrischen Klingeln Platz genommen und die ganze Reihe auf einmal in Bewegung gesetzt hatte.
In Montreal befanden sich unter Mark Twains Zuhörern viele Franzosen; dies veranlaßte ihn zu folgender Anrede:
»Die hier anwesenden Gäste sind der größten Anzahl nach Franzosen; es wird daher wohl angemessen sein, daß ich wenigstens einen Teil meiner Rede in ihrer schönen Sprache halte, um doch einigermaßen verstanden zu werden. Mich überfällt immer eine gewisse Blödigkeit, wenn ich französisch sprechen soll; nur wenn ich in Aufregung gerate, geht es fließend. Auch bin ich, soviel ich weiß, noch nie für einen Franzosen gehalten worden, wenigstens nicht von Menschen, höchstens von Pferden. Ich hatte früher gehofft, mich durch den französischen _Satzbau_ allein schon verständlich machen zu können, aber, der Versuch, welchen ich einmal in Quebec damit anstellte, mißlang gänzlich. Als das Dienstmädchen mir öffnete, fragte ich: ›Herr Soundso, ist er bei sich?‹ -- Sie verstand mich nicht. Ich fuhr fort: ›Ist es, daß er noch nicht ist zurückgekehrt nach seinem Haus der Geschäfte?‹ -- Sie begriff mich noch immer nicht. ›Er wird sein trostlos, wenn er hört, daß sein Freund Amerikaner ist angekommen und er nicht bei sich, ihm zu schütteln die Hand.‹ Selbst das verstand sie nicht -- weshalb, ist mir unbegreiflich. Ja, sie wurde sogar ärgerlich und als ihr jemand von hinten zurief: ›Wer ist denn da?‹ erwiderte sie kurz: ›Ein Narr!‹ und schlug mir die Thür vor der Nase zu. -- Vielleicht hatte sie nicht unrecht; aber wie konnte sie es wissen -- sie sah mich doch zum allererstenmal! -- Wie gesagt, ich möchte bei diesem Vortrag meinen Gefühlen gern auf Französisch Luft machen, aber ganz schmucklos, ohne alle blumigen Redensarten, denn nach meiner Meinung ist edle Einfachheit die größte Zierde jedes litterarischen Erzeugnisses! also: ~J’ai un beau bouton de mon oncle, mais je n’ai pas celui du charpentier. Si vous avez le fromage du brave menuisier, c’est bon; mais si vous ne l’avez pas, ne vous désolez pas, prenez le chapeau de drap noir de son beau-frère malade. Tout à l’heure! Savoir faire! Qu’est ce que vous dites? Pâté de foie gras. Revenons à nos moutons. Pardon messieurs, pardonnez moi; j’ai essayé de parler la belle langue d’Ollendorf~, aber das macht mir mehr Mühe als Sie sich vorstellen können. Glauben Sie mir, ich habe es in bester Absicht gethan und so gut ich irgend konnte.« -- Von seinen bekanntesten Tischreden erwähnen wir nur einen Toast auf das ›Weib‹. Er sagte dabei unter anderem folgendes:
»Die Tochter der modernen Zivilisation ist das kostbarste und auserlesenste Wunder, das uns je vorgekommen ist. Um sie zu erzeugen, müssen alle Länder, alle Zonen, alle Künste ihren Beitrag liefern: Ihr Weißzeug ist aus Belfast, ihr Kleid aus Paris, ihr Fächer aus Japan, ihr Bouquethalter aus China, ihre Uhr aus Genf, ihr Haar aus -- ja, wo ihr Haar her ist, habe ich nie ausfindig machen können. Ich meine natürlich nicht ihr gewöhnliches Haar, mit dem sie zu Bette geht, sondern ihr Sonntagshaar, das Ding, das sie zusammendreht und dann immer rund um den Kopf wickelt wie einen Bienenkorb, unter dem sie zuletzt das Ende verschwinden läßt ...«
* * * * *
Bald nachdem Clemens wieder nach Hartford zurückgekehrt war, suchte ihn dort ein angesehener Verleger auf, der von ihm einen litterarischen Beitrag zu haben wünschte und sich erbot, jeden Preis dafür zu zahlen, den der Humorist fordern würde.
»Wissen Sie,« erwiderte ihm Mark Twain in seiner schleppenden Weise, »eben erst habe ich mir ein schauderhaft dickes Buch vom Halse geschrieben und den Bewohnern dieses unglücklichen Landes eine endlose Reihe Vorlesungen auf den Hals gejagt; mir ist zu Mute wie einer Riesenschlange, die einen Ziegenbock verschluckt hat. Ich muß wenigstens ein halbes Jahr still liegen, ohne auch nur den Schwanz zu rühren.«
Das sollte seine abschlägige Antwort bedeuten.
Siebentes Kapitel.
Mark Twain daheim.
Als Clemens 1871 den Entschluß faßte, Buffalo zu verlassen und seinen dauernden Wohnsitz im Osten zu nehmen, wählte er, wie bereits erwähnt, Hartford in Connecticut. Die Stadt hatte ihm bei einem früheren Besuche gleich ausnehmend gefallen, da sie regen geistigen Verkehr und lebhaften Handel und Wandel mit ländlicher Zurückgezogenheit zu vereinigen schien.
In Nook Farm auf der Farmington Avenue, etwa fünfviertel Meilen von der Geschäftsgegend der Stadt entfernt, baute er sich ganz nach eigenem Geschmack ein geräumiges Wohnhaus aus verschiedenfarbigen Backsteinen und buntem Mörtel, welches mit seinen Giebeln, Bogenwölbungen und altertümlichen Fenstern einem jener altadeligen Herrenhäuser nicht unähnlich sieht, an welchen England so reich ist.
Von Mark Twains glücklichem Leben in den siebenziger und achtziger Jahren hat ein Hausfreund ein anziehendes Bild entworfen. Er schreibt:
An Mitteln, sein Besitztum zu vergrößern und zu verschönern, hat es Mark Twain nicht gefehlt, seit er mit seiner jungen Frau in Hartford Einzug gehalten hat. Alles, was die Neuzeit durch Kunst und Erfindung zur Annehmlichkeit des Lebens beitragen kann, findet sich in ihrem Heim reichlich vertreten.
Mark Twains Arbeitszimmer ist im obern Stock und bietet eine herrliche Aussicht, die man am besten von einem der drei Balkons genießt, welche an das Zimmer stoßen. In einer Ecke steht der Schreibtisch und in der Mitte des Raumes das Billard, auf dem der Hausherr gern von Zeit zu Zeit ein paar kunstgerechte Stöße thut, wenn er sich vom Schriftstellern erholen will. Es ist sein Lieblingsspiel, das er mit ebenso viel Eifer als Geschicklichkeit betreibt. Ein Freund erzählt von ihm, er habe einmal mitten in der Partie bemerkt, daß Funken, die aus dem Kamin gesprungen waren, einen Haufen loser Papiere auf dem Boden entzündet hatten und eine Feuersbrunst zu befürchten stand. Statt das Spiel zu unterbrechen, klingelte er nach dem Diener, befahl diesem, den Brand zu löschen und that zugleich einen wahren Meisterstoß mit dem Queue, das er in der Hand hielt. Mark Twain gerät nie in Aufregung.
Das Jahr zerfällt für ihn in zwei Teile. Vom 1. Juni bis Mitte September lebt er auf der Besitzung von Verwandten seiner Frau, in Quarry Farm bei Elmira im Staate New York. Hier ist für ihn ein Sommerhaus errichtet worden, das auf einer Bergspitze, sechshundert Fuß über dem Thalgrund, steht. Das Gebäude ist fast durchweg aus Glas und zwar nach dem Muster der Lotsenbehausung auf einem Mississippidampfer gebaut. Von allem Verkehr mit der Außenwelt abgeschlossen, beschäftigt sich Clemens hier hauptsächlich mit seinen schriftstellerischen Arbeiten. Jeden Morgen um halb neun begiebt er sich in seine luftige Schreibstube, die etwas abseits vom Hause liegt, und bleibt dort, bis das Blasen eines Horns ihn ungefähr um fünf Uhr zu Tische ruft. Dazwischen nimmt er keine Mahlzeit ein und es herrscht strenge Weisung, ihn während seiner Arbeitszeit nicht zu stören. Sein einziger Genuß währenddem ist seine Zigarre. Wie bekannt, ist er ein leidenschaftlicher Raucher und läßt die Zigarre selten ausgehen. Bei der Arbeit ist sie ihm geradezu unentbehrlich, da er ohne sie nichts von Belang zustande bringt. Auf Reisen nimmt er immer seine eigene Sorte mit, auch eine Auswahl der kurzen Pfeifen, an die er gewöhnt ist, und einen Vorrat Tabak. Ein Herr, der ihn bei seiner letzten Ueberfahrt nach Frankreich auf dem Dampfer traf, erzählt scherzend, er sei stets mit einem ungeheuern Tabakspaket und einer Anzahl Zigarrenschachteln auf Deck gekommen, da er die Sorge für diesen Teil seines Gepäcks keiner Menschenseele anvertrauen wollte. Wenn er sich eine frische Zigarre anzündete, so habe er unterdessen das Tabakspaket auf den Boden gelegt und mit dem Fuße festgehalten, damit es ihm niemand entwenden konnte.
Er ist übrigens beständig auf der Jagd nach einer Zigarre, die in Bezug auf Preis und Güte alle seine Ansprüche befriedigt. Einmal glaubte er die Sorte gefunden zu haben, die er suchte, und man sagt, daß nach einer Abendgesellschaft, die er im Winter bei sich in Hartford gab, jeder seiner Gäste sich vor dem Fortgehen eine von diesen Zigarren anzünden mußte. Am andern Morgen fand er sie sämtlich auf dem Schnee liegen, neben dem Fußpfad, der durch seine Wiese führt. Die Herren hatten sie alle aus Höflichkeit geraucht, bis sie im Freien waren, wo ihr Selbsterhaltungstrieb über die Höflichkeit siegte. Sie warfen die Zigarren fort, ohne zu bedenken, daß man sie bei Tageslicht finden werde. Durch die Entdeckung, welche der nächste Morgen brachte, war das Urteil über die neue Sorte ein für allemal gesprochen.
In Elmira arbeitet Clemens angestrengt. Er stellt da die Aufzeichnungen, die er das Jahr über in seinen Notizbüchern gemacht hat, zu einem Ganzen zusammen, beendet angefangene Arbeiten und giebt dem, was nur Entwurf war, seine endgültige Form. Es liegt übrigens nicht in seiner Art, bei einer schriftstellerischen Unternehmung zu bleiben und sie zu Ende zu führen, ehe er etwas Neues beginnt, sondern er hat immer eine Anzahl Pläne zugleich vor und arbeitet daran je nach Stimmung.
Außer seiner Leidenschaft für das Billard hat Mark Twain auch eine große Vorliebe für das Velociped. Er hält sich zwar in Hartford Wagen und Pferde, macht aber am liebsten große Ausflüge auf dem Zweirad. Auch ist er ein unermüdlicher Fußgänger; sein Freund, der Prediger an der Hartforder Kirche, welche Clemens regelmäßig besucht, begleitet ihn gewöhnlich auf seinen weiten Spaziergängen.
Führt Clemens in Elmira ein meist zurückgezogenes Leben, so ist dagegen sein Tageslauf in Hartford, wohin er im September zurückkehrt, voll Abwechslung und Unterhaltung. Hier hält er seine Zeit weniger streng zu Rate und überläßt sich ungehindert den Freuden des geselligen Verkehrs. Er bewirtet viele Freunde und sein gastfreies Haus bildet einen Mittelpunkt für die litterarische Welt. Howells, der ausgezeichnete Novellist, verkehrt fleißig bei ihm, wie früher Bayard Taylor, Cable, Aldrich, Henry Irving und viele andere Berühmtheiten bei ihm zu Gaste gewesen sind; der Humorist Dudley Warner und die bekannte Harriet Beecher-Stowe wohnen ganz in seiner Nähe. Man sagt, daß er einmal, als er der Verfasserin von ›Onkel Toms Hütte‹ einen Besuch machte, in seiner Zerstreutheit vergessen hatte, Kragen und Krawatte anzulegen. Bei seiner Heimkehr bemerkte seine Gemahlin mit Schrecken, welchen gesellschaftlichen Verstoß er begangen habe; Mark Twain blieb jedoch höchst gelassen und sagte, er wolle es schon wieder gut machen. Er legte nun den Kragen nebst der Krawatte in eine Schachtel und schickte beides zu Frau Stowe hinüber.