Reisebilder und verschiedene Skizzen

Part 19

Chapter 193,663 wordsPublic domain

»Er galt,« berichtet Stebbins, »für einen unverbesserlichen Raucher, und seine Pfeife, die er kaum je aus dem Munde nahm, verbreitete einen so schauderhaften Geruch, daß wir Drucker, obgleich sonst nicht allzu heikel in solchen Dingen, sie nur den ›Leichnam‹ nannten. Wir berieten hin und her, wie man den ›Leichnam‹ aus dem Wege schaffen könne, doch trugen wir Bedenken, unsern Zerstörungsplan auszuführen, denn es hieß, die Pfeife sei nicht nur an sich sehr wertvoll, sondern auch ein liebes Andenken. Endlich kamen wir überein, Clemens eine neue Pfeife zu verehren, doch wollten wir uns zugleich für alle Leiden, die wir des ›Leichnams‹ wegen ausgestanden, schadlos halten und dem Herrn Redakteur einen Streich spielen. Wir durchsuchten die ganze Stadt, um die billigste Pfeife aufzutreiben, die jedoch abends bei Licht den Eindruck eines kostbaren Stückes machte, und fanden endlich eine, -- für dreißig Cents, wenn ich nicht irre. Zur Nachtzeit, als unser Blatt gedruckt war, kamen wir in feierlichem Zuge in das Bureau gegangen und überreichten Clemens die Pfeife. Es geschah alles mit der größten Förmlichkeit. Einer aus unserer Mitte hielt eine höchst rührende Ansprache; er schilderte den mühevollen Beruf des Journalisten und seine saure Arbeit die lange Nacht hindurch, während alle Welt in friedlichem Schlummer liege; ließ verschiedene poetische Anspielungen auf den Tabak einfließen, durch den die erschlaffte Gehirnthätigkeit neue Spannkraft und die so nötige Erholung finde; kam dann auf die warme Freundschaft zu reden, welche zwischen der Druckerei und der Schreibstube bestehe und sprach die Hoffnung aus, daß nichts je imstande sein möchte, dies feste Band zu lockern. Schließlich händigte er ihm das kostbare Geschenk ein, wischte sich gerührt die Augen und setzte sich.

»Clemens hatte Mühe, seine Fassung zu bewahren, doch ermannte er sich und dankte uns mit großer Herzlichkeit. Die schöne Gabe seiner Mitarbeiter, sagte er, mache ihm innige Freude und werde ihn stets an eine glückliche Zeit erinnern. Zwar sei ihm die alte Pfeife lange eine treue Gefährtin und Trösterin in einsamen Stunden gewesen, aber, dies werte Geschenk aus Freundeshand mache ihm den Abschied von ihr leicht. Zum Schluß warf er, wie um seine Rede zu besiegeln, das alte, übelriechende Ding aus dem Fenster. Wir folgten nun seiner Einladung, mit ihm ins Gasthaus zu kommen, aber bei dem Gedanken, wie greulich wir ihn beschwindelt hatten, fühlten wir Gewissensbisse über jeden Dollar, den er ausgab.

»Gleich am nächsten Abend, als Clemens rauchen wollte, platzte unglücklicherweise sein neuer Pfeifenkopf mitten auseinander. Wir hörten ihn in der Schreibstube vor sich hin brummen und schauten durch ein Loch in der Wand, welches er zu benutzen pflegte, um seine Manuskripte uns zuzuschieben; er klopfte gerade die Asche von seinen Kleidern und vom Schreibpult ab und murmelte dabei einige leise, aber sehr ausdrucksvolle Verwünschungen. Zu uns sagte er kein Wort über den Unfall, doch mochte ihm wohl nachträglich ein Licht aufgegangen sein; wir verhielten uns natürlich mäuschenstill. Als er am folgenden Abend wie gewöhnlich im Bureau erschien, rauchte er zu unserm nicht geringen Schrecken wieder den ›Leichnam‹, als sei nichts vorgefallen. Er hatte ihn nach einigem Suchen im Hof unversehrt wiedergefunden.« --

* * * * *

Von Virginia City aus führte Mark Twains Weg naturgemäß nach San Francisco, dem Zufluchtsort aller Abenteurer der Westküste. Er litt damals an fortwährendem Geldmangel und ging, um Arbeit zu suchen, gleich nach seiner Ankunft auf das Bureau des ›Morning Call‹, einer Zeitung, für die er schon in Nevada verschiedene Artikel geschrieben hatte. Sein Anzug bestand aus einem abgeschabten Filzhut, einem blauen Soldatenmantel und Beinkleidern, die nur bis zu den Stiefelschäften reichten. George Barnes, der Redakteur, empfing ihn freundlich, forderte ihn auf, gleich am nächsten Tage mit der Arbeit zu beginnen und händigte ihm eine Anweisung auf die Geschäftskasse ein, damit er sich anständige Kleider verschaffe.

Die Beschäftigung muß Mark Twain jedoch wenig behagt haben. Stadtneuigkeiten und Polizeiberichte zu schreiben, war nicht nach seinem Geschmack. Wenn er irgend konnte, mied er es, den Verhandlungen auf dem Rathause beizuwohnen, und das Journal hatte wenig Nutzen von der Mitarbeiterschaft des unstäten, saumseligen Berichterstatters. Er selbst fühlte sich nicht an seinem Platz. So war er es denn wohlzufrieden, als ihm Barnes, dem zuletzt die Geduld riß, vorschlug, sich eine andere Anstellung zu suchen.

General Mc Comb, der mit Mark Twain befreundet war und eine hohe Meinung von seinem Schriftstellertalent hatte, erzählt, Clemens sei ihm einmal auf der Straße begegnet und habe ihm mitgeteilt, daß er sich nächstens wieder als Lotse anstellen lassen wolle; Berichterstatter möge er nicht länger sein und er habe bereits eine Eingabe bei der Regierung in Washington gemacht, die wahrscheinlich berücksichtigt werden würde. Der General, dem dieser Entschluß höchlich mißfiel, redete Mark Twain aus allen Kräften zu, den Plan aufzugeben, indem er ihm vorstellte, daß er es bei seinen Gaben zu etwas weit Besserem bringen könne, als sein Leben lang einen Flußdampfer zu steuern. Wenn er das Zeitungswesen satt habe, so solle er ein Buch schreiben oder Skizzen und was ihm sonst in den Kopf käme. Bei seinem originellen, kernigen Stil würde er sicherlich ein Publikum finden, das ihn zu schätzen wisse, und mehr verdienen als im Lotsenberuf. Mark Twain nahm den Rat des Freundes an und blieb der Feder getreu, mit der er später sein Glück machen sollte.

Zunächst beteiligte er sich mit Bret Harte an der Herausgabe des ›Kaliforniers‹. Viele seiner besten Skizzen erschienen in dem Blatt und fanden durch häufigen Nachdruck auch in den Städten des Ostens Verbreitung. Das Unternehmen hatte jedoch nur kurzen Bestand. Eines schönen Tages brachen die beiden Redakteure zusammen nach den Bergen auf, um zu versuchen, ob es ihnen mit dem Goldgraben besser glücken werde. Das war jedoch nicht der Fall, und Mark Twain fand bei der Rückkehr nach San Francisco obendrein, daß er seine Gesundheit stark geschädigt hatte. Um sich zu erholen, ging er als Zeitungsreporter nach den Sandwich-Inseln und schickte von Honolulu aus sehr lesbare Artikel über die dortigen Zustände und Lebensgewohnheiten an die ›Union‹ in Sacramento zur Veröffentlichung.

Die Schönheit der Sandwich-Inseln schildert er noch in spätern Jahren wie folgt:

»Kein fremdes Land in der ganzen Welt hat je einen solchen Reiz auf mich ausgeübt, mir eine so sehnsuchtsvolle und lebendige Erinnerung hinterlassen, die ich mein halbes Leben lang, weder schlafend noch wachend los werden konnte. Andere Eindrücke verbleichen, aber dieser bleibt; andere Länder schwinden mir aus dem Gedächtnis, aber dies kann ich nie vergessen. Seine balsamische Luft umweht mich stets, auf seinem Meer strahlt die Sommersonne, ich höre die Brandung an die Klippen schlagen und sehe seine blumenbekränzten Ufer, die schäumenden Wasserfälle, die gefiederten Palmbäume in der Mittagsruhe, die fernen Berggipfel, die wie Inseln über die Wolken ragen. Noch durchströmt mich das wohlige Gefühl, das ich dort in der Waldeseinsamkeit empfunden habe, das Plätschern des Baches tönt mir im Ohr und ich atme noch den Duft der Blumen, die vor mehr als zwanzig Sommern verwelkt sind.« --

Das milde Klima von Hawai stellte Mark Twains Gesundheit schnell wieder her. Nach zweimonatlicher Abwesenheit kehrte er neugekräftigt nach San Francisco zurück, um dort den Kampf ums Dasein weiter fortzusetzen.

Drittes Kapitel.

Ein ›Harmloser‹ auf Reisen.

Im Winter von 1866 auf 67 hatte sich eine Anzahl begabter Journalisten in San Francisco zusammengefunden, die kümmerlich von der Hand in den Mund lebten. Die bekanntesten unter diesen Glücksjägern, welche mit einander in der Bergmannsschenke speisten, waren Bret Harte, Stoddard, Webb, Mulford und Mark Twain. So drückenden Mangel wie Samuel Clemens, der nicht selten am Hungertuche nagte, litt jedoch keiner von ihnen.

Einmal bot ihm ein Schauspieler, der ihn kannte, fünf Dollars für fünf gute Witze, die er in seiner Rolle anbringen wollte. »Kann leider nicht dienen,« gab ihm der Humorist zur Antwort, »denn fände man fünf Dollars bei mir armem Schlucker, so hielte man mich sicherlich für einen Dieb. Aber auch bei Ihnen, alter Junge, würde gleich jedermann denken, Sie hätten die Witze, die Sie zum besten geben, gestohlen, wenn sie einigermaßen anständig wären.«

Als im Januar 1867 Stoddard und Mulford mit Erfolg öffentliche Vorträge in San Francisco gehalten hatten, erwachte auch Mark Twains Unternehmungsgeist und er begab sich auf eine Vorlesungstour in den Städten von Kalifornien und Nevada.

Ein Freund von ihm schildert uns seinen Vortrag in Carson City wie folgt:

»Das Publikum kam damals mit größter Bereitwilligkeit zu jeder Unterhaltung herbeigeströmt, die man ihm bot. Auch Mark Twain fand ein volles Haus, als er gegen acht Uhr die Rednertribüne bestieg. Er verbeugte sich höflich und faltete eine riesige braune Papierrolle auseinander, die wie eine Wandkarte aussah. Es stellte sich jedoch heraus, daß es seine Vorlesung war, die er auf große Bogen Packpapier mit Frakturschrift geschrieben hatte. Nun drehte er dem Publikum den Rücken zu, hielt sein seltsames Manuskript dicht an die Lampe, reckte den Hals, als könne er noch immer nicht sehen und fing an zu lesen.

»Sein Thema war die Zukunft Nevadas und er behandelte es auf ganz originelle Weise. Er weissagte, daß eine Periode ungeheuren Reichtums für die Bewohner des Staates im Anzuge sei, forderte sie auf, sich darauf vorzubereiten und erzählte die unglaublichsten Geschichten über schier unmögliche Entdeckungen von Silbergruben und Goldlagern, welche in nächster Zeit bevorstünden. Merkwürdigerweise erschloß sich unmittelbar darauf wirklich die reichste Fundgrube in Virginia City, so daß sich seine Prophezeiungen buchstäblich zu erfüllen schienen. Mark Twains Vorlesung an jenem Abend ist mir immer im Gedächtnis geblieben. Schade, daß sie nie gedruckt worden ist; ich habe in allen seinen Büchern, durch die er später berühmt wurde, kaum etwas Besseres gefunden.«

Mark Twain reiste mehrere Monate lang als Vorleser von einer Stadt zur andern und fand vielen Anklang; daneben schrieb er interessante Briefe an verschiedene Zeitungen des Ostens. Auch sammelte er damals den ersten Band seiner Skizzen, der im März 1867 erschien und nicht nur in Amerika, sondern auch in England begierige Leser fand.

Ueber Panama ging Clemens nun nach New York und von da nach Washington, wo er sich seinen Unterhalt erwarb, indem er Reisebriefe für kalifornische Journale schrieb. Auch als Vorleser trat er in der Bundeshauptstadt auf, wie aus folgender Schilderung hervorgeht:

»Am zweiten Morgen nach meiner Ankunft in Washington,« erzählt er, »kam ein Bekannter in aller Frühe zu mir in den Gasthof. Er weckte mich aus festem Schlaf und legte mir die niederschmetternde Frage vor, ob ich auch wisse, daß ich noch am Abend des selbigen Tages in Lincoln Hall eine Vorlesung zu halten habe? -- Ich erwiderte, er müsse wohl übergeschnappt sein, sonst wäre er ruhig daheim im Bette geblieben, statt mir zu so ungelegener Zeit mit dergleichen Abgeschmacktheiten zu kommen. Er aber gab mir, zum Beweis, daß er ganz bei Verstande sei, eine Anzeige im Morgenblatt zu lesen, in welcher stand, daß Mark Twain am Abend einen Vortrag über die Sandwich-Inseln halten werde. Meine Ueberraschung war grenzenlos und mein Aerger nicht gering, denn ich sah wohl, daß irgend jemand mir den schlechten Streich gespielt haben müsse.

»Bei näherer Erkundigung stellte sich denn auch alsbald heraus, wie die Sache zusammenhing. Einer meiner Freunde vom Theater hatte in der Meinung, mir einen Gefallen zu thun, alle nötigen Vorkehrungen aufs gründlichste getroffen und nur die Kleinigkeit vergessen, mich von seinen Absichten in Kenntnis zu setzen. Die Lincoln-Halle war für den Abend gemietet, die Vorlesung durch Anschlagzettel in der ganzen Stadt angekündigt und alle Zeitungen brachten Anzeigen und besondere Notizen, um das Publikum auf den zu erwartenden Genuß vorzubereiten. Ich war in einer schönen Klemme und wußte mir keinen Rat, denn eine Vorlesung über die Sandwich-Inseln hatte ich weder je gehalten noch aufgeschrieben. Aber das konnte ich doch den Leuten nicht sagen -- sie hätten es einfach nicht geglaubt, nachdem sie es auf den Zetteln gedruckt gelesen. Der einzige Ausweg, der mir blieb, war, mich in mein Zimmer einzuschließen und gleich nach dem Frühstück anzufangen, die Vorlesung zu Papier zu bringen. Das that ich denn auch im Schweiße meines Angesichts. Ich wurde wirklich bis halb acht Uhr abends damit fertig und fand bei meiner Ankunft im Saal eine so zahlreiche Zuhörerschaft, wie ich sie nie im Leben gesehen hatte.

»Ich pflegte zwar im allgemeinen mein Manuskript nicht zu benutzen, doch schrieb ich damals die Vorlesung immer nieder und legte die Blätter auf ein Lesepult, wenn ich die Tribüne betrat. Mein Gedächtnis war gut, ich brauchte auch keine Notizen, doch wollte ich für den Notfall das Manuskript bei der Hand haben und mich nicht der Beschämung aussetzen, es erst aus der Tasche ziehen zu müssen. Dies Bewußtsein beruhigte mich und flößte mir Mut ein, so daß keine verlegenen Pausen entstanden. Auch an jenem Abend ging alles gut, aber in meiner ganzen öffentlichen Laufbahn ist mir niemals wieder ein so saueres Stück Arbeit aufgebürdet worden, als das Abfassen jener Vorlesung über die Sandwich-Inseln.« --

Eines Nachmittags saß Mark Twain wie gewöhnlich in seinem kleinen dumpfen Zimmer, rauchte seine Thonpfeife und las mit großem Interesse, daß das Dampfboot ›Quaker City‹ binnen kurzem eine Fahrt nach Europa und dem Heiligen Lande antreten werde. Ohne zu ahnen, an welchem entscheidenden Wendepunkt seines Lebens er stand, schrieb er sofort an seinen alten Freund, General John Mc Comb, der damals Mitbesitzer des in San Francisco erscheinenden Tagblatts ›Alta Kalifornia‹ war und bat ihn um einen Vorschuß von 1200 Dollars in Gold, den er durch Reisebriefe zu fünfzehn Dollars das Stück zurückerstatten wolle. Es war keine kleine Zumutung für eine kalifornische Zeitung in den sechziger Jahren, doch bewog Mc Comb die andern Teilhaber, das Gesuch zu bewilligen.

So kam es, daß Mark Twain in der ›Quaker City‹ den Ausflug mitmachte, welche eine geschlossene Gesellschaft nach dem Süden Europas und dem Orient unternahm. Kapitän Duncan, der den Dampfer befehligte, behauptet, Clemens habe sich, als er den Platz bestellte, für einen Baptistenprediger von San Francisco ausgegeben, der seine angegriffene Gesundheit durch die Fahrt wieder herzustellen wünsche. In Wirklichkeit reiste er jedoch als Zeitungskorrespondent und wußte die Gelegenheit vortrefflich auszunützen.

Nach beendeter Reise kehrte Mark Twain zunächst nach Washington zurück, wo er seine Thätigkeit als Zeitungskorrespondent fortsetzte und die Abfassung seiner großen Reisebeschreibung, durch welche er seinen litterarischen Weltruf begründete, begann. Ein Bekannter aus jener Zeit erzählt über seine damalige Lebensweise:

»In seinem Zimmer herrschte der größte Wirrwarr, den man sich vorstellen kann; auf dem Schreibtisch, der eine förmliche Sehenswürdigkeit war, lag alles durcheinander, neben alten Manuskripten standen nicht selten alte Stiefel. Beim Schreiben legte er das Papier nie auf den Tisch, dazu gab es keinen Raum, auch hätte die aufrechte Stellung ihm nicht behagt. Die Füße auf einem Haufen Manuskripte den Stuhl nach hinten übergekippt, Notizbuch und Bleistift in der Hand -- so war er gewohnt zu arbeiten. Um seine Gedanken in Fluß zu bringen, bedurfte es einer ganz besonderen Atmosphäre. Die Luft mußte erst mit dem abscheulichsten Tabaksqualm durchschwängert sein, den er aus einer Pfeife dampfte, welche niemals gereinigt wurde, wie viele meiner damaligen Bekannten bezeugen können. Die Pfeife sollte ihn zugleich vor unwillkommenen Besuchern schützen; mit recht boshaftem Vergnügen paffte er darauf los, um einen lästigen Störenfried zu vertreiben, und beobachtete schadenfroh, wie der unglückliche Eindringling immer blasser wurde, je länger er den Giftstoff einatmen mußte.«

Im März 1868 reiste Mark Twain in Geschäften nach San Francisco, kehrte aber schon nach fünfmonatlicher Abwesenheit wieder in den Osten zurück. Unterwegs auf dem Dampfboot und während des Aufenthalts in Kalifornien vollendete er die ›~Innocents Abroad~‹, zu deutsch ›Die Harmlosen auf Reisen‹, welchen Titel er den Schilderungen seiner Reise auf der ›Quaker City‹ gab, um dadurch seinen naiv unbefangenen Standpunkt als Beurteiler von Land und Leuten anzudeuten. Von New York aus sah er sich dann nach einem Verleger für sein Werk um, es wollte ihm aber damit nicht nach Wunsch gelingen. Vergebens wandte er sich wohl an ein Dutzend New Yorker Firmen, dann bot er das Buch einem Verleger in Hartford an und schickte es endlich nach Boston und Philadelphia; überall fand er den gleichen Mißerfolg. In höchst begreiflicher Entmutigung legte er das Manuskript nun beiseite, bis es eines Tages zufällig einem seiner litterarischen Freunde in die Hände geriet. Diesem gefiel es ausnehmend und er konnte nicht begreifen, daß nicht jeder erfahrene und urteilsfähige Verleger auf den ersten Blick erkannt habe, welche Anziehungskraft ein von so echtem Witz und Humor übersprudelndes Buch gerade auf das amerikanische Publikum üben müsse.

Es gelang denn auch wirklich, die Amerikanische Verlagsgesellschaft in Hartford zur Herausgabe der ›Harmlosen auf Reisen‹ zu bewegen. Der Entschluß ward den Direktoren schwer, aber sie brauchten ihn nicht zu bereuen. Es wurden etwa 200,000 Exemplare verkauft, mit denen die Verleger etwa 75,000 Dollars Reingewinn erzielten. Mark Twain erhielt die Hälfte der Einnahme und war überglücklich. Außer ›Onkel Toms Hütte‹ hatte noch nie ein Buch einen ähnlichen Erfolg in Amerika aufzuweisen gehabt und mit einem Schlage war der Ruhm des Verfassers begründet.

Nachdem seit der Veröffentlichung der ›Harmlosen auf Reisen‹ bald fünfundzwanzig Jahre verflossen sind, hat sich in den von Mark Twain damals bereisten Ländern so manches verändert, daß das Werk heute lange nicht den unmittelbaren und frischen Eindruck macht wie nach dem Erscheinen. Die gelungensten Episoden aus demselben sind in dem gegenwärtigen Band wiedergegeben.

Viertes Kapitel.

Verheiratung.

Unter den Passagieren des Dampfers ›Quaker City‹, mit welchem Mark Twain diese denkwürdige Fahrt nach Europa unternahm, befand sich auch die Familie des Richters Langdon aus Elmira im Staate New York.

Ein Sohn des Richters wird uns unter dem Namen ›Dan‹ in den ›Harmlosen auf Reisen‹ vorgestellt, seine Tochter Lizzie aber, eine hübsche, talentvolle junge Dame, die damals etwas leidend war, machte einen tiefen Eindruck auf das Herz des Humoristen.

Die Nähe von Elmira mag wohl Mark Twain bestimmt haben, sich um eine Redakteurstelle in Buffalo zu bewerben, wenigstens finden wir ihn gegen Ende des Jahres 1869 dort an der Zeitung ›Expreß‹ beschäftigt. Bei gelegentlichen Besuchen in Elmira erneuerte er die Bekanntschaft mit Fräulein Langdon. Daß die junge Dame sehr wohlhabend war und in den angesehensten Verhältnissen lebte, auch ihr Vater ihn keineswegs begünstigte, wußte der schüchterne Liebhaber nur zu wohl.

Endlich faßte er sich ein Herz und hielt um ihre Hand an, ward aber zu seinem großen Leidwesen von dem Fräulein abgewiesen.

»Mir war es selbst höchst zweifelhaft, ob Sie mich nehmen würden,« bemerkte er kleinlaut, »aber versuchen wollte ich’s doch wenigstens.«

Nach einiger Zeit wiederholte er seinen Antrag, jedoch ohne besseren Erfolg. »Wissen Sie,« sagte er in seiner wohlbekannten, schleppenden Redeweise, »ich habe eine weit höhere Meinung von Ihnen, als wenn Sie ›ja‹ gesagt hätten -- aber hart ist’s doch.« -- Bei der dritten Anfrage hatte er endlich mehr Glück, aber nun galt es noch das schwierigste Werk zu vollbringen, nämlich den Vater zu erobern.

»Herr Richter,« redete er den stolzen Millionär an, »haben Sie wohl bemerkt, daß zwischen mir und Fräulein Lizzie etwas im Werke ist?«

Der alte Herr, der nicht begriff, was Clemens wollte, betrachtete ihn mit strenger Miene:

»Durchaus nicht, nein, ich habe nichts bemerkt, wovon reden Sie denn?«

»Nun geben Sie acht, dann werden Sie es schon sehen.«

Das that Herr Langdon denn auch und nachher, als ihm die Augen aufgegangen waren, ließ er den feurigen Verehrer seiner Tochter eines Tages in sein Privatzimmer kommen.

»Herr Clemens,« sagte er, »ich bin jetzt über den Zweck Ihrer Besuche in meinem Hause nicht mehr im unklaren. Die Sache ist von großer Wichtigkeit für mich und die meinigen, denn das Wohl meiner Tochter liegt mir sehr am Herzen. Bevor ich Ihnen also gestatten kann, sich um ihre Hand zu bewerben, möchte ich etwas genauer über Ihr früheres Leben unterrichtet sein. Ich muß Sie daher bitten, mir die Namen Ihrer Freunde in Kalifornien zu nennen, von denen ich Näheres über Sie erfahren kann.«

Mark Twain mußte sich wohl oder übel dem Verlangen des besorgten Vaters fügen. Wie vorauszusehen war, erhielt Herr Langdon auf seine nun angestellten Erkundigungen manchen ungünstigen Bescheid; besonders wurde die Möglichkeit, daß Clemens je ein guter Ehegatte werden könne, stark in Zweifel gezogen. Im Beisein der Liebenden las der Schwiegervater ~in spe~ die eingelaufenen Briefe laut vor und es entstand eine peinliche Stille. Seine Verlobte machte der Verlegenheit jedoch ein Ende; sie schob die Papiere beiseite und sagte: »Wir wollen unser Heil doch zusammen versuchen -- trotz alledem.«

So wurde denn die Hochzeit im Langdonschen Hause in Elmira gefeiert.

Die folgende Episode müssen wir von Mark Twain selbst erzählen lassen:

»Da wir eine Wohnung brauchten, ich mich aber mit diesen irdischen Dingen nicht befassen wollte, so hatte ich meinen Schwiegerpapa ein paar Wochen vorher gebeten, mir in Buffalo eine Wohnung nach seinem Geschmack zu besorgen. Er schmunzelte und nach einigen Tagen sagte er mir, er habe gefunden, was ihm passend scheine; ob ich’s mir ansehen wolle.

»Ach wozu?« gab ich zur Antwort; »wenn du’s gesehen hast, und dir paßt es, brauche ich’s nicht zu sehen, denn mir paßt es gewiß.« Und damit war die Sache abgethan.

Am Tage der Hochzeit, ziemlich spät abends, stand ich vom Tische auf und meinte:

»Na, nun ist’s aber Zeit! Schwiegerväterchen, wo wohnen wir denn eigentlich?«

»Das will ich euch gleich zeigen, Kinder, fahren wir ’mal hin.« Und die Freunde, die unsere Hochzeit mit gefeiert hatten, riefen ~unisono~:

»Wir begleiten euch, wir begleiten euch alle.«

»Na, schön,« sagte ich, »wenn ihr nur dann macht, daß ihr bald fortkommt!« Dann packte ich mein Weibchen zusammen, hob sie, ehe sie sich dessen versah, auf, und trug sie, die anderen jubelnd und lachend hintendrein, auf meinen Armen die Treppe hinunter.

Unten vor dem Hause standen Wagen; ich, mein Weibchen, mein Schwiegerpapa und Bob Raleigh in den einen, die anderen in die anderen und -- hui, ging es dem neuen Heime zu.

Wir fuhren und fuhren und fuhren. Ich merkte nichts; ich hatte mit meinem Weibchen zu thun. Endlich aber, bei Gott, dauerte es mir doch zu lange.

»Zum Teufel, Papa,« rief ich, »sind wir denn noch nicht dort?«

»Bald, mein Junge, bald,« und er lachte ganz merkwürdig.

Dieses ›bald‹ aber dauerte mir ewig.

»Papa,« sagte ich, »ich hatte nicht geglaubt, daß du unsere Wohnung auf dem Lande nehmen würdest. In Buffalo wäre ja doch wahrhaftig auch noch ’was zu finden gewesen.«

Er aber lachte nur.

»Gleich sind wir da,« sagte er, beugte sich zum Fenster hinaus, sagte dem Kutscher irgend etwas und der Wagen hielt an.

Wir stiegen aus. Die Wirtin Frau Johnson kam uns entgegen und führte uns in die für uns gemietete Wohnung. Ich sah mir alles mit einem Blicke an und wurde ganz verteufelt verzagt dabei.