Reineke Fuchs

Part 8

Chapter 84,009 wordsPublic domain

Die Sache verhielt sich nämlich so: Wir gingen einstmals um einen hohen Berg herum und kamen an eine tiefe, dunkle Höhle. Isegrim war vor Hunger ganz matt. Ich habe ihn übrigens nie so satt gesehen, daß er nicht gern noch mehr gehabt hätte. Ich sagte zu ihm: ›In der Höhle dort ist gewiß Speise genug vorhanden, und wer da wohnt, gibt einem wohl davon ab.‹ Da versetzte Isegrim: ›Oheim Reineke, ich will hier unter dem Baum warten. Geht hinein und fragt danach! Ihr eignet Euch besser dazu als ich.‹ Und so wollte er mich in die Falle bringen. Wenn ich aber etwas zu essen fände, so sollte ich es ihn wissen lassen. Ich ging in die Höhle hinein, einen langen, dunklen Gang hindurch, in dem mir angst und bange wurde. Solche Angst möchte ich um alles Gold in der Welt nicht noch einmal ausstehen. Denn es waren da viele häßliche Tiere, große und kleine. Das schlimmste aber war die alte Meerkatze. Als ich sie erblickte, glaubte ich den Teufel selbst zu sehen. Sie lag in der Ecke zusammengekauert. In ihrem großen, weit aufgesperrten Maul standen lange Zähne. An Händen und Füßen hatte sie furchtbare Krallen. Ihr Rücken endete in einem langen Schwanz. Nie habe ich ein häßlicheres Tier gesehen! Die Jungen waren kohlschwarz und sahen wie die leibhaftigen Teufel aus. Sie lagen in verfaultem Heu, bis an die Ohren mit Schmutz bedeckt, und ein Geruch war in der Höhle, daß mir übel davon wurde. Sie sahen mich sehr grimmig an, und ich dachte: Ach, wäre ich nur glücklich wieder hier heraus! Die Alte war größer als Isegrim und ihre Kinder fast ebenso groß. In dieser gefährlichen Gesellschaft schien es mir nicht ratsam, die Wahrheit zu sagen. Denn ihrer waren viele, und ich war allein, und alle sahen sehr böse aus. Da fand ich einen Ausweg. Ich grüßte sie höflich und tat, als ob ich sie kennte. Ich nannte die Meerkatze Muhme und die Kinder meine Neffen. Ich sagte: ›Gott erhalte Euch lange gesund! Diese sind Eure Kinder, das sehe ich wohl an der Ähnlichkeit. Sie gefallen mir über die Maßen gut. Wie schön, wie lustig sie sind! Ein jeder davon könnte eines Königs Sohn sein!‹

Als ich sie nun so ehrerbietig begrüßte, wie ich es doch gar nicht meinte, tat sie auch, als ob sie mich kennte. Sie war sehr vergnügt und nannte mich Oheim, obgleich wir gar nicht verwandt sind. Und was schadete es, daß ich sie Muhme nannte, wenn mir auch der Angstschweiß dabei ausbrach?

›Freund Reineke,‹ sprach sie zu mir, ›seid uns willkommen! Es ist mir eine rechte Freude, daß Ihr mich besucht! Ihr seid ein kluger Mann und könnt Eure kleinen Verwandten lehren, wie sie zu Ehre und Ruhm in der Welt kommen könnten.‹

Seht, solch freundlichen Empfang hatte ich mir bloß dadurch verdient, daß ich sie Muhme nannte und ihre Kinder lobte! Ich wäre gern so schnell wie möglich fortgegangen, allein sie sagte: ›Oheim, ich lasse Euch nicht fort, ehe Ihr eine gute Mahlzeit bei mir gegessen habt.‹ Darauf brachte sie voll Eifer so viel Speisen herbei, daß ich sie nicht alle aufzählen kann, Hirsche, Rehe und anderes Wildbret. Ich war verwundert, wie sie zu all dem gekommen war. Ich nahm davon, was mir gefiel, und aß mich recht satt. Als ich fertig war, gab sie mir noch ein Stück von einem Hirsch für mein Weib und meine Kinder mit. Darauf nahm ich Abschied von ihr, und sie sprach: ›Reineke, kommt oft wieder her!‹ Ich versprach es und machte, daß ich hinauskam. Denn hätte ich noch länger in dem Gestank aushalten müssen, ich hätte den Tod davon gehabt.

Draußen fand ich Isegrim stöhnend und matt unter dem Baume liegend. ›Wie geht es Euch, Oheim?‹ fragte ich ihn. ›Nicht gut,‹ erwiderte er. ›Ich muß umkommen, ich sterbe vor Hunger.‹ Ich erbarmte mich seines Elends und gab ihm das Stück Fleisch, das ich geschenkt bekommen hatte. Er aß, und es schmeckte ihm sehr gut. Ja, er war mir sehr dankbar, obwohl er das jetzt vergessen zu haben scheint. Als nun der Wolf gegessen hatte, sagte er zu mir: ›Oheim Reineke, sagt mir doch, wer dort in der Höhle wohnt, und wie es darin aussieht, gut oder übel.‹ Ich sagte die Wahrheit und gab ihm die besten Lehren. ›Es ist ein garstiges Nest,‹ sagte ich, ›doch zu essen gibt es genug; wenn Ihr was haben wollt, so geht nur hinein. Aber hütet Euch wohl, die Wahrheit zu sagen. Die liebe Wahrheit müßt Ihr diesmal verbergen, wenn es Euch gut gehen soll. Wer immer die Wahrheit sagt, muß viel Verfolgung erdulden. Redet nur, was gerne gehört wird, und schweiget über das, was nicht zu sagen nötig ist.‹

Seht, Herr König, das waren meine Worte, die ich ihm auf den Weg mitgab. Und so ging er fort, tat aber gerade das Gegenteil von dem, was ich ihm gesagt hatte. Hat er nun etwas abbekommen, so ist es seine eigene Schuld. Warum hat er meine Ratschläge nicht befolgt? Er sagte keck, er wüßte schon selber, was er zu tun hätte, und ging in die Höhle hinein.

Da erblickte er nun die Meerkatzen, die wie die Teufel selbst aussahen. ›Hilf Gott!‹ rief er aus, ›was für scheußliche Tiere sind das! Sind das Eure Kinder, oder sind sie aus der Hölle selbst entsprungen? Geht, ersäuft sie, das ist mein Rat! Gehörten sie mir, so würde ich sie alle hängen. Was soll solch böse Brut in der Welt? Wie garstig sehen sie aus!‹

Die Meerkatze versetzte: ›Welcher Teufel hat Euch hergesandt? Was habt Ihr uns zu verspotten? Was habt Ihr überhaupt hier zu suchen? Ob meine Kinder häßlich oder schön sind, was geht es Euch an? Reineke, der Fuchs, ist doch gewiß klug; der war heute auch bei uns und fand meine Kinder schön, sittsam und von guter Art. Er begrüßte sie als seine nahen Anverwandten, und das vor kaum einer Stunde. Gefallen sie Euch nicht so gut wie ihm, wer hat Euch denn hierher gebeten? Das sage ich Euch, Herr Isegrim, wenn Ihr es wissen wollt.‹

Da forderte der Wolf etwas zu essen von ihr. ›Gebt her,‹ rief er, ›oder ich werde Euch dabei helfen. Für mich sind die Speisen nötiger als für diese Gespenster.‹ Da sprang die Meerkatze auf ihn zu, biß und kratzte auf ihn los, und die Kinder machten es ebenso, bissen und zerrten ihn aufs furchtbarste. Er fing an zu heulen und zu schreien. Das Blut lief ihm über die Backen. Er setzte sich nicht einmal zur Wehr, sondern lief, so schnell er konnte, aus der Höhle heraus. Ich stand draußen und erwartete ihn. Er war jämmerlich zerschunden. Sein Fell war zerzaust, ein Ohr war zerrissen. Mehrere Löcher hatten sie ihm in den Kopf geschlagen. Das Blut floß in Strömen herab. Ich fragte ihn: ›Habt Ihr etwa die Wahrheit gesagt?‹ ›Ja,‹ erwiderte er, ›ich sagte, wie ich es fand. Die garstige Hexe hat mich arg beschimpft. Wäre sie hier draußen, so sollte sie mir's teuer bezahlen! Wie gefallen Euch ihre Kinder, Reineke? Sehen sie nicht garstig und häßlich aus? Da ich ihr das aber sagte, war es um mich geschehen! Ich verscherzte mir damit sogleich ihre Gnade und kam sehr übel dabei an.‹ Da erwiderte ich: ›Seid Ihr denn verrückt? So habe ich es Euch nicht gelehrt. Ihr hättet zu ihr sagen sollen: Liebe Muhme, wie geht es Euch und Euren reizenden Kinderchen? Sie sind alle, groß und klein, meine lieben Verwandten!‹

Isegrim versetzte darauf: ›Ehe ich sie Muhme und die Kinder meine Neffen nennen würde, eher soll sie lieber der Teufel holen! Ihre Freundschaft kann ich gar wohl entbehren, denn es ist das ärgste Lumpengesindel von der Welt.‹

Seht, Herr König, so empfing Isegrim für sein schlimmes Benehmen schlimmen Lohn. Hat er nicht unrecht, wenn er sagt, ich habe ihn verraten und bin schuld daran, daß es ihm so übel erging? Fragt ihn selbst, ob sich die Sache nicht so zugetragen hat, wie ich sie erzählte.«

16. Kapitel.

Die Forderung und die Vorbereitung zum Zweikampfe.

Auf diese Aufforderung versetzte Isegrim: »Wir wollen endlich zu schwatzen aufhören und dem Dinge ein Ende machen! Warum sollen wir uns fortwährend zanken? Reineke, Ihr sollt Euren Willen haben, ich will mit Euch einen Zweikampf wagen. Dann wird es sich zeigen, auf wessen Seite das Recht ist. Ihr sprecht hier von der Affenhöhle, wie ich großen Hunger litt und Ihr mir etwas zu essen brachtet. Das war aber ein bloßer Knochen, von dem Ihr schon alles Fleisch abgenagt hattet! Ihr spottet meiner und tretet meiner Ehre zu nah'! Ihr habt schändliche Lügen ersonnen, wie ich dem Könige, meinem Herrn, nach dem Leben getrachtet hätte. Alles, was Ihr dem König von dem Schatz erzählt habt, ist Lug und Trug. Niemand wird je die Kostbarkeiten zu sehen bekommen, da sie gar nicht vorhanden sind. Ihr habt mich und mein Weib unzählige Male betrogen und verraten. Mit freundlichen Worten habt Ihr mir geschmeichelt, aber weh mir, wenn ich Euch traute! Ich fordere Euch also jetzt zum Zweikampf auf Tod und Leben! So soll unser Zwist endlich aufhören! Ich sage, daß Ihr ein Mörder und Verräter seid, ein Dieb und ein Räuber! Hier werfe ich meinen Handschuh hin. Nehmt ihn auf, und der Kampf soll zwischen uns entscheiden. Ihr, Herr König, und alle ihr Herren, habt es gehört und sollt Zeugen bei dem Zweikampf sein! Der morgige Tag entscheide, wer im Recht ist, Reineke oder ich!«

So sprach der Wolf. Reineke aber dachte in seinem Sinn: »Das wird nun um Gut und Leben gehen! Er ist groß, und ich bin klein. Er ist stark, und ich bin schwach. Mache ich meine Sache diesmal schlecht, so ist alles verloren. Doch wenn er auch stärker ist, so bin ich doch klüger und weiß mir besser zu helfen. Auch kann ich schneller laufen als er, denn ich habe noch die Klauen an meinen Vorderfüßen, während er sie eingebüßt hat.«

Und zum Wolf gewendet, sagte er: »Isegrim, Ihr seid selbst ein Verräter! Alles, was Ihr mir hier zur Last legt, das lügt Ihr! Ich will es wagen, mit Euch zu kämpfen. Denn das war von jeher mein Wunsch. Alles, was Isegrim sagt, ist Lüge. Darauf setze ich mein Gegenpfand hier vor Gericht!« Damit warf er seinen Handschuh hin.

Der König empfing das Pfand von Isegrim ebenso wie das von Reineke und sprach zu ihnen: »Ihr müßt nun beide Bürgen stellen, daß ihr morgen zum Kampfe erscheinen wollt. Eure Angelegenheiten sind so verworren, daß nur der Kampf zwischen euch entscheiden kann.«

Isegrims Bürgen wurden Hinze, der Kater, und Braun, der Bär; Grimbart, der Dachs, und Mönke, der junge Affe, wurden Bürgen für Reineke.

Darauf wurde die Versammlung beendet. Zu Reineke aber trat Frau Rückenau heran und sagte: »Freund Reineke, seid nur guten Mutes! Euer Oheim Martin, der jetzt nach Rom gegangen ist, lehrte mich einst ein gutes Gebet, das der Abt von Schluckauf verfaßt hat. Dieser Abt hatte Martin lieb und schenkte ihm das Gebet und sprach: ›Dieses Gebet ist allemal gut für den, der in den Streit geht. Man muß es frühmorgens nüchtern über ihn lesen, so soll er den Tag über von aller Not frei und selbst vor dem Tode sicher sein. An diesem Tage kann ihn niemand verwunden.‹ Darum, lieber Oheim, seid guten Mutes! Ich will es morgen früh über Euch lesen, so braucht Ihr Euch vor dem Tode nicht zu fürchten.«

Reineke antwortete: »Meine liebe Muhme, ich danke Euch von Herzen dafür! Meine Sache ist gerecht, deshalb sehe ich getrost dem kommenden Tag entgegen!«

Reinekes Freunde blieben die Nacht über bei ihm, um ihm die Sorgen zu vertreiben. Frau Rückenau, die Äffin, war beständig mit Rat und Tat um ihn herum. Sie ließ ihm vom Kopf bis zum Schwanze alle seine Haare abscheren und ihn ganz mit Öl bestreichen. Sie sprach zu ihm: »Reineke, paßt wohl auf, was Ihr tut. Hört guter Freunde Rat, das wird Euch gut tun und kann nie schaden. Ihr seid nun am ganzen Leibe rund und glatt; Isegrim wird Euch nun mit seinen Tatzen nicht fassen und festhalten können. Laßt Euch zuerst von ihm angreifen und jagen. Flieht eilig vor ihm, aber -- vergeßt das nicht -- immer gegen den Wind. Da wirbelt Ihr tüchtig Staub auf, der ihm in die Augen fliegt. Steht er dann still, um sich die Augen auszuwischen, so schleudert Ihr ihm mit Eurem Schwanz neuen Sand hinein. Er wird dann wie blind sein und nicht mehr wissen, wohin er sich wenden soll. So, lieber Oheim! Nun legt Euch ruhig schlafen, wir wollen Euch schon wecken, wenn es Zeit ist. Aber vorher muß ich über Euch die heiligen Worte lesen, von denen ich Euch gesagt habe.« Damit legte sie die Hand auf sein Haupt und sprach: »Gaudo statzi salphenio, Caßbu, garfonns Barbas aßbulfrio! -- Seht, Reineke, nun seid Ihr wohl verwahrt!«

Darauf legte sich der Fuchs zu Bett und schlief, bis die Sonne aufging. Da kamen die Otter und der Dachs und weckten ihn.

Die Otter brachte ihm eine junge Ente und sagte: »Ich habe manchen Sprung gewagt, ehe ich sie dem Vogelsteller bei der Hühnerburg rechts vom Damm wegstibitzen konnte. Laßt sie Euch wohlschmecken, lieber Vetter!«

»Das ist ein guter Morgengruß!« versetzte Reineke. »Verschmähte ich das, so wäre ich ein Narr. Gott lohne es Euch, daß Ihr meiner so gedenkt!«

Reineke aß und trank tüchtig, damit er sich recht gestärkt fühle, und ging dann in Begleitung seiner Freunde auf den Platz, wo der Kampf stattfinden sollte.

17. Kapitel.

Der Zweikampf und seine Entscheidung.

Als der König Reineke so geschoren und von Fett glänzend daherkommen sah, lachte er aus vollem Halse und rief: »O, Fuchs, wer hat dich das gelehrt? Wahrlich, an Schlauheit übertrifft dich niemand! Du weißt dir immer zu helfen!«

Reineke verneigte sich tief vor dem König und grüßte auch die Königin mit größter Ehrerbietung. Er zeigte sich zum Kampf bereit und sprang munter in den Kreis hinein.

Da stand auch schon der Wolf mit seinen Freunden, die ihm alle das Schlimmste wünschten. Sie sprachen manches boshafte Wort über ihn. Bald darauf traten die Kampfrichter herbei, der Luchs und der Leopard, und beide Kämpfer mußten den Eid leisten. Isegrim schwur, Reineke sei ein Verräter, ein Dieb und ein Mörder, dafür wolle er sein Leben einsetzen. Reineke dagegen tat den Schwur, Isegrim leiste einen falschen Eid, jedes Wort, das er sage, sei eine Lüge. Und das wolle er ihm beweisen!

Da sprachen die Kreishüter: »Tut, was ihr zu tun habt! Wer im Recht ist, das wird sich bald zeigen!«

Da gingen alle hinaus, groß und klein, die nichts darin zu tun hatten. Nur der Wolf und der Fuchs blieben in dem Kreise.

Die Äffin flüsterte Reineke zu: »Vergeßt nicht, was ich Euch geraten habe!«

Frohen Mutes erwiderte der Fuchs: »Ich weiß, Ihr sähet es gern, wenn es gut endete! Glaubt mir, ich werde meinem Feinde unverzagt entgegengehen! Bin ich doch schon mancher Gefahr entronnen! Wie oft habe ich schon mein Leben aufs Spiel gesetzt; so will ich es auch gegen diesen Bösewicht wagen. Und ich hoffe, ich werde siegreich aus dem Kampfe hervorgehen und sowohl ihn wie sein ganzes Geschlecht in Schande bringen! Mir aber und allen meinen Verwandten werde ich Ehre bereiten. Ich will dem Wolf schon eintränken, was er über mich gesagt hat!«

Nun blieben diese beiden allein aus dem Kampfplatz, und ein paar tapfere Kämpfer waren es, die man da bewundern konnte.

Es erschallte die Trompete zum Zeichen, daß der Kampf beginnen sollte. Voll Ingrimm, mit offenem Rachen und blitzenden Augen sprang der Wolf aus seinen Gegner los. Dieser aber, leichter und gewandter als der schwerfällige Wolf, sprang rasch zur Seite. Dann lief er immer gegen den Wind vor dem Wolf her, seinen Schwanz im Winde schleifend. Absichtlich ließ er Isegrim nahe herankommen, und als dieser glaubte, ihn schon fassen zu können, schlug ihm der Schlaue den mit Sand gefüllten Schweif so heftig in die Augen, daß dem Wolf Hören und Sehen verging. Während dieser nun stehen blieb, um sich die Augen auszuwischen, wirbelte Reineke immer mehr Staub und Sand auf und schlug dem Gegner mit dem Schweif in die Augen, daß dieser nicht das Geringste mehr sehen konnte. Schnell faßte ihn Reineke bei der Kehle, biß und kratzte ihn und gab ihm noch lose Worte dazu. »Ei, Herr Isegrim,« spottete er, »Ihr habt oftmals manch unschuldiges Lamm gefressen und manch anderes harmloses Tier verschlungen; ich hoffe, Ihr werdet es künftig nicht mehr tun. Das gereicht Eurer Seele sicher zum Heile, daß Ihr in Zukunft nicht mehr rauben und morden könnt. Seid nur geduldig, denn es ist bald aus mit Euch, da Ihr in Reinekes Macht geraten seid. Doch wollt Ihr abbitten und Euch versöhnen, so will ich Eures Lebens gern schonen.«

Mit einem kräftigen Ruck riß sich Isegrim los. Da schlug ihm Reineke ins Gesicht, daß er ein Auge verlor! Vor Schmerzen heulte er laut auf und sprang wie rasend auf Reineke los. Er warf ihn auf die Erde nieder und packte den einen Vorderfuß des Fuchses mit seinen Zähnen, indem er rief: »O du Dieb, nun ist deine letzte Stunde gekommen! Erkläre dich als überwunden, oder ich schlage dich tot. Deine Betrügereien sind zu groß gewesen. Dein Staubaufwirbeln, dein Lügen und dein Fettschmieren soll dir nun nichts helfen! Du kannst mir nicht mehr entgehen! Du hast mir zu viel Schaden zugefügt und mir jetzt sogar ein Auge ausgerissen!«

Reineke war sehr übel zumute. »Jetzt bin ich in der größten Gefahr,« dachte er. »Ergebe ich mich nicht, so ist es mein Tod; ergebe ich mich aber, so gerate ich in Schimpf und Schande.« Er legte sich also aufs Bitten: »Lieber Oheim, schont meiner, und ich will gern Euer Lehnsmann werden. Ich will für Euch zum Heiligen Grabe wallfahren und Ablaß für Eure Seele erflehen. Ich will Euch in Ehren halten, als ob Ihr der Papst in Rom wäret, ja Euch einen teuren Eid schwören, Euer Knecht in Ewigkeit zu sein. Auch meine Verwandten sollen Euch stets dienen. Alles, was ich fangen kann, das steht Euch zu Gebote; es mögen nun Gänse, Enten, Hühner oder Fische sein, so will ich sie an Euren Tisch liefern. Nur was Ihr übriglaßt, will ich für mich beanspruchen. Ich will jederzeit auf Euer Wohl bedacht sein, daß Euch kein Schaden geschehe. Ihr seid stark, und ich bin klug. Halten wir nun zusammen, der eine mit Rat, der andere mit Macht, wer will uns dann etwas anhaben? Wir sind so nahe Anverwandte, daß wir nicht miteinander streiten sollten. Ich bin auch ungern in diesen Kampf mit Euch gegangen; wenn ich ihm nur hätte entgehen können! Allein Ihr habt mich dazu herausgefordert, da mußte ich wohl kommen, so ungern ich es auch tat. Doch bin ich bisher noch sehr gnädig mit Euch verfahren und habe nicht meine ganzen Kampfmittel aufgeboten. Ich habe eine Ehre darin gesucht, Euch als meinen Oheim zu schonen. Sonst wäre ich ganz anders mit Euch verfahren. Jetzt ist Euch noch nicht viel Schaden geschehen, außer mit Eurem Auge. Und das geschah aus Versehen! O, wie leid tut es mir! Aber ich weiß einen Rat, Euch wieder zu heilen. Doch verliert Ihr selbst das Auge, und Ihr seid sonst gesund, so ist es nicht so schlimm. Denn Ihr braucht nur ein Fenster zuzumachen, wenn Ihr schlafen geht, da andere zwei schließen müssen.

Noch eine andere Versöhnung will ich Euch anbieten. Alle meine Freunde, mein Weib und meine Kinder, sollen sich vor Euch neigen in Gegenwart des Königs, unseres Herrn, und sollen Euch um Reinekes Leben bitten. Ich will auch öffentlich bekennen, daß ich nicht die Wahrheit gesagt und Euch häufig belogen und betrogen habe. Schwören will ich, daß ich nichts Böses von Euch weiß. Tötet Ihr mich aber jetzt, so müßt Ihr allezeit in Angst vor meinen Verwandten und Freunden leben. Verschont Ihr mich hingegen, so erwerbt Ihr Euch Ruhm und Ansehen und gewinnt viele neue Freunde, die Euch jederzeit dienen werden. Tut nun, was Euch gut dünkt. Mir ist wenig daran gelegen, ob ich lebe oder sterbe!«

Da sprach der Wolf: »O du falscher Fuchs, wie gerne wärst du wieder frei! Und wäre die ganze Welt aus rotem Golde, und du bötest mir dieselbe zum Ersatz, ich ließe dich doch nicht los. Du hast mich zu oft betrogen, du falscher, treuloser Gesell! Und gäbst nur sicherlich nicht eine Eierschale, wenn ich dir dein Leben schenkte. Nach deinen Freunden frage ich nicht viel. Ich will ihre Feindschaft schon ertragen und werde mich zu wehren wissen, wenn sie mich angreifen. Ach, wie würdest du mich verspotten, wenn ich mich durch deine Verlockungen verführen ließe, dich freizugeben! Wie würdest du künftighin noch manchen betrügen, der sich auf dein Lügen nicht verstände! Du sagst, du habest mich verschont! Schau' nur her, du Bösewicht! Hast du mir nicht ein Auge ausgerissen? Hast du mir nicht an allen Teilen meines Körpers mehr als zwanzig Wunden beigebracht? Du ließest mir ja nicht die Zeit zum Atemholen. Wie töricht würde ich handeln, wenn ich dir Gnade erwiese. Nein, nein! Diesmal sollst du es mit dem Leben büßen!«

Während der Wolf so sprach, hatte Reineke auf neue List gesonnen. Er packte plötzlich den Wolf an der empfindlichsten Stelle seines Körpers mit solcher Gewalt, daß Isegrim vor Schmerz laut aufschrie. Den Augenblick benutzte Reineke, seine Pfote aus dem Rachen des Wolfes zu ziehen, und nun hielt er den Wolf mit beiden Tatzen fest umklammert und biß wie wild darauflos, wohin er eben traf. Isegrim schrie und heulte vor Schmerz und sank endlich, von Blut und Wunden bedeckt, betäubt zur Erde nieder.

Voll Schrecken und Betrübnis sahen die Freunde des Wolfes dem Ausgang des Kampfes zu. Sie eilten zum König und baten ihn, den Befehl zur Beendigung des Kampfes zu geben. Der König war damit einverstanden. Er gebot den beiden Kampfrichtern, dem Luchs und dem Leopard, dem siegreichen Fuchs mitzuteilen, es sei nunmehr genug, und er, der König, wünsche, daß man den Kampf endige. Diese beiden eilten sogleich in den Kreis und sprachen: »Hört, Reineke! Wir Kampfrichter verkünden Euch den Befehl des Königs! Er will den Krieg zwischen euch beiden endigen und euch trennen. Er bittet Euch, Isegrim freizugeben und am Leben zu lassen. Es wäre dem König leid, wenn einer von euch beiden in dem Kampfe bliebe! Ihr, Reineke, habt den Sieg davongetragen, das sagt hier jung und alt, und alle rechtlich Denkenden zollen Euch Beifall.«

Reineke entgegnete darauf: »Dafür sollen sie alle meinen Dank haben! Gern gebe ich den Worten des Königs Gehör und gehorche seinem Befehle. Mehr verlange ich nicht als den Sieg. Doch bitte ich den König, mir zu gestatten, daß ich erst meine Freunde befrage.«

Da riefen alle seine Freunde und Verwandten: »Ja, Reineke, es dünkt auch uns gut, daß Ihr dem Willen des Königs folgt!«

Darauf kamen sie von allen Seiten herbei, denn es hatten sich eine ganze Menge zu dem interessanten Schauspiel eingefunden. Der Dachs, der Affe und der Biber, die Otter, der Marder und das Eichhorn drängten sich nun alle an den Fuchs heran. Ja, viele, die gegen ihn geklagt hatten und nichts von ihm hatten wissen mögen, erzeigten ihm jetzt die größte Liebe. Jeder wollte sein nächster Verwandter sein und sich in seine Gunst setzen. Ja, so geht es in der Welt. Wem es gut geht, der hat viele Freunde, wem es aber übel geht, der hat gewiß keine! So war es auch hier. Als Reineke gewonnen hatte, wollte jeder auf seiner Seite stehen. Die einen pfiffen, die anderen sangen, bliesen auf Posaunen oder schlugen die Pauken. Alle seine Freunde riefen ihm zu: »Reineke, seid froh! Ihr habt Euch in dieser Stunde mit Ruhm bedeckt. Wir waren schon sehr betrübt, als Ihr zu unterliegen schienet. Aber das Glück hat sich bald gewendet. Ihr seid mit Ehren aus dem Kampf hervorgegangen! Das war ein treffliches Meisterstück!«

Reineke dankte allen seinen Freunden und trat dann, von den Kampfrichtern begleitet, vor den König. Demütig kniete er vor dem Throne nieder. Der König aber hieß ihn aufstehen und sprach in Gegenwart aller Herren zu ihm: »Ihr habt den Streit mit Ehren bestanden und tapfer für Euer Recht gekämpft! So spreche ich Euch denn frei von jeder Schuld, und keine Strafe soll Euch treffen. Alles übrige soll entschieden werden, sobald Isegrim von seinen Wunden wiederhergestellt ist.«