Part 7
Ferner stand auf dem Rahmen die Geschichte von dem Hund und dem Esel. Beide gehörten einem reichen Manne. Der Hund aber stand bei dem Herrn in größerer Gunst als der Esel. Er saß an seines Herrn Tisch und bekam die besten Bissen zu essen. Er wurde auf den Schoß genommen und geliebkost. Dafür hatte er nichts weiter zu tun, als mit dem Schwanz zu wedeln und zu schmeicheln. Das sah der Esel Boldewein und grämte sich darüber. Er sprach zu sich selbst: ›Wie ist es nur möglich, daß mein Herr so freundlich zu diesem faulen Hund ist, der nichts weiter tut als lecken und schmeicheln? Ich aber muß die ganze Arbeit verrichten. Ich muß schwere Säcke tragen und in vier Wochen mehr tun als fünf, ja selbst zehn Hunde in einem ganzen Jahr ausrichten könnten. Er bekommt feine Speisen zu essen, mir aber gibt man nichts als Heu. Er schläft auf weichen Kissen, ich muß auf der harten Erde liegen. Ja, überall spottet man über mich. Ich will das aber nicht länger ertragen, sondern auch versuchen, die Huld meines Herrn zu erwerben.‹ Da kam der Herr gerade nach Haus. Der Esel lief ihm entgegen, wedelte mit dem Schwanz und schrie: Y--a -- Y--a. Er stellte sich auf die Hinterfüße und leckte seinem Herrn das Gesicht, wie er's vom Hunde gesehen. Dabei war er aber ungeschickt und stieß dem Herrn zwei große Beulen. Da rief dieser in großer Angst: ›Ergreift den Esel und schlagt ihn tot!‹ Die Knechte prügelten alle auf ihn los und trieben ihn wieder in den Stall. So blieb er, was er war -- ein Esel.
So gibt es manchen dummen Esel, der anderen ihr Glück mißgönnt und es doch selbst nicht erringen kann. Ja, gelingt es einem auch, so eignet er sich nicht besser dazu als ein Schwein, das mit Löffeln ißt. Man lasse die Esel Säcke tragen und Disteln und Heu fressen. Tut man ihnen größere Ehre an, so bleibt es bei der alten Lehre: Wo Esel die Herrschaft haben, da sieht man selten großes Gedeihen. Meist suchen sie ihren eigenen Vorteil und fragen wenig nach anderer Leute Wohlfahrt. Dabei ist das Traurige, daß die Esel täglich an Macht höher steigen.
Ferner war auf dem Rahmen zu sehen, wie mein Vater einstmals mit dem Kater Hinze Freundschaft schloß. Sie schwuren einander, alle Beute redlich zu teilen und sich in Gefahr treu beizustehen. So machten sie viele Reisen zusammen. Einstmals sahen sie einen Jäger und Hunde auf sich zukommen. Da rief Hinze in großer Angst: ›Jetzt ist guter Rat teuer!‹ Mein Vater aber sagte: ›An gutem Rat fehlt es uns nicht, ich habe noch einen ganzen Sack voll davon! Wir wollen aber unseren Schwur halten und treu beieinander bleiben, dann wird noch alles gut werden.‹ Hinze versetzte: ›Hier gibt es nur einen guten Rat, den will ich mir zunutze machen.‹ Und damit sprang er auf einen Baum, wo ihn die Hunde nicht erreichen konnten. Meinen armen Vater ließ er in größter Gefahr allein. Spottend rief Hinze noch vom Baum herab: ›Wie steht es denn nun mit Eurem Rat? Ihr hattet doch eben noch einen ganzen Sack voll! Nehmt doch davon!‹ Da kamen auch schon Jäger und Hunde ganz nahe heran. Mein armer Vater wurde durch dick und dünn gehetzt, bis er endlich, zum Tode ermattet, seine Burg erreichte. Dort war er vor den Verfolgern sicher. So verriet ihn der, dem er am meisten vertraute. Es müßte also ein Wunder sein, wenn ich dem bösen Schelm, dem Hinze, gut wäre. Solche falschen Freunde gibt es häufig in der Welt, die uns im Glück anhangen und in der Not verlassen.
Dann stand auf dem Spiegel die Fabel von dem Wolf, der für empfangene Wohltat nicht dankte. Der Wolf lief einstmals übers Feld und fand ein totes Pferd, dem das Fleisch schon von den Knochen abgezehrt war. Der Wolf war aber sehr hungrig und fiel über die abgenagten Überreste her. Da blieb ihm ein spitzer Knochen im Halse stecken, den er nicht wieder herausbringen konnte. Er war in großer Gefahr und glaubte sterben zu müssen. Zu den berühmtesten Ärzten schickte er und bot demjenigen großen Lohn, der ihn aus seiner Not befreien würde. Aber vergebens, keiner konnte ihm helfen. Da kam auch Lütke, der Kranich, herbei. Er trug ein rotes Barett auf dem Kopfe, weswegen der Wolf ihn Herr Doktor nannte. ›Hilf mir geschwind,‹ sagte Isegrim zu ihm, ›und zieh' mir den Knochen aus dem Hals, dann will ich dich reich belohnen.‹ Der Kranich glaubte den schönen Worten und steckte Schnabel und Kopf dem Wolf in den Rachen und zog den Knochen heraus. Da schrie der Wolf: ›Weh mir! weh mir! Was machst du mir für Schmerzen! Doch ich will es dir verzeihen! Hätte mir das ein anderer getan, niemals hätte ich es erduldet!‹
›Seid zufrieden!‹ sagte der Kranich, ›Ihr seid nun geheilt. Darum gebt mir meinen Lohn!‹
Da sprach der Wolf: ›Höre mir nur einer diesen Narren! Er tut mir weh und begehrt noch Lohn dazu! Habe ich nicht genug des Guten an ihm getan? Er steckt seinen Kopf in meinen Rachen, und ich lasse ihn denselben wohlbehalten herausziehen! Hätte hier jemand ein Recht auf Lohn, so wäre ich es doch, denke ich!‹
So belohnen Schurken ihre Wohltäter!
Seht, solche Geschichten und noch andere waren in den Spiegel geschnitzt und mit goldener Schrift erklärt. Ich hielt mich für unwürdig und zu geringe, so köstliche Dinge zu besitzen. Darum sandte ich sie der Königin und dem Könige, meinem Herrn. Meine beiden Kinder waren sehr betrübt darüber; sie guckten gern in den Spiegel hinein, tanzten und sprangen davor und sahen, wie ihnen ihr Mäulchen stand, und wie ihnen die Schwänzchen hingen.
Diese Kleinodien nun vertraute ich Bellyn und Lampe auf Treu und Glauben an. Ich zweifelte nicht an ihrer Redlichkeit, sie waren meine besten Freunde. Wie hätte ich ahnen können, daß Lampe dem nahen Tod entgegenging! Jetzt rufe ich wehe! über den Mörder. Aber ein Mord bleibt nicht lange verborgen. Die Wahrheit muß an das Tageslicht kommen. Ich will nicht eher ruhen, bis ich erfahren habe, wer die Kleinode gestohlen hat. Vielleicht ist sogar jemand unter den Versammelten, der weiß, wo die Schätze geblieben sind, und wie Lampe ums Leben kam.«
14. Kapitel.
Neue Lügen Reinekes und seine Freisprechung.
Da alles im Saal ruhig blieb und sich keiner zum Wort meldete, fuhr Reineke fort: »Seht, gnädigster Herr und König! Es kommen so viele Sachen vor Euch, daß Ihr unmöglich alles im Gedächtnis behalten könnt. Oder erinnert Ihr Euch vielleicht noch des großen Dienstes, den mein Vater dem Euren erwies? Euer Vater lag im Sterben, und mein Vater rettete ihm das Leben. Ich glaube zwar, Ihr könnt Euch dessen nicht entsinnen, denn Ihr wart damals erst 3 Jahre alt.
Es war ein sehr kalter Winter. Euer Vater lag schwerkrank danieder. Er litt große Schmerzen und konnte sich nicht bewegen. Man mußte ihn heben und tragen. Er ließ von weit und breit alle Ärzte rufen; doch keiner konnte ihm helfen, alle erklärten, er sei dem Tode verfallen. Endlich schickte man zu meinem Vater. Der war damals sehr angesehen bei Hofe, denn er verstand die Kunst der Arzneimittel, konnte Zähne ziehen, Brechmittel geben und hatte schon manchem in der Not geholfen. Als er nun zu Eurem Vater kam und ihn so krank und schwach liegen sah, ging es ihm sehr zu Herzen, und er rief: ›O, mein König, gnädigster Herr! Könnte ich doch mein Leben hingeben, um Euch zu helfen! Ich täte es mit Freude und Stolz! Aber es gibt nur ein Mittel, um Euch zu retten. Ihr müßt die Leber eines siebenjährigen Wolfes essen. Dann werdet Ihr genesen. Aber Eile ist vonnöten, sonst stehe ich für nichts!‹ Der Wolf, der zugegen war, hörte diese Worte mit Schrecken. Der König sprach zu ihm: ›Hört Ihr es, Herr Wolf? Ich brauche Eure Leber, um gesund zu werden!‹ Der Wolf antwortete bebend: ›Herr, fürwahr, was nützt Euch meine Leber? Ich bin noch nicht fünf Jahr alt.‹ Da sagte mein Vater: ›Ich werde es der Leber schon ansehen, ob sie sich für den König eignet.‹ Darauf führte man den Wolf in die Küche und riß ihm die Leber heraus. Der König aß sie und wurde gesund.
O, wie dankbar war er meinem Vater! Er schenkte ihm eine goldene Spange und ein rotes Barett. Das mußte mein Vater immer tragen, und alle Leute redeten ihn ›Herr Doktor‹ an. Der König schätzte ihn hoch und ehrte ihn sein Leben lang; er mußte stets zur Rechten des Königs gehen. Wie hat das Blatt sich jetzt gewendet! Mein Vater ist vergessen, und die eigennützigen Schelmen werden erhöht. Man trachtet nur nach Vorteil und Gewinn, aber rechte Weisheit wird nicht geschätzt. Leute aus niedrigem Stand spielen sich als große Herren auf und drücken die Armen. Sie vergessen ihre Herkunft und sind taub für alle Bitten, wenn nicht gleich eine Gabe dabei ist. Ihre Meinung ist: Bringt nur her, dies zuerst und hernach noch mehr! Solcher gierigen Wölfe gibt es viele. Die besten Bissen nehmen sie für sich. Und könnten sie auch ihres Herrn Leben mit einer Kleinigkeit retten, so täten sie es doch nicht. Jener Wolf wollte auch nicht seine Leber für seinen König hingeben. Und gleichwohl sähe ich es lieber, daß zwanzig Wölfe ihr Leben einbüßten, als daß der König oder die Königin von uns genommen würde!
Dies alles, Herr König, geschah in Eurer frühsten Kindheit, und ich weiß wohl, daß Ihr Euch dessen nicht mehr erinnern könnt. Mir aber hat es sich so eingeprägt, als wäre es erst gestern geschehen. Diese Geschichte nun war auch auf dem Spiegel angebracht mit Gold und Edelsteinen, wie es mein Vater haben wollte. Könnte ich nur diesen Spiegel wieder ausfindig machen, so wollte ich mein Leben und Vermögen daransetzen.«
»Reineke,« sprach der König, »Eure Worte habe ich wohl gehört und verstanden. War aber Euer Vater so tugendhaft und stand hier so hoch in Ehren, so muß das schon sehr lange her sein. Ich erinnere mich dessen nicht; auch hat mir's niemand berichtet. Von Euren schlimmen Ränken aber weiß ich viel. Jeder weiß davon zu erzählen. Tut man Euch damit unrecht? Das werdet Ihr schwerlich beweisen können! Wenn mir doch auch mal etwas Gutes von Euch berichtet würde! Aber nein, das geschieht niemals!«
»Gnädigster Herr!« erwiderte Reineke. »Gestattet, daß ich hierauf antworte. Ihr selbst wißt ja Gutes von mir. Nicht als ob ich mich dessen rühmen wollte; denn ich bin jederzeit verpflichtet, alles für Euch zu tun, was in meinen Kräften steht. Denkt Ihr nicht mehr daran, wie einst Isegrim und ich ein Schwein gefangen hatten? Da es fürchterlich schrie, bissen wir es gleich tot! Da kamt Ihr, Herr König, und die Königin herzu. Ihr wart müde und hungrig und batet uns, die Beute mit Euch zu teilen. ›Ja,‹ sprach Isegrim brummig, denn er tat es höchst ungern. Ich aber sagte: ›Herr, es soll Euch von Herzen gegönnt sein! Ja, hätten wir noch der Schweine viel mehr, sie ständen Euch zu Diensten! Befehlt, wer es teilen soll!‹ ›Das soll der Wolf tun!‹ spracht Ihr. Da freute sich Isegrim. Er teilte in seiner gewohnten Weise, ohne jede Gerechtigkeit, nur zu seinem eigenen Vorteil. Ein Viertel gab er Euch, ein Viertel Eurer Frau, die andere Hälfte nahm er für sich selbst. Er aß über die Maßen gierig. Nur die Ohren und die Schnauze und die halbe Lunge gab er mir. Alles andere behielt er für sich, wie Ihr selbst saht. So zeigte er seinen Edelmut. Als Ihr aber Euren Teil aufgegessen hattet, wart Ihr noch nicht satt. Das merkte ich wohl. Auch der Wolf sah es, tat aber, als merkte er nichts, und fraß ruhig weiter, ohne Euch etwas anzubieten. Da bekam er von Euch einen Schlag hinter die Ohren, daß er furchtbar heulend und mit blutiger Platte davonlief. ›Teile ein andermal besser,‹ rieft Ihr ihm nach, ›sonst will ich's dir beibringen! Eile jetzt und schaffe uns was zu essen!‹ Da sprach ich: ›Herr, gebietet Ihr, so gehe ich mit ihm. Ich weiß etwas Gutes aufzufinden.‹
Das war Euch recht, und so ging ich mit dem Wolfe. Seufzend und blutend trollte er neben mir her. Bald glückte es uns, ein fettes Kalb zu erlegen. Das gefiel Euch wohl; Ihr freutet Euch sehr, als wir es brachten, Ihr lobtet mich auch und sagtet, ich wäre gut, in der Zeit der Not ausgesendet zu werden. Darauf befahlt Ihr mir, das Kalb zu teilen. Ich sagte zu Euch: ›Herr, die eine Hälfte gehört Euch, die andere der Königin. Was darinnen ist, Herz, Leber und Lunge, gehört Euren Kindern. Mir gehören die Füße, und der Wolf soll das Beste haben -- den Kopf.‹ Als Ihr das hörtet, spracht Ihr: ›Reineke, wer hat Euch so hübsch teilen gelehrt?‹ Ich versetzte: ›Herr, jener mit dem blutigen Kopf hat's mich gelehrt! Denn heute, als Isegrim das Schwein teilte, paßte ich gut auf und lernte, wie man Schweine und Kälber teilen muß.‹
Seht nun, Herr König, so habe ich Euch stets die Euch gebührende Ehre bewiesen. Alles was ich besitze und erwerbe, gehört Euch und der Königin. Wenn Ihr nur an die Teilung des Schweines oder des Kalbes denkt, so werdet Ihr erkennen, bei wem die rechte Treue ist, bei Reineke oder bei Isegrim? Nun steht aber der Wolf hoch in Ehren und ist Euer erster Minister. Euren Vorteil sucht er nicht; er ist stets nur auf seinen eigenen bedacht. Er und Braun führen das große Wort, aber Reinekes Sache wird nicht gehört.
Es ist wahr, Herr, daß ich schwer verklagt bin. Doch will ich nicht eher weichen, bis mir mein Recht geworden ist. Ist hier bei Hofe jemand, der mir Böses nachweisen kann, so trete er mit seinen Zeugen hervor. Er setze da sein Vermögen, ein Ohr oder sogar sein Leben ein zum Pfand für die Wahrheit seiner Behauptungen. Solch Recht hat hier jederzeit gegolten -- ich nehme es auch für mich in Anspruch.«
Dem König gefiel diese mutige Rede, und er erwiderte: »Es sei, wie es sei, Recht muß Recht bleiben. So sollst du auch, Reineke, mit Gerechtigkeit gerichtet werden. Man hat dich schwer angeklagt und dir Lampes Tod zur Last gelegt. O wie ungern habe ich ihn verloren. Denn ich hatte ihn sehr lieb. Und als mir Bellyn sein Haupt brachte, war ich im tiefsten Herzen betrübt. Dennoch ist es möglich, daß der Widder die Schandtat allein verübt hat. Ist aber sonst noch jemand, der über Reineke klagen will, so trete er vor. Was mich selbst betrifft, so will ich ihm vergeben, denn Reineke hat mir stets in Treue und Ergebenheit gedient. Hätte aber jemand glaubwürdige Zeugen, so bringe er sie her, und das Recht soll walten!«
Reineke versetzte: »Gnädiger Herr, ich danke Euch sehr für Eure große Gnade und Gerechtigkeit. Ich schwöre es bei meinem Eide: als Lampe und Bellyn von mir schieden, tat mir das Herz recht weh; denn ich hatte diese beiden sehr lieb. Wie konnte ich aber ahnen, daß Lampe der Tod so nahe bevorstand!«
So verstand es Reineke, den König und alle Anwesenden zu täuschen. Er sprach so sicher und sah so ernst dabei aus, daß niemand an der Wahrheit seiner Worte zweifeln konnte. Er hatte die Schätze so genau beschrieben, daß man unmöglich annehmen konnte, die ganze Geschichte sei nur erfunden. In dem König hatte er solche Begier nach den Kostbarkeiten erweckt, daß dieser nur danach trachtete, sie wieder aufzufinden. Darum sprach er zu dem Fuchs: »Seid ohne Sorgen, Reineke! Ihr sollt frei reisen und versuchen, die Kostbarkeiten wieder aufzufinden. Meine Hilfe soll Euch dabei zu Diensten stehen.«
»Gnädiger Herr,« versetzte Reineke, »ich danke Eurer Majestät sehr für die trostreichen und ermutigenden Worte. Euch kommt es zu, Raub und Mord zu strafen, die leider der Schätze wegen begangen worden sind. Ich will allen Fleiß anwenden und Tag und Nacht reisen. Erfahre ich es dann, wo die Schätze geblieben sind, und reicht meine Kraft nicht aus, sie Euch zurückzugewinnen, so werde ich Euer Gnaden um Hilfe anrufen. Gelingt es dann, Euch die Kleinodien zu überliefern, so wäre meine Mühe reichlich belohnt.«
Mit Wohlgefallen hörte der König diese Worte. Er glaubte alles, was Reineke sagte, obwohl ihn dieser so furchtbar betrogen und belogen hatte. Aber auch alle anderen hatte der Schelm betört, und sie fanden es ganz richtig, daß dem braven Reineke wieder die volle Freiheit gewährt wurde. Nun konnte er tun und lassen, was er wollte, denn er stand wieder in der Gunst seines Herrn.
15. Kapitel.
Neue Anklagen Isegrims und Reinekes Verteidigung.
Einer aber war in der Versammlung, dem die Freisprechung Reinekes durchaus nicht gefiel. Aufgeregt und zornig trat Isegrim vor den König und sagte: »Herr König, gnädiger Herr! Glaubt Ihr Reineke jetzt aufs neue, der Euch so viel vorgelogen hat? Wie könnt Ihr dem losen Schalk nur trauen? Er betrügt sicherlich uns alle, denn er lügt immer und sagt niemals die Wahrheit. Aber ich lasse ihn so noch nicht ziehen. Ihr sollt es noch hören und erkennen, daß er ein falscher Bube ist. Ich weiß noch drei schlimme Geschichten von ihm. Die will ich hier öffentlich bekannt machen und meine Aussage mit Leben und Ehre verfechten! Zeugen habe ich zwar nicht. Aber ist es denn möglich, für alles Zeugen zu finden? Es wagt ja auch niemand gegen ihn zu zeugen, denn er behält ja immer recht. Außerdem ist er niemandes Freund und weder Euch noch Eurem Hause zugetan. Ich will ihn aber heute nicht von hinnen lassen, ehe er mir nicht Rede gestanden hat. Gnädigster Herr, Reineke hat stets meinem ganzen Geschlechte zu schaden getrachtet. Was hat er nicht mir und meinem Weibe für Schimpf angetan?
Einstmals führte er sie an einen Teich und befahl ihr, in den Schlamm zu treten. Er sagte, er wolle sie lehren, Fische zu fangen. Sie solle nur den Schwanz ins Wasser hängen, da würden so viele Fische anbeißen, daß sie gar nicht alle essen könnte. Sie watete also hinein und schwamm so lange, bis er ihr zurief, an der Stelle zu bleiben und den Schwanz ins Wasser zu hängen. Der Winter war kalt, und es fror sehr scharf. Endlich konnte es mein Weib nicht mehr aushalten, denn der Schwanz war fest eingefroren. Da er aber so schwer war, glaubte sie, es wären lauter Fische daran. Sie zog und zog, konnte aber den Schwanz nicht herausbekommen. Reineke aber freute sich seines schändlichen Streiches. Er stand am Ufer und verspottete sie. Da kam ich von ungefähr des Weges. Wie erschrak ich, als ich mein Weib laut jammern und um Hilfe rufen hörte! ›Reineke, was hast du getan?‹ rief ich. Aber kaum wurde er mich gewahr, so lief er spornstreichs davon. Traurig ging ich näher heran. Durch tiefen Morast mußte ich waten, durch kaltes Wasser schwimmen, bis ich zu ihr gelangte. Nun bemühte ich mich, das Eis zu brechen. Sie riß und zerrte, und endlich war sie frei. Aber ein Stück des Schwanzes war im Eise geblieben. Ihr lautes Schmerzensgeschrei war von den Bauern des Dorfes gehört worden. Sie wurden uns im Teiche gewahr und kamen herbei mit Knütteln, Äxten und Prügeln. Auch Weiber mit Spinnrocken liefen herzu. Alle riefen durcheinander: ›Fangt ihn, schlagt ihn, tötet ihn!‹ Nie war es mir banger zumute. Wir liefen beide, daß uns der Schweiß ausbrach. Da war ein böser Bube, der mit einer langen Pike nach uns stach. Dieser tat uns den meisten Schaden. Denn er war stark und leichtfüßig. Zum Glück war es Abend, und die Nacht brach herein; sonst wären wir nicht mit dem Leben davongekommen. Seht, Herr König, das war ein schändlicher Verrat, den Ihr sicher ohne alle Gnade strafen werdet.«
Auf diese Klage Isegrims sagte der König: »Um gerecht zu urteilen, will ich erst hören, was der Verklagte zu sagen hat. Reineke, tretet vor!«
»Wäre alles wahr, was Isegrim gesagt hat,« versetzte der Fuchs, »so würde es mir nicht zur Ehre gereichen. Verhüte Gott, daß man es für Wahrheit halte. Richtig ist, daß ich der Wölfin einmal zeigte, wie man Fische fangen sollte. Aber sie war so begierig danach, daß sie auf nichts weiter hörte. Das Schlimme war, daß sie den Schwanz zu lange im Wasser ließ. Darum fror er fest. Hätte sie ihn schneller herausgezogen, so würde sie genug Fische gehabt haben. Allein sie wollte sich nicht genügen lassen. Allzuviel begehren ist niemals gut. Einen Habgierigen kann niemand sättigen. So erging es auch Frau Gieremund, als sie im Eise festgefroren saß. Das ist jetzt der Dank dafür, daß ich ihr nach Kräften half, sie herauszuheben. Allein es war umsonst, sie war mir zu schwer. Da kam Isegrim dazu. Er stand am Ufer und schimpfte und fluchte, denn er meinte, ich sei an dem Mißgeschick seiner Frau schuld. Als ich seinen Zorn sah, machte ich, daß ich davonkam. Das war gewiß auch das Klügste, was ich tun konnte, denn er war sehr aufgebracht und drohte, es mir heimzahlen zu wollen. Sehet, Herr König, er klagt, daß ihn die Bauern verfolgt haben. Oh, das tat beiden sehr gut. Es erwärmte ihnen das Blut, nachdem sie im Wasser so sehr gefroren hatten. Was soll man also weiter darauf hören? Hier steht ja Frau Gieremund. Man mag sie befragen. Ich aber bitte mir eine Woche Frist aus, daß ich mich mit meinen Freunden besprechen und mich mit ihnen beraten kann, wie ich die Klage des Wolfes beantworten soll.«
Da sprach Frau Gieremund: »Seht, Reineke, all Euer Wesen ist Schalkheit, List und Spitzbüberei, Lug, Trug und Verrat. Ja, wer Euren Worten traut, wird gewiß zuletzt hintergangen. Eure Worte sind leichtfertig und betrügerisch, wie ich es bei dem Brunnen wohl erfahren habe. Es hingen zwei Eimer daran. Ihr waret in den einen gestiegen und damit niedergesunken, daß Ihr nicht wieder in die Höhe konntet. Ich hörte Euch stöhnen und rief Euch zu: ›Wie seid Ihr denn da hineingeraten?‹ Da sagtet Ihr zu mir: ›Steigt nur in den anderen Eimer und kommt zu mir herab, so könnt Ihr Fische in Menge haben. Ich habe schon so viele gegessen, daß mir der Leib davon weh tut.‹ Ich dummes Weib glaubte das auch. Ich stieg in den Eimer und sank herab. Aber da stieg der andere Eimer, in dem Ihr saßet, in die Höhe. Darüber war ich sehr verwundert und fragte Euch, wie das zugehe? Darauf antwortetet Ihr: ›Das ist nun so der Lauf der Welt! Der eine steigt, der andre fällt! So geht es auch uns beiden. Der eine wird erniedrigt, der andere erhöht, nach den Tugenden, die ein jeder hat!‹
Darauf sprangt Ihr aus dem Eimer und lieft davon. Ich mußte aber den ganzen Tag da sitzen und war hungrig und sehr betrübt. Da kamen zwei Bauern an den Brunnen, und wie sie mich sahen, riefen sie: ›Ha, da sitzt der Räuber, der uns unsere Lämmer würgt! Und sie zogen mich heraus und prügelten auf mich los, daß ich knapp mit dem Leben davonkam. Einen schlimmeren Tag habe ich nie erlebt!«
»Das war zu Eurem Besten!« sprach Reineke, »daß Ihr so geschlagen wurdet. Und mir war es auch sehr angenehm. Ich hätte die Schläge nicht so gut vertragen können. Und einer von uns beiden mußte daran glauben. Ihr habt aber auch eine weise Lehre dabei erhalten: daß Ihr ein andermal besser auf Eurer Hut sein sollt und niemand zu viel Glauben schenken dürft. Denn die Welt ist voller Bosheit!«
»Das ist wahr,« sprach Isegrim, »ich habe es besonders an Reineke erfahren. Wie oft hat er mich hintergangen! Ich habe noch lange nicht alles erzählt. Einst kamen wir an einen Berg im Sachsenlande, wo ein Geschlecht von Affen hauste. Er hieß mich in ihre Höhle kriechen und wußte recht gut, daß es mir übel darin ergehen würde. Wäre es mir nicht gelungen, den Ausgang zu erreichen, so hätte es mir gewiß ein Ohr gekostet. Den meisten Schaden tat mir die Äffin, seine Muhme. Ihm aber war es zuwider, daß ich mit dem Leben davonkam. Ich glaubte, ich sei in der Hölle gewesen!«
Da wendete sich Reineke an alle Herren, die mit ihm bei Hofe waren, und sprach: »Isegrim ist nicht recht bei Sinnen, was er jetzt von der Äffin spricht. Und seine Worte sind nicht zu verstehen. Es ist wohl zwei und ein halbes Jahr her, daß ich mit ihm ins Sachsenland reiste. Es ist aber alles gelogen, was er sagt. Denn es war ein Meerkatzen-Geschlecht. Und auch das ist eine Unwahrheit, daß Meerkatzen meine Muhmen sind. Frau Rückenau und Martin, der Affe, das sind meine Verwandten. Er ist Notar und versteht das Recht. Was aber Isegrim von den Meerkatzen erzählt, das sagte er bloß mir zum Spott. Denn ich habe nichts mit ihnen zu tun. Sie sind niemals meine Freunde gewesen und sehen aus wie die Teufel in der Hölle. Daß ich aber die Meerkatze meine Muhme hieß, das tat ich nur aus Klugheit, um mir eine gute Aufnahme zu verschaffen.