Part 6
Hier bin ich nun von dem Kaninchen sehr schwer verklagt worden. Jetzt steht Reineke hier, und wenn es die Wahrheit gesprochen hat, so trete es vor und klage öffentlich. Es ist leicht, jemanden zu verleumden, der abwesend ist. Nach Klage und Antwort erst soll man richten. Ich habe bei meiner Treu diesen beiden falschen Kerlen, der Krähe und dem Kaninchen, manches Gute getan. Gestern früh saß ich vor meiner Burg und las in den Gebeten. Da kam das Kaninchen vorbei, grüßte mich und erzählte, daß es an den Hof wollte. ›Geh' hin,‹ sagte ich, ›und Gott sei mit dir!‹ Da klagte es mir, es wäre müde und hungrig. Ich fragte es, ob es etwas essen wolle. ›Ja,‹ sprach es, ›gebt mir einen Bissen.‹ ›Von Herzen gern,‹ sagte ich, und holte Brot und Butter und etliche Kirschen. Es ist nämlich jetzt Fastenzeit, wo ich kein Fleisch zu essen pflege. Als es nun schon tüchtig zugegriffen hatte, kam mein kleiner Sohn hereingesprungen und wollte sich von dem Übriggebliebenen etwas nehmen. Kinder lieben das Essen und sind selten ganz satt. Wie er nach den Kirschen griff, schlug ihm das Kaninchen aufs Maul, daß ihm das Blut herunterlief. Da sprang mein älterer Sohn, Reinhartchen, herbei und packte das Kaninchen an der Kehle, daß es laut aufschrie. Ich lief hinzu, trennte die Kämpfenden und schlug meine Kinder. Hat aber das Kaninchen etwas davon gekriegt, so ist ihm recht geschehen, es hätte wohl noch mehr verdient. Sie hätten ihm unfehlbar das Leben genommen, wenn ich ihm nicht zu Hilfe gekommen wäre. Das ist nun der Dank dafür! Nun sagt es, ich habe ihm sein Ohr abgerissen!
Seht, gnädiger Herr, da kommt nun der Rabe und klagt, er habe sein Weib verloren. Wie das geschehen ist, weiß er selbst am besten. Sie wollte ihren Hunger stillen und fraß einen Fisch mit allen Gräten auf. Die blieben ihr im Halse stecken, und sie ist daran erstickt. Nun sagt er, ich hätte sie totgebissen! Vielleicht hat er sie selbst ermordet! Ja, könnte ich ihn nur recht verhören, er würde vielleicht ganz anders aussagen! Wie hätte ich ihr auch so nahe kommen können, da sie fliegen kann und ich nur gehen? Will aber sonst jemand mich eines Unrechts beschuldigen, so tue er es mit gültigen Zeugen, wie es einem Edelmann gegenüber geziemt. Oder soll kein gütlicher Vertrag abgeschlossen werden, so ordne man einen Zweikampf an, bestimme Ort und Zeit und gebe mir einen Gegner, der mir an Geburt nicht nachsteht. Da kämpfe dann ein jeder für sein Recht, und wer dann die Ehre gewinnt, bei dem bleibe sie. So ist es von jeher Brauch gewesen, und ich, Herr König, werde mir mein Recht nicht nehmen lassen.«
Alle, die zugegen waren, staunten über Reinekes kühne Worte. Der Rabe aber und das Kaninchen erschraken sehr. Was sollten sie aber tun? Sie wagten kein Wort zu sagen, und verließen schleunigst das Schloß. »Wie können wir den König überzeugen,« sprach eins zum anderen, »Reineke ist uns ja doch mit Worten überlegen. Zeugen für unsere Sache gibt es ja nicht, da niemand dabei gewesen ist. In einen Zweikampf mit ihm können wir uns doch nicht einlassen. Er ist falsch, behende, listig und boshaft. Ja, wenn unsrer auch noch fünfe wären, wir müßten's alle mit Leib und Leben bezahlen. Es bleibt uns also nichts weiter übrig, als den Schaden zu tragen! Möge es ihm der Teufel lohnen, was er an uns verbrochen hat!«
Isegrim und Braun ward sehr unbehaglich zumute, als sie sahen, daß diese beiden das Feld räumten. Der König aber rief: »Wer etwas zu klagen hat, der trete vor!« Doch es meldete sich keiner; alles blieb stumm. »Merkwürdig!« sagte der König, »gestern kamen so viele! Heute ist Reineke hier, aber wo sind die Kläger geblieben?«
»Herr,« versetzte der Fuchs, »mancher klagt einen anderen schwer an, der es wohl bleiben ließe, wenn sein Widerpart ihm gegenüberstände! So machen es auch jetzt diese beiden Verleumder, der Rabe und das Kaninchen, die mich gern in Schande und Strafe gebracht hätten. Würden sie mich um Gnade bitten, so hätte ich ihnen in Gegenwart dieser Herren gern vergeben. Nun haben sie sich aber aus dem Staube gemacht, die schlimmen, bösen Buben! Sollte man auf solche hören, das wäre ewig schade! An mir allein ist nicht viel gelegen, aber mancher rechtschaffene Mann, der Euch Tag und Nacht treu dient, könnte durch ihre Verleumdung leicht in Ungnade geraten!«
»Höre mich an!« sprach der König. »Du bist und bleibst ein Betrüger und ein treuloser Verräter! Was trieb dich dazu, Lampe, den braven Ritter, ums Leben zu bringen? Eben erst hatte ich dir deine Sünden verziehen. Ich hatte dir Ränzel und Stab gegeben; du solltest nach Rom und übers Meer, und ich glaubte, du würdest ein besseres Leben beginnen. Allein das erste, was ich über dich zu hören bekam, war, daß du Lampen getötet hattest. Bellyn brachte mir den Ranzen mit Lampens Kopf. Er hat es mit dem Leben büßen müssen, und dir, du böser Bube, soll jetzt der gleiche Lohn zuteil werden!«
»Was?« rief Reineke mit erheucheltem Erstaunen. »Ist Lampe tot? Und Bellyn auch? O, weh mir, daß ich je geboren bin! So habe ich den kostbarsten Schatz verloren! Denn ich sandte Euch durch diese Boten, Lampe und Bellyn, die herrlichsten Kleinodien, die je die Erde gesehen! Wer hätte auch ahnen können, daß Bellyn die Schätze rauben und den guten Lampe morden würde!«
Der König hatte genug gehört. Zornig verließ er den Saal und war entschlossen, Reineke einen schmählichen Tod erleiden zu lassen.
12. Kapitel.
Der Mann mit der Schlange.
Im anstoßenden Gemach fand der Herrscher die Königin, seine Gemahlin, im Gespräch mit der Äffin, Frau Rückenau. Diese stand bei dem Königspaare in hohem Ansehen; sie war weise und unterrichtet, und jeder hörte auf sie, wohin sie nur kam.
Als sie nun den König zornig sah, sprach sie: »Edler Herr, ich bitte Euch, zürnt doch nicht so sehr! Und gestattet mir, daß ich ein Wort zugunsten des armen Reineke spreche. Er ist doch meinem Geschlecht nahe verwandt, und sein Unglück geht mir sehr zu Herzen. An seine Schuld kann ich nicht glauben, er ist doch jetzt freiwillig vor Gericht erschienen! Sein Vater stand an Eurem Hofe in hohem Ansehen, weit mehr als jetzt Braun und Isegrim. Diese beide verstehen zu wenig von Urteil und Recht.«
»Kann es Euch wundern,« versetzte der König, »daß ich gegen Reineke in Zorn bin? Vor kurzem erst nahm er Lampen das Leben und stürzte Bellyn mit ins Verderben. Jetzt tut er so, als wüßte er von der ganzen Sache nichts. Täglich bricht er den Frieden! Hättet Ihr nur gehört, was alles für Klagen sie gegen ihn vorbrachten, von Rauben, Stehlen, Verrätereien und Mordtaten!«
»Gnädiger Herr,« erwiderte die Äffin, »Reineke wird sehr verleumdet! Er ist klüger als die anderen alle und erregt deshalb ihren Neid. Wie oft hat er Euch mit treuem Rat zur Seite gestanden! Ihr wißt wohl noch, wie vor einiger Zeit der Mann mit der Schlange vor Euren Thron kam? Damals wußte keiner von Euren Ratgebern die Sache zu entscheiden. Da ließet Ihr Reineke kommen, und er wußte gleich das Rechte zu treffen und erntete Lob von Euch in reichem Maße.«
»Wie war doch die Geschichte?« fragte der König. »Ich erinnere mich ihrer nur noch undeutlich. Wenn Ihr es noch genau wißt, so laßt mich's hören.«
»Mit Eurer Erlaubnis soll es geschehen!« sagte die Äffin. »Es sind nun zwei Jahre her, da kamen eines Tages eine Schlange und ein Mann vor Euren Thron. Die Schlange klagte sehr zornig, daß der Mann sich dem zweimal gefällten Urteilsspruch nicht fügen wolle. Und dann erfuhrt Ihr folgende Geschichte:
Die Schlange war durch ein Loch in einem Zaun gekrochen und in einer Schlinge hängen geblieben, aus der sie sich nicht wieder freimachen konnte. Sie hätte gewiß da ihr Leben verloren. Da kam zufällig ein Mann des Weges daher. Die Schlange rief ihm zu: ›Ich bitte dich, erbarme dich meiner und mache mich los!‹ ›Von Herzen gern,‹ sagte der Mann, ›wenn du geloben willst, mir nichts Böses zu tun. Denn du tust mir leid.‹ Da schwur die Schlange, ihm niemals Schaden zufügen zu wollen. Und da erlöste er sie aus ihrer verzweifelten Lage.
Sie gingen miteinander weiter. Da die Schlange aber sehr verhungert war, schoß sie plötzlich auf den Mann zu, um ihn zu töten und zu fressen. Mit knapper Not entsprang ihr der Mann und sprach: ›Ist das der Dank dafür, daß ich dir in deiner Not geholfen habe? So hältst du deinen Schwur, mir nicht zu schaden?‹ Die Schlange erwiderte: ›Der Hunger treibt mich dazu. Das ist meine Rechtfertigung. Not kennt kein Gebot.‹ Da sagte der Mann: ›Ich bitte dich, laß mich noch so lange frei, bis wir einige unparteiische Leute treffen, die mögen entscheiden, was Recht und Unrecht ist.‹ ›So lange will ich warten,‹ versetzte die Schlange.
Sie kamen über einen Graben und trafen dort den Raben Pflückebeutel mit seinem Sohne Quackeler. Diese rief die Schlange herbei, erzählte ihnen die Geschichte und fragte sie nach ihrer Meinung. ›Du darfst den Mann fressen!‹ entschied der Rabe, denn er hoffte dabei auch für sich ein Stück zu gewinnen. Die Schlange rief: ›Hurra, gewonnen! Nun will ich auch nicht länger warten, meinen Hunger zu stillen.‹ ›Halt,‹ rief der Mann, ›frohlocke nicht zu früh! Sollte ein Räuber das Recht haben, mich zum Tode zu verdammen? Dann soll er wenigstens nicht allein über mich richten! Es müssen zum mindesten vier ihr Urteil sprechen!‹ ›Meinethalben!‹ erwiderte die Schlange. ›So wollen wir weitergehen!‹
Da begegneten ihnen der Wolf und der Bär. Dem Mann ward sehr schlecht zumute, als er sich in der Gesellschaft sah. Fünf gefährliche Feinde umstanden ihn: die Schlange, der Wolf, der Bär und die beiden Raben. ›Wie wird es mir ergehen!‹ dachte er bei sich. Bär und Wolf entschieden so: ›Die Schlange darf den Mann töten, weil der Hunger sie dazu zwingt. Die Not hebt den Eid auf.‹
Da ward dem Mann angst und bange, denn alle trachteten ihm nach dem Leben. Die Schlange schoß auf ihn zu und spritzte ihr böses Gift auf ihn aus. Er sprang zur Seite und rief: ›Du tust mir unrecht, du darfst mich nicht töten.‹ ›Wie kannst du das sagen?‹ zischte die Schlange. ›Schon zweimal ist für mich entschieden worden. Du gehörst mir, und ich fresse dich.‹ ›Ja,‹ sprach der Mann, ›das haben die gesagt, die selbst rauben und morden. Ich will mein Schicksal dem König anheimstellen. Bringt mich vor ihn; was er ausspricht, mag geschehen. Seinem Urteil unterwerfe ich mich, wie es auch sei.‹ Da sprachen Wolf und Bär zur Schlange: ›Das kannst du ruhig gewähren, denn auch der König wird zu deinen Gunsten entscheiden.‹
So kamen sie alle an Euren Hof, gnädiger Herr: der Mann, die Schlange, die beiden Raben, der Bär und drei Wölfe, denn der Wolf hatte noch seine Kinder mitgebracht, Eitelbauch und Nimmersatt. Sie kamen in der Absicht, auch an dem Mahl teilzunehmen, wenn der Mann gefressen wurde. Sie heulten und benahmen sich so plump und grob, daß Ihr ihnen den Hof verbieten mußtet. Der Mann flehte Euch um Hilfe an. Er klagte, die Schlange wolle ihn töten. Und doch habe er ihr eine so große Wohltat erwiesen, und sie habe geschworen, ihm keinen Schaden zu tun. ›Das ist freilich wahr!‹ versetzte die Schlange. ›Allein der Hunger zwang mich dazu. Und der löst alle Eide!‹ Ihr, mein gnädigster Herr König, wart sehr bekümmert über diese Angelegenheit und wußtet nicht, wie jeder zu seinem Rechte kommen sollte. Eure Majestät hielt es für unbillig, den Mann zum Tode zu verurteilen, der der Schlange so aus der Not geholfen hatte. Ihr hattet aber auch Mitleid mit dem großen Hunger der Schlange. Deshalb rieft Ihr Eure Ratgeber zusammen. Die meisten stimmten für den Tod des Mannes. Da sandtet Ihr Boten an Reineke, denn was die anderen rieten, gefiel Euch nicht.
Als der Fuchs kam, spracht Ihr: ›Wie Reineke entscheidet, so soll es geschehen!‹ Dieser sagte darauf mit Bescheidenheit: ›Herr König, laßt uns gleich hingehen und sehen, wo und wie der Mann die Schlange fand. Soll ich ein gerechtes Urteil sprechen, so muß ich die Schlange gefesselt sehen, wie der Mann sie angetroffen hat.‹ So gingen alle zu der Stelle hin, und die Schlange mußte in die Schlinge kriechen.
Darauf sprach Reineke: ›Nun sind beide wieder in der Lage, in der sie vorher waren; sie haben weder gewonnen noch verloren. Der Mann mag nun, wenn er Lust dazu hat, die Schlange schwören lassen und sie befreien, oder er kann sie in der Schlinge lassen und ungefährdet seines Weges ziehen. Dies, denke ich, ist ein gerechtes Urteil; weiß aber jemand etwas Besseres, so sage er es.‹
Sehet, Herr König, dieses Urteil gefiel Euch und auch Eurem Rate. Der Mann war frei und dankte Euch sehr für Eure Gnade; die Schlange aber kam in der Schlinge um. Reineke ward sehr gepriesen wegen seiner Klugheit. Braun und Isegrim, so sagte man, sind zwar stark und groß, und bei Fressereien sind sie stets die ersten. Aber an Klugheit fehlt es ihnen. Sie prahlen mit ihrem Mut; kommt es aber zur Tat, so zeigt es sich, was für Helden sie sind. Setzt es Schläge, so rücken sie aus, aber wirkliche Helden sollen vor dem Feind nicht weichen. Bären und Wölfe verderben das Land, sie fragen wenig danach, wessen Haus brennt, wenn sie sich nur an den Flammen wärmen können. Sie haben miteinander Erbarmen, wenn sie nur ihren Magen füllen können. Dem Armen rauben sie die Eier und meinen noch sehr gut zu handeln, wenn sie ihm die Schalen lassen. Kurz, ihr eigenes Wohl geht ihnen über alles! Wie anders Reineke Fuchs! Er liebt das Recht und die Weisheit. Braucht Ihr einen guten Rat, so könnt Ihr ihn nicht entbehren. Hat er einmal ein Unrecht getan, so ist er ja auch ein Sterblicher wie wir alle. Wie schwer würdet Ihr ihn vermissen, wenn Ihr ihm jetzt im Zorn das Leben raubt! Darum bitte ich, nehmt ihn wieder zu Gnaden an!«
Der König erwiderte: »Ich will mir's überlegen. In der Angelegenheit mit der Schlange hat er freilich einen guten Rat gegeben, das ist wahr. Aber er ist trotzdem nicht viel wert und ein großer Betrüger. Alle, denen er erst Freundschaft heuchelt, verrät er schließlich. Dem Wolf, dem Bären, dem Kater, dem Kaninchen und der Krähe ist er zu schlau, sie lassen sich alle von ihm hintergehen. Er tut ihnen nichts wie Spott und Schande an. Der eine muß ihm ein Ohr, der andere ein Auge zum Pfande lassen, mancher kommt sogar dabei ums Leben. Ich weiß nicht, wie Ihr für den Bösewicht noch ein gutes Wort einlegen könnt! Er verdient es sicherlich nicht!«
Die Äffin erwiderte: »Herr König, er ist mir nahe verwandt, und ich fühle die Verpflichtung, ihm in der Not zu helfen. Aber auch Ihr, großer König, bedenkt, daß sein Geschlecht groß und edel ist!«
13. Kapitel.
Reineke verteidigt sich weiter. Der wunderbare Ring, der Kamm und der Spiegel.
Darauf schwieg die kluge Äffin, und der König ging wieder in den Saal zurück, wo alle auf ihn warteten. Viele von Reinekes Freunden und Verwandten waren herbeigekommen, um ihrem Vetter Beistand und Hilfe zu gewähren. Aber auch seine Feinde waren zahlreich erschienen und hofften, den verhaßten und gefürchteten Fuchs bald am Galgen hängen zu sehen.
»Reineke,« sagte der König, »wie ging es zu, daß Bellyn und du dem frommen Lampe das Leben nahmt? Wie konntet ihr euch unterstehen, mich so zu verhöhnen, daß ihr mir Lampes Kopf zusandtet? Bellyn hat seine Strafe schon empfangen, und dir soll es nicht besser ergehen.«
»Weh mir! in dieser großen Not!« rief Reineke aus. »O daß ich lieber schon tot wäre! Hört mich, gnädiger Herr, und findet Ihr mich schuldig, so laßt mich gleich töten! Der Verräter Bellyn hat mir einen furchtbaren Streich gespielt. Er hat den kostbarsten Schatz geraubt, der je auf Erden war. Ich vertraute ihm und Lampe die Kleinodien an, um sie meinem gnädigen König zu senden. Bellyn muß sie unterschlagen haben, und um nicht verraten zu werden, brachte er den armen Lampe ums Leben. O, könnte man nur erfahren, wo die Sachen geblieben sind!«
»Wenn diese Schätze nur über der Erde sind,« sagte die Äffin, »so wollen wir sie schon auskundschaften. Wir wollen ohne Ermüden danach suchen, bis wir sie gefunden haben. Sagt nur, wie waren sie beschaffen?«
Reineke antwortete: »Sie waren so kostbar, daß ich fürchte, wir bekommen sie niemals wieder. Wer sie einmal hat, gibt sie gewiß nicht wieder heraus. O, wenn mein Weib das erfährt, so wird sie außer sich sein. Sie riet mir dringend ab, den beiden diese Schätze anzuvertrauen. Hätte ich nur auf sie gehört! Nun bin ich betrogen und verraten! Wer hätte aber auch dem Widder so etwas zugetraut! Doch ich will nicht ruhen und rasten und durch die ganze Welt reisen, ja selbst mein Leben daran wagen, die Kostbarkeiten wiederzufinden! Gnädiger König!« fuhr Reineke fort, »gestattet mir, zu erzählen, welcher Art die Schätze waren, die ich Euch zum Geschenk bestimmt hatte, die Ihr aber leider nicht bekommen habt.«
»Sprich,« sagte der König, »aber fasse dich kurz.«
Da begann Reineke: »Das erste Kleinod, das der Widder Bellyn von mir empfing, war ein Ring. Dieser Ring besaß seltsame, wunderliche Eigenschaften. Er war aus feinstem Gold gemacht, und an der Innenseite standen Buchstaben eingeätzt. Die Schrift war in hebräischer Sprache und wies drei Namen auf. In diesen Landen war niemand so gelehrt, daß er diese Schrift gründlich verstanden hätte, außer dem Meister Abryon in Trier. Er versteht alle Sprachen von Poitou bis Lüneburg. Auch kennt er alle Kräuter und Steine und ihre Eigenschaften.
Ich zeigte ihm diesen Ring, und er sprach: ›In diesem Ring sind wunderbare Kräfte verborgen. Als Seth das Öl der Barmherzigkeit im Paradiese suchte, brachte er auch diesen Stein mit. Auch die Namen stammen aus dem Paradiese. Wer diesen Stein bei sich tragt, der bleibt von Donner und Blitz und allem Bösen unberührt.‹ Er sagte ferner: Wer diesen Ring trüge, der könnte selbst in der grimmigsten Kälte nicht erfrieren, und die größte Hitze könnte ihm nichts anhaben. Außen an dem Fingerreife war ein heller Karfunkel, der so leuchtete, daß man in finsterster Nacht alles sehen konnte. Und noch andere Tugenden besaß der Stein. Alle Krankheiten heilte er: wer ihn berührte, der wurde gesund. Nur gegen den Tod vermochte er nichts. Wer den Ring am Finger trage, der käme glücklich durch alle Lande; Wasser und Feuer könnten ihm nicht schaden, und er könnte weder verraten noch gefangen werden. Kein Feind könnte ihn besiegen. Ja er würde die Gegner überwinden, und wenn ihrer hundert an der Zahl wären. Ferner schützte er vor Gift und anderen bösen Säften. Kurz, ich kann es nicht aussprechen, wie gut und köstlich der Ring war. Ich hielt mich auch nicht für würdig, ihn an der Hand zu tragen. Deshalb sandte ich ihn dem Könige, denn er ist der Edelste und Herrlichste im Lande. All unser Glück hängt von seinem Wohlergehen ab. Darum sollte der Ring ihn vor Krankheit und Gefahr schützen.
Ferner übergab ich dem Widder für die Königin einen Kamm und einen Spiegel, dergleichen in aller Welt nicht zu finden sein mag. Diesen Kamm und Spiegel nahm ich auch aus dem Schatze meines Vaters. O, wie oft habe ich dieser Sachen wegen mit meinem Weibe Streit und Zank gehabt! Denn sie begehrte sonst nichts auf der Welt als diese Kleinode. Ich aber hatte sie für meine gnädige Königin bestimmt, denn sie hat mir oft Gutes getan. Ja, vor allen meinen Wohltätern steht sie obenan. Sie hat oft ein gutes Wort für mich eingelegt. Sie ist von edlem Stamm, tapfer und tugendhaft, kurz sie allein verdiente, Kamm und Spiegel zu besitzen. Doch leider wird sie diese Schätze wohl nie zu sehen bekommen! Der Kamm war aus dem Knochen eines Panthers gemacht. Der Panther ist ein edles Tier, das zwischen Indien und dem Paradiese zu Hause ist. Sein Fell ist bunt und prächtig. Er verbreitet einen süßen Geruch, so daß alle Tiere, groß und klein, ihm nachfolgen, wohin er auch geht. Aus einem Knochen von diesem Tiere war der Kamm gefertigt; so klar wie Silber, rein und weiß und wohlriechend. Denn wenn das Tier stirbt, so geht sein Geruch in die Knochen über; sie verderben niemals und bleiben immer wohlriechend.
In diesen Kamm waren köstliche Bildnisse hineingeschnitzt aus rotem und blauem Lasurstein, von Goldranken durchzogen.
Da sah man die Geschichte des Paris: wie er einstmals nahe bei einem Brunnen lag und die drei Göttinnen Pallas, Juno und Venus kommen sah. Sie hatten einen goldenen Apfel und zankten sich darum, wer ihn besitzen sollte. Als sie Paris erblickten, beschlossen sie, sich seinem Urteil zu unterwerfen. Diejenige, die er für die Schönste erklärte, sollte den Apfel erhalten. Jede der Göttinnen versuchte nun, Paris zu ihren Gunsten zu stimmen. Juno sprach zu ihm: ›Gibst du mir den Apfel und preist mich für die Schönste, so mache ich dich so reich, wie noch nie ein Fürst vor dir war.‹ Pallas sagte: ›Wenn du mir den Apfel zusprichst, so sollst du groß und mächtig werden, daß Freund und Feind dich fürchten sollen.‹ Venus sprach: ›Was nützen ihm Reichtum und Macht? Ist nicht König Priamus sein Vater? Sind nicht alle seine Brüder reich und mächtig?. Alles, was ihr ihm geben wollt, hat er ja schon! Willst du mich aber als die Schönste preisen und mir den Apfel übergeben, so soll dir das Kostbarste auf Erden zuteil werden. Ich gebe dir das schönste Weib, das je auf Erden gelebt hat, Helena, die Königin der Griechen. Sie ist schön und edel, tugendhaft und weise!‹ Da gab Paris der Venus den Apfel und pries sie als die Schönste der drei Göttinnen. Sie aber führte ihn nach Griechenland und half ihm, die schöne Königin zu gewinnen und nach Troja zu bringen. Diese Geschichte stand auf dem Kamm in erhabener Arbeit, so klar und deutlich, daß es jeder verstehen konnte.
Nun höret noch, wie der Spiegel beschaffen war! An Stelle des Glases war ein schöner, klarer Beryll eingesetzt. Man sah darin alles, was eine Meile entfernt geschah, bei Tag oder bei Nacht. Hatte jemand in seinem Auge einen Flecken oder in seinem Antlitze einen Fehler und sah in diesen Spiegel, so verschwanden die Gebrechen im selben Augenblick. Ist es da ein Wunder, daß ich mich gräme, einen so köstlichen Schatz verloren zu haben? Das Holz, aus dem der Rahmen gefertigt war, hieß Sethym. Es glich dem Ebenholz, war fest und blank und konnte nie verfaulen oder von Würmern zerstochen werden. Es war kostbarer als Gold. Aus solchem Holze war zu König Krompardes Zeit das Pferd gearbeitet, auf dem er in einer Stunde hundert Meilen weit reiten konnte. Das Pferd hat nie seinesgleichen gehabt, aber leider ist meine Zeit zu kurz, um Euch diese Geschichte gründlich erzählen zu können. Der Rahmen des Spiegels war anderthalb Fuß breit. Viele Bilder waren in ihn hineingeschnitzt, deren Bedeutung in goldener Schrift darunterstand.
Die erste Geschichte handelte von dem Pferde, das neidisch war, weil es nicht wie der Hirsch laufen konnte. Es ging daher zu einem Hirten und sprach: ›Glück auf! Setze dich auf meinen Rücken und folge meinem Rat. Dort im Walde hat sich ein Hirsch versteckt. Den sollst du fangen, und ich sage dir, deine Mühe wird sich reichlich belohnen. Sein Fleisch, sein Geweih und sein Fell werden dir großen Nutzen bringen. Setze dich also auf und laß uns jagen!‹ Der Hirt sagte, er wolle es wagen, sprang auf den Rücken des Pferdes, und fort ging es in den Wald hinein. Bald kamen sie auf die Spur des Hirsches und jagten ihm, so eilig sie konnten, nach. Der Hirsch hatte aber einen großen Vorsprung, und es gelang ihnen nicht, ihn einzuholen. Da sprach das Pferd zum Mann: ›Sitze ein wenig ab und laß mich etwas ruhen, denn ich bin sehr müde.‹ ›Nein,‹ erwiderte der Mann, ›wahrlich nicht! Wir reiten weiter. Und wenn du mir nicht gehorchst, sollst du meine Sporen fühlen.‹ Seht, so wurde das Pferd ein Sklave des Menschen. Es wurde hart gestraft für seine Absicht, dem Hirsch Tod und Verderben zu bringen. So geht es manchem, der einem anderen Schaden zufügen will!