Reineke Fuchs

Part 5

Chapter 53,881 wordsPublic domain

Isegrim sagte darauf: »Es kann nicht schaden, wenn jeder seine Meinung sagt. Hört mal, Herr Leopard! Wäre Reineke hier zur Stelle und könnte beide Klagen von sich abschütteln, die heute gegen ihn vorgebracht sind, so kann ich doch eine so böse Sache von ihm melden, daß er durch sie sicher dem Tode verfallen wird. Allein ich will jetzt davon schweigen, bis ich in seiner Gegenwart die Klage vorbringen kann. Aber er wird nicht freiwillig kommen. Denn wie könnte er es wagen, dem König vor das Angesicht zu treten, nachdem er ihn in so schamloser Weise belogen hat. Wie konnte er es wagen, eine Geschichte zu erfinden von Hüsterloh und Krekelborn und dem verborgenen Schatze des Königs Emmerich, und das alles dem Könige für bare Münze auszugeben! Uns alle hat er betrogen, mich und Braun aber obendrein am eigenen Körper arg geschädigt. Ich werde mein Leben daran setzen, mich an ihm zu rächen. Sein Leben lang hat er nicht die rechte Wahrheit geredet. Nun raubt und mordet er auf der Heide. Wenn es dem König beliebt, so kann ja ein Bote zu ihm gesendet werden. Aber ich sage Euch: er wird nicht kommen. Er fühlt sich sicherer in seiner Festung Malepartus, die er für unbezwinglich hält.«

Der König erwiderte: »Isegrim hat recht, er wird nicht an den Hof kommen. Wozu sollen wir also die Zeit mit Worten verlieren? Ich will den Klagen bald ein Ende machen. Der Bösewicht richtet mir sonst mein ganzes Land zugrunde! Darum wollen wir alle nach Malepartus ziehen und die Festung belagern. Ich gebiete, daß ihr euch alle bereit haltet, mir in sechs Tagen dorthin zu folgen. Bewaffnet euch mit Harnischen, Spießen und Bogen, mit Donnerbüchsen, Pallaschen und Hellebarden. Dann wollen wir mal sehen, ob die Feste wirklich uneinnehmbar ist!«

Diesen Befehl des Königs hörten alle gern, und sie riefen: »Wir werden bereit sein, Euch nach Malepartus zu folgen!«

9. Kapitel.

Grimbart in Malepartus.

Grimbart, der Dachs, war mit am Hofe gewesen und hatte den Beschluß des Königs gehört. Er lief nun, so schnell es ihm möglich war, nach Reinekes Schloß, um ihm diese Nachricht zu überbringen. Er war sehr betrübt und sprach zu sich selber: »Ach, armer Oheim, wie wird es dir nun gehen! Du bist das Haupt unseres ganzen Geschlechts, und wir alle trauern um dich!«

Als Grimbart in Malepartus anlangte, fand er Reineke vor der Tür seines Hauses stehen. Er hatte ein paar junge Tauben gefangen, die ihren ersten Flug aus dem Neste gewagt hatten. Ihre Flügelein waren aber noch zu schwach, um sie zu tragen. Sie fielen zur Erde nieder, Reineke sah es und erhaschte sie. Als Reineke den Dachs kommen sah, ging er ihm entgegen und sprach: »Willkommen, Neffe! Ihr lauft ja so sehr, daß Ihr schwitzt! Was bringt Ihr denn für frohe Botschaft?«

Grimbart versetzte: »Eine Botschaft bringe ich Euch freilich, es ist aber leider eine recht schlechte. Hab und Gut, Leib und Leben, alles ist verloren! Der König hat geschworen, daß er Euch töten will. Er hat alle seine Ritter aufgeboten, sich mit Schwertern, Büchsen und Bogen zu bewaffnen. Mit Heeresmacht will er vor Malepartus ziehen und die Festung belagern. In sechs Tagen ist er hier. Wehe, teurer Oheim, dann seid Ihr verloren! Der König ist furchtbar erzürnt gegen Euch. Er war ganz außer sich über Euren Verrat an dem armen Lampe. Nun haben auch noch das Kaninchen und die Krähe schwere Klagen gegen Euch erhoben. Isegrim und Braun sind wieder hoch in Ehren am Hofe. Alles, was sie wollen, geschieht. Es wird nicht lange dauern, so wird der König Isegrim zum Marschall ernennen. Er ist schon jetzt mit dem König vertrauter als ich mit Euch. Seit er durch Eure Schuld ins Gefängnis geworfen wurde, hegt er einen furchtbaren Haß gegen Euch in seinem Herzen und schwört, sich an Euch zu rächen, sollte er auch sein Leben daran wagen. Er schimpft Euch Räuber und Mörder und drängt den König, das Todesurteil über Euch auszusprechen. Glaubt mir, Oheim, werdet Ihr gefangen, so müßt Ihr Abschied vom Leben nehmen.«

»Weiter habt Ihr mir nichts zu sagen?« versetzte lachend der Fuchs. »Das ist ja nicht der Rede wert. Darum seid Ihr so sehr erschrocken? Wenn es weiter nichts ist! Hätten der König und alle seine Räte noch zehnmal mehr geschworen, so hilft es ihnen doch nichts. Komme ich nur zu Worte, so will ich meine Verteidigung schon führen, daß ich schließlich als Sieger dastehe und sie die Unterlegenen sind.

Schlagt Euch die Sache aus dem Sinn, lieber Neffe. Kommt mit hinein und seht, was ich Euch vorzusetzen habe! Ein Paar Tauben, jung und fett! Ich esse keine Speise lieber, denn sie ist leicht zu verdauen, man mag sie ganz verschlucken oder klein gekaut haben. Auch die Knöchelchen schmecken süß; sie sind halb Milch, halb Blut. Ich esse gern leichte Speisen, und meine Frau hat denselben Geschmack. Kommt also herein, sie wird Euch wohl empfangen. Aber von der bewußten Angelegenheit müßt Ihr sie nichts merken lassen. Sie ist gar zu ängstlich und sieht bei kleinen Dingen oft große Gefahr. Seid darum verschwiegen! Morgen wollen wir an den Hof gehen. Aber werdet Ihr mir auch beistehen wie ein Verwandter dem anderen?«

»Mit Leib und Seele stehe ich zu Euren Diensten!« rief Grimbart aus.

»Habt Dank!« sprach der Fuchs, »wenn ich mit dem Leben davonkomme, so soll es Euer Schade nicht sein!«

»Ihr könnt getrost vor den König treten!« sagte Grimbart, »um euch zu verantworten. Denn der Leopard gab den Rat, es solle Euch nichts Böses geschehen, ehe Ihr Euch nicht selbst verteidigt habt. Derselben Meinung ist auch die Königin. Ihr wißt, was für Macht sie über den König hat. Nutzt das zu Eurem Vorteil!«

»Das werde ich tun!« sprach Reineke. »Hört mich der König nur erst an, so wird es mir auch gelingen, ihn umzustimmen!«

Beide gingen nun in das Haus hinein und wurden von Frau Ermelyn freundlich empfangen.

Sie bereitete ihnen ein köstliches Mahl von den mitgebrachten Tauben. Jeder aß sein Teil davon, aber satt wurde keiner. Jeder hätte mit Leichtigkeit noch ein halbes Dutzend solcher jungen Täubchen verzehrt.

Nach Tisch rief Reineke seine Kinder herbei und zeigte sie dem Gast. »Seht, Neffe,« fragte er den Dachs, »wie gefallen Euch denn meine Kinder, Rossel und Reinhart? Sie fangen schon frühzeitig an, sich in mancherlei Geschicklichkeiten auszubilden. Der eine fängt ein Huhn, der andere ein Küchlein. Sie können auch schon unter Wasser tauchen, um Enten und Kibitze zu erhaschen. Ich könnte sie wohl öfter auf die Jagd schicken, aber ich will sie erst klüger machen und sie erst lehren, wie sie sich vor Jägern und Hunden in acht nehmen sollen. Wenn sie das erst recht verstehen, dann werden sie uns manche köstlichen Braten verschaffen, die wir jetzt entbehren müssen. Ich sage Euch, sie schlagen ganz nach mir. Kein Tier, dem sie nachstellen, kann ihnen etwas anhaben; sie beißen ihm gleich die Kehle durch, ganz wie Vater Reineke es zu machen pflegt! Mit einem schnellen Sprung ergreifen sie ihr Opfer. Kurzum, ich kann sie nur loben, sie sind geschickt und brav.«

Grimbart sagte darauf: »Das gefällt mir, daß diese beiden unserem Geschlechte Ehre machen! Wer wohlerzogene Kinder hat, die schon früh nach Erwerb streben, hat alle Ursache, sich zu freuen.«

»Doch jetzt, lieber Grimbart,« sprach Reineke, »wollen wir zur Ruhe gehen. Ihr seid gewiß müde von der weiten Wanderung!«

Und sie gingen alle in den mit Heu bestreuten Saal und legten sich zum Schlafen nieder. Reineke aber konnte kein Auge schließen, ihm war doch sehr ängstlich zumute, und er sann hin und her über seine Rettung.

So lag er in schweren Gedanken bis an den hellen Morgen. Dann stand er auf und sagte zu seiner Frau: »Ich muß heute mit Grimbart an den Hof gehen. Aber macht Euch deshalb keine Sorgen. Spricht jemand Schlechtes von mir, so denkt nur immer das Beste. Sorgt gut für die Kinder und verwahrt unsere Festung wohl!«

»Das ist ja eine seltsame Sache!« sagte Frau Ermelyn. »Was habt Ihr denn bei Hofe zu suchen? Wißt Ihr nicht, wie schlecht es Euch neulich dort erging?«

»Es ist freilich wahr,« erwiderte Reineke, »ich war damals in großer Gefahr. Manch einer war mir nicht gut gesinnt. Aber es geht bisweilen wunderlich in der Welt zu und kommt oft besser, als man denkt. Darum ängstigt Euch nicht! Ich muß nun einmal an den Hof, aber spätestens in fünf bis sechs Tagen bin ich wieder daheim. Lebt wohl indessen!«

So nahm er Abschied von Frau und Kindern und verließ mit Grimbart die Burg.

10. Kapitel.

Reinekes zweite Beichte.

Reineke und Grimbart wanderten also miteinander über die Heide, geradeswegs nach des Königs Schlosse zu. Da sagte der Fuchs: »Es mag nun kommen, wie es will; aber ich ahne doch, daß mir die Reise zu großem Vorteil gereichen wird. Doch möchte ich gern meine Verteidigung mit leichtem Herzen führen können, und deshalb bitte ich Euch nochmals, meine Beichte mitanzuhören. Denn leider habe ich seitdem wieder manche Sünde begangen.«

Grimbart erklärte sich bereit dazu, und der Fuchs begann: »Ich ließ Braun ein großes Stück aus seinem Fell schneiden und einen Ranzen daraus machen. Ich ließ dem Wolf und seiner Frau das Fell von den Füßen abziehen und Schuhe für mich davon machen. Das tat ich aus Haß und brachte es durch Lügen so weit, daß der König ihnen sehr zürnte und sie ins Gefängnis werfen ließ. Den König selbst habe ich furchtbar betrogen. Ich erzählte ihm von einem Schatz, der aber nirgends zu finden sein wird.

Lampe habe ich getötet und verspeist. Darauf habe ich den ahnungslosen Bellyn mit Lampes Kopf zum König geschickt, der den Widder für den Übeltäter hielt und in großen Zorn geriet. Dem Kaninchen riß ich ein Ohr ab und tötete es beinahe.

Auch die Krähe klagt mit Recht, ich fraß ihr Weibchen, Frau Scharfenibbe. Alles das habe ich seit meiner letzten Beichte begangen. Allein ich habe noch ein älteres Unrecht auf dem Gewissen, das ich neulich zu beichten vergessen hatte. Das sollt Ihr jetzt auch erfahren, lieber Neffe. Es war freilich ein recht loser Streich, den ich dem Wolf gespielt habe, und ich wollte nicht, daß mir widerführe, was ich ihm getan habe. Wir gingen einmal beide zwischen Kakys und Elverdingen. Da sahen wir auf der Wiese eine kohlschwarze Stute mit ihrem Füllen weiden. Das Junge mochte etwa vier Monate alt sein. Isegrim erblickte es kaum, als schon sein Gelüste nach dem zarten Bissen erwachte. Der Hunger plagte ihn überdies sehr. Da bat er mich: ›Lieber Freund, geht doch zu der Stute und fragt sie, ob sie mir das Fohlen verkaufen will!‹ Ich tat ihm den Gefallen und fragte die Stute.

›Ja,‹ sprach sie, ›wenn Ihr gut bezahlen wollt, könnt Ihr es haben.‹ ›Was fordert Ihr denn dafür?‹ fragte ich weiter. ›Der Preis steht auf meinem rechten Hinterfuß geschrieben. Wenn Ihr ihn wissen wollt, so lest ihn dort ab,‹ antwortete die Stute. Ich wußte gleich, was sie damit meinte, ließ mich's aber nicht merken, sondern sagte: ›Nein, gute Frau, lesen und schreiben kann ich nicht. Ich selbst begehre auch Euer Kind nicht. Isegrim hat mich zu Euch gesandt, er wünschte den Preis zu erfahren. ›So laßt ihn herkommen,‹ sprach sie, ›er mag ihn ablesen.‹

Da ging ich zu Isegrim zurück und sagte: ›Die Alte will Euch das Fohlen lassen, der Preis steht auf ihrem rechten Hinterfuße geschrieben. Sie wollte es mich lesen lassen, ich bin ja aber leider des Lesens und Schreibens unkundig und habe oft Verdruß davon. Seht also selbst, Oheim, ob Ihr es entziffern könnt.‹

›Wenn es weiter nichts ist!‹ versetzte Isegrim. ›Warum soll ich es nicht lesen können? Es sei, was es sei: Deutsch, Latein, Französisch! Habe ich doch zu Erfurt die hohe Schule besucht. Und was für Schriften man mir auch zeigt, ich lese sie so glatt und leicht wie meinen Namen. Wartet hier auf mich, ich will gehen und den Handel abschließen.‹ Er ging also hin und fragte die Stute, wofür sie das Füllen geben wolle, und zwar nach dem geringsten Preis. Sie erwiderte: ›Der Kaufpreis steht auf meinem rechten Hinterfuß geschrieben.‹ ›Laßt sehen,‹ sagte der Wolf. ›Gut,‹ versetzte sie und hob ihren Fuß hoch, der mit neuen Eisen und sechs Hufnägeln beschlagen war. Er bückte sich, um zu lesen. Da schlug sie aus und traf ihn so gewaltig vor den Kopf, daß er betäubt zur Erde stürzte und wie tot liegen blieb. Die Stute sprang mit ihrem Füllen davon, so schnell sie konnte. Es dauerte wohl eine halbe Stunde, ehe Isegrim wieder zur Besinnung kam. Er lag verwundet auf dem Boden und heulte vor Schmerzen. Ich ging zu ihm und fragte ihn: ›Herr, wo ist die Stute? Seid Ihr auch satt von dem Fohlen? Warum gabt Ihr mir nicht auch etwas ab, da ich doch die Botschaft gebracht habe? Habt Ihr etwa schon nach der Mahlzeit geschlafen? Was war es für eine Schrift unter ihrem Fuße? Ihr seid doch so weise und gelehrt!‹

›Ach Reineke!‹ stöhnte er, ›spottet doch nicht! Mir armen Schelmen ist es so übel ergangen, daß es einen Stein erbarmen möchte. Die langbeinige Mähre hat ihre Füße mit Eisen beschlagen. Es stand auch keine Schrift darunter, sondern mit den sechs scharfen Nägeln, die darin steckten, schlug sie mir sechs tiefe Wunden in den Kopf.‹

So kam Isegrim mit knapper Not mit dem Leben davon. Seht, Neffe, nun habe ich Euch alles gebeichtet und bitte Euch, mir meine Sünden zu vergeben. Ich will mich auch gern nach Eurem Rat bessern und in Zukunft ein frömmeres Leben führen.«

Grimbart versetzte: »Eure Sünden sind groß. Da Ihr aber einem so schweren Schicksal entgegengeht, will ich sie Euch alle vergeben. Ich spreche Euch also feierlich davon los. Freilich, die Toten stehen nicht wieder auf. Wie gut wäre es, wenn sie noch lebten! So aber wird es Euch bei Hofe schlimm ergehen! Das, was Euch am meisten schaden wird, ist Lampes Tod. Und eine unerhörte Kühnheit war es von Euch, dem König seinen Kopf zuzuschicken!«

»Teurer Neffe!« sagte Reineke, »wer durch die Welt kommen soll, kann sich unmöglich so heilig halten wie ein Mönch im Kloster. Lampes Anblick reizte mich so sehr. Er sprang vor mir her und sah so fett und appetitlich aus, daß ich Lust bekam, ihn zu fressen; und da tat ich es auch. Den Widder Bellyn konnte ich niemals leiden, er ist so plump und dumm und ungeschickt in allen Sachen. Ich gönnte ihm nie viel Gutes. Nun heißt es zwar: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Aber, um die Wahrheit zu sagen: diese beiden habe ich nie recht geachtet. Warum sollte ich also viel Umstände mit ihnen machen? Sie haben nun den Schaden, ich aber die Sünde davon. Indessen, wie Ihr selbst sagt, die Toten kehren nicht wieder. Sprechen wir von etwas anderem!

Es ist jetzt eine gefährliche Zeit! Welches Beispiel wird uns von oben gegeben? Ich meine vom König? Raubt er nicht selbst? Oder läßt sich alles durch Bären und Wölfe heranschleppen? Gleichwohl meint er, das wäre sein gutes Recht. Niemand ist, der ihm die Wahrheit sagt oder zu sprechen wagt: Das ist unrecht getan! Weder sein Beichtvater noch sein Kaplan tut es. Warum? Sie genießen es alle mit und schweigen um ihres eigenen Vorteils willen. Will jemand kommen und klagen, so redet er in den Wind! Er vertrödelt nur unnütz die Zeit. Und was man ihm genommen hat, ist und bleibt fort. Seine Klage wird nicht beachtet, und schließlich muß er schweigen! Ja, es geht schlimm in der Welt zu! Und wird noch schlimmer werden jetzt, wo Wolf und Bär wieder beim König in Ansehen sind. Sie werden jetzt stehlen, rauben und morden, und immer heißt es, es sei im Namen des Königs. Nimmt aber mal ein armer Mann, wie Reineke, ein Huhn, dann wollen sie ihm gleich an den Hals. Ja, ja! Die kleinen Diebe hängt man, die großen läßt man laufen! Seht, Neffe, ist es nicht ganz natürlich, daß man auch an seinen eigenen Vorteil denkt? Die Großen nehmen, was sie kriegen können, also nehme ich mir auch so viel wie möglich. Bisweilen quält mich dann mein Gewissen, und ich bereue meine Taten. Lange dauert das aber nie. Und ich greife wieder zu, wo es etwas zu greifen gibt. Aus dem Gerede, das darüber entsteht, mache ich mir nichts. Denn wer kommt heutzutage nicht ins Gerede? Selbst über die Besten und Bravsten wird hergezogen! Ja, die Welt ist voll Lug und Trug, voll Heuchelei, Verrat und falschen Schwüren! Pfui, pfui und nochmals pfui!«

Grimbart antwortete: »Lieber Oheim, warum beichtet Ihr mir eigentlich die Sünden der anderen? Ich denke, Ihr habt mit Euren eigenen gerade genug zu tun! Was gehen uns die anderen an? Jeder muß sehen, wie er mit sich selbst fertig wird!«

Indessen waren sie am Schlosse des Königs angelangt. Reineke wurde nun sehr verzagt, denn er wußte noch nicht, wie er sich aus all den Anklagen herausschwindeln sollte. Doch raffte er seinen sinkenden Mut wieder zusammen und schritt stolz aufgerichtet geradeswegs auf das Schloß zu. Da kam ihm Martin, der Affe, entgegen. Er stand im Begriff, nach Rom zu reisen, und sagte zu Reineke: »Habt nur guten Mut, lieber Oheim! Ich weiß es wohl, wie Eure Sache steht.«

Reineke erwiderte: »Das Glück hat sich in diesen Tagen sehr gegen mich gewendet. Ich bin abermals verklagt, und zwar von etlichen Verrätern, nämlich von der Krähe und dem ehrlosen Kaninchen. Der eine hat seine Frau und der andere sein Ohr verloren. Könnte ich nur mit dem König sprechen, so sollte es den Verleumdern schon schlecht bekommen! Das schlimmste ist, daß ich noch immer im Bann bin. Und das habe ich Isegrim zu verdanken. Als er in Elkmar im Kloster war, verhalf ich ihm zur Flucht. Er klagte, daß er das lange Fasten und Beten nicht ertragen könnte. Jetzt bereue ich es bitter, daß ich ihm zu Hilfe kam. Denn als Dank dafür verleumdet er mich beim König und schadet mir, wo er kann. Ginge ich nun nach Rom, um von dem Bann befreit zu werden, so täte er gewiß meiner Frau und meinen Kindern Böses an, und mit ihm die anderen, die mir gram sind. Darum muß ich hier bleiben und sie beschützen. O, wäre ich nur von dem Banne frei, so würde ich mit viel ruhigerem Herzen vor den König hintreten und meine Verteidigung führen!«

»Reineke,« sprach Martin hierauf, »lieber Oheim, ich gehe gerade jetzt nach Rom und will sehen, was ich da für Euch tun kann. Bin ich doch des Bischofs Schreiber und verstehe gar wohl den Lauf des Rechts in Rom. Ich will den Domprobst, der Euch zürnt, nach Rom kommen lassen und dort ernstlich mit ihm rechten. Auch habe ich viele Freunde von mächtigem Einfluß in Rom. Seid versichert, ich verschaffe Euch Absolution!

Geht nur getrost an den Hof. Dort findet Ihr mein Weib, Frau Rückenau. Sprecht nur mit ihr, sie ist klug und erfahren, und ihr Rat gilt viel beim König und der Königin. Der König weiß schon, daß ich Eure Sache in Rom führen will. Er weiß auch, daß es mir gelingen wird, Euch vom Bann zu erlösen. Er wird auch dessen eingedenk sein, daß viele vom Affen- und Fuchsgeschlechte ihm oft die besten Ratschläge gegeben haben. Und das wird Euch helfen, und Ihr werdet wie bisher siegreich aus dem Kampfe hervorgehen!«

»Das ist ein guter Trost!« sagte Reineke. »Und ich will Eurer gedenken, wenn ich frei und los komme.«

Hierauf schieden sie, und der Fuchs und der Dachs traten in das Königsschloß ein.

11. Kapitel.

Reinekes Verteidigung.

Reineke kam also an den Hof des Königs, wo er so hart verklagt war. Er fand daselbst viele, die ihm nichts Gutes gönnten, ja ihm sogar nach dem Leben trachteten. Er sah sie alle versammelt, und ihm wurde gar ängstlich zumute. Doch faßte er sich bald wieder ein Herz und schritt frei durch all die Fürsten und Grafen hindurch. Der Dachs aber ging ihm zur Seite, bis sie beide vor den König kamen. Leise flüsterte ihm der Dachs zu: »Freund Reineke, seid nicht blöde in dieser Stunde. Dem Blöden ist das Glück selten hold, dem Kühnen aber steht es bei.«

Reineke versetzte: »Ihr redet die Wahrheit; ich danke Euch für Eure ermutigenden Worte!«

Darauf trat er dicht vor den Thron des Königs, kniete zur Erde nieder und sprach: »Gott der Herr, dem alle Dinge bekannt sind, beschütze meinen Herrn, den König, und meine Gebieterin, die Königin! Er verleihe ihnen Weisheit, zu richten, wer Recht und Unrecht hat! Es gibt viele Bösewichte in der Welt, und manchen, der von außen schön gleißt, im Innern aber falsch und häßlich ist. Wollte Gott, daß es jedem an der Stirn geschrieben stände, was in ihm ist! Dann würde mein Herr und König sehen, daß ich nicht lüge, und daß ich nur darauf bedacht bin, Euch zu dienen. Gleichwohl bin ich von Boshaften, die mir zu schaden trachten, verklagt und durch schändliche Lügen angeschwärzt. Ohne alles Verschulden hat man mir Eure Huld geraubt, mein gnädiger König! Ich aber weiß, daß Ihr klug und weise seid und Euch nicht verleiten laßt, vom Wege des Rechtes abzuweichen. Ihr habt das Euer Leben lang nicht getan und werdet es auch jetzt nicht tun. Darauf setze ich mein Vertrauen!«

Der König antwortete: »Du Bösewicht Reineke! Alle deine losen Worte helfen dir nichts. Du hast sie schon gar zu oft verschwendet und mir zu viel vorgelogen. Das alles soll nunmehr ein Ende nehmen. Wie treu du bist, das lehrt die Geschichte von der Krähe und dem Kaninchen. Und hätte ich sonst nichts wider dich, so wäre das schon allein genug, mich zu erzürnen. Aber täglich kommen neue Übeltaten von dir ans Licht. Du bist ein Schelm durch und durch! Und jetzt soll dir der Lohn für deine Schandtaten werden!«

»O weh!« dachte Reineke. »Wie wird es mir ergehen! Wäre ich nur auf meiner sicheren Burg geblieben! Jetzt ist guter Rat teuer! Nun heißt es alle Kräfte zusammennehmen, um durchzukommen!«

Und zum König gewendet, sagte er: »Großer König, edler Fürst! Habe ich nach Eurer Meinung den Tod verdient, so ist Euch die Sache nicht richtig mitgeteilt worden. Ich bitte Euch, mich anzuhören! Ich habe Euch in früherer Zeit manchen guten Rat gegeben und bin oftmals in der Not bei Euch geblieben, wenn manche von Euch wichen, die sich jetzt zwischen uns stellen und mich in meiner Abwesenheit Eurer Gnade berauben wollen. Edler König! Hört mich darum an! Und findet Ihr mich dann schuldig, so ergehe das Recht. Noch eins: Habe ich schuld, so dienet mir nichts besser als Geduld! Ihr, hoher Herr, habt meiner nicht viel gedacht, während ich oft an den Grenzen Eures Landes Wacht hielt. Meint Ihr, daß ich hier an den Hof vor Euer Angesicht und in die Schar aller meiner Feinde gekommen wäre, wenn ich mir das Geringste vorzuwerfen hätte? Nein, um alles Gold der Welt hätte ich das nicht getan! Dann wäre ich lieber auf meinem eigenen Grund und Boden geblieben, wo ich frei war. Aber ich kam, da ich mir keiner Missetat bewußt bin. Als mir mein Neffe Grimbart die Nachricht brachte, daß ich an den Hof kommen sollte, hatte ich mir gerade vorgenommen, mich von dem Banne zu befreien. Das sagte ich Martin, dem Affen, der eben im Begriff war, nach Rom zu pilgern. Er versprach mir, sich meiner Sache anzunehmen. Er riet mir, getrost an den Hof zu gehen, und gelobte mir auf Treu und Glauben, mich von dem Banne zu erlösen. So schieden wir, und ich kam an den Hof.