Part 9
Reineke sprach: »Herr, Eurem Rate folge ich immer gern. Ehe ich herkam, klagte manch einer über mich, dem ich nie Schaden zugefügt hatte. Mancher stimmte wohl nur in das allgemeine Geschrei gegen mich ein aus Furcht vor dem Wolfe. Sie merkten, daß Isegrim damals besser bei Euch angeschrieben war als ich. Wer im Recht war, das kümmerte sie nicht. Sie glichen jenen gierigen Hunden, die vor der Küche warteten, ob man ihnen nicht einen Knochen hinauswerfe. Da sahen sie einen Hund herauskommen, der dem Koch ein großes Stück gesottenes Fleisch wegstibitzt hatte. Es war ihm aber auch schlecht bekommen. Der Koch hatte ihm sein Hinterteil mit kochendem Wasser begossen und ihm den ganzen Schwanz verbrüht. Gleichwohl hielt er das Gestohlene fest. Als er nun zu den anderen Hunden kam, riefen diese: ›Seht, diesem geht es gut! Er hat den Koch zum Freunde! Welch prachtvolles Stück hat er ihm gegeben!‹ Da sprach der arme Verbrannte traurig: ›Ihr preist mich glücklich, weil ihr mich nur von vorne seht und euch das Stück Fleisch gefällt. Aber seht mich nur mal von hinten an, da werdet ihr eure Meinung bald ändern!‹ Als sie ihn nun recht besahen und bemerkten, wie verbrannt er war, wie ihm die Haare ausfielen, und wie die ganze Haut eingeschrumpft war, da befiel sie ein Grauen. Kein einziger wollte in die Küche; sie liefen weg und ließen ihn allein.
Herr, mit diesem Beispiel meine ich die Habgierigen. Kommen sie zu Macht und Ansehen, so will sie ein jeder zum Freunde haben. Man sieht täglich, ja stündlich auf sie, denn sie tragen das Fleisch im Munde. Ein jeder sagt, was sie gern hören. Jeder lobt sie, ob sie gleich nichts taugen. Und so wird ihre böse Sache immer von ihnen bestärkt. Allein die Strafe folgt ihnen endlich nach. Ihr Regiment schlägt schließlich um; zuletzt kann man sie nicht mehr leiden, und das Haar fällt ihnen auf beiden Seiten aus; das sind ihre großen und kleinen Freunde, die sämtlich von ihnen abfallen und sie allein stehen lassen, wie diese Hunde taten, als sie ihren Kameraden verbrannt, blutig und beschimpft vor sich sahen. Herr, versteht mich recht. Von Reineke soll dies nicht gesagt werden. Ich will das beste Teil erwählen, und meine Freunde sollen sich meiner nicht zu schämen haben. Ich danke Euer Gnaden gehorsamst und bin jederzeit bereit, nach Eurem Willen zu leben.«
Der König sprach darauf: »Wohl habe ich Euch verstanden, Reineke! Ich setze Euch wieder in alle Eure Ehren ein. Ihr sollt zu den ersten Baronen meines Reiches gehören. Jederzeit sollt Ihr bereit sein, in meinem geheimen Rat zu erscheinen. Der Hof kann Euren Rat nicht entbehren. Wenn Ihr Eure Weisheit mit Tugend verbindet, so steht hier niemand so hoch wie Ihr. In Zukunft will ich keine Klagen mehr gegen Euch mit anhören. Ihr sollt als Kanzler des Reiches Euer eigenes Urteil sprechen. Mein königliches Siegel lege ich in Eure Hand. Was Ihr schreibt und siegelt, das hat Geltung, als hätte ich es selbst getan.«
So wurde nun Reineke der erste Staatsdiener an des Königs Hofe. Er neigte sich vor König Nobel und sagte: »Gnädiger Herr, ich danke Euch sehr, daß Ihr mir so große Ehre erweist! Ich werde mich immer erkenntlich dafür zeigen und Eure Güte zu verdienen streben!«
Dem Wolf erging es indessen sehr übel. Zum Tode ermattet und in großen Schmerzen war er auf der Erde liegen geblieben. Nur seine Frau, seine Kinder, Braun, der Bär, und Hinze, der Kater, waren um ihn versammelt. Sie schafften eine Bahre herbei, legten ihn vorsichtig hinauf und trugen ihn traurig vom Kampfplatz. Man rief sogleich Ärzte herbei, die seine Wunden untersuchten. Er hatte deren sechsundzwanzig. Er wurde verbunden und mußte Arznei zu sich nehmen; denn er war sehr schwach und krank. Endlich schlief er ein wenig ein. Aber es dauerte nicht lange, und er erwachte wieder. Der Kummer über die erlittene Schmach ließ ihn keine Ruhe finden. Sein Weib, Frau Gieremund, saß an seinem Lager in tiefer Betrübnis. Sie jammerte über die Schmerzen, die ihr armer Mann auszuhalten hatte, und ärgerte sich, daß der Bösewicht Reineke den Sieg über ihn davongetragen hatte.
Reineke indessen weilte wohlgemut und frohen Sinnes im Kreise seiner Freunde, die ihn umschmeichelten. Der König sagte ihm freundliche Worte zum Abschied. »Reineke,« sprach er, »kehrt bald zurück, mein lieber Kanzler!«
Der Fuchs kniete vor dem Throne nieder und sagte:
»Gnädiger Herr, ich danke Euch aus vollem Herzen, wie auch meiner gnädigen Königin, Euren Räten und allen Herren am Hofe. Gott erhalte Euch lange, reich an Ruhm und Ehren! Was Ihr anordnet, werde ich jederzeit tun, nicht nur aus Pflicht, sondern auch aus Liebe! Denn ich liebe und ehre Euch, wie Ihr es verdient. Wenn Ihr es gestattet, hoher Herr, so will ich jetzt zu meinem Weibe und meinen Kindern reisen, die ungeduldig meiner harren und gewiß über mein langes Ausbleiben schon sehr bekümmert sind.«
Der König sprach: »So reist denn glücklich, mein lieber Reineke!«
So schied Reineke von des Königs Schloß, mit schönen Worten und in großer Gnade. Der König gab ihm ein ansehnliches Geleit mit auf den Weg. Wohl vierzig Ritter folgten ihm, alle sehr stolz auf diese Ehre. Reineke schritt wie ein Prinz voran. Es war ihm sehr wohl zumute. Er hatte des Königs Gnade wiedergewonnen und war Reichskanzler geworden. »Ei,« dachte er bei sich, »nun soll mir's nicht fehlen! Wem ich jetzt wohl will, dem kann ich helfen; wer mein Freund ist, dem soll's auch gut gehen! Daher preise ich die Weisheit mehr als alles Gold der Welt!«
Also ging Reineke mit seinen Freunden nach seinem Hause Malepartus. Er dankte ihnen allen sehr für ihre Treue, daß sie ihm in der Not beigestanden hatten, und bot ihnen seine Dienste für die Zukunft an. Darauf schieden sie voneinander.
Reineke trat in seine Burg ein, wo ihn Frau Ermelyn sehr erfreut willkommen hieß. Sie erkundigte sich nach den Angelegenheiten bei Hofe, und wie es ihm ergangen wäre. Der Fuchs sagte zu ihr: »Die Sache hat eine glückliche Wendung genommen. Ich stehe hoch in der Gnade des Königs. Er hat mich wieder zum Rat an seinem Hofe ernannt und mich über alle Herren gesetzt. Das gereicht unserem Geschlecht zu großen Ehren. Er hat mich zum Kanzler des Reiches erwählt, und ich werde künftighin seine Siegel führen. Was Reineke tut und schreibt, das hat Gültigkeit. Dem Wolfe habe ich wohl für immer die Lust benommen, mich zu verklagen. Er ist im Zweikampf unterlegen. Ich habe ihn auf einem Auge geblendet und schwer verwundet. Wer weiß, ob er mit dem Leben davonkommt! Aber wenn er auch lebt, Schaden kann er mir doch nicht mehr anhaben; denn ich bin sein Obermann geworden und aller seiner Gesellen dazu!«
Da war nun die Frau Füchsin über die Maßen froh, und mit ihr freuten sich die beiden Söhnchen Reinhart und Rossel, daß ihr Vater so hoch erhoben war. Sie riefen: »Nun wollen wir froh und sorglos leben, unsere Burg befestigen und immer glücklich und zufrieden sein!«
Druck von A. Seydel & Cie. G.m.b.H., Berlin SW 61.