Quer durch Uganda

Part 9

Chapter 93,408 wordsPublic domain

Am zweiten Tage nach dem Abmarsch von Kumi befand sich unser Lager auf einem freien, graslosen Platze, wo uns ein herkulisch gebauter alter Karamojohäuptling mit seinen Eingeborenen und vielen Weibern erwartete. Wir schlugen unsere Zelte unter zwei Bäumen, einige Meter entfernt vom Steppengras, auf, und ich fand auch bald einen Platz für die Aufstellung meiner Apparate. Mitten während meiner Arbeiten -- es war gerade um die Mittagsstunde -- wurde ich durch ein lautes Knistern auf einen mächtigen Steppenbrand aufmerksam gemacht, der sich in der Entfernung von einigen hundert Metern weit ausdehnte. Ich beobachtete eine Zeit lang das Umsichgreifen des Feuers, beruhigte mich aber bald, da ich bemerkte, dass ein für uns günstiger Wind das Feuer vom Lager abtrieb. Ich setzte daher meine Arbeiten fort und warf nach einiger Zeit nur zufällig einen Blick auf unser von meinem Standplatz einige hundert Schritt weit liegendes Kamp. Einen Moment lang stand mir das Herz still, denn ich sah nun zu meinem Entsetzen, daß der Wind umgeschlagen hatte und schon knapp hinter unseren Zelten das Gras in hellen Flammen stand. Eine hohe, prasselnde Feuersäule und gewaltige Rauchwolken trieben gegen unser Lager. Ich rannte, was mich die Füsse nur tragen konnten, zu den Zelten der Askari und liess gellend meine Signalpfeife ertönen. Sofort war der Sergeant sichtbar, dem ich, auf das brennende Lager deutend, „Moto, Moto!“ (Feuer, Feuer!) zuschrie. Er liess einen schrillen Alarmpfiff los, und mit blitzartiger Geschwindigkeit stürzten sich unsere braven Askari mit einigen Trägern auf die Zelte, die durch das Umwerfen der Stützsäulen und Loslösen der Stricke in wenigen Sekunden in sich zusammenbrachen. Einige holten rasch die wenigen vollen Wasserkübel aus der Küche und begossen die wie zu Zunder ausgetrockneten Zeltwände, andere peitschten mit Zweigen das hochaufflammende Steppengras nieder. Alle Mann waren fieberhaft an der Arbeit, da ja keine Sekunde verloren gehen durfte, und kämpften im beissenden Qualm und Rauch, in dem man kaum die Augen offen halten konnte, gegen den Brand an, der mit tausend gierigen, feurigen Händen und mit unheimlicher Schnelligkeit um sich griff. Jeden Augenblick sah ich mein Lager, meine Ausrüstung, die Sammlungen, Aufnahmen und Tagebücher, unser gesammtes Hab und Gut einen Raub der Flammen werden, und von diesem furchtbaren Unglück wurden wir nur durch das fast auf die Sekunde rechtzeitige Eingreifen im letzten Augenblick bewahrt. Hätte ich das Umschlagen des Feuers nur geringe Zeit später bemerkt oder meinen Arbeitsplatz in weiterer Entfernung vom Lager gewählt gehabt, so wäre wohl alles dem Untergange geweiht gewesen, meine Expedition hätte ein unfreiwilliges, vorzeitiges Ende genommen, und die Früchte monatelanger Arbeit wären in der Wildnis den Flammen zum Opfer gefallen (Tafel 43).

Ich erinnere hier an einen solch traurigen Fall, den der deutsche Forscher Dr. Berger in seinem ausgezeichneten Werke über den Afrikareisenden Böhm schildert. Er schreibt darüber: „Alles, was er auf einer langen, gefahrvollen Reise gesammelt hatte, lag zum Versand nach der Heimat fertig verpackt. Böhm schrieb nur noch die Geleitbriefe; da brach durch Unvorsichtigkeit Feuer aus. Die Hütte, in der alle Schätze lagen, stand im Nu in Flammen, die Spiritusgefässe explodierten, da gab es keine Rettung mehr. Alles, alles, was er gesammelt, seine Ausrüstung und, was fast das Schlimmste war, seine Tagebücher wurden ein Raub der Flammen. Er rettete nur das nackte Leben. Monatelang hatte er dann nichts von sich hören lassen, dieser Schlag hatte ihn zu furchtbar getroffen. Er brauchte Zeit, um sich wieder zu sammeln, wieder Mut und Kraft zu schöpfen, die schwere Arbeit von neuem zu beginnen. Leider hat er sie nicht mehr lang fortführen können. Er erlag, wie so viele Pioniere des dunklen Erdteiles, dem tückischen Klima. Die deutsche Naturwissenschaft hat in ihm ihren besten Förderer verloren.“

Nur jene, die wissen, welch enorme Summe von Mühe, Arbeit und Ausdauer die in der Wildnis vollführten Arbeiten und mühevoll zusammengetragenen Sammlungen in sich bergen, können nachfühlen, was es heisst, all das plötzlich gefährdet zu sehen oder gar zu verlieren. Ein Zufall hatte uns vor dem ärgsten Geschick bewahrt, wir standen aber noch viele Stunden unter dem furchtbaren Eindruck dieser wenigen Minuten höchster Gefahr und sahen, stumm in uns versunken, wie der schaurige Brand südlich von unserm Lager weiter in die Steppe trieb und ausser dem dürren Gras auch hohe Bäume und Büsche ergriff, die dann jedesmal wie riesige Fackeln emporflammten.

Am Nachmittag veranstaltete der Häuptling uns zu Ehren einen Eingeborenentanz, an dem sich auch die Weiber mit ihren auf den Rücken gebundenen Kindern lebhaft beteiligten. Die Musikbegleitung war, so wie in Mbale, eintöniger Gesang und Händeklatschen. Der Tanz bestand darin, dass sich die Eingeborenen in fünf bis sechs Reihen aufstellten und jeder Zweite so hoch wie möglich sprang, indem sie sich mit gestreckten Beinen alle gleichzeitig vom Boden abstiessen. Die auf den Rücken der Weiber gebundenen Kinder wurden dabei recht unsanft hin und her gerüttelt, was aber deren Trägerinnen nicht hinderte, es in den Sprüngen den Männern gleichzutun.

Spät abends kam Dr. Stigler, der mit seinem Boy Kilimandscharo schon vormittags aufgebrochen war, um einer Gazelle nachzuspüren, halb verdurstet und vollständig geschwärzt von dem verkohlten Steppengras, dessen Russ die Luft erfüllte, im Lager an. Er hatte im hohen Gras, das die Orientierung sehr erschwerte, die Richtung verloren und war bis an den Fuss des Tepes gekommen, von wo er erst nach einem vielstündigen Marsche abends wieder zurückkehrte.

Unserm Heatman war es hier gelungen, einen jungen Karamojomann aufzunehmen, der sich bereit erklärte, in das vor uns liegende Gebiet vorauszugehen und nach Wasserstellen zu suchen. Als Belohnung versprach ich ihm am Ende unserer Expedition ausser den Spesen für die Rückreise auch noch eine Kuh zu geben. Er war ein etwa 20jähriger, schlank und selten schön gebauter Eingeborener, vollständig nackt, wie alle anderen, und nach Karamojoart mit einer langen, scharfen Lanze bewaffnet. Trotzdem er als einer der gefürchtetsten und unerschrockensten Karamojoleute von ganz besonderem Mute war, von dem er später anlässlich einer Elefantenjagd einige glänzende Beweise lieferte, wagte er es dennoch nicht, als wir dann in die Gebiete der Naqua- und Toburleute kamen, sich über die nächste Sehweite von der Karawane zu trennen, da er gut wusste, dass er sich dort als Einzelmarschierender nicht lange seines Lebens freuen würde (Tafel 44).

_AM RANDE DER KULTUR._

_Die letzte Station / Die Praxis Dr. Stiglers / Der misstrauische Naquahäuptling / Die Ermordung Kirkpatricks / Die zweite missglückte phonographische Aufnahme / Billige Lebensmittelpreise / Küchensorgen / Die Disziplin in der Karawane / Gezwungene Träger._

Wir begaben uns alle am Tage, da unser Lager mit knapper Not von dem Steppenbrand verschont blieb, frühzeitig zu Bette. Uns hatte die durchgemachte Aufregung, Dr. Stigler das stundenlange Umherirren in der Steppe müd gemacht, und ausserdem hiess es am nächsten Morgen schon um 4 Uhr aufstehen, da wir bis +Kaketta+, der letzten Eingeborenenstation des von den Engländern verwalteten Gebietes, 17 Meilen vor uns hatten. In glühender Sonnenhitze marschierte die lange Karawane 5½ Stunden, da wir erst knapp vor dieser Station eine Wasserstelle fanden, an der die erschöpften Träger kurze Rast hielten. In Kaketta begrüsste uns wieder der Häuptling, der, ebenso wie seine Leute, gross und prächtig von Gestalt war. Sie hatten alle den Karamojoschmuck, schwere Eisenringe um den Hals und in der Unterlippe einen Glas-, Stein- oder Hornstift. Manche der jüngeren Leute trugen ausserdem noch in der Zungenspitze Messingringe, die oft einige Perlen aufgefasst hatten, einen ganz exotischen, sonst nirgends vorgefundenen Schmuck.

Am nächsten Tag besorgte ich meine Aufnahmen, während Dr. Stigler neben seinen physiologischen Beobachtungen auch als Arzt ausserordentlich beschäftigt war. In jedem Lager meldeten sich nach unserer Ankunft viele Eingeborene mit leidenden Füssen, Fieber usw. und baten um Medizinen, so dass Dr. Stigler sich hier in Afrika einer ausgebreiteten Praxis erfreute und täglich 20 bis 30, mitunter sogar 40 Patienten zu behandeln hatte (Tafel 45).

Mit dem Häuptling von Kaketta wollten wir uns hauptsächlich über die Gebiete, deren Bereisung uns bevorstand, besprechen, konnten aber leider keinerlei Auskünfte von ihm erhalten. Um so grösser war unsere Freude und Ueberraschung, als wir erfuhren, dass der gefürchtete Naqua-Häuptling, angeblich um seinen Bruder zu besuchen, nach Kaketta gekommen sei. Wir glaubten aber nicht an einen solchen harmlosen Besuch, sondern nahmen an, dass er von unserem Plane, durch sein Gebiet zu marschieren, Kenntnis erlangt hatte und nun nach Kaketta gekommen war, um unsere Absichten auszukundschaften. Für uns war es von ausserordentlichem Wert, diesen Mann kennen zu lernen und ihn womöglich zum Freunde zu machen, weshalb ich dem Bagandaagenten, der noch bei uns weilte, gleich den Auftrag gab, ihn zu mir zu bringen. Bald darauf erschien er denn auch mit seinem Adjutanten in meinem Zelt, wo ich ihn mit Tee, Biskuit und Fleisch bewirtete. Er kostete mit grösster Vorsicht von allem, trank aber schliesslich nur den Tee. Auch eine Zigarette, die er zuerst von allen Seiten betrachtete und dann zu rauchen versuchte, legte er gleich nach dem ersten Zuge wieder weg. Unangenehm berührt war er von dem Anblick der uns begleitenden Askari, wir beruhigten ihn aber und erklärten ihm, dass wir diese nur zur Aufrechthaltung der Ordnung unter den Trägern mitgenommen hätten, und dass wir nicht die geringsten Eroberungsgelüste besässen. Uebrigens schienen auf ihn sehr günstig die geschossenen Vögel, die ethnologischen Sammlungen und die photographischen Apparate einzuwirken, namentlich als wir ihn in die Spiegelreflexkammer hineinsehen liessen und er darin das Bild seines vor ihm stehenden Begleiters erblickte.

Abends liess ich ihm zu Ehren ein Feuerwerk abbrennen, als aber die ersten Raketen zum Nachthimmel emporstiegen, war der Häuptling, der die ganze Zeit her einen hinterhältigen und verräterischen Eindruck machte, auf einmal verschwunden, und wir fürchteten schon, dass wir ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen würden. Wäre dies der Fall gewesen, so würden wir durch sein Land keinesfalls ohne Kampf hindurchgekommen sein. Denn die Naqualeute sind ein gefürchteter, kriegerischer und grausamer Stamm, der in fortwährendem Kampf mit den Nachbarstämmen lebt und sich durch die Niedermetzelung des englischen Majors Kirkpatrick einen traurigen Ruhm erworben hat. Dieser unternahm im Jahre 1898 mit Oberst Macdonald, von Osten kommend, eine Expedition in das Mani-Mani-Gebiet. Von dort rückte Macdonald nach Norden, Kirkpatrick nach Westen zu den Naqua vor. Dieser wurde vom Häuptling und seinen Leuten scheinbar freundlich aufgenommen und versuchte mit Eingeborenenführern, begleitet von fünfzehn Askari, eine Besteigung der Naquaberge. Nichts Böses ahnend, wurde er während des Marsches auf ein Signal des Häuptlings hin überfallen und samt seinen Askari durch Lanzenstiche grausam ermordet. Oberst Macdonald brach, als er diese Mordtat erfuhr, sofort mit grosser militärischer Bedeckung in das Naquagebiet auf und rächte die Ermordung Kirkpatricks, indem er nicht weniger als vierzig Eingeborenendörfer niederbrannte.

Es lag uns also sehr viel daran, mit dem Naquahäuptling auf gutem Fuss zu stehen, und gleich am nächsten Tage liess ich ihn, der beim Feuerwerk so ohne jeden Abschied verschwunden war, wieder zu mir rufen. Er erschien auch thatsächlich und ich beschenkte ihn reichlich mit Perlen, Amerikani, Eisenringen, Spiegeln, Messern, Medaillons und allen möglichen Dingen, und brachte ihn dadurch endlich dazu, uns auf dem Marsche nach Naqua zu begleiten. Für uns war damit viel gewonnen, da wir nun, nachdem der Häuptling zugleich mit uns marschierte, einen Angriff der Naqua auf unsere Karawane für unwahrscheinlich halten konnten.

Nachmittags versuchten wir, ein Gespräch des Naquahäuptlings mit dem Phonographen aufzunehmen, und veranstalteten vorerst einige Generalproben. Als wir den Häuptling soweit unterrichtet hatten, dass wir annehmen konnten, er wisse nun, wie er sich zu benehmen habe, versagte bei der Aufnahme die in Mbale ersetzte Feder abermals, indem sie schon nach einigen Umdrehungen der Scheibe brach. Da wir an einen Ersatz in diesen Gegenden natürlich nicht denken konnten, entschlossen wir uns, den Apparat, den wir nun monatelang herumgeschleppt hatten, ohne ihn, gerade in den interessantesten Gegenden, benützen zu können, nach Europa zu schicken. Wir gaben daher die drei Kisten, in denen seine Bestandteile verpackt waren und die für uns nun nur mehr unnützen Ballast bildeten, zu den vier weiteren Kisten der ornithologischen Sammlungen und liessen sie von Kaketta aus mit Trägern unter Führung des Bagandaagenten, der uns hier verliess, über Mbale nach Jinja und von dort über Mombassa nach Wien transportieren.

Unser Aufenthalt in Kaketta hatte sich etwas verlängert, da sich Dr. Stigler eine mit heftigem Fieber verbundene Halsentzündung zugezogen hatte, die die misslichen Verhältnisse unseres Lagers verursachten. Der Platz war nämlich voll Staub, der von heftigen Winden stets emporgewirbelt wurde. Kaketta liegt sonst in nicht ungesunder, fruchtbarer und viehreicher Gegend, weshalb auch die Lebensmittel hier ausserordentlich billig waren. Ein Pfund Mehl kostet hier 1 Cent (1,6 Heller), ein Ei ebensoviel, ein Huhn 2 bis 5 Cents, ein Schaf eine Rupie (1 Kr. 60 Heller), -- das sind wohl die niedrigsten Preise, die es in Uganda geben dürfte. Unsere aus Mbale mitgenommenen Vorräte konnten wir daher reichlich ergänzen und mussten es auch wohl, da wir für die nächsten Wochen sehr geringe Aussichten hatten, Lebensmittel zu bekommen.

Bei dieser Gelegenheit scheint es angebracht, einmal Einiges über die Nahrungs- und Küchensorgen zu erzählen, mit denen wir uns in Afrika herumzuschlagen hatten. Im allgemeinen hatten wir, von den vorzüglichen englischen Konserven abgesehen, keine gute Küche, trotzdem uns stets frisches Fleisch zur Verfügung stand. Es verfolgte uns nämlich ein ganz besonderes Verhängnis bezüglich der Köche. In Entebbe hatte ich einen Kreolen aufgenommen, der dort im Hotel beschäftigt war und mir als sehr guter Koch gepriesen wurde, der nur den einen Fehler habe, dass er gerne trinke. Nachdem ich wusste, dass ihm auf unserer Reise die Gelegenheiten zu Trinkexzessen vollständig mangeln würde, nahm ich den Mann mit, musste ihm aber schon in Jinja den Abschied geben, da er sich trotzdem auf alle möglichen Arten Whisky zu verschaffen wusste. Von Jinja bis Mbale hatten wir einen Bagandakoch, der von der Kochkunst so wenig verstand, dass wir ihn bald wieder heimschicken mussten. An seine Stelle trat einer, den uns Mr. Peryman verschaffte, und dieser war entschieden der beste unter unsern Köchen, leider erkrankte er aber in Kumi so schwer an Magengeschwüren, dass ich ihn wieder nach Mbale zurückschickte und nun unsern Servierboy zum Koch machte. Allerdings hatten wir dies täglich zu bereuen, aber nachdem wir an keinen Ersatz denken konnten, behielt er das vertrauensvolle Amt während der ganzen weiteren Reise. Mit besonderer Sorgfalt wurde in unserer Küche das Geschirr und Essbesteck behandelt, das wegen der Dysenteriegefahr stets mit siedendem Wasser gereinigt werden musste. Aus demselben Grunde wurde auch der Tee mit schon kochendem Wasser zubereitet, und es kostete manchen Kibokostreich, bis unsere Leute, die nicht viel auf Reinlichkeit gaben, diese Anordnungen schliesslich als selbstverständlich befolgten.

Im Anfang unserer Reise war es überhaupt nötig, mit den Trägern, Boys und sonstigen Eingeborenen ernst und streng vorzugehen, denn nur auf diese Weise erreichten wir es, dass schon nach kurzer Zeit die ganze Karawane auf jeden Wink und Pfiff gehorchte. Die Schwarzen sind gleich grossen Kindern, lässig bei der Arbeit, voller Uebermut und unfähig, die ernste Bedeutung eines solchen Unternehmens zu erfassen. Wenn wir sie auch im ganzen gut behandelten, so musste doch jede Verletzung der Disziplin sofort bestraft werden, und nur so war es möglich, eine militärische Zucht und den unbedingt nötigen blinden Gehorsam einzuführen und aufrechtzuerhalten. Selbst unserm Heatman Abeidi, einem geschwätzigen Araber, mussten wir schon in den ersten Tagen nach unserm Abmarsch von Mbale die strenge Seite zeigen, um ihn zu belehren, dass er mit seinem endlosen Redeschwall wohl den Eingeborenen, nicht aber uns Europäern imponieren könne. Immerhin war er sonst tüchtig und brauchbar, aber das Kommando über die ganze Karawane führten natürlich ausschliesslich ich und Dr. Stigler. Von der Ausdehnung dieser Karawane kann man sich eine Vorstellung machen, wenn man bedenkt, dass ausser den 240 Eingeborenen noch 30 schwer bepackte Tragesel, vier Maultiere, ferner Kühe, Schafe und Ziegen mitgeführt wurden. Zu Beginn eines Marsches gingen die Träger stets dicht hintereinander, schwatzend, singend und lärmend, je länger er aber dauerte, desto ruhiger wurde es und desto länger -- oft bis eine oder anderthalb Meilen -- wurde auch die Karawane, da zwischen den einzelnen Trägern immer grössere Zwischenräume entstanden.

Vor unserm Abmarsche von Kaketta verteilte ich die von Wien mitgenommenen Wassersäcke und belehrte die Leute, dass sie mit dem mitgeführten Wasserquantum sehr sparsam zu wirtschaften hätten, damit es auch auf zwei Tage reichen könne. Unser Karamojomann, den wir vorausgeschickt hatten, sagte uns nämlich, dass er auf dem Wege nach Naqua nur zwei grössere Wassertümpel aufgefunden habe. Den Trägern wurde ausserdem noch der Befehl erteilt, dass unter keinen Umständen jemand zurückbleiben dürfe, da er sonst von den Shensi, den wilden Eingeborenen, ermordet würde. Die Askari wurden derart verteilt, dass auf je 15 bis 20 Träger ein Soldat entfiel und der Sergeant am Ende der Karawane marschierte. Der Führer der Nairobiträger war Sefu, unser zweiter Heatman, der aus Deutsch-Ostafrika stammte; für die Tragesel hatten wir 10 Eingeborene mit Chamsini als Heatman.

Da Dr. Stigler, der noch immer fieberkrank war, nicht marschieren konnte, sondern in einer Hängematte getragen werden musste, brauchten wir acht Mann hierfür als Träger, die wir in Kaketta vergeblich aufzunehmen trachteten. Wir griffen daher, im Einverständnis mit dem Baganda-Agenten und dem Häuptlinge, zur Gewalt. Letzterer liess am Abend vor unserm Aufbruch zehn kräftige Eingeborene unter irgend einem Vorwande in unser Lager kommen, wo ihnen erklärt wurde, dass sie unbedingt mit uns ziehen müssten. Sie weigerten sich energisch dagegen, wurden aber sofort von den Askari bewacht und am nächsten Tag gezwungen, mit uns zu marschieren. Der Druck der Verhältnisse hatte uns leider genötigt, zu dieser äussersten Massregel zu greifen.

_DURCH DAS UNERFORSCHTE UGANDA._

_Der Marsch durch die Steppe / Die erste Lagerstelle / Ein Eldorado für Jäger / Am Kirkpatricksumpf / Ein angreifendes Nashorn und sein Opfer / Am Fuss der Naquaberge / Gewaltmärsche / Zusammengebrochene Träger._

Am 26. Jänner verliessen wir Kaketta, die nördlichste und letzte Eingeborenenstation in der von den Engländern verwalteten Zentralprovinz Ugandas, und nun lag vor uns die wilde, unerforschte, pfadlose Steppe mit all den Gefahren für jene, die vorhaben, in sie einzudringen. An der Spitze der Karawane marschierte unser Karamojoführer Adubungomoi (d. h. der im Kampfe einen getötet hat) mit dem Naquahäuptling und dessen Begleiter, hinter ihnen folgten ich, mein Boy und mein Gewehrträger, die beiden jungen Schmetterlingsfänger Amissi und Paulo, dann kam die lange Reihe der Träger, von denen der erste unsere Expeditionsfahne trug, und den Schluss bildete Dr. Stigler in der Hängematte und der Askari-Sergeant. Wir bahnten uns den Weg durch hohes Steppengras mit immer häufiger werdenden Flötenakazien, deren lange spitze Nadeln wir oft unangenehm an unseren Körpern verspürten, und erreichten gegen Mittag einen grossen Wassertümpel, dessen steil abfallende Ufer vermuten liessen, dass hier zur Regenzeit ein ziemlich wasserreicher Fluss seine Fluten nilwärts wälze. Da wir nach Aussage unseres Führers und des Naquahäuptlings die nächste Wasserstelle vor Einbruch der Nacht nicht mehr erreichen würden, schlugen wir hier unser Lager auf (Tafel 46).

Nach dem Abkochen entwickelte sich an den Ufern und im Wasser selbst bald ein lebhaftes Treiben. Die Wasserfläche mit ihren ungezählten weissen und violetten Seerosen glänzte im goldenen Schimmer der hochstehenden Sonne und gegen hundert Eingeborene standen bis zur Brust im Wasser und versuchten unter grossem Geschrei mit irgend einem Angelstock ihr Petriheil. Auf unserem Abendtisch gab es daher zur Abwechslung wieder einmal frisch zubereitete Fische von der gleichen Art wie die im Salisbury-See gefangenen. Auch sonst war die Gegend sehr wildreich, und mir gelang es, für unsere Küche in kurzer Zeit zwei Digger und einen Hartebeest zu erlegen. Abends zündeten wir wie immer grosse Feuer an, um etwaige Leoparden und die heranschleichenden Hyänen vom Lager fernzuhalten.

Das Ziel unseres nächsttägigen Marsches war der Kirkpatrick-See, so benannt nach dem unglücklichen, von den Naqualeuten ermordeten englischen Major. Vier Stunden lang marschieren wir bei 43 Grad C. durch die fast baumlose Steppe, deren zwei Meter hohes Gras so steif und hart war, dass es sogar den Steppenbränden Widerstand leistete. Es sind wohl die Grasspitzen verkohlt, der untere Teil ist aber nur stark angerusst, so dass während des Marsches das Gesicht und die Hände ebenso wie unsere Kleider ganz geschwärzt wurden.

Wir nähern uns immer mehr den Naquabergen, an deren Fuss dichtes Buschland liegt, und unser Führer deutete nach Nordwest auf eine grüne Insel, die mitten in die gelbe Grassteppe eingebettet und unser nächster Wasserplatz ist. Bis dorthin ist es noch einige Meilen weit, aber das Landschaftsbild änderte sich sehr bald wie mit einem Schlage. Die öde einsame Steppe belebt sich, Zebras und Kongonis werden sichtbar, auf allen Seiten springen Zwerggazellen auf, und wir stehen mit einemmale inmitten eines prächtigen Naturwildparkes. Während unsere Karawane zum Lagerplatz abbiegt, reite ich mit Schwarzer voraus, und wir birschen beide auf je ein Rudel grosser Antilopen, die allerdings rasch flüchtig werden, dafür taucht aber weit in der Ferne ein mächtiger Elefant auf, der in kurzem Trab gegen die Naquaberge zuläuft. Wir wollten ihm den Weg abschneiden, um ihn einzuholen, aber es gelang uns nicht, und er verschwand schliesslich im Buschland. Infolge des Wildreichtums dieser Gegend beschlossen wir, einen Tag hier Rast zu halten und unsere Karawane reichlich mit Fleisch zu versehen.