Quer durch Uganda

Part 8

Chapter 83,317 wordsPublic domain

Auf diesem exponierten Posten hatte Mr. Newman, der vor vier Jahren nach Afrika gekommen und vor seiner Kommandierung nach Kumi in Mbale als Regierungsbeamter tätig gewesen war, lange Zeit viele Kämpfe mit den Eingeborenen zu bestehen und war dabei oft durch die Ueberzahl der Wilden und deren hinterlistige Kampfesweise in grosse Lebensgefahr geraten. Oft waren die Eingeborenen zu vielen Hunderten in gedeckten Stellungen und schleuderten ihre Giftpfeile gegen ihn ab. Auch Mr. Newman bestätigte uns, dass die Bageshu am Fusse des Elgon noch ein anthropophager Stamm seien, aber sie selbst glauben, dass auch wir Weisse die Schwarzen auffressen. Dieser Glaube hatte damals bei einem Bageshuträger, den wir auf den Elgon mitgenommen hatten, sehr drastischen Ausdruck gefunden. Er wollte sich trotz aller Geschenke von Dr. Stigler zu physiologischen Zwecken nicht untersuchen lassen, und es dauerte lange, bis er schliesslich durch unsere Aufklärungen von der Furcht befreit wurde, dass ihm die Kawirondoträger den Hals abschneiden und wir Europäer ihn in schmackhafter Zubereitung verspeisen würden.

Schon von Mbale aus hatte ich Mr. Newman ersucht, für mich lebende Tiere einfangen zu lassen, die ich der kaiserlichen Menagerie in Schönbrunn widmen wollte, und er teilte mir auch mit, dass der Häuptling für mich ein Straussenpaar, eine Zwerggazelle und einige Wildkatzen, sowie eine fast einjährige Elenantilope bereit halte. Ich sandte sofort einen Renner nach Mbale, um den Transport beim Wiener Obersthofmeisteramte telegraphisch anzumelden, und ausserdem auch Gouverneur Jackson in einem Telegramm um freie Ausfuhr ersuchen zu lassen, da der Ausfuhrzoll in Uganda für ein Straussenpaar die enorme Summe von 3000 Rupien (4800 Kr.) betragen hätte. Als einige Tage später die Bewilligung des Gouverneurs in Anbetracht des Umstandes, dass die Tiere für Schönbrunn bestimmt waren, eingelaufen war, hatte ich inzwischen auch noch einen ungefähr sechsmonatlichen Wasserbock und vier kleinere Gazellen erhalten. Ausserdem hatte ich von Mbale aus neben zwei zutraulichen Meerkatzen auch einen prächtigen Elgon-Adler mitgeführt, welch letzteren ich dem Transporte hinzugab, so dass zusammen zehn wertvolle Tiere nach Schönbrunn abgeschafft werden konnten. Den schwierigen Transport über die 200 km lange Strecke bis Jinja übernahm die Firma Allidina Wisram, der grösste indische Kaufmann in Uganda, der auch hier in Kumi einen Laden besass. Für die Gazellen, die getragen werden mussten, wurden Körbe geflochten, und überdies wurde noch ein Häuptling aufgenommen, der die Träger zu überwachen hatte. Von Jinja aus wurden die Tiere zu Schiff nach Kisumu gebracht, um von dort aus die 940 km lange Fahrt auf der Ugandabahn bis Mombassa zu machen. Dort blieben sie bis April und wurden dann nach Triest eingeschifft. Leider gingen auf dem langen Transport sechs Stück zugrunde, so dass nur die beiden Strausse, die Elenantilope und der Adler in Schönbrunn ankamen.

Die Gegend um Kumi ist nicht besonders wildreich, am meisten sind noch die Elefanten vertreten, auf die die Eingeborenen auch oft Jagd machen. Sie werden entweder durch einen Lanzenstich ins Herz erlegt, oder es schleicht sich ein Mann an den schlafenden Elefanten heran und haut ihm mit einem grossen, sichelartig gebogenen Messer die Sehnen des Vorderbeines durch. Die Spur wird dann verfolgt, bis man das zusammengebrochene Tier findet. Diese Art des Jagens ist begreiflicherweise sehr gefährlich, und es finden dabei oft mehrere Eingeborene ihren Tod. Elefantenweibchen und -männchen sind ungemein anhänglich, und Mr. Newman erzählte uns zwei Jagderlebnisse, die eine rührende Illustration zu dieser Anhänglichkeit bilden. Das eine Mal war er -- im Jahre 1908 -- drei Meilen weit von Mbale mit Kapitän Ormsby auf der Elefantenjagd und schoss einen Bullen, der von zwei Weibchen begleitet war. Trotz allen Lärmes waren diese von dem toten Elefanten nicht zu vertreiben, und sie verliessen ihn erst, als das Steppengras in weitem Umkreise angezündet und sie durch die Hitze und den Rauch verjagt wurden. Das andere Mal verletzte Mr. Newman einen Bullen schwer, aber nicht tötlich, woraufhin ihn zwei Weibchen in die Mitte nahmen und fortführten, so dass er erst zwei Meilen vom Anschusse entfernt zusammengebrochen aufgefunden werden konnte.

Die ersten zwei Tage unseres Aufenthalts in Kumi hatte ich zu kartographischen Aufnahmen und Ortsbestimmungen, Dr. Stigler zu physiologischen Beobachtungen benützt, und wir hatten gehofft, nach Beendigung der Arbeiten, also nach längstens drei- bis viertägigem Aufenthalte, diese letzte englische Station verlassen zu können. Aber schon wieder machten uns die Trägersorgen einen Strich durch die Rechnung. Auf kurze Strecken hätten wir genug Träger erhalten, aber für die Weiterreise bis Nimule, also weit über das englische Verwaltungsgebiet hinaus, wollte sich niemand anwerben lassen. Die in Mbale zurückgelassenen Lasten waren erst mit grosser Verspätung in Kumi eingetroffen, und wir entschlossen uns nun, da keine neuen Träger zu bekommen waren, hier sämtliche Lasten zu revidieren und nur das Allernotwendigste mitzunehmen. Auf diese Art war es möglich, sechzehn Kisten auszuscheiden, die wir auf dem weiten Umwege über den Kiogasee nilabwärts nach Nimule vorausschickten. Zu dem kam noch, dass der unersättliche Heatman Abeidi, der schon mehr Vorschuss hatte als das ganze Honorar ausmachte, einen weiteren Vorschuss verlangte, um eine Schuld bei Allidina Wisram tilgen zu können. Mir blieb nichts anderes übrig, als sein Ansuchen zu bewilligen und ihn loszukaufen, da er sonst hier festgehalten worden und meine alte Trägergarde, die ihm besonders ergeben war, durchgebrannt wäre.

So konnten wir schliesslich nach einwöchentlichem Aufenthalte in Kumi an den Aufbruch denken. Sämtliche Träger wurden wieder registriert, die Liste der Nairobileute überprüft und am letzten Abend noch die Kisten umgepackt und zwei Kisten präparierter Vögel, Schmetterlinge und Käfer über Mbale nach Europa geschickt. Mr. Newman, mit dem wir fast jeden Abend verbracht hatten, hatte uns bis an die Grenze des englischen Verwaltungsgebiets, das sich noch einige Meilen nördlich von Kumi erstreckte, einen ungemein tüchtigen, in englischen Diensten stehenden Baganda-Agenten mitgegeben, und am Morgen des 13. Jänner traten wir mit einer 250 Köpfe starken Karawane den Marsch nach dem Norden an.

_AM KUMI- ODER SALISBURY-SEE_

_Ankunft am See / Ein standhafter Patient / Die Ueberfahrt / Feuerwerk für die Eingeborenen / Etwas über die Tropenhelme / Auf der Nilpferdjagd / Afrikanische Sonnenuntergänge_

Der Weg von Kumi nach dem Norden zieht sich durch flache Gras- und Buschsteppen, in denen das Vorkommen der Flötenakazien immer häufiger wird, und führt nach vier Stunden nach Kuminyanza am südlichen Ufer des Kumi- oder Salisbury-Sees. Wir schlagen hier unser Kamp auf und werden von dem Häuptling und vielen seiner Eingeborenen begrüsst, wobei uns wieder die aus einem Schaf, Hühnern, Eiern und Milch bestehenden landesüblichen Geschenke überreicht werden. Der Salisbury-See ist an dieser Stelle einige Kilometer breit, weshalb Abeidi bereits in den Nachmittagsstunden mit der Einschiffung der Reit- und Tragtiere begann, die gleichzeitig mit einem Teil unserer Lasten auf je zwei mit Querhölzern verbundenen Einbäumen an das nördliche Ufer hinübergebracht wurden. Die Ueberbootung der Karawane hatten wir erst für den nächsten Morgen angesetzt.

Unter den Eingeborenen, die sich mit ihrem Häuptling vor meinem Zelte eingefunden hatten, erregte besonders einer unser Interesse, der ein Teratom, eine angeborene, walnussgrosse Missbildung an der Unterlippe hatte (Tafel 37). Da Dr. Stigler meinte, dass die Beseitigung dieser Missbildung eine interessante Operation wäre, die er gerne ausführen wolle, liess ich den Eingeborenen -- er hiess Akolimeri -- durch den Häuptling fragen, ob er sich einer solchen Operation unterziehen würde. Nach langer Beratung erklärte er sich dazu bereit, und Dr. Stigler packte nun aus dem Medizinkoffer die nötigen Instrumente aus. Nach deren gründlichen Desinfizierung begann er mit der ruhigen und sicheren Hand des Arztes die Missbildung von der inneren Lippenhaut loszulösen, wobei ich ihm nach bestem Laienkönnen Assistentendienste leistete. Nicht weniger als anderthalb Stunden sass der Schwarze, ohne auch nur einmal zu zucken, auf einem kleinen Feldsessel und liess die sehr schmerzhafte Operation mit der grössten Standhaftigkeit über sich ergehen. Im Hintergrund standen lautlos der Häuptling und die Eingeborenen, die mit Staunen dem Verlauf der Operation folgten und nach deren Beendigung nicht müde wurden, Dr. Stigler ihren Dank und ihre Bewunderung auszudrücken. Da bei der Lebensweise der Eingeborenen fast mit Sicherheit anzunehmen war, dass die vernähte Wunde der Unterlippe verunreinigt und dadurch Blutvergiftung eintreten würde, suchten wir den Operierten zu bewegen, mit uns zu marschieren, damit die Möglichkeit geboten sei, den Heilungsprozess zu überwachen und möglichst bald die Nähte zu entfernen. Es musste ihm aber erst lange vom Häuptling und von seinen Freunden zugeredet werden, bis er sich entschloss, wirklich mit uns zu ziehen.

Der Aufenthalt in diesem Lager war durch die ausserordentliche Hitze und die ungezählten Moskitos, die sich am Abende bemerkbar machten, alles eher denn angenehm, und wir waren froh, als am nächsten Morgen schon um 5 Uhr mit der Einbootung der Träger begonnen wurde, die in Partien von 15 bis 20 Mann in die Einbäume gebracht wurden.

Man fährt zunächst zwischen hohem Schilfgras in ganz seichtem Wasser und kommt erst nach einiger Zeit in den offenen See, der hier eine Stunde breit ist. Den grössten Teil des Seespiegels bedecken ungezählte Wasserpflanzen mit breiten fleischigen Blättern, Gruppen von Korallenbäumen (Erythrina Tomentosa) ragen wie Inseln aus dem Wasser empor, und ringsum wimmelt es von prächtigen, in allen möglichen Farben glänzenden Vögeln, die mit ihren hohen, dünnen Beinen und langen Schnäbeln graziös von Blatt zu Blatt laufen oder im Wasser untertauchen, um dort ihre Nahrung zu suchen. Unser Boot gleitet mit ruhigem Plätschern durch diese im grellen Morgensonnenscheine liegende, paradiesisch schöne Welt, und wir ziehen es, entzückt von dieser fesselnden Landschaft, vor, nicht den direkten Weg zum Nordufer zu wählen, sondern im Zickzack zwischen den grünen Bauminseln und den prächtigen, gelb und violett blühenden Seerosen, die ganze Beete bilden, hindurchzurudern. Vornehmlich reizte es mich auch, hier meine ornithologischen Sammlungen zu bereichern, und es gelang mir, 18 Stück der hier vorkommenden Vogelarten zu schiessen, die dann später für das Museum präpariert wurden.

Ungefähr 500 Meter vor der nördlichen Küste gerieten wir wieder in seichtes Wasser und hohes Sumpfgras, das immer dichter wurde, so dass in der letzten Strecke ein Durchkommen mit dem Boote unmöglich hätte erscheinen müssen, wenn nicht ein schmaler Kanal in das Gras geschnitten gewesen wäre (Tafel 38). Schon aus der Ferne hatten wir beobachtet, dass uns auf dem Ufer einige hundert Eingeborene, durchwegs grosse, kräftige, vollständig nackte Gestalten, erwarteten. Eine Menge von ihnen sprang, als wir in das seichte Wasser eingefahren waren, in den See und zog unsere Boote durch den letzten sumpfigen Teil an das Ufer. Wir sprangen ans Land und wurden, wie überall, von ihrem Häuptling und seinem Gefolge begrüsst. Der von Mr. Newman vorausgesandte Regierungsagent hatte nämlich meine Karawane schon angemeldet und alles, was zu unserer Unterstützung dienen konnte, umsichtig geordnet. Die Eingeborenen liessen es sich nicht nehmen, sämtliche Lasten bis zum Rasthaus zu tragen, was unseren eigenen Trägern, die nun frei ihrer Bürde hinter ihnen einhergingen, sehr behagte. Der Ort, wo sich unser Lagerplatz befand, hiess +Magoro+, und es stand dort ein luftiges, erst seit kurzem errichtetes Rasthaus, das wir zum Arbeiten und zur Einnahme der Mahlzeiten benutzten, während wir die Nächte in unseren daneben aufgeschlagenen Zelten schliefen. Vom Häuptling erhielt ich eine grosse Anzahl Fische aus dem Salisbury-See, von denen die schönsten Exemplare für das Wiener Hofmuseum in die Spiritusbehälter wanderten.

Abends brachte der Häuptling für physiologische Untersuchungen Dr. Stiglers die ältesten Eingeborenen der Niederlassung in unser Lager, unter denen namentlich ein abgemagertes Weib mit einer langen Pfeife und eine andere bis zum Skelett abgezehrte, über und über mit Schmutz und Schuppenausschlag bedeckte Frau auffielen, die, um nicht vor Schwäche zusammenzubrechen, von drei Männern gestützt werden musste (Tafel 39). Die kaum sichtbaren Augen waren, wie das ganze Antlitz dieser Bedauernswerten, die das Bild eines entsetzlichen Jammers, aber auch einer abstossenden Unappetitlichkeit bot, voll von Fliegen besetzt, die trotz alles Abwehrens mit der knochigen Hand immer wieder zurückkamen. Unter den alten Männern waren viele mit den gewissen tätowierten ringförmigen Narben an den Armen, so trug einer zwanzig am rechten, zwölf am linken Oberarm und noch vier Ringe am linken Unterarm. Als wir ihn fragen liessen, ob er tatsächlich soviele Männer, Frauen und Kinder ermordet habe, erwiderte er etwas ängstlich, dass er nur einen Mann und eine Frau getötet habe. Abends liess ich -- zum erstenmal auf meiner Reise -- die Kisten mit dem Feuerwerk öffnen und unter einem unbeschreiblichen Freudengeschrei und Jubel der Eingeborenen und Träger mehrere Sternwerfer, Feuerreigen und Frösche abbrennen und schliesslich einige Raketen in den dunklen Nachthimmel emporsteigen.

Unter der Hitze hatten wir gar nicht mehr zu leiden. Die Tagestemperatur schwankte zwar zwischen 40° und 44 °C, am Abend aber trat immer eine erfrischende Kühle ein, die den Aufenthalt im Freien sehr angenehm machte. Im übrigen hatten wir uns durch den monatelangen Aufenthalt in Afrika wohl schon akklimatisiert. Das einzige Unangenehme war nur der Tropenhelm, der wegen der Gefahr eines Sonnenstiches leider den ganzen Tag bis Sonnenuntergang getragen werden musste. Ich möchte bei dieser Gelegenheit jedem, der eine Reise in Tropengegenden beabsichtigt, raten, bei Ankauf des Tropenhelmes mit besonderer Vorsicht vorzugehen. Es gibt sehr leichte Korkhelme, die jedoch keinen wasserdichten Ueberzug haben, und nach öfterem Nasswerden unbrauchbar sind; ferner einen schweren, fast unverwüstlichen Helm, der aber in der grossen Hitze und bei andauernden Märschen sehr lästig und unangenehm wird, und schliesslich noch eine dritte Qualität, die im Aussehen der zweiten gleicht, bei gleicher Widerstandsfähigkeit aber bedeutend leichter ist. Sie ist die einzig richtige, empfehlenswerte Kopfbedeckung in den Tropen und wird auch fast von allen in Afrika stationierten englischen Offizieren und Beamten getragen.

Der nächste Tag war zur Gänze der Jagd auf dem Salisbury-See gewidmet, die zwar in erster Linie den Vögeln galt, aber wir hofften, auch auf Nilpferde zu stossen, die wir schon in der ersten Nacht am See laut brüllen gehört hatten (Tafel 40). Auch der Häuptling hatte uns mitgeteilt, dass namentlich im östlichen Teile des Sees viele Hippo vorhanden seien, und den Eingeborenen am Seeufer den Auftrag gegeben, für mich und den Photographen Schwarzer zwei Einbäume bereitzuhalten. Als wir dorthin gelangten, erwartete uns bereits eine grosse Zahl Eingeborener. Da das Ufer an dieser Stelle gänzlich versumpft und verschlammt ist, liessen wir uns zu den Booten tragen, die dann ein grosses Stück in den See hinausgeschoben wurden, bis das Wasser so tief war, dass man rudern konnte. Im ersten Einbaum hatte ich mit einigen Trägern, im zweiten Schwarzer mit der gleichen Bemannung Platz genommen. Er hatte in seinem Boot ausserdem noch den Kinoapparat, um die Wasservögel aufzunehmen. Die erste Beute, die ich mit dem Mannlicher-Schönau erlegte, war ein schöner Balaeniceps rex, Schuhschnabel, der in 80 m Entfernung am Rande einer der vielen Grasinseln stand.

Nach einer Stunde, in der noch mancher schöne Vogel sein Leben lassen musste, fuhren wir in den offenen See hinaus und gewannen den Ausblick auf ein bezaubernd schönes Bild. Der Bergkoloss des Konkoro (Mount Debasien) zeigte sich hier von seiner steilen Seite, als ob er direkt aus dem Wasser emporstiege, in dem sein klares und scharfes Spiegelbild bis auf den Grund zu reichen schien. Ringsum war der See mit den schönsten Blüten der Wasserrose bedeckt, die zwischen den grossen herzförmigen Blättern in Weiss, Lila und Rosa herausleuchteten, und die bereits hochstehende Sonne tauchte alles in goldigen Schimmer. Soweit das Auge reichte, herrschte unendliche Ruhe, und in mir stieg angesichts dieser ganz eigenen, durch den Sonnenreflex und die schwere Luft gedämpften Farbenpracht lebhaft die Erinnerung an ein ähnliches Bild auf, das sich mir hoch oben im Norden dargeboten hatte, als ich mich auf meiner Grönlandexpedition im Schein der Mitternachtssonne zwischen blaugrünen Eisbarren langsam an eine Bartrobbe anrudern liess.

Wir fuhren ungefähr eine halbe Stunde lang in das offene Wasser hinaus, als uns ein plötzliches Schnauben und Brüllen auf eine links vor uns schwimmende Herde von Nilpferden aufmerksam machte, von denen die Köpfe aber nur wenige Zentimeter über dem Wasser sichtbar waren. Die Eingeborenen legten sich mit voller Kraft in die Ruder, aber kaum kamen wir näher, verschwanden die schwarzen Punkte, um erst nach einiger Zeit in ziemlicher Entfernung wieder aufzutauchen. Dies Versteckspiel wiederholte sich einige Male, bis es uns endlich gelang, durch ruhiges und langsames Rudern bis auf 150 Schritte an die Tiere heranzukommen. Dem Stärksten unter ihnen schiesse ich eine 9½ mm Vollmantelkugel ins Hinterhaupt und es sinkt sofort unter Wasser. Da es immer mehrere Stunden dauert, bis ein geschossenes Nilpferd wieder an die Oberfläche kommt, fuhren wir weiter auf eine neue vor uns auftauchende Herde zu, von der ich abermals das stärkste Stück mit einem Kopfschuss traf. Nun zeigten sich auf allen Seiten grössere Herden bis zu 25 Tieren, als wir plötzlich mehrere Schüsse nacheinander fallen hörten, die Photograph Schwarzer abgab, den wir inzwischen ganz aus den Augen verloren hatten. Wir ruderten rasch zu ihm, der schon vier Hippo erlegt hatte und schliesslich mehrere Schüsse abgeben musste, um die auf sein Boot zukommenden Tiere abzuwehren. Ich suchte mir aus der grossen Herde einen besonders starken Bullen aus und traf ihn im Kopf, worauf er sich blutüberströmt überschlug, so dass der ganze Oberkörper sichtbar wurde. Das schwerverletzte Tier schwamm erst gegen unser Boot zu, so dass wir mit aller Kraft zurückrudern mussten, dann tauchte der mächtige Schädel unter furchtbarem Gebrüll nochmals vor unserem Boot auf, und erst ein zweiter Kopfschuss brachte das Tier zum Untersinken.

Das Einbringen der geschossenen Tiere überliessen wir den eingeborenen Ruderern, die genau wussten, wo sie gesunken sind, denn wir hatten grösste Eile, um vor Einbruch der Nacht die Landungsstelle zu erreichen, wo wir schon den Häuptling mit den Eingeborenen uns erwarten sahen. Auf der Rückfahrt nahm Schwarzer, der mit seinem Boote knapp hinter mir war, die Wasservögel kinematographisch auf, dann näherten wir uns wieder den Gras- und Bauminseln, indes die Sonne wie ein dunkelrot glühender Feuerball knapp über dem Horizont stand und die ganze Wasserlandschaft mit ihrem Purpur übergoss. Das Bild dieser zwischen einer Dunst- und Wolkenschicht untergehenden Sonne, das uns schon so oft gefesselt hatte, prägt sich dem Afrikareisenden unvergesslich ein, es erhöht jenen wundersamen Zauber des Lebens in äquatorialen Gegenden und erweckt in ihm das fast unwiderstehliche Verlangen, immer wieder diese Gebiete aufzusuchen.

Die unendliche Ruhe, die über dem See liegt, wird nur hie und da von dem krächzendem Schrei eines aufgeschreckten Wasservogels und von dem gleichmässigen Plätschern der ins Wasser tauchenden Ruder unterbrochen. Als wir aber den seichten Stellen am Ufer nahe kamen, hat diese Stille ein Ende erreicht, denn eine Schar junger Eingeborener springt uns im Wasser lustig und lärmend entgegen, um unsere zwei Boote die letzte sumpfige Strecke zu schieben. Vier kräftige Arme packen mich und tragen mich durch den Schlamm an das trockene Land. So endete dieser schöne Ausflug mit reicher ornithologischer Ausbeute und der ersten Jagdgelegenheit als ein in angenehmer Erinnerung bleibender Rasttag.

Indessen war es schon finstere Nacht geworden, und wir bestiegen unsere Maultiere. Die Boys leuchteten uns mit den mitgenommenen Laternen den Weg, und nun ging es im Trab eine volle Stunde lang unserem Lager zu, während unsere Träger gleichen Schritt hielten, ohne zu ermüden. Auch sie waren in bester Stimmung, wussten sie doch, dass es am nächsten Tag viel Hippofleisch geben werde. Ich hatte angeordnet, dass von den geschossenen Hippo die eine Hälfte den Eingeborenen und die andere den Trägern gehöre. Ziemlich ermüdet langten wir gegen 9 Uhr in dem von unseren Lagerfeuern hell erleuchteten Kamp an, wo uns ein gedeckter Abendtisch erwartete und ich noch lange mit meinem Gefährten Dr. Stigler über die Eindrücke dieses ereignisreichen Tages plauderte, der die Erinnerung an mein afrikanisches Leben um ein schönes Stück bereichert hat.

_EIN STEPPENBRAND_.

_Durch Busch und Steppe / Das Lager in höchster Gefahr / Rechtzeitige Hilfe / Das Schicksal eines Afrikaforschers / Eingeborenentänze / Ein neuer Führer._

Am nächsten Tage brachen wir unser Lager ab und setzten unseren Marsch nach Norden bei tropischer Hitze fort. Die Gegend war nicht mehr so dicht bevölkert wie bisher und das Wild daher auch nicht mehr so ausgerottet. Da und dort war eine Gazellen- oder eine Nashornfährte zu sehen, und im Busch bemerkten wir viele aus der Regenzeit stammende Elefantenspuren. Die erste Station, die wir passierten, war +Kerimi+, dann ging es durch das flache Gelände dem sich steil aus der Ebene erhebenden Tepes zu, der gegen Westen scharf abstürzt und in dem sich ihm anschließenden Kissim (fälschlich Nopak genannt) sich wieder zu respektabler Höhe erhebt, und in nördlicher Richtung gegen Kalirimi oder Gyotum verläuft. Der Weg führte durch dichtes Buschland mit hohem, dürrem Gras, das nach den häufigen Steppenbränden in wenigen Tagen stets wieder frisch und grün emporspriesst (Tafel 41–42).