Quer durch Uganda

Part 7

Chapter 73,308 wordsPublic domain

Am Nachmittage hatten wir einige Leute des Karamojo- und Jiwestammes, die mit Kapitän Taughners Karawane in Mbale angelangt waren, gegen Zusicherung eines guten Bakschisch in unser Lager kommen lassen, wo Dr. Stigler an ihnen physiologische Studien und ich photographische Aufnahmen machte. Ausser dem Häuptling von Jiwe, einem sehr gesprächigen und freundlichen Menschen, waren einige Karamojomänner gekommen, alles kräftige und schlank gebaute, muskulöse Gestalten mit wildem Gesichtsausdruck (Tafel 26). Sie trugen fast gar keine Kleidung, nur der eine oder andere von ihnen deckte mit einem kleinen Stück Fell seine Blösse und trug eine dünne Eisenkette um den Leib geschlungen. Das auffallendste an ihnen ist die Frisur, die sie, mit Lehm und Fett beschmiert, in zwei charakteristischen Formen tragen. Die Karamojo hatten vom Hinterhaupt nach abwärts einen grossen, schildartig geformten, flachen Haarbeutel an ihren Haaren hängen, der Jiwehäuptling hatte vorne und rückwärts sein Haar kammförmig frisiert, beziehungsweise diese Formen mit Zuhilfenahme von Lehm und Fett kunstvoll modelliert. Der Oberkörper, besonders die Arme und anschliessenden Brustpartien, sind stark tätowiert und zwar ringförmig um die Arme und die angrenzenden Teile der Brust. Man behauptet, dass bei diesem Stamme am rechten Oberarm jeder Tätowierungsring das Zeichen für die Ermordung eines Mannes, auf dem linken Oberarm für die eines Weibes und am linken Unterarm für ein getötetes Kind sei. Das kriegerische Aussehen der Karamojo wird noch durch einen langen elastischen Speer und einen verhältnismässig kleinen Schild gehoben. Ihr Schmuck besteht aus Eisenringen um den Hals, an den Armen und Fussgelenken. Einige trugen auch einen eigentümlich geformten eisernen Fingerring, der einen scharfen sichelartigen Fortsatz zeigte. Angeblich soll er als Rasiermesser dienen, man sagte uns aber, dass die Karamojo mit diesem Sichelring ihrem Gegner auch oft in einem unvorbereiteten Moment den Bauch aufschlitzen.

Der Häuptling von Kilimi, der sich auch unter unseren Besuchern befand, wies auf seinem rechten Arme nicht weniger als 21 tätowierte Ringe auf (Tafel 27). Ausserdem waren Hals, Rücken und Gesicht von schweren Narben zerrissen. Er erzählte über unser Befragen, dass er sich dieselben bei dem Kampfe mit einem Leoparden geholt, der sein Reittier angegriffen hatte. Ohne Zaudern war er auf die Bestie gestürzt, fasste sie mit der einen Hand bei der Gurgel und würgte sie nach Kräften, während er mit der anderen das Messer zog und darauf losstach. Der Leopard liess sofort von dem Tier ab, schlug aber dafür die Krallen seiner Tatzen in das Gesicht und den Nacken des mutigen Mannes, der es mit dem Messer solange zerfleischte, bis es verendet zu Boden fiel. Der Häuptling war schwer verwundet, aber er hatte mit kühner Todesverachtung sein Reittier gerettet. Man muss hierbei bedenken, dass bei allen wilden Völkern das Haustier einen ausserordentlichen Wert besitzt. In Karamojo bedeutet der Esel oder die Kuh das Geld, mit dem sich der Eingeborene Waffen, Hausgeräte und alle sonstigen Bedarfsmittel einkauft. Für ein krankes Tier sorgt er mit grösserer Sorgfalt als für sein erkranktes Weib oder Kind. Es ist daher auch zu verstehen, dass dieser mutige Kilimimann für das bedrohte Reittier, das ja überhaupt im Werte an höchster Stelle steht, sofort sein Leben in die Schanze schlug.

Die Karamojostämme leben in fortwährendem Kampfe miteinander. Ein Stamm sucht den andern zu überfallen und bei dieser Gelegenheit alles zu rauben und niederzubrennen. Zum Teil sind sie sogar mit aus Abessynien geschmuggelten Gewehren bewaffnet. Die Strafexpedition Kapitän Taughners sollte namentlich den Eingeborenen von Dodosi und Dabossa eine Lektion erteilen. Trotzdem diese sehr streng ausfiel, hunderte von Wilden erschossen und vierzig Dörfer niedergebrannt wurden, geschah es, dass nicht mehr als drei Stunden von Kapitän Taughner entfernt weitere Raubzüge vorkamen.

Am nächsten Morgen kam mein Heatman Abeidi mit der Meldung, dass er nun sämtliche Träger bis auf 30 beisammen habe. Sie wurden alle auf der Boma registriert, der englische Stations-Offizier stellte mir die zugesagten 15 Askari unter einem Sergeant als Kommandanten zur Verfügung, die ich auch alle gleich antreten liess, um die Träger besser beaufsichtigt zu haben und ein Durchbrennen zu verhindern. Die Zahl der Tragesel -- aus Kilimi waren statt der 30 nur 17 gekommen -- komplettierte ich mit denen, die Kapitän Taughner aus Karamojo mitgebracht und die er mir käuflich überlassen hatte. Sie mussten 4000 Pfund Mehl für die Eingeborenen, die mich begleiteten (Träger, Diener, Askari und Heatman) tragen.

Zu guter Letzt musste ich in Mbale noch meinen Diener Combo Mohamed, den ich schon seit Mombassa mitführte, verhaften lassen, da ich ihn in flagranti dabei erwischte, wie er mir Geld stahl. Bei der Auszahlung der Träger, wobei ich ihn ungesehen beobachtete, füllte er ungeniert die Taschen seiner Khakihose. Ich überraschte ihn hierbei, und als er seinen Sack entleerte, fand ich nicht weniger als 136 funkelnagelneue Zentstücke, die er verschwinden lassen hatte. Kaum war Combo verhaftet und auf die Boma gebracht worden, begannen die Träger und übrigen Boys, bei denen er sich grossen Respekt zu verschaffen gewusst hatte, zu beichten, und verrieten, dass er auch gesehen wurde, wie er Papiergeld wechseln liess, und dass er schon einmal auf einer Expedition nach dem Kongo wegen Diebstahls eine grössere Strafe hatte abbüssen müssen. Combo hatte mir von dieser Expedition ebensowenig mitgeteilt wie davon, dass er bei Professor Koch anlässlich dessen Schlafkrankheitsstudien am Viktoria-See monatelang als Boy gedient hatte. Er hatte mir in Mombassa nur ein Zeugnis des deutschen Forschungsreisenden Geh. R. Stuhlmann vorgewiesen, bei dem er zwei Jahre war und wo er auch die deutsche Sprache erlernte. Diese Sprachenkenntnisse meines Dieners gereichten mir aber eher zum Nachteil, da ich dadurch weniger Gelegenheit hatte, Suaheli zu sprechen, das ich mir durch meine Studien in Wien schon ziemlich angeeignet hatte. Im übrigen wäre Combo ein schlauer, flinker und sehr brauchbarer Diener gewesen, wenn er ausser seiner diebischen Veranlagung nicht noch einige andere Fehler gehabt hätte -- er war ein leidenschaftlicher Trinker, Spieler und Verehrer des weiblichen Geschlechtes, hätte also ganz gut nach Europa gepasst, wo er ja genug gleich Veranlagte gefunden hätte. In Nairobi kaufte ich ihm einen Khakianzug, Hemden, Fez und braune Schnürschuhe, aber schon in Entebbe lief er barfuss herum, da er alles verklopft hatte, um sich dafür Eingeborenenbier zu kaufen. Nun musste er wieder einmal Busse tun. Nach einstündigem Verhör wurde er zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, und schon am nächsten Tage sahen wir ihn, die Kette um den Hals, mit anderen Gefangenen schwere Wasserkrüge tragen.

Die Möglichkeit, an Stelle Combos in Mbale einen anderen Boy aufzutreiben, war ganz ausgeschlossen, und so musste ich den einzigen englisch sprechenden Eingeborenen meiner Karawane, den Dolmetsch Simon, der auf der englischen Missionsstation in Kampala erzogen worden war, zu meinem Boy machen. Er erwies sich in der Folge als tüchtig und ehrlich, so dass ich ihm später auch die Verfügung über die Geldkiste anvertrauen konnte. Er führte genau Buch, und seine Abrechnungen stimmten jedesmal bis auf den letzten Zent.

Am 3. Jänner erklärte ich meinem Heatman, dass unter jeder Bedingung am nächsten Morgen abmarschiert werde, auch wenn noch einige Träger fehlen sollten. Für diesen Fall hatte uns Mr. Peryman zugesagt, die Lasten, die wir zurücklassen mussten, innerhalb weniger Tage mit eigens hierzu aufgenommenen Trägern nach Kumi, der letzten englischen Station zu schicken. Trotzdem sagte Abeidi, dass wir erst nachmittags aufbrechen könnten, da er noch seine eigenen Träger und Einkäufe besorgen müsse, für die er übrigens einen weiteren Vorschuss von 300 Rupien benötigte. Ich war damit einverstanden und drängte ihn zur Eile, da nicht nur die Gefahr des Durchbrennens der aufgenommenen Träger mit jedem Tage grösser wurde, sondern auch deren Erkrankungen immer mehr zunahmen, was Dr. Stigler am meisten zu fühlen bekam. Dabei hatten wir aber schon knapp nach unserer Rückkehr vom Elgon einige schwächliche und kranke Eingeborene ausbezahlt und in ihre Heimat geschickt.

_VON MBALE NACH KUMI._

_Aufbruch der Karawane / Die Askari / Auf der Strasse nach Kumi / Im Hause des Distriktkommissärs / Ein moderner Raub der Sabinerinnen / Ehetragödie eines Eingeborenen / Die Busoga und die Teso / Die Dorfanlagen der Eingeborenen / Friedhöfe in Wohnhütten / Auf exponiertem Posten / Tiere für Schönbrunn / Elefantengeschichten / Der unersättliche Heatman._

Am 4. Jänner hatte unser Aufenthalt in Mbale, der länger währte, als wir beabsichtigt hatten, sein Ende erreicht. Die bisher angelegten Sammlungen wurden auf die Boma, das Amtshaus, gebracht, da Mr. Peryman so liebenswürdig war, deren Weitertransport nach Jinja zu besorgen. Ausserdem hatten wir bei ihm noch zwanzig Lasten zurückgelassen, für die wir keine Träger auftreiben konnten. Der Abschied von Mr. Peryman und den englischen Regierungsbeamten, die uns alle die besten Glückwünsche mit auf den Weg gaben, war ein ungemein herzlicher. Von Dr. Sells, unserem Begleiter auf den Elgon, hatten wir uns schon früher verabschiedet, da er sich drei Tage vorher nach dem Sirokoflusse begeben hatte, um dort die Verbreitung der Glossina palpalis zu studieren.

Um 3 Uhr nachmittags setzte sich der Zug endlich in Bewegung: ausser uns Europäern 218 Eingeborenenträger und die 15 Askari mit einem Sergeanten, einem prächtigen Sudanesen, und einem Korporal, dann noch die Tragesel und vier Maultiere, also eine Karawane von stattlicher Länge. Die Askari waren entsprechend verteilt, um die Ordnung aufrecht zu halten, in der Nacht hatten sie die unter dem Vordach unserer Zelte aufgestapelten Kisten und Koffer zu bewachen. Bei den späteren Gewaltmärschen durch unerforschtes Gebiet haben sie uns ganz ausgezeichnete Dienste erwiesen, da tatsächlich viele Leute infolge des Wassermangels zusammenbrachen und nur durch die Hilfe der Askari, die sie oft spät abends noch in den Kamp brachten, nicht zurückblieben. Sie trugen Khakianzug und Fez, und waren ausser mit dem Seitengewehr auch noch mit einem Repetiergewehr und der entsprechenden Munition bewaffnet.

Schon zwei Stunden nach Mbale -- bei einbrechender Dämmerung -- schlugen wir an der Strasse unser Lager auf, da wir den nächsten Kamp vor Beginn der Nacht unmöglich erreicht hätten. Wir waren froh, von Mbale überhaupt weggekommen zu sein, da dort die Träger zu viel Gelegenheit hatten, sich zu betrinken oder krank zu melden. Trotzdem war die Entfernung noch nicht gross genug, denn ich musste am nächsten Morgen, als ich die Leute antreten liess, vier Träger vermissen, denen der Abschied von Mbale wahrscheinlich so schwer geworden war, dass sie wieder dorthin zurück durchbrannten.

Die Strasse, auf der wir nach dem 35 Meilen entfernten Kumi marschierten, war breit und gepflegt, vor einem Jahre gebaut, und führte durch schönes Buschland und Plantagenanlagen. Zur Rechten hatten wir noch immer das prächtige Bild des Elgonmassivs und des im Hintergrunde aufsteigenden Konkoro (Mount Debasien), und in nächster Nähe erheben sich oft mächtige, in das vulkanische Terrain eingestreute Findlinge und grosse Granitblöcke, die das Landschaftsbild sehr beleben (Tafel 28). Auf der Strasse begegnete uns hie und da ein Ochsengespann, hoch mit Baumwolle beladen, die bis Kumi von den Eingeborenen geerntet wird, aber wir wussten, dass die Bequemlichkeit dieser Strasse, die ebenso gepflegt war wie die von Kampala nach Norden führende, nur wenige Tagereisen währte, und dass dann jene Gebiete beginnen würden, in die die Kultur noch nicht eingedrungen war.

Nach vierstündigem Marsche kamen wir zu den Rasthäusern von +Bukedia+, deren Benützung wir aber den Trägern überliessen, während wir selbst unsere Zelte aufschlugen. Der Häuptling der Niederlassung erwartete uns mit seinen Ministern und vielen Eingeborenen und brachte uns ein Schaf, Milch und Eier. Tags darauf legten wir durch ziemlich ebenes Land mit weitausgedehnten Baumwollpflanzungen die restlichen 12 Meilen nach Kumi zurück. Kumi liegt auf einem Plateau, etwas erhöht über die flache, steppenartige Umgebung, wodurch sich die Bergmassen des Konkoro, Tepes, Kissim und der in weiter Ferne liegenden mächtigen Naquaberge besonders schön zeigten. Im Norden läuft ein schmaler Silberstreifen von Ost nach West, der Spiegel des Salisbury- oder Kumi-Sees. Der Ort hat einige indische Kaufläden, deren Besitzer sich hauptsächlich mit Baumwollhandel befassen, und ist seit anderthalb Jahren der Sitz eines englischen Distriktkommissärs, des liebenswürdigen und energischen Mr. Newman, des einzigen Europäers in einem Bezirke von ungefähr 4000 Quadratmeilen mit über 200000 Einwohnern.

Wir wurden gleich bei unserer Ankunft in Kumi von Mr. Newman begrüsst und auf unseren Kampplatz geführt, auf dem sich ausser einigen Strohhütten noch zwei einfache Rasthäuser befanden, von denen das eine für uns bestimmt war. Im zweiten wohnte ein englischer Tierarzt, der im Auftrage der Regierung die Gegend bereiste, um die Eingeborenen über die Maul- und Klauenseuche aufzuklären, an der hunderttausende Stück Vieh zugrunde gehen. Eine kleine, etwas abseits stehende Hütte diente uns als Küche und als Wohnraum für die Boys.

Abends war ich mit Dr. Stigler bei Mr. Newman geladen, der ein einfaches Haus mit Lehmwänden und Lehmboden bewohnt. Der Boden ist mit Matten und Tierfellen, die Wände mit verschiedenen Jagdtrophäen, Speeren und Schildern bedeckt, und die Einrichtung beschränkt sich auf das Allernotwendigste. Das Luxuriöseste ist eine luftige, strohgedeckte Terrasse vor dem Hause. In diesem primitiven Heime residiert ein ebenso anspruchsloser, wie energischer und kluger Mann, der, kaum dreissig Jahre alt, auf diesem weit in die afrikanische Steppe vorgeschobenen Posten über Hunderttausende von Menschen zu herrschen und zu richten hat, eine gewiss schwere Aufgabe, wenn man dabei bedenkt, dass die Verpflegung hier eine sehr mangelhafte und das Klima ungesund und sehr heiss ist. Schon während des Marsches von Mbale konstatierten wir ein stetes Steigen der Temperatur bis zu 40 °C im Schatten, hier konnten wir schon ein Maximum von 44½ °C verzeichnen. Allerdings ist die Nachttemperatur, wie fast überall in Afrika, sehr angenehm. Hier in Kumi betrug sie 26 °C.

Nach dem Souper überraschte uns Mr. Newman mit einem ganz besonderen Genuss -- einem Glas Pilsener Bier -- in 20 °C warmem Wasser gekühlt -- und erzählte uns viel Interessantes über Land und Leute, besonders von den häufigen Kämpfen zwischen den Baganda- und Busogaleuten, deren Ursache an den Raub der Sabinerinnen erinnert. Die Bagandaweiber sind nämlich weniger fruchtbar als die Weiber der Busoga, und die Baganda nützen ihre Siege über die Busoga gewöhnlich dahin aus, um ihnen ihre Weiber zu rauben. Im allgemeinen werden die Weiber bei den Eingeborenen wenig geachtet und sind hauptsächlich dazu da, um sich um Haus und Kinder zu kümmern, während der Mann die Zeit mit Nichtstun verbringt. Sucht er sich einmal ausnahmsweise einen Verdienst, wie durch die Teilnahme an einer Karawane, so tröstet sich die Frau sehr leicht über den Verlust und findet bald in einem andern Mann Ersatz. So klagte uns in Kumi einer unserer Träger sein Leid und bat uns, ihm zu seinem treulos gewordenen Weibe zu verhelfen. Er hatte ein Busogaweib zu sich genommen, da er sich von ihr Kinder erhoffte, wurde aber ein Jahr nach seiner Verheiratung von Kapitän Taughner für die Strafexpedition nach Karamojo angeworben und fand, als er sechs Monate später nach Mbale zurückkam, sein Weibchen ausgeflogen. Er brachte schliesslich in Erfahrung, dass die Ungetreue mit einem indischen Händler nach Kumi gezogen war, und dies bewog ihn, sich von Abeidi für meine Karawane anwerben zu lassen, da er die Hoffnung hegte, in dieser Gegend sein Weib, zum mindesten aber seine Heiratsausstattung, die die Durchgebrannte hatte mitgehen lassen, zurückzubekommen. Saléh -- so hiess der doppeltbetrogene Ehemann -- hatte nämlich in die Ehe einen Kochtopf, einen Teller und eine Flanelldecke mitgebracht, und an diesen Dingen schien sein Herz viel mehr zu hängen als an seinem Weibe. Bei der Gerichtsverhandlung, die Mr. Newman anordnete, spielte er zwar zuerst den Gekränkten und wollte auf der Vorführung seiner Frau bestehen, als er aber hörte, dass sich diese nach mohamedanischem Ritus nochmals verheiratet hatte, verzichtete er schnell gefasst auf sie, wollte aber unbedingt seinen Kochtopf mit Teller und die Flanelldecke haben. Schliesslich kam ein Ausgleich auf Teilung dieser kostbaren Ausstattung zustande, und der gute Saléh marschierte vergnügt mit mir weiter.

Die Busogaleute waren uns schon in Jinja als äusserst unverlässliche, verlogene und diebisch veranlagte Menschen geschildert worden, und Mr. Newman erzählte uns, dass er Fälle kenne, in denen die Busoga indische Kaufläden bei Nacht auf sehr schlaue, allerdings beschwerliche Weise ausgeraubt hatten, indem sie unter der Erde ganze Gänge gruben, um dann von unten in den geschlossenen Geschäftsraum eindringen zu können. Obwohl sie ein schwächliches Aussehen haben, halten diese Leute grosse Strapazen aus, tragen die schwersten Lasten und leisten als Renner geradezu Unglaubliches. Mr. Newman sandte häufig einen Renner mit Telegrammen oder wichtigen Dienststücken von Kumi nach Mbale -- 35 Meilen -- und gewöhnlich war dann dieser schon am nächsten Abend wieder zurück. Wir hatten selbst in unserer Karawane einen Busogaträger, der während der ganzen Reise bis Nimule einen 70 Pfund schweren Medizinkoffer auf dem Kopf trug und dabei Gewaltmärsche von 25 bis 30 km mitmachte (Tafel 29–33).

Die Eingeborenen von Kumi, die Teso, nähren sich hauptsächlich von Bananen, Erdnüssen, Durra und auch von Eiern und Milch, doch sollen die beiden letzteren Lebensmittel den Weibern verboten sein. Von den Männern muss in diesen von den Engländern verwalteten Gebieten, die ostwärts vom Nil bis Mbale reichen, jeder, sobald er das 18. Lebensjahr erreicht hat, 4 Rupien -- in den nördlichen Gegenden 3 Rupien -- als jährliche Abgabe entrichten. Diese verhältnismässig hohe Steuer bringen die Eingeborenen nur schwer auf, und die Zahlungsunfähigen müssen sich jährlich einen Monat lang zu Regierungsarbeiten verwenden lassen. Die Männer schliessen schon im Alter von 18 bis 20 Jahren Ehen, und mehrere Familien vereinigen sich dann zu einer Gemeinde. Diese Niederlassungen sind sehr symmetrisch im Kreise angelegt, ausserordentlich rein gehalten, und von einer bis vier Meter hohen, undurchdringlichen Kaktushecke eingezäunt. Die runden, spitz zulaufenden und mit langem Gras gedeckten Hütten sind sehr nahe diesem Kaktuszaun gelegen und haben einen Durchmesser von 6–7 Meter. Im Innern stützen ein oder zwei Holzstämme den ganzen Aufbau, der in seinem unteren Teil innen mit Lehm verstrichen ist. Vor dem niederen Eingang, durch den man nur in kriechender Stellung gelangen kann, wird zur Nachtzeit eine starke, als Tor dienende Grasmatte vorgeschoben, die oft noch mit darangelehnten grossen Steinen befestigt wird. Irgendeine Art von Schloss oder Riegel war bei den Eingeborenen hier ebensowenig wie auf meiner ganzen Reise zu finden. Konzentrisch mit dieser äusseren Einzäunung des Dorfes befindet sich im Innern eine etwas niedrigere Kaktushecke, die den Raum für die Kühe, Schafe und anderen Haustiere umschliesst. Ausserdem sind noch zwei einander gegenüberliegende gedeckte Hütten an dieser Hecke errichtet, die als Ställe für die Muttertiere dienen. Rings um die innere Hecke stehen auf Steinen oder Holzklötzen birnförmige, aus Gras und Zweigen geflochtene, grosse Fruchtkörbe für die Erdnüsse, das Durramehl usw. Zwischen ihnen und den Wohnhütten bleibt noch ein breiter Raum frei, auf dem sich die Weiber ihr Mehl mahlen, die Kinder spielen und sich das ganze dörfliche Leben abspielt (Tafel 34–36).

Die innere Einrichtung der Hütten ist natürlich eine sehr primitive. Als Lager dienen getrocknete Tierhäute, die entweder auf dem Boden oder einer etwas überhöhten Holzbrücke liegen, einige Tonkrüge und flaschenartige Kürbisschalen sind die Trinkgefässe. In einer Hütte fand ich an der inneren Lehmwand ganz merkwürdige Zeichnungen, die ich als Aeusserungen des Kunstsinnes der Eingeborenen photographisch festhielt. Zu dem niedrigen Haupteingang eines solchen Eingeborenendorfes, der aus Baumstämmen angelegt ist und einem nur in gebückter Haltung Eintritt gewährt, führt der Weg zwischen parallel laufenden Kaktushecken. Gegenüber dem Haupteingang, auf der anderen Seite der Umzäunung, die das Dorf nicht nur gegen den Einbruch wilder Raubtiere, sondern auch gegen Ueberfälle feindlicher Eingeborenen schützen soll, liegt ein zweiter höherer und für das Vieh bestimmter Eingang, der in gleicherweise wie jener der Hütten durch eine Grasmatte verschliessbar ist. Ihre Toten begraben die Teso in den Wohnhütten, was wahrscheinlich in irgend einem Aberglauben seinen Grund haben dürfte. Die Männer wie die Frauen sind starke, hochgewachsene, breitschultrige Leute, so dass die mittlere Grösse der Männer nicht weniger als 1,90 m beträgt, wir massen aber auch viele mit 2,05 m und einen sogar mit 2,12 m. Nur die Watussi im Ruandagebiet in Deutsch-Ostafrika dürften ihnen an Grösse gleich kommen. Adolf Friedrich Herzog zu Mecklenburg schreibt in seinem Werke: „Ins Innerste Afrika“, dass die Grössenmessungen bis 2,20 m ergeben haben, dass die Watussi ebenfalls sehr kräftig gebaut sind, dabei schlanke Taillen, zarte Handgelenke und überaus fein geformte Hände haben. Ihre Haut zeigt einen bronzefarbenen Ton, der an den Norden Afrikas erinnert. Charakteristisch ist der Kopf der Watussi, die hohe Stirne, das edle Oval des Gesichtes und die schmale Nase. Die Tesoleute haben hingegen mit ihren ausserordentlich kräftig gebauten Schultern, Hüften und Schenkeln, ihren derben, knochigen Händen, den breiten, runden Köpfen ein riesenhaftes Aussehen. Sie haben die vorstehenden Backenknochen, die breitgedrückte Nase, die wulstigen Lippen und eine auffallend dunkle, schwarzbraune Hautfarbe.