Quer durch Uganda

Part 6

Chapter 63,374 wordsPublic domain

Die Lobeliaceen gehören in die Familie der Campanulaceae (Glockenblumengewächse), die Senecio in die Familie der Compositae (Korbblütler). Die Lobelia Stuhlmanni kommt im Urwald des Elgon, und zwar meist auf kleinen Blössen desselben, in Höhen von 2500 bis 3000 Meter vor, die übrigen afrikanischen Bergriesen, als Kenia, Kilimandjaro und Ruwenzori, zeigen ebenfalls diese prächtige Pflanze, die auf letzterem sogar bis 4000 Meter Höhe, so weit der Urwald reicht, vorkommt. Die Lobelia Stuhlmanni wächst wie eine Dracaena, hat schwertförmige Blätter, von denen die unteren absterben und an dem ausserordentlich schlanken, wenige Zentimeter im Durchmesser zählenden holzigen Stamme kleine Erhöhungen zurücklassen. Der Stamm zeigt eine selten glatte Oberfläche, wächst bis über 6 Meter senkrecht in die Höhe, und die üppige saftig-grüne Blätterkrone gibt der Pflanze, die meist in mehreren Exemplaren an einem Platze auftritt, ein charakteristisches Aussehen. Aus der Mitte der Blätterkrone steigt ein bis 1 Meter hoher Kolben, der die Blüten trägt, die von kleinen, grünen Blättern verdeckt sind. Die Farbe der Blüten ist blass-grün und soll später -- nach Johnston -- rot werden. Die Wurzel der Lobelia Stuhlmanni ist sehr klein und weit verzweigt. Die bereits beschriebene Lobelia Deckeni kommt am Elgon nur in der Höhe von 3000–4000 Meter auf nassen Stellen vor, wo es weder Urwald noch offene Ericaceaen-Wälder gibt.

Die von mir mitgebrachte Lobelia Stuhlmanni, Lobelia Deckeni und Senecio Johnstoni wurden unter Leitung unseres hervorragenden Botanikers Hofrat Professor Dr. Richard Ritter von Wettstein in Wien präpariert und im botanischen Garten der Wiener Universität zur Aufstellung gebracht.

Zu meiner unangenehmen Ueberraschung war in Masobu weder ein Lagerfeuer noch irgend ein Träger zu sehen, der uns gesagt hätte, wo sich unsere Karawane befand, und es blieb uns nichts anderes übrig, als in der stockdunklen Nacht weiterzumarschieren. Zum Glück hatte der Wald schon sein Ende erreicht, und wir stiegen auf einem schmalen Eingeborenenpfade längs des zu unserer Linken senkrecht abstürzenden Bergkammes über glatte Felsen abwärts. Nach einstündigem Marsche erblickten wir in der Ferne Lichter, die nur aus unserem Lager herrühren konnten, und bald darauf kamen uns auch zwei Träger mit der Nachricht entgegen, dass Dr. Stigler tief unten am Fusse des Namugawehill lagere.

Er hatte Dr. Sells, der trachtete, so rasch als möglich aus den Höhen herunterzukommen, in Masobu, unserem vereinbarten Lagerplatze, nicht angetroffen, daher den Marsch fortgesetzt, da dort keine Lebensmittel für die Träger aufzutreiben waren, und angenommen, dass ich vor Einbruch der Nacht schon nachkommen dürfte. Nach einer weiteren Stunde beschwerlichen Abstieges über die glatten Felsen, die besonders unseren Maultieren gefährlich waren, da sie bei dem geringsten Fehltritt in die Tiefe kollern mussten, erreichten wir endlich das Lager, das inmitten von Bananenpflanzungen auf einer kleinen Wiese aufgeschlagen wurde.

Am nächsten Morgen suchte ich mit Dr. Stigler die Eingeborenen auf, die hier in einer ziemlich stark bevölkerten Niederlassung leben. Es sind grosse, kräftige, aber sehr scheue Menschen, die bei unserer Annäherung davonliefen und erst durch Geschenke, die wir ihnen überreichten, zutraulicher wurden. Schliesslich erhielten wir von ihnen im Tauschwege noch kleine ethnologische Gegenstände (Tafel 65). Die Kinder und die jüngeren Männer sind splitternackt, die älteren tragen einen kleinen Lederschurz, während die Weiber bis auf einen dünnen, aus Gras geflochtenen, zwischen die Beine gezogenen Schutzfleck auch einhergingen, wie sie Gott erschaffen hat (Tafel 24). In der Unterlippe haben sie ein Loch, durch das sie von der Innenseite einen Stein oder ein eigentümlich geformtes Holz stecken. Auch in den Ohren tragen sie ein rundes, nach aussen vasenförmig ausgehöhltes und mit Fett gefülltes Stück Holz als Schmuck. Die Hütten dieses Eingeborenen-Dorfes bestehen aus zwei konzentrisch angelegten, nach oben zulaufenden Graswänden, in denen zwei Eingänge angebracht sind, die sich jedoch nicht decken, so dass man nach der ersten Oeffnung noch ein Stück zwischen den beiden Wänden zur zweiten kriechen muss. Die Oeffnungen sind nur einen halben Meter hoch, und man muss sich daher auf allen Vieren vorwärts bewegen, um in das Innere der Hütte zu gelangen. Der Stamm der Bageshu -- dies der Name der Eingeborenen -- ist sehr ausgebreitet und bevölkert die Hügel und Schluchten des südwestlichen Elgon-Abhanges. Er teilt sich in viele Gruppen und Untergruppen, die je einen Hügel besetzen und jede ihren eigenen Häuptling haben. Sie sind von einander aber vollständig abgeschlossen, und keine Gruppe kümmert sich um das Tun und Lassen der anderen. Die einzige Gemeinschaft besteht darin, dass sie gemeinsam ihr Vieh auf die höher gelegenen Weiden treiben.

Als wir ins Lager zurückgekehrt waren, fand ich im Gebüsch einen Totenschädel, den ich für die anthropologische Sammlung meines Freundes Professor Dr. Rudolf Pöch in mein Zelt bringen liess. Ich liess noch mehrere suchen und hatte bald siebzehn Stück beisammen. Unter unseren Trägern, namentlich den Kawirondo, entstand aber darob grosse Aufregung. Mehrere kräftige Kawirondoburschen stellten sich bei unseren Zelten auf und nahmen den Eingeborenen gegenüber, die uns die Totenschädel brachten, eine drohende Haltung ein, ja suchten sie sogar mit Steinwürfen aus unserer Nähe zu vertreiben. Unsere Boys klärten uns über dies Verhalten, das uns rätselhaft war, bald auf. Bei den Kawirondo besteht nämlich der Aberglaube, dass jeder, der einen Totenschädel zu sich nehme, noch am selben Tage sterben müsse. Es würde sich daher von den Kawirondo auch keiner, und wenn man ihm noch so viel verspräche, herbeilassen, einen Totenschädel zu tragen. Wir mussten denn auch tatsächlich die beiden Säcke, in denen die Schädel verpackt waren, von eingeborenen Bageshu nach Mbale tragen lassen.

Bei dieser Gelegenheit erfuhren wir auch noch, dass die Bageshu Menschenfleisch essen, und zwar nicht nur das eines ermordeten oder im Kampfe getöteten Feindes, sondern auch die Toten eines befreundeten Stammes, die ihnen überbracht werden. Nur das Fleisch der eigenen Angehörigen oder Verwandten sollen sie verschonen. Dies wurde uns von den Eingeborenen und ihrem Häuptling selbst mitgeteilt und später auch von Dr. Sells bestätigt.

Der weitere Rückmarsch nach Mbale vollzog sich nun sehr rasch. Noch am Nachmittag brachen wir das Lager ab und marschierten nach Buhugu, dessen zwei Rasthäuser wir vor kurzem benützt hatten. Alle Strapazen und Beschwerden der letzten Tage waren vergessen, und in der langen Kette der im Gänsemarsch marschierenden Träger herrschte ununterbrochen Lärmen und Singen. Die Schwarzen, die oben am Elgon so einsilbig und stumm geworden waren, fühlten wieder die gewohnte Wärme, und ausserdem waren auch alle Nahrungssorgen geschwunden, da wir von dem Häuptling reichlich mit Lebensmitteln versehen worden waren. Von Buhugu, wo wir übernachteten, ging es weiter nach Bujobo, das wir auch schon bei unserem Hermarsch berührt hatten (Tafel 25). Hier machten sich bei einbrechender Dunkelheit viele blutsaugende und fiebererregende Insekten, besonders der Phlebotonus, eine Art Stechmücke, schmerzlich bemerkbar und gaben uns deutlich zu erkennen, dass das Hochgebirge schon weit hinter uns liege und wir uns nun wieder der heissen afrikanischen Ebene näherten.

[1] Siehe Vogelverzeichnis.

[2] Wortlaut des Telegramms Sr. Majestät des Kaisers und Königs Franz Josef:

Mr. Kmunke, Mbale! His Majesty thanking for expressed sentiments agrees graciously intended denomination of the summit of Elgon.

Schiessl.

Wortlaut des Telegramms des Gouverneurs Jackson: Approve names with pleasure. All good wishes for new-year.

Governor Jackson.

_WEIHNACHTEN UND NEUJAHR IN MBALE._

_Unsere Reiseroute verboten und wieder bewilligt / Trägersorgen / Feiertagsstille / Ein Zeltbrand / Gefrässige Termiten / Ein alter Afrikaner / Der unbrauchbare Phonograph / Eingeborenentanz / Die Neujahrsnacht / Kapitän Taughners Strafexpedition / Die Karamojoleute und ihre Waffen / Ein mutiger Häuptling / Der diebische Diener._

Von Bujobo führt eine schöne, breite Strasse nach Mbale, die nun in flottem Tempo zurückgelegt wurde. Aus den Ansiedlungen eilten die Eingeborenen in grossen Mengen herbei und begrüssten uns mit ihrer gewohnten Lebhaftigkeit. Knapp vor Mbale kam uns ein Renner mit zwei Telegrammen entgegen, in denen uns der Dank für unsere Depeschen an Kaiser Franz Josef und an den Gouverneur Harry Jackson ausgesprochen wurde.

In Mbale angelangt, -- wir hatten den 21. Dezember, -- statteten wir zunächst Mr. Peryman und Dr. Sells Besuche ab, die sich beide von ihrem Unwohlsein schon vollständig erholt hatten. Von Mr. Peryman mussten wir aber die unangenehme Mitteilung entgegennehmen, dass Provinzkommissär Mr. Watson telegraphisch angeordnet habe, uns die Erlaubnis zum Betreten der nördlich vom Salisbury-See gelegenen Naqua- und Toburgebiete zu verwehren. Diese von Europäern bisher noch nicht besuchten Gegenden seien äusserst unsicher und gefährlich, und es hätten gerade jetzt zwei englische Strafexpeditionen, von denen die eine aus dem Süden, die andere aus dem Westen vorwärts rücke, heftige Kämpfe mit den Eingeborenen östlich von den Naquabergen zu bestehen. Ausserdem seien auch in das Karamojogebiet einige Tausende, mit Gewehren bewaffnete Abessynier eingedrungen, die sich plündernd, mordend und niederbrennend auf einem Raubzuge befänden. Dieses Verbot setzte uns in grosse Verlegenheit, da es die ganze Fortsetzung unserer Expedition in Frage stellte. Meine Vorstellungen, dass mir die Bewilligung zu dieser Reise sowohl vom englischen Kolonialministerium als auch vom Gouverneur Mr. Jackson erteilt sei und dass mir ausserdem von der englischen Regierung als Begleitung meiner Karawane 15 Askari mit einem Sergeanten beigestellt wurden, bewogen aber schliesslich Mr. Watson, von seinem Verbote unter der Bedingung abzustehen, dass auch der Distriktkommissär von Nimule, Mr. Bains, keine Einwendungen gegen unsere Reise erhebe. Da von Mr. Bains diese Bewilligung in einigen Tagen telegraphisch eintraf, war das Hindernis, das sich so plötzlich unserer weiteren Reise entgegengestellt hatte, glücklich wieder beseitigt.

Die Tage, die wir in Mbale zubrachten, hatten wir Arbeit in Hülle und Fülle. Soweit meine Zeit nicht durch die Verhandlungen mit Mr. Peryman in Anspruch genommen war, beschäftigte ich mich mit wissenschaftlichen und photographischen Aufnahmen, Dr. Stigler mit seinen physiologischen Studien. Auch das Verpacken der bisherigen, schon ziemlich reichhaltigen Sammlungen, namentlich der botanischen, erforderte viel Mühe, da in Mbale keine Kisten erhältlich waren und die Gegenstände daher, sorgsam in Matten gehüllt, und mit Stricken umwunden, nach Jinja geschickt werden mussten, wo sie erst wiederum in Holzkisten umgepackt wurden, um für den langen Transport nach Europa geeignet zu sein.

Die grösste Sorge aber bereitete uns, wie schon so oft, die Aufnahme der Träger. Der Versuch Mr. Perymans, Kawirondoträger aus Mumias zu bekommen, war vollständig fehlgeschlagen, und unser Heatmann Abeidi, der es übernommen hatte, während unserer Expedition auf den Elgon die noch fehlenden Träger zu beschaffen, konnte uns nach unserer Rückkehr nur eine ganz kleine, völlig unzulängliche Anzahl vorführen. Ich drängte nun Abeidi, die noch nötigen Träger so schnell als möglich herbeizuschaffen, und erklärte mich von vornherein mit allen seinen Forderungen für einverstanden. Dies nützte der schlaue Araber auch gehörig aus. Für sich selbst verlangte er ein monatliches Honorar von 150 Rupien sowie die Erlaubnis, ein eigenes Zelt, einen Koch für seine Person und auch mit mehreren eigenen Trägern einige Lasten Tabak, Amerikani usw. mitnehmen zu dürfen, welche Dinge er während des Marsches den Trägern um teures Geld verkaufen wollte. Zur Anschaffung dieses Warenlagers benötigte er ausserdem einen Vorschuss von 500 Rupien. In Anbetracht der ausserordentlichen Schwierigkeiten, die uns auf unserer weiteren Reise bevorstanden, versprach er jedem Träger statt des sonst in Uganda üblichen Monatslohnes von vier bis fünf Rupien einen solchen von 10 Rupien. Ausserdem sollte ihnen ein einmonatliches Gehalt als Vorschuss sofort ausgezahlt und die Träger auf der Boma, dem Regierungsamtshaus, registriert werden, um so die Gefahr des Davonlaufens zu vermindern. Trotz dieser hohen Löhne ging aber die Anwerbung nur sehr langsam vor sich, so dass auf der Boma täglich nicht mehr als 20 bis 30 Träger registriert werden konnten. Die Leute wussten eben, was es heisse, eine 60 Pfund schwere Last durch eine ungemein wasserarme Gegend zu tragen, in der jedes Zurückbleiben mit der Gefahr verbunden war, von den wilden Naqua- und Toburstämmen hingeschlachtet zu werden. Von grossem Werte für uns waren die über Vorschlag Abeidis aus Kilimi bestellten Tragesel, von denen jeder 200 Pfund Mehl auf seinen Rücken erhielt. Im übrigen trachteten wir, uns jedes halbwegs entbehrlichen Gepäckes zu entledigen und schafften es gleichzeitig mit den 13 Kollis, die die bisher angelegten Sammlungen enthielten, über Jinja, Kisumu und Mombassa nach Europa. Andererseits erhielt unser Gepäck aber wieder einen Zuwachs durch zehn Ringe mit Eisendraht, der einen sehr wichtigen und beliebten Tauschartikel bei den Naqua-, Tobur- und Karamojoleuten bildet.

So war mit diesen Arbeiten und Besorgungen der 24. Dezember, der Weihnachtstag, herangekommen. Es war drückend heiss und derart schwül, dass jede Arbeitslust gelähmt wurde. Wir gaben uns daher der Ruhe hin und konnten dies um so eher tun, als es doch der Tag des Weihnachtsfestes war, ein Tag, an dem, ob wir nun wollen oder nicht, immer wieder die Erinnerung an frohe Kinderjahre mit ihrer bangen Erwartung vor der Weihnachtsbescherung und ihrer Freude am lichterstrahlenden Christbaum lebendig wird. Hier im fernen Lande, mitten in der afrikanischen Wildnis, wirkte diese Erinnerung noch viel mächtiger, und mehr denn je weilten heute unsere Gedanken bei unseren in der Heimat zurückgebliebenen Lieben, die ja in dieser Stunde ebenso treu an uns denken wie wir an sie. Den Weihnachtsabend selbst verbrachten wir in dem gemütlichen Heime Dr. Sells, der die wenigen hier ansässigen Europäer mit ihren Damen zu sich geladen hatte.

Am nächsten Tage, dem 25. Dezember, ruhte hier in Mbale ebenso alle Arbeit, und waren ebenso alle Kaufläden geschlossen, wie in Europa. Nur die Post übernahm ausnahmsweise Briefe, weil gerade heute ein Renner nach Jinja abging. Mittags waren wir abermals bei Dr. Sells geladen und wir hatten gerade gespeist, als ein Boy herbeigelaufen kam und mir die Meldung brachte, daß soeben das Zelt des Photographen Schwarzer abgebrannt sei. Ich war auf das äußerste bestürzt, da Herr Schwarzer gerade tags vorher das gesammte kartographische Material von mir zur Numerierung und Verpackung für die Absendung nach Europa übernommen hatte und ich befürchten mußte, daß es durch den Brand beschädigt oder gar vernichtet worden sei. Ich lief mit Dr. Stigler sofort in das Lager, aber schon auf dem Wege dorthin eilte mir Schwarzer entgegen und gab mir die beruhigende Erklärung, daß nur das Zelt und die Dunkelkammer verbrannt, aber das ganze Material gerettet sei. Ueber die Ursache des Brandes konnte niemand eine Aufklärung geben. Wahrscheinlich warf ein am Zelt vorübergehender indischer Kaufmann, deren es in Mbale mehrere gibt, eine noch brennende Zigarette achtlos weg, die dann die Zeltwand in Brand gesetzt haben dürfte. Deren wasserdichter Stoff war, da schon seit längerer Zeit kein Regen gefallen war, infolge der enormen Hitze bis in das kleinste Gewebe ausgetrocknet und brannte daher wie Zunder. Der Schaden wurde übrigens bald wieder gut gemacht, da mir Dr. Sells sein eigenes Zelt käuflich überließ und eine neue Dunkelkammer aus schwarzem Tuch von einem indischen Schneider innerhalb zweier Tage geliefert wurde. So hatte das Feuer eigentlich nur in meine Geldbörse ein Loch gebrannt. Verhängnisvoll wäre die Situation geworden, wenn der Brand auch auf die übrigen Zelte übergegriffen hätte, da eine Nachbeschaffung unserer Ausrüstung nur von Nairobi aus möglich gewesen wäre, was viele Wochen, wenn nicht Monate gedauert hätte.

Am nächsten Tage, dem 26. Dezember, an dem gleich wie tags vorher alles geschlossen war und Feiertagsstille herrschte, brachte mir mein Boy eine neue Unglücksbotschaft. Er hatte die Kiste, in der die Lobeliaceen verpackt waren, aufgehoben und dabei die Beobachtung gemacht, daß sowohl die Säcke wie das Holz von Termiten zerfressen worden waren. Wir untersuchten sofort die übrigen Sachen, die unter dem sogenannten Sonnensegel meines Zeltes aufgestapelt waren, und konstatierten hier die gleiche betrübliche Tatsache: alles, was von Holz oder Stoff und nicht imprägniert war, so unter anderen vielen Gegenständen unsere Expeditionsfahne, war vollständig zerfressen. Unsere Zelte standen schon seit mehreren Tagen auf dem saftigen Grase einer Wiese, in der auch nicht die geringste Spur von Termiten zu beobachten war. Diese gefräßigen kleinen Tiere müssen in der Nacht vom 25. auf den 26. mein Zelt erreicht und dann dort im Zeitraum von wenigen Stunden solche Verwüstungen angerichtet haben. Wir ermangelten nicht, nun unser ganzes Gepäck auf untergelegten Steinen zu schichten.

Wir hatten in der Nähe unseres Lagers einen interessanten Nachbarn. Ein alter, schon ergrauter Australier, Mr. Pattingill, ein früherer Elefantenjäger, der noch nie in Europa gewesen war, hatte in der Nähe von uns sein Zelt aufgeschlagen. Er war ein erfahrener Afrikaner und liebenswürdiger Ratgeber. Da er auch in den Karamojogebieten viel gejagt hatte und bei dieser Gelegenheit bis gegen die Toburberge gelangt war, konnte er uns wichtige Auskünfte über die Wasserarmut und den Mangel an Lebensmitteln in diesen Gegenden geben, und berechnete mit uns den Bedarf der Karawane an Mehl. Er lagerte schon viele Wochen in Mbale, um einige Tausend Eingeborene als billige Arbeitskraft -- zu einem Monatslohn von 3–4 Rupien -- für eine grosse Kaffeeplantage zwischen Jinja und Kampala anzuwerben. Er vermittelte es, dass wir während unseres Aufenthaltes in Mbale einen Eingeborenentanz zu sehen bekamen, den Photograph Schwarzer für seine Gesellschaft kinemathographisch festhielt. Dr. Stigler und ich wollten mit dem uns von der Akademie der Wissenschaften beigestellten Apparate eine phonographische Aufnahme machen, bemerkten aber bei diesem ersten Versuch, dass beim Geschwindigkeitsregulator eine Feder aus ihrer Befestigung herausgerissen war, so dass der Apparat nicht funktionierte. Da, wie wir auch erst jetzt zu unserem Leidwesen sahen, die Beipackung von Reservebestandteilen in Wien vergessen worden war, schlug dieser erste Versuch gründlich fehl. In den indischen Kaufläden konnten wir nirgends eine Ersatzfeder auftreiben, und erst später half uns ein englischer Ingenieur, der vorübergehend in Mbale zu tun hatte, mit einer Feder aus. Der Tanz wurde in der Weise ausgeführt, dass Männer und Frauen im Gänsemarsche im Kreise fortwährend stets nach derselben Richtung hüpfen, während in der Mitte einige Männer die Trommel schlagen und die Umstehenden unter Gesang gleichmässig in die Hände klatschen. Die Tanzenden führen während des Hüpfens durch rasche Bewegungen des Unterleibes und der Hüftgelenke nach dieser lärmenden eintönigen Musik eine Art Bauchtanz auf. Gewöhnlich beginnen die Eingeborenen mit diesem Tanze am Abend und setzen ihn dann die ganze Nacht bis zum nächsten Morgen fort. Wir hörten wiederholt in stillen Nächten die Trommelschläge von einem Tanzplatz, der oft einige Meilen von unserem Lager entfernt war.

Unser Vorhaben, gleich nach den Weihnachtsfeiertagen von Mbale abzumarschieren, mussten wir aufgeben und unsere Abreise auf die ersten Tage des Jänner verschieben, da wir noch immer zu wenig Träger hatten. Den Sylvesterabend verbrachten wir in unserem Lager, wo wir dem scheidenden Jahre ohne Punschbowle Adieu sagten, in herzlichem Gedenken aber bei unseren Lieben in der Heimat weilten. Obwohl die Tagestemperatur 38 bis 39 °C. im Schatten betrug, sank sie am Abend doch bis auf 15° herunter, so dass wir im Freien nur mit dem Ueberrock sitzen konnten. Der letzte Tag des Jahres brachte uns noch einen herrlichen Sonnenuntergang, der den vor uns steil aufsteigenden Kogonchoro in tiefem Purpur erglühen liess. Im ewigen Aetherdome stieg der Mond wie eine Riesengoldampel auf und umschleierte mit seinem magischen Lichte das entzückende Landschaftsbild, die Konturen der im Norden mächtig emporragenden Bergriesen und die vor uns sich ausbreitende Steppe, ein Bild unendlicher Grösse und zauberhafter Schönheit. Ich sass vor meinem Zelte und blickte lange nach dem immer höher steigenden Mond, und mir war es, als ob daheim, viele tausend Meilen weit, auch jemand hinaufschaue und dort oben sich unsere Blicke treffen würden.

Wir nehmen Abschied vom alten Jahr, rufen uns um 12 Uhr nachts „Prosit Neujahr“ zu und lassen unsere Gedanken in die vor uns liegenden bisher unerforschten Gebiete schweifen, wo uns viele Gefahren und Schwierigkeiten erwarten, die wir aber nicht fürchten, auf die wir gefasst sind. Aber jeder Tag bringt uns Neues, Wissenswertes, unbekannte Volksstämme mit ihren, von den bisher gesehenen, abweichenden Wohnhütten, Haartrachten, Schmuckgegenständen, Beschäftigungen, und unbetretenes Land mit unbekannten grossen Bergen steigt vor uns auf, und so durchträumen wir die erste Nacht des Jahres 1912.

Der Neujahrstag wurde auch in Mbale mit Arbeitsruhe gefeiert. Gegen 11 Uhr vormittags drangen aber ferne, taktmässige Trommelschläge an unser Ohr, die immer lauter wurden, und plötzlich wurde hinter dem Regierungsamtshause eine Menge von Menschen sichtbar, an der Spitze ein Fahnenträger, Askari mit vollständig zerfetzten Khakianzügen, Gewehre tragende Eingeborene und Gruppen von prächtig aussehenden Wilden mit reichem Arm- und Halsschmuck und äusserst merkwürdigen Haartrachten. Es war die Karawane des Kapitän Taughner, der von seiner Strafexpedition in die von den Abessyniern unsicher gemachten Gegenden des nordöstlichen Uganda zurückkehrte. Er war vor sechs Monaten nach Manimani und in die nördlich davon gelegenen Gebiete marschiert und hatte mit den Eingeborenen, die mit französischen, aus Abessynien eingeschmuggelten Gewehren bewaffnet waren, harte Kämpfe zu bestehen. Mehrere seiner Askari waren dabei getötet oder verwundet worden, aber die Verluste bei den Wilden waren natürlich ungleich grösser, da hunderte von ihnen dem Feuer der Repetiergewehre und einer Maximkanone zum Opfer fielen. Kapitän Taughner begab sich nach Entebbe, um dem Gouverneur Bericht zu erstatten und die von ihm mitgebrachten Eingeborenen von dem Jiwestamm vorzuführen, dann wollte er sofort wieder nach Mbale zurück, um eine neue Expedition in dieselben Gebiete auszurüsten. Wie ich später erfuhr, hatte er hierbei bezüglich der Beschaffung von Trägern die gleichen Schwierigkeiten wie wir.