Part 5
Von grossem Interesse war es, von unseren Eingeborenenführern zu erfahren, dass es auch in dieser Höhe, und zwar nur eine Stunde von unserem Lager entfernt, noch eine kleine Niederlassung von Eingeborenen gebe. Ich erteilte den Auftrag, einige von diesen zu uns zu bringen, und gegen Abend kam tatsächlich der Häuptling mit zweien seiner Leute in unser Lager. Es waren ungemein scheue, mittelgrosse Menschen, mit einem hemdartigen Ueberwurf bekleidet, Ohren, Hals und Arme reich mit Eisenringen beschmückt, die Haare, die in schmalen Strähnen geflochten, eingefettet und mit roter Erde bestrichen waren, über die Stirne herabhängend, und in der Hand einen langen Speer, so dass diese Wilden, die sich Batwa nennen, ein ziemlich kriegerisches Aussehen haben. Ich beschenkte sie mit Amerikani, Messingdraht und Spiegeln, und namentlich die letzten machten, nachdem sie darin ihr Ebenbild erblickt hatten, starken Eindruck auf sie. Meiner Einladung, uns bis zur Spitze des Elgon zu begleiten, gaben sie erst nach einigem Zögern Folge (Tafel 12).
_AUF DEM ELGON._
_Der Aufstieg zum Krater / Das Lager im Kratergrund / Kältetemperaturen von 10–14 Grad / Eine Winterlandschaft / Bergkrankheit / Die Südwest- und Nordostspitze / Auf dem Gipfel / Fauna und Flora / Die bisherigen Expeditionen / Kaiser-Franz-Josef- und Jacksonspitze / Der Abstieg / Ein Nachtlager im Urwald / Die Bergeingeborenen / Der Aberglaube der Kawirondo / Bei den Anthropophagen / Zurück nach Mbale._
Am nächsten Morgen wollten wir schon um 6 Uhr aufbrechen, der Abmarsch verzögerte sich aber um drei Stunden, da Dr. Sells, der uns begleitete, die ersten Anzeichen der Bergkrankheit verspürte. Es ging nun fortwährend steil bergauf durch freies Terrain, so dass wir ununterbrochen den Ausblick auf die vor uns sich erhebenden Elgonspitzen hatten. Die Vegetation wurde immer ärmlicher, nur wenige Bäume zeigten sich, die mit wirren grauen Bartflechten behangen waren, und auch Doldenblütler in Mannesgrösse und Gräser wuchsen noch in dieser Höhe. Die schöne Lobelia Stuhlmanni ist verschwunden -- über 3000 m hinaus gedeiht sie nicht mehr -- dafür ist aber da und dort die prächtige Lobelia Deckeni und die Senecio Johnstoni vertreten. Langsam nähern wir uns den steil abfallenden Felswänden einer Scharte, die in uns die Erinnerung an die schönsten hochalpinen Gegenden Tirols wachruft, und nach mühsamer Wanderung haben wir endlich die Felsspitze erreicht. Ein unvergesslicher und unvergleichlich schöner Ausblick öffnet sich hier. Vor uns liegt der fast kreisrunde +Elgonkrater+, dessen äusserer Rand von einer beinahe geschlossenen Kette starrer Felszinken gebildet wird, links von uns stürzen die Felsen nahezu senkrecht in eine enge Schlucht ab, um sich auf der gegenüberliegenden Seite ebenso steil, aber noch viel höher zu erheben (Tafel 13).
Vor uns liegt der riesige Krater, dessen Hintergrund von einer Wolkenmauer verhüllt ist, während die Sonne ihren Purpur in das Innere desselben streut. Zu Füssen des Berges brandet ein Meer von lichtem Grün und goldstrahlenden Gipfeln der Berge, im Westen und Norden die unendliche Steppe mit ihren grossen, silberglänzenden Wassertümpeln, die noch von der Regenzeit geblieben sind und ein Passieren in dieser Richtung unmöglich machen. Im Innern der Seele jubelten wir und priesen uns glücklich, ein so schönes, in jungfräulichem Reiz prangendes Stück Erde schauen zu können. Der tiefer liegende Kratergrund hat hügelige Formation und ist auf den trockenen Plätzen stellenweise mit gelbem Gras, auf den sumpfigen mit niederen Erikastauden bewachsen. In grossen und kleinen Exemplaren sieht man ringsum die Senecio Johnstoni, die wie eine Pflanzenform aus einer längst verschwundenen Erdperiode anmutet. Mit ihren bis an Manneshöhe abgestorbenen und verdorrten grauen Blättern, die den dicken Stamm umhüllen, haben sie von unserem Standplatz aus gesehen beinahe etwas von einer menschlichen Gestalt an sich und geben der ganzen Landschaft ein wunderbar seltsames und märchenhaftes Aussehen.
In kurzer Rast geben wir uns dem mächtigen Eindruck dieser hart am Aequator liegenden Bergwelt hin, dann nehmen wir unsern Marsch wieder auf, und es ging anderthalb Stunden lang über meist sumpfigen Boden abwärts in den Krater. Nächst einem Quellbache, Suam, in der Höhe von 3828 m schlugen wir unsere Zelte auf (Tafel 14). Für die kartographische Aufnahme des Kraters schienen mir zwei hochgelegene Punkte geeignet, von denen der eine am Südwest-, der andere am Nordostrande des Kraters lag. Nach Ansicht unseres Batwaführers war die Südwestspitze die höchste, und wir beschlossen daher, ihr am nächsten Morgen einen Besuch abzustatten. Das Wetter war sehr günstig, die kleine Regenperiode lag schon eine Woche hinter uns, und wir waren während des Aufstieges zum Krater nur wenige Male unter eine Strichregenwolke gekommen. Am Abend wurde die Kälte schon sehr empfindlich, und wir schützten uns gegen sie, als wir zu Bette gingen, mit Sweater, Wollhaube und zwei dicken, warmen Flanelldecken.
Als ich am nächsten Morgen um 6 Uhr erwachte, war ich sehr überrascht, dass im Lager noch Totenstille herrschte und mein Boy, trotzdem er in nächster Nähe zusammen mit dem Koch sein Zelt aufgeschlagen hatte, erst auf mehrmaliges Pfeifen kam. Er trat zähneklappernd in mein Zelt und meldete, dass draussen alles weiss und das Wasser in meinem Leinenwaschbecken zu einem Eisklumpen gefroren sei. Obwohl mein Zelt ein Doppeldach hatte und über meinem Bette -- diesmal zum Schutze gegen die Kälte und nicht gegen geflügelte Eindringlinge -- das Moskitonetz gespannt war, hingen an meinem Barte kleine Eiszapfen, als ob es mitten im strengsten europäischen Winter wäre. Ich kleidete mich so rasch als möglich an und trat aus dem Zelte, um mir die Winterlandschaft zu besichtigen, ehe sie noch vor den Strahlen der Aequatorialsonne verschwand. Ringsum war alles dicht mit Reif überzogen, das Gras, das Zeltdach, die Senecien, alles war mit kleinen Eiskristallen besetzt und glänzte in wunderbarem Weiss. Mein erster Blick galt dem Maximum-Minimum-Thermometer, das deutlich 10 °C unter Null aufwies. Auf eine solche Kälte waren wir nicht gefasst gewesen. Gouverneur Jackson, dieser ausgezeichnete Gelehrte und liebenswürdige Förderer meiner Expedition, hatte als zweiter Europäer den Elgonkrater bestiegen und uns viel von diesem mit Schwierigkeiten aller Art verbundenen Unternehmen erzählt, das 18 seiner Träger das Leben kostete, mit keinem Wort aber erwähnt, dass er eine derart niedere Temperatur angetroffen hätte.
Unsere Träger boten einen wahrhaft jammervollen Anblick. Die Nairobileute hatten zwar jeder von mir eine warme Flanelldecke erhalten, ausser ihnen waren aber noch ungefähr dreissig Bergeingeborene bei uns, die statt der ihnen angebotenen Decken lieber den dafür entfallenden Geldbetrag genommen hatten. Diese armen Teufel, die nackt waren, froren nun ganz erbärmlich (Tafel 15). Aus einer Menge hoher Seneciostämme hatten sie sich einen kreisförmigen Schutzwall gegen den eisigen Wind errichtet und in der Mitte Tag und Nacht ein grosses Feuer unterhalten, das ihre nackten Körper gegen die enorme, ungewohnte Kälte schützen sollte. Ueberdies hatte eine grosse Anzahl von ihnen die Bergkrankheit, und auch Dr. Sells, der sich schon am Tage vorher nicht wohl fühlte, wies an diesem Morgen alle Merkmale einer schweren Bergkrankheit auf und war unfähig, mit uns den Aufstieg zur Südwestspitze zu machen. Wir übrigen Europäer brachen aber nach dem Frühstück dorthin in Begleitung des Batwahäuptlings und einiger gesund gebliebener Träger auf, die den Theodolit und die Stative trugen (Tafel 16).
Nach dreistündigem Marsche hatten wir eine Höhe von 4300 m erreicht, und nach der Meinung des Häuptlings sollte ein leicht zu ersteigender Felsklotz, der sich nun knapp vor uns erhob, der höchste Punkt des Elgon sein. Von meinem Platz aus, wo ich den Theodolit aufgestellt hatte, konnte ich aber konstatieren, dass der Batwamann unrecht hatte und dass die höchsten Spitzen am gegenüberliegenden Ost- und Nordostrande zu suchen seien. Fünf Stunden arbeitete ich nun an meinen Aufnahmen, während Dr. Stigler auf einem in der Nähe befindlichen Felsen physiologische Messungen an den Europäern und Eingeborenen vornahm. Die Tagestemperatur betrug zwar 18 °C, aber es wehte fortwährend ein scharfer, kalter Wind, so dass ich nach der stundenlangen Arbeit an den Instrumenten grosse Ermüdung verspürte. Den Aufstieg zu der uns gegenüberliegenden Nordostspitze bestimmten wir für den nächsten Tag und traten dann den Rückweg ins Lager an.
Dort angekommen, sahen wir sofort nach Dr. Sells, der in recht übler Verfassung war, weshalb wir seinen Wunsch, dass er am nächsten Tage den Abstieg antreten wolle, auch gut begreifen konnten. Die Abendmahlzeit nahmen wir im Zelte des Photographen Schwarzer ein, wo wir dann noch eine Weile bei unseren Zigarren sassen und der Gesprächsstoff, beherrscht von den gewaltigen Eindrücken dieses Tages, kein Ende nehmen wollte. Für die Nacht hatten wir uns diesmal, gewitzigt durch die Erfahrungen der vorangegangenen, wärmer ausgerüstet und gingen in den Kleidern zu Bette. Wir hatten nämlich die Beobachtung gemacht, dass die Kälte namentlich vom Boden aus auf uns eindringe, wogegen die poröse, wenige Zentimeter dicke Korkmatratze, die in unseren leichten, zusammenlegbaren Bettgestellen lag, nur sehr unzureichenden Schutz bot (Tafel 17 und Tafel 18).
Der Abmarsch am nächsten Morgen war für 6 Uhr angesetzt, und wir liessen uns daher schon um 5 Uhr wecken. Mein Boy trat pünktlich um diese Stunde halberfroren in mein Zelt, und statt des üblichen Morgengrusses reichte er mir ein 8 cm dickes Eisstück, das mehr sagte als die beweglichste Klage über die Kälte. In meinem Thermometer war die Quecksilbersäule bis tief unter den Zwölfteilstrich zurückgegangen. Die Temperatur war also gegen den vorangegangenen Morgen noch mehr gesunken und mochte schätzungsweise 15° unter Null betragen haben. Genau konnte ich dies nicht konstatieren, da mein für die Tropen hergestelltes Maximum-Minimum-Thermometer auf derartige Tiefstände nicht eingerichtet war und nur eine Gradeinteilung bis 12° unter Null besass. In unserem Lager herrschte heilige Ruhe. Da und dort sah man einen der schwarzen Träger zähneklappernd mit den Händen herumschlagen, um sich zu erwärmen, und statt des gewohnten „Jambo, jambo!“ riefen sie mir „Baridi, baridi!“ (kalt, kalt) zu.
Nach dem Frühstück wurde sofort aufgebrochen. Der Weg, den wir in der Richtung nach Nordost einschlugen, führte uns bald in dichtes Sumpfgras, so dass unsere Maultiere oft bis über den Bauch einbrachen und sich mit ängstlichem Schnauben aus dem Sumpf herausarbeiten mussten. Durch ein tiefes Tal hindurch, in dem sich nach Angabe unseres Führers der Suamfluss sein Bett in nördlicher Richtung sucht, gelangten wir endlich an den Abhang der Nordostspitze. Der weitere Marsch wurde nun sehr beschwerlich. Steil bergauf über glatte Felsen, über die wir auf allen Vieren kriechen mussten, ging es bis zum Fusse eines ungefähr 150 m hohen Felskolosses, der die höchste Spitze des nordöstlichen Kraterrandes des Elgon darstellt, 4382 m (Tafel 19). Da ein kartographisches Arbeiten von dieser Spitze aus unmöglich war, wählte ich als Standplatz für meine Apparate den etwa 150 m tiefer liegenden, sich weit nach Westen erstreckenden Kamm, von wo aus sich ein herrlicher, umfassender Ausblick über den ganzen Krater bot. Gegen Nordost breitete sich das Wasserbecken des Sugota-Sees aus, im Norden stieg eine Menge kleiner Bergkegel direkt aus der Ebene empor, im Nordwest erheben sich die mächtigen Bergrücken des Konkoro (Mont Debasien) und Tepes, und in weiter blauer Ferne dehnten sich die Gebirgszüge von Naqua und Tobur, die Ziele unserer Forschungsreise, von denen uns noch lange Tage mühevollen Wanderns durch Busch und Steppen trennten. Unser Plan war, diese von Europäern noch nicht betretenen Gebiete von Mbale aus längs des Ostabhanges des Tepes und um diesen herum in westlicher Richtung zu erreichen. Der Blick von dem Elgongipfel zeigte uns aber, dass sich auf dieser Strecke zwischen Elgon, Konkoro und Tepes Sumpf an Sumpf reihte, deren Durchdringen für meine Karawane von 200 bis 300 Menschen jetzt, in der Zeit nach der Regenperiode, als ein Ding der Unmöglichkeit erscheinen musste. Wir fassten daher schon jetzt beim Anblicke dieser unzähligen Wasserspiegel, die tief unter uns in der Sonne blitzen, den Entschluss, die ursprüngliche Route, die uns anfangs nach Osten geführt hätte, aufzugeben und den Weg westlich vom Konkoro und Tepes zu nehmen.
Während ich an meinen Aufnahmen arbeitete, versuchte Dr. Stigler in Begleitung seines Boys und eines Trägers von der Nordseite aus eine Besteigung des vor uns liegenden Felsklotzes. Er stiess aber auf solche Schwierigkeiten, dass er wohl selbst als geübter und bewährter Hochtourist sie hätte bewältigen können, nicht aber seine schwarzen Begleiter. Er versuchte es nun von der Südseite aus, und hier gelang der kurze Aufstieg, den nun auch Photograph Schwarzer mitmachte, ohne grosse Anstrengung (Tafel 20).
Um 4 Uhr nachmittags beendete ich meine Arbeiten, verpackte die Apparate und verliess, durchfroren von dem eiskalten Nordwinde, in der Höhe von über 4300 Metern, die Spitze. Es war schon halb acht Uhr abends, als ich im Lager eintraf. Dr. Stigler, Schwarzer und ihre Träger kamen erst drei Stunden später. Sie waren, ohne im Besitz eines Lichtes zu sein, von der Dunkelheit überrascht worden und hatten sich fast schon dazu entschlossen, im Freien zu kampieren, was sie aber angesichts der Gefahren der furchtbaren Nachtfröste zum Glück doch noch unterlassen hatten. Bei dem kärglichen Scheine glimmender dürrer Blätter, die der Führer durch fortwährendes Anblasen in Glut erhielt, fanden sie ihren Weg weiter und kamen erst spät nachts ins Lager; Dr. Stigler, der in einen Sumpf geraten, war über und über mit Schmutz bedeckt.
Eines unserer Reiseziele war nun unter ziemlichen Mühen erreicht worden, der Elgongipfel erstiegen, der Krater und seine Abhänge kartographisch aufgenommen und dieser mächtige afrikanische Vulkan am Aequator in jeder Beziehung erforscht worden. Die Tierwelt ist auf der Höhe des Elgon nur sehr spärlich vertreten. Hie und da zeigte sich die Fährte einer Gazelle, einigemal lief uns ein aufgeschreckter Hase über den Weg, und an geflügelten Wesen waren nur einige graue kleine Vögel (Cisticola Kmunkei)[1] zu sehen. Unsere steten Begleiter blieben aber, selbst bis zur höchsten Spitze, die Raben, deren Krächzen oft der einzige Laut in der Stille der Bergwelt war. Auch für meine entomologischen Sammlungen bot sich hier nur geringe Ausbeute, die in einigen Schmetterlingen und schwarzen Käfern bestand. Um so reichhaltiger ist dafür die Flora dieses Berges. Während in Europa in der Höhe von 4000 Meter jedes Pflanzenleben schon längst ein Ende gefunden hat, wachsen im Krater des Elgons Hunderte der schönen Senecio Johnstoni, die hier mit ihren breit ausladenden, mächtigen Blätterkronen eine Höhe von sechs Meter erreicht und deren Stammdicke einen Durchmesser bis 68 cm aufweist. Im unteren Teile sind die Stämme stark zerrissen und gerillt, im oberen bis zur Abzweigung der Blätterkronen mit abgestorbenen grauen Blattresten besetzt, während die frischen Blätter eine graugrüne Farbe haben. Sie unterscheiden sich merklich von den wenigen, viel kleineren Exemplaren, die wir im Elgon-Urwald antrafen und deren Blätter von einem viel kräftigeren, saftigeren Grün sind. Dieser Unterschied dürfte seine Hauptursache in den grossen Differenzen haben, die auf dem Gipfel des Elgons zwischen den Tag- und Nachttemperaturen liegen. Fast die ganze Fläche des ungeheuren Kraters, der 11 km im Durchmesser misst, ist ausserdem, wie schon erwähnt, von Grasarten bedeckt, von einem gelben, steifen Büschelgras mit rundem Querschnitt auf den trockenen Stellen, und auf dem Sumpfboden von grauen, oft bis zu einem Meter hoch wachsenden, erikaähnlichen Stauden, die sehr dicht stehen und das Gehen ungemein behindern. Die seltenen Vertreter der Flora der äquatorialen Bergriesen Afrikas, wie Lobelia Stuhlmanni, Lobelia Deckeni und Senecio Johnstoni, sind durch die prächtigen Bilder des bekannten Werkes über die Besteigung des Ruwenzori durch die Expedition des kühnen Forschers, des Herzogs der Abruzzen, näher bekannt geworden. Mir war es als erstem Europäer möglich, ausser den Schwarz- auch gute Autochromaufnahmen dieser herrlichen Pflanzen zu bringen, die für die Wissenschaft so manches wertvolle Detail festhalten. Waren bisher die Berliner, Londoner und Pariser Universitäten im Besitze von Bruchstücken dieser seltenen Vertreter der afrikanischen Flora, so gelang es mir, unter Beobachtung ausserordentlicher Vorsicht, komplette Exemplare von jeder dieser Pflanzen aus gewaltiger Höhe in Zentralafrika bis nach Europa in tadellosem Zustande zu bringen und unserer Wiener sowie der Pester Universität zum Geschenke machen zu können.
Vor uns war der Elgonkrater von fünf Expeditionen erreicht worden, und zwar von den Engländern Oberst Macdonald, von dem jetzigen Gouverneur von Uganda, Harry Jackson, dem Kapitän Ormsby, Cook and Newland und schliesslich von einer französischen Gesellschaft. Von der Expedition Ormsbys hatten wir sogar an der Nordostecke des Kraters, bevor der Einstieg in die Felsen beginnt, noch Ueberreste gefunden, und zwar -- eine leere Whiskyflasche, die am Stamm einer alten Senecio Johnstoni in Manneshöhe angebunden war und uns so einen handgreiflichen Beweis dafür bot, dass auch schon in dieses Reich der tiefsten Einsamkeit der Mensch mit seiner Kultur vorgedrungen war! Die höchste Nordspitze von 4382 m war aber vor uns von Europäern noch nicht erstiegen worden, und der Moment dieser Erstbesteigung wurde auch -- nach unseren Vorbereitungen -- genau festgehalten. Ich hatte nämlich in Mbale vor unserer Abreise veranlasst, dass der Elgon zur Zeit unserer Expedition dorthin unter steter Beobachtung bleibe, damit in dem Augenblick, da wir die Spitze erreicht haben würden, für welchen Fall wir vereinbart hatten, grosse Feuer anzulegen, Huldigungstelegramme an Kaiser Franz Josef und an Gouverneur Jackson abgesandt werden sollten. Ausserdem suchten wir sowohl beim Monarchen, als auch beim Gouverneur um die Bewilligung an, die höchste Spitze Kaiser-Franz-Josefspitze und die zweithöchste Jacksonspitze zu taufen. Diese Benennungen wurden auch auf telegraphischem Wege sofort bewilligt.[2]
Am nächsten Morgen, den 16. Dezember, begannen wir den Abstieg vom Elgon. Es wurde jedoch Mittag, bis wir aufbrechen konnten. Ein grosser Teil der Träger war infolge der ungewohnten Kälte geradezu erkrankt und sass ganz apathisch bei den grossen Lagerfeuern, ohne auf die Befehle des Heatmans zu achten. Wir mussten grösste Nachsicht üben und uns in Geduld fassen, da die Leute zu allem Ueberflusse auch noch seit vollen vierundzwanzig Stunden keine Nahrung mehr erhalten hatten. Dr. Sells, der die Besorgung der Lebensmittel übernommen hatte, vergass, wahrscheinlich infolge seines üblen Zustandes, rechtzeitig Auftrag zu geben, dass diese aus dem Tale heraufgeschafft werden sollen. Stumm und verdrossen machten sich die Träger endlich auf den Weg. Dr. Stigler erklärte, mit einigen Eingeborenen noch ein paar Stunden im Krater bleiben zu wollen und erst später nachzukommen, um seine physiologischen Beobachtungen an den Batwa fortsetzen zu können. Ich selbst hielt mich auch noch knapp unter den Felsabstürzen des Kraterrandes auf, wo einige besonders prächtige Exemplare der Lobelia Deckeni und Senecio Johnstoni standen (Tafel 22). Sie wuchsen auf schwarzem, stark durchnässtem Humusboden, und das Ausgraben gab viel Arbeit, da sich die Wurzeln weit verzweigen. Die Lobelia, die in voller Blüte stand, trägt an dem ca. 2 m hohen zylindrischen Stamm im unteren Teile grössere violette Blüten in schräg abstehenden Laubblättern, im oberen Teil spitze, sparrig abstehende, tütchenförmige, gelbgrüne Deckblätter. Der Stamm ist hohl wie ein Rohr und von einer schmutziggelben Flüssigkeit erfüllt. Die Wurzel läuft vollständig horizontal und ist, ebenso wie der Stamm, sehr zerbrechlich, weshalb die Hacken und Schaufeln mit aller Vorsicht angewendet werden mussten. Nachdem noch eine Reihe von Chromo- und Schwarzaufnahmen dieser seltsamen Gebirgspflanze gemacht worden waren, ging es wieder vorwärts. Da sich die Träger in der Sonne und unter der Last der Gepäckstücke schon erwärmt hatten, kam bald das alte lärmende Leben in die Karawane, und wir erreichten rasch den Platz, auf dem wir vor vier Tagen unser letztes Lager vor der Ankunft im Elgonkrater aufgeschlagen hatten. Etwas später kam auch Dr. Stigler mit den restlichen Trägern nach. Dr. Sells, der uns hier erwartete, hatte sich von der Bergkrankheit noch nicht gänzlich erholt, fühlte sich aber doch schon wohler. Mit grosser Freude wurde es begrüsst, dass die Lebensmittel und auch der versprochene Ochse bereits heraufbefördert waren, und nach Aufstellung der Zelte gingen die Träger sofort an das Abkochen und liessen sich nach der überstandenen Hungerzeit die reichliche Kost trefflich munden.
Tags darauf entliessen wir den Batwahäuptling und seine Begleiter, nicht ohne sie vorher beschenkt zu haben, und marschierten rüstig bis zum Abend. Die Nacht wollten wir im Urwald zubringen (Tafel 23). Wir schlugen zwar unser Lager auf einer Lichtung -- in der Höhe von 2800 m -- auf, trotzdem mussten aber noch sämtliche Träger mit Hacken, Krampen und Messern den dichten Unterwuchs und einige kleinere Bäume beseitigen, um für unsere Zelte einigermassen Platz zu schaffen. Die Luft war schwer, mit Feuchtigkeit geschwängert und von dem Fäulnisgeruch vermodernder Urwaldriesen erfüllt, das Bild dieses Lagerlebens mitten im Urwalde wird uns aber in unvergesslicher Erinnerung bleiben. Die Eingeborenen lagen an grossen Feuern, die sie angemacht hatten, und rings um uns und über unseren Köpfen wob sich die dichte Wirrnis der von Lianen umschlungenen Aeste und Zweige, umgab uns märchenhaftes, geheimnisvolles Dunkel, das wie drohend den durch unsere Feuer erhellten Lagerplatz einschloss.
Am nächsten Tage vereinbarte ich mit Dr. Stigler, dass er mit den Trägern bis zum Kamp Masobu vorausmarschieren und mich dort erwarten solle, da ich den Aufenthalt im Urwalde nicht vorübergehen lassen wollte, ohne so viel wie nur möglich für meine botanischen Sammlungen zu gewinnen. In der Nähe des Lagers liess ich zwei schöne Exemplare der Lobelia Stuhlmanni ausgraben, die, ebenso wie Lobelia Deckeni und die Senecio, für die Universitäten in Wien und Budapest bestimmt waren, und tags darauf hielt ich mich längere Zeit im Bambuswalde, in dem wir nun wieder angelangt waren, mit botanischen Arbeiten auf, so dass es bereits Nacht geworden war, als wir in Masobu eintrafen.