Part 4
Die breite Strasse bis Mbale zeigt noch grossen Verkehr, und wir begegneten auf ihr auch dem Provinzialkommissär von Jinja, der mit Frau und Kind von einer Inspektionsreise zurückkehrte, er selbst auf dem Zweirade, die Frau und das Baby in einer bequemen Riksha. Bald darauf trafen wir wieder Europäer, die zwei bekannten Elefantenjäger Moore und Johnson. Man hatte uns von diesen schon in Jinja erzählt und uns gesagt, dass wir von ihnen vielleicht Auskünfte über die Gebiete erhalten könnten, die wir bereisen wollten. Aus dem Gespräch mit ihnen entnahmen wir aber bald, dass sie nur die Route zwischen dem Mont Elgon und Mont Debasien kannten, auf der die alte Karawanenstrasse nach Manimani führt und die für uns von keinem Interesse war. Die beiden waren übrigens sehr niedergeschlagen, da man ihnen, wie wir später in Mbale erfuhren, nicht weniger als 70 Paar Elefantenzähne konfisziert hatte. Sie stammten von weiblichen Elefanten, und den Angaben der beiden, dass sie das Elfenbein von Eingeborenen eingetauscht hätten, schenkte man keinen Glauben. Man kannte sie schon zu gut als zwei verwegene Wilderer, die keinen Augenblick zögern, ganze Herden weiblicher Tiere zu vernichten, um sich in den Besitz des wertvollen Elfenbeins zu setzen, das in diesen Gegenden bares Geld ist.
Um zwei Uhr nachmittags erreichten wir mit den ersten Trägern bei strömendem Regen +Jganga+, und erst um vier Uhr war der Rest der Karawane hungrig und müde vor unserem Rasthause eingetroffen. Dieses Rasthaus ist infolge des hier so häufigen Auftretens der Rückfallfieberzecke mit grosser Vorsicht angelegt. Es erhebt sich auf Holzsäulen, so dass der Fussboden der Hütte, die einigen Betten bequem Raum gibt, ungefähr 1 m 20 cm über dem natürlichen Niveau gelegen ist. Eine horizontale Blechabdachung der Säulen unter den Schwellen, auf denen die Hütte gebaut ist, macht den Zecken das Eindringen in das Wohnhaus unmöglich. Unsere Träger quartierten sich in den rings um das Unterkunftshaus stehenden Strohhütten ein, die übrigens -- auch wegen der Spirillumzecke -- fast alljährlich niedergebrannt und wieder neu aufgebaut werden.
+Jganga+ ist eine grössere Eingeborenen-Niederlassung, in der sogar einige Inder ihre Kaufläden errichtet haben, wo die notwendigsten Lebensmittel sowie Tabak und billige Baumwollstoffe erhältlich sind. Unsere Träger -- die in Jinja angeworbenen und hierher vorausgeschickten Busogaträger hatten uns hier erwartet -- wurden mit Mehl und Bananen versorgt, und auch wir Europäer liessen unsere Konservenbüchsen verschlossen, da wir noch genug frische Eier, Hühner, Milch und Schaffleisch zu kaufen bekamen.
Am nächsten Tag frühmorgens ging der Marsch weiter. Die breite Strasse führte durch prächtige Bananen- und Gummiplantagen, überall kamen wir zu Eingeborenendörfern, und die Träger erwiderten mit grosser Lebhaftigkeit die Jamborufe, mit denen sie von den Eingeborenen begrüsst wurden. Jinja ist mit Mbale durch eine Telegraphenleitung verbunden, deren Säulen längs der Strasse in hohem Elefantengras stehen und wegen der Feuersgefahr aus Eisen hergestellt sind. Hinter Jganga sahen wir aber auch solche aus ungeschälten Baumstämmen, die den ganzen Schaft hinauf Zweige vom üppigsten Grün getrieben hatten. Nachmittags trafen wir in +Bugueri+ ein, wo wir vom Häuptling und seinem Staat empfangen und mit Milch, Eiern und Hühnern beschenkt wurden. Gegen Abend wurde abgekocht, und dann führten die Träger ihre Tänze auf, die von eigenartigen Gesängen und vom Händeklatschen der Nichtsänger begleitet wurden.
Der nächste Tag brachte uns eine angenehme Begegnung. Gegen die Mittagstunde trafen wir mehrere Hunderte von Eingeborenen, die eifrig an dem Bau der Strasse arbeiteten, Schotter herbeiführten, am Unterbau beschäftigt waren und mit einer grossen Steinwalze die neue Strasse ebneten. Der Leiter dieser Arbeiten war der englische Strassen- und Brückeningenieur Fitzgerald von den Public Works, der uns sehr liebenswürdig begrüsste und in sein provisorisch errichtetes Rasthaus zum Lunch einlud. Wir hatten zwar vor, an diesem Tage noch das anderthalb Meilen breite Wasser des Mpologama-River zu durchqueren und bis Budaka zu gelangen, Mr. Fitzgerald bewog uns aber, gleich hier unser Lager aufzuschlagen, da es bis zum nächsten Rasthause noch elf Meilen waren und wir dies vor Anbruch der Nacht, unmöglich erreicht hätten. Mr. Fitzgerald, der ein sehr angenehmer und weltgewandter Gesellschafter ist, steht Mitte der Dreissiger Jahre und lebte schon 13 Jahre in Indien und Südafrika, hatte den Burenkrieg mitgemacht und war seit fünf Jahren in Ostafrika und Uganda mit Strassenbauten beschäftigt. Die ganze lange Zeit war er niemals in Europa gewesen und -- fast immer allein mit seinen schwarzen Arbeitern -- weit entfernt von dem Sitze der englischen Beamten. Er sah ausserordentlich frisch und gesund aus, trotzdem er einmal an Malaria schwer erkrankt war und seither wiederholt am Rückfallfieber zu leiden hatte. Auch stellte sich bei ihm, wie er uns erzählte, eine oft sehr unangenehm werdende Gedächtnisschwäche ein, die möglicherweise auch in der Einsamkeit, in der er Jahr für Jahr hinbrachte, begründet sein mochte. Die Gegend ist hier nicht besonders wildreich, da und dort zeigen sich Gazellen und Büffeln, am häufigsten sieht man aber Leoparden, die in den letzten fünf Nächten zweimal dem Lager Mr. Fitzgeralds einen Besuch abgestattet hatten. Um fünf Uhr nachmittags kam der Häuptling mit seinen Ministern und grosser Begleitung zu uns und brachte uns einen grossen Bananenvorrat für die Träger, die auch an diesem Abende bis tief in die Nacht hinein ihre wilden Tänze aufführten.
Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns von Mr. Fitzgerald, der uns noch ein kräftiges Frühstück bot, und setzten unseren Marsch fort, nach dem 6½ Meilen entfernten Mpologama-River, einem breiten, mit dichtem Papyrus bewachsenem Swamp (Tafel 4). Da er nur eine schmale Wasserstrasse für den Verkehr mit den Einbäumen offenlässt, und diese nicht mehr als 20 Eingeborene fassen, dauerte die Ueberbootung unserer grossen Karawane mehrere Stunden. Nach weiteren drei Meilen erreichten wir das Terenia Rasthaus, beschlossen jedoch, da wir herrliches Wetter hatten, in der Nacht bei Mondlicht weiterzumarschieren. Ein Teil der Träger hatte sich dagegen gesträubt und zwei von ihnen hatten, trotz der Aufsicht der Askari, die Lasten weggeworfen und waren durchgebrannt. Ausserdem war einer der Nairobiträger, der etwas zurückgeblieben war, von den Eingeborenen überfallen und seiner Kleider sowie seines Messers beraubt worden. Da es inzwischen ein Uhr nachts geworden war, machten wir Rast und unterhielten gegen etwaige Leopardenüberfälle grosse Feuer. Wir schliefen in den Kleidern und brachen schon um fünf Uhr morgens wieder auf. Nach zwei Stunden, die wir auf leicht ansteigender Strasse durch reiche Baumwollanlagen marschierten, bot sich uns plötzlich ein prächtiger Ausblick. Der mächtige Elgon-Vulkan erhob sich mit seinen grünen Vorbergen in der Morgensonne vor unseren Augen und stieg zu gewaltiger Höhe bis in die Wolken empor. Nach dem tagelangen Marsch durch Busch- und Steppengegend, war der Anblick dieser weitausgedehnten Berglandschaft, die sich nun in solcher Nähe erstreckte, von tiefem Eindruck, und unsere Blicke wanderten erwartungsvoll die Höhen hinan, die wir in den nächsten Tagen bezwingen wollten. Da wir noch einen weiten Weg vor uns hatten, hielten wir nur kurze Rast und erreichten um ½10 Uhr vormittags Mboa, das auf einer Anhöhe gegenüber dem Kogonchoro (frecher Weisser), dem grossen Vorberge des Elgon, liegt (Tafel 6). Der Ausblick weitet sich hier noch mehr, und in der Ferne kann man, wenn auch in etwas verschwommenen Umrissen, die westlich vom Elgon gelegenen Bergriesen des Konkoro erkennen. Bis vier Uhr beschäftigte ich mich mit kartographischen und astronomischen Aufnahmen, dann versuchten wir, die Träger für einen Abendmarsch bis Mbale zu gewinnen. Die Eingeborenen von Mboa, die sich uns näherten, sind grosse, starke Gestalten von wildem Aussehen. Die Männer tragen um die Lenden einen Lederschurz, die Weiber um die Hüften einen ihre Gestalt einzwängenden Gürtel aus Baumrinde und einen aus langen Gräsern geflochtenen Schurz, der von dem gewöhnlich ausserordentlich starken Bauch überhängt ist.
_AM FUSSE DES ELGON._
_Die letzte Telegraphenstation / Im Anblick der Gebirgswelt / Trägersorgen / Englische Gastfreundschaft / Vorbereitung für die Elgonbesteigung / Der Abmarsch / Durch die Eingeborenendörfer / Einheimische Justiz / Der Aufstieg in die Felsen / Im Urwald / Die letzte Ansiedlung._
Ein dreieinhalbstündiger Marsch brachte uns am nächsten Tage nach +Mbale+, der am Südabhange des Kogonchoro gelegenen letzten englischen Station im Nordosten Ugandas. Eine gut gepflegte, von Gummibäumen beschattete Strasse führt durch die Niederlassungen der Eingeborenen an indischen Kaufläden und den Hütten der Askari vorbei zum höchsten Punkte des Ortes, einer grossen Wiese, die uns vom Distriktskommissär Mr. +Peryman+, der uns entgegengekommen war, als Lagerplatz angewiesen wurde. Am Ende der Strasse liegt das Regierungsamtshaus (Boma) mit einer Askariwache und hinter ihm in kreisförmiger Anlage die hübschen, villenartigen Wohngebäude des Distriktskommissärs, seines Assistenten, des Arztes Dr. Lionel Sells und des Polizei-Offiziers. Jedes Haus steht in einer geschmackvollen Gartenanlage, und zwischen ihnen breitet sich gepflegter Rasen und sogar ein Tennisplatz aus.
Das Klima von Mbale -- in der Eingeborenensprache Karungu genannt -- ist trotz seiner 3800 Fuss hohen Lage über dem Meeresspiegel sehr ungesund, und es ist namentlich die Malaria und die Beulenpest verbreitet, an der in den letzten Wochen nicht weniger als 150, im Verlaufe eines Jahres aber 3000 Eingeborene gestorben waren. Ich hatte auch Gelegenheit, das Pestspital in Mbale zu besichtigen, eine einfache Strohhütte, in deren Nähe die an Pest Verstorbenen in seichte Gruben eingegraben werden. Nächtlicher Zeit werden sie von Hyänen, deren Geheul die ganze Nacht hörbar ist, ausgegraben und aufgefressen. Um so schöner ist aber das Landschaftsbild, das sich von Mbale und namentlich von unserem Lagerplatze aus bot. Im Norden steigt, knapp hinter dem Ort, der nach Westen fast senkrecht abfallende Kogonchoro aus der Ebene auf, links von ihm liegt, seine Spitzen von Wolken gekrönt, der mächtige Elgon oder Sabey, wie er von den Eingeborenen genannt wird, und weiter nach Nordwest reiht sich Berg an Berg, denen kleine, bis Mbale auslaufende Hügel vorgelagert sind, die im leuchtenden Grün ihrer Bananenpflanzungen ein Bild der reichen Fruchtbarkeit dieses Bodens geben. Ganz weit, in duftiger Ferne, sieht man den trotzigen Koloss des 3000 Meter hohen Konkoro oder Mont Debasien emporragen.
Die nächsten Tage galten nun der Vorbereitung der Elgon-Besteigung (Tafel 7). Von Elgon wollten wir wieder nach Mbale zurückkehren, um über Einladung Dr. Sells und Mr. Perymans das Weihnachtsfest in ihrem Kreise zuzubringen und ausserdem die bis dorthin angelegten Sammlungen zu verpacken und nach Europa zu schicken. Die genannten Beamten überboten sich gegenseitig, uns nach jeder Richtung hin zu unterstützen und Ratschläge zu erteilen. Die grössten Sorgen machte uns die Trägerfrage. Alle Träger mit Ausnahme derer aus Nairobi mussten zurückgeschickt werden, da sie für die weitere Reise und die zu gewärtigenden Anstrengungen viel zu schwach waren. 60 Träger von Mboa, 110 von Jinja sowie die sechs Askari und ihr Korporal wurden in Mbale entlassen. An ihre Stelle sollten 250 starke und erprobte Kawirondoträger treten, die über Auftrag Mr. Perymans für unsere Expedition in Mumias angeworben werden sollten. Für die Besteigung des Elgon genügten uns unsere Suaheliträger, die Boys sowie die Heatmans, und einige Eingeborenenträger aus dem Elgonlande als Führer, da wir ja nur das notwendigste Gepäck, Wäsche und warme Kleider, die Apotheke und die wissenschaftlichen Apparate mitzunehmen gedachten. In Mbale hatte ich übrigens noch einen energischen und erfahrenen Heatman in dem Araber Abeidi Abdulla aus Mekka gefunden, der als Elefantenjäger die durch ihre Wasserarmut und ihren Mangel an Lebensmitteln bekannten Karamojogebiete gut kennen gelernt hatte, und der mir versprach, bis zu meiner Rückkehr vom Elgon die noch fehlenden Träger zu beschaffen. Auf sein Anraten bestellte ich aus Kilimi im südlichen Karamojo dreissig kräftige Esel, von denen jeder 200 Pfund trug. Dadurch ersparten wir uns 90 Träger, was uns im weiteren Verlaufe der Expedition sehr zustatten kam. Denn je tiefer wir in das noch unerschlossene Gebiet von Uganda vordrangen, desto schwieriger war es, Träger zu finden, die uns begleitet hätten. Man hatte zu viel von der Gefährlichkeit der Gebiete gehört, die wir durchqueren wollten, und besass namentlich vor den sehr feindseligen und hinterlistigen Naqua- und Toburstämmen grosse Angst.
In den vier Tagen unseres Aufenthaltes in Mbale war ich auch viel mit den kartographischen und astronomischen sowie den täglichen meteorologischen Aufnahmen beschäftigt, während Dr. Stigler stark von den erkrankten Trägern in Anspruch genommen war, ausserdem aber auch seinen rassenphysiologischen Studien oblag. Die Abende waren wir abwechselnd bei Dr. Sells und Mr. Peryman geladen und genossen im Innersten Afrikas eine Geselligkeit, die durch die Damen des Hauses, die jungen und liebenswürdigen Frauen der beiden englischen Beamten, noch einen besonderen Reiz gewann. Dr. Sells machte sich erbötig, uns auf den Elgon zu begleiten, und auch Mr. Peryman wollte sich uns anschliessen und beabsichtigte, mit seiner jungen Frau eine Inspektionsreise durch die von uns zu passierenden Gebiete bis zur Ugandagrenze zu unternehmen.
Der Elgonkrater ist von Mbale in fünf Tagereisen zu erreichen und liegt auf der Wasserscheide des Viktoria- und Rudolf-Sees, ebensoweit westlich vom Ostafrikanischen Hauptgraben als der Kenia östlich. Der Elgon oder Sabey ist ein Bau aus vulkanischer Asche und festem vulkanischen Gestein mit einem mächtigen Urwaldbestand, der sich auf den Westabhängen in der Höhe von 2300 bis 3000 Meter hinzieht. Viele Flüsse haben ihren Ursprung auf den Abhängen dieses Bergriesen, einer -- der Suam -- entspringt im nordöstlichen Teile des Kraters selbst und hat sein Bett westlich von der höchsten Spitze, Kaiser Franz Josefspitze, in einer tiefen, wilden Schlucht des nördlichen Kraterrandes gefunden.
Der Abmarsch von Mbale war auf den 7. Dezember festgesetzt. Leider konnte Dr. Stigler mit Dr. Sells ihn erst zwei Tage später antreten, da er sich eine ziemlich schwere Magenindisposition zugezogen hatte, die sich jedoch infolge der Pflege, die ihm Dr. Sells in seinem Hause angedeihen liess, bald wieder behob. Ich selbst marschierte mit Mr. Peryman, dem Photographen, dem Präparator und ungefähr 60 Eingeborenen (30 Träger hatte ich Dr. Stigler zurückgelassen), am festgesetzten Tage ab, und zwar zunächst bis +Bujobo+, wo wir unser erstes Nachtlager aufschlugen. Von dort stieg ich am nächsten Morgen auf schmalem Eingeborenenpfad den steilen vulkanischen Hügel Buwalesi (1629 m) empor, der ausgezeichnete Punkte für meine kartographischen Arbeiten bot und von dem aus sich ein herrlicher Ausblick auf die zwischen dem Elgon und dem Kogonchoro gelegenen Zwischenberge öffnete. Auffallend war der Reichtum an Schmetterlingen, den ich hier antraf und von dem bisher sehr wenig zu spüren war. Auf dem ganzen Wege von Jinja bis Mbale hatten mein zwölfjähriger Mohammedaner Amissi und der Vogelpräparator Paulo, den ich aus Entebbe mitgenommen hatte, für meine entomologische Sammlung nicht mehr als 600 Schmetterlinge aufbringen können (Tafel 8).
Auf dem Wege zum Buwalesi fanden sich noch einige spärliche Niederlassungen von Eingeborenen, die hier schwächliche, fast ganz nackte Menschen von mittlerer Grösse sind. Die Männer tragen vorne einen kleinen Schurz, die Weiber einen Grasgürtel und ausserdem -- eine ethnologische Merkwürdigkeit, die ich nur im Elgongebiete antraf -- ein gleichfalls aus Gras geflochtenes Glied, das die verheirateten Frauen vorne tragen (Tafel 9).
Schon um 5 Uhr morgens verliessen wir am nächsten Tage unseren Rastplatz und marschierten bis +Buhugo+. Zunächst ging es bergauf und bergab durch die gewohnten Bananenpflanzungen, bis wir bald in ein meilenbreites Tal niederstiegen, das vom Siroko durchflossen ist, einem zur Regenzeit mächtigen Flusse, der aber, als wir ihn überschritten, nur sehr wenig Wasser führte. Ueber ihn spannt sich eine noch nicht lange bestehende Brücke, deren Decke aus 3 m langen, mit Bast zusammengeflochtenen Bambusstämmen gebildet ist. Nun stieg das Terrain fortwährend, bis wir endlich -- es war gegen 10 Uhr vormittags -- Buhugo zu Gesicht bekamen. Wir wurden dort vom Häuptling und seinen Ministern erwartet und mit den üblichen Geschenken -- einem Schaf, Hühnern, Milch und Eiern -- bedacht. Ueber meinen Wunsch brachte er mir auch noch Fische, die ich in den blechernen Spiritusbehältern präparierte und aufbewahrte, und eine Menge ethnologischer Gegenstände. Am Abend versammelte Mr. Peryman die Häuptlinge und Eingeborenen um sich und hielt ihnen aufklärende und belehrende Vorträge.
Hier waren wir auch Zeugen der einheimischen Gerichtsbarkeit. Ein Eingeborener hatte eine Ziege gestohlen und wurde von einem Askari ins Lager gebracht. Hier legte man ihn auf den Bauch, band ihm die Füsse und die auf dem Rücken gelegten Hände zusammen und schnallte ihn an dicke Pfähle, die am Ende der Füsse und zwischen den Oberschenkeln in den Boden getrieben wurden. Nun hätte ihm eine tüchtige Tracht Prügel verabreicht werden sollen, aber Mr. Peryman liess des grausamen Spiels schon ein Ende sein und gab den Schwarzen gegen das Versprechen frei, nie mehr einen Diebstahl zu begehen. Ob der Pardonierte sich später dieser Gnade würdig erwiesen hat, ist freilich sehr zu bezweifeln, denn die Eingeborenen dieser Gegend sind wilde, verwegene Leute und, wie uns Dr. Sells, der uns mit Dr. Stigler und den übrigen Trägern in Buhugo eingeholt hatte, mitteilte, war das Gebiet noch vor zwei Jahren vollkommen unsicher (Tafel 10).
Am nächsten Morgen brachen wir zu gewohnt früher Stunde das Lager ab und langten nach einstündiger Wanderung durch ansteigende Bananenpflanzungen und an einigen Dörfern vorbei am Fuss des Namugawehill an, eines Ausläufers des Elgon, der derart steil abstürzt, dass ein Erklimmen für die Karawane fast unmöglich erschien. In einem am Berg liegenden Eingeborenendorf machten wir Halt, um uns über den Aufstieg zu beraten und von den Eingeborenen Auskünfte über die Richtung einzuholen, in der der steile Abhang am ehesten erklettert werden könnte. Das Ergebnis war, dass wir beschlossen, den Aufstieg direkt durch die Felsen zu unternehmen, was allerdings ein heisses Stück Arbeit war. Die Träger mussten sich mit ihren schweren Lasten gegenseitig hinaufziehen und aufwärts schieben, die grösste Schwierigkeit boten aber die Maultiere, die oft über meterhohe glatte Felsblöcke emporgezogen werden mussten. Ueberdies hatten wir noch unter der drückenden Hitze -- 38 Grad C. im Schatten -- zu leiden, so dass es zwei Stunden währte, bis die ganze Karawane die Höhe erreicht hatte. Oben angelangt stiegen wir nach kurzer Rast den Kamm entlang bis zu einem Platze, der sich Masobu nennt und in der Höhe von 2285 m am unteren Ende des Elgon-Urwaldes liegt. Mitten zwischen Bäumen und Gebüschen schlugen wir unsere Zelte auf, so dass unser Lager das Bild eines malerischen Durcheinanders gab.
Am nächsten Morgen verliess uns Mr. Peryman, der am Fieber erkrankt war und nach Mbale zurückkehrte. Wir anderen drangen in steilem Terrain langsam gegen Nordosten vor. Bald nahm uns ein Wald mit enorm hohen, alten Bäumen und dichtem, stellenweise undurchdringlichem Unterwuchs auf. Vereinzelt zeigen sich Bambusstauden, sie werden aber immer zahlreicher und schliessen sich zusammen, und nach einer Stunde stehen wir mitten in einem ausgesprochenen Bambuswalde, der sich erst nach einem weiteren einstündigen Marsche und nachdem wir einen kleinen Bach mit klarem hellen Wasser überschritten hatten, langsam wieder lichtet und den an seine Stelle tretenden Laubbäumen Platz gibt. Das Bild wird nun bald ein total verändertes, und über uns wölbt sich in dunkler Majestät der Urwald. Die Baumbestände werden immer dichter und enger, Lianen winden sich in unendlichen Verschlingungen von Stamm zu Stamm, und die buschige Untervegetation ist so hoch, dass sie fast über unseren Köpfen zusammenschlägt. Die mächtigen Stämme sind von dickem Moos und anderen Schmarotzerpflanzen bewachsen, und den Boden überzieht ein grüner Polster von allen möglichen Farren und Kräutern, in den der Fuss wie in einen Teppich tief einsinkt. Das Vorwärtskommen ist hier eine schwere Arbeit, es ist ein unaufhörliches Kriechen, Bücken und Ueberklettern der umgestürzten Baumstämme oder der mächtigen Wurzeln, die oft und oft den Weg versperren. Dazu steigt das Terrain unausgesetzt an. Gleich am Beginne des Urwaldes zeigten sich auf einer kleinen Lichtung einige schlanke schöne Lobeliaceen, die sich im Glanz des grellen Sonnenlichtes doppelt wirksam von dem violetten Dämmerlichte abhoben, das ringsum den dichten Urwald füllte (Titelbild und Tafel 11).
Stundenlang geht es nun Schritt für Schritt langsam vorwärts, und das tiefe Schweigen versagt sogar auf unsere sonst so sangeslustigen und lärmenden Träger nicht seine Wirkung, die stumm ihren Weg suchen. Nur das Knacken und Brechen der Aeste ist zu hören und das zarte Gezwitscher der kleinen prächtigen Nektarinen, die hier die ganze Fauna ausmachen, sonst herrscht Totenstille und heiliges Schweigen.
Fünf Stunden lang währte dieser unvergessliche Marsch durch den Urwald, dann wurde die Walddämmerung heller, der Baumbestand lichtete sich, wir sind am oberen Ende des Urwaldes angelangt. Noch muss ein kurzer, steiler Abhang überwunden werden, und wir befinden uns auf einem terrassenartigen Plateau, auf dem wir, alle stark ermüdet, -- in der Höhe von 3390 m -- das Lager aufschlagen. Es wurde rasch abgekocht, und ich fand in der Nähe des Lagers einen günstigen Punkt für meinen Theodoliten. Ich arbeitete, bis mich -- es war halb sechs Uhr geworden -- derart fror, dass die Hände den Dienst versagten. Die Temperatur, die schon mittags nur 10 Grad C. betragen hatte, war auf 4 Grad gesunken, und am nächsten Morgen zeigte mein Minimum-Thermometer 2 Grad C. unter Null. Nach dem Abendessen begaben wir uns denn auch bald zu Bette, nicht ohne vorher warme Wäsche angezogen zu haben. Meinen braven Trägern, die an diesem Tage ganz Ausserordentliches geleistet hatten, versprach ich als Zubusse zu ihren Mehlrationen einen Ochsen, dessen Fleisch an sie bei der Rückkehr vom Elgon und sobald das Tier heraufgetrieben wäre in diesem Kamp verteilt werden sollte (Tafel 11).