Quer durch Uganda

Part 3

Chapter 33,418 wordsPublic domain

Uganda wurde 1894 von der englischen Staatsverwaltung übernommen, nachdem die „Imperial British East Africa Company“ die Räumung Ugandas, über das die Gesellschaft seit 1890 ihre Tätigkeit ausgedehnt hatte, wegen der fortwährenden religiösen Wirren und der nicht genügend ausreichenden Mitteln, um das weit im Innern liegende Uganda festzuhalten, beschlossen hatte. 1897 brach jene gefährliche Meuterei der früheren sudanesischen Soldaten Emin Paschas aus, welcher Aufstand erst nach äusserst erbitterten und verlustvollen Kämpfen im Jahre 1898 mit Hilfe indischer Truppen und Unterstützung von deutscher Seite unterdrückt werden konnte. Die religiösen Wirren reichen noch weiter zurück und es waren namentlich die Könige Mtera und sein Nachfolger Mwanga oder Muanga, ein äusserst gefürchteter Tyrann, die tausende von Eingeborenen unschuldig hinschlachten und 1885 auch den Bischof Hannington und seine Gefährten ermorden liessen. Uganda hat für England grossen strategischen Wert, gibt es doch die Verbindung längs des Nils über Chartum zum Viktoria-See, und durch die sogenannte Ugandabahn in Britisch-Ostafrika zur Küste des Indischen Ozeans mit Indien, falls je der Weg durch das Rote Meer gesperrt sein sollte.

Der Boden im südlichen und westlichen Uganda ist ziemlich gut. Es wird Kaffee, Zucker, Tabak, Baumwolle und Seide gepflanzt. An Mineralschätzen ist nicht viel zu erhoffen, ausgenommen die grossen Eisenlager in den bisher unerforschten Naqua- und Toburbergen, wo die wilden Eingeborenen eine äusserst interessante primitive Eisenindustrie geschaffen haben, auf die ich noch ausführlich zu sprechen komme.

Uganda zerfällt in die Zentral-, West-, Nil- und Ugandaprovinz. Unsere Expedition galt der Zentralprovinz, die im Westen vom Nil, im Süden vom Viktoria-See, im Osten von Kavirondo und im Norden vom Mont Debasien und Kamalingagebirge begrenzt wird. Die englische Verwaltung reicht im Norden nur bis zum Salisbury-See, die darüber hinausreichenden Gebiete der Karamojo-, Naqua- und Toburstämme sowie der grösste Teil des Acholilandes sind bisher noch unerforscht, und diese weiten Flächen des inneren Afrika zu erschliessen, war eines der Hauptziele unserer Expedition.

_AM VIKTORIA-SEE._

_Ankunft in Entebbe / Besuche beim Gouverneur / Ein Ausflug nach Kampala / Im Gebiete der Glossina palpalis / Die Rikshaläufer / Beim König von Uganda / Ein Frauenmörder vor dem Eingeborenengericht / Ueber den See nach Jinja / Unser erstes afrikanisches Lager / Schlafkrankheit, Rückfallfieber und andere Krankheiten / An den Riponfällen / Regenzeit._

In Entebbe, der Hauptstadt Ugandas, wurden wir schon am Landungsplatze von einem Abgesandten des Gouverneurs Mr. Jackson erwartet, der uns die Mitteilung machte, dass die von uns noch benötigten Träger bereits angeworben seien und dass uns der Gouverneur um vier Uhr nachmittags zu empfangen wünsche (Tafel 2). Wir beeilten uns, unser Gepäck im Zollhaus zu deponieren, quartierten uns im Hotel „Viktoria“ ein und fuhren dann in einer Riksha zu dem auf einer Anhöhe mit prächtigem Ausblick auf den See gelegenen Gouverneurpalais. Der Empfang, den uns Mr. Jackson bereitete, war ein ungemein liebenswürdiger. Er war durch das englische Kolonialministerium von unseren Absichten bereits unterrichtet worden und gab uns aus dem reichen Schatze seiner 27jährigen Erfahrungen ausserordentlich wertvolle Ratschläge; auch stellte er uns einen offenen Brief für sämtliche englische Stationsbeamte und Offiziere aus, in dem diese aufgefordert wurden, uns nach jeder Richtung zu unterstützen. Am nächsten Tage, an dem wir beim Gouverneur zum Diner geladen waren, legte er uns nahe, auf unserer Reise ja die Besteigung des Elgon nicht zu unterlassen, den er selbst vor Jahren unter grossen Schwierigkeiten erstiegen hatte. Die Schilderungen, die er von seiner Expedition und der mächtigen Schönheit dieser afrikanischen Bergwelt gab, waren so eindrucksvoll, dass wir ihm nach zwei Tagen schon die Versicherung gaben, dass die Besteigung des Elgonkraters sowie der bisher noch nicht bestiegenen Nord- und Süd-Spitze des Elgon beschlossene Sache sei.

Unsere Ausrüstung wurde in Entebbe noch durch abermalige Anschaffungen ergänzt, die diese Erweiterung unseres Reiseplanes nötig machte. Einen Tag unseres Aufenthaltes verwendeten wir zu einem Ausflug nach Kampala, für den uns Mr. Pordage von der British East Africa Corporation das Automobil seiner Gesellschaft zur Verfügung stellte. Die gut gepflegte Strasse führt zunächst durch einen kleinen Wald, in dem das Buschwerk ausgeschlagen und am Rande der Strasse eine rote Flagge gehisst ist. Wir befinden uns im Gebiete der Schlafkrankheit, und die rote Flagge ist das Zeichen für das Verbot des Betretens. Diese fürchterliche, fast immer tötlich verlaufende Krankheit hat schon Hunderttausenden von Menschen das Leben gekostet, und es bedarf aller Anstrengungen, um die Verheerungen, die die Glossina palpalis an den Eingeborenen anrichtet, einigermassen einzudämmen. So hat die englische Regierung auf den Inseln und an den Ufern des Viktoria Nyanza zahlreiche Dörfer verbrannt und deren Bewohner anderswo angesiedelt. Den Hauptaufenthalt der Fliege bildet das Buschwerk am Uferrand vieler afrikanischer Flüsse und Seen, gewöhnlich aber nur in der Breite von 100 bis 150 Meter. Man ist bemüht, die Fliege samt ihrer Brut durch Abbrennen dieser am Wasserstrand stehenden Büsche zu vernichten, und am Viktoria-See ist ausserdem das Betreten der Küstenstriche bei einer Strafe bis zu 1000 Rupien verboten. Der Reisende in Uganda darf der Glossina palpalis wegen sein Lager nie unmittelbar an den Ufern der Gewässer aufschlagen. Auch bei Einhaltung dieser Vorsichtsmassregel ist die Gefahr einer Einschleppung noch immer nicht ganz geschwunden, da die eingeborenen Träger von der Wasserstelle Trink- oder Kochwasser bringen, auch unbekümmert um die Fliege ein Bad nehmen und dann oft von der Glossina bis ins Lager verfolgt werden. Der Kapitän des „Clement Hill“ erzählte mir, dass sogar schon in den Kabinen des Schiffes Exemplare der Schlafkrankheitsfliege gefunden wurden, trotzdem die Dampfer auf dem Viktoria Nyanza ihren Kurs weit vom Ufer nehmen und die Landungsstellen in grossem Umkreise durch die obenerwähnten Vorsichtsmassregeln gegen den Krankheitserreger geschützt sind. Die Glossina palpalis ist etwas grösser als unsere Hausfliege, trägt einen lichten Ring um den dunkelbraun gefärbten Leib und die Flügel meist nach rückwärts gekreuzt. Sie fliegt nur untertags umher und verkriecht sich bei eintretender Dunkelheit. Ein Serum gegen ihr Gift zu finden, ist trotz aller Bemühungen deutscher und englischer Aerzte noch immer nicht gelungen.

Gegenüber dieser Brutstätte der Schlafkrankheitsfliege zieht sich längs der andern Seite der Strasse ein Urwaldstreifen hin, in dem eine Unmenge von Vögeln flattert und zwitschert und viele Affen von Stamm zu Stamm springen. Der Wald nimmt aber bald ein Ende, und an seine Stelle treten weit ausgebreitete Sümpfe -- Swamps -- infolge deren auch die Strasse schlechter und ausgewaschen wird.

Gegen Mittag kamen wir zu den Hügeln der Eingeborenen-Hauptstadt +Kampala+, in der vor allem der imposante Bau der Missionsstation mit ihrem gross angelegten Hospital die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Da in Kampala sich kein europäisches Hotel befindet, folgten wir der liebenswürdigen Einladung des Direktors der afrikanischen Seidengesellschaft, Herrn Heinrichs, eines Reichsdeutschen, und nahmen bei ihm unseren Lunch ein. Dann fuhren wir in Rikshas auf den Namirembe-Bagur, auf dem sich das von Dr. Cook und seinem Neffen geleitetete Hospital erhebt. Die Riksha ist hier das landesübliche Gefährte. Drei junge kräftige Eingeborene schieben es im Laufschritt bergauf, während ein vierter vorn anzieht. Die Fahrt vollzieht sich unter einem eigentümlichen litaneiartigen Gesange. Der vorne Ziehende spricht ohne Unterbrechung in singendem Tone einen Schwall von Worten, die von den drei rückwärts anschiebenden Eingeborenen mit „Jahere“ und einem eine Quart tieferen „Mha“ begleitet werden. Der Beruf dieser Rikshazieher ist sehr einträglich; länger als vier bis fünf Jahre halten ihn aber die jungen Burschen nicht aus, die meisten sterben dann an einem Lungen- oder Herzleiden.

Das Hospital, das wir nunmehr besichtigten, weist mustergiltige Einrichtungen auf, die mancher europäischen Anstalt zum Vorbild dienen könnten. Es ist nach dem Pavillonsystem erbaut und führt 130 Betten, ausserdem verfügt es über glänzend ausgestattete Laboratorien, Instrumentenzimmer, Apotheke usw. Von Dr. Cook und seinem Neffen werden hier jährlich gegen 3000 Patienten behandelt und zirka 1000 Operationen vorgenommen. Dr. Cook überliess meinem Reisebegleiter Dr. Stigler einen Brillenkasten, so dass er, nachdem ihm ausserdem auch noch von Dr. Hodges in Entebbe ein Mikroskop zur Verfügung gestellt worden war, sich über den Verlust seines Koffers wenigstens einigermassen trösten konnte.

Unser beabsichtigter Besuch beim König von Uganda musste an diesem Tage unterbleiben, da schon um 6 Uhr nachmittags die Dämmerung einbrach und wir uns -- mangels jeder Schlafgelegenheit in Kampala -- zur raschen Rückfahrt entschliessen mussten.

Der nächste Tag war der letzte unseres Aufenthaltes in Entebbe. Gouverneur Mr. Jackson hatte uns eine Speziallizenz für volle Jagdfreiheit sowie ein Dokument für die Zollfreiheit unseres Gepäckes ausgefolgt und auch noch die Beistellung von Askari zugesichert. 30 Träger waren in Kampala angeworben worden und 120 in Jinja, die letzteren mussten aber von Mbale wieder zurückgeschickt werden, da sie für den Weitermarsch durch unerforschte Gebiete zu schwach gewesen wären. Ausserdem hatte ich in Entebbe noch einen Vogelpräparator -- einen Tierpräparator nahm ich schon aus Nairobi mit -- und einen neuen Heatman aufgenommen, da sich bei dem bisherigen Anzeichen schwerer Malaria zeigten, endlich noch einen Koch und einige Boys (Diener) engagiert. Nachmittags verabschiedeten wir uns vom Gouverneur Mr. Jackson, der uns in jeder Beziehung mit Rat und Tat zur Seite gestanden war und dem wir daher zu ganz besonderem Danke verpflichtet waren.

Im kleinen Hafen von Entebbe liegt der Regierungsdampfer „Winifred“, der am nächsten Morgen abfährt, und dort warb ich noch spät abends einen grossen kräftigen Mugandamann namens +Simon+ als Dolmetsch an. Er war in der Missionsschule erzogen, der englischen Sprache in Wort und Schrift mächtig und hat mir späterhin, als ich meinen in Mombassa engagierten Diener Combo Mohamed in Mbale wegen Diebstahles einsperren lassen musste, recht gute und treue Dienste geleistet, weshalb ich ihn auch über seinen Wunsch nach Europa mitnahm.

Die letzte Nacht in Entebbe brachten wir an Bord zu, und am nächsten Morgen trat der „Winifred“ seine Fahrt nach Jinja an. Wir unterbrachen sie aber in Kampala, um unseren geplanten und zwei Tage vorher unterbliebenen Besuch beim König von Uganda zu machen, bei dem uns der englische Provinzialkommissär bereits angesagt hatte. Zwei Rikshas brachten uns nach der vom Hafen sieben Meilen entfernten Residenz Daudi Chwas, der eingeborenen königlichen Hoheit, und dort wurden wir zunächst vom Prinzen Josef und dem Minister Apollo empfangen. Der mächtige Minister hielt eben unter Beiziehung des grossen Rates den Vorsitz in einer Gerichtsverhandlung. Ein Eingeborener hatte seine Frau ermordet und wurde nach Einvernahme vieler Zeugen zum Tode verurteilt. Zehn Tage später wurde er in das Innere des Landes abgeführt und dort das Todesurteil an ihm mit dem Speere vollstreckt.

Nach dieser interessanten Gerichtsverhandlung liessen wir uns von Apollo und seinen Räten zum Könige führen (Tafel 3). Es ging zunächst über einige Höfe, die durch hohe Umzäunungen voneinander abgetrennt sind, an den Hütten der Leibwache vorüber bis zu einem hübschen Parterrehause, in dem die junge Majestät residierte. Der 18jährige König Daudi Chwa empfing uns auf das freundlichste, und wir mussten auf den neben seinem Throne stehenden Fauteuils Platz nehmen. Die Unterhaltung, die in englischer Sprache geführt wurde, betraf natürlich in erster Linie unsere Reise. Bevor wir den König verliessen, ersuchten wir ihn noch, eine photographische Aufnahme von ihm machen zu dürfen, was er mit besonderem Wohlgefallen gestattete.

Dann ging es in der Riksha wieder zurück nach Kampala und zu unserem Dampfer. Die im Laufschritt die Wagen ziehenden und schiebenden Eingeborenen benötigten für den ganzen Weg von 11 Kilometern, der ohne jede Rast zurückgelegt wurde, nicht mehr als 40 Minuten. An Bord des „Winifred“ verbrachten wir den Abend noch in Gesellschaft der kleinen in Kampala ansässigen deutschen Kolonie, und im Morgengrauen des nächsten Tages führte uns der Dampfer nach +Jinja+, wo wir in der Mittagsstunde eintrafen.

Jinja, die Hauptstadt der Zentralprovinz Ugandas, ist eine noch kleine Ansiedlung, hat aber jedenfalls eine grosse Zukunft vor sich (Tafel 3). Sie liegt auf hügeligem Terrain und vermittelt namentlich den Verkehr aus dem Innern der Zentralprovinz, teils von Mbale im Osten, teils von Kiogaten im Norden her, wohin auch binnen kurzem die bereits im Bau begriffene Eisenbahn führen wird. Es besteht auch schon das Projekt einer Ausnützung der in der Nähe gelegenen Riponfälle zur Erzeugung elektrischer Kraft, sowie der Anlage von Baumwollspinnereien und anderer Industrien, so dass die Bedeutung dieses Ortes, in dem sich heute neben den Eingeborenenhütten nur sehr wenige englische Regierungsgebäude befinden, binnen kurzem sehr steigen wird.

Unser Dampfer legte an dem weit in den See hineingebauten Hafendamm an, was uns bei der Ausladung unseres umfangreichen Gepäckes sehr zu statten kam. Vom Regierungsbeamten, der uns bei der Landung erwartete, war uns ein vom Hafen einen Kilometer entfernt gelegener Lagerplatz angewiesen worden, auf dem sich auch eine grössere Hütte befand, die sonst der Abhaltung von Gerichtsverhandlungen diente. Bei der Ausladung und Ueberführung des Gepäckes auf den uns zugewiesenen Camp sorgten die sechs Askari, die uns von hier aus bis Mbale zur Verfügung gestellt wurden, schon sehr stramm für die Aufrechterhaltung der Ordnung und Disziplin. Nachdem das ganze Gepäck untergebracht worden war, begannen die Träger mit dem Aufschlagen der Zelte, die Boys stellten die Betten, die Wasch- und Badeapparate auf, und nach wenigen Stunden konnten wir unser erstes afrikanisches Lager beziehen.

Wir waren da angelangt, bis wohin der Reisende noch vor wenigen Jahren in Mombassa eine grosse Karawane ausrüsten und eine bewaffnete Eskorte bestellen musste. Dann trat er die Reise zum Viktoria Nyanza erst recht noch mit dem Bewusstsein an, fast ein halbes Jahr lang sich den Weg durch die Wildnis bahnen zu müssen, in der sich ihm eine Fülle von Entbehrungen, Gefahren und Schwierigkeiten entgegenstellte. Viele zogen aus, um lange vor dem Ziel wieder umkehren zu müssen oder überhaupt nicht mehr zurückzukommen. Heute gelangt der Afrikareisende ungefährdet und ohne Strapazen nach Jinja, und erst hier beginnen, wenn er sich nach dem Norden wenden will, die Schwierigkeiten.

Leider hatten wir -- schon seit Nairobi -- fast täglich ausgiebigen Regenfall, wodurch nicht nur der Boden vollständig durchweicht, sondern auch die ohnehin mit Feuchtigkeit vollgesogene Seeluft noch weniger zuträglich wurde. Dazu hat Jinja ein bekannt schlechtes Klima, und das ganze Gebiet ringsum längs des Seeufers ist wegen der Glossina palpalis gesperrt. Unser Lager wurde auch aus diesem Grunde in ziemlicher Entfernung vom Seeufer aufgeschlagen. Es empfiehlt sich hier auch stets, niemals alte Lagerplätze aufzusuchen, da diese gewöhnlich den Sitz der Rückfallfieberzecke (Ornithodorus monbata) bilden, die auf dem ganzen Wege von Jinja bis Mbale verbreitet ist und deren Stich in den meisten Fällen tötlich wirkt, zum mindesten aber schwere Augenentzündungen, Gesichtslähmungen und auch Erblindungen zur Folge hat. Ausser dem Rückfallfieber und der Schlafkrankheit hat man hier auch stets mit der Malaria und Dysenterie zu rechnen, und es ist nötig, sich gegen alle diese Krankheiten mit der grössten Vorsicht zu schützen. Es ist das Verdienst Dr. Stiglers und seiner mit pedandischer Strenge vorgeschriebenen Massregeln, dass wir alle trotz einiger vorübergehender Erkrankungen doch heil und gesund nach Europa wieder zurückkehren konnten. Gegen die Uebertragung der Malaria durch den Stich der Anopheles wandten wir, seitdem wir afrikanischen Boden betreten hatten, das prophylaktische Rezept Professor Dr. Kochs an, wöchentlich an zwei aufeinanderfolgenden Tagen je ein Gramm Chinin zu nehmen. Der Gefahr der Dysenterie begegneten wir durch grösste Vorsicht dem Wasser gegenüber. Unser einziges Getränk war von Jinja an nur Wasser, oft in den schmutzigsten Farben, aber vor dem Genusse stets durch Filz gefiltert und abgekocht. Es ist dies eine unerlässliche Bedingung, die von vielen in Afrika lebenden oder reisenden Europäern nach einer gewissen Zeit leider nicht mehr strenge eingehalten wird. Ein sehr grosser Teil der Erkrankungen und Todesfälle an Dysenterie ist dieser Nachlässigkeit zuzuschreiben. Ebenso wichtig ist auch die Vorsicht bezüglich der Reinhaltung aller mit Speisen und Getränken in Berührung kommenden Gefässe, und diese müssen daher immer mit kochendem Wasser gewaschen werden.

Am Tage nach unserer Ankunft in Jinja versorgten wir uns mit einer Menge von Tauschartikeln, deren wir für unsere weitere Reise nicht entbehren konnten, und schufen uns vier Trägerlasten „Amerikani“ -- einen leichten, bei den Eingeborenen sehr beliebten Baumwollstoff -- an, ferner drei Lasten Eingeborenentabak, eine Last weisse und blaue Perlen (70000 Stück), dann Messer, Spiegel, Eisen- und Messingdraht und ähnliche Sachen, die die Neger gerne in Tausch nehmen. Ausserdem ergänzten wir noch unseren in Nairobi angeschafften Vorrat an Bordeaux-Wein und Champagner, die für den Fall von Erkrankungen bestimmt waren, und nahmen einige Flaschen Whisky für unseren abendlichen Tee mit. Spät nachmittags machten wir einen Ausflug zu den nahegelegenen Riponfalls, die den Abfluss des Viktoriasees bilden und früher fälschlich als Quelle des Nils gegolten haben (Tafel 5). In einer Breite von 150 Metern stürzt eine enorme Wassermenge aus einer Höhe von 10 Metern tosend und brausend über mächtige Felsen und gibt inmitten der hügeligen Landschaft, des breiten Flussbettes mit seinen Klippen, kleinen Inseln sowie den vielen Vögeln, den Krokodilen, die die Flussufer beleben, ein schönes Naturschauspiel, das nicht aus der Erinnerung schwindet.

Meine Absicht, in Jinja mit den kartographischen Arbeiten zu beginnen, konnte ich erst am folgenden Tage verwirklichen, an dem mir heller Sonnenschein auch eine astronomische Längen- und Breitenbestimmung ermöglichte. Meinen Standort hatte ich in der Nähe eines alten, dickstämmigen Baumes gewählt, unter dem der frühere, ob seiner Grausamkeit bekannte Uganda-König Muanga Gericht gehalten hatte. Von wilden Tieren zerrissen zu werden, Abtrennung der Hände und Füsse waren gewöhnlich die Strafen für Schuldige und -- wohl auch für manchen Unschuldigen. So hatten wir in Entebbe einen Eingeborenen gesehen, dem Hände und Füsse abgehackt worden waren, weil er eine der vielen Frauen des Königs entehrt haben soll.

In Jinja standen für uns, wie uns der englische Regierungsbeamte gleich bei unserer Ankunft mitteilte, 150 Träger bereit. Da er uns aber gleichzeitig auch sagte, wir sollten dieselben so rasch als möglich von Jinja abmarschieren lassen, da sonst viele wieder davonlaufen würden und sie auch ausserdem diebisch veranlagt seien, liess ich die anderthalb Hundert sofort von Dr. Stigler untersuchen. Hierbei stellte es sich heraus, dass ein grosser Teil dieser ziemlich schwächlichen Leute, die vom Stamme der Busoga waren, Lues hatte, so dass nur eine kleine, für uns viel zu geringe Anzahl von Gesunden übrig blieb. Am nächsten Tage wurde uns daher abermals ein grösserer Trupp gebracht, aus dem wir die Geeigneten auswählten, und so konnten wir schliesslich 110 Träger unter zwei Heatmans und den Askari mit einem Teil unseres Gepäckes nach dem von Jinja 28 Meilen weit entfernten Jganga abmarschieren lassen. In Jinja nahmen wir Abschied von dem Engländer Donald Angier, einem ausserordentlich liebenswürdigen Gentleman, der uns von Entebbe bis hierher begleitet hatte und uns in jeder Beziehung behilflich war.

Tags darauf, es war der 27. November, verliessen auch wir mit den Nairobiträgern das Lager, das infolge der fortwährenden Regengüssse vollständig durchnässt und äusserst ungesund war. Bis Mbale trug uns ein Deutscher, den ich in Kampala kennen gelernt hatte und der schon viele Jahre in Uganda lebte, seine Begleitung an und war uns bei Beschaffung der Lebensmittel, der Träger usw. schon in Jinja recht hilfreich an die Hand gegangen. Beim Abmarsche wäre Dr. Stigler bald verunglückt. Sein Maultier, das auf dem durchnässten Boden ausrutschte, warf ihn ab und schlug mit aller Kraft gegen die linke Hüfte Dr. Stiglers. Der Schlag aber wurde durch dessen breite Geldbörse abgeschwächt, so dass der Unfall noch recht glimpflich verlief.

_AUFBRUCH DER KARAWANE._

_Auf der Strasse nach Mbale / Mit Frau und Kind auf der Inspektionsreise / Zwei Elefantenwilderer / In Jganga / Zwischen Bananen- und Gummiplantagen / Der Strassenbauingenieur / Leopardenbesuche / Durch den Mpologama-River / Ein Nachtmarsch bei Mondlicht / Beginn der Berglandschaft._

Von Jinja aus marschierten wir zunächst in nordöstlicher Richtung. Alles war in bester Stimmung, besonders wir Europäer, da nun nach den sechs Wochen, die wir von unserer Heimat schon fern waren, endlich die eigentliche Safari (Reise) in ein Gebiet begann, in dem es keine Eisenbahn mehr gab, keine europäische Kultur, und in dem wir vollständig auf uns selbst angewiesen waren (Tafel 6). Der Weg führte uns auf ansteigendem Terrain durch Bananenanlagen, an vielen Eingeborenen-Niederlassungen entlang, wo uns Männer und Weiber mit einem kräftigen „Jambo!“ begrüssten. Unsere wackeren Nairobiträger waren trotz der an 60 Pfund schweren Lasten auf ihren Köpfen und des rutschigen, durchweichten Bodens, der ein sicheres Gehen fast zur Unmöglichkeit machte, bei bester Laune und hörten nicht auf, zu singen und zu lärmen. Bei Eintritt des Abends erreichten wir die erste Station mit einem Rasthause. Wir benutzten dies jedoch nicht, sondern schlugen mitten auf der Strasse unsere eigenen Zelte auf. Schon um 5 Uhr morgens wurde zum Aufbruch geweckt, aber es währte noch zwei Stunden, bis sich unsere Karawane in Bewegung setzte, an deren Spitze ich selbst auf dem Maultiere ritt, das ich um den hohen Preis von 375 Rupien dem Postmeister in Jinja abgekauft hatte. Das Tier sollte aber dafür nach der Erklärung seines früheren Besitzers vollständig immun gegen den Stich der Tsetsefliege sein und war ausserdem auch ungemein stark und ausdauernd. Hinter mir marschierten vier Träger mit den Instrumenten für die kartographischen Aufnahmen. Ursprünglich beabsichtigte ich, schon von Jinja an eine genaue Karte des von unserer Expedition zu durchziehenden Gebietes anzufertigen, ich konnte diesen Plan aber erst von Mboa an -- eine Tagesreise von Mbale -- verwirklichen, da bis dorthin das flache, mit hohem Gras besetzte und keinerlei Höhenpunkte aufweisende Terrain Aufnahmen mit dem Phototheodoliten sehr schwierig und zeitraubend gestaltet hätte. Da übrigens von dem Gebiete zwischen Jinja und Mbale bereits Kartenskizzen vorlagen, hatte ich nicht viel dabei verloren.