Quer durch Uganda

Part 2

Chapter 23,438 wordsPublic domain

Meine Absicht, das Innere Afrikas aufzusuchen und zu durchforschen, reicht schon drei Jahre zurück und hatte sich in mir festgesetzt, ehe ich noch meine Ostgrönland-Expedition unternahm. Die Vorbereitungen für eine afrikanische Forschungsreise beanspruchten aber mehr Zeit, als mir damals zur Verfügung stand, so dass die Ausführung meines Planes auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden musste. Von Grönland zurückgekehrt, ging ich aber mit allem Eifer daran, mich für die neue Expedition zu rüsten. Mein Plan war, möglichst unerforschtes Gebiet des afrikanischen Kontinentes zu durchqueren, und von allem Anfange an stand in mir der Gedanke fest, die den Europäern noch unbekannten Gebiete Ugandas zu erforschen. Zu diesem Zwecke wollte ich mich über Nairobi nach Nakuro an der Ugandabahn und von dort in nördlicher Richtung längs des Baringo- und Sugota-Sees zu dem an der Südspitze des Rudolfsees sich erhebenden Teleki-Vulkan begeben, von hier aus die Westküste des Sees entlang bis zur Mündung des Turkwel und nun in westlicher Richtung zwischen dem Mont Debasien im Süden und dem Naquagebirge im Norden in die den Europäern bisher verschlossen gebliebenen Kamtschuro-Gebiete vordringen. Warum ich mich später zu einer Abänderung dieser Route entschloss, wird an anderer Stelle begründet werden. Die auf Uganda bezügliche Literatur wurde von mir natürlich eifrig und gewissenhaft studiert, so das ausgezeichnete Buch des Konteradmirals Ludwig R. v. +Höhnel+ „Die Forschungsreise des Grafen Samuel Teleki in Ost-Aequatorial-Afrika“, die Werke der Forschungsreisenden Grafen Eduard +Wickenburg+, Dr. A. +Berger+, A. +Donaldson Smith+, des Kapitäns Ch. +Stigand+ und vor allem das prächtige Werk Harry +Johnstons+ „The Uganda Protectorate“. Ausser diesen war noch eine Reihe von Schriften, die mir die geographischen Gesellschaften in Wien und London zur Verfügung stellten, Gegenstand meines Studiums, und die meisten der im Vorworte genannten Forschungsreisenden gaben mir aus ihrer eigenen reichen Erfahrung wichtige Ratschläge.

Den Hauptteil der fast ein Jahr währenden Vorbereitungen bildete die Ausrüstung, der ganz besondere Sorgfalt gewidmet werden musste, da der Grossteil meiner Reise ja durch ein noch von keiner europäischen Kultur berührtes Gebiet gehen sollte. Da wir in Oesterreich, als einem Lande ohne Kolonien, keine Ausrüstungsmagazine besitzen, musste ich mich zumeist an Berliner und Londoner Firmen wenden, aber, wo es nur möglich war, berücksichtigte ich auch die heimische Industrie. So bezog ich meine Zelte von der Firma Elsinger & Söhne, die mir auch nach den Angaben meines verehrten Freundes Professor Dr. Rudolf Pöch ein Musterzelt anfertigte, das sich in jeder Hinsicht bewährte, ebenso gut bewährten sich die Tropenkoffer, die mir die Wiener Firma Prohaska lieferte und die den Berliner Blech-Tropenkoffern entschieden vorzuziehen sind. Auch das Sattelzeug und die Kochgeschirre bezog ich aus Wien, und durch freundliche Vermittlung des Herrn Oberleutnants Thalwitzer wurde mir vom k. und k. Kriegsministerium ein zusammenlegbares Floss zur Verfügung gestellt, das nur eine Trägerlast (26 Kilogramm) schwer war und acht Männern Platz bot. Bei einer Erprobung im Badener Schwimmbassin war es innerhalb einer Viertelstunde fertig montiert. Meine Waffen waren ein Mannlicher-Schönaustutzen von 9½ mm Kaliber, eine Holland 465 Expressbüchse und eine doppelläufige Schrotflinte für die Vogeljagden. Die Reiseapotheke hatten Dozent Dr. Robert Stigler und Prof. Dr. Rudolf Pöch in Gemeinschaft mit Dr. Arzberger, dem Leiter der Apotheke im Wiener Allgemeinen Krankenhause, in mustergiltiger Weise zusammengestellt, so dass in den drei Koffern, in denen sie verpackt wurde, wohl für jede Art von Erkrankung Medikamente und Instrumente vorhanden waren.

Für die kartographischen, astronomischen und meteorologischen Aufnahmen war eine Reihe von wissenschaftlichen Instrumenten bestimmt. Ueber Empfehlung des Hauptmannes Karl von Orel, des Leiters der kartographischen Abteilung im Wiener militärgeographischen Institute, wurde mir von Dr. Pulfrich, dem Direktor der berühmten Zeisswerke in Jena, der neueste Phototheodolit zur Verfügung gestellt und über meine Angaben noch dahin abgeändert, dass auf dem Höhenkreise 30 Sekunden direkt und 15 Sekunden abschätzungsweise abgelesen werden konnten. Der Gang meiner Taschenchronometer wurde auf der Wiener Sternwarte geprüft, wo ich auch bei Dr. Krumpholz durch längere Zeit Unterricht in astronomischen Beobachtungen nahm. Für direkte Höhenmessungen dienten zwei Barometer, und zwar eines von Radau und ein englisches von Smith. Ausserdem führte ich von der Wiener Firma Kapeller ein Maximum-Minimum-Thermometer, ein Schleuder- und zwei Luftthermometer sowie ein Assmannsches Psychrometer mit. Den photographischen Aufnahmen dienten ein Kodak-Apparat (9 : 12) mit Zeisslinse, eine Voigtländer-Spiegel-Reflex-Kamera und eine Porträt-Kamera von Bayer. Die Oest.-Ung. Kino-Gesellschaft gab mir in der Person des Herrn Josef Schwarzer einen Operateur mit, der für seine Gesellschaft Kinoaufnahmen, für mich die photographischen Schwarz- und Autochrombilder zu machen hatte, wofür er auf meine Kosten die Reise in das Innere von Afrika mitmachte. Unser Vorrat an Platten betrug tausend einfache, 150 Autochromplatten, 960 Packfilms und 300 Rollfilms. Mehrere einschlägige Literaturwerke, eine Suaheli-Grammatik -- ich hatte mich einige Zeit vor meiner Abreise mit dem Studium dieser Eingeborenen-Sprache abgegeben -- und die existierenden Karten des Gebietes, dem unsere Expedition galt, bildeten unsere kleine Reisebibliothek. An Kleidern hatten wir ausser Khaki- und weissen Anzügen auch warme Anzüge, Wollsweaters, Bergschuhe, Rucksäcke etc. für das tropische Hochgebirge mit.

Die wichtigste Frage aber war für mich, einen tüchtigen Reisebegleiter und Arzt zu suchen, und ich hatte das Glück, den richtigen Mann im Universitätsdozenten Dr. Robert +Stigler+ zu finden, den ich auf meiner Osterreise nach Griechenland im Jahre 1911 an Bord eines österreichischen Lloyddampfers kennen gelernt hatte. Schon damals erzählte ich ihm von meinen Vorbereitungen für die Reise durch Uganda, und kurze Zeit darauf trug sich mir Dr. Stigler in Wien als Expeditionsarzt an. Dr. Stigler, der auf der Expedition rassenphysiologische Studien und Experimente zu machen gedachte, erhielt für diesen Zweck aus der Treitl-Stiftung einen Betrag von 5000 Kronen zur Anschaffung der hiezu nötigen wissenschaftlichen Instrumente, die zwei grosse Koffer füllten. Mit der Wahl Dr. Stiglers hatte ich einen ausserordentlich glücklichen Griff getan. Denn er zeigte sich jederzeit als energischer, umsichtiger Mann, als offener Charakter, als tüchtiger Arzt, dessen Können wir im Verlaufe unserer Expedition zu würdigen Gelegenheit hatten, und als begabter Gelehrter. Wer je an einem Unternehmen ähnlicher Art teilgenommen hat, wird es verstehen, eine wie grosse Rolle die Wahl eines Reisegefährten spielt und wie schwer es ist, den richtigen Mann zu finden, mit dem man durch prächtige Harmonie verbunden sein will, und der auch gleichzeitig die Notwendigkeit der Unterordnung unter den Willen des Einen einsieht.

Als letzten europäischen Begleiter hatte ich noch für die Präparate meiner Sammlungen Herrn Richard Storch aus Prag engagiert, der ein alter Afrikakenner war und über zehn Jahre im Sudan zugebracht hatte. Leider fand meine Annahme, dass er gerade wegen dieses langen Aufenthaltes gegen tropische Erkrankungen ziemlich gefeit sein müsse, späterhin keine Bestätigung. Er hatte schon vor Jahren einen Malariaanfall erlitten, der sich, sobald die Strapazen unserer Reise grössere wurden, stets wieder einstellte und ihn fast bis zum Schluss unserer Expedition nicht gesund werden liess.

_VON WIEN NACH UGANDA._

_Wien-Triest / Zur See bis Kilindini / In der Hauptstadt Britisch-Ostafrikas / Eine Aenderung unseres Reiseplanes / Anwerbung von Trägern / Sportsleben in Nairobi / Die Strecke eines Löwenjägers / Auf der Ugandabahn / Verlust eines Instrumentenkoffers / Quer über den Viktoriasee / Einiges über Uganda._

Zu Beginn des Herbstes 1911 hatte ich meine Vorbereitungen beendet, und dem Aufbruche stand nunmehr kein Hindernis mehr im Wege. Im September waren von London aus 52 Kisten und am 1. Oktober von Wien aus 33 Kisten seetüchtig verpackt nach Mombassa an der Ostküste Afrikas abgegangen, und 14 Tage später trat ich mit Dr. Stigler und der restlichen Ausrüstung die Reise an. Viele Freunde gaben uns das Abschiedsgeleite und riefen uns am Wiener Südbahnhofe noch herzliche Glückwünsche nach. Dann rollte der Schnellzug aus der Halle und brachte uns nach dem Süden. In Triest, wo wir am nächsten Morgen anlangten, erwartete uns Photograph Schwarzer, wir besorgten noch die Verladung unseres Gepäckes auf das bereits unter Dampf liegende österreichische Lloydschiff „Bregenz“ und nahmen dann den Lunch zum letztenmal für lange Zeit auf europäischem Boden ein. Um 3 Uhr ging die „Bregenz“ in See. Bis Brindisi, wo einige italienische Kriegsschiffe mit Scheinwerfern das Wasser nach türkischen Schiffen absuchten, -- es war kurz nach Ausbruch des Krieges, -- war ruhige Fahrt. Auf der Höhe von Kreta ward die See unruhig, so dass der grösste Teil der Passagiere -- fast ausschliesslich Engländer -- seekrank wurden, und blieb es auch bis zum 20. Oktober, an welchem Tage wir um 2 Uhr morgens Port Said erreichten. In langsamer Fahrt ging es nun durch den Suezkanal und dann fünf Tage lang durch das Rote Meer. Die Hitze ward bei der völligen Windstille bald unerträglich, wir hatten um 11 Uhr nachts in den Kabinen 38°, in den Maschinenräumen gar 50 °C.

Am 26. Oktober langten wir in +Aden+ an, wo wir die nach Indien weiterfahrende „Bregenz“ mit der gerade eingetroffenen prächtigen „Prinzessin“ der Deutsch-Ostafrika-Linie vertauschten. Nach der Umladung unserer Koffer blieb uns noch kurze Zeit, um das farbenprächtige Felsennest Aden mit seinem malerischen orientalischen Leben zu besichtigen, einige Einkäufe zu besorgen und die ersten Briefe in die Heimat zu senden, dann konnten wir nur mehr an Bord der langsam aus dem Hafen gleitenden „Prinzessin“ noch die bizarren Formen dieses Stadtbildes bewundern, in dessen felsigem Hintergrunde auf den höchsten Spitzen die Forts der Engländer dräuen.

Sechs Tage nun schwammen wir in ruhiger Fahrt auf dem indischen Ozean, das Kap Guardafui umschiffend, die Ostküste Afrikas entlang, den Aequatorübergang mit der üblichen Aequatortaufe feiernd, bis die „Prinzessin“ in den seichten Hafen von +Kilindini+ einfuhr und wir zum erstenmal ostafrikanischen Boden betraten. In Kilindini war man von unserer Ankunft bereits avisiert, und die Zollrevision beschränkte sich infolge des Entgegenkommens der englischen Regierung und der Zollbehörden ausschliesslich auf die Entrichtung einer kleinen Gebühr für Waffen und Munition, während unsere Koffer nicht geöffnet zu werden brauchten.

Von Kilindini, dem eigentlichen Landungshafen für Uganda, führten uns Eingeborene in ihren kleinen Rollwägelchen -- Trolly -- auf einer schmalspurigen Trambahn nach +Mombassa+ (Tafel 1). Die Strasse dorthin ist ausserordentlich schön und breit und von prächtigen Palmen, Affenbrotbäumen und grellfarbigen Blumen eingesäumt. In Mombassa, wo wir im „Grand Hotel Metropol“ abstiegen, dehnte sich unser Aufenthalt auf drei Tage aus, da hier die von London vorausgeschickten 52 Kisten noch lagerten und wir diese erst nach Nairobi dirigieren mussten. Auch gab es noch wichtige Besprechungen bei dem englischen Provinzialkommissär Sir Hindl und dem österreichischen Vizekonsul Herrn Markus, die uns beide wertvolle Informationen erteilten. Am dritten Tage endlich konnten wir die Stadt verlassen und die bequemen Waggons der Ugandabahn besteigen, die uns in stark ansteigendem Terrain nach siebzehnstündiger Fahrt in das sogenannte Reservatgebiet brachte. Die Landschaft, die der Zug durchfährt, wird mit jedem Kilometer fesselnder und eindrucksvoller. Man sieht sich wie in einem natürlichen zoologischen Garten, grosse Rudel Zebras, Gnus, Giraffen, Strausse und allerlei Arten Antilopen beleben die Steppe, und im Süden steigt der mächtige Kilima-Ndscharo empor, dessen höchster Gipfel Kibo sich bis zu 6010 Meter erhebt und mit ewigem Schnee bedeckt ist.

Nach weiteren acht Stunden erreichten wir -- 327 Meilen von der Küste entfernt -- +Nairobi+, die Hauptstadt Britisch-Ostafrikas und den Sitz des Gouverneurs. Nachdem uns Eingeborene in einer Rikschar (Riksha) im Laufschritt in unser Hotel gebracht hatten, war es unser erstes, uns mit dem Gouverneur Sir Girouard in Verbindung zu setzen, der uns auch sofort in liebenswürdigster Weise zu sich lud. Zu der bestimmten Stunde wurde ich mit Dr. Stigler in dem schönen, auf einer Anhöhe gelegenen Palais des Gouverneurs empfangen, und dieser Besuch war für unsere Expedition von ausschlaggebender Bedeutung, da er die schon erwähnte Aenderung unserer Reiseroute mit sich brachte. Wir hatten bekanntlich vor, über den Rudolfsee in das Gebiet von Uganda einzudringen, Sir Girouard machte uns aber aufmerksam, dass zum Rudolfsee monatlich einmal bereits ein Postbote abgehe. Dieser Umstand benahm uns natürlich jedes weitere Interesse für diese Strecke, denn wir wollten doch nicht als Forschungsreisende sogar von der Post schon erschlossene Gebiete besuchen. Nach kurzer Ueberlegung waren wir entschlossen, den Weg zum Rudolfsee dem Postboten zu überlassen und unsere eigentliche Reise nach den bisher unerforschten Teilen Ugandas vom Viktoria-See, und zwar von Jinja aus, anzutreten. Sir Girouard gab uns den Rat, mit Gouverneur Jackson von Uganda Fühlung zu nehmen, da die uns bevorstehenden Schwierigkeiten ungemein grosse seien und es notwendig sein werde, Askari-Soldaten mitzunehmen. Auch erteilte er uns die Bewilligung, schon von Nairobi einige ausgesuchte starke Träger mitzunehmen, und versprach, bei Gouverneur Jackson telegraphisch anzufragen, ob wir die übrigen Träger aus Kampala und Entebbe erhalten könnten. Schon am nächsten Tage, an dem wir abermals bei Sir Girouard geladen waren, war die Antwort von Gouverneur Jackson eingelaufen, der mitteilte, dass wir in Entebbe 150 Träger anwerben könnten, und uns gleichzeitig einlud, ihn in Entebbe, der Hauptstadt Ugandas, zu besuchen. Von Nairobi wollten wir 50 Träger mitnehmen, so dass wir für unser gesamtes aus 180 Stücken bestehendes Gepäck bis zum Mont Elgon jedenfalls genug Träger hatten.

Wir trachteten nun, uns so rasch als möglich in Nairobi die uns noch fehlenden Ausrüstungsgegenstände zu verschaffen, um mit dem nächsten Zuge, der nur jeden Samstag von Nairobi nach Kisumu am Viktoria-Nyanza abgeht, die Fahrt nach Entebbe antreten zu können. Nairobi, eine noch junge Stadt von unschönem Aussehen, weist in den zwei Hauptstrassen fast nur Kaufläden, europäische und indische, auf, in denen alles zu haben ist, wessen man an Ausrüstung für eine Reise ins Innere Afrikas bedarf. Neben den Schneider- und Modewarengeschäften, den Büchsenmachern und Sattlern, gibt es spezielle Ausrüstungsgeschäfte deutscher und englischer Herkunft, die dem Reisenden komplette Garnituren zur Verfügung stellen, noch dazu zu Preisen, die für viele Gegenstände billiger sind als in Europa. Diese bequeme Vorsorge erklärt sich daraus, dass Nairobi den Hauptausgangspunkt für Jagdausflüge in das Gebiet des Kilimandscharo und des Kenia bildet. Die Reise auf der Ugandabahn bis hierher lässt keinen Komfort vermissen, so dass sie sogar viele Damen unternehmen, und auch die Jagdausflüge selbst sind mit nicht allzugrossen Strapazen verbunden. Man findet daher sämtliche Hotels in Nairobi vollbesetzt von Sportsleuten, unter denen sich mancher gewaltige Nimrod befindet. So weilte zu unserer Zeit in Nairobi ein Amerikaner namens Paul Rainey, der mit einer grossen Meute von Hunden auf Löwen gejagt und dabei einen ganz unglaublichen Rekord erzielt hatte, indem er nicht weniger als 61 Löwen zur Strecke brachte, darunter 24 an einem Tage. Die meisten der von Nairobi aus aufbrechenden Jagdgesellschaften unternehmen ihre Ausflüge in achtspännigen Eselsfahrzeugen oder im grossen Automobil der Ausrüstungsfirma Newland & Tarlton, das auch für eine auf einige Wochen ausreichende Ausrüstung Platz gewährt. Mit derselben Firma verhandelte ich wegen der Beschaffung der 50 Träger und eines Heatmans sowie wegen Beistellung von Maultieren für uns Europäer, da in den von uns in Aussicht genommenen Gebieten wegen der grossen Verbreitung der Tsetsefliege weder Pferde, noch Kamele benützt werden können. Dr. Stigler brachte seine ganze Zeit damit zu, um, mit Unterstützung des obersten Sanitätsrates Dr. Haran und des Chefarztes des Hospitales Dr. Ross, die in Ost-Afrika und namentlich in Uganda meistverbreiteten Krankheiten und deren Behandlung zu studieren. Er untersuchte auch die für uns bestimmten Träger und fand von den 80, die sich eingefunden hatten, ungefähr 50 als gesund und stark genug. Sie wurden von mir mit blauen Wolljacken, einer roten Wolldecke, die sie untertags zusammengerollt als Turban trugen, und mit einer Feldflasche versehen. An Entlohnung erhielt jeder monatlich zehn Rupien und freie Verpflegung oder täglich zwölf Cent in Ostafrika, zehn Cent in Uganda. Am selben Tage, da sie angeworben worden waren, wurden sie vom Heatman zur Bahn gebracht und mit den Maultieren in einem Lastenzug nach Kisumu befördert.

Wir selbst traten am nächsten Tag, den 11. November, die Reise dorthin mit dem samstägigen Eilzuge an und erhielten, da er voll besetzt war, in einem angeschobenen Waggon ein Separatcoupé. Keuchend bahnt sich der Zug den Weg bis zum höchsten Punkte des terrassenartig ansteigenden Kikuyugebirges -- 2386 m über dem Meere --, von wo sich ein wundervoller Ausblick 600 m tief hinab in das Tal der „grossen Bruchspalte“ bietet. Es ist dies der grosse ostafrikanische Graben, der sich vom Zambesi durch Ostafrika, Abessynien, das Rote Meer bis Palästina verfolgen lässt. Dann geht es am Berghang abwärts, durch dichten Wald und über kühn geschwungene Eisenviadukte am Naivaschasee vorüber durch das Bruchspaltental nach Nakuro, das am Ufer des gleichnamigen Sees inmitten schöner Weideländer und in einem angenehmen Klima gelegen ist. Nach einer weiteren Steigung bis zum Maogipfel, der durch eine Säule markiert ist und die respektable Höhe von 2545 m aufweist, fällt nun die Trasse um über 1400 m und endet in Port Florence (Kisumu) am Viktoriasee. Die Endstation der Bahn liegt direkt an der Landungsbrücke, wo der „Clement Hill“, einer der drei Regierungsdampfer, zur Abfahrt nach Entebbe schon bereit lag.

Hier erwartete uns unser Heatman mit den 50 Nairobiträgern und den Maultieren, und nun galt es, aus einem Chaos von Koffern, Kisten und Ballen unsere Gepäckstücke herauszusuchen und auf dem Dampfer verladen zu lassen. Es stellte sich leider heraus, dass ein Koffer, und zwar einer der wertvollsten, abhanden gekommen war. Es war einer der beiden Koffer Dr. Stiglers, der nur wissenschaftliche Instrumente, so das Mikroskop, den Brillenkasten, einen Blutdruckmesser u. a. m. enthielt. Ganz aufgeklärt ist dieser Abgang niemals worden, wahrscheinlich ist der Koffer von einem Eingeborenen gestohlen worden, denn in Nairobi mussten mehrere Kisten, da die Lastenwagen schon voll waren, in 3. Klasse-Waggons gegeben werden, die nur von Eingeborenen besetzt sind. Trotz der Telegramme, die der Stationsvorstand von Kisumu nach Nairobi und den grösseren Zwischenstationen schickte, und trotz der späteren Intervention des Gouverneurs Mr. Jackson war und blieb der Koffer unauffindbar.

Mittags verliess der „Clement Hill“ unter schrillen Pfiffen der Dampfpfeife den Hafen von Kisumu. Langsam windet sich das Schiff durch einen Archipel grün bewachsener Inseln, die ihm in ihrer Menge fast den Weg versperren, und wir fuhren bis zum Eintritt der Dämmerung, um welche Stunde das Schiff Anker wirft. Es setzt erst wieder bei Morgengrauen seine Fahrt fort, da die seichten Stellen des Sees an der Nordküste im Dunkel der Nacht nicht ungefährlich sind. Da wir uns bereits im Gebiete der Glossina palpalis, der die Schlafkrankheit erregenden Fliege, befinden, sind wir doppelt vorsichtig, bevor wir zu Bette gehen, und untersuchen die stark zerrissenen Moskitonetze, ob sich nicht in irgend einer Ecke eine dieser gefährlichen Fliegen während der Dämmerung Eingang zu verschaffen gewusst hat.

Der Viktoria-See hat eine Grösse von 83310 qkm (fast zweidrittel des Adriatischen Meeres), seine Meereshöhe ist 1135 m, seine Tiefe sehr ungleich, da oft neben seichten Bänken bis zu 100 m tiefe Stellen zu messen sind. Das Wasser des Sees ist klar und süss und hat eine leichte Strömung gegen Nord, dem Ausflusse des Nils zu. Der Hauptfluss des Sees ist der aus vielen weitausgreifenden Armen zusammenfliessende Kagera. Oskar Baumann hielt die Quelle des Rumuwu für die wahre Nilquelle, während Graf Götzen dagegen den Njawarongo für den Hauptfluss des Kagera in Deutsch-Ostafrika und damit des Nils hielt. Ungefähr in der Mitte des nördlichen Ufers tritt aus dem Viktoria-See bei Jinja der Nil aus, bildet bei einer Breite von ungefähr 150 m und einer Höhe von 10 m die Riponfälle und windet sich durch grüne, waldbestandene Ufer dem Norden zu. Von vielen Klippen schäumen noch seine Wellen, auf den sandigen Bänken sonnen sich Krokodile, und die Ufer sind zerstampft von den unförmlichen Füssen der Nilpferde.

Nicht ohne Ergriffenheit wanderten wir am Strome der Pharaonen, den wir erst bei Nimule nach einem Hunderte von Meilen langen Lauf wiedersehen sollten.

Am nächsten Tage mittags langten wir nach 28stündiger Seefahrt in +Entebbe+, der Hauptstadt Ugandas, an. Bevor uns unser Leser auf unserem weiteren Wege begleitet, ist es wohl am Platze, einige Daten über dieses Land zu geben, dem unsere Forschungsreise galt.

Uganda war einer der bestorganisierten Eingeborenen-Staaten, als die ersten Europäer, die Engländer Speke und Burton, bis zum Viktoria-See vorgedrungen waren. Im Jahre 1862 entdeckte Speke, begleitet von Grant, die damals als Quelle des Nils bezeichneten Riponfälle, nahe dem Abflusse des Viktoria-Sees. Später wurde Uganda wiederholt von Europäern besucht, so 1875 von Stanley, von 1876 an in mehreren Expeditionen von Emin Pascha, 1886 von Junker u. v. a. Nach Stanley kamen im Juli 1877 Vertreter der Londoner Church Missionary Society ins Land, denen bald eine Abteilung der weissen Väter von Algier und eine solche der Brüder des heiligen Josef folgten. Das Christentum machte in Uganda, ebenso wie vorher der Islam, rasche Fortschritte, in der Folge kam es aber zu starken religiösen Rivalitäten und Spaltungen, die von blutigen Kämpfen begleitet waren. Im deutsch-englischen Abkommen von 1890 wurde, trotzdem im selben Jahre Dr. Peters einen Schutzvertrag mit dem König Muanga abgeschlossen hatte, Uganda der englischen Interessensphäre überlassen, und im Jahre 1894 wurde das „Uganda-Protektorat“ als besonderes britisches Schutzgebiet proklamiert, das namentlich durch die Erbauung der Ugandabahn, mit der man im Dezember 1896 begann, erschlossen wurde. Die Hauptstadt und der Sitz des Gouverneurs ist Entebbe, das, etwas nördlich vom Aequator, am Viktoria-See gelegen ist. 23 Meilen nördlich davon liegt auf sechs Hügeln die Eingeborenen-Hauptstadt Kampala. Der Königshügel, „Mengo“ genannt, wird vom jungen König von Uganda, seinem Hofstaate und seinen Ministern bewohnt. Entebbe und Kampala sind durch eine breite, bequeme Strasse miteinander verbunden, auf der sogar wöchentlich zweimal ein Automobil verkehrt. Von Kampala setzt sich die grosse Karawanenstrasse nach Norden bis Butiaba fort, von wo aus man mit dem Dampfer Nimule bequem erreicht.