Part 10
Gleich am frühen Morgen birschte ich mit Schwarzer und war eben im Begriffe, einem Rudel Hartebeeste nachzujagen, als wir in der Entfernung von einigen Kilometern mehrere Giraffen ihre langen Hälse in die Höhe strecken sahen. Nun ging es im Trab auf sie los, mitten durch zwischen Strausse, Kongoni, Antilopen und Gazellen, die vor uns aufspringen und schnellfüssig im hohen Grase wieder verschwinden, bis wir auf 500 Schritt an die Giraffen herankommen. In die Herde, die acht Stück, darunter einen mächtigen, dunkelbraun gefärbten Bullen zählt, kommt aber plötzlich eine gewisse Unruhe, der Bulle hat mich eräugt, und nun wird das ganze Rudel hoch und flieht in wiegendem, immer schneller werdendem Schritt einen kleinen Hügel hinab gegen die Naquaberge. Schwarzer versuchte, den Giraffen in grossem Bogen den Weg abzuschneiden und sie gegen mich zu drücken, aber die Mühe war vergebens, und ich konnte auf dem mehrere Meter hohen Termitenhügel, den ich erstiegen hatte, nur noch die Flucht der Tiere beobachten.
Nachmittags ging Dr. Stigler auf die Birsch und kehrte mit einem Warzenschwein heim. In der Nacht darauf wollten die Askari das Gebrüll von Löwen gehört haben, so dass in diesem Eldorado für Jäger fast jede Art von Grosswild vertreten erschien. Um so ärmer war es dafür an Vögeln, und es wurden nur ein Sekretär, ferner ein Hornrabe (Bucorous abyssinicus) und ein Marabustorch geschossen, der auf einem hohen Baume stand, dem einzigen, der im Umkreis von vielen Quadratkilometern zu sehen war. Auch Käfer und Schmetterlinge fanden wir nur sehr wenige.
Wie auf der ganzen Strecke seit Jinja ist auch hier der Boden vulkanischer Natur, und nur selten zeigen sich Findlinge von Urgestein. Der Sand ist rotbraun gefärbt, in der Steppe jedoch infolge der vielen Brände gewöhnlich ganz schwarz. Unser Lager befand sich in der Nähe eines grossen Wassertümpels mit schmutziggrünem Wasser und dichtem Schilf. Auf der englischen Generalstabskarte ist in dieser Gegend der +Kirkpatrick-See+ eingezeichnet, der vom Assuariver durchflossen wird. Wir sahen aber weder etwas von einem See, der nach der Karte eine grosse Ausdehnung besitzen musste, noch ein fliessendes Wasser, sondern nur eine weite baumlose Grassteppe mit einem schilfigen etwa 8 m breiten Wasserlauf, in welchem das Wasser aber ruhig zu stehen schien. In der Regenzeit mag sich hier wohl ein viele Kilometer langer und breiter Swamp ausdehnen, der in der Ferne wie ein See erscheint und der von den Engländern nach dem unglücklichen Offizier benannt wurde. Ich nenne ihn in meiner Routenkarte „Kirkpatrick-Swamp“ (Tafel 47–48).
In dem hier aufgeschlagenen Lager mussten wir von den Halsketten Gebrauch machen, die die Askari für renitente Träger mitgenommen hatten, da uns am Tage vorher einer der aus Kaketta mitgenommenen Träger entlaufen war. Jeder dieser Eingeborenen erhielt einen Ring um den Hals und war mit dem nächsten durch eine entsprechend lange Kette verbunden, die ihnen genügend Bewegungsfreiheit schuf, jede Möglichkeit eines Davonlaufens aber nahm. Ausserdem standen sie ununterbrochen unter der Aufsicht eines Askari.
Beim Morgengrauen des nächsten Tages brachen wir das Lager ab und setzten unseren Marsch zu den Naquabergen fort. Ein Gefühl gespannter Erwartung bemächtigte sich unser, und wir waren besonderer Gefahren, ja auch eines etwaigen Angriffes der Eingeborenen gewärtig, da wir nun in völlig unbekanntes, von kriegerischen Stämmen bevölkertes Land eindrangen. In langgezogener Linie bewegte sich die Karawane gegen Nordwesten durch die Grassteppe mit ihrem von grossen Rissen und Sprüngen durchzogenen Boden, und erst nach anderthalb Stunden gelangten wir in offenes Buschland. Ich ritt auf meinem Maultier, arglos mit Schwarzer plaudernd, als der vor mir gehende Adubungomoi, der Karamojoführer, plötzlich auf mich losstürzte, mit seinem Speer nach rechts deutete und „Bwana mkubwa, +pharo, pharo+!“ (Herr, ein Nashorn), ruft. Ich sprang rasch von meinem Maultiere, ergriff meinen Mannlicher-Schönau und sah ungefähr 500 bis 600 Schritt in gleicher Höhe mit mir einen dunkeln Koloss traben. Ich liess die Karawane sofort halt machen und verfolgte mit Schwarzer, meinem Gewehrträger und dem Karamojoführer das Nashorn, dem wir bis auf 300 Schritt nahekamen. Da stellte es sich direkt gegen uns auf. Wir hatten sehr guten Wind, weshalb es den Lärm, den das hohe Steppengras während des Anbirschens machte, nur schlecht hörte. Nachdem es uns nicht eräugte, -- Nashörner sehen bekanntlich sehr schlecht -- trollte es sich wieder fort und wir folgten weiter im Laufschritt. Dieses Spiel wiederholte sich einige Male, bis sich das mächtige Tier plötzlich mit dem Vorderkörper und gesenktem Haupte gegen uns wendete. Diesen Moment benützte ich, um einen Blattschuss anzubringen, der gut sass, denn das Nashorn drehte sich am Flecke mit unheimlicher Schnelligkeit und brach dann in aufrechter Stellung auf allen Vieren zusammen.
Die ganze Jagd spielte sich innerhalb weniger Minuten ab, und wir hatten gerade noch Zeit gefunden, das erlegte Tier in der Nähe zu betrachten, als der Gewehrträger gelaufen kam und nach rückwärts deutend abermals den Ruf „Pharo!“ ausstiess. Wir wandten uns sofort um und sahen, wie rückwärts, etwa 800 Schritt von uns entfernt, ein zweites Nashorn in scharfem Trab und mit gesenktem Kopf direkt gegen die Träger losstürmte. Wir hörten ein Klirren und Krachen der weggeworfenen Kisten und Koffer, und die Träger stoben in wilder Flucht auseinander. Tatenlos mussten wir sehen, wie das mächtige Tier die Kette der Träger durchbrach und immer noch mit gesenktem Haupte weiterstürmte und schliesslich im hohen Steppengras verschwand. Da kam schon im Laufschritt ein Askari mit der Meldung, dass ein Mann schwer verletzt sei, und tatsächlich wurde hinter ihm der grösste und stärkste der aus Kaketta mitgenommenen Träger blutüberströmt zu uns gebracht. Er war, wie die andern Träger, auf die Seite gesprungen, vom Nashorn jedoch zu Boden geworfen worden und hatte dabei eine ungefähr 15 cm lange Rissquetschwunde auf der linken Wange davongetragen. Wir labten den Verwundeten zuerst mit Tee, und Dr. Stigler packte seinen Medizinkoffer aus und vernähte und verband seine Wunde (Tafel 49).
Nachdem die Träger von dem erlegten Tier das Horn und einige Streifen Haut abgenommen hatten, wurde in scharfem Tempo weitermarschiert, denn der Weg bis zur nächsten Wasserstelle war noch sehr weit. Stundenlang ging es durch immer dichter werdendes Buschland, und die Wassersäcke waren infolge der grossen Hitze schon stark entleert. Die grösste Sorge bereiteten uns die Träger, die trotz der schweren Lasten ihre vier, fünf Stunden leicht zurücklegten, aber ausserordentlich ermüdeten, wenn der Marsch doppelt so lang währte und durch wasserlose, unbeschattete Gegenden führte. Der grösste Teil der Karawane war weit hinter uns, und mit uns folgten nur einige wenige, besonders starke und vielleicht auch besonders ehrgeizige Eingeborene. Wir Europäer waren nicht weniger ermüdet, durften dies aber, um den Eingeborenen kein schlechtes Beispiel zu geben, nicht zeigen. Denn an eine längere Rast konnten wir nicht denken. Indess gelangten wir endlich an den Fuss der Naquaberge und fast plötzlich umfing uns statt des bisherigen eintönigen Buschlandes eine reiche, tropische Vegetation. Mächtige alte Bäume gewährten kühlen Schatten, und wir standen am Eingang eines schmalen, von West nach Ost sich tief in die Naquaberge erstreckenden Tales, in dem wir auf einer alten Elefantenfährte unseren Weg suchten. Mühsam zwängten wir uns Mann für Mann durch das Urwaldgestrüpp, als plötzlich rechts von uns ein Krachen und Brechen und gleichzeitig der Ruf „Tembo“ (Elefant) ertönte. Wir erwarteten mit schussbereiten Gewehren den Durchbruch der Tiere, sie zeigten sich aber nicht, und wir drangen immer tiefer in die üppige Vegetation ein, in der sich besonders die schönen Burassuspalmen mehrten (Tafel 50). Nach einer Stunde schloss sich vor uns die Bergkette gegen eine sattelartige Vertiefung, von der herab ein glattgeschliffenes Granitfelsmassiv bis ins Tal reichte. Mehrere Felsenlöcher, die sich in terrassenförmigen Abstufungen vorfanden, waren mit Regenwasser gefüllt -- unsere ersehnte Wasserstelle. Elefanten-, Gazellen- und Hyänenspuren bezeichneten den Weg dorthin, und das Wasser war auch stark von den Tieren verunreinigt, aber trotzdem bedeutete es für uns einen köstlichen, langentbehrten Genuss. Ich bestimmte den unteren Wassertümpel für uns Europäer und stellte ihn unter Bewachung eines Askari, den oberen für die Träger. Diese Scheidung war nötig, da die Eingeborenen die schlechte Eigenschaft haben, die Wasserstellen, sowie sie ihren Durst gelöscht haben, sofort durch Baden und noch Aergeres zu verunreinigen. Die Maultiere und Esel wurden aus den Stoffeimern getränkt, da für sie ein Trinken an Ort und Stelle infolge der glatten Felsen zu grosse Absturzgefahr mit sich gebracht hätte. War es doch meinem Freunde Dr. Stigler passiert, dass er, als er zum Bergsattel aufstieg, um Umschau nach einem geeigneten Lagerplatz zu halten, ausglitt und mit Kleidern, Schuhen und Tropenhelm in einen Wassertümpel abrutschte, wo er zu einem unfreiwilligen Bade kam.
Inzwischen hatte ich selbst am Fusse eines steilen Felsabsturzes in nächster Nähe der Wasserstelle einen Platz gefunden, der für das Aufstellen unserer Zelte geeignet erschien. Es stellte sich aber nun heraus, dass von den Trägern erst eine ganz kleine Schar angelangt und von den Zelten, Betten und Sesseln noch keine Spur zu finden war. Trotzdem es bereits dämmerte, vermissten wir noch über die Hälfte unserer Leute. Wir sandten fünfzehn Träger mit Wassersäcken zurück, um den zurückgebliebenen und halbverschmachteten Eingeborenen behilflich zu sein. Auf zwei Stunden Weg war unsere Marschlinie mit zusammengebrochenen Trägern besetzt, und einzelne unserer Eingeborenen gingen zweimal, ja dreimal zurück, um die Liegengebliebenen aufzulesen und deren Lasten zu tragen. Einer der Ermatteten war überhaupt unfähig, noch weiter zu gehen und musste von vier Mann getragen werden, und so wurde es acht Uhr abends, bis sich die ganze Karawane wieder vollzählig versammelt hatte. Wir mussten noch froh sein, dass der Gewaltmarsch dieses Tages keine schlimmeren Folgen aufwies. Seit halb fünf Uhr morgens waren wir auf den Beinen gewesen und hatten -- nach Abzug der wenigen kurzen Rasten -- einen ungefähr zwölfstündigen Marsch hinter uns, der bei glühender Sonnenhitze und sparsamstem Wasserverbrauch durch meterhohes, steifes Steppengras zurückgelegt worden war. Wer unter ähnlichen schwierigen Verhältnissen Steppenreisen in der heissen Glut der Aequatorialsonne gemacht hat, dürfte diese Leistung zu schätzen wissen. Dass wir mit unserer langen Karawane schliesslich doch dies Gebiet glücklich durchquert hatten, verdankten wir zum grossen Teil der Energie unserer Askari, ebenso aber auch der strammen Disziplin, die wir den Eingeborenenträgern bereits beigebracht hatten. Beide Umstände trugen dazu bei, dass wir ohne jeglichen Verlust von Menschenleben -- den wir nach den von Gouverneur Jackson gemachten Erfahrungen schon bei der Elgonbesteigung gefürchtet hatten -- durchgekommen waren.
_EIN GEPLANTER UEBERFALL._
_Vollmondnacht / Die unsichtbaren Eingeborenen / Verräterische Lichter / Von den Wilden eingeschlossen / In voller Kampfbereitschaft / Spannungsvolle Stunden / Abzug der Eingeborenen._
Nachdem rasch abgekocht worden war, trat in unserem Lager vollständige Stille ein. Kein Gesang oder sonstiger Lärm drang zu uns, erquickender Schlaf hatte sich auf die Müden und Ermatteten gesenkt. Die Lagerfeuer waren erloschen, und nur die wenigen, von den Askari unterhaltenen Wachfeuer loderten noch gegen das sternenbesäte Firmament empor, das vom aufsteigenden Vollmond hell beleuchtet war.
Wir Europäer sassen noch am Abendtisch und sprachen über den ereignisreichen Tag, der uns unser Ziel doch erreichen hatte lassen. Wir wunderten uns, dass von den berüchtigten Naquaeingeborenen, die uns von allen als kriegerisch, hinterlistig und verräterisch geschildert wurden, nirgends etwas zu sehen war, trotzdem wir mitten in ihre Gebiete eingedrungen waren. Schon beim Einmarsch in das schmale Tal hatten wir genau die Bergabhänge abgesucht, jedoch weder eine Hütte noch einen Eingeborenen erblicken können. Kurz vor unserer Ankunft in Kaketta hatten sie die Kumamas -- die Bewohner der Teso-Provinz -- kriegerisch überfallen, ihre Niederlassungen geplündert und die Weiber weggeführt. Zudem hiess es von ihnen, dass sie keinen Fremden in ihren Gebieten dulden -- trotz alledem waren wir unangefochten bis hierher gelangt. Wir führten dies in erster Linie darauf zurück, dass uns ihr Häuptling, den wir nicht aus dem Auge liessen, gewissermassen als Geisel begleitete. Wir fragten ihn, ob wir mit ihm am nächsten Morgen seine in den Bergen gelegenen Niederlassungen besuchen könnten, er antwortete aber, dass dies nicht möglich sei, da die Hütten viele Stunden vom Lager entfernt liegen. Jedenfalls wollte er es verhindern, dass wir seine Leute, deren Sitten und Gebräuche kennen lernen sollten (Tafel 51).
Nach neun Uhr -- wir waren eben im Begriffe, zu Bette zu gehen und unseren müden Gliedern die wohlverdiente Ruhe zu gönnen -- bemerkte Dr. Stigler, der ein ausserordentlich scharfes Auge besitzt, auf der uns gegenüberliegenden Berglehne plötzlich mehrere winzig kleine Lichter (glimmende Holzstücke) aufblitzen, die bald verschwanden, nach kurzer Weile aber wieder sichtbar wurden. Wir beobachteten eine Zeit hindurch die Bewegung dieser Lichtpunkte und konnten uns nicht erklären, woher plötzlich die Menschen gekommen seien, die dort oben mit Lichtern herumwanderten. Rings um uns herrschte Totenstille, und unser Lager war von dem Silberlichte des Vollmondes übergossen, an dem nur dann und wann dünne durchsichtige Wolkenstreifen vorüberzogen. Alles schlief, bis auf die zwei diensthabenden Askari, die ruhig hinter unseren Zelten standen.
Je länger wir die dunklen Bergabhänge beobachteten, desto deutlicher konnten wir das Aufflackern der Lichter verfolgen. Die Sache schien uns immer weniger geheuer, und wir weckten unseren Heatman Abeidi und fragten ihn, was dies eigentlich zu bedeuten habe. Abeidi wollte anfangs unsere Bedenken zerstreuen und meinte, es wären honigsammelnde Eingeborene, die diese Arbeit gewöhnlich zur Nachtzeit verrichten. Als wir aber auch auf den hinter uns liegenden Bergabhang blickten und dort ebenfalls Lichter blitzen sahen, die sich nun auf allen Hängen rings um uns rasch mehrten, wurde Abeidi anderer Meinung und erklärte, dies habe nichts anderes zu bedeuten, als dass wir von den Wilden eingeschlossen seien und jedenfalls einen Ueberfall zu gewärtigen hätten! Nun hiess es, sich rasch auf einen solchen vorzubereiten und Gegenmassregeln zu treffen. Wir liessen den Sergeant wecken und legten ihm die Situation klar, und auch dieser hegte nicht den geringsten Zweifel darüber, dass uns die Naquaeingeborenen in der Nacht angreifen würden. Er liess sofort alle Askari antreten und die Gewehre laden, was auch wir Europäer taten. Wir suchten nun die Abhänge ringsum genau mit den Gläsern ab und konnten konstatieren, dass sie vollständig von den Wilden besetzt waren; auch auf der knapp hinter unseren Zelten aufsteigenden Felswand leuchteten die verräterischen Lichter auf, und sie bewegten sich alle in der Richtung gegen unser Lager, so dass wir sogar schon die einzelnen schwarzen Gestalten wahrnehmen konnten, die bereits in Schussweite waren. Unverkennbar waren wir nun ringsum von den Naqualeuten eingeschlossen, und dass diese nicht in guter Absicht erschienen waren, musste uns klar sein.
Unsere Situation war sehr unangenehm und gefährlich, denn unser Lagerplatz war klein und das Tal überaus eng, so dass wir im Falle eines Angriffes auch noch befürchten mussten, uns gegenseitig anzuschiessen. Ausserdem hatten wir im ganzen nur 21 Repetiergewehre zur Verfügung, wogegen wir uns darauf gefasst machen mussten, mit ungezählten Giftpfeilen und Speeren überschüttet zu werden. Ein weiterer Nachteil gegenüber den Wilden erwuchs uns endlich auch daraus, dass diese durch die Dunkelheit geschützt waren und von den überhöhten Berghängen ihre Geschosse in die Tiefe schicken konnten, während wir, auf einem kleinen Platz zusammengedrängt, in jeder Bewegung vom Mondlicht beleuchtet waren, so dass wir äusserst gute Zielpunkte abgaben.
Es folgten nun einige Stunden der grössten Spannung. Wir standen alle schussbereit, entschlossen, unser Leben so teuer als möglich zu verkaufen und uns bis zum äussersten gegen den tückischen Angriff der Wilden zu wehren. Jeden Augenblick erwarteten wir, dass der erste Pfeil durch das Dunkel schwirren werde, worauf wir sofort das Feuer eröffnet hätten. Aber wir warteten vergebens, denn unsere Feinde schienen nun anderen Sinnes geworden zu sein. Die grosse Karawane mit den vielen Kisten, den Eseln, Maultieren und anderen Haustieren wäre ihnen gewiss eine willkommene Beute gewesen, aber jedenfalls hatten sie genau unsere Bewegungen verfolgt und beobachtet, dass wir nicht zu überraschen seien und alle Vorbereitungen gegen einen etwaigen Angriff getroffen hatten. Dies mochte sie wohl in erster Linie bewogen haben, von einem solchen abzustehen und ihn vielleicht für eine bessere Gelegenheit aufzuschieben. Je später es wurde, desto spärlicher wurden die Lichter, bis allmählich eines nach dem andern verschwunden war und wir -- es war inzwischen halb zwei Uhr nachts geworden -- mit geladenen Gewehren endlich zu Bette gehen konnten, nicht ohne vorher noch die Zahl der Wachtposten zu erhöhen und den Auftrag zu geben, uns sofort zu wecken, sobald irgendeine verdächtige Bewegung wahrzunehmen sei, die auf eine Annäherung der Eingeborenen schliessen lasse. Unsere Nachtruhe wurde aber nicht gestört, und wir waren bald in tiefen Schlummer gesunken, der die Anstrengungen und Aufregungen dieses Tages als willkommenes Ende abschloss.
_IN DEN NAQUABERGEN ABGEIRRT._
_Ein Schlangenbiss / Besuch der Eingeborenen / Die Furcht vor den Naqua / Aufbruch in die Berge / Von meiner Karawane abgeirrt / Rencontre mit den Eingeborenen / In heikler Situation / Eine schlaflose Nacht / Unterbrechung der wissenschaftlichen Arbeiten / Eintreffen meiner Karawane / Die Schmiedehütten der Toburleute / Anna- und Josefaberg / Besuch dreier Häuptlinge / In Adelang / Von wilden Bienen überfallen._
Später als gewöhnlich erwachten wir am nächsten Morgen, erquickt von dem Schlaf, der uns so notgetan, und frohen Mutes in der Ueberzeugung, dass wir die Gefahr des nächtlichen Angriffes durch unsere Wachsamkeit und entschlossenen Vorbereitungen abgewendet hatten. Narima Lengomoi (der Tapfere, der viele ermordet hat), so hiess unser Naquahäuptling, verliess schon um 7 Uhr das Lager, um sich zu seinen Leuten zu begeben, und versprach uns, am nächsten Tage einige Eingeborene, auch Weiber, sowie ethnologische Gegenstände mitzubringen.
Jetzt, da wir nicht mehr ermüdet waren und die helle Morgensonne alles bestrahlte, konnten wir uns der ausserordentlich schönen Lage unseres Kamps erst so recht erfreuen. Das lange, schmale Tal, zu dessen beiden Seiten steile Bergwände emporstiegen, war von einer Menge mächtiger, schlanker Burassuspalmen mit ihren grossen, runden, gelben Früchten bewachsen, und an den herabhängenden Wedeln schaukelten sich viele langschwänzige, buntfarbige Vögel. Der Unterwuchs, aus dem viele alte Bäume emporragten, war ungemein dicht und erinnerte an die Vegetation des Urwaldes.
Nachmittags, während ich mit kartographischen Aufnahmen beschäftigt war, bestieg Dr. Stigler mit seinem Sais (Eseltreiber) und seinem Boy Kilimandscharo eine der höchsten Bergspitzen im Naquagebirge, die wir nach seiner Mutter „Annaberg“ benannten. Er kam erst spät abends ins Lager zurück, leider mit einem Schwerverletzten. Sein Eseltreiber war beim Abstieg von der Spitze auf eine Giftschlange getreten, die sich um seinen Fuss ringelte und ihn in die Wade biss. Dr. Stigler machte sofort an der Stelle des Bisses einen Schnitt, führte die Abbindung durch und gab um die Wunde herum 15 Injektionen von Kaliumpermanganat. Im Lager erhielt der Kranke einige Schalen heissen Tees mit viel Kognak und, nachdem seine Wunde gründlich gewaschen worden war, einen neuen Verband. Zufälligerweise hatte uns Dr. Stigler gerade am selben Tage über die Behandlung von Schlangenbissen belehrt, da wir schon mehrmals Giftschlangen, und zwar Puffottern, angetroffen hatten, und die Oertlichkeit, in der unsere Zelte lagen -- neben einer Felswand zwischen dichtem Gestrüpp --, einen beliebten Aufenthaltsort dieser Tiere bildet. Wir erhielten jeder zur Mitführung im Rucksack ausser flüssigem hypermangansauren Kali eine Injektionsspritze und einen Kautschukschlauch zum Abbinden der Blutgefässe. Wie sehr sich diese Vorsichtsmassregeln bewährten, hat gerade der Fall mit dem Eseltreiber Dr. Stiglers gezeigt.
Da wir unbedingt die Naqua-Eingeborenen kennen lernen wollten, hielten wir auch am nächsten Tage Rast, an dem nun tatsächlich der Häuptling mit einigen seiner Eingeborenen in unser Lager kam. Es waren ganz nackte, grosse, kräftige Gestalten mit der Karamojo-Haartracht und von sehr scheuem Benehmen. An Schmuck trugen sie viel weniger als die Wilden, die wir bisher kennen gelernt hatten, nur der eine oder andere den Unterlippenstift und den gewissen Ring mit dem bogenartigen Auslauf, wie wir ihn schon bei den Karamojo gesehen hatten. Der Häuptling beschenkte mich mit seinem Speer, einem Schild aus Giraffenhaut und einem alten Elefantenzahn, und auch die Eingeborenen hatten Speere, Schilde und kleinere Elefantenzähne für mich mitgebracht, wofür sie Eisenringe haben wollten. Sie sind, so wie auch die Toburleute, mit der Behandlung des Eisens sehr vertraut und schmieden sich selbst ihre mit langen Hülsen versehenen, überaus scharfen Speere. Wie hoch sie diese Waffe einschätzen, zeigte sich bei den nun folgenden Tauschgeschäften. Unter zehn Eisenringen war kein Speer zu haben. Ich legte ihnen Amerikani, Perlen, Spiegel, Messer, Fischangeln, Münzen, Tabak und noch viele andere Tauschartikel vor; von all dem wollten sie aber nichts wissen und hatten nur Verlangen nach dem Eisendraht. Kaum waren wir mit dem Tausch fertig, wollten sie auch sofort wieder abziehen, und ich konnte sie durch Vermittlung des Häuptlings nur mit Mühe solange zurückbehalten, bis wir sie photographisch aufgenommen hatten. Den Häuptling befragten wir, warum Major Kirkpatrick mit seinen Soldaten ermordet worden sei, worauf er verlegen zur Antwort gab, dass der Ueberfall eigentlich mehr den Askari gegolten habe, die von den Naqualeuten gehasst wurden. Wir gaben ihm dann einen Brief, in dem wir ihm bestätigten, dass er uns begleitet hatte und wir durch seine Anordnungen vor Ueberfällen bewahrt wurden, und nahmen ihm das Versprechen ab, dass er uns einen seiner Leute als Führer durch das Toburgebiet mitgebe. Sodann verabschiedeten wir uns von ihm, nachdem wir ihn noch reichlich beschenkt und bewirtet hatten, und er verliess mit den bereits ungeduldig gewordenen Eingeborenen rasch unser Lager.