Part 11
Unser Karamojoführer Adubungomoi hatte vor den Naqualeuten einen derartigen Respekt, dass er sich allein kaum einen Schritt vom Lager zu entfernen wagte. Ich schickte ihn vormittags aus, mit dem Auftrage, nach Wild zu suchen, da wir für unsere Küche frisches Fleisch benötigten, aber er bestand darauf, von zwei Askari begleitet zu werden, und ging auch dann nur eine halbe Stunde weit fort. Er behauptete, dass ihn die Eingeborenen sofort ermorden würden, wenn sie ihn irgendwo allein anträfen. Dieselbe Furcht zeigten auch die Träger, die sich sonst fast von jedem Lager aus grössere Ausflüge erlaubten, hier aber den Umkreis des Lagerplatzes nicht zu verlassen wagten. Gewitzigt durch die Aufregungen der ersten Nacht, in der uns die Wilden rings eingeschlossen hatten, umgaben wir übrigens unsere Zelte mit einem Verhau aus dornigen Aesten, um so den ersten Anprall eines nächtlichen Angriffes zum mindesten abzuschwächen.
Am nächsten Morgen brachen wir unser Lager -- das landschaftlich schönste seit den Rastplätzen auf dem Elgon -- ab, um zu der nächsten Wasserstelle weiter zu marschieren, die nach Aussage unseres Führers in den Toburbergen lag. Ich ging mit dem Naquaführer, meinem Boy und Gewehrträger sowie einem Askari voraus, während die Karawane langsam hinter uns herzog. Nach einer Stunde war das schmale Tal zu Ende, und wir hatten den südlichen Rand der Abhänge des Naquagebirges erreicht. Wir rasteten, bis wir die ersten Gestalten der lasttragenden Eingeborenen hinter uns auftauchen sahen, und marschierten dann längs des Südrandes des Gebirgszuges mehrere Stunden durch Buschland und pfadlose Steppen mit 2 m hohem Gras, bis wir schliesslich am Eingang eines ziemlich breiten Tales standen, in dem sich, wie unser Naquaführer sagte, ein Wasserloch befinden sollte. Hier warteten wir wieder, um die Verbindung mit der Karawane nicht zu verlieren, sahen auch bald hinter uns die Kette der Träger auftauchen und setzten dann den Marsch fort. Nicht lange hierauf liess die Gegend auf die Nähe von Niederlassungen schliessen, da wir einige Durrafelder und Hütten antrafen, in denen Mehl aufbewahrt wurde. Während des Marsches erlegte ich einige Vögel, nicht ahnend, dass Schüsse in dieser Gegend ein sehr unangenehmes und unerwünschtes Echo haben, weil sie den Eingeborenen die Anwesenheit von Fremden verrieten. Mein Boy machte mich denn auch sehr bald darauf aufmerksam, dass sich an den Abhängen zu beiden Seiten des Tales viele Wilde zeigten, die, von dem Knall meiner Schüsse aufgeschreckt, ihre Dörfer verlassen hatten und wahrscheinlich meinten, es dringe eine englische Expedition vor, um ihr Land zu besetzen. Denn es war bis hierher die Kunde verbreitet, dass im Nordosten von Naqua und Tobur viele Hunderte von Eingeborenen im Kampfe mit englischen Strafexpeditionen ihr Leben gelassen hatten und viele Niederlassungen von den Engländern in Brand gesteckt worden waren.
Ich beobachtete mit grossem Interesse die Bewegungen der Eingeborenen, die bald die Flucht ergriffen, und machte mir keine weiteren Sorgen, da ich ja die Karawane hinter mir wähnte. Wie gefährlich aber die Situation für mich war, erkannte ich erst, als wir gegen 1 Uhr nachmittags bei der Wasserstelle, einem kleinen, tiefen Loch mit schmutzigem, vollständig verunreinigtem Wasser anlangten, dort Rast machten und auf unsere Karawane warteten. Die hinter uns marschierende Trägerlinie, mit der wir die Verbindung den ganzen Weg hindurch aufrecht erhalten hatten, tauchte wohl auch nach kurzer Weile auf, sie entpuppte sich aber, als sie näher kam, nicht als unsere Karawane oder deren Vorhut, sondern als eine kleine Schar der Trägerboys. Manche unserer Träger sowie die Askari hatten nämlich für einen geringfügigen Lohn junge Burschen im Alter von zehn bis siebzehn Jahren aufgenommen, die ihnen die Trägerzelte, die Kochtöpfe und Wolldecken zu tragen hatten. Da ich immer an der Spitze der Karawane, diese Boys jedoch ganz rückwärts marschierten, waren sie mir bisher fast unbekannt geblieben, und ich hatte sie jetzt auf den Plätzen, wo ich auf die Karawane wartete, jedesmal, wenn sie mit ihren Lasten aus dem hohen Steppengras auftauchten, für meine eigenen Träger gehalten, so dass ich glaubte, nun ruhig weitermarschieren zu dürfen. Durch dieses Missverständnis war ich nun von meiner Karawane getrennt, die, wie sich dann später herausgestellt hat, nicht unserer ausgetretenen Spur, sondern unter der Führung Abeidis Kongonifährten folgte, die er für die Spur meines Maultieres hielt. Infolgedessen bog sie viel früher in die Berge ab als wir und gelangte in ein Tal, das durch eine hohe Bergkette von dem unseren getrennt war.
Vorläufig war nun nicht viel zu tun, um diesen Irrtum wieder gutzumachen. Ich ruhte von dem Marsche aus und überlegte, wie ich am besten wieder zu meiner Karawane kommen könnte, als mich mein Boy Simon plötzlich aufmerksam machte -- ich lag ausgestreckt im Grase --, dass wir von Eingeborenen eingeschlossen seien. Diesmal waren sie aber nicht, so wie in unserem letzten Lager, in weiter Entfernung, sondern standen, nachdem sie sich lautlos angeschlichen hatten, bloss einige Schritte weit, wie mit einemmale aus dem Boden gewachsen, vor uns. Es waren zehn grosse, junge, kräftige, wild blickende Gestalten, von einem alten Häuptling geführt, jeder hielt einen Speer in der Linken und schwang ausserdem noch einen zweiten in der Rechten. Durch Saléh, meinen Gewehrträger, der die Sprache der Eingeborenen kannte, erfuhren wir schliesslich, dass der Häuptling frage, ob ich kämpfen wolle. Meine harmlosen Schüsse hatten also die Eingeborenen derart erregt, dass sie meinten, sie gälten ihnen und nicht den Vögeln. Der Askari und Saléh hatten ihre Gewehre schussbereit gehalten, was ich aber sofort einstellte, da ich sah, dass hinter den Büschen sich noch eine grosse Anzahl mit Speeren bewaffneter Eingeborener versteckt hielt und wir demnach einer gewaltigen Uebermacht gegenüberstanden. Ich hielt es daher für das Klügere, mich in Verhandlungen einzulassen, und liess dem Häuptling sagen, dass wir nicht die mindesten feindlichen Absichten hätten, dass die Schüsse den Vögeln gegolten hatten, von denen ich ihm zehn Stück vorzeigen konnte, und dass ich ihn, sobald meine grosse Karawane angelangt sei, reich beschenken werde. Auf das hin sprach er mit den Eingeborenen, die ihre zum Kampf erhobenen Speere sinken liessen, kam auf mich zu und reichte mir die Hand, die ich ihm freundschaftlichst drückte (Tafel 52).
Das ganze Zwiegespräch hatte viel Zeit in Anspruch genommen, da sich der Häuptling in der Karamojosprache nur mit Saléh verständigen konnte, dieser dessen Worte meinem Boy in Suaheli übersetzte, bis mir Simon schliesslich den Inhalt des Gespräches auf Englisch mitteilte. Da wir nun anscheinend gute Freunde geworden waren, liess ich den Häuptling ersuchen, er möge mir Milch und Hühner schicken, was er auch zusagte. Er wünschte hierauf von mir ein Mittel gegen seine schlechten Augen und hatte ein besonderes Verlangen nach meinen Sonnengläsern, durch die ich ihn wohl schauen liess, die ich ihm aber nicht geben konnte, da sie, nachdem mir schon drei Gläser gebrochen waren, meine letzten waren. Auch mein Khakianzug erregte sein Gefallen, welche Liebe zu Kleidern wir übrigens auch bei den Eingeborenen, denen wir dann später begegneten, sehr ausgeprägt vorfanden. Nachdem ich ihm aber auch diesen nicht gut abtreten konnte, verliess er uns mit seinen Begleitern.
Ich schickte nun sofort meinen Gewehrträger auf einen Hügel, um nach unserer Karawane Ausschau zu halten. Nach zwei Stunden kam er mit der Meldung zurück, dass niemand zu sehen sei. Die Situation wurde nun für uns sehr unangenehm, und ich musste mich darauf gefasst machen, ohne Nahrung, ohne Zelt und Bett wahrscheinlich auch die Nacht hier zu verbringen. Am Nachmittag waren zwar einige Eingeborene mit einem Huhn, Milch und Eiern gekommen, sie erklärten aber, dass ich ihnen vorher Eisenringe geben müsse. Als ich ihnen sagte, sie würden diese und noch viele andere schöne Dinge erhalten, sobald meine Karawane eingetroffen sein werde, meinten sie, sie würden wieder kommen, wenn diese wirklich hier wäre, und zogen sich unter Mitnahme der gebrachten Lebensmittel, die wir demnach nur ansehen durften, misstrauisch zurück. Unter ihnen war auch ein sehr kräftiger, hübscher, energischer Junge, der mir mehr Vertrauen zuzuwenden schien als die übrigen und mir mitteilen liess, dass auf dem nördlich von unserem Platze aufsteigenden Bergrücken eine grosse Karawane gesehen worden sei. Es konnten dies nur meine Träger sein, und ich liess den Jungen unter Zusicherung grosser Geschenke bitten, er möge die Karawane aufsuchen und Dr. Stigler einen Brief übermitteln. Nach langem Hin und Her erklärte sich der Eingeborene hierzu bereit und übernahm den Brief, in dem ich Dr. Stigler meine heikle Situation schilderte. Der Bursche machte sich sofort auf den Weg und hoffte, bis zum aufgehenden Mond wieder zurück zu sein.
Er hatte sich aber in seiner Annahme verrechnet, denn die Karawane war viele Stunden weit entfernt. Wie sich später herausstellte, war sie, irregeführt durch Wildfährten, die sie für die Spuren meines Maultieres hielt, tief in ein Hochgebirgstal hineingekommen, wo kurze Rast gehalten wurde. Dr. Stigler ging von dort aus mit seinem Boy zu einer auf der Höhe gelegenen Eingeborenen-Niederlassung, um nach Wasser zu fragen und vielleicht Nachricht über meinen Aufenthalt zu bekommen. Die Karawane, die auf dem Rastplatz kein Wasser hatte, marschierte mit den übrigen Europäern gegen Norden weiter, in der Hoffnung, Dr. Stigler einzuholen, und erreichte erst nachts eine Wasserstelle. Dr. Stigler hatte unterdessen gleichfalls Wasser gefunden, war nun aber auch von der Karawane getrennt. Wenigstens hatte er aber die Esel mit den Konservenbüchsen bei sich und hatte auch anordnen können, dass ihm Zelt und Bett geschickt wurden.
Ich hatte mich inzwischen wohl oder übel in mein Schicksal gefügt und bereitete mich darauf vor, die Nacht ohne Zelt und Bett, und ohne eine Nahrung zu mir genommen zu haben, im Freien zuzubringen. Zwischen den Bäumen liess ich mir mit abgeschlagenen Aesten und Zweigen ein Verhau errichten, um einigermassen gegen den immer schärfer blasenden Nordwind geschützt zu sein, und bereitete mir dann innerhalb desselben aus abgeschnittenem Gras, das ich mit einem Wettermantel zudeckte, ein primitives Lager. Mein Askari und Saléh hielten abwechselnd Wache. Die Nacht war hell, und der aufsteigende Vollmond umschleierte mit seinem Silberlichte das breite Tal und die Konturen der steilen Bergabhänge. Ich konnte nicht viel schlafen und verbrachte den grössten Teil der Nacht wachend, denn eine Unmenge von Gedanken über meine Lage -- es war bitter kalt geworden und ich musste mich wiederholt an dem nahen, hochlodernden Lagerfeuer wärmen -- und die zu gewärtigenden Möglichkeiten stürmten auf mich ein und liessen mich nicht zur Ruhe kommen. Ich war inmitten eines feindlich oder mindestens sehr unfreundlich gesinnten Volksstammes, dem ich mit meinen wenigen Begleitern und den zwei Gewehren, die ich nebst einer Pistole mithatte, fast machtlos gegenüberstand. Es schien nicht ausgeschlossen, dass ich noch eine zweite und dritte Nacht hier auf diese Art würde zubringen müssen, womit auch die Gefahr einer Erkrankung stieg.
Mit grosser Freude begrüsste ich daher den ersten Schimmer der Morgendämmerung und schickte alsbald meinen Gewehrträger zum Häuptling, um mir für zwei Eisenringe, die ein Boy Abeidis zufällig bei sich hatte, Eier einzutauschen. Er kam auch mit neun Stück Eiern zurück, die jedoch alle schlecht waren. Der Naquaführer Amaké hatte mich tags zuvor sofort, als er bemerkte, dass meine Karawane nicht nachfolge, verlassen, sich zu den Eingeborenen begeben und dürfte sie gegen mich aufgehetzt haben. Denn ein Eingeborener aus Kamjuru, der sich zuerst bereit erklärt hatte, mich zur nächsten Wasserstelle zu führen, kam bald darauf in Begleitung des Naquaführers mit der Erklärung zurück, dass er nicht mitgehen könne, und Amaké selbst verlangte frech den Amerikanistoff, den ich ihm versprochen hatte.
Der ganze Vormittag verging, ohne dass wir irgendwelche Nachricht erhalten hätten, und hunderte Male schweiften unsere Blicke auf die nördlich gelegenen Abhänge, um den gestern abgeschickten Eingeborenen mit der so sehnsüchtig erwarteten Antwort Dr. Stiglers zu erspähen. Gegen Mittag endlich brach ich auf, um den nächsten Wasserplatz zu erreichen, wo ich meine Karawane anzutreffen hoffte. Nach dreiundeinhalb Stunden schnellen Marsches kam uns der Tobur-Eingeborene entgegen mit einem Schreiben Dr. Stiglers, das ich in gespanntester Erwartung öffnete. Mein Gefährte teilte mir mit, dass er mir einige Träger mit Zelt, Bett und Konserven in mein Lager schicke, er selbst mit der wiedergefundenen Karawane auf einem Hochplateau übernachte und erst am nächsten Morgen folgen könnte, da die Träger durch einen zwölfstündigen Marsch vollkommen erschöpft seien. Auf diese Nachricht hin kehrte ich, um die mir entgegengesandten Träger nicht zu verfehlen, sofort auf meinen alten Lagerplatz zurück, obgleich ich auf dem Wege schon Spuren meiner Karawane sehen konnte. Es dämmerte bereits, als mir in der Nähe meines alten Kamps vier Träger meiner Karawane unter Führung eines Eingeborenen begegneten. Sie waren alle total erschöpft, denn ihre Marschleistung hatte nicht weniger als sechzehn Stunden betragen. Bei der Wasserstelle wurde nun rasch abgekocht, ich teilte die Konserven mit meinen braven Begleitern, und gleich darauf sank jeder todmüde auf sein Lager zu erquickendem Schlaf hin. Der Askari und der Gewehrträger hielten abwechselnd wieder die Wache und sorgten auch für die grossen Feuer, die wir angezündet hatten, um uns, wenn möglich, unserer Karawane bemerkbar zu machen. Diese selbst unterhielt ebenfalls grosse Lagerfeuer, die auf einem viele Meilen von uns entfernten, hoch in den Bergen gelegenen Sattel aufflackerten und von uns deutlich gesehen werden konnten.
Während dieser zwei Tage, in denen ich von meiner Karawane getrennt war, musste ich mangels der Apparate mit den kartographischen und meteorologischen Aufnahmen zum ersten Male auf dem viele Hunderte Kilometer langen Wege von Jinja bis hierher aussetzen. Es war mir schon zur täglichen Gewohnheit geworden, morgens vor dem Abmarsch und abends bei Beginn der Dämmerung meine meteorologischen Aufzeichnungen zu notieren, die sich auf die Maximum-Minimum-Temperaturen der letzten 24 Stunden, auf jene des Trockenheits- und Feuchtigkeits- und Schleuderthermometers, auf den von den Barometern abgelesenen Luftdruck und schliesslich auf Bewölkung, Windrichtung und etwaige Gewitter erstreckten. Leider war durch diese Trennung meine zweite astronomische Uhr, die sich im Koffer befand, stehen geblieben, und es blieb mir für die genaue Zeitbestimmung bei den astronomischen Beobachtungen nur die eine, die ich bei mir führte.
Am nächsten Morgen ging ich, nachdem ich mich ordentlich ausgeschlafen hatte, auf die Vogeljagd. Als ich von ihr gegen 10 Uhr vormittags im Lager eintraf, war dort bereits die Vorhut der Karawane und mit ihr auch Dr. Stigler angekommen. Wir begrüssten uns mit grosser Freude, und nun ging es an ein langes Erzählen der gegenseitigen Erlebnisse. Wir waren glücklich, dass diese 50stündige Trennung, in der ich, von einem wilden Volksstamm umschlossen, ohne Nahrung und allen möglichen Gefahren preisgegeben war, für mich so glücklich abgelaufen war, und freuten uns innig der Wiedervereinigung. Nach einer Stunde traf auch der Rest der Karawane ein, und alle, die Träger ebenso wie unsere europäischen Begleiter, äusserten eine grosse und ehrliche Freude darüber, mich nach der langen Trennungszeit gesund und munter wieder angetroffen zu haben. Mit der restlichen Karawane waren auch die zwei braven Tobur-Eingeborenen gekommen, von denen der eine den Briefwechsel mit Dr. Stigler besorgt, der andere die Führung der Karawane zu meinem Lagerplatz übernommen hatte. Ich beschenkte sie reich mit Perlen, Amerikani, Eisenringen, Medaillons usw. Nun waren wir ja wieder wohlhabende Leute, was uns auch zugute kam, als bald darauf ein Häuptling der Toburleute mit vielen seiner Eingeborenen erschien, die mir gegen unsere Tauschartikel ihre Speere, Messer, Stöcke und primitiven Schmuckgegenstände gern überliessen (Tafel 65).
Der Toburhäuptling bot sich uns auch als Führer an, als wir nachmittags einen Ausflug in die Berge machten, wo unsere Begleiter bei den Eingeborenen viele Schmelz- und Schmiedehütten gesehen hatten, die wir nun einer genauen Besichtigung unterziehen wollten. Nach einstündigem Marsche gelangten wir zu einer solchen Anlage, von der leider die Schmelzhütte nicht in Betrieb stand, während in der Schmiedehütte die Eingeborenen emsig an der Arbeit waren. Die Leute waren hübsche, schlanke Gestalten mit vielem Schmuck um Hals, Arme und Füsse und liessen uns bereitwilligst durch die niedere Oeffnung in ihre grasgedeckte Hütte kriechen, wo wir nun ihrer Arbeit zusehen konnten. In der Mitte der Hütte stand ein Lehmklotz, auf dem das aus der Schmelzhütte gewonnene Eisenmaterial glühend gemacht wird. Der Klotz hat eine muldenförmige Vertiefung, von der nach abwärts ein schmaler Kanal führt, durch den die aus Tierfellen hergestellte Blasbalganlage zur Feuerung einmündet. Das Erz wird mit glühenden Kohlen in die Vertiefung gelegt und dem Feuer durch den Blasbalg soviel Sauerstoff zugeführt, bis das Eisen rotglühend ist. Dann legt ein Eingeborener das glühende Eisen mit einer eigens geformten Zange auf einen nebenstehenden grossen Stein, und ein zweiter gibt nun durch Schläge mit einem kleineren Stein der glühenden Masse die gewünschte Form des Speeres, Messers oder sonstigen Gebrauchsartikels. Gleichzeitig drückt er in das weiche Eisen mit einem Holzstock Rippen und alle möglichen Verzierungen ein. Die Leute arbeiten bei diesen primitiven Einrichtungen mit bewundernswerter Geschicklichkeit und sind in ihrer Art ganz vorzügliche Schmiede.
Auch die Schmelzhütte, die den Hochofen zu ersetzen hat, ist eine ganz gewöhnliche, mit Steppengras bedeckte Hütte. In ihrer Mitte erhebt sich ein Lehmklotz von über einem Meter Höhe, in dem eine 60 cm breite und 30 cm tiefe Schmelzgrube ist, von der schräg ein Kanal für die Schlacke abfällt. Das Eisen wird in der Art gewonnen, dass die Schmelzgrube mit Schichten glühend gemachter Holzkohle und erbsengrossen Stücken zerschlagenen Eisenerzes gefüllt und die zum Schmelzen nötige Temperatur durch ein primitives Gebläse erzeugt wird, mit dem ein durch den schrägen Ablaufkanal führendes Lehmrohr in Verbindung steht (Tafel 65).
Diese ganze, höchst einfache und doch so kunstvolle Schmiedewerkstätte eines Naturvolkes erregte in mir derartiges Interesse, dass ich den Plan fasste, den Aufbau einer solchen Schmiede und die Arbeit in ihr vom Photographen Schwarzer kinematographisch festhalten zu lassen. Ich verhandelte mit den Leuten, sie möchten die Hütten bis zur Hälfte abtragen, um dadurch Licht in das Innere zu bekommen, und wieder aufbauen, und bot ihnen jeden gewünschten Preis dafür, aber sie waren nicht zu bewegen, auf meinen Vorschlag einzugehen, und so musste ich mich mit dem Gesehenen und einer Skizze, die ich von den Arbeitshütten anfertigte, begnügen. Erst spät abends kamen wir von dem interessanten Ausflug in unser Lager zurück, wo wir noch lange in der vom Mondlicht prächtig erhellten Berglandschaft beisammen sassen.
Der nächste Tag galt den geodätischen und kartographischen Aufnahmen, und zwar beschloss ich, sie von der höchsten Spitze des Toburgebirges auszuführen. Photograph Schwarzer und einige Träger mit den Apparaten begleiteten mich. Bis zur Höhe von 1800 m bahnten wir uns durch dichten Bambuswald mühsam einen Weg, dann wuchs nur mehr niedriges Gestrüpp, und gegen den Gipfel zu ragten glatte Felsen auf, die die Besteigung sehr erschwerten (Tafel 53). Mit grosser Mühe kletterten wir auf allen Vieren durch einen schmalen Felsenriss, durch den sich die Träger mit ihren Lasten gegenseitig hinaufschoben, und nach einer Stunde waren wir endlich schweisstriefend auf der Spitze angelangt, deren Höhe ich mit 1931 m mass und die ich nach meiner Frau „Josefaberg“ benannte. Bis vier Uhr nachmittags arbeitete ich sehr vorsichtig auf der Spitze eines glattgeschliffenen Granitfelsens, der dem Theodolit nur schwachen Halt gab. Dann wollte ich noch von einem zweiten, bedeutend tiefer gelegenen Punkte aus Vermessungen machen, ein von allen Seiten aufsteigendes Gewitter nötigte uns aber, uns so rasch als möglich talwärts zu begeben, was, da wir uns in dem Gewirr des Bambuswaldes einigemal verirrten, uns noch lange in Anspruch nahm, so dass wir erst spät abends im Lager eintrafen. Dort erwarteten mich zu meiner angenehmen Ueberraschung drei Häuptlinge benachbarter Eingeborenenstämme, und zwar die Häuptlinge von Adelang, von Odong und von Lira. Sie hatten Kunde von unserer Karawane erhalten und staunten nun, wie alle Schwarzen, uns Europäer neugierig an. Von ihnen erfuhren wir übrigens auch, dass die Wasserstelle, an der wir unser Lager aufgeschlagen hatten, den Namen Akur führte (Tafel 54).
Am nächsten Morgen setzten wir unseren Marsch von diesem Lager, in dem sich unser Aufenthalt wider unseren Willen ausgedehnt hatte, wieder fort und marschierten zunächst in westlicher Richtung durch das weite Buschland. Die schöne Kette der Naqua- und Toburberge blieb bald hinter uns, aber vor uns erhoben sich noch manche einzelne, ganz nadelförmige Bergspitzen aus der Ebene, in der viele Fährten auf einen ziemlichen Wildreichtum schliessen liessen. Wir sahen nebst tief eingetretenen, aus der Regenzeit stammenden Elefantenspuren auch viele Elefantengruben, in denen die Eingeborenen diese mächtigen Tiere fangen. Sie stecken hinter einer Herde das Steppengras in Brand und jagen sie dann über die grasbedeckten Gruben, in die stets das eine oder andere Tier stürzt, das dann mit Speeren getötet wird.