Part 12
Um ½3 Uhr nachmittags kamen wir nach +Adelang+, unsere Karawane etwas früher als wir, da wir uns bei der Jagd auf Kongoni verspätet hatten. Mein Zelt wurde unter einem prächtigen grossen Baum aufgeschlagen, wo sich bald nach unserer Ankunft der Häuptling mit vielen seiner Eingeborenen einfand, um die übliche Schauri (Besprechung) zu halten. Mein Boy Simon stellte für ihn eben eine Tasse frisch gekochten Tees auf den Tisch, schlug dann aber plötzlich mit den Händen um sich und lief wie rasend davon. Seine Bewegungen wirkten derart komisch, dass alles zu lachen anfing, und die Heiterkeit wurde noch grösser, als auch der Heatman Abeidi heftig gegen seinen Kopf schlug und eiligst die Flucht ergriff. Ich hatte noch immer keine Ahnung von der Ursache dieser Szene, wurde aber schon im nächsten Augenblicke eines besseren belehrt. Denn ich fühlte plötzlich einen heftigen Stich und sah nun, dass wir von einem ganzen Schwarm Bienen überfallen waren, der sich auf dem Baume über uns befunden hatte und sich, wahrscheinlich durch den Rauch meiner Zigarre beunruhigt, rächend auf uns stürzte. Ich war mit vier Stichen verhältnismässig noch glimpflich davongekommen, aber einige der Eingeborenen wurden arg zerstochen, und Simon hatte die Unterlippe und Wange faustdick angeschwollen. Das ganze Lager befand sich auf der Flucht vor diesen kleinen Tierchen, die so unangenehm werden können. Da erinnerten wir uns plötzlich, als wir ferne von dem verhängnisvollen Baume standen, dass an mein Zelt noch das kleine reizende Kongoni angebunden sei, das ich seit vielen Wochen mit mir führte. Wir liessen ihm stets eine sorgfältige Pflege zuteil werden; ein Eingeborener trug es während des Marsches in einem Korbe, und täglich wurde es zweimal mit frischer Milch von unseren Kühen gefüttert. Um das junge Hartebeest zu retten, musste es schleunigst aus der Nähe des Schwarmes weggeführt werden, aber trotz des angebotenen Backschisch fand sich keiner der Träger, die ja fast nackt waren, der sich dieser Aufgabe unterzogen hätte. Endlich machte sich Photograph Schwarzer, der ein ausgezeichneter Bienenkenner ist, erbötig, die Schnur, mit dem das Kongoni ans Zelt angebunden war, durchzuschneiden. Er stülpte sich einen Schmetterlingsfänger über den Kopf, verband sich die Hände mit Servietten und ging in dieser Ausrüstung an die Rettungsarbeit. Das arme Tier hatte schon einen ganz schwarzen Kopf, so dicht sassen die Bienen auf ihm. Schwarzer vertrieb diese wohl, indem er sie mit Wasser überschüttete, aber es bestand wenig Hoffnung, dass das Kongoni mit dem Leben davonkäme, und tatsächlich verendete es noch am selben Abend. Den übrigen Tieren, die ich mitführte, den beiden Affen, dem Eingeborenenhund Kumi aus Kuminyanza und der kleinen Wildkatze hatten die Bienen nicht viel Schaden zugefügt. Da sie noch immer um den Baum herumschwärmten, liess ich mein Zelt etwas später von den Askari, die sich ihre Mäntel zum Schutz über den Kopf zusammengebunden hatten, von diesem gefährlichen Platze einige hundert Schritte weit wegtragen. Die ganze Affäre hatten wir übrigens mit unserer Unaufmerksamkeit verschuldet, da wir sonst beim Aufschlagen unseres Lagers solchen Bienenschwärmen, die wir schon einigemal angetroffen hatten, stets ausgewichen waren und die Askari nur diesmal diese Vorsichtsmassregel nicht beachtet hatten, was wir nun am eigenen Leibe zu spüren bekamen.
Die Hütten von Adelang stehen mitten zwischen grossen glatten Granitblöcken und sehen recht armselig und verwahrlost aus. Auch die Gestalten der Eingeborenen machen einen schwächlichen Eindruck und verraten weitaus weniger Mut und Energie als die der Tobur- und Naqualeute. Unser Trinkwasser mussten wir uns in Adelang aus einer kleinen, schmutziggrauen Kotlache holen, in der nebenbei auch die Haustiere und unsere Esel getränkt wurden und unsere Träger, sobald sie ihren Durst gelöscht hatten, sich wie gewöhnlich ihre Füsse badeten. Die Folge war auch, dass unser Tee von diesem Wasser trotz allen Filterns einen sehr unangenehmen Beigeschmack besass.
Am Morgen nach dem Ueberfall durch den Bienenschwarm bestieg Dr. Stigler mit seinem Boy einen in der Nähe gelegenen, geologisch sehr interessanten Berg, der aus dem Buschwerk mit fast ganz glatten Felsen emporragte. Dr. Stigler nannte ihn nach seinem Chef, dem Vorstand des Wiener physiologischen Institutes „Exnerstein“. Ich selbst setzte auf einem diesem Berge gegenüberliegenden Hügel meine kartographischen Aufnahmen fort, von denen ich um die Mittagstunde in das Lager zurückkam. Dort erwartete mich der grosse Sultan von Jalé, der sich mir als Führer bis zu seiner Niederlassung antrug. Ich nahm dieses Anerbieten natürlich freudigst an, und wir setzten unseren Abmarsch für den nächsten Morgen fest. Der Häuptling von Adelang, der schon tags zuvor von mir reich beschenkt worden war, hatte uns zwar mit allen Mitteln zu bewegen versucht, den Aufenthalt bei ihm zu verlängern, da er wohl wusste, dass dabei für ihn noch mancherlei abfallen würde. Wir blieben aber allen seinen Lockungen gegenüber standhaft und liessen uns auch dadurch nicht zurückhalten, dass er uns erzählte, mehrere seiner Leute hätten ein paar Stunden von uns entfernt einen grossen Elefanten gesehen. Es war zwar rührend, dass er also sogar auf unsere Jagdlust spekulierte, um uns festzuhalten, aber auch dieses letzte Mittel brachte uns von dem einmal gefassten Entschlusse nicht ab, und dem Häuptling blieb, da er sich anscheinend unter keinen Umständen von uns trennen wollte, nichts anderes übrig, als uns bis Jalé zu begleiten.
_BEI DEN ACHOLI._[3]
_An den Ufern des Nam / Afrikanisches Gewitter / Ein unterbliebener Angriff / Die Kinderhütten der Acholi / Unsinnige Eingeborenenmoden / Schlanke Taillen / Der medizinsüchtige Häuptling._
Nördlich von Adelang, das wir am nächsten Morgen in Begleitung der beiden Häuptlinge verliessen, erstreckt sich das weite Gebiet der Kamjuru[4] oder +Acholi+, das zwischen dem Nil im Westen und den Naqua- und Toburbergen und den sich an diese anschliessenden Gebirgsstöcken des Napong und Parabonga im Osten liegt. Diese Bergkette, die sich gegen Norden noch in vielen kleineren Felsspitzen etwa hundert Meilen weit fortsetzt, bildet die Grenze zwischen den Acholi und Karamojo. Die Gegend zeigt fast durchweg Steppencharakter, stellenweise gibt es auch dichteres Buschland und kleinere, aus der Ebene aufsteigende Berge. Der Boden ist fruchtbar, und die Niederlassungen werden, je mehr man sich dem Nil nähert, desto zahlreicher und grösser. Die Humusschicht ist nicht sehr stark und liegt über Granitfelsen, die oft, namentlich an den Ufern der Flussläufe, in grossen Flächen nackt zutage treten.
Unser Weg führte uns über Odong durch dichtes Buschland und zwischen einigen kleineren Erhöhungen hindurch nach vierthalbstündigem Marsche in das erste Dorf, Jalé, das auf einer Anhöhe um einen hohen alten Baum angelegt war. Unter diesem schlugen wir unsere Zelte auf einem grossen sandigen Platze auf, um den herum die Hütten der Eingeborenen standen. Unsere Träger liessen wir ausserhalb der Niederlassung lagern, um die dann und wann vorkommenden Plünderungen, auf die ich grosse Strafen gesetzt hatte, vollständig zu verhindern. Das Dorf, in dessen nächster Nähe sich das Flussbett des Nam, eines Nebenflusses des Assuariver, befindet, ist mit einem einige Meter hohen Zaun aus dicken Stämmen und Aesten umgeben, der einen Schutz gegen die Ueberfälle feindlicher Stämme oder wilder Raubtiere bilden soll. Die Eingeborenen sind prächtige grosse Gestalten und unterscheiden sich wohltuend von jenen in Adelang, bei denen Dr. Stigler einige ganz besonders schwere Fälle von Lues konstatiert hatte.
Dr. Stigler war gleich nach unserer Ankunft auf Hartebeeste jagen gegangen, von denen er zwei Stück zur Strecke brachte; ich tat nachmittags mit Schwarzer desgleichen und brachte zwei starke Ugandaböcke mit. Auf der Jagd hatte uns ein fürchterliches Gewitter überrascht, und es war so finster, dass wir uns blindlings der Führung eines Eingeborenen überliessen, der auch im Dunkel noch scharf sah und sich gut orientierte. Eine volle Stunde tappten wir so in der Finsternis weiter, bis wir zum Namriver kamen, durch den wir von den Eingeborenen getragen wurden. Ganz durchnässt vom Gewitter kamen wir im Lager an, in dem wir die Zelte vollständig unter Wasser gesetzt vorfanden. Das Gewitter dauerte noch in unverminderter Heftigkeit fort, und alle Augenblicke schlug der Blitz in unserer nächsten Nähe in die Felsen oder in das Wasser. Wir blieben noch lange beim Abendtisch zusammen, da wir die Rückkehr der Träger abwarten wollten, die das geschossene Wild brachten.
Gerade als wir zu Bett gehen wollten -- es war elf Uhr geworden -- brachten uns einige der Eingeborenen die wenig erfreuliche Nachricht, dass der mit ihnen in stetem Kampfe liegende, weiter nördlich siedelnde Stamm einen nächtlichen Angriff auf das Dorf plane. Da dieser von unserer Anwesenheit wusste, hatte er es natürlich in erster Linie auf die Plünderung unserer Karawane abgesehen, und es erwuchs für uns wieder, wie erst vor einigen Tagen, die Notwendigkeit, uns zu rüsten. Wir berieten uns mit dem Askari-Sergeanten, der die Angelegenheit sehr ernst nahm, verstärkten die Wachtposten und stellten solche auch ausserhalb des Dorfzaunes auf. Erst dann begaben wir uns zu Bett und nahmen die geladenen Gewehre mit, um für alle Fälle gerüstet zu sein. Die Nacht verstrich aber, ohne dass wir aus unserer Ruhe aufgeschreckt worden wären.
Am nächsten Vormittage besichtigte ich nach Erledigung der astronomischen Aufnahmen -- die kartographischen mussten wegen des zu ebenen Terrains und des jeden Ausblick verhindernden Buschlandes in der Umgebung unterbleiben -- die Dorfhütten, unter denen besonders Kinderschlafhütten, die ich in Uganda bisher noch nirgends gesehen hatte, meine Aufmerksamkeit erregten. Sie sind auf neun, ungefähr anderthalb bis zwei Meter hohen, gegabelten Pfählen errichtet; auf diesen ruhen horizontal gelegte starke Baumstämme und quer über diesen ein Holzrost, der die eigentliche Hütte trägt. Sie bieten Raum für drei bis vier Kinder und besitzen nur eine ganz niedrige, eben für die Kleinen berechnete Oeffnung. Der Unterteil der Hütte besteht aus Lehm und ist auf den Rost von Prügelholz gesetzt, und darüber erhebt sich, spitz wie eine Garbe zulaufend, das aus Gras hergestellte, abhebbare Dach. Vor dem Eingang ist als Vorraum eine kleine offene Veranda angebracht, zu der die Knirpse über hohe Holzstufen hinaufklettern (Siehe Seite 128).
Die Wohnräume der Erwachsenen sind grosse Grashütten, von denen das Dorf Jalé viele zählte, ausserdem gibt es auch noch genug Vorratshütten, die, gleichfalls aus Gras geflochten, auf grossen Steinen errichtet sind und ein leicht abhebbares Grasdach besitzen. In diesen korbförmigen Behältern werden die Bohnen, das Durramehl und die sonstigen Lebensmittel aufbewahrt. Die wenigen Kühe, Schafe und Ziegen, die die Eingeborenen besitzen, werden zur Nachtzeit in kreisförmig angelegte, von Baumstämmen eingezäunte Plätze getrieben, oft ist auch in den Wohnhütten selbst mit Stangenholz ein Raum für das Kleinvieh abgesteckt (Tafel 55–57).
Fast sämtliche häusliche Arbeiten, sowie die Pflege der Kinder besorgen die reich mit Perlen, Eisenringen und Amuletten geschmückten Weiber, während die Männer, wenn sie nicht auf die Jagd gehen, sich die Zeit mit Nichtstun, Schwatzen und Rauchen vertreiben. Gemeinsam ist ihnen ein starkes Verlangen nach Stoff und Kleidern. Ihr Häuptling hatte den weiten Weg nach Nimule nicht gescheut, um dort auf irgendeine Art einen Khakianzug einzutauschen, und dies wirkte auf seine Eingeborenen geradezu ansteckend. Von allen unseren Tauschartikeln besass für sie der Baumwollstoff den grössten Wert, und alles, was wir von ihnen eintauschten, Speere, Schmuckgegenstände oder Nahrungsmittel, musste mit Amerikani bezahlt werden. Die Haartracht der Männer war von den Haartrachten, welchen ich früher begegnete, abweichend und höchst eigenartig. Die Männer drehen sich gegen vorn einen Spitz, den sie mit einer, mit Perlen geschmückten, kleinen, aus Haaren geflochtenen Kappe krönen. Eine weitere Eigentümlichkeit, wie wir sie bisher noch nicht gesehen hatten, besteht darin, dass die Kamjuru ihre Oberarme durch fest angelegte Eisenringe oder Spiralen abbinden. Dies geschieht schon in früher Jugend, so dass der Mittel- und Unterarm in den späteren Jahren unnatürlich anschwillt. Bei vielen bemerkten wir sogar eine ähnliche, höchst merkwürdige Abbindung der Taille. Die jungen Burschen binden sich mit einer starken, aus Gras geflochtenen Schnur die Taille 15–30 cm hoch fest ab und tragen diese miederartige Abschnürung dann jahrelang, meist bis zur Eheschliessung. Die Folge davon ist, dass das Herz verschoben ist und dass man die Herzschläge schon auf mehrere Schritte deutlich erkennen kann. Eine weitere Wirkung dieser unsinnigen Mode ist aber auch, dass jene, die ihr huldigen, sehr häufig Zirkulationsstörungen und Krankheiten des Herzens aufweisen.
Das Klima der Gegend ist nicht ungesund, die Tagestemperatur betrug zwar 44 °C, die Nächte waren aber angenehm kühl, und von Moskitos, Zecken oder gar Glossina palpalis war nichts zu merken.
Bei der Verteilung des Baumwollstoffes an die Eingeborenen war uns besonders der alte, aber schlaue und bewegliche Häuptling von Adelang, der uns erst in seinem Gebiete hatte zurückhalten wollen und uns dann bis hierher nach Jalé begleitete, behilflich gewesen, und es war dabei auch für ihn wieder ein grösseres Stück Amerikani abgefallen. Aber er hatte auch noch ganz andere geheime Wünsche und lag mit ihnen meinem Freunde Dr. Stigler in den Ohren, den er im Besitze so vieler Medizinen wusste. So wollte er unter anderem ein Pulver, das ihm jene Treffsicherheit verschaffe, die wir mit unseren Gewehren besitzen. Er hatte gesehen, wie ich auf 150 Schritte Entfernung mit einer Mannlicher-Kugel einen grossen Vogel vom Baume herunterschoss, und meinte, dass dies nur mit besonderer Zauberkraft geschehen könne, die uns eine Medizin verleihe. Trotz aller Versicherungen Dr. Stiglers, dass es hierfür keine Medizin gebe, beharrte der Häuptling hartnäckig auf seiner Bitte und sagte, er sei zwar schon alt und habe bereits zehn Feinde getötet, aber einen ganz besonders gefährlichen Gegner möchte er doch noch durch einen sicheren Speerwurf ins Jenseits befördern, dann würde er erst glücklich sein. Da Dr. Stigler sah, dass der Mann nicht loszubringen sei, öffnete er seinen Medizinkoffer und gab ihm mit ernster Miene doppelkohlensaures Natron. Der Häuptling hatte aber Verdacht, dass es Gift sei, und Dr. Stigler musste erst eine der Pastillen selbst nehmen, ehe sie der Häuptling befriedigt und mit vielen Dankesworten annahm. Damit war es aber noch nicht genug, er hatte noch weitere Schmerzen. Unter den vielen Medizinen, die wir mitführten, meinte er, sei bestimmt auch eine, die die geschwächte Manneskraft wieder hebe. Dr. Stigler weigerte sich nun gar nicht lange, sondern reichte ihm gleich das gewünschte Zaubermittel in Form von Brompulver, von dem er auch wieder selbst eine Kostprobe machen musste. Nun erst war der Häuptling zufrieden, und hochbeglückt zog er mit seinen Begleitern nach Adelang zurück, wo er sich wahrscheinlich sehr bald vor seinem Gegner oder einem seiner Lieblingsweiber blamiert haben wird.
Von Jalé ging es nach +Kodongo+, wo wir zu unserem grossen Erstaunen ein von den Eingeborenen vor kurzem errichtetes Rasthaus antrafen, das wir als erste Europäer benützten. Auch auf diesen Boden soll ebensowenig wie in Adelang und Odong bisher ein Europäer seinen Fuss gesetzt haben, was uns von den ältesten Eingeborenen bestätigt wurde.
[3] ch = wie tsch gesprochen.
[4] j = wie dsch gesprochen.
_IN EILMÄRSCHEN VORWÄRTS._
_Im afrikanischen Busch / Häuptlinge mit Tirolerhut und Zylinder / Konservenbüchsen und Patronenhülsen als Schmuck / Regenzeit / Abtragung eines Termitenhaufens / Eine Empfangsfanfare in der Steppe / Die Residenz des Häuptlings von Oghaba / Heiligtümer / Ausgetrocknete Flussläufe / Ein unbotmässiger Häuptling / Konzertabend in Lenu / Am Assuariver / Telegramme in die Heimat / Im Gewittersturm._
Das Gebiet, das wir nun durchzogen, war fortgesetzt flaches Buschland. Von den Naqua- und Toburbergen war längst nichts mehr zu sehen, und auch die Eingeborenen-Niederlassungen, von denen eine der andern glich, boten kein besonderes Interesse mehr. Wir beschlossen daher, von jetzt ab Nimule in Eilmärschen zu erreichen, um uns dadurch vielleicht noch vor Eintritt der Regenzeit bei Gondokoro möglicherweise einige Tage der Jagd widmen zu können.
Schon am nächsten Tag marschierten wir fünf Stunden lang auf einem schmalen, durchnässten und schlüpfrigen Eingeborenenpfad, der manchen Träger und Tragesel zu Fall kommen liess, bis +Padér+. Wir kamen auf diesem Wege an drei kleinen Dörfern mit halbverfallenen Hütten und einem ganz merkwürdigen Aussichtsturm vorüber. Auf ungefähr sechs Meter hohen Baumstämmen war -- am Rande des Dorfes -- durch quergelegte Aeste ein gerüstartiger Aufbau errichtet, der den Eingeborenen Ausblick auf heranschleichende Feinde oder auch auf sich näherndes Wild bot.
Eine Stunde vor Padér kam uns inmitten seines Hofstaates der grosse Sultan +Leromoi+ von Padér entgegen, der von dem Eintreffen unserer Expedition erfahren hatte und mich nun mit einem kräftigen Handschlag und den Worten „Mata, mata!“ begrüsste. Der Sultan, der auf einem Esel ritt, war ein beleibter Mann mit kleinen, verschmitzten Augen und in ganz neue Khakidress gekleidet. Ausserdem trug er Wickelgamaschen und braune Schuhe, und auf dem Kopf sass ihm ein niederer, schwarzer Filzhut, wie ihn unsere Tiroler Bauern tragen, und der hier in der afrikanischen Wildnis einen sehr komischen Eindruck machte.
In Padér angelangt, führte uns der Sultan in ein Rasthaus, durch dessen mangelhaftes Grasdach freilich überall der Regen eindringen konnte, und liess sich dann, umgeben von seiner grossen Suite, vor mir auf einem grellrot gepolsterten Fauteuil nieder. Natürlich gab es die üblichen Geschenke, und der Sultan versprach mir auch auf mein Ersuchen, Mehl zu bringen, dessen ich notwendig bedurfte, da unser Vorrat in den an allen Lebensmitteln armen Gegenden bis auf einige wenige Säcke schon aufgezehrt war. Bald darauf machte uns Leromoi mit seinen vielen Söhnen und Töchtern bekannt, die alle von schlankem Wuchs und proportionierten Gesichtszügen waren, aber sehr wenig Aehnlichkeit mit ihrem aufgeputzten Erzeuger hatten. Die Söhne trugen die schon erwähnten miederartigen Verschnürungen, die ihre Taille so einengten, dass sie manche europäische Dame darum hätte beneiden können, und viele hatten auch den Eisenring, durch den der Oberarm in so unnatürlicher Weise abgebunden wird. Diese Ringe sollen übrigens von den Eingeborenen, sobald sie heiraten, wieder abgelegt werden. Ihre Haartracht wies den uns schon bekannten Spitz nach vorn auf, der noch eine lange Vogelfeder oder gar eine ausgeschossene, Gott weiss woher stammende Patronenhülse als Schmuck hatte. Diese Hülsen stehen, ebenso wie die leeren Konservenbüchsen, bei den Eingeborenen hoch im Wert, und mein kleiner Boy Amissy und das Küchenpersonal trieben damit einen schwunghaften Handel. Anfangs hatte ich mich gewundert, wohin die leeren Konservenbüchsen, wenn ich einmal eine für meine Käfer- oder Schmetterlingssammlung oder irgendeinen andern Zweck brauchte, verschwunden seien; es gab aber bald ein Wiedersehen mit ihnen. Denn weilten wir einmal länger als einen Tag in einer Station, so konnten wir schon am zweiten die Blechbüchsen oder Teile derselben als Schmuck bei den Schwarzen erblicken. Der Preis variierte, aber unsern Boys war es schon öfter gelungen, für eine einzige leere Büchse sogar ein Huhn einzutauschen.
Nachmittags ging ein überaus heftiger Regen nieder, der den ohnehin schon aufgeweichten Boden vollends in ein Kotmeer verwandelte, so dass wir die Wege von den Zelten zum Rasthaus, wo wir unsere Mahlzeiten einnahmen, dicht mit Steppengras belegen mussten. Seit dem 5. Februar, an dem wir die Toburberge verlassen hatten und über Jalé, fast parallel zum Namflusse, hierher marschierten, wo die Seehöhe noch immer 1130 m beträgt, hatte es nahezu täglich ausgiebige Regenfälle gegeben. Die Regenzeit beginnt jedoch nur in dieser Gegend in der ersten Hälfte Februar, während sie weiter nördlich, am Nil, bedeutend später eintritt.
Am Abend führte uns der Häuptling einen Eingeborenentanz vor, von dem wir jedoch nach dem bisher Gesehenen sehr enttäuscht waren. Die Eingeborenen, die schwächliche, unscheinbare Gestalten sind, haben auch wenig Temperament, so dass der Tanz, an dem wir in Mbale grossen Gefallen hatten, hier von geringem Reiz war.
Unsere Absicht, am nächsten Morgen Padér zu verlassen, wurde durch einen starken Regen vereitelt, der in der Nacht einsetzte und ununterbrochen bis Mittag niederströmte. Als er endlich aufhörte, machten wir alles marschbereit, um nun doch aufzubrechen, aber kaum waren wir fertig, begann es abermals niederzuströmen, so dass wir den Abmarsch für diesen Tag endgültig aufgaben. Die wenigen Stunden, die dann am Nachmittag der Himmel wieder ein Einsehen zeigte, benützte ich dazu, um einen der vielen, in unserer nächsten Umgebung befindlichen Termitenhaufen nach dem Längsschnitte abtragen zu lassen, um das Leben und Treiben der weissen Ameisen photographisch aufzunehmen, sowie eine Königin mit dem übrigen Volk und das Termitenbrot für das Museum zu sammeln. Ueber eine Stunde mussten acht kräftige Träger mit Krampen und Schaufeln an dem fast zu Stein gewordenen Termitenhaufen arbeiten, bis es gelang, die zu unterst eingebettete Königin zu bekommen.
Schon in der Morgendämmerung des nächsten Tages traten wir den Marsch nach dem sieben Meilen entfernten +Oghaba+ an. Der Weg führte durch wasserloses, ziemlich dichtes Buschland mit vielen Flötenakazien, deren Dornen uns manches Loch in die Khakianzüge rissen. Gleich nach Padér sahen wir übrigens seit Kumi wieder die ersten Gummibäume. Fast auf halbem Weg war uns der Häuptling von Oghaba mit grosser Suite entgegengekommen, und zur Begrüssung blies uns ein in seiner Begleitung befindlicher Trompeter eine tadellose Empfangsfanfare. Seit Mbale hatten wir solche Töne nicht mehr gehört, die uns nun mitten in der Steppe ganz seltsam berührten. Ich vermutete, dass dieser famose Bläser, der ein schlanker, schneidiger Bursche war und uns dann noch einige weitere gelungene Proben seiner Kunst gab, ein ehemaliger Askari sei und bei diesen das Trompetenblasen gelernt hatte, aber es wurde uns gesagt, dass er sich diese Kunst ganz allein angeeignet und das Instrument selbst bei einem Marsch nach Nimule von einem Inder gegen eine Kuh eingetauscht hatte.
Der Häuptling war in einem gut passenden Khakianzug, mit Gamaschen und Askarischuhen erschienen; zum Unterschied von seinem Kollegen in Padér trug er aber auf seinem Haupte einen hohen, schmalkrempigen Zylinder, so dass wir bei allem Respekt vor der schwarzen Majestät ein Lächeln nicht unterdrücken konnten. Trotzdem er ausserordentlich mächtig sein soll und ihm Tausende von Eingeborenen unterstehen, machte er den Eindruck eines ziemlich schwachen und willenlosen Menschen, und unsere Fragen und Wünsche wurden auch weniger von ihm als von seinem sogenannten Minister beantwortet.