Part 13
Seine Residenz, die ich in Oghaba besichtigte, war solider und reicher angelegt als die bisherigen Häuptlingshütten und auch sehr rein und nett gehalten. Die Umzäunung, die bisher immer aus wild durcheinandergelegten Stämmen, Aesten und Wurzeln bestand, war hier aus geraden, entrindeten, vertikal eingeschlagenen Baumstämmen gebildet, und an Stelle der sonst üblichen niederen Oeffnung war ein zwei Meter hoher Eingang, der zwischen je zwei starken, in den Boden gerammten Stämmen eine aus Gras geflochtene Matte als Abschluss hatte (siehe Seite 126–127). Im Innern dieser Umzäunung standen zwei grosse, kreisförmig angelegte Hütten von sechs Meter Durchmesser, von denen die eine die des Häuptlings, die zweite die seiner Weiber war. Das Grasdach baute sich, gestützt durch eine Mittelsäule, in Kegelform auf. Die Häuptlingshütte hatte, was ich bis jetzt noch nirgends beobachten konnte, einen verandaartigen Vorbau, der konzentrisch um die Hütte lief und über den sich auch noch das Dach fortsetzte, das am äusseren Rande dieser Veranda durch kurze Säulen, in Abständen von etwa einem Meter, gestützt wurde. Hier pflegten während des Tages die Weiber und Kinder zu sitzen. Das Innere der Hütte, durch deren Oeffnung man nur in gebückter Stellung gelangen konnte, war ganz dunkel -- so dass mein Boy die Laterne anzünden musste -- und durch eine Lehmwand in zwei Teile abgeteilt. Im einen befanden sich einige Speere, Schilder aus Elefantenhaut, Köcher mit Pfeilen, verschiedene Schmuckgegenstände, Behälter für das Durramehl und aus Lehm geformte Wassergefässe, eine aus getrockneten Fellen hergestellte Ruhestätte und auf einer kleinen kreisförmigen Erhöhung ein Platz für das Feuer, das während des ganzen Tages unterhalten wird. Da für den Rauch kein anderer Abzug als der kleine Eingang besteht, wäre ein ständiger Aufenthalt für uns Europäer und unsere Atmungsorgane unmöglich. Der zweite Raum ist das Schlafgemach des Sultans und seiner Lieblingsfrau. Das Bett ist ein ungefähr ein Meter hohes Holzgestell, das mit Gras und Tierfellen überdeckt ist. Gleich über dem Bett gewährt eine in die Wand geschlagene kleine runde Oeffnung dem Ruhenden einen Ausblick auf den Eingang der Hütte (Tafel 66–68).
Ausser diesen beiden Häuptlingshütten standen auch noch rund im Kreise gebaute Vorratshütten mit ihren abnehmbaren Grasdächern; an den Aesten eines hohen, blätterlosen Stammes waren die grosse und kleine Trommel aufgehängt, und schliesslich stand in dieser Häuptlingsniederlassung auch noch eine Art Heiligtum, das besondere Verehrung genoss. Zwei zwei Meter hohe Holzstämme waren mit einer Querstange verbunden, an der Perlenschnüre, aufgefasste Früchte, die Schädel von Gazellen und, wohl als ganz besonderes Opfer, das Gehörn eines Hartebeestes hingen. Der Boden, auf dem dieser merkwürdige Altar -- oder wie man es sonst nennen will -- stand, war mit breiten Steinen belegt und dazwischen mit Kakteen bepflanzt. Wir sahen dort Weiber knien, die ihren Kopf wie andächtige Beterinnen zur Erde geneigt hielten. Vor der Hütte des Häuptlings von Aju sah ich später ein ähnliches Heiligtum, das speziell der Jagd gewidmet war. Es war aus Stroh geflochten, von der Form eines kleinen Taubenschlages, auf die Spitze eines ungefähr zwei Meter hohen Stockes gestellt, von dem ein Grasstrick mit einer Schlinge herunterhing. Jedesmal, bevor der Häuptling und seine Leute auf die Jagd zogen, erflehten sie sich hier ihr Jagdglück.
Gegen Abend zeigten sich in unserem Lager zum ersten Male grosse Skorpione, deren Stiche recht unangenehme Folgen nach sich ziehen. Zwei von ihnen gab ich für meine Sammlungen in die Spirituskiste.
Am nächsten Morgen verliessen wir Oghaba, und zwar bog sich jetzt unsere Route, die uns seit Adelang in westlicher Richtung geführt hatte, gegen Norden und später gegen Nordwest. Ueber Latuong, Gem und Lokuor, unbedeutende Eingeborenendörfer, erreichten wir das fast ganz ausgetrocknete Flussbett des Adjam, an dessen rechtem Ufer, nordöstlich vom Berge Goma, wir in der Höhe von 950 m das Lager aufschlugen. Wir hatten an diesem Tage einen Gewaltmarsch von 32 km hinter uns, der eine ganz respektable Leistung darstellt, da für eine derartig grosse und schwer belastete Karawane schon 25 km sehr viel sind. Wir waren aber durch den Mangel an Lebensmitteln oder Wassernot schon wiederholt gezwungen gewesen, über diese Kilometerzahl hinauszugehen, und hatten es einmal sogar auf 35 km gebracht. In der Nähe des Lagers befand sich eine kleine Niederlassung, die +Fatjiko+ genannt wurde. Auch deren älteste Bewohner hatten mit Ausnahme eines englischen Beamten, der zwei Monate vor uns diese Gegend inspizierte, hier noch keinen Europäer gesehen. Wir tauschten von den Eingeborenen besonders Mehl ein, da unser eiserner Vorrat durch die Verlängerung des Aufenthaltes in Padér aufgebraucht worden war und bisher noch nicht ersetzt werden konnte.
Tags darauf -- am 13. Februar -- passierten wir das 50 Meter breite und gegen 10 Meter tiefe Flussbett des Adjam, in dem nur da und dort zwischen den mächtigen, glatt geschliffenen Granitblöcken ein kleiner Wassertümpel zu sehen war. Am andern Ufer ging es eine mässige Anhöhe hinan, und schon nach einer Stunde mussten wir wieder das Bett eines ausgetrockneten Flusses, des Baggariver, durchschreiten. Von hier aus gelangten wir über Purokema in nordwestlicher Richtung bis +Onghako+, welches Dorf der ganzen Gegend den Namen gibt. Der Häuptling, der Aruja hiess und eine recht unscheinbare Gestalt war, beschaffte uns, soweit es in seinen Kräften stand, Lebensmittel für unsere Träger, die diesmal über 30 Kilometer zurückgelegt hatten.
Nur mehr wenige Tagemärsche trennten uns von Nimule, die Angaben der Eingeborenen schwankten zwischen sechs und acht. Auf alle Fälle trachteten wir, so rasch als möglich vorwärts zu kommen, und erreichten am nächsten Tag das Flussbett des Agueriver, eines Nebenflusses des grossen Assuariver. In seinem Bette floss Wasser -- es war das erste fliessende Wasser, das wir seit dem Verlassen des Elgongebirges antrafen. Nach weiterem dreieinhalbstündigem Marsche kamen wir zu einem grösseren Dorfe, das, am Fusse eines hohen Felshügels inmitten zwischen vielen Burassuspalmen liegend, einen ungemein malerischen Anblick bot. Die Niederlassung heisst +Falabek+. Wir wollten hier nur eine kurze Mittagsrast halten, ein heftiges Gewitter, das gleich nach unserer Ankunft niederging, zog jedoch den Aufenthalt in dieser Station etwas in die Länge. Trotzdem erreichten wir aber noch vor Einbruch der Nacht +Lenu+, wo uns der Häuptling Labongo, ein noch ganz junger Eingeborener, erwartete. Er hatte das Häuptlingsamt plötzlich übernehmen müssen, da sein Vater wegen seiner Kampflust von den Engländern nach Nimule gebracht wurde, wo er gegenwärtig eine mehrjährige Strafe absitzt und Gelegenheit hat, darüber nachzudenken, dass man einige Tagereisen von Nimule, dem Sitz eines mächtigen Gouvernementsbeamten, nicht ungestraft den Wilden spielen darf. Den wahren Grund der Kerkerstrafe verschwieg man aber uns gegenüber und sagte, dass der Häuptling deswegen eingesperrt wurde, weil er die von den Engländern verlangten Steuern nicht pünktlich abgeliefert hatte. Wie ich später vom Distriktskommissär Mr. Bains in Nimule erfuhr, waren die Eingeborenen dieser Gegend überhaupt noch nicht so weit unterworfen, dass ihnen eine Abgabe hätte auferlegt werden können.
Unser Kamp hatte hier eine prachtvolle Umrahmung, er lag wie in einem Felsenzirkus, und rings um unsere Zelte stiegen kleine Felsmassive auf. In der Ferne sah man besonders die hinter Nimule im Ladogebiete sich erhebenden Nyiriberge, die uns deutliche Wegweiser für unseren Weitermarsch waren. Von den Eingeborenen erwarb ich eine grosse Menge Waffen, Schmuck und andere Gegenstände für meine ethnologischen Sammlungen. Am späten Nachmittag bereiteten uns vier Eingeborene eine besondere Ueberraschung, indem sie bei den Klängen einer Art Zither einen dreistimmigen, sehr melodischen Gesang anstimmten. Er gefiel uns so gut und brachte in unser Lagerleben ein so hübsches, ungewohntes Intermezzo, dass wir die Sänger einluden, uns am Abend die Tafelmusik zu besorgen. Sie liessen sich nicht zweimal bitten und konnten kaum den Augenblick erwarten, wieder ihre Stimmen ertönen zu lassen. Es war eine stockdunkle Nacht, in der ich zur Erhöhung der Stimmung ein Feuerwerk abbrennen liess, und die Eingeborenen gaben uns bis tief in die Nacht hinein ihre schönsten Lieder zum Besten. Sie liessen sich in ihrem Eifer nicht einmal dadurch stören, dass ich ihnen Tee und Kuchen bot, und es war schon Mitternacht, als ich ihnen mit Rücksicht auf unsere Ermüdung Einhalt tat. Sie hätten uns, wie sie sagten, die ganze Nacht hindurch vorsingen wollen. Sehr bedauerte ich an diesem Abend, dass unser Phonograph, den ich in Kaketta bekanntlich zurückschicken musste, so versagt hatte. Dieser Eingeborenengesang mit seinen kräftig einsetzenden und langsam in Pianissimo übergehenden Stimmen, mit seiner ungemein reinen Harmonie hätte es verdient, festgehalten zu werden.
Am nächsten Morgen begleitete uns der junge Labongo mit seiner Frau und seinem Söhnchen, einem netten, aufgeweckten Jungen, der in Amerikani gekleidet war und eine kleine schottische Mütze trug, bis zur nächsten Lagerstelle. Wir marschierten den ganzen Vormittag in tropischer Hitze, immer gegen Nordwesten, kamen durch ein grosses Dorf namens +Tuanliédj+ und durchquerten nicht weniger als drei Flussbette, die des Pekun, Adire und Limur, die aber sämtlich auch nicht einen Tropfen Wasser zeigten. Um 12 Uhr machten wir nach einem sechsstündigen Marsche Halt, die erschöpften Träger warfen ihre Lasten ab und begannen sofort im Sande nach Wasser zu graben. Ihre Mühe wurde auch bald belohnt, und sie stiessen auf den gewünschten, verhältnismässig kühlen Trunk.
Mit der Tête brach ich schon nach einstündiger Rast auf, um unser heutiges Ziel, +Aju+, zu erreichen. Die Träger weigerten sich anfangs, weiterzumarschieren, und waren dazu erst nach langer Schauri und nachdem ich ihnen versprochen hatte, in Aju einen Ochsen schlachten zu lassen, zu bewegen. In Aju kam mir sofort der Häuptling entgegen, dem ich Auftrag gab, soviel als möglich Mehl zu beschaffen. Eine grosse Schar Kinder und Weiber, die mit ihm erschienen waren, erfreute ich mit einigen tausend Perlen, wofür sie sich dann mit ihren dicken Bäuchen in Reih und Glied aufstellten und photographieren liessen. Die Zeit, bis meine Träger nachkamen, benützte ich zu einem Besuche der Eingeborenen-Niederlassung, die dieselbe Anlage aufwies wie die bisherigen. Hier traf ich das bereits erwähnte Jagdheiligtum, ausserdem auch auf einem freien Platze des Dorfes eine aus Stangenholz hergestellte Holzbrücke, auf der sich die Eingeborenen zusammenhocken, wenn sie grossen Rat halten (Tafel 57).
Von Aju bis Nimule waren es nur mehr zwei Tagereisen, und wir hatten schon in unserer letzten Station zwei Renner dorthin mit einem Telegramm abgeschickt, das unsere Angehörigen in der Heimat schon drei Tage vor unserer Ankunft in Nimule von der glücklich durchgeführten Durchquerung Ugandas benachrichtigen sollte (Tafel 59).
Am nächsten Tage erreichten wir nach fünfstündigem Marsche, der uns durch schönes, zum Teil bewaldetes Hügelland, an dem Eingeborenendorf Abuku vorbei und quer durch das ausgetrocknete Flussbett des Wororivers führte, das breite Flussbett des mächtigen +Assuariver+. Wir durchwateten das kaum einen halben Meter tiefe fliessende Wasser, in dem die meisten unserer Träger rasch ein erquickendes Bad nahmen, und kamen mittags in die Station +Lokai+. Dort befindet sich ein grosses Rasthaus und wurden gerade mehrere Regierungsgebäude aufgeführt, da die Absicht besteht, die Station Nimule aus ihrer gegenwärtigen, ungesunden Lage auf dieses hochgelegene Plateau zu versetzen. Kaum waren die Zelte aufgeschlagen und der Koch soweit fertig, dass wir zu Tisch gehen konnten, als ein fürchterliches Gewitter mit wolkenbruchartigen Güssen losbrach, das fast eine Stunde währte und unsere Zelte auf eine harte Probe stellte. Der Sturm verfing sich in dem Sonnensegel und riss die Zelte fast um, da ausserdem die Pflöcke im sandigen Boden nur locker sassen. Es bedurfte aller Anstrengungen, um die Zelte von diesem wütenden Gewittersturme nicht forttragen zu lassen. Acht bis zehn Mann hielten aussen das Zelt, während innen die Zeltstange mit aller Kraft festgehalten werden musste. In dem Kampf gegen die entfesselten Naturkräfte hatten unsere Schutzhütten auf diesem kleinen Hochplateau knapp vor dem Ende unserer Expedition noch eine ausgiebige Probe ihrer Widerstandsfähigkeit zu bestehen, und sie bestanden sie glänzend. Denn als sich das Gewitter mit dumpfem Grollen verzogen hatte, war wohl alles durchnässt, aber unsere Zelte waren festgeblieben, und nur bei einem war durch zu starkes Anziehen der Stricke der Saum der Leinwand abgetrennt, welcher Schaden in Nimule rasch wieder behoben werden konnte. Die Luft war nun gereinigt und erquickend, und der kleine Ausflug, den ich nach dem Gewitter mit Dr. Stigler zum Assuariver machte, um dort Vögel zu jagen, war äusserst genussvoll. Da aber ein zweites Gewitter am Himmel stand, kehrten wir nach reichlicher Ausbeute rasch wieder ins Lager zurück. Dort erwarteten uns die vor drei Tagen nach Nimule vorausgeschickten Renner, und wir konnten diesen Abend mit dem guten Bewusstsein zu Bette gehen, dass unsere Angehörigen, denen unser Telegramm frohe Botschaft gebracht hatte, nun über unser Schicksal nicht mehr beunruhigt zu sein brauchten.
_IN NIMULE._
_Die ersten Zeichen der Kultur / Der Einmarsch in Nimule / Waghalsige Goldsucher / In ständigem Kampf mit den Eingeborenen / Ein Brief Slatin Paschas / Die Erkrankung meiner Begleiter._
Die kurze Strecke, die uns noch von Nimule trennte, ward am nächsten Tage, dem 18. Februar, bald zurückgelegt. Von unserem Lager schritten wir gegen Westen bergab, durchquerten das versumpfte Flussbett eines Nebenflusses des Assuariver und befanden uns dann auf einer breiten, schönen Strasse, der ersten, die wir nach langer Zeit wieder betraten. Nach dreieinhalb Stunden erreichten wir eine kleine Anhöhe, von der aus wir blechgedeckte Häuser, eine Kasernenanlage mit ihren vielen regelmässig errichteten Strohhütten und knapp dahinter das breite, silberne Band des an den Nyiribergen vorüberströmenden heiligen Nils sahen, den wir bei den Riponfalls verlassen hatten und der uns nun hier nach einem Hunderte von Kilometern langen Laufe wieder entgegenglänzte. Wir genossen eine Weile den Anblick auf Nimule in dem Gefühl, nach langem Aufenthalte in der afrikanischen Steppe nun wieder die ersten Zeichen der Kultur zu sehen; es gab wieder aus Stein errichtete Gebäude, grosse Wohn- und Amtshäuser für die englischen Beamten, Läden indischer Kaufleute -- kurz, wir näherten uns der breiten Karawanenroute, die in Gondokoro von Khartum aus mit bequemen Dampfern zu erreichen ist, und von dort bis Nimule und auf dem Nil über Wadelai und den Albert-See bis Butiaba führt, von wo sich wieder eine gepflegte Karawanenstrasse nach Kampala und Entebbe, unserem Ausgangspunkte, erstreckt. Wir hatten freilich nicht diese bequeme, weit im Bogen führende Route gewählt, die so mancher in der Riksha zurücklegt, sondern waren durch das pfadlose nördliche Uganda marschiert, da wir unbekanntes Land sehen und unseren Fuss auf bisher von Europäern unbetretene Gebiete setzen wollten.
Auf der Anhöhe, die uns den Ausblick auf Nimule und den Nil eröffnete, wurde Halt gemacht. Die Askari, deren abgetragene Khakianzüge fast nur mehr aus Hadern bestanden, legten die in Reserve gehaltenen funkelnagelneuen Uniformen an, die Träger wurden in geschlossene Reihen gestellt, und nun konnten wir unter Vorantritt von uns Europäern den Einmarsch in Nimule halten. Distriktskommissär Mr. Bains erwartete uns schon ausserhalb Nimule auf der Strasse, beglückwünschte uns herzlichst zu unserer Ankunft und teilte uns mit, wo sich unser Lagerplatz befinde. Mich und Dr. Stigler lud er ausserdem zum Lunch ein. Nach diesem kurzen Aufenthalte marschierten wir unter dem übermütigen Gejohle unserer Träger, die sich vor Freude nicht mehr halten konnten, an den vielen herbeigeeilten Eingeborenen vom Stamme Madi vorüber, durch die lange Gasse der Kaufläden die Anhöhe hinan, auf der sich das Rasthaus befand.
Hier erwartete uns eine kleine Karawane, deren Führer ein Engländer und ein alter, an Abenteuer und Strapazen gewohnter Deutscher waren, die uns um Nachrichten über die von uns berührten Gegenden baten. Sie hatten die Absicht, den Oberlauf des Assuariver und dessen Nebenflüsse auf das Vorhandensein von Gold, des vielbegehrten Metalls, zu untersuchen und hatten aus denselben Beweggründen auch schon jahrelang, aber fast stets mit negativem Erfolg, das Kongogebiet durchstreift, von dem sie erst vor kurzer Zeit nach recht schlimmen Erfahrungen zurückgekommen waren. Der Engländer war dort von Eingeborenen überfallen und seiner ganzen Ausrüstung beraubt worden. Ihm selbst wurde, während er 24 Stunden lang an einen Baum gebunden war, das Todesurteil gesprochen, und er hatte es nur seiner englischen Nationalität zu danken, dass man ihm schliesslich doch noch das nackte Leben schenkte. Die Leute verfügten über sehr wenig Barmittel und hatten auch nur eine kleine Karawane von ungefähr 60 Mann zusammengestellt, mit der sie wahrscheinlich nicht weit in das Innere eingedrungen sein werden. Sie verabschiedeten sich noch am selben Nachmittag von uns, um eine Aussprache ihrer Träger mit den unseren zu verhindern, da sie wohl mit Recht befürchten mussten, dass eine Schilderung all der Gefahren und Anstrengungen, die wir durchgemacht hatten, ihre Träger zum Durchbrennen veranlassen könnte. Wir wünschten ihnen besten Erfolg und konnten bei dem Gedanken, dass diese verwegenen Goldsucher ihren Wagemut vielleicht mit dem Leben zu büssen haben würden, ein gewisses Gefühl der Wehmut schwer unterdrücken.
Hierauf begaben wir uns zu Mr. Bains, dessen Wohnhaus auf einer hübschen Anhöhe ausserhalb Nimule steht. Durch eine Allee von Krotonölbäumen gelangte man über mehrere Stufen auf eine, die inneren Wohnräume einsäumende Terrasse und von dieser in ein grosses Speisezimmer, dessen Fussboden verschwenderisch mit Löwen- und Leopardenfellen bedeckt war. Mr. Bains, ein junger, schlanker, energischer Engländer, durch und durch Gentleman, war von seltener Liebenswürdigkeit, und seine Gastfreundschaft wird uns unvergesslich bleiben. Zum erstenmal seit vielen Wochen sassen wir nun wieder in einem europäischen Zimmer, und unserem in der letzten Zeit sehr wenig verwöhnten Gaumen behagten die Leckerbissen, mit denen uns Mr. Bains bewirtete, ausserordentlich. Wir berichteten ihm ausführlich über die Ergebnisse unserer Reise, über all die Schwierigkeiten und Gefahren, von denen sie begleitet war, und am allermeisten mussten wir ihm von den Naqua- und Toburstämmen erzählen, für die er ganz besonderes Interesse zeigte. Mr. Bains hat selbst schon viele Kämpfe mit den Eingeborenen mitgemacht. Erst im Mai des vorigen Jahres hatte er nördlich von Jalé, wo wir am 8. Februar unser Lager aufgeschlagen hatten, mit 50 Askari und 200 bewaffneten Acholi gegen die dortigen aufständischen Eingeborenen gekämpft, wobei seine Truppe fast aufgerieben wurde und 80 seiner Leute fielen. Diese grosse Verlustziffer war in der Kampfesweise der Eingeborenen begründet. Sie waren zwar nur mit Speeren und ganz wenigen, aus Abessynien eingeschmuggelten Gewehren bewaffnet, mit denen sie überdies noch sehr schlecht schossen, liessen aber die Soldaten ganz nahe herankommen, um sie dann um so sicherer mit ihren Speeren töten zu können. Die Askari von Nimule waren fast ständig unterwegs, um gegen aufständische Stämme zu kämpfen. Gerade während unseres Aufenthaltes in Nimule gab es blutige Kämpfe in den Nangiyabergen bei Rjoma, nahe von Dschudi Dschudi, wohin von drei Seiten englische Truppen aufgeboten waren, um die räuberischen und alles plündernden Eingeborenen zu unterwerfen. Von Nimule selbst, sowie von Mongalla im Sudan waren zwei Expeditionen nach dem Kampfplatz ausgezogen, und vom Süden aus war bereits Kapitän Taughner, den wir im Dezember in Mbale getroffen hatten, mit einer dritten Truppe unterwegs. Zurzeit war Nimule fast gänzlich von Truppen entblösst, denn auch in den Lamogibergen, ungefähr 40 Meilen südlich von Nimule, befand sich ein Aufstandsgebiet. Die Eingeborenen, die mit Gewehren bewaffnet waren, hatten sich dort reichlich mit Lebensmitteln und Wasser versorgt und in die Felsenhöhlen der Berge zurückgezogen, aus denen sie in vollständig gedeckter Stellung auf jeden sichtbar werdenden Askari schossen. Die Engländer entschlossen sich nun, alle Berge zu blockieren und den Feind durch Aushungern zur Uebergabe zu zwingen, was jedenfalls noch eine Weile dauern und manches Opfer an Menschenleben kosten dürfte.
Nach mehreren Stunden des anregendsten Gespräches mit Mr. Bains kehrten wir in unser Lager zurück, wo wir eine ausgiebige Post aus Europa vorfanden und diesen ereignisreichen Tag, der uns nach langer Wanderung durch Steppe und Busch wieder in die erste europäische Siedlung gebracht hatte, mit der Lektüre der Unmenge von Briefen und Zeitungen aus unserer Heimat abschlossen (Tafel 60).
In der reichen Korrespondenz befand sich auch ein Begrüssungsschreiben unseres ausgezeichneten Landsmannes, des Generalinspektors im Sudan, Baron Rudolf Slatin. Ich hatte ihn um die Erlaubnis ersucht, für das Museum ein weisses Nashorn und ein Elen schiessen und ausserdem für die kaiserliche Menagerie in Schönbrunn ein junges weisses Nashorn fangen zu dürfen, und daraufhin war folgende Antwort Slatin Paschas eingetroffen:
„Sehr geehrter Herr! Glückliche Ankunft am Nil. Sie können ein weisses Rhino schiessen und auch versuchen, eine junge Elenantilope und ein junges weisses Rhino zu fangen, jedoch unter der Bedingung, die Mütter dieser Tiere nicht zu töten, sondern nur zu vertreiben. Hoffend, dass Sie eine den Umständen angemessene, angenehme Reise hatten und ich Sie bald hier begrüssen kann, bin ich, geehrter Herr, mit bestem Gruss Ihr ergebener R. Slatin.
Bitte, benachrichtigen Sie Major C. R. Owen, Gouverneur der Mongalla Province, von Ihrer Ankunft, der angewiesen ist, Ihnen die nötige Jagderlaubnis zu erteilen.“