Quer durch Uganda

Part 16

Chapter 163,388 wordsPublic domain

Der grosse Reichtum der Tierwelt in Uganda ist, wie in ganz Afrika, in sichtlichem Schwinden begriffen. Nicht nur der Mensch hat teils seines Vergnügens halber, teils indirekt durch seine Ansiedlungen und die in die Wildnis vorgeschobenen Verkehrswege die grosse Säugetierwelt dezimiert, die grössten Verheerungen unter den Antilopen und Büffeln hat die Rinderpest angerichtet. Am Viktoria-See bieten sich noch Jagdgelegenheiten auf Nilpferde und Krokodile, in den grossen Dickichten des östlichen Ufers auch auf Büffel. Von Jinja bis Mbale sind Gazellen und Antilopen, bei Iganga Büffel, und in der Gegend von Mbale, namentlich in dem westlich vom Elgon gelegenen Sirocotal, kommen schon Herden von Elefanten und Giraffen vor. Den englischen Beamten in Mbale gelingt es alljährlich, einige Stücke davon zur Strecke zu bringen. Sehr wildreich ist die Ebene, die sich zwischen Kumi- oder Salisbury-See–Konkoro (Mount Debasien) und Tepes erstreckt. Ausser den Flusspferden gibt es dort zahlreiche Elefanten, Giraffen, Büffel, Kudus und anderes Wild, und am Salisbury-See selbst findet der Ornithologe ein wahres Paradies. Nirgends anderswo konnte ich auch nur annähernd eine derartige Mannigfaltigkeit der Vogelwelt finden. Am Nil zeigen sich oft Tausende von Vögeln einer Art beisammen, hier am Salisbury- oder Kumi-See trifft man aber ungezählte Arten auf einem verhältnismässig kleinen Raum verteilt. Alle möglichen hochbeinigen, zierlichen Wasservögel, gross und klein, springen von Blatt zu Blatt der herrlichen, weissen, gelben und violetten Seerosen, Tauchervögel erscheinen über der Wasserfläche und verschwinden wieder, die Gras- und Korallenbaum-Inseln sind von einer langschnäbeligen Eisvogelart bevölkert, und an den Ufern der grösseren Inseln brütet der so seltene Balaeniceps rex in seinem blau-grauen Kleid und mit seinem unverhältnismässig grossen, gelben Schnabel in träumender Ruhe vor sich hin -- es sind unvergessliche Bilder, die sich uns am Kumi-See in der Umrahmung einer prächtigen Wasserlandschaft entrollten (Tafel 40).

Im nördlichen Teil der Zentralprovinz erreicht der Wildreichtum seinen Höhepunkt dort, wo auf der Karte der nur als Sumpf existierende Kirkpatrick-See eingezeichnet ist. Grosse Rudel Antilopen, Giraffen, Strausse, Zebras verwandeln hier die endlose Steppe in einen natürlichen Tierpark, der dicht bevölkert ist, da selten ein schwarzer Jäger das Wild beunruhigt. Nur dann und wann, namentlich wenn die schmal bemessenen Durravorräte zur Neige gehen, steigen die Naqua-Eingeborenen von ihren Bergen herab und gehen mit ihren scharfen Speeren auf die Jagd. Ueberall sieht man kreuz und quer frische und alte Elefantenfährten und Losungen, die gewöhnlich zu einem schlammigen Tümpel mit breiiger, grüner Flüssigkeit führen, dem Rest eines grossen Swamp, der zur Regenzeit ungeheuere Dimensionen annimmt und dann, aus der Ferne betrachtet, tatsächlich wie ein See aussehen mag. Im Acholiland war weniger Wild anzutreffen, es zeigten sich wohl anfangs Giraffen-, Nashorn- und Elefantenfährten, die aber, je weiter wir nach Westen kamen, immer seltener wurden. Auch ornithologisch und entomologisch giebt es hier, ausser bei einigen Wasserplätzen, wenig zu sammeln.

Reichhaltiger wird die Gegend wieder nördlich von Nimule. Am Attapiriver streifen viele Büffelherden, und östlich der von Lokalega nach Gondokoro führenden Karawanenstrasse öffnet sich dem Elefantenjäger ein wahres Eldorado. Ueberall hinterlassen hier diese gewaltigen Tiere die Spuren ihrer Vernichtungswut oder ihres Uebermutes. Fast jeder Baum des dichten Buschlandes zeigt abgerissene Aeste oder ist vollständig entwurzelt; wir trafen abgeknackte Stämme in der Dicke von einem halben Meter. Die Herden treten breite Gassen in das Gras, und die kleinen Durrafelder der Eingeborenen werden zum grössten Teile immer wieder zusammengetrampelt und vernichtet. Dieser Wildreichtum erstreckt sich in nördlicher Richtung bis Mongalla im Sudan und soll am stärksten einige Marschstunden östlich von Gondokoro sein, wo es neben den Elefanten auch viele Büffelherden, Giraffen, Löwen, Strausse usw. gibt. Die Erkrankung meiner Begleiter hat mich verhindert, einen Ausflug in dieses Jagdgebiet, das viel leichter erreichbar ist als die wildreichen Ugandasteppen, zu unternehmen.

An dieser Stelle seien einige allgemeine Betrachtungen über die äussere Erscheinung, die Gewohnheiten sowie Handel und Wandel jener Negerstämme gegeben, mit denen ich auf der Reise von Entebbe nach Jinja, Mbale, Naqua, Acholi, Nimule in Fühlung trat. Es kommen hierbei folgende Stämme in Betracht: Die Baganda, Busoga, Bageshu, Bakedi, Teso, Karamojo-, Naqua-, Tobur-Stämme, Acholi und Madi. Diese Eingeborenen sind fast durchweg gut gebaute, kräftige Menschen mit tiefbrauner, beinahe schwarz zu nennender Hautfarbe, stark ausgeprägten Kinnbacken, breiter Nase und schwarzem, gekräuseltem, ausserordentlich dichtem und stark entwickeltem Kopfhaare, dem sie oft die abenteuerlichsten Frisuren geben, nach denen sich gewisse Stämme sofort erkennen lassen.

Die Grösse dieser Neger ist mit Ausnahme der Busoga ziemlich bedeutend, die der Tesoleute fast riesenhaft zu nennen. In dem bekannten Werke von Professor Dr. Wilhelm Sievers, „Allgemeine Länderkunde“, wird die Grösse der afrikanischen Neger mit zirka 165 bis 168 cm angegeben; bei den Kaffern und den westlichen Sudanstämmen sollen sich solche finden, die nicht selten 178 bis 186 cm erreichen. Hierzu wäre nun unbedingt der Tesostamm zu rechnen, bei dem wir eine Durchschnittsgrösse von 180 bis 190 cm feststellen konnten und mehrere Neger gemessen hatten, die über 2 m Höhe hatten, ja einer sogar 2 m 12 cm. Wir begegneten vor Kaketta einer Karawane von zirka 200 vollständig nackten Eingeborenen dieses Stammes, die mit ihren grossen Baumwollballen, die sie nach Mbale trugen, wie Riesen erschienen und auf uns einen gewaltigen Eindruck machten.

Die Ausdauer und Widerstandskraft gegen Strapazen, körperliche Schmerzen und äusserliche Verletzungen sind bei Negern ganz ausserordentlich, und ich erinnere bei dieser Gelegenheit an den schwer Operierten von Kuminyanza, an den von einer Giftschlange gebissenen Träger und an die beträchtlichen Gewaltmärsche von 25 bis 35 km per Tag in der grössten Tropenhitze, durch wasserlose, dornige Steppen mit bis zu 30 kg schweren Lasten auf dem Kopfe.

Die Nahrung der Ugandaeingeborenen besteht aus hirseartigen Körnerfrüchten, wie Panicum (Wimbi), Sorghum (Durra), Mais, im südlichen Teile, vom Viktoria-See bis Bukedia, in Bananen, die in reichen Anlagen sehr verbreitet sind. Häufig gebaut wird die Erdnuss (Arachis hypogäa), teils ihrer essbaren Samen wegen, teils zur Gewinnung des in den Keimblättern enthaltenen Oeles. Unter den Getränken ist das Hirse- und Maisbier am weitesten verbreitet, und wo Bananen gedeihen, machen sich die Neger daraus ein sehr berauschendes Getränk unter Beigabe von Zuckerrohrsaft. Die Viehzucht treibenden Völker haben oft Fleischnahrung, sie geniessen das Fleisch häufig roh oder in Streifen geschnitten und geräuchert. Ein besonders verbreitetes und wichtiges Haustier ist das Huhn, dessen Eier sie jedoch nur hie und da essen. Honig wird aus den Bienenstöcken, die in den Bäumen der Steppen vorkommen, gewonnen.

Was die Kleidung der Eingeborenen betrifft, so ist, abgesehen von den Häuptlingen und ihren Beratern, das Wort Kleid kaum zu gebrauchen. Die Eingeborenen haben meistens nur einen kleinen Schurz, und in den Gebieten, die noch nicht von Engländern verwaltet sind, oft auch diesen nicht. Bei den Bageshu und Teso waren nur ganz wenige Eingeborene mit einem Schurz bekleidet, die meisten sind uns vollständig nackt entgegengetreten und deren Weiber mit einer dünnen Perlen- oder eisernen Schnur um die Lenden.

Als Schmuck dienen bei den Teso-, Karamojo-, Naqua- und Tobureingeborenen Eisenringe am Hals, Arm- und Fussgelenk und auch in den Ohren; durch die Unterlippe ist meist ein Glas-, Stein- oder Kupferstift, bei den Bageshu ein glattgeschliffener Holzknopf gesteckt. Besonders auffallend ist der Schmuck bei den Acholi, der stark mit Eisenringen abgebundene Oberarm, die miederartige Verschnürung in der Taille und der reiche Ohr- und Kopfschmuck mit der charakteristischen Frisur. Die Acholi tragen Lendenschurz und lieben reiche Tätowierung. Stark tätowiert sind auch die Karamojo-, Naqua- und Tobur-Eingeborenen, insbesondere an den Armen und auf der Brust, die Bageshu-Frauen auf der Stirne.

Die Hütten der Eingeborenen in den von mir durchwanderten Gebieten Ugandas hatten im allgemeinen Kegelform mit spitz zulaufendem Dach, das aus Gras hergestellt ist. Der Eingang ist überall auffallend klein, und man gelangt nur in kriechender Stellung in das Innere der Hütte. Abweichend von allen andern sind die Hütten der Bageshu mit ihren doppelten, im Kreise konzentrisch angelegten Wänden, wobei die Eingänge nicht in derselben Achse liegen. Während die Hütten der Eingeborenen vom Tesostamm von aussen nur eine einzige geschwungene Linie zeigen, haben die der nördlich gelegenen Stämme vertikale Wände mit einem darauf gesetzten, spitz zulaufenden, übergreifenden Strohdach. Bei den ersteren ist die Einzäunung durch einen drei bis vier Meter hohen, undurchdringlichen, lebenden Zaun aus Kakteen hergestellt, bei letzteren aus Baumstämmen, Wurzeln und Aesten.

An Waffen fand ich nur Speere, Pfeile und Bogen, sowie grosse und kleine Messer und Hacken, und bei den Karamojo-, Tobur- und Naqua-Eingeborenen einen eisernen Ring am Finger mit einem scharfen, sichelförmigen Ansatz.

Als Kampfschutzmittel hatten die Bageshu und Acholi ausserordentlich grosse Schilde aus Elefantenhaut, die Karamojo-, Naqua- und Tobur-Eingeborenen kleine, aus Giraffenhaut hergestellte Schilde, die gewöhnlich mit einem Bund Straussenfedern geziert sind.

Von Geräten der Neger, die friedlichen Zwecken dienen, wären die Musikinstrumente zu nennen, alle möglichen Arten grosser und kleiner Trommeln und Saiteninstrumente von verschiedener Form.

Was den Glauben an ein höchstes Wesen betrifft, so soll er bei den meisten Negerstämmen vorhanden sein, einen Fetischdienst konnte ich jedoch nur in Acholi finden.

Als Geld diente während der Reise die englisch-indische Rupie, soweit das Gebiet von England verwaltet wird. In den unerforschten Gegenden brauchte ich bei dem Naqua- und Toburstamm hauptsächlich Eisendraht, im Acholiland Amerikani (Baumwollstoff), die vielen übrigen Tauschartikel, wie Perlen, Messer, Spiegel usw., hatten nur untergeordneten Wert. Von den Kupferkreuzen, die am Kongo, und den Kaurimuscheln, welche im Nigergebiet als Geld verbreitet sind, war in Uganda nichts zu merken, ich konnte aber mehrere ethnographische Gegenstände, wie Kopf- und Stirnschmuck, Lendenschnüre usw., die mit Kaurimuscheln besetzt waren, sammeln.

Das Klima war in den von uns durchzogenen Gebieten das äquatorial-tropische, und nach meinen meteorologischen Messungen hatten wir eine Tagestemperatur bis zu 44 und 45 °C, während die Nächte sehr angenehm, ja häufig sogar kühl waren. Eine Ausnahme machte der Elgon, auf dem wir in unserem Lager im Krater, 3830 m hoch, Kältegrade bis zu −10 und −12 °C verzeichneten.[5]

Die Erkrankungsgefahr ist in Uganda, namentlich in dessen südlichem Teil, für den Europäer eine eminent grosse, und die Glossina palpalis, die Anopheles, die Rückfallfieberzecke (+Ornithodorus monbata+), die Dysenterie- und Pestbazillen sind fürchterliche und tückische Feinde. Nördlich von Mbale wird die Gegend gesünder, und man ist hauptsächlich nur mehr von der Malaria bedroht, gegen die wir uns durch geeignete Präventivmittel nach den Ratschlägen meines Freundes, des Forschungsreisenden Professor Dr. Rudolf Pöch, und durch pedantische Vorsicht zu schützen wussten. Bei dieser Gelegenheit möchte ich jeden Afrikareisenden auf die peinliche Einhaltung der Chinin-Prophylaxe aufmerksam machen. Es ist schon unmittelbar vor dem Betreten des afrikanischen Bodens und dann in jeder Woche an zwei aufeinanderfolgenden Tagen je ein Gramm Chinin +in fünf Portionen zu 0,2 g+ zu nehmen. Diese Prophylaxe ist aber auch noch sechs Wochen nach dem Verlassen des letzten Platzes, auf dem die Möglichkeit des Vorhandenseins der Anopheles bestand, geduldig fortzusetzen.

Für eine längere Expedition in afrikanische Gebiete ist die Mitnahme eines Arztes eine unerlässliche Notwendigkeit. Auf unserer Fahrt nach Mombassa lernten wir einen deutschen Prinzen kennen, einen kräftigen, gesunden, jungen Mann, der mit zwei Begleitern einen Jagdausflug nach Deutsch-Ostafrika unternahm. Wie wir später erfuhren, sind sämtliche Herren, die keinen Arzt bei sich hatten, sondern auf die Ratschläge ihres Jagdleiters angewiesen waren, schwer an Malaria erkrankt, und einer von ihnen musste sogar mit Schwarzwasserfieber vorzeitig nach Europa zurückkehren. Ich selbst war während der langen Reise nicht ein einziges Mal erkrankt und verdanke dies in erster Linie der Beobachtung grösster Diät und peinlichst genauer Einhaltung der prophylaktischen und sonstigen Vorsichtsmassregeln, die ich im Einverständnis mit Dr. Stigler als richtig erkannte. Dr. Stigler wurde von den Trägern, von denen viele während der Reise erkrankten, stark in Anspruch genommen, und ich habe es jedenfalls auch ihm zu verdanken, dass wir trotz der ausserordentlichen Strapazen und der vielen Gewaltmärsche keinen einzigen Mann unserer grossen Karawane verloren haben. Dazu mag wohl auch die strenge militärische Zucht und Disziplin beigetragen haben, die wir durch Energie und richtige Behandlung der Eingeborenen bald eingeführt hatten und während der ganzen Expedition auch aufrecht zu halten wussten. Der Schwarze muss mit Güte behandelt werden, sobald er sich den Anordnungen fügt und seiner Arbeit ordentlich nachgeht; mit eiserner Strenge aber, wenn er lässig oder ungehorsam wird, und namentlich zu Beginn, wo er noch nirgends fest anpacken will und den Gehorsam noch nicht gewohnt ist. Nur so ist es möglich, eine Karawane von zwei- bis dreihundert Eingeborenen auf monatelangen Märschen durch unbekannte, unwirtliche Gegenden im Zaume zu halten.

Der Abschied von unserem Karawanenleben war demnach auch von keiner schmerzlichen Erinnerung getrübt. Im Gegenteil, wir waren hochbefriedigt von dem Erfolge und den Ergebnissen unserer Forschungsreise, von der wir viel wissenschaftliches Material mitbrachten und auf der wir die uns gestellte Aufgabe, die Durchquerung Ugandas auf noch unbetretenen, unerforschten Gebieten zu unternehmen, trotz aller Mühsale und Gefahren glücklich gelöst hatten. Die Monate, die wir in der gewaltigen Wildnis Afrikas zugebracht hatten, erschlossen uns eine neue Welt, von der wir das Wissen mit nach Europa trugen, und in all den durchlebten Stunden majestätischer Grösse, unendlicher Einsamkeit und zaubervoller Schönheit lernten wir aufs neue und eindringlichste wieder die Sprache der ewigen Gottheit erkennen, wie sie in allen mächtigen Erscheinungen der Natur zu uns dringt, um uns unsere eigene Kleinheit und Bescheidenheit fühlen zu lassen.

[5] Siehe meteorologische Tabelle auf S. 181.

_AUF DEM NIL._

_Unser Dampfer / Das „Walzertanzen“ / Kurven und Sandbänke / In Mongalla / Zerstörte Telegraphenlinien / Eine Strafexpedition gegen den Berristamm / Ein märchenhaftes Jagderlebnis / Eintönige Fahrt / Aufgefahren / Weltabgeschiedene Ingenieure / Ein Papyrusbrand._

Der Nildampfer „Amara“, der nun bis auf weiteres unser Heim bildet, ist kein Riesenschiff mit allen Bequemlichkeiten eines modernen Hotels, wie sie auf den grossen Ozeandampfern geboten werden, sondern ein Schiff von bescheidenen Dimensionen, das sich langsam und bedächtig durch die Wellen schaufelt. Es besitzt in der ersten Etage neun Kabinen erster und vier Kabinen zweiter Klasse, eine Badekabine und einen kleinen Speiseraum, in dem die Erste-Klasse-Passagiere und der Kapitän gerade knapp Platz finden. Das Oberdeck enthält noch einen kleinen gedeckten Aufbau, der mit engmaschigen Drahtnetzen gegen die Moskitos umspannt ist und als Schlafraum für die Passagiere erster Klasse dient, die in diesem luftigen und kühlen Zimmer sehr angenehm übernachten können. Die dritte Klasse befindet sich mit den Räumen für das Gepäck und den Tiertransport auf zwei ganz flach gebauten und mit einer Etage versehenen Begleitschiffen, die zu beiden Seiten mit dem Dampfer verbunden sind. Diese Seitenschiffe bilden aber auch gleichzeitig die Puffer des Dampfers, der in dem schmalen, aus dem Papyrus gestochenen und gebaggerten Nilbett von der Strömung oder infolge der Sandbänke oft recht unsanft an die Ufer geworfen wird. Diesen Stoss fängt nun das leicht gebaute Seitenschiff auf, und der Dampfer muss dann eine Drehung um das aufgefahrene Seitenschiff vollführen, um wieder in freies Wasser zu gelangen. Der Kapitän nennt diese etwas merkwürdige Art der Fortbewegung das „Walzertanzen“ des Schiffes. Aber man gewöhnt sich während der endlos scheinenden Fahrt an diese Extratouren und beachtet es schliesslich gar nicht mehr, wenn das Schiff tanzlustig wird. Es ist dies übrigens noch lange nicht das schlimmste, denn es kommt auch vor, dass eines der Begleitschiffe oder der Dampfer selbst auf eine der vielen Sandbänke mit solcher Kraft auffährt, dass das geschickteste Manövrieren mit Steuer und Schaufelrad nichts nützt. Das Schiff sitzt fest und muss oft einige Tage warten, bis ein anderer Dampfer zu Hilfe kommt und es aus seiner üblen Lage befreit.

Nachdem wir nachmittags mit ganz kurzem Aufenthalte +Lado+ berührt hatten, kamen wir abends in +Mongalla+ an. Mongalla ist eine grosse, sehr wichtige, in den südlichen Sudan vorgeschobene Militärstation mit vielen Kasernen, Geschäftsläden und mehreren Regierungsbauten. Unser Dampfer blieb hier über Nacht verankert, da bei dem seichten Wasserstand des Nils eine Fahrt in der Dunkelheit nicht ratsam erschien. Ich besuchte noch abends den Gouverneur von Mongalla, Major Owen Bey, an den ich Empfehlungsbriefe hatte, und wurde von ihm, der mich schon erwartet hatte, auf das liebenswürdigste aufgenommen. Er wollte mir Ratschläge für meine Jagd im Reservatgebiet erteilen und nahm mit Bedauern zur Kenntnis, dass ich von der mir erteilten Erlaubnis infolge der Erkrankung meiner Gefährten keinen Gebrauch machen konnte. Am nächsten Morgen nahm unser Dampfer viele Kisten und Vorräte ein, was mir die Möglichkeit gab, nochmals an Land zu gehen und Mongalla etwas näher zu besichtigen. Es macht einen stark militärischen Eindruck und besitzt Kasernen für 400 Soldaten, sowie grosse Magazine für deren Ausrüstung. Im Telegraphenamt, in dem ich eine Depesche in die Heimat abschickte, teilte man mir mit, dass die Telegraphenleitung zwischen Mongalla und Bor schon seit einer Woche nicht funktioniere, da die Telegraphenstangen von Elefantenherden auf weite Strecken zerstört und teilweise sogar ausgerissen wurden. Solche Beschädigungen sind hier keine Seltenheit, namentlich in der regenlosen Zeit, wo viele Herden aus dem Innern nachts zur Tränke an den Nil ziehen und dabei alles, was ihnen im Wege steht, umknicken und zertreten. Der Telegraph läuft gegenwärtig längs dem Nil durch den Sudan bis nach Rejaf, so dass das neun Tagereisen weiter südlich gelegene Nimule keine Verbindung mit dem Norden hat. Von dort führt die Leitung nach dem Süden bis Kampala und Entebbe und dann nach Osten bis Mombassa. Von Mombassa aus stellen Kabeltelegramme, die über Bombay laufen, die Verbindung mit Europa her. Die Depeschen, die wir in Nimule aufgaben, hatten also eine ganz hübsche Rundreise durch drei Erdteile gemacht.

Gegen Mittag ging unser Schiff wieder unter Dampf. Trotz des Luftzuges, den die ziemlich schnelle Fahrt stromabwärts erzeugte, war es drückend heiss, das Thermometer zeigte noch um 8 Uhr abends 36 Grad C, und in den Kabinen konnte man überhaupt nicht verweilen. In +Scheik Tombé+ wurde Holz eingenommen, was einen mehrstündigen Aufenthalt verursachte. Ich benützte ihn zu einem kleinen Spaziergang in der Nähe der Station, da ich mir Bewegung machen wollte, für die das kleine Schiff nur ganz unzureichenden Spielraum gewährte. Da diesmal eine helle Mondnacht war, entschloss sich der Kapitän zur Weiterfahrt, musste aber auf telegraphische Weisung der Regierung anderthalb Stunden stromaufwärts zurückfahren, um einen erkrankten Offizier aufzunehmen. Dann ging es die ganze Nacht und den ganzen nächsten Vormittag weiter, man konnte aber nicht sagen ununterbrochen, denn trotz aller Vorsicht des Steuermanns blieben wir einigemal, bald mit kurzen, bald aber auch mit recht langen Aufenthalten auf Sandbänken sitzen und mussten uns erst wieder flott machen. Um zwei Uhr nachmittags erreichten wir +Bor+, gleichfalls eine grössere Militärstation mit vielen regelmässig angeordneten Unterkunftshütten für die Soldaten.

Nachdem wir angelegt hatten, erhielten wir den Besuch des Kapitäns Fox, eines schneidigen und eleganten englischen Offiziers, der erst tags vorher mit einer Abteilung aus dem Innern zurückgekehrt und gerade daran war, mit 20 berittenen Soldaten nach Osten zu dem aufständischen Berristamm abzumarschieren, wo auf englischer Seite 500 Askari, eine Kompagnie Berittener und zwei Maximkanonen im Feuer standen (Tafel 62 und 63). Der Kampfplatz war 150 Meilen von Bor entfernt, und da der Weg dorthin nur zwei Wasserstellen besass, beabsichtigte Kapitän Fox, auf seinen Kamelen und den ausgesucht kräftigen Maultieren einen Gewaltritt zu unternehmen, um schon in zwei Tagen am Ziel zu sein. Wir wurden von ihm eingeladen, uns den Abmarsch anzusehen. Seine kleine Truppe, auffallend grosse und kräftige Sudanesen von energischem Aussehen, stand unter einigen Palmen bereit, die Reittiere waren bepackt, man hatte nur noch auf ihn gewartet. Ein kurzer Kommandoruf, mit einem Sprung sass alles im Sattel, und die kleine Schar stampfte im Galopp gegen Osten, wo bald nur noch eine Staubwolke ihren Weg verriet.

Kapitän Fox hatte mir auch eines seiner Jagderlebnisse erzählt, das fast märchenhaft klingt und als einzig dastehend im ganzen Sudan bekannt ist. Er hatte vor nicht langer Zeit ein Breitmaul -- sogenanntes weisses Nashorn -- geschossen, ohne es aber auffinden zu können. Bald darauf hatte er das seltene Jagdglück, ein zweites solches Nashorn aufzuspüren, schoss es schwer krank, konnte trotz alles eifrigen Suchens jedoch auch dieses nicht finden. Später aber wurden von seinen Leuten, weit entfernt von den zwei Schussstellen, beide Tiere verendet -- kreuzweise übereinanderliegend -- aufgefunden! Von diesen zwei, auf einem Fleck verendeten Nashörnern, die weit voneinander getrennt waren, als sie die Kugel empfingen, und sich erst im Tode gefunden hatten, soll auch eine photographische Ansichtskarten-Aufnahme bestehen.

Nach zweistündigem Aufenthalte setzte unser Dampfer seine Fahrt wieder fort in der offenen, schmalen, durch unabsehbare Papyrusstauden führenden Wasserstrasse, in der nur selten ein Vogel auffliegt oder der Schädel eines Nilpferdes sichtbar wird, das für einige Sekunden aus dem Wasser auftaucht. Wir fahren wieder die ganze Nacht und halten am Morgen bei +Kanisa+, einem grossen Dorf, wo unter gräßlichem Lärm Holz eingenommen wird, das einzige Feuerungsmaterial, das für die Maschine hier zu haben ist. Dann zieht sich der Nil in vielen Schlangenlinien, und unser Schiff tanzt bei jeder Kurve wacker und pflichtgemäss seinen Walzer. Die Fahrt wird langweilig und interesselos, und ihre Eintönigkeit wird nur durch das erste Schiff unterbrochen, dem wir begegnen. Es ist mit allem Komfort ausgerüstet und von zwei Sportsleuten gemietet, die von einigen Stationen kurze Jagdausflüge in das Innere zu machen beabsichtigen.