Part 15
Am nächsten Morgen meldeten uns zwei Eingeborene, dass, ungefähr eine Stunde von unserm Lager entfernt, ein Rudel Elefanten mit mehreren Bullen gesehen wurde. In einer Viertelstunde waren wir marschbereit, folgten unsern Führern das grosse Dorf entlang durch weite Durrapflanzungen, in denen die nächtlichen Besuche der Elefanten grosse Verwüstungsspuren hinterlassen hatten, und fanden dann in dem mannshohen Steppengras des Buschlandes bald frische Fährten. Kurz darauf erblickte auch mein Karamojomann von einem Baume aus, den er erklettert hatte, die Tiere selbst. Es war eine grössere Herde, die sich unter zwei hohen Bäumen niedergelassen hatte. Nur von einem, wahrscheinlich dem Wachhabenden, der den Blick auf uns gerichtet hatte und ununterbrochen die mächtigen Ohrlappen auf- und abschlug, sahen wir die Stosszähne. Nach deren Grösse war es ein Weibchen, und ich fürchtete, dass die ganze Herde aus solchen bestand, da wir von den vielen Bullen, die angeblich gesehen wurden, keinen erblicken konnten. Adubungomoi war von meiner Erklärung, deshalb nicht schiessen zu wollen, sehr enttäuscht; er versuchte, die Tiere in weitem Bogen zu umgehen, um aus kurzer Distanz das Geschlecht mit Gewissheit bestimmen zu können. Dadurch erhielten die Elefanten Wind, und die ganze graue Masse setzte sich staubaufwirbelnd und trompetend in Bewegung -- ein grossartiges Schauspiel! Nach wenigen hundert Metern machte der Leitelefant mit seiner Herde unter Bäumen Halt, wir birschten nach und konnten nun auch deutlich die Stosszähne sehen. Die Herde bestand aus elf Stück, von denen zwei Junge und die übrigen alte Weibchen waren. Die Frage war für mich also erledigt, und ich begnügte mich von einem Termitenhaufen aus, den ich erstiegen hatte, mit dem schönen Anblick, den die Herde gewährte. Ich begab mich nach einiger Zeit zu Abeidi und den Eingeborenenführern zurück und kümmerte mich nicht weiter um die Elefanten, die auch ihrerseits, da wir guten Wind hatten, uns nicht beachteten und ruhig in ihrer Stellung blieben. Mit einem Male erscholl ein durchdringender Trompetenton, die ganze Herde sprang auf und ergriff -- glücklicherweise in der uns entgegengesetzten Richtung -- im Trab die Flucht, alles unter sich zertretend und zerstampfend. Wir griffen instinktmässig nach den Gewehren und konnten uns diesen plötzlichen, eiligen Abzug nicht erklären; da kam Adubungomoi aus der Richtung der Elefanten gelaufen und erzählte mit lachendem Gesicht, er habe dem grossen Elefanten, der gegen uns äugte, aus unmittelbarer Nähe den Speer ins Herz schleudern wollen, jedoch zu weit rückwärts getroffen, habe dann die Waffe sofort wieder herausgezogen und sei davongerannt. Ich wollte zuerst dies Jägerlatein nicht für ernst nehmen, aber der Karamojomann zeigte mir seinen Speer, und da sah ich, dass die messerscharfe Schneide in ihrer ganzen Länge mit frischem Blut bedeckt war und musste nun wohl an diese Tollkühnheit glauben, die freilich sehr übel hätte ausgehen können, wenn die Herde statt in der andern Richtung gegen uns losgestürzt wäre. Den blutbedeckten Speer kaufte ich Adubungomoi zur Erinnerung an diese Jagd ab.
Am nächsten Morgen wurde uns wieder eine grössere Herde Elefanten gemeldet, der wir aber gar nicht nachbirschten, da die Eingeborenen, die sie gesehen hatten, selbst meinten, es seien Weibchen und Junge. Wir gingen zunächst bis +Kiriloo+, setzten aber den Marsch dann erst abends, als es kühler geworden war, fort und erreichten gegen elf Uhr nachts +Shindiroo+. Am Nachmittage hatte Photograph Schwarzer besonderes Jagdglück. Von fünf Hartebeesten, die in einer Gruppe beisammen standen, erlegte er mit drei rasch nacheinander abgegebenen Schüssen drei Stück und brachte ausserdem auch noch eine kurz darauf aufspringende Gazelle zur Strecke, so dass wir nach längerer Zeit auf unserm Abendtisch wieder einen frischen, allerdings denkbar schlechtest zubereiteten Lungenbraten vorgesetzt erhielten.
Dozent Dr. Stigler, der hier ebenso wie im früheren Lager Beobachtungen an Eidechsen bezüglich eines etwaigen Zusammenhanges ihres Farbenwechsels mit dem Pariatalauge (Stirnauge) machte, hatte sich hierbei eine recht böse Augenkrankheit zugezogen. Beim Belichten des Pariatalauges mit einem Brennglas holte er sich infolge des Reflexes durch das intensive Sonnenlicht eine Verletzung der Netzhaut, so dass er an fortwährendem Flimmern litt und am linken Auge ausserdem eine bedeutende Schwächung der Sehkraft fühlte, welche Netzhautblendung in den folgenden Tagen leider noch schlechter wurde. Auch Photograph Schwarzer war nicht wohl, und es stellte sich bei ihm, immer noch als Folge der Krotonölvergiftung, grosse Schwäche und Brechreiz, begleitet von vollständiger Appetitlosigkeit, ein. Präparator Storch, der seit Naqua kränkelte und in Nimule einen sehr schweren Malariaanfall hatte, war die letzten zwei Tage zwar etwas besser; abends fühlte er sich aber immer sehr schwach und hatte Fieber. Meine grösste Sorge galt Dr. Stigler, der natürlich in sehr gedrückter Stimmung war und sogar von der Möglichkeit einer Erblindung sprach. Ich verzichtete daher, trotzdem gerade diese Gegend ein Eldorado für Elefantenjäger ist, auf jede weitere Jagd und trachtete, sobald als möglich nach Gondokoro oder Rejaf zu kommen, wo vielleicht ein englischer Arzt zu finden war, der Dr. Stigler augenspiegeln konnte. Gleichzeitig schickte ich einen Renner nach Rejaf mit einem Brief an den dortigen Distriktsbeamten voraus, in dem ich bat, dass uns ein Arzt eventuell entgegenkommen möge (Tafel 61).
Mittags bekam ich den Besuch eines Engländers, Namens Grogan, eines Sportsmannes, der in diese Gegend hauptsächlich der Elefanten wegen gekommen war. Er erzählte mir, dass er vor kurzem zwei Tagereisen östlich von unserm Lager auf eine Elefantenherde gestoßen war, die nach seiner Schätzung nicht weniger als 500 bis 600 Stück zählte.
Bereits mittags war unsere Karawane marschbereit, es fehlte aber an Trägern, um Dr. Stigler in der Hängematte zu transportieren. Der Häuptling von Shindiroo, Lodju, hatte zwar versprochen, uns die noch fehlenden Träger zu beschaffen, erklärte aber, als ich Abeidi später zu ihm schickte, dass niemand von seinen Leuten diesen Dienst leisten wolle. So blieb uns nichts anderes übrig, als uns selbst zu helfen. Wir schickten drei Askari in die nächste Niederlassung, wo sie einige Eingeborene einfingen und zwangen, uns bis zum nächsten Kamp Trägerdienste zu leisten.
Erst spät nachmittags marschierten wir ab und lagerten die Nacht in der Nähe eines grossen, ausgetrockneten Flussbettes. Am folgenden Tage kamen wir bis +Kittriver+, dem Sitz eines mächtigen Sultans, der uns in Begleitung seiner Minister, zweier Hornisten und vieler Untertanen in einem violetten Sammtanzuge mit Goldverschnürung begrüsste und uns in ein schönes Rasthaus geleitete. Dort erhielten wir alsbald aus Rejaf die Nachricht, dass nachmittags ein Arzt eintreffe. Ausserdem wurde Dr. Stigler von Major Castlesmith eingeladen, bis zum Abgang des nächsten Dampfers nach Khartum bei ihm in Rejaf als Gast zu bleiben. Zu allem Ueberflusse hatte Schwarzer heftiges Fieber und Brechanfälle bekommen, er war malariakrank geworden, und Storch hatte sich nach dem Eintreffen im Lager, wie gewöhnlich, sofort auf das Bett geworfen, so dass ich wieder der einzige Europäer blieb, der gesund war. Nachmittags kam der Arzt aus Rejaf, ein Syrier, und übernahm den Transport Dr. Stiglers, während ich für Schwarzer, den wir mit uns nahmen, aus Stricken und einer Zeltbodendecke eine zweite Hängematte machen liess. Indessen war auch Mr. Grogan mit seinen Trägern angekommen, der ebenfalls nach Gondokoro zu marschieren beabsichtigte.
Erst spät abends, bei völliger Dunkelheit, trafen wir in +Ibrahim+ ein, wo wir übernachteten. Wir waren nun wieder in nächster Nähe des Nils und mussten unser Lager durch grosse Feuer vor etwaigen Besuchen der zum Wasser streifenden Elefantenherden schützen. Trotzdem hörten wir gegen zwei Uhr nachts deutlich das Brechen und Knacken der Aeste, die die Elefanten auf ihrem Wege abstreiften.
Von Gondokoro trennten uns neun Meilen. Da wir dort noch vormittags unsere Zelte aufschlagen wollten, verliessen wir Ibrahim zeitlich morgens. Nach einigen Dörfern, die wir passierten und in denen trotz der frühen Morgenstunde bei Trommelbegleitung getanzt wurde, führte das letzte Stück der breiten Strasse von Nimule durch vollständig ebenes Terrain, so dass wir schon aus weiter Ferne die Blechdächer der Regierungsgebäude von Gondokoro im Sonnenschein blitzen sahen. Zu beiden Seiten der Strasse standen viele neugierige Eingeborene, und unser Einmarsch -- der letzte auf dieser langen, schönen, unvergesslichen Reise -- vollzog sich in tadelloser militärischer Ordnung. Wir marschierten zunächst zum kleinen Postgebäude, wo mich eine Unmenge von Briefen erwartete, und dann weiter zum Regierungsamtshaus. Die Askari von Gondokoro traten ins Gewehr, und der Vertreter Mr. Weatherheads -- er selbst war gerade auf einer Dienstreise -- empfing uns und wies uns den Lagerplatz für die Träger sowie einen kleinen Steinbau mit zwei Zimmern als Schlafstätte für uns Europäer an. Das kleine Haus überliess ich dem kranken Schwarzer, während ich und Storch in unseren Zelten schliefen. Das ganze Gepäck wurde zwischen den Zelten auf grossen, untergelegten Steinen aufgestapelt, da es hier sehr viele Termiten gibt und wir nicht zum zweiten Male mit ihnen böse Erfahrungen machen wollten. Bei uns blieben nur die Boys und Küchenleute, die Träger erhielten ihr Lager unter Führung des Heatmans in ziemlicher Entfernung von uns angewiesen. Mr. Grogan, der gleichzeitig mit uns in Gondokoro ankam, schlug sein Lager neben mir auf, und wir nahmen unsere Mahlzeiten gemeinschaftlich, wodurch meine Kost eine ausserordentliche Verbesserung erfuhr, denn Mr. Grogan hatte einen ganz vorzüglichen Koch. (Tafel 62).
Gondokoro, der nördlichste Ort Ugandas, am rechten Ufer des Nils gelegen, ist eine kleine, aber wichtige englische Niederlassung, die aus dem Regierungshaus, dem Wohnhaus des Distrikts-Adjunkten und dem Postgebäude, alles Parterre-Häuser, die aus Ziegeln gebaut und mit Gras oder Wellblech abgedeckt sind, aus einigen Askari-Hütten und zwei indischen Kaufläden besteht. Die Postverbindung wird durch die zweimal im Monat verkehrenden Nildampfer besorgt. Telegraph gibt es noch keinen, jedoch ist die Verbindung geplant. Das wenige Stunden südlicher gelegene Rejaf, am linken Nil-Ufer im Ladogebiet des Sudan, hat telegraphische Verbindung über Khartum, Nimule besitzt hingegen eine solche mit Europa über Entebbe und Mombassa.
Es fehlt daher noch die Verbindung Rejaf-Nimule, die demnächst hergestellt werden soll.
_AUFLÖSUNG DER KARAWANE._
_Abfertigung der Träger / Aufgegebene Jagdpläne und Entschluss zur Heimreise / Verkauf der Ausrüstungsgegenstände / Unsere Träger in Salonrock und Schlapphüten / Der Zauber der europäischen Kleider / Ankunft des Nildampfers und Abfahrt._
In Gondokoro stand mir nun die langwierige Arbeit bevor, die Karawane aufzulösen. Die Heatmans, Boys, Träger und die beiden einheimischen Präparatoren mussten abgefertigt und ihr Lohn vom Tage der Aufnahme bis zu ihrer Ankunft in der Heimat und ausserdem auch der Fahrpreis bis dorthin genau berechnet werden. Einige ausgewählte Träger, die Boys, der Koch und die beiden Präparatoren sollten mich noch auf einem kleinen Jagdausflug in das Gebiet östlich von Gondokoro begleiten, sowie später in das Reservatgebiet des Sudan, in dem mir durch eine Spezialerlaubnis die Jagd gestattet wurde, doch machte ich die Ausführung dieser Pläne vom Befinden Dr. Stiglers abhängig, der dann in Khartum auf meine Rückkehr aus den Jagdgebieten warten wollte. Ich schickte noch am selben Tag einen Renner nach Rejaf, dem ich die Post für Dr. Stigler mitgab und der mir Nachricht über dessen Befinden bringen sollte. Im Lager waren noch viele Anordnungen zu treffen. Storch sollte das Gepäck revidieren und alle für meine projektierte weitere Reise notwendigen Gegenstände von den übrigen trennen. Ausserdem mussten die Kisten, von denen ein grosser Teil infolge des Verbrauches während der langen Reise nur mehr halb gefüllt war, für den Transport nach Khartum wieder vollgepackt werden. Dann begab ich mich mit den Trägerlisten auf die Boma und nahm mit Unterstützung des Regierungsbeamten die Abfertigung in Angriff, die fast den ganzen Tag in Anspruch nahm; als ich ins Lager zurückkehrte, fand ich leider das Gepäck noch nicht geordnet und musste nun auch diese Arbeit selbst überwachen.
Abends erhielt ich Nachricht von Dr. Stigler, die so wenig tröstlich lautete, dass ich mich entschloss, direkt die Heimreise anzutreten. Ich wurde dazu auch durch die Verschlimmerung im Befinden Schwarzers genötigt, der mittags wieder einen schweren Malariaanfall gehabt hatte. Er lag in vollständiger Bewusstlosigkeit, mit verglasten Augen und hohem Fieber wie leblos in seinem Bette und reagierte auf keine Anrede. Ich liess sofort den zufällig hier weilenden englischen Arzt holen, der rasch eine Chinin-Injektion machte. Als Schwarzer bald darauf aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte, klagte er über grosse Schwäche und starke Rückenschmerzen. Auch seine Puls- und Herztätigkeit war eine ausserordentlich mangelhafte. Ich hatte grosse Sorge, Schwarzer hier zu verlieren, der aber dank seiner kräftigen Konstitution doch die Krankheit überstand. Er klagte bereits die letzten Tage vor seiner Erkrankung über Appetitlosigkeit, packte aber trotzdem überall energisch an und war stets ein ebenso passionierter wie vorzüglicher Jäger, der uns in der letzten Zeit in den wildreichen Gegenden täglich mit frischem Fleisch versorgte.
Der 7. März verging mit der Auszahlung meiner Leute, wobei mir Mr. Weatherhead, der inzwischen von seiner Dienstreise zurückgekehrt war, sehr an die Hand ging und die Träger genau über ihre Rückreise und die Kosten derselben informierte. Mittags war ich bei ihm zu Gaste geladen, und er erzählte mir von dem grossen Wildreichtum der nördlichsten, wenige Stunden von Gondokoro gelegenen Teile Ugandas an Büffeln, Elefanten, Löwen und Giraffen, so dass sich in mir das Jägerblut gewaltig regte und ich neue Pläne schmiedete. Da mir Dr. Stigler geschrieben hatte, ich solle meine Reise wegen seiner Erkrankung ja nicht abbrechen, so versuchte ich, den Plan in Erwägung zu ziehen, die östlichen Jagdgebiete gemeinsam mit Mr. Grogan aufzusuchen, der sofort hierzu bereit gewesen wäre und mir auch einen grossen Käfig für den Transport eines lebend zu fangenden weissen Nashorns zur Verfügung gestellt hätte. Aber es wurde aus dem Ausfluge trotzdem nichts. Mit Dr. Stigler wurde es nicht besser, und bei Schwarzer wiederholten sich am nächsten Tage die schweren Fieberanfälle, so dass ich nun endgültig auf jedes Jagdvergnügen verzichtete. Leicht fiel mir zwar dieser Entschluss nicht, da ich mich ja im Herzen eines idealen Jagdgebietes befand, das sonst erst nach monatelanger Reise erreicht werden kann, aber ich tröstete mich damit, dass doch meine ganze Forschungsreise nun ihren glücklichen und erfolgreichen Abschluss gefunden hatte und dass meine persönlichen Wünsche unter den eingetretenen misslichen Umständen eben zurücktreten mussten.
Am 8. März benutzte ich die Zeit, die mir bis zur Ankunft des Dampfers noch blieb, um meine gesamten Ausrüstungsgegenstände, die mir ja jetzt entbehrlich geworden waren, zu verkaufen. Ich liess die zwei indischen Kaufleute Gondokoros in mein Lager kommen, und im Laufe von zwei Stunden war alles an den Mann gebracht. Mit Ausnahme einiger Tragesel, die Mr. Grogan übernommen hatte, verkaufte ich, wenn von einem Verkaufe überhaupt die Rede sein konnte, in dieser kurzen Zeit alles, dessen ich nicht mehr bedurfte, Zelte, Betten, Konserven und hunderterlei Dinge. Ich musste natürlich jeden Betrag annehmen, so dass die Preise oft kaum den zehnten Teil der Anschaffungskosten erreichten. Aber ich war diesbezüglich auf dem Standpunkt völliger Gleichgültigkeit angelangt und wollte den Ballast nur rasch losbringen. Es blieb bei mir nichts zurück als meine Kleiderkoffer, die Kisten mit den wissenschaftlichen Apparaten, die Apotheke und die Sammlungen, immerhin noch die stattliche Anzahl von 70 Kisten.
Unsere Träger, die nun sämtlich ausgezahlt waren, schwelgten nach Empfang des Lohnes und Reisegeldes in allen möglichen Genüssen, und in erster Linie kam ihre grenzenlose Eitelkeit und ihre Liebe zu europäischen Kleidern zum Ausdrucke. Unter irgendeinem Beweggrunde kamen diese grossen schwarzen Kinder, die tags vorher noch ganz nackt oder mit irgendeinem dürftigen Fetzen bekleidet waren, nun in mein Lager, um sich in ihren Khakianzügen, in grauen oder schwarzen, von Europäern abgelegten Salonröcken, mit grossen, lichtgrauen Schlapphüten und schwarzen oder braunen Schuhen bewundern zu lassen. In den Kaufläden war den ganzen Tag über enormer Andrang, und die beiden Inder dürften noch selten so glänzende Geschäfte gemacht haben. Wie mir Abeidi sagte, haben meine Träger mit geringen Ausnahmen noch am selben Tage ihr ganzes Geld verausgabt und den letzten Rest entweder vertrunken oder verspielt. Sie denken nicht daran, dass sie viele Hunderte Meilen von ihrer Heimat entfernt sind und sich dorthin, aller Mittel bar, nun wieder mühsam wochen- oder monatelang zurückarbeiten müssen, denn ihr grösster Stolz ist befriedigt -- sie tragen europäische Kleider.
Mr. Weatherhead und Mr. Grogan waren noch immer in unserem Lager, trotzdem es schon 11 Uhr vormittags geworden war. Das Schiff, das um 9 Uhr hätte ankommen sollen, hatte infolge des niederen Wasserstandes und der durch Sandbänke gefährdeten Fahrt zwischen Rejaf und Gondokoro grosse Verspätung, so dass sogar noch Zeit blieb, der Einladung Mr. Weatherheads zu einem Abschiedslunch zu folgen, den wir erst um ½1 Uhr auf den schrillen Pfiff der Dampfpfeife unseres Schiffes hin abbrechen mussten. Sowie der Dampfer, sich mühsam zwischen den vielen Papyrusinseln durchwindend, näher gekommen war und schliesslich an einer solchen, ziemlich weit von unserem Lager entfernt, angelegt hatte, besorgte Abeidi mit seinen Leuten den Transport der Kisten an Bord. In langer Linie marschieren die Träger das steile Nilufer entlang und müssen dann noch eine breite, seichte Wasserstelle durchwaten, durch die die Insel, an der der Dampfer liegt, vom Ufer getrennt ist. Photograph Schwarzer wird in der Hängematte auf das Schiff gebracht, und mich selbst fuhren Mr. Weatherhead und Mr. Grogan in dem kleinen, weissen Regierungsboot an den Dampfer. Dort begrüsst mich mit herzlichem Händedruck Dr. Stigler, der leider noch immer die Augen verbunden hat. Das viele Gepäck, das in grossem Durcheinander am Ufer aufgestapelt ist, wird nun Stück für Stück abgewogen und verladen -- die Elefantenzähne, wie überall in Afrika, getrennt von den übrigen Kisten -- und der Kapitän drängt schon zur Abfahrt, da er die Verspätung einbringen will. Ich verabschiede mich also herzlichst von meinen wackeren Begleitern Mr. Weatherhead und Mr. Grogan, die in ihrem Boot wieder zurückfahren und mir noch lange ihre Grüsse zuwinken, die Sirene stösst einen schrillen Pfiff aus, und der Dampfer setzt sich unter lauten „Jambo“-Rufen der Träger, Heatmans und Askari in Bewegung und gleitet langsam nilabwärts. Nicht ohne tiefe innere Bewegung blicke ich auf die lange Reihe der Schwarzen, die am Ufer stehen und die so viele Wochen hindurch meine Begleiter waren. Wer weiss, wie viele von ihnen wohlbehalten in ihre Heimat wieder zurückgekehrt sind. Allmählich entschwinden sie, ebenso wie die Häuser von Gondokoro, den Augen, und in diesen Augenblicken des Abschiedes drängten sich nochmals all die vielen Bilder und Erlebnisse meiner Reise zu einem einzigen, überaus mächtigen und bezwingenden Eindruck zusammen, in dem auch, wie ja bei jedem Abschied, ein gewisses Gefühl der Wehmut nicht fehlte.
_EIN RÜCKBLICK._
_Abschied vom Karawanenleben / Das Vegetationsbild Ostugandas / Grosser Wildreichtum / Das Paradies am Salisbury-See / Im nördlichen Uganda / Ein Eldorado für Elefantenjäger / Allgemeines über die Eingeborenen / Klimatisches / Die Erkrankungsgefahr für den Europäer / Chinin-Prophylaxe / Die Notwendigkeit ärztlicher Begleitung / Behandlung der Eingeborenen / Befriedigende Ergebnisse._
Das Karawanenleben hatte nun sein Ende erreicht; wir marschierten nicht mehr stundenlang in der afrikanischen Steppe, sondern liessen uns gemächlich von den Wellen des Nils tragen. Meine Forschungen waren hiermit beendet, und ich will daher, ehe ich das letzte Stück unserer Heimreise beschreibe, noch kurz die Beobachtungen festhalten, die wir in den von uns durchzogenen Teilen Ugandas in bezug auf Vegetation, Bodenbeschaffenheit, Fauna, Klima, Gesundheitsverhältnisse und über die Eingeborenen zu machen Gelegenheit hatten.
Das allgemeine Vegetationsbild des östlichen und nördlichen Uganda ist das der Busch- und Baumsteppe mit vorwiegendem Graswuchs -- Savanne -- und einer kärglichen Baum- und Strauchflora, der auch die lange, regenlose Periode nicht verderblich wird, stellenweise das der offenen Grassteppe, und zwar fast immer der einem Kornfelde gleichenden Hochgrassteppe. Die am meisten verbreitete Buschsteppe zeigt keinen schattigen Wald, keine schöne Baumgruppe, keine Quelle oder fliessendes Wasser; nur schmutziggrün schillernde Tümpel geben dem Reisenden das oft zu lang entbehrte Nass. Vorherrschend sind die dornigen Flötenakazien, seltener die Schirmakazie. Die meist harten Gräser haben eine durchschnittliche Höhe von 2 bis 3 Meter und sollen in der Savanne von Senaar eine solche von 4 bis 6 Meter erreichen. Nirgends sahen wir einen geschlossenen, hochstämmigen Wald, mit Ausnahme des Urwaldes auf den Westabhängen des Mount Elgon in einer Höhe von 2300 bis 3000 Meter und des Waldes im Naquatale, der nach seiner Formation Terrassenwald genannt wird.