Part 28
Diese Macht des Landes hat sich hier in der Hauptstadt ihre Symbole in prächtigen öffentlichen Gebäuden geschaffen. Gegenüber dem Kapitol liegt die Bibliothek des Kongresses, innen überreich mit Marmor ausgeschmückt, wie nur irgendein Palast in Italien, und mit einem über alles prächtigen Lesesaal, der sicher nicht viele Konkurrenten in der Welt hat. Nahe dem „Weißen Hause“ die stattlichen klassizistischen Gebäude des Bundesschatzamts und des Kriegsministeriums. Auf freiem offenen Plan davor ragt der stolze, schlanke, zu Ehren Washingtons erbaute 169 ~m~ hohe Obelisk auf, lange der höchste Steinbau der Welt, bis ihn die Wolkenkratzer überhöhten. Im Morgendunst von fern wie ein mächtiger weißer Spargel aus grünem Gebüsch, abends zart rosa leuchtend anzuschauen. Von seiner Spitze, zu der ein Aufzug -- wie mühselig sind doch die vielhundertstufigen alten Steintreppen in unseren Domtürmen! -- hinaufführt, eine überraschend großartige Rundsicht. Die ganze Stadt, die trotz ihrer verhältnismäßig geringen Einwohnerzahl doch einen immensen Flächenraum einnimmt, ist eingebettet in Parkgelände. In weitem Bogen bespült sie der Potomac, so breit wie die Elbe bei Hamburg, der sich bald unterhalb der Stadt zu einer langen, tief ins Land einschneidenden Bucht verbreitert. Und jenseits liegt der große, schattige Nationalfriedhof für die Gefallenen aus dem Bürgerkrieg. Ich bedauerte, daß nicht eine gerade stattliche Allee vom Kapitol zum Obelisk führte, mit ständigem Durchblick auf die Kapitolskuppel, und ebenso vom Obelisk zum Weißen Hause. Aber das Weiße Haus wäre in seiner Bescheidenheit gar nicht dazu angetan, den Endpunkt einer stolzen Allee zu bilden, denn hier wohnt ein „Bürger“, von keinem Posten bewacht, von keiner Schloßwache beschützt, ein „Bürger“ in einer besseren Bürgervilla, zu der jeder „Bürger“ Zutritt hat. Es war mir doch seltsam zumute, als ich am Gartengitter stand und in den Garten des Weißen Hauses hineinlugte mit seinem kleinen Springbrunnen in der Mitte, seinem eigenen Tennisplatz und seinen wohlgepflegten, mit gelbem Kies bestreuten Wegen. Um mich herum auf dem offenen grünen Plan am Obelisk spielten Schuljungen und junge Burschen ihren Baseball. Viele Leute, die aus dem Geschäft oder von der Arbeit kamen, Schwarze und Weiße, standen da herum und schrien mit, applaudierten und ermunterten die Spieler. Ich ging ins „Weiße Haus“ hinein, soweit es erlaubt war. Ich erwartete kein Schloß und sollte kein Schloß erwarten. Es will auch absichtlich mit keinem Schloß konkurrieren. In der Vorhalle des Weißen Hauses fand ich eine Galerie von Präsidentenfrauen bis auf Mrs. Roosevelt; auch durfte man in den sogenannten „Eastroom“ eintreten, einen bescheidenen Empfangssaal mit Parkett, goldenen Leuchtern auf den Marmorkaminen, ein paar Blattpflanzen an den Fenstern und drei Kristallkronleuchtern. Das war alles von äußerem Glanz.
Am Nachmittag benutzte ich das Dampfboot und fuhr den Potomac hinunter nach Washingtons Landgut „Mount Vernon“ in Virginia. So bekam ich auch etwas Geschmack vom Süden, in dem einst die großen Negerplantagen waren und die Sklaverei herrschte. Die Sklaverei ist aufgehoben. Aber noch hat der Neger kein volles Recht. Zu Zeiten kommen z. B. noch fürchterliche Lynchgerichte am Neger vor. Und ob man immer den Schuldigen trifft?
Johnson, Neger.
Hinunter steig ich in die Kohlenstadt von Westvirginia. Man hat einen Neger +gelyncht+. Sonnig lächelt die Stadt zwischen Berg und Fluß, Und nachts prunkt ihre Hauptstraße: Aufreizende Läden, elektrisches Licht ... Rauhe Haufen, Bergarbeiter und Bauern suchen Frauen, Trunk und Vergnügen.
Am Tag in der ruhigen Sonne brütete Schrecken und Schuld über der Stadt. Der Sheriff zitterte: „Ich tat, was ich konnte“ sagt er, „Daisy ist 13, Ihr Vater Bergarbeiter. Sie bestellt das Haus. Es war zehn Uhr früh und Daisy allein. Es klopft. Sie öffnet. Ein Vieh von Neger nahm sie bei der Kehle -- sagt sie aus -- Und tat es ihr. Dann ging er weg. Wir stellten fünfzehn Neger in der Runde auf, Den Burschen Johnson unter ihnen. Man holte Daisy. Sie zeigt auf ihn und schreit. Das fällte ihn ...
O ja, ich tat, was ich konnte, nahm ihn hinüber nach Gentryville, Fort aus der Provinz. Ich kann nichts sagen, Ich denke mir mein Teil ...“
Ich weiß, was er dachte. Aus dem Träumer in mir wurde der Neger Johnson. Ich komme ein Fremder in eine fremde Stadt. Ein Mädchen schreit, ich habe sie geschändet. Ich werde festgenommen, ins Gefängnis gebracht ... Es ist eine Heimsuchung von Gott. Ich traure und winsle aus Furcht vor dem Übernatürlichen. Dann Entsetzen: Das große, heulende, knurrende Tier ist vor dem Gitter. Schüsse, niedergerissene Türen, Füßegestampf. Ich kreische. Mitleid! ... O meine Mutter! Meine Mutter! Man schleift mich an einem Seil die Straße entlang, Mein Blut rinnt, Schläge fallen, Ich muß sterben ...
Ich bin schrecklich verstümmelt, Das Seil wird über Telegraphendrähte geschleudert, Man zieht mich hinauf ... Zuletzt Flinten, mitleidige Kugeln ... Ist es zu Ende?
Nein: Noch baumelt der Leib, der nackte schwarze blutige Leib, Man zerreißt ihn in Stücke. Weiber und Männer tragen Finger, Zehen und Knochen als Reliquien heim.
Dies ist heute Amerika! Puritanisches Amerika, moralisches Amerika, freies Amerika ...! Ich ziehe gen Norden, freudloser als ich kam.
James Oppenheim.
Aus: Die neue Welt. Eine Anthologie jüngster amerikanischer Lyrik. S. Fischer, Berlin.
In Mount Vernon verbrachte Washington den Rest seines Lebens, nachdem er zweimal Präsident gewesen und eine weitere Wiederwahl ablehnte, so daß es seitdem für die Präsidenten geradezu Pflicht geworden ist, höchstens acht Jahre die Präsidentschaft inne zu haben. Mount Vernon ist ein reizender lauschiger Landsitz auf einer sanften Anhöhe am Fluß, unter alten, dichtbelaubten Eichen, unter denen Washington und seine Frau auch begraben liegen. Ein paar Minuten standen wir entblößten Hauptes, eine Gruppe College-Studenten um mich herum, vor der schlichten Grotte samt einem Haufen älterer reisender Damen aus Philadelphia, die laut sich unterhaltend die liebliche Stille dieses geweihten Erdenwinkels unliebsam störten. Dann kam man oben zu der einfachen Meierei hinauf mit ihrem Herrenhaus, einem niedrigen zweistöckigen weißen Farmhaus mit offener, sehr simpler Vorhalle und einer Reihe von Ökonomiegebäuden im Hintergrund. Immer war da noch der alte Hausrat in den engen, niedrigen Stuben mit dem blankgescheuerten abgetretenen Holzboden und den großen blankgeputzten Türklinken, den alten runden goldumrahmten Bildern, den weißgetünchten Zimmerdecken, den großen offenen Kaminen und den einfachen Stühlen an dem runden Eichentisch, dem alten Klavierchord im Musikzimmer und den Gardinenbetten im Dachstock mit seinen kleinen „Sparerooms“, in deren einem Martha Washington gestorben ist, weil sie gern einen Blick auf ihres Mannes Grab haben wollte. Es war eine Luft, eine Umgebung und ein Hausrat etwa wie im Frankfurter Goethehaus. Frau Martha Washington schien mir sogar etwas Ähnlichkeit mit der alten Frau Rat Goethe zu haben. Man konnte auch Washingtons Todeszimmer sehen, wo er selbst 1799 starb. Die reisenden Damen aus Philadelphia schluchzten fast vor Vergnügen, daß sie das alles sehen durften, und brachen in jedem Zimmer in juchzende Seufzer aus: „Ach, hier hat er gesessen, ach und hier hat er gegessen und hier in diesem Bett ist sie gestorben -- hier ist sein Degen, den er trug, und hier die Guitarre, die er spielte.“ In hellen Haufen drängten sie sich in dem kleinen Haus und auf den engen Stiegen und in den kleinen Zimmern, rannten über die Höfe und die grünen Grasplätze und erfüllten alles umher mit ihrem Geschwätz. Daß man nicht einmal hier ein stilles Stündchen verbringen konnte! Wie drang hier die alte Zeit auf mich ein, da vor hundert Jahren noch Philadelphia und Boston, die größten Städte der Unionstaaten, kaum ein paar Tausend Einwohner zählten! Wenn Washington heute die Millionen Menschen und die Wolkenkratzer und Chikago, das damals noch ein Sumpf war, und den fernen Westen sähe, an den vor hundert Jahren noch niemand dachte! -- -- --
Aber die Dampfsirene des Schiffes ertönte und mahnte zur Rückkehr. Und nun mußte man dieses stille alte Landgut mit seinen Erinnerungen wieder allein lassen und konnte nicht mehr unter den alten Bäumen sitzen und auf die breite Wasserfläche des Potomac hinunterschauen, wo von ferne die weiße Säule des Obelisk aufragt und die adlige Kuppel des Kapitols, die beide diesen Mann von Mount Vernon ehren. Inzwischen schnatterten die Damen aus Philadelphia wieder durcheinander, Deutsch-Amerikanerinnen anscheinend mit den Fehlern beider Nationen behaftet, ohne ihre guten Seiten zu besitzen, in einem fürchterlichen Sprachmischmasch: „Wollen Sie nicht hier sitzen, Miß Fuchs, ich habe für Sie einen Chair mitgebracht oder ~sit down right here~ ... schade, daß es regnen will, wo haben Sie denn Ihre ~umbrella~ gelassen? ... Wo ist Mrs. Arnold, ~perhaps she is looking for you~ ... Großartige Rosenstöcke, ~did you see them~? Oh, ich bin so ~sorry~, ich war nicht in der ‚~kitchen~‘, ~it makes me mad~. Ich habe auch nicht gesehen, wo Mrs. Washington ~died~ ... Sehen Sie, hier habe ich einen ~spoon~ von dem Holz der Bäume, die er selbst gepflanzt hat, gekauft; sie ~sell~ es nirgends anders ... ~They have the copyright~ ... Und ich habe hier einen Teller gekauft für ~parties~ ... Und ich habe für meinen ~boy~ ein Bild, ~because~ er ist so ~interested in it~ ...“ In diesem Sprachstil ging es fort ...
Es ist schade, daß man ein Glück selten rein genießen darf. Während wir mit dem Dampfboot den Potomac wieder aufwärts fuhren und ich so gern den geschichtlichen Erinnerungen noch nachgehangen hätte, und der Abend langsam über Land und Wasser herabsank, wie damals als ich am letzten Abend auf deutschem Boden von Blankenese nach Hamburg zurückfuhr, schnatterten mir immerzu diese „philadelphischen“ Damen mit ihrem Deutsch-Amerikanisch dazwischen. Immerhin eine Vorbereitung auf Philadelphia, das ich morgen betreten wollte.
Noch einmal schritt ich den Abend durch die fürstlichen und adligen Straßen der Bundeshauptstadt. Eine gemessene Vornehmheit des höheren Beamtentums bewegte sich durch die Hauptstraßen, merklich anders als in Los Angeles und San Franzisko, aber auch anders als in Neuyork und Chikago, am ähnlichsten noch Boston.
Fußnoten:
[Footnote 36: Indianisch.]
Baltimore, Philadelphia.
Es gibt keine Stadt in der Union, die sich mit Washington an Stattlichkeit vergleichen könnte. Seine marmornen Institute und sein Kapitol sah ich noch lange vor Augen.
Es kam der vorletzte Tag meiner Rundfahrt, der mich wieder bis Neuyork zurückbringen sollte. In zwei schnellen Stunden -- wie kurz waren hier im Osten die Entfernungen! -- ging es durch das wohlangebaute Maryland nach dem großen von Schloten und Überseedampfern mächtig rauchenden Baltimore. Baltimore ist nächst Neuyork der größte Überseehafen der Union.
Die Millionenstädte des Ostens liegen alle an breiten, tiefeinschneidenden Buchten, in die große Ströme einmünden. Die nördlichste Boston an der kreisrunden Massachusettsbai, in die breit der Charles River strömt, England am nächsten gelegen, daher von den Puritanern auch zuerst erreicht. Es folgt Neuyork an der Mündung des breiten Hudson auf der einst unangreifbareren, langgestreckten Halbinsel Manhattan am inneren Rand der prachtvollen „~upper bay~“, die in den ~narrows~ einen engen, leicht verschließbaren Ausgang nach dem Ozean hat. Dann kommt die früher, ehe Neuyork so fabelhaft anwuchs, größte und bedeutendste Stadt der Union Philadelphia, heute noch immer ihre drittgrößte Stadt, an dem breiten Delawarefluß, der sich in die Delawarebucht ergießt. Philadelphia ist von dem sehr viel jüngeren Chikago, der Hauptstadt des mittleren Westens, schnell überholt worden. Einst war Philadelphia mit Boston die geistige Führerin der Union. Boston als Sitz der Puritaner, Philadelphia als Sitz der Quäker und vieler Deutschen in dem ersten Hauptabschnitt ihrer Einwanderung. Dem Quäkertum verdankt die Stadt auch ihren schönen Namen: „Stadt der Bruderliebe“. Es folgt an der Küstenlinie Baltimore, groß, rauchig und an Seeverkehr ein amerikanisches Liverpool oder Hamburg, an der breiten, fast an 300 ~km~ tief ins Land nordwärts einschneidenden Chesapeakbai, in die der breite Susquehanna River mündet. (Nebenbeigesagt sind in den Flußnamen besonders viele indianische Bezeichnungen erhalten: Susquehanna, Potomac, Monongahela, Shenandoah usw.) Die jüngste Gründung war Washington, eine reine Beamten- und Verwaltungsstadt am breiten Potomac, der auch in die Chesapeakbai fließt. Also fünf riesige Städte wie an eine Schnur aufgereiht in einem Gesamtabstand von Washington bis Neuyork von etwas über 350 ~km~, für die Union eine kleine Entfernung.
Da ich im Grunde meiner Seele die Großstädte hasse -- und ihrer soviele in der Union nur deshalb aufgesucht habe, weil in ihnen das eigentliche amerikanische Leben pulsiert -- so versagte ich es mir entgegen meinem Reiseprogramm nach kaum anderthalb Stunden Fahrt von Washington aus, in Baltimore -- es wäre mein zwölfter Großstadtbesuch gewesen -- schon wieder auszusteigen. Ich war es nun vier Wochen gewohnt, mindestens einen vollen Tag und eine Nacht oder gleich zwei bis drei von ihnen hintereinander durchzufahren, daß es mich ordentlich verwunderte, daß ich „schon“ um Mittag vor der City Hall mitten in Philadelphia stand! Im Osten schrumpfen eben die Entfernungen schnell zusammen, wenn man aus dem Westen kommt und nehmen einigermaßen wieder europäische und menschliche Maße an. So ließ ich mir also am Blick von der Eisenbahn auf die rauchende Hafenstadt Baltimore genügen und dampfte weiter. Baltimore hat gleich Washington -- darin kennzeichnet sich seine südlichere Lage -- nicht bloß sehr viel Farbige -- über ein Zehntel seiner Bevölkerung! -- sondern auch besonders viele Katholiken, denn es geht ja auf die Gründung des katholischen Lords gleichen Namens zurück und war eine Zufluchtsstätte verfolgter englischer Katholiken. So ist hier auch der Sitz des amerikanischen Erzbischofs und Kardinals, einer Person, die sich eigentümlich mit ihrem mittelalterlichen Ursprung in dem übermodernen amerikanischen Leben ausnimmt. Aber gerade in den jüngsten Zeiten der Einwanderung aus Süd- und Osteuropa hat das katholische Element sehr zugenommen.
Die Stadt Baltimore wurde schon 1729 gegründet. Sie ist eine der Veteranen in der Union. Heute ist sie Hauptsitz der Austernkonserven-, der Stahl-, Segeltuch- und Backsteinindustrie, dazu Hauptausfuhrhafen für Getreide. Baltimores Washingtonmonument und seine City Hallkuppel grüßten mich. Die bekannte Universität Baltimores „John Hopkins“ hätte ich gern zum Vergleich mit Harvard aufgesucht, aber es fehlte die Zeit. Wie die großen Städte, so liegen auch die großen geistig führenden Universitäten fast alle wie auf eine Schnur gereiht an der Küste des Atlantischen Ozeans: Harvard bei Boston, Yale in Newhaven (s. S. 70), Kolumbia in Neuyork, Princeton bei Philadelphia, deren Rektor eine Zeitlang niemand anders als Woodrow Wilson war (!), und John Hopkins in Baltimore, Stiftung eines reichen gleichnamigen Handelsherrn.
Währenddem waren wir schon über den mächtig breiten Susquehanna River gesetzt, +Philadelphia+ entgegen. Die rauchige riesige Hafenstadt mit ihrem Wald von Masten und Schloten der Ozeandampfer hatte wieder saftigen Wiesen mit weidenden Viehherden, Wäldern und kleinen idyllischen Bachtälern Platz gemacht. Überall sah man sehr wohlangebautes und wohlgepflegtes Farmland, dem man es ordentlich anmerkte, daß es schon Jahrhunderte alt war. Pennsylvanien ist noch heute einer der bestbesiedelten und bestangebauten Staaten. Fast an norddeutsches Tiefland erinnerten seine gefälligen roten Backsteinbauten mit ihren grünen Fensterläden, die noch in der „Stadt der Bruderliebe“ weit verbreitet und heimisch sind, so daß man in Philadelphia wie etwa heute noch bei uns in Bremen zumeist im eigenen kleinen Heim wohnt statt in riesigen Mietskasernen wie auf dem engbeschränkten Raum Neuyorks. Philadelphia hat sich damit mit Recht den ehrenden Namen einer „~City of homesteads~“ (Stadt der Heimstätten) erworben!
An Wilmington ging es vorüber, der größten Stadt in dem kleinen Staat Delaware, was allerdings nicht viel sagen will. In Delaware besteht übrigens aus früheren Zeiten allein noch die öffentliche Prügelstrafe! Sie könnte auch für manche Roheitsdelikte in der alten Welt noch bestehen! In dieser Gegend, die wir jetzt durchfuhren, landeten zur Zeit des 30jährigen Krieges schwedische Kolonisten und gründeten ihre erste europäische Niederlassung am Delawarefluß. Noch heute steht davon als Wahrzeichen eine kleine, Ende des 17. Jahrhunderts erbaute Schwedenkirche! Weiter ist es hier die Gegend, wo Washington den Delaware im Kampf gegen die Engländer überschritt. Hier war es auch, wo sich die geduldigen, friedliebenden Quäker unter William Penn schon 1682 festsetzten und vertragsmäßig -- nicht wie sonst mit Gewalt und Krieg -- den Indianern das Land mit Verträgen abkauften, die einzig hier in der Welt nicht gebrochen wurden, ohne beschworen zu sein! Bekanntlich verwerfen die Quäker noch heute den Eid.
Allmählich mehrte sich wieder der Rauch. Alle Anzeichen einer nahen großen Stadt meldeten sich. Über einem riesigen Häusermeer erschien bald der 155 ~m~ hohe Turm der City Hall von Philadelphia, lange auch eines der höchsten Bauwerke der Welt. Punkt zwölf stand ich am Ende der 19 Meilen langen „Broad Street“, die mit dem Broadway in Neuyork eifert, an seinem Fuße. Wieder umbrandete mich der typische amerikanische Großstadtverkehr! Es war wieder nicht viel Unterschied, ob man auf der State Street in Chikago oder dem Broadway in Neuyork oder der Broad Street in Philadelphia stand. Freilich am wildesten ist die Tonart des Verkehrs in Neuyork, am sanftesten für die Größe der Stadt noch in Philadelphia; Chikago hält etwa die Mitte. So steht es auch mit den Wolkenkratzern. Neuyork hat weitaus die meisten und höchsten, in Philadelphia sind es im ganzen nur wenige und mäßighohe, die Stadt hat ja nach allen Seiten Ausdehnungsmöglichkeiten genug und hat von ihnen Gebrauch gemacht. Der weißlockige perückentragende William Penn hat sie einst rechtwinklig angelegt wie alle amerikanischen Städte, indem er das riesige Straßenkreuz der Broad und Market Street anlegte, in dessen Mitte genau die City Hall mit ihrem riesigen Turm steht, so daß er gebietend gleichsam über die ganze Stadt sieht. Aber fast kaum glaublich ist, daß noch zur Zeit des Unabhängigkeitskrieges die heutige Zweimillionenstadt nur etwa 12000 Einwohner zählte, und geradezu rührend wirkt das alte kleine State House, dessen Backsteine man im Fairmountpark wieder aufgebaut hat, das älteste Backsteinhäuschen des ganzen Landes von wenig Quadratmetern Umfang!
Ich fuhr zum Turm der City Hall hinauf und hatte von oben wie vom Obelisk in Washington wieder eine märchenhafte Aussicht über die ganze Stadt und ihre Umgebung. Man stand hier oben dem Menschengewimmel und Geschäftsgetriebe fast so entrückt wie auf dem Metropolitan Tower in Neuyork. Weit sah man zum grünen und hügeligen Fairmountpark, dem Stolz Philadelphias, hinüber und auf der andern Seite zu dem meerarmartigen breiten Delaware. Mitten durch das Riesenschachbrett der Stadt windet sich außerdem noch der weit schmälere Schuylkill-River, der in den Delaware unterhalb der Stadt fließt.
Dann trieb es mich vor allem zu den historischen Stätten, die einem anwehen wie etwa die Faneuil Hall in Boston, z. B. zur „Independence Hall“. Am 5. September 1774 versammelte sich hier in Philadelphia als der damals durchaus geistigführenden Stadt der erste Kongreß, der hier am 4. Juli 1776 die berühmte Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von England erließ, noch heute die Magna Charta der Union. Und noch immer ist der „~fourth of July~“ der größte nationale Feiertag, an dem die Begeisterung für das Banner „der Sterne und Streifen“ auch in Philadelphia keine Grenzen kennt. Freilich fiel damals vorübergehend die Stadt noch einmal in die Hände der Engländer, aber als sie wieder erobert war, tagte hier der Kongreß bis 1797. Dazu war sie zugleich der Sitz des ersten Präsidenten. In der „Halle der Unabhängigkeit“ wird noch heute als Hauptheiligtum der bescheidene Sitzungssaal mit den alten Möbeln und dem Tisch gezeigt, auf dem die denkwürdige Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet wurde. Jene Männer vor 150 Jahren konnten freilich nicht im entferntesten ahnen, welche beispiellose Entwicklung diesem Lande bevorstehen sollte. Auch die Glocke, die zuerst nach der Unabhängigkeitserklärung als Zeichen der errungenen Freiheit geläutet wurde, die sogenannte „Liberty bell“, ist noch vorhanden. Zwar hat sie Mitte des vorigen Jahrhunderts einen Sprung bekommen und wird seitdem nicht mehr benutzt. Aber ihr ehrwürdiges Dasein genügt. Im oberen Stock sind Erinnerungen an die Hauptgröße Philadelphias, den Gründer der Stadt, den Quäker William Penn, dazu ein Stück der Ulme, unter der er den denkwürdigen Vertrag mit den Indianern -- ein Vorgang, der so oft gemalt wurde -- abschloß. Endlich redet in Philadelphia zu dem Besucher noch eine dritte Berühmtheit, Benjamin Franklin, der den Blitzableiter hier erfand (1752). Stattlich sitzt er vor dem Hauptpostamt, während Penn seinen Ehrenplatz hoch auf dem Turm der City Hall gefunden hat.
Zum Fairmountpark kam ich leider nicht hinüber, auch nicht zur Kathedrale „Peter und Paul“ des römischen Kardinals, noch zu dem Waisenhaus „Girard College“, zu dem Geistlichen -- wohl einzig in seiner Art in der Welt -- der Zutritt ausdrücklich verboten ist! Einen Blick warf ich in die Universität, weil ich einen ihrer Lehrer, den bekannten babylonischen Ausgrabungsforscher Prof. Hilprecht schon in meiner Jugend in Deutschland einmal hatte sprechen hören. Dicht bei Philadelphia liegt auch die von Deutschen einst gegründete Vorstadt „Germantown“, wo sich schon 1683 niederrheinische aus der Heimat vertriebene Mennoniten niedergelassen hatten. Germantown war die allererste deutsche Siedlung in Amerika überhaupt! Von hier ging auch schon 1688 der erste Protest gegen die Sklaverei aus, freilich wirkungslos für noch fast zwei Jahrhunderte! So war das pennsylvanische Deutschtum das alteingesessenste! Mein Magen fing bei all dem „Besichtigen“ einmal wieder an zu knurren und erhob einen nicht ganz erfolglosen Protest gegen weitere Stadtdurchstreifungen.
Ich fuhr gen Neuyork zurück. Erst ein Stück am Delaware hin. Bei Trenton setzten wir über den mächtigen Fluß. Die letzten Berge zur Linken entschwanden. In den Staat Neujersey gelangt, näherten wir uns bald der weiten blauen, fast heimisch wirkenden Newarkbai, deren Hauptstadt Newark, obwohl an 300000-400000 Einwohner zählend, doch ganz im Schatten Neuyorks steht und daher nichts bedeutet, ja wohl noch nicht einmal dem Namen nach in der Welt bekannt ist! Dann ging’s ein Stück an der blauen, herrlichen ~upper bay~ entlang, und die Wolkenkratzer tauchten auf! ... Wie sie jetzt auf mich wirkten, wie alte gute Bekannte! Mit durchaus heimatlichen Gefühlen langte ich wieder in Neuyork an. Mir war es, als wäre ich erst gestern von dort weggefahren, obwohl die mannigfachsten Erlebnisse von nicht weniger als von acht Monaten dazwischen lagen!