Quer durch Amerika

Part 27

Chapter 273,493 wordsPublic domain

Ich schickte mich an, noch zwei mächtige Katheten eines riesigen rechtwinkligen Dreiecks abzufahren statt der viel näheren direkten Hypotenuse. Das hatte aber auch den Vorteil für mich, daß ich auf diese Weise nicht nur nach Washington kam, sondern zugleich die große Hafenstadt Baltimore und die „Wiege der Freiheit“, die „Stadt der Bruderliebe“, die Millionenstadt Philadelphia berührte, ja zuletzt auch noch einmal durch Neuyork kam. War ich dann wieder in meiner „Heimat“ Boston, so hatte ich im ganzen eine riesige Acht gefahren, deren Schnittpunkt Chikago, deren bei weitem größerer unterer Teil gen Westen und der kleinere obere nach Osten lag. Immerhin waren es von Chikago nach Washington noch 650 ~km~ und von da nach Boston zurück weitere 400, also wiederum über 1000 ~km~. Endlich aber kam ich unterwegs durch den großen Eisen- und Kohlenbezirk Pittsburgh, das amerikanische Essen, wo ich einen alten Großoheim eines meiner besten Jugend- und Schulfreunde besuchen und begrüßen sollte, der dort schon ein halbes Jahrhundert als Prediger einer kleinen Arbeitervorstadtgemeinde wirkte.

So wallte ich wieder durch den amerikanischen Kontinent lotrecht auf die Küste des „heimatlichen“ Atlantischen Ozeans zu. Erst ging es durch den Staat „Indiana“, dann nach „Ohio“ hinein, das ich nicht allzu weit vom Südende des Lake Erie in seiner ganzen Breite durchfuhr. Ohio war mir seit Kindheit an ein vertrautes Wort samt seiner Aussprache „Oheio“, denn in meiner Kindheit wohnte Onkel E. mit seiner Musikschule in der Hauptstadt dieses Staates, dem durch seine Schweinezucht berühmten Cincinnati. Die Stadt selbst ist nach dem agrarischen Römer Cincinnatus, der vom Pfluge weg zum Diktator berufen wurde, wie wir als Quintaner schon lateinisch zu übersetzen hatten, benannt. Und wenn in meiner Kindheit an den Onkel geschrieben wurde, so wußte ich schon als Kind, daß das stets hieß: „Cincinneti, Oheio“. Aber nie hätte ich es damals für glaublich gehalten, daß ich einmal selbst in dies mysteriöse „Oheio“ (das uns Kinder immer ein bißchen an „heio, popeio“ erinnerte) verschlagen würde. Cincinnati berührte ich allerdings in dieser Nacht direkt nicht. Es ist berüchtigt wegen seiner fürchterlichen häuserumstürzenden und dächerabdeckenden Tornados. So vermieden wir beides und durchfuhren schlafend und seelenruhig den ganzen Staat „Ohio“. Die strahlenden Bogenlampen über den vom Regen nassen glänzenden Schienen des Central Union Depots in Chikago waren einer der letzten Eindrücke meines Wachbewußtseins, ehe ich in das andere Land der Träume hinüberschlief ...

Am Morgen fuhren wir mitten durch grünes, ansprechendes Hügelland. Überall sahen frische grüne Halmspitzen hervor. Es wollte mit Macht auch hier Frühling werden. Wir hatten wieder „~eastern time~“ nach der „~mountain time~“ des Felsengebirges und der „~central time~“ von Chikago. Das Land war wieder bedeutend dichter besiedelt als in den Ebenen westlich Chikago. Den Ohiofluß aufwärts ging es gen Allegheny und Pittsburgh. Die einstigen Indianertäler sind heute voll Fabriken. Welche Wandlungen!

Dicker Rauch lagerte über der industriereichen Gegend. Man glaubte um Birmingham oder an der Ruhr zu sein. Aus dem Sonnenschein des grünen Landes umfing es uns bald mit dunkelgelber Finsternis der Wälder von Fabrikschloten. Einst war Pittsburgh, das heute die amerikanische Metropole für Eisen und Kohle ist, einst nichts als ein kleines Fort namens Duquesne gegen die Indianer am Zusammenfluß des Allegheny River und des Monongahela gelegen. Heute ist es eine halbe Millionenstadt zwischen beiden. Schon ist der Ohio hier am Oberfluß fast so breit wie unser Rhein. Sein ganzer Lauf bis zum Mississippi aber gibt dem Missouri an Länge nicht viel nach.

Wir fahren über den breiten Strom in die rauchende, stampfende, dampfende und dröhnende Stadt ein, wo auch schon genügend Wolkenkratzer ihren steilen Hals aus der City recken. Ja, das Flußtal des Ohio ist so sehr mit Rauch gefüllt, daß man kaum bis zur nächsten Brücke sehen kann! Ehe wir in den Bahnhof einlaufen, umkreist der Zug fast die ganze Stadt.

Ich kann nicht sagen, daß mich Pittsburgh anzog, ebenso wie ich bis jetzt den Rauch der Ruhr mied und den englischen Industriebezirk um Manchester und Birmingham so schnell wie möglich wieder floh. Denn ich halte es viel lieber mit grünen Wiesen, blauen Seen und schneegipfligen Bergen und bin der altmodischen Meinung, daß Fabrik und Industrie, Kohle und Eisen die Menschheit zwar reicher, aber nicht glücklicher gemacht haben. Freilich muß ich zugeben, daß ich ohne Dampf und Eisen nicht nach Frisco und nicht nach Pittsburgh gekommen wäre.

Die Stadt und ihre Schwesterstadt Allegheny, die wie Elberfeld und Barmen zusammenliegen, wird von steilen Hügeln umkränzt, so daß sie des Malerischen nicht ganz entbehrt. Neben Eisen und Kohle ist die Gegend ebenso reich an Petroleum und dem der Erde entströmenden geruchlosen Naturgas. Ich hatte keine Neigung, eins der riesigen Stahlwerke „Edgar Thomson“ oder die „Homestead Steel Works“, das älteste Werk Carnegies, oder die „Duquesne Steel Works“ zu besuchen, wenn es auch sicher höchst eindrucksvoll gewesen wäre. Den Lärm der Eisenhämmer und das Surren der Treibriemen kann ich, wenn ich will, auch bei uns genießen. Viel mehr zogen mich die Menschen an, ihre Meinungen und Schicksale. So pilgerte ich durch die Straßen nach Allegheny hinüber, zunächst einmal den achtzigjährigen Großoheim unangemeldet und überraschend aufzusuchen. Hoffentlich war er nicht etwa gerade kürzlich verstorben ...

Unterwegs traf ich auf allerlei Anschläge: „~Vote for socialism!~“ Der Aufschrei einer geknechteten und entwürdigten Menschheit! Wie viele Deutsche mögen unter den amerikanischen Arbeitern sein, die den amerikanischen Stahlmagnaten, Trusts und Milliardären fronen! In Pittsburgh soll es keine 24 Stunden ohne einen Streik abgehen! Wie viele deutsche Abkömmlinge haben hier Granaten im Weltkrieg gegen die deutschen Stammesbrüder gedreht! An einer anderen Ecke mitten zwischen den Wolkenkratzern ein Arbeitervermittlungsbureau mit der heimatlichen Anschrift: „Hier wird deutsch gesprochen.“ Wie mancher mag hier schon hoffnungsvoll eingetreten und furchtbar enttäuscht wieder gegangen sein!

Aus: Rauchnächte.

I.

Feuer rennt heraus, rennt herein, rennt überallhin, Und der Stahlbarren wird zur Kanone, zum Rad, zum Nagel, zur Schaufel, Zum Ruder unterm Meer, zum Steuer der Luft. Dunkel ist das Herz des Eisens, Durch Dampf und Menschenblut. Pittsburgh, Youngstown, Gary -- sie machen aus Menschen ihren Stahl.

Mit Blut der Menschen und Tinte der Kamine Schreibt der nächtliche Rauch seinen Fluch: Dampf in Stahl, Blut in Stahl. Homestead, Braddock, Birmingham -- sie machen aus Menschen ihren Stahl, Dampf und Blut ist die Mischung des Stahls. Der Vogelmensch summt Im Blauen; Stahl singt Ein Motor und surrt. -- -- --

II.

Schicksalsmonde kommen und gehen: Fünf Männer schwimmen in einem Kessel aus rotem Stahl. Ihre Knochen sind geknetet in den Teig des Stahls: Ihre Knochen sind zerbrochen in Spulen und Amboß Und in saugende Taucher meerkämpfender Turbinen. Sieh sie im verworrenen Gerüst einer drahtlosen Station.

Einer von ihnen sagt: „Ich liebe meine Arbeit, die Gesellschaft ist gut zu mir. Amerika ist ein wundervolles Land.“ Einer: „Jesus, meine Knochen schmerzen. Die Gesellschaft ist eine Lügnerin. Das und ein freies Land -- wie die Hölle!“ Einer: „Ich hab’ ein Mädel, einen Pfirsich! Wir sparen zusammen und gehen fort auf eine Farm. Ziehen Schweine und sind unsre eigenen Herren.“ Und die andern, rauhe Sänger der langen Heimwege. Sieh dich um nach ihnen dort am stählernen Gruftgitter.

Sie lachen auf eigene Kosten. Sie halfen dem Vogelmenschen ins Blaue. Stahl singt ein Motor und surrt.

Carl Sandburg.

Aus: Die Neue Welt. Eine Anthologie jüngster amerikanischer Lyrik. Herausgegeben von Claire Goll. S. Fischer Verlag. Berlin.

So komme ich hinüber in die ansteigenden Straßen Alleghenys. In einem graudüsteren Arbeitervorstadtviertel klingle ich neben einer kleinen, fast baufälligen Kapelle an einem niedrigen einstöckigen Haus mit blanken Türgriffen. Mir klopft ein wenig das Herz. Wer wird öffnen? Lebt der alte treue Mann noch? Ein breitschultriger, weißbärtiger, freundlich blickender alter Herr von etwas gebückter Haltung in schwarzem Rock öffnet. Ohne Zweifel der alte Prediger! Er fragt englisch nach meinem Begehr und öffnet sofort weit die Tür zum Eintreten. Was er wohl von mir denken mag? Ob ich als Bräutigam eine Trauung bestellen will? Aber dazu sehe ich wohl nicht festlich und strahlend genug aus. Ob ich gar ein Begräbnis vermelden will, aber dazu lachen meine Augen doch zu hell. Dann bin ich sicher ein bettelnder, hilfesuchender Einwanderer und „Landsmann“? Das ist nicht so ganz falsch! Und ich? Ich kauderwelsche gar nicht erst englisch, sondern sage frisch und fröhlich auf deutsch: „Guten Tag, lieber Herr v. d. L., ich soll Sie bestens von Ihrem Großneffen Alexander P. in Deutschland grüßen.“

Der alte Mann fuhr unwillkürlich einen Schritt zurück und sah mich groß wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt an. „Habe ich recht gehört?“ redete er jetzt auch gut deutsch, „Alexander P.?“ -- „Jawohl, wir haben neun Jahre zusammen auf der Schulbank gesessen, dann sind wir ein paar Jahre zusammen Studenten gewesen, und bei Ihrer Nichte, Frau Professor P., ging ich ein und aus.“ -- „Es ist nicht möglich? Aber wenn Sie es sagen, muß ich es schon glauben. Aber wo kommen Sie denn her?“ Wir standen immer noch zwischen Tür und Angel. „Gerade aus San Franzisko oder aus dem Mormonentempel in Salt Lake oder vom Pikes Peak herunter, wie Sie wollen.“ Jetzt machte er ein noch erstaunteres Gesicht und zog fast die Hand schon wieder zurück, die mich schon ins Zimmer zu bitten schien: „Da bin ich alter Mann von 80 Jahren, obwohl ich dort drüben an dieser Kapelle schon 53 Jahre predige“ -- sein Finger wies auf die stark berußte alte steinerne Kapelle -- „noch nicht gewesen.“ Wir traten ins Haus, und ich mußte erzählen. Stundenlang saßen wir einander gegenüber, und ich erzählte von Deutschland, von seinen Verwandten und von meiner Reise durch die Union, von Neu-Mexiko und dem Grand Kañon und dem Stillen Ozean. Und dann fing er an, aus seinem Leben zu erzählen; fast ein Jahrhundert sprach aus seinen durchfurchten Zügen und mannigfachen Erlebnissen. Er war in Rom als Sohn eines bekannten deutschen Bildhauers v. d. L. geboren. Sein Vater starb früh. In meiner Heimatstadt besuchte er das alte städtische Gymnasium und konnte auch den Frankfurter Dialekt noch recht unverfälscht nachahmen. Ach, da mußte ich nun genau beschreiben, wie es jetzt auf dem Römerberg, am Dom und auf der „Zeil“ aussehe! Er kannte freilich nur die einstige freie Reichsstadt. Wie anders war seit Jahrzehnten alles geworden! Dann war er als junger Mensch nach Amerika gegangen in den Zeiten, wo Deutschland noch nichts bedeutete!

Drüben wurde er erst Farmer. Die Gelehrsamkeit hatte er an den Nagel gehängt. Vom Farmer avancierte er -- echt amerikanisch -- zum Apotheker! Ohne eigentliche Lehre und viel Ausbildung. Aber dann zog es ihn doch wieder zur wissenschaftlichen Bildung zurück. Er übernahm eine Schullehrerstelle! Und schließlich folgte er dem frommen Sinn seiner künstlerischen Familie, deren Urheimat das Baltenland war, besuchte ein amerikanisches Presbyterianerseminar und wurde an der Kapelle drüben Prediger, der er noch heute, nach 53 Jahren, vorstand! So lernte er nacheinander italienisch, deutsch, englisch und französisch reden und hatte in seinem Leben den Einwanderern auch schon in allen diesen vier Sprachen gepredigt. Als er anfing, brachte seine Gemeinde für ihn gerade 87 Dollars Jahresgehalt durch freiwillige Beiträge zusammen! In seiner ersten Kirchenkollekte fanden sich sieben Cent! Seine Gemeinde blieb immer eine der ärmsten von den armen. Aber er hielt ihr die Treue. Augenblicklich war sie wieder auf 70 Familien zusammengeschmolzen und unfähig, für den alten Herrn ein Ruhegeld aufzubringen. So sah er sich genötigt, bis zum letzten Atemzug zu arbeiten. Und war es zufrieden.

Wir plauderten lange. Ich fühlte mich bald bei dem lieben alten Herrn wie daheim. Er war seit Jahrzehnten Witwer. Aber da allmählich mein Magen etwas knurrte, so wollte ich mich auf eine Weile verabschieden, um irgendwo einen bescheidenen Lunch einzunehmen. Aber das litt der alte Herr nicht, sondern nötigte mich an seinen peinlich sauber gedeckten bescheidenen Tisch. Nach dem Essen mußte ich allerlei alte Familienbilder, Lebenserinnerungen, Bilder aus Rom, das ich aus eigener Anschauung kannte, ansehen. Und wie interessierte es ihn, zu hören, wie es heute beim Pantheon, auf dem Forum, auf dem Kapitol und in St. Peter aussehe! Mit einem gemütlichen Spaziergang über die Höhen der Stadt beschlossen wir den Tag. -- --

Andern Tags fuhr ich nach Washington.

53 Jahre hätte ich nicht gerade in Pittsburgh oder Allegheny wohnen mögen, wo man die längste Zeit des Lebens in Rauch und Qualm verbringt; aber die Treue und Genügsamkeit des alten Predigers war doch ein Stück stillen Heldentums. Ich lechzte derweilen wieder nach freier Sonne und grünen Wiesen und Feldern. Sie sollten auch nicht lange auf sich warten lassen ...

Lotrecht fuhren wir südöstlich auf das Alleghenygebirge zu, das als einziges den amerikanischen Osten unterbricht. An Ausdehnung und Höhe ist es mit dem Felsengebirge nicht entfernt zu vergleichen, sondern erinnert seiner ganzen Art nach vielmehr an unsere deutschen Mittelgebirge.

Stark stieg die Bahn an. Hell und freundlich schien wieder die Sonne. Wohlangebaute Fluren dehnten sich rechts und links. Man sah es den Feldern und Siedlungen an, daß sie weit älter sein mußten als die um Chikago oder gar westlich davon. Auch merkte man sichtlich die ständig wachsende Dichte der Besiedlung. Immer höher kamen wir in das Bergland hinein. Es schäumten die Bäche lustig und rasch vom Gebirge herab. Da und dort sah man wieder verwüstete und abgebrannte Wälder. Felstäler taten sich auf wie in der Schwäbischen Alb. Immer romantischer wurde die Landschaft und immer sonniger und grüner, je weiter wir südlich kamen und je näher dem Ozean. Als wir gar jenseits des Passes das Tal des Potomac River hinabfuhren, lachte uns geradezu ein jauchzender Frühling entgegen mit keimenden Saaten und herrlichstem Himmelblau. Anmutig leuchteten zartrosa die Apfelbäume in ihrer ersten schüchternen Blüte. Welche klimatischen Unterschiede auch hier wieder! Die großen Ebenen um Chikago sind schutzlos den kanadischen Froststürmen, die über die großen Seen hereinbrechen, preisgegeben. Aber das Land östlich und südlich der Alleghenies ist durch sie gegen die kalten Nordwinde wie durch eine Mauer geschützt, so daß man in Washington schon den Geschmack der warmen Süd- und Plantagenstaaten empfindet, den warmen Hauch Virginias, des „Landes der jungfräulichen Königin“ (Elisabeth) und Carolinas, des Staates Karls I. von England, der alten Hauptsklavenstaaten.

Bei „Harpers Ferry“ mündet fast wie in einer Neckarlandschaft der „Shenandoah“-Fluß[36] in den größeren Potomac. Links und rechts begleiteten uns die lieblichsten Hügelreihen. Es war ein lachendes Flußtal, das gerade für Bahn, Straße und schmale Siedlungen Raum läßt. In Harpers Ferry ist man an einer historischen Stelle. Nicht nur daß hier mancherlei Schlachten im Bürgerkrieg geschlagen wurden -- denn in diesen Strichen lief die Grenze zwischen Nord- und Südstaaten, zwischen Sklavenbefreiungs- und Sklavenhalterstaaten -- sondern Harpers Ferry ist die denkwürdige Stelle, wo schon 1859 John Brown mit wenigen entschlossenen Abolitionisten in das Städtchen eindrang, um die Sklaven zum Aufstand zu veranlassen. Aber die Neger folgten seinem Ruf noch nicht. John Brown wurde umzingelt, besiegt und schließlich von den Sklavenhaltern gehängt. Sein letzter Widerstand erfolgte in einem kleinen, scheunenartigen Haus, jetzt „John Browns Fort“ genannt, das heute noch steht. Die Bahn fährt dicht daran vorüber.

Als wir eine geraume Strecke weiter aus den Bergen in die Ebene hinausgefahren sind, ragt mit einem Male ein hoher Obelisk aus tiefem buschigen Grün, das Washington-Monument, empor. Bald darauf schwebt über der Landschaft eine hohe, stolze adlige Kuppel wie St. Peter über der Campagna bei Rom -- das Kapitol der Bundeshauptstadt.

Ich bin wirklich in Washington! Traumhaft! Etwas wie Ehrfurcht überkommt mich. Vereint sich in Wallstreet und auf dem Broadway in Neuyork das Kapital der Union, so in Washington alle Regierungsmacht. Washington liegt gerade auf der Grenze des Nordens und Südens. So ist es von hier nicht weit nach den Schlachtfeldern von Gettysburg, Harrisburg und dem Hauptquartier der Südstaaten, Richmond. Man ist in Washington ungefähr in der Mitte zwischen Maine und Florida. Es ist auch bezeichnend, daß die Bundeshauptstadt ganz im Osten der Union liegt. Der Osten (außer Chikago und St. Louis) ist Amerika. Im Westen dominiert nur noch das einzige San Franzisko. Aber welche Entfernungen von der Bundeshauptstadt dorthin! Wir sind gewohnt, Hauptstädte in der Mitte des Landes zu suchen. Aber wir dürfen nicht vergessen, noch vor gut einem halben oder Dreivierteljahrhundert war Amerika bloß ein Streifen am Atlantik, dessen Mitte Washington bildete. So erklärt sich noch heute seine Lage.

Der Hauptbahnhof in seinem strahlenden Marmorweiß und seinen unzähligen, zum Teil unbenutzten Geleisen macht einen sehr vornehmen Eindruck. Der Bahnverkehr Washingtons ist freilich, verglichen mit dem Neuyorks und Chikagos, recht gering. Gleichwohl hatte Washington den echt amerikanischen Ehrgeiz, den „größten Bahnhof der Welt“ zu besitzen, selbst auf die Gefahr hin, daß es alle diese Geleise gar nicht ausnutzte!

Washington ist im ganzen eine stille, aber äußerst stattliche und höchst saubere Stadt. Nur zwei Städte machten auf mich diesen Eindruck, Washington und -- Salt-Lake-City. Alles hell, gerade, luftig, grün, weitläufig. Eine wahre fürstliche Platzverschwendung herrscht in Washington überall.

Ich nahm meinen Weg sofort zum Kapitol, das aus dichtem dunklen Parkgrün hervorschaut. Ich war immer aufs neue überrascht von den weiten prächtigen Parkanlagen, von den großen, weiten Plätzen und überaus breiten Straßen, die ich hier sah. Ich hatte sofort den Eindruck, diese Stadt ist die schönste der Union, und sie kann sich wirklich mit den europäischen Hauptstädten messen. Welche königliche Platzverschwendung hat man sich hier erlaubt! Das ganze Gelände vom Kapitol zum Obelisk und von da zum „Weißen Haus“, eine gute halbe Stunde Weges, ist +ein+ Park. Aristokratisch und edel steigt das Kapitol mit seinem weißen Sandstein und seinem Marmor, seinen vorspringenden Flügeln mit ihren klassischen Tempelstilfronten und seiner imponierenden, von der Freiheitsstatue gekrönten Kuppel auf einer kleinen Anhöhe auf, ein wahrhaft majestätischer Bau. Fast erscheint die Kuppel, weniger in Anbetracht der Länge als der verhältnismäßig geringen Höhe des Gebäudes, etwas groß und schwer. Besonders reizvoll sind die Blicke auf sie aus den verschiedenen Parkwegen und von dem unteren Ende der Pennsylvania-Avenue.

Am anderen Tag saß ich eine Weile auf der Galerie im Repräsentantenhaus und ebenso eine Weile im Senat und hörte den Debatten zu. Am meisten Eindruck aber machten mir die acht ehrwürdigen Richter des „~Supreme Court~“ in dem kleinen Saale des „obersten Gerichtshofes“, dessen Bedeutung etwa dieselbe wie die unseres Reichsgerichts in Leipzig ist, ja vielleicht eine größere, denn in Amerika wird das Recht nicht so sehr nach festgelegten Paragraphen angewandt, sondern nach dem Rechtssinn und Gewohnheitsrecht +gefunden+. Die Richter, außer denen des ~Supreme Court~, sind nicht vom Staatsoberhaupt ernannt, sondern werden vom Volke erwählt.

Dann stand ich unter der Kuppel unter den großen historischen Gemälden, die von der Landung des Columbus, der Einschiffung der Pilgerväter, Washingtons Übernahme des Oberbefehls über die Revolutionsarmee, von der Entdeckung des Mississippi und der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung in Philadelphia 1776 Kunde geben. Eine imposante Halle! Oben in der Kuppel befindet sich eine mächtige Darstellung der Apotheose Washingtons, dessen Name mit diesem Land und seiner Verfassung und dieser Stadt unlöslich verknüpft ist. Kein Name ist berühmter geworden, selbst nicht der Lincolns, mit dessen Namen der Bürgerkrieg und die Sklavenbefreiung unauslöschlich verbunden sind. Als ich dann in den nächsten Saal zur Linken trat und den Marmorstatuen der großen Amerikaner gegenüberstand, deren zwei aus jedem Staat hier aufgestellt sind, drang die Geschichte, Größe und Macht dieses Landes, das einen ganzen Kontinent umfaßt, mächtig auf mich ein. Eine kurze, fast stille Geschichte, und doch bedeutungsvoller als irgendeine der europäischen Dynasten- und Raubkriege. Die Reibereien der europäischen Großmächte, Kolonialkriege, Kaiser- und Papsttum -- alles das blieb hier unbekannt. Alles, was hier geschah, diente der Kolonisation, der wirtschaftlichen und der politischen Einigung. Aus Kolonien ist das Land zu einer selbständigen, an Volkszahl und Reichtum alle europäischen Mächte überbietenden Großmacht ersten Ranges emporgewachsen, die mehr „~world-spirit~“ in sich trägt als vielleicht sogar England, dessen Hauptabkömmling Amerika doch letztlich ist. Der anglikanische Typus ist in Amerika vorwiegend und hat dank der Sprache auch die absolut dominierende Herrschaft erlangt, während die Spanier, obwohl die ersten Ansiedler, die Franzosen am Mississippi in Neuorleans, Louisiana und in Kanada, die Holländer im alten Neuamsterdam, dem heutigen Neuyork, die Deutschen, zerstreut durch das ganze Land, und endlich die romanischen und slawischen Elemente der jüngsten Einwanderung im Anglikanismus Amerikas aufgegangen sind und in ihm wohl aufgehen werden.

Amerikas Geschichte beginnt eigentlich erst mit dem Unabhängigkeitskrieg am Ausgang des 18. Jahrhunderts. Auffassung des Staats, der Kirchen im Verhältnis zu ihm, des Menschentums und der politischen Freiheit sind +Aufklärungs+gedanken. Hier hat Frankreich, das Frankreich der Revolution und der Republik, Pate gestanden (Lafayette!). Aus dieser Zeit stammt sowohl der klassizistische Stil der Staatsgebäude wie die Anlage der Stadt Washingtons. Ein französischer Architekt hat die Pläne seiner Parks entworfen. Frankreich schenkte die Freiheitsstatue für den Hafen von Neuyork, und immer ist die besondere Sympathie Frankreichs für die große Schwester in der neuen Welt wach geblieben. Wundern wir uns also nicht allzusehr, daß der inneren Stimmung nach und nicht nur aus Geschäftsgründen Amerika im Weltkrieg auf seiten Englands und Frankreichs trat. Aber kein anderer als Friedrich der Große ist die Ursache gewesen, daß Frankreich nach dem Siebenjährigen Kriege seine Besitzungen in Amerika an England abzutreten hatte! Der Siebenjährige Krieg war ebenso Kolonialweltkrieg zwischen England und Frankreich als Kontinentalkrieg zwischen Österreich und Preußen. Friedrich der Große war zum Teil Englands Soldat!

Seit dem Unabhängigkeitskrieg gab es nur noch +ein+ Ereignis, das die Union tief erschütterte, den Bürgerkrieg und die Sklavenbefreiung. Durch Kauf wurde später Florida, Louisiana und Alaska erworben; von Mexiko wurden die südwestlichen Territorien Neumexiko, Arizona und Kalifornien an die Union abgetreten; so wuchs allmählich und doch rasch das Riesenland zusammen, bis es im letzten Jahrzehnt anfing, selbst Kolonialmacht und der Erbe Spaniens, das einst den Entdecker Kolumbus aussandte, zu werden.