Quer durch Afghanistan nach Indien

Part 9

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Am 20. Februar konnten wir sehr schön die totale Mondfinsternis betrachten. Es war abends gegen sieben Uhr; ich wollte gerade vom Hause fortgehen, da hörte ich draußen ein seltsames Stimmengewirr. Ein geheimnisvolles Summen, langgezogene Rufe, die von den Bergen widerhallten. Ich ging hinaus und sah, wie die Landschaft in ein eigenartiges Licht getaucht war – es war Mondschein; aber nicht das silberhelle Licht lag auf den eingeschneiten Bergen, den flachen Dächern und Lehmwänden, sondern feine, bläuliche Schatten schienen langsam über das Land zu ziehen – Mondfinsternis! Wie tausend Lichter flackerten die Sterne am Firmament, ihr heller Glanz noch gesteigert durch die Höhenluft, liegt Kabul doch ca. 1750 Meter hoch. Langsam schob sich der Erdschatten über die Mondscheibe und etwa um siebeneinhalb Uhr war die Finsternis total.

Auf den Straßen war es still; hin und wieder sah man einen Afghanen, die Laterne in der Hand, nach Hause eilen. Die Verkaufsläden waren geschlossen; nur aus den Lebensmittelständen schimmerte der trübe Schein der Öllampen. Eine ganz seltsame Stimmung lag über dem Land. Der Mond schwebte wie eine rötliche Kugel am Himmel; so sah die Sonne aus, wenn in meiner Heimat das Moor abgebrannt wurde und der Rauch dem Tagesgestirn das Licht nahm. Mehr und mehr wuchs das Stimmengewirr, lauter und lauter wurden die Gebetsrufe an Allah; Raketen stiegen in die Luft, um den bösen Geist zu verscheuchen, der den Mond verschlingen wollte.

Noch um neun Uhr war die Finsternis total. Einige kalte Windstöße fegten über das Land und ließen die losen Fensterscheiben in den Lehmhäusern erklirren.

Als ich spät abends nach Hause kam, und die Mondscheibe wieder in hellem Lichte erstrahlte, hörte ich fremdartige Musik. Mit Trommeln, Flöten und Gesang wurde das wiedergekehrte Licht des Nachtgestirns begrüßt und noch bis tief in die Nacht hinein drangen die dumpfen Klänge der Trommel an mein Ohr. So gingen die düsteren Wintertage dahin, langsam, schleichend, als ob es nie wieder Frühling werden wollte.

IX

AFGHANISTANS HÖCHSTES GEBIRGE

Im äußersten Nordosten Afghanistans, an der Grenze gegen das indische Gebiet von Tschitral, steht wie ein Wächter ein gewaltiger Gipfel. Keines Europäers Auge hat je seine westlichen, Afghanistan zugewandten Hänge und Schluchten gesehen, keines Europäers Fuß je seine Gletscher betreten. Bis zu 7800 Meter ragt er mit seinen Schnee- und Eisspitzen in die blaue Luft und blickt auf eines der wildesten und zerrissensten Gebiete der asiatischen Gebirgswelt herab. Es ist der Tiritsch-Mir, dessen Lob alle Reisenden gesungen haben, die in Tschitral weilten und von ferne seine eisgepanzerten Hänge und kühnen Schneegipfel bewunderten.

Nördlich von diesem Bergriesen erheben sich noch zwei weitere Gipfel über 7500 Meter, von denen der eine ebenfalls den Namen Tiritsch-Mir trägt.

Die Bewohner von Tschitral wissen über diese Eisriesen seltsame Geschichten zu erzählen, die uns Durand mitgeteilt hat. Am Fuße des Berges soll ein See liegen, der von großen, flachen Steinen eingefaßt ist, auf denen die Bergfeen ihre Kleider waschen. Manchmal soll man ihre feinen Stimmen vernehmen, und sie singen hören oder um die Türme des alten Schogot-Forts schweben sehen, und zwar immer 10 oder 12 Tage, bevor ein Mitglied der Herrscherfamilie stirbt. Der eine der Tschitraler Herrscher soll sogar eine Fee zur Frau gehabt haben.

Es wird erzählt, daß in einem kleinen Dorfe unterhalb Tschitral sich in jeder Freitagnacht die Bergfeen versammeln, um an einem Platze, der durch einen großen Stein markiert ist, zu beten. Kein Mensch wagt es, in dieser Gegend auf die Jagd zu gehen.

Einmal hatte sich ein Eingeborener verirrt und mußte die Nacht in der Nähe dieses Platzes zubringen. Er hörte geisterhafte Stimmen, die zum Gebet riefen, und die Luft war von einem seltsamen Stimmengewirr erfüllt. Diejenigen, die die Feen gesehen haben wollen, erzählen, daß sie zu Fuß durch die Luft gingen oder ritten. Sie seien bildschön und ganz in Weiß gekleidet. Seltsamerweise sollen sie keine Knie und keine Fußgelenke haben, und die Zehen sollen nach rückwärts gerichtet sein. Manche Leute erzählen, daß sie Männer oft 10 bis 15 Tage verschleppen, aber gut behandeln.

Einmal war ein Tschitrali auf Jagd gegangen. Er schoß auf ein Wildschaf und verwundete es, aber das Tier entkam. Ein paar Tage später kam ein Mann in das Dorf, der hinkte und den Jäger fragte, warum er auf ihn geschossen habe. Als dieser beteuerte, er habe nur auf ein Wildschaf geschossen, antwortete der lahme Mann, der als Zauberer bekannt war, er sei das Wildschaf gewesen.

Auch andere Reisende erzählen seltsame Geschichten von den Feen des Hindukusch, die im Mondschein um die hohen Schneegipfel schweben und die Wanderer verführen.

Erst in den letzten Jahren sind die hohen Berge des Hindukusch näher bekannt geworden. Öde und wild ist hier die Bergwelt und kein Grün erfreut das Auge. Die großen täglichen Temperaturunterschiede sprengen die Felsen, Schuttmeere hüllen die Hänge ein und füllen die Täler aus. Kein Hindukuschgipfel ist bisher bestiegen worden, und große Strecken des Gebirges sind noch gänzlich unerforscht.

Wie ein gewaltiger Schutzwall legt sich der Hindukusch um die nordwestlichsten Provinzen des indischen Reiches, um gen Westen quer durch Afghanistan hindurchzuschneiden. Einige der höchsten Pässe unserer Erde führen von Tschitral aus über das Gebirge nach Badachschan und den Landstrichen am Oxus hinab. Viele Pässe können nur zu Fuß überschritten werden, und der Übergang ist stets mit großen Gefahren verbunden. Nicht allein, daß die Natur den Reisenden bedroht, sondern auch räuberische Stämme – vor allem die Kafiren – lauern dem Wanderer auf, um ihn, wenn er, von den Strapazen der Reise erschöpft, seinen Zielen nahe zu sein glaubt, zu überfallen und auszurauben.

Daß dieses gewaltige Gebirge trotz seiner großen Höhe im Kriegsfalle nicht unbedingt als eine natürliche Schutzmauer angesehen werden darf, hat uns Aurel Stein gezeigt, der feststellte, daß bereits eine chinesische Armee diese Gebirge überschritt und bis nach Kaschmir vordrang (747 n. Chr.). Aber nur unter großen Strapazen konnte dies möglich gewesen sein; englische Forscher, die das Gebiet bereist haben, wo Hindukusch und Kara-korum zusammenstoßen, schildern anschaulich die ungeheuere Zerrissenheit dieser Gebiete, die gewaltigen, steilen Felswände und tiefen Schluchten. Erdbeben, die ganze Berge zusammenstürzen lassen, erschüttern die Gebirge in ihren Fugen und zerreißen sie, schaffen Klüfte, in die sich die Schmelz- und Wildwasser stürzen und tiefe Schluchten ausfeilen. Die gebirgsbildenden Kräfte sind hier noch lange nicht zur Ruhe gekommen.

Geologisch gesprochen, ist es noch gar nicht so lange her, daß an der Stelle, wo sich heutzutage die Gipfel des Hindukusch erheben, ein blaues Meer flutete, das durch einen breiten Meeresarm mit dem Meere in Verbindung stand, das auch Tibet einst bedeckte. Auf dem ca. 4900 Meter hohen Nuksanpasse hat man noch versteinerte Muscheln gefunden. Gewaltige Kräfte müssen am Werke gewesen sein, um dies majestätische Gebirge aufzupressen. Gebirgsmassen sind über Gebirgsmassen geschoben, überkippte Falten treten im Bau auf und große Eruptivstöcke haben sich durch die Ablagerungen hindurchgepreßt und bilden jetzt den Kern der Kette.

Ein Meer hoher Gipfel reiht sich aneinander. Als ich nördlich Barfak auf einem Kreidekalkrücken stand und den Blick über das herrliche Gipfelmeer schweifen ließ, das tief eingeschneit im Glanze der untergehenden Sonne dalag, da glaubte ich fern im Osten einige der ganz hohen Schneekuppen zu erkennen, die sich bei Tschitral erheben; aber erst das Fernglas sagte mir, daß es nur ein paar leuchtende Wolken waren.

Viele Pässe kreuzen den Hindukusch und der Chawakpaß ist schon seit ältesten Zeiten bekannt, da Alexander der Große ihn bereits kreuzte. Die Höhe dieses Passes ist über 3500 Meter und über ihn führt noch heute eine der wichtigsten Karawanenstraßen, die Kabul mit Afghanisch-Turkestan verbinden. Immer mehr und mehr tritt aber die Straße über den Salangpaß in den Vordergrund, die jetzt unter der Leitung italienischer Ingenieure ausgebaut wird.

Der wichtigste Paß, der von Badachschan nach Indien führt, ist der Dorah. Er soll leicht zu überschreiten sein, ist aber stets durch die Überfälle der Kafiren gefährdet. Der Ausblick von seinen Höhen muß überwältigend schön sein. Weit kann der Blick über große Strecken des einsamen Innerasiens schweifen. Der Hindukusch trennt hier zwei Welten.

Am wenigsten unterrichtet sind wir über die Gebiete, die zwischen dem Chawakpaß und Tschitral liegen. Hier liegt das abgeschlossene Minjaner Hochtal, wo noch ein ganz seltsamer Dialekt gesprochen wird. Hier spiegeln sich die hohen Hindukuschgipfel in blauen Seen. Wie eine Barriere schneidet der Hindukusch Kafiristan von Badachschan ab. Trotzdem die Pässe himmelstürmend hoch sind und nicht von Tragtieren überschritten werden können, dienen sie den Kafiren als Anmarschwege bei ihren Raubzügen. Es gibt vielleicht nur wenige so vollkommen unbekannte Gebiete auf unserer Erde wie Kafiristan. Da auch hier die einzelnen Stämme sich untereinander bekämpfen, so müßte man, um das Land durchziehen zu können, sich immer von Stamm zu Stamm durchzuschlagen versuchen. Berücksichtigt man ferner, daß man nur mit Trägern das Land bereisen kann, daß in Kafiristan die verschiedensten Dialekte gesprochen werden, so kann man sich einen Begriff davon machen, mit welchen Schwierigkeiten der Forschungsreisende zu rechnen hat, der sich in dieses Gebiet hineinwagt.

Der einzige Europäer, der den Teil des Hindukusch besucht hat, der Kafiristan im Norden begrenzt, war Robertson. Im Juni des Jahres 1889 bestieg er unter größten Schwierigkeiten den Mandalpaß, der eine Höhe von ca. 4600 Meter hat. Er berichtet in seinem interessanten Buche, wie selbst den Kafiren der Aufstieg manchmal schwer wurde. Unter Rufen und Singen aber eilten sie oft voran, legten sich manchmal in den Schnee und machten ein Schläfchen, bis die Hauptkarawane nachgekommen war. Millionen toter Schmetterlinge lagen auf den Schneefeldern. Im Gegensatz zu den wilden räuberischen Kafiren sind die Bewohner von Minjan auf der Nordseite des Gebirges ein friedfertiges Völkchen.

Auch die Gegenden um den Chawakpaß sind häufig feindlichen Überfällen ausgesetzt. Es gibt große Räuberbanden und ich hörte erzählen, daß die Gouverneure die Sicherheit des Landes dadurch garantieren, daß sie mit den mächtigsten Räuberhäuptlingen Verträge schließen und diesen eine Belohnung versprechen, wenn in ihrem Gebiete keine Überfälle stattfinden. Ganz ähnlich haben sich auch die Engländer am Khaiberpaß geschützt, indem sie die Räuberstämme der Afridis selbst zum Schutze der Straßen nehmen und ihnen für ihren Wachtdienst eine jährliche Subvention zahlen.

Der Verkehr im ganzen Hindukuschgebiet geschieht mit Karawanen, aber schon ist das Auto siegreich bis auf die Hindukuschpässe vorgedrungen.

Man sollte meinen, daß solch ein gewaltiges Gebirge, wie es der Hindukusch ist, große Gletscher aufweist. Aber die Schneelinie liegt hier sehr hoch und im Herbst trifft man unter 4800 bis 5000 Meter kaum noch einen Flecken Schnee. Die Niederschläge sind zu gering, um es zur Ausbildung von Gletschern kommen zu lassen; nur in den östlichsten Teilen, wo sich die Gipfel über 7000 Meter erheben, ziehen sich Eisströme in die Täler. Trotzdem ist der Schneefall im Winter recht beträchtlich, und die meisten Hindukuschpässe sind dann für den Verkehr gesperrt.

Schon im März beginnt der Schnee zu schmelzen und im Hochsommer wälzen sich gewaltige Fluten durch die Täler. Häufig werden dann alle Brücken fortgerissen und Muren gehen zu Tal.

Im westlichen Teil des Hindukusch vermißt man auch eiszeitliche Formen, wie wir sie aus den Alpen kennen. Trogtäler und Kare fehlen. Und so kommt es, daß die Bergwelt des westlichen Hindukusch einen Vergleich mit den Alpen nicht standhält, obwohl auch hier die Gipfel bis 5000 Meter aufragen.

Der Hindukusch bildet die Wasserscheide zwischen dem Flußgebiet des Indus und dem des Oxus. Schon seit ältesten Zeiten haben in seinen zerrissenen Tälern Völker Schutz und Zuflucht gefunden. Die Wogen der Weltgeschichte brandeten um seine Klippen. Griechische, skytische, mongolische Eroberer zogen mit ihren Heeren durch sein Reich und schon in ältesten Zeiten müssen auch die Arier auf ihrem Wege nach Indien seine Pässe gekreuzt haben. Einmal aber wird vielleicht der Hindukusch noch eine große Rolle spielen, nämlich dann, wenn der große Entscheidungskampf zwischen der englischen und russischen Vorherrschaft in Asien ausgetragen wird.

X

INS TAL DER GROSSEN BUDDHAS

Wenn wir einen Blick auf die Landkarte werfen, so sehen wir, daß von dem Dache der Welt, den Pamiren, große Gebirgsketten gen Ost und West ausstrahlen. Auch der Hindukusch – das Rückgrat Afghanistans – kommt aus jener Gegend. In seinem östlichsten Teile, bei Tschitral, erreicht er Höhen über 7500 Meter, trägt hier auch gewaltige Gletscher, um gen Westen stetig an Höhe abzunehmen und in die Hügelketten nördlich des Parapomisus überzuleiten.

Da der Emir den Wunsch geäußert hatte, ich möchte die Kohle- und Eisenerzlagerstätten des westlichen Hindukuschgebietes besuchen, so brach ich Anfang Januar 1924 dorthin auf. Von der Regierung wurde mir ein Lastauto zur Verfügung gestellt, das uns bis an den Fuß des Gebirges, eventuell bis Bamian bringen sollte. Blaich, der einige landwirtschaftliche Begutachtungen vornehmen sollte, schloß sich mir an.

Es war ein kalter, düsterer Januarmorgen, als uns um acht Uhr in der Frühe das Auto abholte. Draußen schneite es; der Himmel war grau in grau; die großen, schwarzen Raben saßen regungslos auf dem Gesims unseres Hauses. Juma packte unsere Feldbetten zusammen, unser Gepäck wurde im Auto verstaut, wir wickelten uns in unsere Decken und Mäntel ein und fuhren ab. Als Führer hatten wir zunächst den Michmandar, einen jungen, aufgeweckten Afghanen, der für unser leibliches Wohl, für Unterkunft usw. zu sorgen hatte.

Langsam fuhren wir die Straße am Kabulflusse entlang. Der Schneefall wurde stärker, von den umliegenden Bergen war nichts mehr zu erkennen. Plötzlich hielt unser Auto, wir mußten noch eine große Gesellschaft aufnehmen und ein Riesengepäck verstauen. Als alle Mann glücklich im Wagen untergebracht sind, war es so eng, daß man sich kaum rühren konnte, aber dies war schließlich auch ganz gut, denn so konnten wir uns gegenseitig wärmen. Zuerst war es mir ganz rätselhaft, wer diese große Gesellschaft eigentlich war, aber bald erfuhr ich, daß der Alte im Schafpelz, der mich an ein Bild erinnerte, das ich einst von Dschinghis Khan sah, unser Führer war. Er wurde von den anderen mit Schikar Sahib angeredet, was eigentlich auf deutsch der Herr Jäger bedeutet. Auf dem Führersitz saß außer dem Fahrer, dem Michmandar, nun der andere neue Gast, unzweifelhaft ein Europäer. Bald erfuhren wir denn auch, daß Abdul Kerim, wie er von den Afghanen genannt wurde, ein Pole war, der Mohammedaner geworden und als Ingenieur in die Dienste des Emir getreten war. Ferner waren noch zwei bis drei Diener mitgekommen.

Links von der Straße erhebt sich der Kuh-i-Asmai, aber obgleich er nicht hoch ist, hüllten bleierne Wolken seinen Gipfel ein. Einsam und verlassen stand das kleine Wächterhaus am Berge; der in ein feuerrotes Cape gehüllte Polizist ging langsam davor auf und ab. Es schneite tüchtig, und die großen, weißen Flocken schienen alles unter einer dicken weißen Decke begraben zu wollen. Da wir gegen den Schnee die Kanvasdecken über das Auto zogen, sahen wir von der Landschaft vorerst nichts mehr. Das ewige Rütteln machte einen müde. Einer nach dem anderen begann zu gähnen, und der Schikar Sahib, der sich ganz in einen dicken Wollschal eingewickelt hatte, war eingenickt. Als wir ungefähr eine Stunde gefahren waren, hielt das Auto plötzlich, und wir alle mußten aussteigen. Vor uns war die Brücke eingestürzt, und zahlreiche Arbeiter waren damit beschäftigt sie auszubessern. Wir mußten also auf einem Seitenwege an den Bach hinunterfahren, was auch gut ging; aber als wir auf der anderen Seite hinauffahren wollten, konnte das Auto die Steigung nicht nehmen. Da war guter Rat teuer. Schließlich gelang es uns, ein großes Seil aufzutreiben, das wir vorn ans Auto banden. Dann mußten die Brückenarbeiter versuchen, das Auto heraufzuziehen. Es machte ihnen sichtlich Vergnügen, und als plötzlich das Seil riß und alle Mann am Boden lagen, wollte das Lachen und Gejohle kein Ende nehmen. Noch zweimal mußte der Versuch gemacht werden, ehe es gelang, das Auto heraufzuholen. Dann ging es weiter.

Der Schnee hatte abgenommen und je mehr wir uns dem Fuße des Hindukusch näherten, um so wärmer wurde die Luft. Der Schnee im Tal verschwand. Im Tscharikar machten wir Mittagsrast. Viele Neugierige versammelten sich um unser Auto, als wir vor dem Karawanserai hielten, um hier unser Mittagsmahl einzunehmen. Es gab Tee, Brot, Käse und Kuchen sowie Obst. Wir stiegen auf das Dach des Robats und sahen von hier aus auf das bunte Getriebe der Straße und des Seraihofes. Direkt vor uns im Norden hatten wir jetzt die Hauptkette des Hindukusch, deren höchste, über 5000 Meter aufragende Gipfel in Wolken gehüllt waren. Wir machten noch einen Spaziergang durch den Basar, in dem wir uns dicke Schaffellhandschuhe kauften, die uns später bei der großen Kälte sehr von Nutzen waren. Gegen zwei Uhr fuhren wir weiter ins malerische Ghorbendtal.

Das Wetter hatte sich etwas aufgeklärt, einige Flecke blauen Himmels schauten bereits durch die Wolken. Die Straße ist sehr hübsch angelegt. Unter uns sahen wir das reich bebaute Tal, in dem der rauschende Ghorbendfluß dahinschoß. Wir passierten viele kleine Dörfer und Gärten und trafen oft große Kamelkarawanen. Meistenteils gab es großen Krach, wenn wir an ihnen vorbei fuhren; die Kamele scheuten vor dem Auto, rissen sich los, rannten die Hänge hinauf, kurz es wurde eine große Unordnung geschaffen, und oft genug bekamen wir von den Karawanenführern Flüche zu hören, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließen. Am schlauesten waren immer die Esel, die ärgerten uns noch viel mehr als die Kamele. Meistenteils waren sie mit großen Balken beladen, und sobald sie unser Auto kommen hörten, blieben sie stehen und stellten sich quer auf den Weg, so daß die Balken eine Art Schlagbaum bildeten. Es dauerte manchmal länger als eine Viertelstunde, bis wir an einer kleinen Eselkarawane vorbeikommen konnten!

Gegen fünf Uhr kamen wir nach Siah Gird, wo schon alles für uns vorbereitet war. Wir wurden in einem Landhäuschen untergebracht, von dem aus wir einen herrlichen Ausblick auf die hohen Berge und das von hohen Terrassen eingefaßte Tal hatten. Siah Gird liegt zwischen der Haupthindukuschkette im Norden und der Paghmankette im Süden. Eine wilde, enge Schlucht führt gerade gegenüber von diesem Dorfe zu dem hohen Tschähardarpasse (4050 Meter), der in der Haupthindukuschkette liegt und der von Griesbach überschritten wurde. Die Gipfel waren tief in Schnee gehüllt und die hohen Hindukuschpässe waren zur Zeit gesperrt.

Im Landhäuschen wird sofort das große Kohlenbecken, das »Mangal« aufgestellt, das herrlich wärmt. Später wird noch ein niedriger Tisch darübergestellt, auf den wir eine große Wolldecke legen und so unsere Beine darunter wärmen. Diese »Sändälis«, wie sie genannt werden, wärmten außerordentlich; nur brauchte man sich nicht zu wundern, wenn man später einige unliebsame kleine Gäste aufgenommen hatte. Das Essen wurde sehr spät gebracht, und doch verspürten wir solch großen Hunger! Erst um elf Uhr wurde der Pilau aufgefahren, so daß wir vor zwölf Uhr nicht zur Ruhe kamen. Wir schliefen in unseren Feldbetten. Die Afghanen hingegen lagen platt auf der Erde und hatten sich in ihre Wolldecken eingerollt.

Am anderen Morgen waren wir schon früh wieder auf. Der Himmel sah nicht sehr verheißungsvoll aus. Es war solch eigenartige Luft, so dumpf; wir waren alle gedrückter Stimmung. Es war gerade, als ob etwas Unheilvolles sich über unseren Köpfen zusammenbrauen wollte. Gewitterstimmung, obgleich wir im tiefsten Winter waren! Wir hatten uns entschlossen, gleich weiter nach Bamian zu ziehen und den Besuch der Kohlelagerstätten in der Umgegend von Siah Gird aufzuschieben.

Der Weg war außerordentlich malerisch. Senkrecht recken sich die kahlen verwitterten Felswände zur Rechten und Linken empor; sie schimmern in allen Farben, vom tiefsten Rot bis Violett. Kleine Schneeflecken liegen in den Taleinschnitten und Felsnischen. Die höheren Regionen aber sind ganz von einer weißen Decke überzogen, die sich scharf vom eintönig bleigrauen Himmel abhebt. Kurz hinter Siah Gird müssen wir den Ghorbendfluß kreuzen. Die Brücke ist eingestürzt, und wir müssen uns eine Furt suchen. Der Chauffeur will das Auto möglichst entlasten, und so steigen wir aus. Ein paar Afghanen stehen am Ufer und sehen sich das Schauspiel an. Sie haben ein paar Esel bei sich, und während die Diener barfuß durch das eiskalte Wasser waten, schwingen wir uns auf die Grautiere. Jeder bekommt einen Stecken in die Hand gedrückt, und dann überläßt man uns unserem Schicksal! Das Wasser rauscht und spritzt, als die kleinen Tiere Schritt für Schritt durch den Fluß waten. Man muß die Beine ganz hoch ziehen, um nicht naß zu werden, denn das Wasser reicht den Tieren bis zum Sattelgurt. Als ich mitten im Fluß bin, bleibt mein Esel mit konstanter Bosheit stehen und will keinen Schritt weiter. Ich schlage ihn, trete ihn, aber es fällt ihm gar nicht ein, sich vom Fleck zu rühren. Erst nachdem ein paar Minuten vergangen sind, bequemt er sich weiterzugehen. Esel sind durchaus nicht dumm! Sie sind die eigensinnigsten Tiere, die es gibt, und verstehen es großartig, den Menschen zu ärgern; aber nur aus reiner Bosheit!

Als wir glücklich alle wieder am jenseitigen Ufer angekommen sind und die Esel über den Fluß zurückgejagt haben, setzen wir unsere Fahrt fort. Der Himmel wird dunkler und dunkler, drohend hängen die Wolken an den Bergen, und bald beginnt es wieder zu schneien. Immer größer werden die Flocken. Das Schneegestöber wird so dicht, daß wir kaum 20 Meter weit sehen können. Es wird kälter und windiger; an manchen Stellen ist die Straße vereist. Nur mit vereinten Anstrengungen, indem wir Geröll und Sand auf den Boden streuen und Decken und Kelims unter die Räder schieben, gelingt es uns, das Auto vorwärtszubringen. Es dauert ungefähr eine Stunde, bis wir es über die eine vereiste Stelle von 20 Meter vorwärtsbrachten, und dabei schneite es lustig weiter. Wir sehen alle wie Schneemänner aus, und im Auto ist es kalt, naß und dumpfig. Endlich zeigt sich das tiefeingeschneite Robat Kasi Besé, wo wir absteigen. Im Hofe lag der Schnee schon über einen halben Meter hoch, aber hier hatte es auch in den letzten Tagen schon geschneit. Am Abend wurde es sehr kalt, und sogar im Feldbett wurden wir nicht warm. Mit der Verpflegung sah es auch traurig aus, und wir mußten uns mit ein paar in Hammelfett gebackenen Spiegeleiern, trockenem Brot und Wasser begnügen. Als Beleuchtung diente eine einzige Wachskerze. Blaich und ich bekamen einen besonderen Raum zugewiesen. Wir ließen uns vom Diener des Schikar Sahib in unsere Decken und Pelze einpacken. Aber trotzdem wachte ich des Nachts mehrmals vor Kälte auf.