Quer durch Afghanistan nach Indien
Part 10
In der Nacht hatte es weitergeschneit. Vor uns lag der ca. 3000 Meter hohe Schibarpaß. Da war mit dem Auto ein Vorwärtskommen nicht mehr möglich. Schon am Abend vorher hatte der Schikar Sahib Pferde beordert. Aber am Morgen folgte erst ein endloses Hin- und Herreden, ehe die Tiere zur Stelle waren. Und was für edle Rösser waren das! Solche Schinder hatte ich in meinem Leben noch nicht gesehen! Dazu erhielten wir Holzsättel, wie sie die Eingeborenen gebrauchen, auf denen zu reiten keine Freude war! Es schneite immer noch, als wir aufbrachen. Dann ging es hinauf auf den Paß, den schon Timur gezogen ist. Auch der buddhistische chinesische Pilger Hsüen-Tsang, dessen Memoiren zu den anziehendsten Reiseschilderungen der älteren Zeiten gehören, hat diesen Paß überschritten.
An manchen Stellen des Weges lag der Schnee so hoch, daß die Pferde bis an den Bauch in den Schneewehen versanken. Der Wind blies heftig. Je höher wir kamen, desto stärker wuchs er zum Sturme an, der den trockenen Pulverschnee aufwirbelte und über die blendendweißen Flächen dahinjagte. Mühsam und lautlos arbeitete sich die Karawane empor. Eine wundervolle Hochgebirgslandschaft umgab uns – ein Meer schneeweißer Gipfel und Kuppen, soweit der Blick reichte.
Der Abstieg ins Bamianer Tal war leicht. Am Fuße des Passes in Schumbul wechselten wir die Pferde und waren froh, die alten Schinder loszuwerden. Wir ritten dann hinab nach der tief eingeschnittenen Balulaschlucht. Rechts und links türmten sich kahle, schwarze Kalkfelsen auf; kaum ein Sonnenstrahl kann in diese Schlucht dringen, und eisige Kälte umfing uns, als wir zwischen den hohen Wänden dahinzogen. Der Weg war stark vereist, und wir kamen nur langsam vorwärts. Von den Felsen hingen große, einen Meter lange Eiszapfen herab, die wie Kristall glitzerten. Sobald wir aber die Schlucht hinter uns hatten und wieder in das breitere Talbecken eintraten, wurde es warm; denn die Sonne war inzwischen hervorgekommen. Der Schnee im Tale verschwand zusehends. Die Temperaturgegensätze sind in diesen Hochländern Innerasiens ganz bedeutend. Nachts wird es so kalt, daß man selbst unter den Pelzen friert, tagsüber aber wird man in der Sonne gebraten.
Je weiter wir ritten, um so prächtiger wurde das Wetter. Links von uns hatten wir den rauschenden Bamianfluß, in dessen schäumendem Wasser die Sonnenstrahlen sich brachen und in tausend Facetten zurückgeworfen wurden. Uns war es, als sei der Frühling schon gekommen! Wir trafen keinen Menschen. Unsere Diener mit den Lastpferden waren weit zurück, und wir hatten von ihnen seit dem frühen Morgen, als wir vom Robat aufbrachen, nichts mehr gesehen und gehört. Gegen ein Uhr sahen wir plötzlich einen Wagen kommen; er war uns vom Gouverneur von Bamian entgegengeschickt worden. Auch hatte der Gouverneur gleich zwei Diener mitgesandt, die sich unserer Pferde annahmen.
Die Fahrt durch das Bamiantal war herrlich! Es war ein wundervoller, mir stets in schönster Erinnerung bleibender Januarnachmittag. Der Himmel war vom reinsten Blau, und Wolken, weiß wie der Schnee der Berge, zogen wie große Segelschiffe durch das blaue Luftmeer.
Auf der jenseitigen Talseite, im Süden, erhoben sich die Schneezinnen der Kuh-i-Baba-Kette, deren höchste Spitzen bis in die Wolkenschleier ragten. Still war es; man hörte nur das Rauschen des kleinen Flusses, der mit den großen Felsblöcken zu spielen schien und dessen kristallklares Wasser von Stein zu Stein sprang. Lustig rollte unser Wagen auf der hart gefrorenen Straße dahin, und immer neue Bilder zogen an uns vorüber.
Auf dunkelroten Sandsteinfelsen erheben sich die Ruinen der Zohak-Burg, von der schon der persische Dichter Firdusi (10. Jahrh. n. Chr.) gesungen hat, die auch schon in der Zend Avesta erwähnt wird, und an den Bergwänden fielen uns jene Höhlenwohnungen auf, die für das Bamianer Tal charakteristisch sind (Abb. 44). Leider wurde der Wind wieder heftiger, eiskalt blies er aus Nordwesten und ließ uns fast im Wagen erstarren. Wir gingen daher streckenweise zu Fuß, um uns warm zu halten. Gegen fünf Uhr erreichten wir unser Ziel. Die Strahlen der sinkenden Sonne beleuchteten gerade die hohe Felswand, aus der vor etwa ca. 1500 bis 1800 Jahren wahrscheinlich indische Künstler die gewaltigen, bis über 50 Meter hohen Buddhastatuen ausmeißelten, die noch heute zu den größten Sehenswürdigkeiten Afghanistans zählen (Abb. 45).
Wir wurden vom Gouverneur, dessen Haus auf einem kleinen Plateau oberhalb des Tales gelegen war, aufs liebenswürdigste empfangen und erhielten ein kleines Zimmer angewiesen, in dem wir es uns bald gemütlich einrichteten. Unter dem Zimmer befand sich der Backofen, der gleich das Zimmer heizte, was wir sehr angenehm empfanden, da wir, wenn wir nicht auf unseren Feldbetten lagen, auf dem Boden saßen. Zuerst tischte man uns Tee auf, den wir mit großem Hochgenusse tranken. Je mehr man sich an den Genuß des Tees gewöhnt, um so besser schmeckt er, und in Kabul haben wir fast zu jeder Tageszeit Tee getrunken.
Am Abend, es mochte gegen zehn Uhr gewesen sein, trat ich noch einmal vor das Haus. Die Mondsichel hing über den Hindukuschgipfeln und die Sterne schimmerten in hellstem Glanz. Das silberne Licht des Mondes lag auf den hohen Schneeketten und spielte im Tal. Totenstille herrschte ringsum. Nur wie ein feines Klingen ging es durch die einsame Winternacht. Da ließ ich im Geiste die Geschichte dieses Tales an meinen Augen vorüberziehen. Ich sah, wie vor etwa 2000 Jahren buddhistische Pilger aus dem fernen Indien nach hier wallfahrteten, in das seit den ältesten Zeiten heilige Bamiantal, und malte mir aus, wie vorher die griechischen Eroberer durch das Land zogen, und Alexander der Große den Hindukusch auf dem nahen Chawakpaß überschritt. Auch sein Reich und seine Macht schwanden dahin. Von Norden und Nordosten kamen die Skyten und zogen gen Süden. Im achten Jahrhundert besuchte der chinesische Pilger Hsüen-Tsang auch diese Stätte und hat uns darüber berichtet, wie die großen Buddhastatuen einst leuchteten, als sie noch ganz mit Gold überzogen waren. Lange Zeit haben wir dann keine Kunde über diese Gegenden. Dann regte es sich wieder im Herzen von Asien, das wie in einen Hexenkessel verwandelt scheint. Wie ein Gewittersturm zogen die Mongolen unter Dschinghis Khan und Timur durch diese Gegenden, vernichteten alles und machten nieder, was ihnen in den Weg kam. Ich blickte hinüber nach der alten Ruinenstadt Gulgule, deren Zinnen, zerfallene Mauern und geborstene Türme geisterhaft im Mondlicht schimmerten. Auch sie wurde von Dschinghis Khan zerstört. Jaworski erzählt in seinem Buche folgende Legende über den Untergang der Stadt:
»Da Gulgule große, unterirdische Wasserreservoire besaß, konnte es einer eventuellen Belagerung lange standhalten. Dschinghis Khan versuchte, die mit dreifacher Mauer umgürtete Stadt zu erstürmen, wurde aber mehrfach zurückgeschlagen. Schließlich wurde die Stadt doch zerstört. Und zwar auf folgende Weise: Die Tochter des Königs der Stadt Gulgule hatte sich, wie erzählt wird, in einen der Söhne Dschinghis Khans verliebt; hingerissen von ihrer Liebe, entdeckte sie ihm das Geheimnis der Wasserleitung, beschwor ihn aber, dies Geheimnis zu bewahren. Dschinghis Khan gelang es jedoch, seinem Sohne, durch das Versprechen, die Stadt zu schonen, das Geheimnis zu entlocken. Sobald aber die Wasserleitung unterbrochen und die Stadt infolge des Wassermangels zur Übergabe gezwungen wurde, zerstörte Dschinghis Khan in seiner Wut über die lange und hartnäckige Gegenwehr die Stadt bis auf den Grund und metzelte die ganze Bevölkerung nieder; selbst die Kinder im Schoße der Mutter fanden keine Gnade.«
Wir besuchten auch die großen Felsstatuen, die schon von ältesten Zeiten an das Interesse der Reisenden erregt haben (Abb. 47). Jaworski hat vielleicht die beste Schilderung davon entworfen, der ich wenig hinzufügen kann. Über die Höhe der Statuen gehen die Berichte sehr auseinander. Ich fand folgende Zahlen:
Kleinere Figur: Größere Figur:
Moorcroft: ca. 36 Meter ca. 50 Meter Jaworski: ca. 37 Meter ca. 43 Meter Foucher: ca. 35 Meter ca. 53 Meter
Die Statuen sind teilweise zerstört; aber der Mörtelmantel, der sie einhüllt, ist sonst noch sehr gut erhalten. Als Zerstörer der Statuen wird Aurengseb genannt, obwohl dies nicht als bewiesen angesehen werden darf. Die Afghanen bezeichnen die Statuen heute noch als But = Götzenbilder. Nach ihnen soll die kleinere Figur eine Frau darstellen, Schahmume, die größere einen Mann. Es kann aber jetzt wohl als gesichert gelten, daß die Figuren buddhistische Heilige darstellen, und mir scheint Moorcrofts Ansicht noch immer die beste zu sein, der in dieses Tal die Residenz eines Großlamas verlegt. Bamian muß eine Art Tempelstadt gewesen sein, ähnlich wie es heute in Tibet die großen Klöster sind. Noch treffender aber können wir Bamian mit den Höhlen der tausend Buddhas in Tun-huang im Nan-schan vergleichen. Diese Ansicht vertreten auch die französischen Archäologen, die jetzt mit den Ausgrabungen in Afghanistan beschäftigt sind. Leider war mein Besuch viel zu kurz, um genauer die vielen Höhlen, die interessante Wandmalereien enthalten, zu studieren. Diese Malereien sind außerordentlich fein ausgeführt; häufig sind Darstellungen von Heiligen mit Nimbus vorhanden. An einer Wand fand ich sechs Medaillons, die Buddha in den verschiedenen Gebetsposen darstellen. Wundervoll ist der Fries, der sich an der Decke der Nische hinzieht in der die größere Statue sich befindet. Leider war es mir technisch nicht möglich diese Bilder zu photographieren, unter denen mir einige sehr hübsche Frauengestalten auffielen. Die Farben, die hauptsächlich verwandt wurden, sind, soviel ich mich entsinne, Grün und Rot. Als wir in der Felswand neben der kleineren Statue eine baufällige Treppe hinaufstiegen, die im Sandsteinfelsen ausgehauen ist, kamen wir durch eine Höhle, deren frühere Bilder durch Rauch geschwärzt und mit einer dunklen, lackartigen Farbe überstrichen waren, so daß man nur an einzelnen Stellen noch kleine Teile der Bilder erhalten fand. An einigen Wänden sahen wir große Kratzer, die von Schwerthieben herrühren sollten. Wir gingen so hoch hinauf, wie wir nur konnten, und gelangten ungefähr in gleiche Höhe mit dem Kopf der Statue, deren riesengroßes Ohr ich auf 3 bis 4 Meter schätze. Von diesem luftigen Aussichtspunkte aus hatten wir einen großartigen Ausblick auf das Tal, durch das sich der Bamianfluß dahinschlängelt.
Abends packten wir alles für die neue Fahrt und gingen frühzeitig schlafen.
XI
EINE WINTERFAHRT INS AFGHANISCHE HOCHGEBIRGE
Von Bamian aus brach ich dann in den Hindukusch auf. Da der Gouverneur die Fahrt mitmachte, so bildeten wir eine große Karawane, denn er nahm seinen ganzen Troß mit.
Es war ein herrlicher Wintermorgen mit klingendem Frost; keine Wolke war am blauen Himmel zu sehen, und selbst an den fernsten Bergen konnten wir die feinsten Risse und Spalten erkennen. Wir fuhren zuerst mit einem Tonga bis an den Fuß des Ak-Robat-Passes, wohin uns die Pferde gebracht wurden. Dann ritten wir langsam dem Karawanserai zu, das unterhalb des Passes gelegen ist. Dort war schon alles für uns gerichtet, und als etwas später der Gouverneur mit seiner Schar eintraf, wurde das Frühstück eingenommen. Wir lagerten uns alle auf Kelims, die auf der Erde ausgebreitet wurden; und man reichte große Schüsseln mit kaltem Hammelfleisch, das mit Salz und Brot uns trefflich mundete. Der heiße Tee fehlte natürlich auch nicht. Erst gegen Mittag zogen wir weiter.
Die Luft war wundervoll klar und frisch. Ich blieb mit Blaich hinter der Karawane zurück, und wir konnten ganz ungestört die Naturschönheiten auf uns einwirken lassen. Der Anstieg zur Paßhöhe war für die Tiere ziemlich anstrengend, oft blieben sie stehen, um zu verschnaufen. Endlich hatten wir den Sattel erreicht und konnten von hier aus weit über die eingeschneite Bergwelt des Hindukusch blicken. In großen Serpentinen zieht die Straße in das Quellgebiet des Indar-ab hinab. Der Gouverneur und der Schikar-Sahib machten oft Jagd auf Steinhühner, die in den Felsen sich aufhielten. Der Pole, Blaich und ich waren wieder weit hinter der Karawane zurückgeblieben. Stunde auf Stunde verging; es wurde 7 Uhr, und immer noch war kein Robat in Sicht. Die Sonne war schon im Westen hinter den Bergen versunken, und blaue Schatten zogen langsam über die weiten Schneeflächen. Wir merkten deutlich, wie sich die Kältewellen auf das Land legten, und klappten den Kragen unserer Mäntel hoch, vergruben die Hände tief in die Manteltaschen und überließen den Pferden die Führung. Endlich sichteten wir das Karawanserai und waren froh, als wir vom Pferde steigen konnten. Der Name des Platzes war Suchte Tschinar, was »verbrannte Platanen« bedeutet.
Am anderen Tage ging es weiter nach Baiani; teilweise durch sehr enge Täler und Schluchten. Kahl ragen die Felsen zur Linken und Rechten auf, und ich konnte sehr interessante geologische Beobachtungen machen. Die älteren, gestörten Gesteine sind überall von großen, lockeren Konglomeratbänken überdeckt, die beweisen, daß einst große Wassermengen durch diese Täler fluteten.
Wenn wir uns kleinen Dörfern näherten, strömten die Einwohner in Scharen herbei, um uns mit Hurrarufen zu begrüßen. Die Kunde, daß der Gouverneur von Bamian kam, hatte sich anscheinend blitzschnell verbreitet. Kurz vor Baiani trafen wir die ersten Kohlevorkommen, die aber unbedeutend und sehr gestört waren. Mittags war es sehr warm, und mir wurde gesagt, daß nur selten in diesen geschützten Tälern Schnee falle. Baiani ist ein kleines Dorf, und die Einwohner hatten anscheinend noch nie einen Europäer gesehen, denn wir wurden wie Wundertiere angestarrt. Nach dem Mittagessen machte ich mich wieder mit Blaich auf den Weg. Der Gouverneur gab uns einen Soldaten zur Begleitung mit, der die Gegend kannte.
Selten habe ich eine so bunte Bergwelt gesehen. Die unteren Talhänge bestehen aus ziegelroten Sandsteinen und Tonen, die ganz phantastische Verwitterungsformen aufweisen. Wir folgten einer in diesen roten Felsen eingeschnittenen Schlucht, die sich aber derart verengte, daß ein Weiterkommen unmöglich wurde. Über uns türmten sich die grauen Kreidekalkfelsen auf, die noch Schneeflecken trugen. Wir entdeckten eine große Höhle, bei deren Betreten uns eine Schar Steinhühner entgegenflog. Sicherlich nisteten sie hier, und wir hatten sie in ihrer Ruhe gestört. Dann gingen wir wieder in das Haupttal zurück und schlugen den Weg in ein Seitental ein. Wir blieben dort, bis sich die Sonne dem Horizonte zuneigte. Es war eine unbeschreiblich wilde Bergwelt, in die wir einen Einblick tun konnten, und nie werde ich das bunte Farbenbild vergessen, das die untergehende Sonne auf den zerrissenen Felsen hervorzauberte. Feuerrot leuchteten einige Konglomeratbänder, die von grünen Schiefern unterlagert waren. Je nach der Beleuchtung wechselten die Farben in allen Schattierungen.
Die Sonne neigte sich dem Horizonte zu, und immer blauer wurden die Schatten im Tal. Dann kam die Dämmerung, und wir gingen nach Baiani zurück. Man stellte uns die Feldstühle vor unsere Behausung, und so saßen wir, bis das Essen fertig war, am flackernden Lagerfeuer, in dessen Schein die Afghanen standen und das Abendessen bereiteten. Manche standen in Gruppen beieinander und sprachen leise über uns, und hin und wieder wurden uns mißtrauische Blicke zugeworfen. Sehr erfreut schienen die Leute nicht über unseren Besuch zu sein, auf jeden Fall wurden sie in ihrer Ruhe und Abgeschlossenheit gestört.
Am anderen Morgen ging es weiter nach Doab-i-Mekhzarin. Gleich flußabwärts hat sich der Fluß in tiefer Schlucht durch ein Granitgebiet gesägt; senkrecht fallen die Felsen hier zu beiden Seiten ab. Häufig mußten wir den Fluß kreuzen, und manches Mal konnte man die Pferde nur mit Mühe und Not dazu bringen, ins eiskalte Wasser zu gehen. Wir sahen viele Steinhühner, und unsere kühnen Jäger lagen alle paar Minuten im Anschlag. Die ganze Kavalkade mußte dann halten; die Jäger schlichen wie die Katzen unterhalb der Felswände hin, um so nahe wie möglich an die Stelle zu kommen, wo die Hühner gesichtet worden waren. Trotzdem aber verfehlten sie oft das Ziel.
Es ist ein ödes Land, aber wilder, formenreicher als das Zentralgebiet des Hesarajat! Hier kann man Felswände bewundern, die geradezu gigantisch sind. Man kommt sich so klein und schwach vor, wenn man sieht, welche Riesenkräfte hier tätig waren und noch tätig sind, um dem Gebirge Form und Gestalt zu geben. Hier sind ganze Gebirgsmassen über andere Gebirgsmassen geschoben, Klüfte aufgerissen, in die sich die Flüsse gestürzt und tiefe Schluchten ausgefeilt haben. An einer Stelle können wir mitten in der Schlucht noch alte Flußablagerungen an den Hängen erkennen, die zeigen, welche Arbeit der Fluß geleistet hat.
Gegen 2 Uhr kommen wir in dem kleinen Talkessel von Doab an. Wir essen etwas, und dann mache ich mit Blaich wieder Erkundungsfahrten. Wir nehmen einen Eingeborenen als Führer mit und wenden uns zunächst weiter flußabwärts. Der Fluß ist hier breit und reißend und fließt in einem ziemlich breiten Tal. Ein scharfer Ostwind weht uns entgegen, und der Turban des Führers löst sich oft und flattert wie ein weißer Wimpel im Winde. Im Norden wird der Fluß von einer geradezu phantastisch bunten und zerrissenen Bergwelt begrenzt; aber trotz unseres Versuches, dort einzudringen, kamen wir nicht weit (Abb. 48). Wir kehrten daher bald wieder um und versuchten nun, direkt von Doab nach Norden in diese Bergwelt einzudringen, was uns auch gelang, da hier eine kleine Trockenschlucht den Weg vorzeichnete. Diese war in dunkelrote Sandsteinfelsen eingeschnitten, in denen wir einige Versteinerungen fanden, die sehr schwer herauszuschlagen waren. Als wir aus der Schlucht herausgestiegen waren, konnten wir einen herrlichen Blick auf die hohen zerklüfteten Kalkbänke werfen, die gerade von der untergehenden Sonne beleuchtet wurden. Einige kleine, weiße Wölkchen schwebten wie Wattebausche um die Felsen, die nach unten in grüne Schiefer- und dunkelrote Sandsteine übergingen. Um uns herum sah der Boden wie verbrannt aus, und in den verwitterten Aschen und Laven sank man bis über die Knöchel ein. Kein Fleckchen Grün war zu sehen, und ein tiefes Schweigen lag über der einsamen Bergwelt (Abb. 49). Durch ein Fernglas suchten wir die hohen Kreideklippen im Norden ab und sahen auf dem höchsten Steilrand ein paar Steinböcke. Wir hatten aber leider kein Gewehr bei uns.
Der folgende Tag war außerordentlich reich an Eindrücken. Zuerst ging es flußabwärts, und wir folgten demselben Wege, den Blaich und ich gestern schon erkundet hatten. Das Wetter war schön, der Himmel vom reinsten Blau und ohne eine einzige Wolke. Wir bogen in ein kleines Seitental ein. Gegen Mittag kamen wir an einen rauschenden, kristallklaren Bach, an dem wir Mittagsrast machten. Die Pferde wurden an die Büsche angebunden, die den Bach einfassen, die Kelims auf der Erde ausgebreitet und ein Feuer angezündet. Selten hat mir wohl ein Picknick so gut geschmeckt wie dieses in den wilden Bergen des afghanischen Hindukusch. Es gab heißen Tee, kaltes Geflügel, Hammelfleisch und Brot. Auch konnten wir ohne Bedenken das kristallklare Wasser trinken. Gerne wäre ich an dieser Stelle noch geblieben, um das herrliche Landschaftsbild im Aquarell festzuhalten. Aber wir mußten weitereilen. Ein frischer Wind erhob sich, als wir tiefer in das Gebirge hineinstiegen. Die Bergwelt war so zerrissen und bunt wie in den Tagen zuvor. Immer wieder müssen wir hinauf und hinunter. Manchmal wandern wir durch ganz enge Schluchten, in denen kaum ein Pferd Platz hat und man ständig aufpassen muß, daß man sich nicht die Knie an den Felsen zerstößt. Es sind richtige Korridore, durch die wir uns hindurchschlängeln müssen, und rechts und links von uns recken sich die Felsen senkrecht in die Höhe. Dann geht es wieder steil hinauf, über Pässe, von denen aus wir auf die Schluchten und Talrisse hinabblicken können.
Im Süden ragen einige der Hauptgipfel der Hindukuschkette über die Bergwelt, in der unser Weg verläuft, hinaus; im Norden aber ziehen sich die steilen Wände der Kreidekalkplatten hin. Von Vegetation ist keine Spur zu erkennen; kein Lebewesen zeigt sich weit und breit. Wieder geht es einen Paß hinauf. Ich bin mit Blaich und dem Diener des Polen weit zurückgeblieben. Wir mußten auch die Pferde neu satteln und schoben so eine kleine Rast ein. Fast unheimlich wurde es einem in dieser Felsöde. Tot ist das Land, und stundenlang geht es durch diese öde Bergwelt.
Einmal begegnete uns eine kleine Mauleselkarawane, die große Blöcke schmutziggrauen Salzes nach Kabul brachte. Die Salzlagerstätten liegen bei Khanabad. Von der letzten Paßhöhe aus bot sich uns ein überwältigend schöner Anblick. Wohl nie habe ich einen solch halsbrecherischen Weg in die Tiefe gesehen! Hunderte von Metern fallen die Felswände steil in unergründliche Tiefen, und an den Rändern dieser Steilabfälle führte der Weg ins Tal des Surch-ab. Tausende kleiner Schluchten sind in das weiche Gestein hier eingerissen, und der Formenschatz der Landschaft ist außerordentlich reich.
Vor uns zog sich eine hohe Kette hin, auf deren obersten, bräunlich violetten Felsbänken kleine Schneeflecken lagen; unter diesen aber zogen sich dunkelrote Konglomeratbänder sowie die grünen Schiefer hin, die das Tal ausfüllten. Gerade als die Sonne goldgelb hinter den Bergen versank, kamen wir an ein paar elende Lehmhütten. Kaum hatten wir uns ihnen genähert, als wir sehr unliebsam von den großen Hunden empfangen wurden und uns kaum getrauten, weiterzureiten. Von unserer großen Karawane sahen wir nichts, und wir hatten keine Ahnung, wo sie weilen mochte. Wir ritten etwas weiter, aber die Hunde griffen unsere Pferde an und bissen sie in die Beine. Das wurde uns denn doch ein bißchen zu dumm, und wir forderten die Einwohner auf, die Tiere anzubinden, was dann auch nach einigem Zögern geschah. Die Leute waren recht unfreundlich – vielleicht auch ängstlich, sagten uns aber schließlich, wo unsere Karawane war, und nach einer Viertelstunde waren wir wieder zu den anderen gestoßen, die in den kleinen Hütten von Barfak Quartier bezogen hatten.
Am anderen Morgen schneite es, und wir blieben daher in unseren Lehmhütten. Uns war diese Rast willkommen, denn der gestrige Tag war doch ziemlich anstrengend gewesen. So machten wir es uns so bequem wie möglich, lagerten uns um ein Feuer, schrieben Tagebuch, lasen oder unterhielten uns mit den Afghanen. Draußen schneite es lustig, die Flocken tanzten und wirbelten, und bald war der Boden mit einer weißen Decke überzogen. Von den hohen Bergen sahen wir nichts mehr. Traurig standen die Pferde im Hof; sie sahen wie weiß gepudert aus. Gegen Mittag aber wurde es heller und heller, und bald schien die Sonne, die den Schnee schnell wieder wegschmolz. So brach ich denn mit Blaich und zwei Dienern zu einer neuen Rekognoszierungsfahrt auf.