Quer durch Afghanistan nach Indien
Part 8
Einige Verkaufsstände waren richtige kleine Warenhäuser, in denen man alle möglichen europäischen Waren erhalten konnte; von Zahnbürsten und Chlorodont angefangen bis zu französischen Parfüms, Eismaschinen und kleinen Harmoniums. Jedes Handwerk und Gewerbe hat seinen bestimmten Bezirk. Da sind 6 bis 8 Verkaufsstände nebeneinander, in denen die Kupferschmiede ihrer Arbeit nachgehen und hübsche Teller und Schüsseln herstellten. Hier herrschte immer ein ohrenbetäubender Lärm, so daß man sein eigenes Wort nicht verstand. Gegenüber sitzen die Sattler und weiter nach dem Zentrum des Basars zu die Tuch- und Teppichhändler. Aber nur selten fand man hier ein wirklich schönes, preiswertes Stück, wie zum Beispiel feine zierliche Mauris mit ihren bunten Mustern und tiefblaurote Heratis, die oft einen so feinen weichen Glanz haben.
Bunt sah es bei den Färbern aus; da standen die großen Bottiche mit den tiefgrünen, roten oder blauen Lösungen, und hoch über der Straße waren Stricke gespannt, an denen die frischgefärbten Tücher im Winde flatterten.
Am interessantesten aber war es wohl im Trödlerbasar. Da konnte man manchmal seltsame Dinge sehen, die auf rätselhafte Weise ihren Weg nach Afghanistan gefunden haben mußten, wie Mausefallen, alte Musikinstrumente, vergilbte Bilder von europäischen Herrschern, alte englische Uniformen, Kürassierhelme, englische und französische Romane, ja selbst Rothschilds Taschenbuch für Kaufleute hatte sich in einen Trödlerladen verirrt!
Sodann dürfen die Wasserpfeifenverleiher nicht unerwähnt bleiben, die an einigen Straßenecken stehen und den Vorübergehenden gegen Zahlung von einem Pais (= dreiviertel Pfennig) einen Zug aus der Wasserpfeife tun lassen. Seltsame Bilder konnte man manchmal in den Schlachterläden und öffentlichen Küchen sehen, wo oft eine Reihe gesottener Hammelköpfe einen nicht gerade appetitlichen Eindruck machte.
Nicht zu vergessen die Bettelkinder (Abb. 31). Ging man durch die Straßen, dann hörte man wohl plötzlich ein kleines feines Stimmchen neben sich sagen: »Sahib, paiseh bideh! Sahib, schenk mir einen Pais!« Und dann blickten einen zwei große dunkle Kinderaugen fragend an.
Noch sehe ich das eine kleine Bettelmädchen vor mir. Sie war in der ganzen Kolonie bekannt, war sicher nicht älter als 10 bis 12 Jahre und ging in Lumpen gekleidet, trug aber silberne Fingerringe. Um den Kopf hatte sie ein grobgewebtes, schmutziges Leinentuch gelegt, unter dem ihre schwarzen glänzenden Haare hervorschimmerten. Ihre Augen waren groß, schwarzbraun; manchmal blickten sie fragend, ängstlich, manchmal aber blitzte der Schalk aus ihnen. Sie wußte ganz genau, daß sie von den Europäern immer eine Kupfer- oder eine kleine Silbermünze erwarten durfte. Dann saß sie wohl manchmal stundenlang vor unserem Haustor und spielte mit ihren Kameradinnen, die gerade so arm und zerlumpt waren wie sie selbst. Mit kleinen Hammelknöchelchen spielten sie Murmeln oder amüsierten sich damit, Steine in das schmutzige Grabenwasser zu werfen. Kam ein Europäer, dann unterbrach sie sofort das Spiel, stellte sich vor den Eingang unseres Hauses, sprach mit der feinsten, klingendsten Stimme, die man sich denken kann, ihr: »Paiseh bideh«, legte das Händchen verlegen an den Mund und schaute mit unsagbar traurigen, bittenden Augen den weißen Mann an. Selten war einer so hart und ging vorüber, ohne ihr etwas zu schenken. Dann ging ein Leuchten über ihr Gesicht, und lachend sprang sie wieder zu ihren Spielgefährten zurück.
Sie hatte eine kleine Freundin, die genau so schwarzes Haar und schwarze Augen hatte wie sie selbst, nur sah sie elend und krank aus. Oft hatten beide einen groben Linnensack umhängen, und dann gingen sie betteln und tobten durch die Gassen des Basars. Hier erhielten sie ein Stück trocken Brot, dort einen Apfel, hier schon etwas verfaulte Weintrauben, und dort stahlen sie ganz unauffällig ein Stückchen Kuchen. Und dann jagten sie wieder weiter. Oft traf ich die beiden in den verlassendsten Winkeln der Stadt.
Eine Beschreibung des Kabuler Basars aber würde unvollständig sein, wenn man nicht auch der vielen Hunde gedenken würde, die sich hier herumtreiben. Meistens lagen sie vor den Verkaufsständen und suchten sich immer die Stellen aus, wo die Sonne ihre hellen Flecke am Boden abzeichnete. Da lagen sie dann zu vieren oder zu fünfen beieinander und schliefen. Aus dem Wege gingen sie nie, lieber ließen sie sich treten und überfahren. Oft genug bissen sie sich. Dann hagelte es Fußtritte und Stockschläge. Viele Hunde waren räudig und boten einen grauenhaften Anblick.
Das Klima Kabuls ist infolge seiner Höhenlage sehr gesund. Im Sommer, wenn die Temperatur bis auf 35 bis 40 Grad Celsius mittags im Schatten stieg, fiel sie nachts auf 25 bis 28 Grad Celsius. Im Winter war es an manchen Tagen recht kalt, und wir konnten oft –15 bis –20 Grad Celsius ablesen. Die Niederschläge fallen im Winterhalbjahr, von Dezember bis Mai. Aber auch im Sommer zog manchmal eine Wolkenwand im Süden auf, und oft konnten wir Blitze und Wetterleuchten in dieser Gegend sehen. Sehr wahrscheinlich waren dies Ausläufer des indischen Monsuns. Gewitter gab es verhältnismäßig selten und wenn, so fehlten meistens die Niederschläge. Trotz der Höhenlage gab es aber in Kabul auch Malaria, und wir waren gezwungen, unter Moskitonetzen zu schlafen und ständig Chinin zu nehmen.
Zu erwähnen sind noch die vielen Erdbeben, die wir in Kabul erlebten, verging doch kaum ein Monat, ohne daß wir Stöße verspürten. Manchmal wurden wir nachts dadurch geweckt, dann kam es uns vor, als ob jemand unser Bett bewegte. Das schwerste Erdbeben machte ich in Dschelalabad mit.
Es war mein letzter Tag in Afghanistan. Spät abends waren wir erst in Dschelalabad eingetroffen, da wir unterwegs viele Autopannen gehabt hatten. Im Palast Bagh-i-Schahi wurde ich von einem afghanischen Oberst sehr liebenswürdig angenommen und erhielt mein Nachtquartier auf der Veranda angewiesen. Es war eine helle Vollmondnacht, wie wir sie wohl in kalten Winternächten manchmal bei uns haben. Silberweiß lag das Licht auf den Wegen und auf dem Steinboden der Veranda. Gegen zehn Uhr legte ich mich schlafen. Da höre ich plötzlich ein fernes Heulen, und ehe ich mich versehe, braust ein mächtiger Sturm über das Land hin. Keine Wolke war am Himmel. Da die Fensterscheiben in der großen Glasveranda nicht verkittet waren, so war das Klirren der Scheiben ohrenbetäubend. Trotzdem nickte ich ein wenig ein; da verspürte ich einen Erdstoß, dem mehrere folgten. Ich blieb ruhig im Bett; denn wir waren von Kabul her schon die Erdbeben so gewöhnt, daß wir uns nicht weiter darüber aufregten. Aber ich merkte, wie die Stöße immer stärker und stärker wurden, und gerade überlegte ich mir, ob ich aus dem Haus in den Garten laufen sollte, als schon große Stücke Stuck und Verputz von der Decke herunterfielen und Risse über die Wände liefen. Da eilte ich so schnell wie möglich hinaus. Auch sämtliche Bewohner des Palastes – afghanisches Militär und Diener – versammelten sich in dem vom bleichen Mondschein erhellten Hof. Wir warteten eine Viertelstunde und wagten uns dann wieder ins Haus. Wie ich später feststellen konnte, war dieses Erdbeben sowohl in Dakka wie in Peshawar und sogar bis Delhi gespürt worden.
Die vielen Erdbeben in Kabul sind sicher darauf zurückzuführen, daß sich verschiedene große Bruchlinien im Kabulbecken kreuzen. Viele der großen Ebenen Afghanistans, die innerhalb der Berge liegen, sind sicher Einbruchsbecken. In früheren Zeiten soll Kabul auch einmal von einem Erdbeben sehr heftig betroffen worden sein, so daß ein großer Teil der Stadt zerstört wurde.
Malerische Partien finden sich längs des Kabulflusses, wo tiefe Schluchten mit fruchtbaren Ebenen wechseln, die früher zum größten Teile von Seen ausgefüllt waren. Weit muß diese Zeit zurückliegen, und doch gibt es alte Sagen, die noch an diese Zeiten erinnern, wie die von der schönen Königstochter, die ihren Gemahl veranlaßte, den See, der einst die Kabuler Ebene ausfüllte, zu entleeren, um hier Gärten und Paläste anzulegen. An der Stelle, wo heute die Teng-i-Garu-Schlucht beginnt, sollen damals die Felsen gesprengt worden sein, so daß der See dadurch entleert wurde.
Die nähere Umgebung Kabuls ist sehr hübsch. Da reihen sich Gärten an Gärten und Felder an Felder, durch die sich viele kleine Bewässerungskanäle ziehen. Unter hohen und ehrwürdigen Pappeln und Maulbeerbäumen liegen die kleinen Lehmdörfer versteckt. Scharf schneiden die kultivierten Bodenstrecken, die Ebenen, von den kahlen, verwitterten Bergen ab, auf denen man nur hin und wieder einen Strauch oder eine Blume finden kann.
Am Fuße der Paghmankette, in einer Höhe von ca. 2350 Meter, liegt die Sommerresidenz des Emir. Wird es im Mai in Kabul zu heiß, so wird die Regierung nach Paghman verlegt (Abb. 37). Alle Ministerien müssen dann mit umziehen, und in Kabul wird es merklich still und ruhig. Paghman liegt ca. 25 Kilometer von der Hauptstadt entfernt am Fuße der hohen Bergkette, die die Ebene von Kabul beherrscht und deren höchste Gipfel, über 5000 Meter, bis in den Herbst hinein eine Schneedecke tragen. Herrliche Blumengärten gibt es hier und große alte Baumbestände, um deren Pflege sich der Hofgärtner des Emir, ein Ungar, große Verdienste erworben hat. Überall sprudeln frische Quellwasser, und im Schatten der hohen Bäume werden Erinnerungen an Deutschlands Wälder wach. Von Paghman aus soll ein Weg ins Gebirge führen, wo in großer Höhe ein kleiner See liegt, der fast das ganze Jahr über gefroren ist. In diesem Orte wird auch in jedem Jahr das Unabhängigkeitsfest, das »Jeschm« gefeiert; leider wurde es im Jahre 1924 wegen der unruhigen Lage abgesagt. Im Vergleich zu Kabul ist Paghman ein Luftkurort; die Luft ist herrlich, frisch und rein. Im Winter aber liegt es unter einer dicken Schneedecke begraben, und nur ein paar Wächter bleiben dann oben im Gebirge. Seltsam wirkt hier der von einem Türken erbaute Triumphbogen (Abb. 40).
Emir Amannullah Khan hat nach dem letzten englisch-afghanischen Kriege 1919 sein Land den Europäern geöffnet. Deutsche Ingenieure bauen Straßen, deutsche Architekten die neue Stadt Darulaman. Eine deutsche Ärztemission leitet die Hospitäler, und die oben schon erwähnte deutsch-afghanische Kompanie versucht, Handel und Wirtschaft Afghanistans in neue Bahnen zu lenken. Eine deutsche und eine französische Schule sind gegründet worden. Auch Italiener stehen im Dienst des Emir; viele aber verließen im Herbst 1924 das Land.
Der Emir hat den aufrichtigen Wunsch, sein Land in jeder Weise zu heben; aber er möchte zu viel auf einmal erreichen. Große Pläne und große Ideen schweben ihm vor, aber um sie durchführen zu können, gehört viel Geld. Am notwendigsten für das Land ist zweifellos der Ausbau des Wegenetzes und der Bau guter Straßen, damit die Transportverhältnisse besser und billiger werden. Ein kühner Plan ist der Bau der Straße längs des Kabulflusses. Dort werden an die Ingenieure die höchsten Anforderungen gestellt, denn der Kabulfluß durchbricht die hohe Bergwelt, die sich zwischen Kabul und Dschelalabad ausdehnt, in tiefen Schluchten.
Der Bau der neuen Stadt hat viel Anlaß zu Meinungsverschiedenheiten gegeben (Abb. 43, 53). Zweifellos wird es notwendig sein, später einmal eine neue Stadt zu bauen; aber im Augenblick warten wichtigere Aufgaben der Lösung. Sicherlich ist doch ein großer Teil der Bevölkerung durch den Bau dieser neuen Stadt, der viel Geld verschlingt, mißgestimmt, und die Mollahs – die mohammedanischen Priester – nutzen dies aus und hetzen im stillen; denn sie sind noch nicht damit ganz einverstanden, daß die Europäer ins Land gezogen werden.
Im allgemeinen kam die Bevölkerung den Europäern freundlich entgegen, wenn es auch Ausnahmen gab. Besonders die Polizisten schienen es manchmal geradezu darauf anzulegen, sich den Europäern möglichst unfreundlich zu zeigen. In Kabul konnte man sich ungehindert frei bewegen und ruhig allein in den Basar gehen; selbst in den finstersten Stadtteilen bin ich unbelästigt umhergegangen, und es wird kaum von einem Notiz genommen.
Von den Frauen Kabuls habe ich nur wenige gesehen. Sie gehen tief verschleiert und sind in große, hellblaue oder weiße pelerinenartige Gewänder gehüllt. Nach den Kindern zu urteilen, müssen sie sehr hübsch sein. Unter den Nomadenfrauen, die unverschleiert gehen, sieht man tatsächlich sehr schöne Gestalten. Sie haben große Ähnlichkeit mit den Zigeunern, feine ovale Gesichter, dunkle Augen, tiefschwarzes Haar. Die alten Frauen aber sind sehr häßlich; man sah wohl dann und wann das Gesicht einer der alten Bettlerinnen, die auf der Promenade längs des Kabulflusses hockten und dort stumpfsinnig, den Kopf in die Hände gestützt, ständig ihr »Paiseh bideh« murmelten.
VIII
TRÜBE WINTERTAGE
In den ersten Wochen, die wir in Kabul zubrachten, weilten wir im afghanischen »Hotel«. Die Zimmer waren ganz hübsch. Sie waren mit Kelims und Matten ausgelegt, über die wir dann unsere eigenen Teppiche breiteten; wir hatten Tische und Stühle und schliefen in unseren Feldbetten. Da wir alle aber sehr viel Sachen hatten, wurde der Platz doch sehr eng.
Tagsüber war es noch sehr schön warm; wir konnten sogar in der Sonne auf der kleinen Terrasse vor unserem Zimmer zu Mittag essen. Es waren die letzten schönen Tage des Jahres.
Das Hotelleben war auf die Dauer teuer, und wir mußten uns nach einer anderen Wohnung umsehen. Aber in ganz Kabul war kein für unseren Betrieb geeignetes Haus zu finden. Auch dort herrscht Wohnungsnot. Da bot uns eines Tages der Inhaber des Hotels an, wir sollten das Haus mieten, das er jetzt schräg gegenüber vom Hotel baute. Es war uns dieses Haus schon aufgefallen; die nach der Straße zu gelegene Seite war auch fertig, es waren zwei große Schaufenster im Erdgeschoß, und das Ganze machte für afghanische Verhältnisse einen recht hübschen Eindruck. Die Zimmer im Innern waren durchweg geräumig, so daß wir bald sahen, daß wir nichts Gescheiteres tun konnten, als dieses Haus zu mieten.
Aber der Besitzer war ein ganz durchtriebener Bursche. Er war Geschäftsmann und glaubte, von den Europäern erhalten zu können, was er nur verlangte. Tage – ja wochenlang wurde gehandelt –, wie das in Afghanistan üblich ist. Verträge wurden aufgesetzt, wieder zerrissen, neu entworfen! Kam der alte Gauner nach dem Mittagessen zu uns, dann mußten die Diener einen großen Kelim in der Sonne ausbreiten und Tee bringen, und dann wurde stundenlang verhandelt und debattiert. Hatte man sich glücklich geeinigt, so konnte man sicher sein, daß man am anderen Tage von neuem beginnen mußte. Wir bestanden dann darauf, daß er einen Mirza – einen Schreiber – mitbrachte, damit der Mietvertrag ordnungsgemäß aufgesetzt würde. Schreiben und lesen konnte der Alte nämlich nicht. Wohlweislich unterschrieben wir den Vertrag nicht sofort, sondern zeigten ihn erst einmal einem anderen Herrn, der ausgezeichnet Persisch verstand. Da zeigte es sich dann, daß doch etwas anderes, als was vereinbart, darinnen stand!
Wieder folgten endlose Verhandlungen, ehe der Vertrag endlich unterzeichnet wurde. Aber das Haus war halbfertig; einziehen konnten wir noch nicht. Türen und Fenster fehlten, und Öfen waren noch nicht gesetzt. Es wurde uns aber hoch und heilig versprochen, daß in einer Woche alles fertig sein würde. Die Woche verging, und als wir das Haus wieder betraten, war fast nichts getan worden. Wir wurden vertröstet. Eines Nachmittags erschien denn auch der eine Boy und sagte, wir sollten uns die Öfen ansehen. Also ging die Arbeit vorwärts, wenigstens sah es so aus! Die Öfen haben uns oft Sorge gemacht. Die kleineren wurden aus Petroleumbüchsen gemacht und haben den Nachteil, daß man alle halbe Stunde wenigstens Holz nachlegen mußte. Denn mit Kohle war es in Kabul schlecht bestellt. Wenn auch im Lande viel Kohle ist, so lohnt sich der Transport nach Kabul doch nicht. Schon im Hotel hatten wir unsere Freude an solch einem Ofen gehabt. Erst rauchte er wie ein Schlot, und als dem Übel abgeholfen war, wollte er nicht ziehen. Brannte aber einmal das Feuer, dann war der Ofen auch in ein paar Minuten rotglühend. Ging man einen Augenblick fort und kam wieder, dann war er ausgebrannt, und man mußte wieder von neuem Feuer anlegen. Besser waren schon die etwas größeren Öfen mit Wasseraufsatz. Rechtzeitig mußten wir auch Brennholz einkaufen. Manchmal war tagelang im Basar nichts aufzutreiben, oder das Holz war feucht und brannte nicht.
Dann kam der erste Schnee, und es wurde kälter und kälter. Es wurde Zeit, daß wir umzogen. Aber der Alte hatte tausend Ausflüchte; am Haus wurde nichts mehr getan. Die Fenster fehlten noch, die Wände waren nicht geweißt, keine Tür schloß richtig. Aber es hieß, bei dem kalten Wetter könnten die Leute nicht arbeiten, und erst müsse der Schnee vorbei sein. Wir drohten, den Vertrag zu zerreißen, wenn er nicht wenigstens Fenster und Schlösser in drei Zimmern anbringen lasse. Endlich, nach langem, langem Warten, konnten wir denn auch einziehen. Nie werde ich diesen ersten Umzug vergessen, bei dem Hammals, Lastträger, Stück für Stück unserer Ausrüstung vom Hotel ins neue Haus brachten. Für die Diener war es ein Festtag; denn sie konnten die Lastträger kommandieren und kamen sich ungeheuer wichtig vor.
Wir wollten jetzt auch eigene Küche führen; Juma sollte kochen. Aber der arme Junge verstand nur einen Pilau zuzubereiten; und sagte man ihm etwas, so starrte er einen mit offenem Munde an, was Wagner oft aus der Fassung brachte. Die Küche ist unsere Sorge geblieben. Wir haben viel Köche gehabt, sogar einen Hofkoch des Emir, und doch waren wir mit keinem zufrieden. Bevor wir unsere Küche eingerichtet hatten, nahmen wir unsere Mahlzeiten gemeinsam bei den Lehrern ein. Dann zogen wir abends im Dunkeln durch die engen finsteren Gassen nach dem »Paukerheim«. Ein Diener mit Laterne begleitete uns. Das Essen war gut, und Juma wurde abkommandiert, hier das Kochen zu lernen. Da es keine Backöfen gab, mußten alle Mahlzeiten auf kleinen Kohlenbecken zubereitet werden. Wir ließen Juma etwa vier Wochen gewähren, dann sollte er kochen. Und er tat es auch. Tag für Tag gab es Fleischknödel, mittags und abends, die auf ihn wohl einen besonders guten Eindruck gemacht hatten. Vielleicht machte ihm auch die Fleischmaschine so viel Freude, die wir im Basar erstanden hatten. Als wir ihn einmal fragten, ob er denn gar nichts anderes kochen könne, meinte er: O ja, Pilau! Es war zum Verzweifeln mit dem armen Jungen. Ich glaube, er sehnte sich wieder nach dem freien Karawanenleben zurück. Oft stand er ganz in Gedanken versunken da und träumte.
Im Hotel konnten wir uns nicht viel um ihn kümmern. Da meine Freunde einen tüchtigen Diener namens Abdul Sebur engagiert hatten, brauchte Juma nur mein Zimmer in Ordnung zu halten. Und das machte er gut. Er sah auch das Zeug nach, nähte abgerissene Hosenknöpfe an und versuchte Strümpfe zu stopfen. Aber wir hatten zum Schlafen für ihn keinen Platz. Nachts war es draußen schon zu kalt, als daß er hätte im Freien nächtigen können. So mußte er im Pferdestall bei dem Hesare, dem Pferdeknecht, schlafen; das kränkte ihn tief.
Eines Morgens, als ich den niedrigen, kleinen, finsteren Stall betrat, um nach meinem Pferd zu sehen, saß Juma frierend an der Glut eines erlöschenden Lagerfeuers. Der Hesare war wieder einmal fortgegangen, und Juma mußte das Amt des Wächters übernehmen. Stets wenn man den Hesare brauchte, hieß es: Hesare basar räft (Hesare ist nach dem Basar gegangen). Mir tat Juma aufrichtig leid. Er hatte sich sicher seine Stellung in Kabul anders gedacht. Als ich eintrat, stand er auf und sagte verlegen: »Sahib, sieh, hier muß ich nun schlafen. Schlecht ist es hier und dumpfig.« Dabei hustete er und bat um eine Decke, die ich ihm auch verschaffte. Später gab ich ihm oft noch ein Trinkgeld in die Hand; er hatte auf der Karawanenreise doch gut für mich gesorgt. Daß er so dumm war, dafür konnte er ja schließlich nichts.
Als ich die Hindukuschtour antrat, wollte er gerne mit; ich merkte, er sehnte sich fort von Kabul. Aber leider konnten wir ihn nicht mitnehmen. Als nun seine Kochkunst auch versagte, war er eigentlich nur mehr geduldet. Er hatte wieder nur die Zimmer zu besorgen. Morgens mußte er zuerst den Ofen heizen, denn nachts wurde es in den Räumen immer sehr kalt, da weder Fenster noch Türen gut schlossen.
Eines Wintertages, als draußen eisige Kälte herrschte und große Eisblumen an unseren Fenstern waren, trat Juma morgens leise ins Zimmer. Er glaubte, ich schliefe. Leise trat er an meinen Arbeitstisch und suchte, nahm meine Zigarettendose und steckte sich verstohlen und bedächtig eine Zigarette an. Plötzlich sah er, daß ich ihn beobachtete, und nie werde ich sein verlegenes, bestürztes Gesicht vergessen! Er stand wie versteinert! Beschämt schlug er die Augen nieder. Im ersten Augenblick wollte ich ihn gefährlich anfahren; aber ich hatte dann doch Mitleid mit ihm. So sagte ich nur, indem ich leise den Kopf schüttelte: Juma, tschi mikuni? Juma, was machst du da? Er antwortete nichts, legte die Zigarette auf den Ofen und ging still aus dem Zimmer. Widerworte wie andere Afghanen hatte er nie.
Der Winter war gekommen. Grau war der Himmel; Schneedecke legte sich auf Schneedecke (Abb. 41). Die Diener hatten stundenlang zu arbeiten, um den Schnee vom flachen Dache zu schippen. Alles war naß und feucht. Aber solange es kalt war und schneite, war es noch zu ertragen; doch dann kam eines Tages das Tauwetter und verwandelte die Straßen in einen Morast (Abb. 33). Der Schnee auf dem Dache schmolz und das Wasser tropfte an allen Stellen durch die Decke. Schüsseln und Töpfe wurden aufgestellt und in dem einen Zimmer mußten wir eine große Zeltleinwand ausspannen, in der sich bald ein kleiner See ansammelte, der alle halbe Stunden entleert werden mußte! Wir alle waren stark erkältet. Die Zimmer wurden kaum warm. Wir legten uns die Pelze über die Knie und tranken oft Schnaps – oder besser Raki, Marke »Stacheldraht« getauft – den einer der Europäer fabrizierte. Mit Apfelsinensaft und Zucker vermischt konnte man ihn trinken, und da wir diese Mischung erfunden hatten, erhielt sie fortan in der deutschen Kolonie den Namen »Marke OHA« (OHA = Orienthandelsaktiengesellschaft). Lange blieben wir abends nicht auf. Die Beleuchtung war zu schlecht. Wir hatten nur Stallaternen und wenn man nicht ständig aufpaßte, rußten sie. Vor dem Schlafengehen wurde im Ofen noch einmal Feuer gemacht. Dann rückten wir ganz nahe heran, legten Holzscheit auf Holzscheit und blickten in die flackernden Flammen. Bald wurde es in der Nähe des Ofens mollig warm; und oft genug strahlte er eine solche Hitze aus, daß man nicht dicht herangehen konnte. Aber die Freude dauerte höchstens eine Viertelstunde, dann war das Holz verbrannt und die Kälte zog wieder ein. Wir deckten uns mit Wolldecken und Schafpelzen zu, plauderten noch eine Weile aus unseren Pelzhöhlen und sanken bald in tiefen Schlaf.
Eines Tages war der Schneefall außerordentlich stark. Schon morgens, als wir aus unseren Fenstern blickten, sahen wir das Wirbeln der dicken Flocken. Von den gegenüberliegenden Bergen war nichts zu erkennen. Die großen Raben saßen regungslos auf der Mauer; auch ihnen war das Wetter wohl zu kalt. Als ich mittags einen Spaziergang machte, versank ich fast im Schnee und die weißen Flächen blendeten derart, daß ich die Augen kaum offen halten konnte. Froh war man dann, wenn man wieder in seiner Lehmbude war und am heißen Tee sich wärmen konnte.