Quer durch Afghanistan nach Indien

Part 7

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Wir haben jetzt wieder einen herrlichen Ausblick auf die Kuh-i-Baba-Kette. Die Pferde gehen sehr langsam, und die Marschgeschwindigkeit nimmt von Tag zu Tag ab. Vor uns dehnt sich ein großes, von vielen kleinen Bächen durchschnittenes Hochplateau aus (Abb. 24). Mit Hilfe des Fernglases erkenne ich das Karawanserai von Badassia. Aber stundenlang müssen wir noch reiten.

Wenn man täglich so zehn Stunden im Sattel sitzt, wird man schließlich müde und gleichgültig gegen alles. Ich glaube, ich bekam es fertig, manchmal an gar nichts zu denken. Gegen vier Uhr kamen wir im Robat an, das verlassen war. Gul Mohammed war im Dorfe gewesen und hatte versucht, Lebensmittel und Brennholz zu kaufen; aber die Leute waren sehr unfreundlich und gaben nichts. Es blieb uns also nichts anderes übrig, als uns selbst zu helfen. An einigen Stellen war das Robat eingefallen, die Decken eingestürzt; dort sahen die dicken Balken heraus. Das würde ein feines Brennholz geben! Aber es war unmöglich, die Hölzer herauszuziehen oder zu zerkleinern. Uns fehlte es an Werkzeugen. Ich hatte nur meinen Geologenhammer und ein großes Taschenmesser. Nach stundenlangem Suchen und Arbeiten hatten wir endlich einige kleine Hölzer gefunden; dazu schnitt ich mit dem Messer von den größten Balken Späne ab, so daß wir wenigstens ein kleines Feuer anzünden konnten.

Mit dem Abendessen sah es auch traurig aus. Es gab trocken Brot mit Zucker. Dann gingen wir früh schlafen. Die Nacht war bitter kalt gewesen, und ein unfreundlicher Morgen mit schneidendem Wind und klingendem Frost erwartete uns. Der Mond stand noch am Himmel, und die Sterne funkelten, als die Tiere beladen wurden. Man konnte deutlich beobachten, wie der Mond sich mehr und mehr dem Horizonte zuneigte. Bald war er hinter der hohen Mauer des Robats verschwunden, und nur durch die Türöffnung fiel sein fahler Lichtschein in den Hof.

Der Sonnenaufgang bot wieder ein prächtiges Schauspiel. Vor uns war ein kleiner Paß, er war niedrig, machte uns aber viel zu schaffen. Es war eisig kalt, und obgleich wir alle zu Fuß gingen, waren wir bis ins Mark erstarrt. Unsere Lippen waren gerissen und blutig, ebenso unsere Hände.

Auf der Paßhöhe wollten wir wieder ein Feuer anzünden, aber das kärgliche Gestrüpp war so fest in den Boden gefroren, daß wir es erst mit dem Hammer herausschlagen mußten, was mit den klammen Händen nicht leicht war. Mein Geologenhammer war überhaupt zu allem gut; mehr als einmal am Tage verlangte Juma den »Chergosch«, sei es zum Zerkleinern des Hutzuckers, sei es um das Hammelfleisch mürbe zu schlagen und die Knochen herauszutrennen, sei es um einer allzu zudringlichen Katze einen Schlag damit zu versetzen!

Die Temperatur war –18 Grad Celsius. Wir freuten uns, als es bergab ging und wir im Morgensonnenschein reiten konnten. Gul Mohammed war zurückgeblieben. Dabei war es ihm geglückt, in ein paar kleinen Hesarenhütten einige Pfund prachtvoller Weintrauben aufzutreiben, die – wenn auch eiskalt und halbgefroren – trefflich mundeten. Wieder umgab uns richtige Hochgebirgslandschaft: Felsen, Schnee, Geröll; kein Grün, kaum ein Strauch war zu erblicken.

Wir reiten durch eine malerische wilde Schlucht, wo unzählige Geier hausen. Sie sitzen stumm auf den Felsen, als ob sie aus dem Stein herausgeschlagen seien; nur wenn wir mit Steinen nach ihnen werfen, fliegen sie auf und schweben mit schweren Flügelschlägen den hohen Gipfeln zu. Dann kommen wir wieder in das breite Hilmendtal, in dem viele kleine Siedelungen liegen.

Heute früh schickten wir Gul Mohammed weit voraus, um für abends schon Proviant einzukaufen. Er schwang sich auf das eine Packpferd und ritt im Galopp davon. Als wir nach einer Stunde zu ihm stießen, hatte er tatsächlich einige Hühner erstanden, die wir dem einen Packpferd aufbanden. Auch war es ihm geglückt, fünf Brote zu kaufen.

Zur Linken haben wir jetzt ganz nahe die mit Schnee bedeckten Berge des Kuh-i-Baba. Ich mache verschiedene photographische Aufnahmen und zeichne von der Hauptkette ein Panorama. Auch das Hilmendtal ist von Terrassen eingesäumt, was beweist, daß auch dieser Fluß früher viel größere Wassermengen führte (Abb. 25). Wohin man auch in Afghanistan kommt, überall findet man die Hinweise auf ein ehemals viel feuchteres Klima. Nur die allerhöchsten Bergketten scheinen während der Eiszeit stärker vergletschert gewesen zu sein. Sonst äußerte sich die Eiszeit in gewaltigen Niederschlägen; große Flüsse müssen das Land durchzogen und viele Seen bestanden haben. Doch dies sind Fragen, die ausführlich in meinem wissenschaftlichen Werke behandelt werden sollen.

Vor uns, südlich vom Flusse, sehen wir den Anstieg zu einem hohen Passe; eine große Kamelkarawane zieht gerade hinauf; auch wir folgen diesem Wege. Schnee, Schnee und wieder Schnee! Wir sind jetzt über 3000 Meter hoch. Kurz vor Jaokul treffen wir auf die große Straße, die von Turkestan kommend über Bamian – den Hajigakpaß – Jaokul nach Kabul geht. In dem Karawanserai von Jaokul ist daher viel Leben, und nur mit Mühe finden wir hier Platz. Die Leute hier sind überdies sehr unfreundlich und die Lebensmittelpreise hoch.

Nach einer kalten Nacht brechen wir morgens gegen fünf Uhr auf. Es ist Vollmondschein, und infolge des vielen Schnees ist es sehr hell. Der Weg vom Robat bis auf die Paßhöhe des Unai steigt langsam an; in der frischen Morgenluft bereitet das Gehen eine wahre Freude. Eine tief eingeschneite Hochgebirgswelt umgibt uns (Abb. 23). In einem kleinen Seitentälchen, das den Weg kreuzt, finden wir einige Gräber. Einfache Steinplatten und Felsblöcke sind aufeinandergehäuft, und an Kopf- und Fußende sind zwei hohe Steinplatten in den Boden gesteckt. Juma, der schon in früheren Zeiten durch Jaokul gereist ist, erzählt uns folgende Geschichte:

Es war in einer Winternacht, als eine große Karawane, von Turkestan kommend, in diesem Tälchen das Lager aufschlug. Die Kamele ließ man sich in Reih und Glied nebeneinanderlegen, nachdem ihnen die Lasten abgenommen waren. Wachtfeuer wurden angezündet, Tee gekocht und der Pilau zubereitet. Dann ging man schlafen. Die Karawane brachte die Staatseinnahmen von Turkestan nach Kabul, und war sogar von Soldaten begleitet. Nachts hörte man plötzlich das Getrappel von Pferden, und ehe man wußte, was los war, fiel eine starke Räuberbande über das Lager her. Es kam zu heftigen Kämpfen, in deren Verlauf die Räuber die Oberhand behielten, zahlreiche Begleiter der Staatskarawane erschossen und mit dem Raub in die Berge verschwanden. Trotz eifrigen Suchens und Nachforschens ist es nie gelungen, der Räuber habhaft zu werden.

Kurz vor der Paßhöhe sahen wir noch einen Wolf, der an einem Pferdeskelett herumzerrte, aber Reißaus nahm, sobald er uns erblickte. Tief unter uns in einem eingeschneiten Seitental glaubten wir ebenfalls zwei Wölfe zu sehen, aber als wir das Fernglas zu Hilfe nahmen, erkannten wir, daß es zwei große gelbe Hunde waren. Gerade als wir auf der Paßhöhe anlangten, ging die Sonne auf. Im Westen war der Himmel noch dunkel, und der Vollmond stand silberhell über den Bergen; im Osten aber war der Himmel hellgrüngelb gefärbt. Der Sonnenaufgang bot immer so unvergeßlich schöne Bilder, daß ich immer wieder darauf hinweisen muß. Erst wenn man von allen Fesseln der Zivilisation losgelöst ist und ganz frei die Schönheiten der Erde auf sich einwirken lassen kann, gleichsam mit der Natur eins wird, sie miterlebt, lernt man die Erde und das Leben lieben.

Mit dem Unaipasse haben wir den letzten hohen Paß auf dem Wege nach Kabul überschritten, und wir steigen jetzt hinab in tiefere, wärmere Regionen. Schon nach kurzer Zeit bemerken wir den Wechsel in der Vegetation. Wir sind in das Gebiet des oberen Kabulflusses eingetreten. Hohe Pappeln säumen den Lauf des Flusses ein, und als wir an einem kleinen Hain von 20 bis 30 dieser Bäume vorbeireiten, rufen die Afghanen begeistert: Jängäl, jängäl Wald, Wald!

Am Wege waren kleine Verkaufsbuden aufgeschlagen, in denen Tee, Brot und Früchte zu haben waren. In einem schönen Verkaufsladen oder besser einer Teestube steigen wir ab, setzen uns auf den Teppich und lassen uns Tee bringen. Die Sonne scheint ordentlich warm; es kommt uns vor, als ob wir plötzlich wieder in den Sommer versetzt sind. Gestern früh hatten wir noch fast –20 Grad, und heute will die Sonne uns verbrennen.

Als wir weiterzogen, gerieten Mesjidi Khan und Gul Mohammed in einen heftigen Streit. Wir ritten alle ganz vergnügt, als plötzlich Mesjidi Khan vom Pferde stieg und Gul Mohammed zu Boden warf. Dieser, nicht faul, griff Mesjidi Khan ans Bein, so daß er zu Fall kam, und dann kugelten sie alle beide im Schmutze herum! Unter Püffen und Schlägen, Kneifen und Beißen wurde dieser Kampf ausgefochten, bei dem schließlich Gul Mohammed dem gewandten Mesjidi Khan unterlag. Die beiden Kampfhähne warfen sich den ganzen Tag noch Schimpfworte an den Kopf.

Gegen elf Uhr passierten wir das Robat Ser-i-tscheschme, ließen es aber links liegen. Bis zum Robat Kute Eschrau ritten wir in Begleitung zweier kleiner Jungen, die zusammen auf einem Esel saßen. Sie sangen sehr hübsche Lieder und waren sehr lustig und übermütig. Manchmal ließen sie den Esel galoppieren; aber einmal wurde das kleine Grautier störrisch, und beide Jungen lagen auf der Straße und wälzten sich im Staub. Der arme Esel mußte aber diese Schandtat schwer büßen, denn er wurde dafür sehr geschlagen und mit Steinen bombardiert.

Abends wurde im Robat große Toilette gemacht; wir zogen neue Wäsche an und rasierten uns, weil wir morgen in Kabul einziehen sollten. Große Räubergeschichten wurden erzählt, und Gulam Ali bestand darauf, daß ich meinen Revolver und Mesjidi Khan sein Gewehr in Ordnung brachten. Dann gingen wir früh schlafen.

Der letzte Tagesmarsch nach Kabul! Wir erhoben uns schon früh und brachen um fünf Uhr auf. Es war wieder sehr kalt. Auf den Bergen lag nur wenig Schnee, aber wir waren auch schon mehr als tausend Meter wieder bergab gestiegen. Der Sefid-Chakpaß, den wir am Morgen überschritten, ist ebenso berüchtigt wie der Unai. Mesjidi Khan sah in jedem Entgegenkommenden einen Räuber und hielt sein Gewehr immer schußbereit in der Hand.

Langsam zogen wir durch große Blockmeere nach der Paßhöhe hinauf. Aber kein Räuber zeigte sich; nur hin und wieder begegneten uns Karawanen oder einige Hesares. Viele trugen ein langschäftiges Beil, das ihnen im Kampfe mit Wölfen als Waffe dient. Auch trafen wir einen einsamen Wanderer in zerlumpten Gewändern, der mit einem Speer bewaffnet war. Als wir dicht unter der Paßhöhe waren, sahen wir in den Felsen einige mit Flinten bewaffnete Burschen liegen; aber sie entpuppten sich als die von der Regierung hier stationierten Schutzposten, die beinahe uns für Räuber angesehen hätten.

Auf der Paßhöhe ruhten wir uns etwas aus und warteten, bis auch Gul Mohammed mit den Lasttieren kam. Wild, öde und zerrissen ist auch hier die Bergwelt, die in Schutt gehüllt ist und in der man kaum ein Fleckchen Grün zu sehen bekommt. Etwas unter uns sahen wir ein Lehmfort. Als wir dieses passierten, hielt man uns an, und wir mußten in einem großen Buche bescheinigen, daß auf dem Passe alles in Ordnung war und wir keine Begegnung mit Räubern gehabt hatten.

Je weiter wir ritten, desto lebhafter wurde der Verkehr auf der Straße. Karawane folgte auf Karawane, und wir begegneten auch zwei Arbeitselefanten. In einer kleinen Teestube zur Seite der Straße machten wir wieder Mittagsrast. Dann ging es weiter. In der Sonne war es sehr schön warm, und das Reiten machte wirklich Vergnügen.

Gegen zwei Uhr zeigte mir Gulam Ali Babur Bagh, wo jetzt die deutsche Gesandtschaft untergebracht ist (Abb. 39). Vor meiner Ausreise hatte ich einige Bilder von Kabul gesehen, und ich erkannte die zwei charakteristischen Berge, deren Kämme die Ruinen der alten Befestigungen tragen. Zwischen beiden Bergen hat sich der Kabulfluß einen schluchtähnlichen Durchgang geschaffen.

Kurz bevor wir die Stadt betraten, hatten wir noch das Zollwächterhaus zu passieren, und ein Zollbeamter geleitete uns durch finstere enge Winkel des Basars nach dem Zollamt, wo unser Gepäck erst einmal unter zollamtlichen Verschluß genommen wurde. Mesjidi Khan holte inzwischen einen Wagen und hatte auch ausfindig gemacht, wo meine Kameraden weilten. Schon nach einer Viertelstunde, als wir auf einer großen von hohen Bäumen eingefaßten Chaussee dahinfuhren, traf ich Blaich, der mich freudig begrüßte, und war so wieder mit meinen Kameraden vereint, von denen ich zweieinhalb Monate getrennt gewesen war.

Im Winter, von Dezember bis Mai, ist der Weg durch das Hesarajat, den ich in den letzten beiden Kapiteln beschrieben habe, infolge starker Schneefälle gesperrt, und alle Karawanen, die von Herat kommen, müssen dann den großen Umweg über Kandahar machen, den auch meine Freunde zurückgelegt hatten. Wie furchtbar die Strapazen einer Durchquerung des Hesarajats im Winter sind, zeigen uns am besten die Berichte des indischen Großmoguls Baber (1483–1530), die in seinen Memoiren niedergelegt sind und die ich hier auszugsweise wiedergeben möchte; es heißt dort:

– – – »Von dem Augenblicke an, wo wir Lenger verließen, schneite es ständig bis nach Chekh Cheran (Gegend von Dauletjar). Je weiter wir zogen, um so tiefer wurde der Schnee. Bei Chekh Cheran reichte er den Pferden schon bis an die Knie ... Zwei oder drei Tagereisen nach dieser Gegend wurde der Schnee außerordentlich tief; an vielen Stellen fanden die Pferde keinen festen Boden unter den Füßen, und es schneite immer noch ... Sultan Bischâi war unser Führer. Er verlor den Weg und konnte ihn nicht wiederfinden. Am nächsten Tage war der Schnee so tief, daß wir trotz aller Anstrengungen den Weg nicht wiederfanden. Wir konnten weder vor- noch rückwärts ... Eine ganze Woche lang fuhren wir fort, den Schnee niederzutreten und konnten trotzdem nicht mehr als zwei bis drei Meilen am Tage zurücklegen. Ich selbst half mit, den Schnee niederzutreten. Bei jedem Schritt sanken wir bis an die Brust ein. Da die Kraft desjenigen, der zuerst ging, nach ein paar Schritten schon erlahmte, mußte er sich bald ablösen lassen. Auf ihn folgten 10 bis 20 Mann, die den Schnee niedertraten, und darauf folgte ein unbemanntes Pferd, das bis zum Sattelgurt einsank. Hatte es 10 bis 15 Schritte gemacht, so war es total erschöpft.«

Nach ein paar Tagen erreichten sie dann einen Ort, namens Anjukan, und von dort aus gelangten sie an eine Höhle, Khawal genannt, am Fuße des Zirinpasses. Alle diese Orte müssen in den Gebirgen gelegen haben, die sich zwischen Akserat und Bamian ausdehnen. Es heißt dann weiter in dem Bericht:

»Die ersten Truppen erreichten Khawal noch bei Tage. Gegen Abend und noch nachts kamen immer mehr Nachzügler an, und jeder mußte dort halten, wo er gerade war. Manche mußten im Sattel den Morgen erwarten. Die Höhle war klein. Mit einer Hacke schaufelte ich den Schnee vor der Höhle fort und schuf mir so ein Lager. Ich grub mich bis zu den Achseln in den Schnee ein und erreichte den Erdboden nicht. Dieses Schneeloch gab mir etwas Schutz vor dem Winde. Einige wünschten, ich solle in die Höhle gehen, aber ich wollte nicht. Ich fühlte, daß es unvereinbar wäre mit dem, was ich ihnen schuldete, wenn ich in einem warmen Raume bequem untergebracht sein sollte, während meine Soldaten inmitten von Schnee und Sturm sich draußen befanden. Es war nur gerecht, daß ich alle Leiden und Beschwerden, denen sie unterworfen waren, mit ihnen teilte. Es gibt ein persisches Sprichwort, das lautet: ›Tod in Gesellschaft guter Freunde ist ein Fest!‹ Daher blieb ich bis zum Nachtgebet im Schneetreiben sitzen; der Schnee fiel so dicht, daß bald Kopf, Lippen und Ohren zehn Zentimeter dick mit Schnee bedeckt waren. In dieser Nacht zog ich mir ein schweres Ohrenleiden zu.«

Gerade zur Zeit des Nachtgebets hatte eine Gruppe seiner Leute ausfindig gemacht, daß die Höhle groß genug war, um alle Mann aufzunehmen.

Diese Schilderung gibt uns ein anschauliches Bild von den Gefahren, die den Reisenden im tiefen Winter auf dieser Straße erwarten.

VII

KABUL

Kabul, die Hauptstadt Afghanistans und Residenz des Emir, liegt in einer großen, fruchtbaren Ebene, die von einem Kranze hoher Berge eingefaßt ist (Abb. 27). Kommt man von Westen – von Herat –, so sieht man die Stadt erst im letzten Augenblick, da die zwei Bergrücken, der Kuh-i-Asmai und der mit den Ruinen der Bala Hissar gekrönte Scher Derwase-Berg, die Aussicht auf das Stadtbild sperren.

Obgleich Kabul sicher schon in ältesten Zeiten besiedelt war, finden wir keine Bauten aus alter Zeit; wir vermissen die schönen, mit blauen Kacheln belegten Minarette und Kuppelbauten, wie wir sie in Herat sahen. Ganz Kabul ist ein graues Lehmhäusermeer, aus dem einige mehr in europäischem Stil gebaute Häuser das eintönige Graubraun der Lehmwände unterbrechen (Abb. 30). Es gibt schöne, breite Straßen, die von Pappeln und Maulbeerbäumen eingefaßt sind, aber auch düstere enge Gassen, die selbst am hellen Tage so dunkel sind, daß man dort nur langsam gehen kann und ständig aufpassen muß, daß man nicht mit dem Fuß in ein Loch oder eine Grube gerät. Malerische Partien gibt es auch am Kabulfluß, der die Stadt durchschneidet und an dessen Ufer schöne Promenadenwege sich hinziehen.

Die großen Straßen werden sowohl vor Sonnenaufgang wie kurz vor Sonnenuntergang besprengt. Zu beiden Seiten der Wege ziehen sich Gräben hin, deren Wasser dann einfach auf die Straße herausgeschaufelt wird. Waren die Leute gerade mit dieser Arbeit beschäftigt, so mußte man stets aufpassen, daß man keine Dusche bekam; denn trotz des großen Verkehrs ließen sie sich nie in ihrer Tätigkeit stören.

Die Häuser sind meistens zweistöckig und im Grundriß viereckig gebaut. Sie haben aber allgemein nur einen Eingang, der durch schwere Holztüren, meistens Doppeltüren, verschlossen werden kann. Richtige Schlösser kennen die Afghanen nicht; an den Innenseiten der Türen sind meistenteils schwere Ketten angebracht, die man beim Verschließen der Tür über einen Haken hängt, der an der Innenseite der anderen Tür befestigt ist. Auch die Zimmertüren werden so geschlossen; nur legt man, wenn man das Zimmer von außen verschließt, ein Vorhängeschloß an die Kette.

Der Innenhof, durch den oft ein kleiner Wasserarm fließt und den manchmal ein Blumengarten ziert, wird also von vier Mauern eingefaßt, und fast alle Zimmer des Hauses haben ihre Fenster dem Hofe zugekehrt. Meistenteils führen drei oder vier verschiedene Treppen von diesem aus ins Haus nach den betreffenden großen Wohnräumen. Diese sind aber selten untereinander verbunden, und wenn man von einem Zimmer ins andere wollte, mußte man stets erst wieder den Hof betreten und eine andere Treppe hinaufgehen. Daher sind die Häuser sehr kompliziert gebaut, und ich habe wohl nie so viel Treppen steigen müssen wie in Kabul. Die zwei beigefügten Skizzen geben ein besseres Bild von der Bauart der Kabuler Häuser als viele Beschreibungen.

Im Sommer hielten wir uns abends immer auf dem flachen Dache auf, wo es kühler und nicht so stickig war wie in den Räumen im Erdgeschoß.

Die Häuser sind durchweg aus an der Sonne getrockneten Lehmziegeln gebaut, die durch Holzfachwerk zusammengehalten werden. Ist das Grundgerüst fertig, so werden die Wände mit »Gil«, d. h. mit Lehm, dem feingeschnittenes Stroh beigemengt wird, überlegt und dadurch alle noch vorhandenen Öffnungen geschlossen. Bei älteren Häusern findet man oft sehr schön geschnitzte Fenster. Viele Häuser haben nach der Straße zu kleine Balkons, von denen aus man dem bunten Treiben zusehen kann (Abb. 34).

Später, wenn der Gilbelag getrocknet ist, werden die Wände weiß getüncht. Die Decken werden meist aus Matten hergestellt, die man über die Querpfosten legt. Dann wird eine dicke Schicht Lehm darüber ausgebreitet, und das Dach ist fertig. Im Winter, wenn der Schnee taut und der Gil durchweicht ist, dringt das Wasser natürlich auch durch die Matten, die ebenfalls durchnäßt werden, und es konnte passieren, daß einem von der Decke ein Klumpen Lehm auf den Kopf fiel. Als wir im Winter diese Erfahrungen gemacht hatten, entschlossen wir uns, eine noch dickere Lehmschicht auf das Dach zu legen. Diese Arbeit ging schnell vor sich.

Vor unserem Hause wurde einfach eine große Grube gegraben, von dem nächsten Graben etwas Wasser hineingeleitet, bis ein dicker Schlammsee sich gebildet hatte. 5 bis 6 Mann stiegen dann in die Lehmsuppe und schaufelten das Erdreich um. Darauf wurde der Lehm in Eimer geschüttet, die mit Stricken aufs Dach gezogen und dort einfach ausgeleert wurden.

Ein Gang durch den Basar zeigt uns am besten das Leben in Kabul. Den ersten Eindruck erhielt ich, als ich von Herat kommend, auf meinem Wasiri durch die engen Gassen getragen wurde. Das Bild war sinnverwirrend, und es dauerte lange Zeit, ehe ich mich in dem Gewirr der Gassen und Straßen Kabuls zurecht fand. An den meisten Stellen sind die Straßen durch einfaches Holzfachwerk überdeckt, über das Matten gelegt sind. Das Ganze gibt ein Bild, wie es unsere Jahrmärkte bieten. Verkaufsstand reiht sich an Verkaufsstand. Aber die Kaufleute stehen nicht hinter den Ladentischen, sondern hocken mit untergeschlagenen Beinen in ihren Ständen. Viele, die sich keinen Laden leisten können, sitzen an den Straßenecken und bieten dort ihre Waren an: Streichhölzer, Brot, kleine Kuchen und Obst (Abb. 35). Stets war das Gedränge sehr groß, und paßte man nicht auf, so wurde man sicher angerannt, denn Ausweichen vor Europäern kennen nur wenige Afghanen. Und inmitten der Menschenmenge trippeln Esel, mit Holz, Backsteinen oder Häcksel beladen, ziehen Kamelkarawanen langsamen Schrittes dahin, oder bahnen sich Reiter herrisch den Weg. Ständig schwirren die Rufe: »Chaberdar, chaberdar!« Vorsicht, Achtung! durch die Luft oder das »Paiseh bideh, Paiseh bideh!« der Bettler (Abb. 32).

Wollte man etwas kaufen, so mußte man lange handeln. Während die Inder für ihre Ware Reklame machen und den Vorübergehenden anrufen, sitzen die Afghanen ruhig in ihren Ständen, trinken Tee und rauchen die Wasserpfeife. Manchmal sah es fast so aus, als ob ihnen Kundenbesuch gar nicht genehm wäre; wurden sie doch dadurch in ihrer Ruhe und in ihrem beschaulichen Dasein gestört.

Hatte man die Absicht etwas zu kaufen, so bot man den dritten Teil der Summe, die der Händler verlangte. Dann schüttelte dieser wohl den Kopf und legte das betreffende Stück wieder fort. Man verabschiedete sich und ging; aber kaum war man ein paar Schritte fort, so wurde man zurückgerufen. Dann begann das Handeln von neuem. Der Händler bot zwei Drittel der zuerst genannten Summe, und man gab ebenfalls etwas zu. Eine Einigung kam aber meistens auch dann noch nicht zustande. Kam man zum zweiten Male, so wußte der Händler schon ganz genau, was man wollte; holte das Stück hervor, und wieder begann das Handeln und Feilschen. Manchmal lud er einen auch zum Tee in seinen Verkaufsstand ein, wo man sich ebenfalls am Boden hinhockte und in aller Gemütlichkeit sich gegenseitig Komplimente machte und so lange handelte, bis man das gewünschte Stück zum halben Preise erstand. Nur ganz wenige Händler gab es, die feste Preise hatten.

Wollte man Geld wechseln, so besuchte man ebenfalls einen Geldwechsler nach dem anderen. Sie haben ihre Stände im Zentrum des Basars. Sobald sie sahen, daß man Geld wechseln wollte, riefen sie einen an, denn jeder wollte das Geschäft machen. Hier konnte man auch manchmal alte griechisch-baktrische Münzen erstehen; aber sie waren meistens schlecht erhalten und stark abgegriffen.