Prophezeiungen

Part 8

Chapter 83,518 wordsPublic domain

Die Legationsräte K...e und von B...r hatten lange vor dem Tode des Königs über diese Prophezeiung mit Eschenmayer gesprochen. Letzterer bemerkt, daß er mit Leichtigkeit noch 200 Zeugen für diese Begebenheit beibringen könne. Eschenmayer hält diese Weissagung Hufeland und Stieglitz entgegen, welche Tatsachen und keine Räsonnements begehrten, und bemerkt am Schluß: »Doch, noch eine Ausflucht! =Alles war Zufall.= – Nichtiges Wort der Erbärmlichkeit.«

Es wird wohl kaum jemand an der Wahrheit obiger Mitteilung zu zweifeln wagen. Eschenmayers Persönlichkeit bürgt nicht minder dafür, als die stattliche Zahl sozial angesehener Zeugen, die er unter so durchsichtigem Schleier verbirgt, daß man noch heute viele mit Leichtigkeit identifizieren könnte. Beachten wir ferner, daß der Bericht über die merkwürdige Vorhersage bereits ein Jahr nach ihrem Eintreffen veröffentlicht wurde, also zu einer Zeit, wo noch alle, oder doch fast alle der genannten Zeugen lebten, so wird man um so weniger geneigt sein, ihm irgendwie zu mißtrauen.

Hier sei eine allgemeingültige Bemerkung eingeschaltet: Daß Eschenmayer nur die Anfangsbuchstaben, aber nicht den ganzen Namen nennt, mag in einer Anzahl von Fällen damit motiviert werden können, daß es tatsächlich nicht allzu großes Feingefühl verrät, wenn man über den Tod eines Menschen, noch dazu des eigenen Landesherrn, Wetten abschließt.

Aber auch die anderen Personen werden durch ähnliche Rücksichtnahme ausgezeichnet. Das ist bezeichnend, nicht nur für die damalige Zeit, sondern auch für die Gegenwart. Auch heute – das beweisen die zahlreichen von Flammarion veröffentlichten Tatberichte, die so und so oft die Bitte um Verschweigen des Namens ›wegen meiner amtlichen Stellung‹ usw. enthalten, – ist die Feigheit weitester Kreise, auch der Gebildeten, geradezu fabelhaft.

Es mag manchem unangenehm sein, wenn mit Namen und Adresse von ihm berichtet wird, daß er silberne Löffel gestohlen oder einen Notzuchtversuch gemacht hat. Wie es aber jemand unangenehm sein kann, die Wahrheit eines Vorganges zu bezeugen ist – wenn er dabei nicht riskieren muß die Segnungen unserer Rechtspflege kennen zu lernen – völlig unverständlich. Oder vielmehr, es wäre es, wenn es nicht durch gewisse Folgen, die unsere aufgeklärte Zeit damit verbindet, verständlich gemacht würde.

Im Mittelalter war es bekanntlich höchst gefährlich, die Existenz der Hexen zu leugnen. Denn wer das tat, erklärte indirekt die Hexeninquisitoren für Toren oder Mörder, ein Verbrechen, das nach Recht und Billigkeit mit dem Tode geahndet wurde. Seit dem Siege der Aufklärung ist es umgekehrt. Was nicht alle Tage passiert, was nicht die Spatzen von den Dächern pfeifen, und das Begriffsvermögen von Hinz und Kunz übersteigt, gilt eo ipso für phantastisch oder unwahr. Darum riskiert jeder, der das Dogma von der Unmöglichkeit aller in die gerade heute herrschenden naturwissenschaftlichen Hypothesen und Theorien nicht hineinpassenden Phänomene nicht bedingungslos unterschreibt, die unangenehmsten Folgen. Entweder er wird als Phantast verschrien, der in den Wolken wandert, oder aber er gilt als Lügner. Nun ist es nicht jedermanns Sache, sich einer capitis diminutio seiner Ehre oder Urteilsfähigkeit unterziehen zu müssen. Nur wenige haben den, unter den obwaltenden Verhältnissen nicht geringen Mut, sich dem Geschrei der zwar urteilslosen, aber desto stimmkräftigeren und zahlreicheren Menge entgegenzustemmen.

Daraus folgt zwingend, daß heute das Dogma genau so herrscht, wie im finstersten Mittelalter. Nur sein Inhalt ist dem früheren konträr. Kritiklos aber wird es nachgebetet und befolgt von Leuten, die – und das ist das Komische an der Sache – sich für frei, aufgeklärt und vorurteilslos halten.

Die obige Prophezeiung ist abgesehen von ihrer guten Beglaubigung noch durch etwas anderes interessant. Die Fälle, daß jemandem der Tod vorherverkündet wurde und dann auch wirklich eintrat, sind nichts weniger als selten. Aber wir können häufig dem – bisweilen völlig berechtigten – Einwand begegnen, daß die Prophezeiung Ursache des Todes wurde. Denn es ist klar, daß suggestible Gemüter ihre ganze Widerstandskraft verlieren, wenn ihnen ein vorgeblich unentrinnbares Schicksal vorher verkündet wird[59].

Diese Erklärungsmöglichkeit schaltet hier vollkommen aus. Denn der König hatte von dieser Vorhersage natürlich keine Ahnung.

Der Skeptiker wird gegen solche Todesankündigungen immer einwenden können, daß sie – wie alle Vorhersagen – um beweiskräftig zu sein, vorher hätten gedruckt sein müssen. Das wird sich freilich gerade in diesen Fällen kaum verwirklichen lassen. Denn die Kitzlichkeit dieser Prophezeiungen schließt deren frühere Veröffentlichung geradezu aus. Man wird hier also immer mehr oder minder den Gewährsmännern Glauben schenken müssen.

Regelmäßig wird dabei ein ganz merkwürdiger Trugschluß begangen. Da nur wenige Personen ähnliche, sagen wir, mystische Daten überliefern, was ja in einer Zeit, die sie ungeprüft für Schwindel hält, ganz begreiflich ist; da diese wenigen Interessenten aber zumeist eine Reihe solcher Phänomene bezeugen, so wird stets gesagt: »Das ist wenig glaubwürdig, denn X. ist ja bekanntlich Mystiker.« Und doch liegt der Fall gerade umgekehrt. Nicht weil X. Mystiker ist, erzählt er okkulte Fälle und verdient deshalb kein Vertrauen, sondern er wurde Mystiker, weil er solche Erlebnisse hatte oder deren Zeuge war. Hier liegt also eine Verwechslung von Ursache und Wirkung vor.

Wir wollen nun noch einige Fälle des Vorgefühles des eigenen Todes anführen. Nachdem wir im vorigen Kapitel gesehen haben, daß sich noch in der Gegenwart Ähnliches sehr häufig ereignet, werden wir um so weniger an den historischen Berichten zweifeln. Und zwar wählen wir ausdrücklich Beispiele, in denen der Tod gewaltsam eintritt. Damit hoffen wir dem Einwurf begegnen zu können, daß das physische Übelbefinden, das vielleicht nicht klar zum Bewußtsein kommt, Ursache der Vorahnung ist.

De Baudus, der ehemalige Adjutant des Marschalls Bessières, erzählt in seinen »Etudes sur Napoléon«[60]:

»Am 30. Mai 1813 brachte das kaiserliche Hauptquartier die Nacht in Weißenfels zu. Auch der Marschall Bessières, welcher die ganze Kavallerie kommandierte, schlief hier. Ich frühstückte am anderen Morgen allein mit ihm, fand ihn sehr traurig und niedergeschlagen, und konnte ihn lange nicht bewegen, etwas von den aufgetragenen Speisen zu genießen; er antwortete immer, er habe keinen Hunger. Ich machte ihm bemerklich, daß unsere und die feindlichen Vorposten einander gegenüber ständen und wir folglich einen ernsthaften Kampf erwarten müßten, der uns wahrscheinlich den ganzen Tag nicht erlauben würde, etwas zu essen. Der Marschall gab endlich nach und sagte: ›Nun, wenn mich diesen Vormittag eine Kugel trifft, so soll sie mich wenigstens nicht mit nüchternem Magen finden.‹

Als er vom Tische aufstand, gab mir der Marschall den Schlüssel zu seinem Portefeuille und sagte: ›Suchen Sie doch gefälligst die Briefe von meiner Frau.‹ – Ich tat es und gab sie ihm. Er nahm sie und warf sie ins Feuer. Bis dahin hatte er sie sorgfältig aufbewahrt. Die Frau Herzogin von Istrien[61] hat mich seitdem versichert, der Marschall habe beim Abschiede zu mehreren Personen gesagt, er werde von diesem Feldzuge nicht zurückkommen.

Der Kaiser stieg zu Pferde, und der Marschall folgte ihm. Sein Gesicht war so bleich und seine Züge verrieten so tiefe Traurigkeit, daß es mir nicht entgehen konnte, und ich sagte zu einem Kameraden: ›Wenn es heute zu einer Schlacht kommt, wird der Marschall wohl bleiben.‹ –

Die Schlacht begann. Der Herzog von Elchingen[62] hatte das Dorf Rippach mit seiner Infanterie besetzt, und der Herzog von Istrien bereitete sich das Defilé zu rekognoszieren, aus welchem der Feind verdrängt war, während er mit seinen Truppen hindurch marschieren wollte. Als er auf der Höhe angelangt war, welche das Dorf beherrscht[63], am Ende desselben nach Leipzig zu, befand er sich vor einer Batterie, die der Feind da aufgefahren hatte, um die Straße zu bestreichen. Die erste Kugel, welche von dieser Batterie kam, riß einem Quartiermeister der Garde der polnischen Chevaulegers den Kopf weg; er hatte seit mehreren Jahren Ordonnanzdienste beim Herzog getan. Dieser Verlust verstimmte den Herzog von Istrien und er entfernte sich im Galopp. Nach einigen Augenblicken kam er jedoch mit Gefolge wieder zurück und sagte, indem er auf den Leichnam deutete: ›Der junge Mann muß begraben werden; auch würde der Kaiser unzufrieden sein, wenn er einen Unteroffizier seiner Garde tot hier liegen sähe; denn wenn der Posten wieder gewonnen wird, könnte der Feind glauben, die Garde sei zurückgewichen.‹

Eine Kugel, welche von derselben Batterie kam, streckte den Marschall in dem Augenblicke tot nieder, als er diese Worte gesagt hatte. Die linke Hand, welche den Zügel hielt, als er gerade sein Fernrohr einsteckte, wurde ganz zerschmettert; die Kugel ging ihm durch den Leib. Seine Uhr blieb stehen, ob sie gleich nicht getroffen wurde; sie zeigt noch jetzt seine Todesstunde an, denn sie wurde seitdem nicht wieder aufgezogen.«

So weit der Bericht des Augenzeugen de Baudus.

Auch Marschall Lannes fühlte seinen Tod voraus. Als 1809 der Krieg mit Österreich ausbrach, nahm er von Frau und Kindern in der festen Überzeugung Abschied, daß er sie nicht wieder sehen werde. Er fiel am 22. Mai bei Eßlingen[64].

Der General Lasalle konnte vor der Schlacht bei Wagram, von Todesahnungen beunruhigt, nicht schlafen. Er schrieb an Napoleon und empfahl ihm Frau und Kinder. Seinen Freunden gegenüber sprach er mit Bestimmtheit davon, daß er den Tag nicht überleben würde. Diese Tatsache wird nicht nur von Zeugen bestätigt, sondern Napoleon selbst erzählt in seinen Memoiren von St. Helena, Lasalle habe ihm mitten in der Nacht geschrieben und ihn gebeten, sein Majorat auf seinen Sohn übergehen zu lassen, da er fürchte, in der morgigen Schlacht zu fallen[65].

Auch von Cervoni erzählt Napoleon, daß er vor der Schlacht von Eckmühl Todesahnungen ausgesprochen habe, die eintrafen.

Ebenso hatte Duroc vor der Schlacht bei Bautzen Todesahnungen. Er sprach hiervon zu Napoleon, der ihn nicht beruhigen konnte, vielmehr von Durocs innerer Erregung gleichfalls ergriffen wurde. Während der Schlacht brachte ein Adjutant die Nachricht, daß der Marschall gefallen sei und die Augenzeugen erzählen, daß sich Napoleon vor die Stirn schlug und ausrief: »Meine Ahnungen trügen niemals.« Napoleon war nämlich selbst von Ahnungen heimgesucht und hielt viel von ihnen.

Ein Kapitel für sich bilden die Prophezeiungen von Davis.

Der um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Amerika lebende Andrew Jackson Davis besaß die Gabe des räumlichen und zeitlichen Fernsehens. Man kann sich davon leicht aus seinen Büchern überzeugen, nachdem eine Reihe von Vorhersagen erst jetzt in Erfüllung gegangen ist.

In seinem Werke »The principels of nature« (New York 1847), das er in somnambulen Zustande diktierte, stellt Davis die Behauptung auf, es gäbe noch einen transneptunischen =neunten Planeten=. Damals hatte man noch kaum eine Ahnung vom achten Planeten. Gegenwärtig aber sind die Astronomen dabei, den neunten zu entdecken, was nur auf Grund der neuesten Instrumente und der Himmelsphotographie möglich ist, Mittel, die für Davis gar nicht in Frage kamen. Zweifellos ist diese Entdeckung ein idealer Beweis für das räumliche Fernsehen.

Da wir uns aber auf das Zeitliche beschränken, seien einige Prophezeiungen Davis’ noch angeführt. In seinem Werke »The Penetralia« (New York 1856, deutsch Leipzig 1884 bei Wilhelm Besser) findet sich auf Seite 219 folgende Vorhersage:

»Gebet acht in jenen Tagen! – auf Wagen, Equipagen, Reisesalons auf der Landstraße, ohne Pferde, ohne Dampf, ohne jedwede sichtbare Bewegungskraft, alles bewegt sich mit großer Schnelle und weit größerer Sicherheit als gegenwärtig. Equipagen und Wagen schwerer Gattung werden durch eine seltsame und dabei einfache Verbindung von Wasser und atmosphärischen Gasen bewegt werden. Diese Verbindung wird so leicht kondensiert, so einfach entzündet und unseren gegenwärtigen Lokomotiven ähnlich angewendet, daß der ganze Apparat zwischen den Vorderrädern verborgen und gehandhabt werden kann. Diese Fahrgelegenheiten werden viele Verlegenheiten verhindern, wie solche jetzt die Bewohner wenig bevölkerter Gegenden durchzumachen haben. Die erste Bedingung für diese Landlokomotiven wird eine gute Straße sein, auf der mit der neuen Lokomotive ohne Pferde mit großer Schnelligkeit gefahren wird. Diese Fahrgelegenheiten werden von wenig komplizierter Bauart sein.«

Interessant ist, daß dieses visionär geschaute Automobil wie die allerneuesten Fabrikate den Motor zwischen den Vorderrädern hat!

Bedenkt man, daß es noch gar nicht lange her ist, daß hervorragende Techniker vor Versuchen, Automobile zu konstruieren, als Utopie abrieten, daß der erste brauchbare Motorwagen erst 1885 erschien, das erste brauchbare Straßenlokomobil 1890, so muß man allerdings über diese Prophezeiung aus dem Jahre 1856 staunen.

Auf derselben Seite schreibt Davis auch über die Luftschiffahrt. »Es ist nur ein Ding notwendig, um Luftschiffahrt zu haben, und das ist die Anwendung dieser soeben in Betracht gezogenen höheren Bewegungskraft, die eben jetzt im Begriff ist, entdeckt zu werden. Der nötige Mechanismus, die Gegenluftströmung zu überwinden, um in der Luft ebenso leicht, sicher und angenehm wie die Vögel zu segeln, – hängt ebenfalls von dieser neuen Bewegungskraft ab. =Diese Kraft wird kommen!= Sie wird nicht nur die Lokomotiven auf den Schienen, die Wagen aller Gattung auf der Landstraße, sondern auch die Luftwagen in Bewegung setzen, die durch den Äther hin von Land zu Land reisen.«

Es handelt sich hier augenscheinlich um den Explosionsmotor, der damals noch nicht einmal geahnt wurde und dessen Erfindung Voraussetzung der Luftschiffahrt mit Fahrzeugen schwerer als die Luft war.

Solche Vorhersagen, die teils schon eingetroffen sind, zum Teil wohl noch eintreffen werden, enthalten die Werke von Davis noch viele.

Doch auch eine politische Vorhersage aus einem Briefe vom Jahre 1868 an den Übersetzer seiner Werke, Dr. Gregor Constantin Wittig, sei angeführt.

»Es scheint mir« – schreibt Davis – »daß Preußen bestimmt ist, eine Art Amerika im alten Europa zu werden. Ich glaube, daß es nicht lange mehr dauern wird und der ›Bund‹ wird Süd- und Norddeutschland in sich vereinigen. Napoleon kann jetzt nichts dagegen tun; und die, =wenn es mir gestattet ist, sie so zu nennen=, große deutsche Republik, wird dann Europa seine Geschicke vorschreiben. Und sie wird immer größere Freiheit und immer mehr Fortschritt erringen.«

Der Brief wurde 1869, also vor Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges in den Vorbemerkungen zu dem erstgenannten Werk »Die Prinzipien der Natur« usw. Seite LXIV abgedruckt[66].

* * * * *

Endlich wollen wir noch einige Fälle von bemerkenswerten Vorhersagen aus der jüngsten Vergangenheit anführen.

Der furchtbare Pariser Bazarbrand in der Nähe der Champs Elysées, dem am 4. Mai 1897 außer vielen anderen vornehmen Personen auch die Herzogin von Alançon, die Schwester der ermordeten Kaiserin Elisabeth von Österreich, zum Opfer fiel, wurde von Fräulein Couédon, Tochter eines Pariser Rechtsanwalts, anfangs Mai 1896 im Salon des Grafen Urbain de Maillé vorhergesagt. Und zwar trug sich die Begebenheit folgendermaßen zu:

Der Graf Maillé machte – wie der »Temps« unterm 16. Mai 1897 – also allerdings kurz =nach= dem Brande – mitteilte, folgende Angaben:

»Ich hatte Mlle. Couédon in ihrer Wohnung befragt, und obwohl ich durchaus nicht an die Mitwirkung des Erzengels Gabriel[67] glaubte, so schienen mir doch die Enthüllungen des jungen Mädchens äußerst merkwürdig zu sein. Auf meine Bitte willigte Mlle. Couédon ein, ausnahmsweise einmal entgegen ihren sonstigen Gepflogenheiten sich bei mir hören zu lassen, und zwar in Gegenwart von etwa hundert Personen, unter denen sich die Frau Gräfin Aimery de la Rochefoucauld, Frau v. Mesnard, die Marquise d’Anglade, die Gräfin Virien, der Graf Fleury und verschiedene andere befanden. Nachdem Mlle. Couédon die Neugier derjenigen Geladenen, welche sie jeder für seine Person befragt hatten, befriedigt hatte, kam der Moment, wo sie uns von dem bevorstehenden Brande sprach. Vielleicht sprach sie nicht dieselben Worte, die Sie mir berichten, aber jedenfalls war der Sinn fast derselbe. Sie sprach von ›=einem großen Brande, welcher in einer zu Wohltätigkeitszwecken gebildeten Gesellschaft ausbrechen würde=‹ – ›Ich sehe‹, sagte sie, – ich zitiere aus dem Gedächtnis – ›daß die Spitzen der Gesellschaft werden getroffen werden. Und ganz besonders wird das =Faubourg St. Germain zu leiden haben=.‹ Und ganz genau entsinne ich mich, daß die Seherin hinzufügte: ›=Keine der hier versammelten Personen wird in Mitleidenschaft gezogen werden!=‹ – und sich mir persönlich zuwendend: ›Sie selbst werden nur ganz von ferne davon berührt werden, sozusagen nur auf indirektem Wege.‹ In der Tat ist keiner unserer Gäste von dem Unglück betroffen worden. Was mich anbelangt, so habe ich gemäß den Voraussagen der Mlle. Couédon eine ganz entfernte Kusine verloren, welche ich kaum kenne.«

So weit die Worte des Grafen in dem im Temps veröffentlichten Briefe.

Außer diesem Zeugnis besitzen wir noch eines vom Redakteur der Pariser Zeitung »La libre Parole« und »L’Echo de Merveilleux«, Gaston Méry. Im letztgenannten Organ schreibt er am 25. Mai u. a.

»Man weiß daß Fräulein Couédon sich stets beharrlich geweigert hat, in Gesellschaft zu gehen. Ein einziges Mal – nur einmal – machte sie zugunsten der Gräfin de Maillé eine Ausnahme; es war zu Anfang Mai 1896. In den Salons der Frau von Maillé hatte sich das ganze Viertel Rendezvous gegeben. Zuerst sprach Fräulein Couédon privatim mit denen unter den Eingeladenen, die sie konsultieren wollten. Aber ihre Anzahl war so groß, daß Fräulein Couédon auf Bitten der Herrin des Hauses einwilligte, nachdem sie den ›Engel Gabriel‹ angerufen hatte, vor der ganzen versammelten Gesellschaft zu sprechen. Unter anderen Prophezeiungen machte sie die nachfolgende, deren sich mehrere Zeugen vollkommen erinnern und deren Wortlaut sie selbst rekonstruiert hat:

In deutschen Zeitungen wurde der Inhalt folgendermaßen wiedergegeben:

»Près des Champs-Elysées, »In der Elysäischen Felder Nähe Je vois un endroit pas élevé, Ich ein wüstes Gedränge sehe. Qui n’est pas pour la piété, Erst dem Mitleid war es geweiht, Mais qui en est approché Dann aber macht es viel Herzeleid. Dans un but de charité Flammen seh’ ich lodern und sengen, Qui n’est pas la vérité ... Ängstlich die Menge sich furchtbar Je vois le feu s’élever ... drängen; Et les gens hurler Lebendes Fleisch seh’ ich geröstet, Des chairs grillées, Körper verbrannt, die Luft Des corps calcinés, verpestet!« J’en vois comme par pelletés.« –

Der »Engel« fügte hinzu, daß alle zuhörenden Personen verschont werden würden. Darauf sagte einer der Anwesenden, der Vicomte de Fleury, sehr ungläubig und scherzend zu der Seherin: »Ach, Sie sagen das nur so, um uns zu schmeicheln!« In der Tat ist =keiner der zu dieser Soirée Eingeladenen, die alle mehr oder minder regelmäßig bei den Wohltätigkeitsverkäufen zugegen waren, umgekommen oder bei der schrecklichen Katastrophe des 4. Mai verwundet worden=. Unter den bei dieser Soirée Anwesenden befanden sich: die Marquise d’Anglade, die Komtesse Virien, die Grafen Divonne usw.«

Die Tatsache, daß Fräulein Couédon in der Rue Jean Coujon diese schreckliche Brandkatastrophe, bei der über hundert Menschen, meist aus der ersten Gesellschaft, ums Leben kamen und deren sich wohl die meisten noch erinnern werden, vorhergesehen hat, unterliegt nach den Berichten, wiewohl sie erst ein Jahr später zu Papier gebracht wurden, nicht dem allergeringsten Zweifel.

Die Übereinstimmung der gleichzeitig und unabhängig voneinander abgefaßten Berichte des Grafen Maillé und des Herrn Gaston Méry sind ja schon hinlängliche Beweise für die Authentizität des Mitgeteilten. Dazu kommen die genannten Zeugen, des weiteren, daß sich viele von ihnen, wenn nicht an den Wortlaut, so doch an den Inhalt erinnerten, daß man schon vor der Katastrophe zu andern davon gesprochen hatte usw.

In diesem Falle ist Autosuggestion ganz ausgeschlossen. Denn eine Gesellschaft, die mehr oder minder in Wohltätigkeitsbazaren aufgeht, erinnert sich – wahrscheinlich ihr ganzes Leben lang –, wenn jemand vor sie hintritt, der ihr zuruft, daß sie bei solcher Gelegenheit auf gräßliche Weise ums Leben kommt. Sie atmet aber auch erleichtert auf, wenn sie damit beruhigt wird, daß keine der anwesenden Personen noch deren nahen Anverwandten dem Unglück zum Opfer fällt. Ein Irrtum des Gedächtnisses bezüglich des essentiellen Inhaltes der Prophezeiung ist in diesem Falle ganz ausgeschlossen. Das wurde auch meines Wissens von keiner Seite behauptet.

Eine Kritik, die Dinge, die sich vor Hunderten von Zeugen, die dazu zusammenkamen, um eben diese Dinge zu beobachten, leugnen wollte, würde einen viel größeren Fehler begehen, als die alten Astronomen, die das Vorkommen von Meteoren bestritten. Und da von diesen Zeugen alle noch lebten, viele heute noch leben, so kann die Kritik leichter leugnen, daß Napoleon I. existiert hat, als die Tatsächlichkeit dieser Prophezeiung.

Und das, wiewohl der Text der Vision rekonstruiert wurde. Denn was für uns ausschlaggebend ist und mit Rücksicht auf die Fixierung erst nach dem Ereignis auch nur beweiskräftig sein kann, ist ja nur der wesentliche Kern der Prophezeiung. Der aber lautet:

=Es wird in der Nähe der Champs-Elysées, also in Paris, bei einem Wohltätigkeitsfest ein großes Brandunglück geben.=

Ist diese Prophezeiung schon interessant genug, so wird sie durch den mündlichen Zusatz – der gut beglaubigt ist –, daß =niemand der Anwesenden oder aus deren Verwandtschaft zugrunde gehen würde=, verblüffend. Denn gerade diese, numerisch gar nicht sehr zahlreiche Gesellschaftsschicht, veranstaltet doch in Paris, wie in jeder anderen Großstadt, derartige Festlichkeiten. Wir dürften daher in der Prophezeiung des Fräulein Couédon einen der besten Beweise für die Existenz dieser Gabe sehen.

Über die Sprechweise der Seherin berichtet Méry im genannten Aufsatz: »Sie spricht oder vielmehr: sie leiert eintönig rhythmisch abgemessene Sätze her, welche assonierend klingen und von denen manche refrainartig wiederkehren. Es sind keine Verse und auch keine Prosa; ein Mittelding, etwas Unfaßbares ist es, was sich mit einer gewissen Melancholie und Eintönigkeit endlos abwickelt, wobei fast unverändert dieselben Assonanzen immer wieder hörbar werden.«

* * * * *

In Nummer 290 vom 1. Februar 1909 brachte das »Echo du merveilleux« folgenden Bericht[68]:

»Eine römische Dame, welche seit mehreren Monaten an akuter Neurasthenie, oder besser gesagt, Hysterie leidet, hat =seit dem verflossenen 2. Dezember vorigen Jahres die Katastrophe vorausgesagt, die Messina zerstört und Kalabrien verheert hat=. Diese Dame, welche einer hervorragenden Familie der Aristokratie angehört, ließ schleunigst den Dr. Sarti rufen, nachdem sie in der Nacht durch ein schreckliches Traumgesicht gepeinigt worden war, das bei ihr eine quälende Beunruhigung zurückgelassen hatte. Vergebens bot der Arzt alle Mittel auf, die Dame zu beruhigen; dies gelang ihm erst, als er ihr versprach, einen von ihr geschriebenen Brief dem König zu übergeben.

=In diesem Briefe wurde S. Majestät der König Viktor Emanuel gebeten, der Stadt Messina zur Hilfe zu kommen, welche von einem furchtbaren Erdbeben bedroht sei.= »=Ich sehe=,« so heißt es in dem Briefe, »=sich Land und Meer vereinigen, um die schöne Stadt zu verschlingen. Dieses entsetzliche Unglück wird sich am 8., 18., oder 28. des Monats ereignen.=«