Part 9
In der Überzeugung, daß er es mit einer Halluzinierenden zu tun habe, steckt der Arzt den Brief in sein Portefeuille, und als er andern Tages so tat, als habe er die Botschaft an den Souverän habe gelangen lassen, zeigte sich die Kranke ruhiger und bereit, einige Nahrung, sowie die verordnete Medizin zu sich zu nehmen. Aber in der Nacht vom 7. auf den 8. Dezember wurde sie von einer heftigen hysterischen Krise befallen. Sie wand sich, weinte, schrie und fragte unaufhörlich, ob der König angeordnet habe, daß Messina geräumt werde. Auch eine weitere Krisis in der Nacht vom 17. Dezember spielte sich höchst dramatisch ab und eine solche vom 27. war derart ernst, daß man in der Umgebung der Patientin glaubte, ihre letzte Stunde sei gekommen. Sie lamentierte und schüttelte sich vor Angst bis zum Abend des 28. Alsdann verfiel sie in einen tiefen Schlaf ... Die Katastrophe hatte stattgefunden.
Dr. Sarti war im höchsten Grade betroffen über die Richtigkeit der Prophezeiung seiner Kranken. Die grauenvolle Brutalität, mit welcher die Vorschau seiner Patientin in Erfüllung gegangen ist, hat bei ihm jeden Zweifel für immer erstickt. Er bereitet über diesen Fall eine Denkschrift für die Akademie vor, und will seine Klientin den italienischen Autoritäten auf dem Gebiete der Psychologie vorstellen.
Der fragliche Brief ist nachträglich dem König übergeben worden, der mit dem größten Interesse den Untersuchungen entgegen sieht, welche die Fakultät bei der Prophetin anstellen wird.
Diese Mitteilung wurde zuerst im »Gil Blas« am 20. Januar 1910 veröffentlicht. Das »Echo« bemerkt dazu: »Wenn der betreffende Brief wirklich das enthält, was behauptet wird, die genauen Angaben über das bevorstehende Unglück von Messina und Reggio, über das Datum und die Art des Ereignisses, so hätten wir ein überaus wertvolles Dokument vor uns.«
Aus später noch zu erörternden Gründen hätte es nicht viel Wert, noch weitere vereinzelte Beispiele zeitlichen Vorhersehens hier zusammen zu stellen. Gewiß könnten wir noch recht viel des Interessanten bieten, aber ein =zwingender= Beweis ist auf diesem Wege für den hartnäckigen Zweifler kaum zu erbringen. Immerhin möchten wir der Überzeugung Ausdruck geben, daß es nicht allzu schwer sein würde, den Nachweis zu liefern, daß =jedes oder doch fast jedes bedeutende Ereignis der Weltgeschichte, besonders tragische Dinge, mehr oder minder klar und genau von dazu befähigten Personen vorhergesagt wurde=.
Zum Schlusse dieses fast allzulangen Kapitels wollen wir noch einen Gewährsmann für den Glauben an Telepathie anführen – denn er bekennt ausdrücklich, kein bestimmtes Wissen davon zu haben – einen Eideshelfer, dessen Intelligenz und Wahrheitsliebe wohl von niemand in Zweifel gezogen wird: Goethe!
Bekannt ist Goethes Vision, die er in seiner »Dichtung und Wahrheit« (3. Teil, 11. Buch) erzählt:
»In solchem Drang und Verwirrung konnte ich doch nicht unterlassen, Friederiken noch einmal zu sehen. Es waren peinliche Tage, deren Erinnerung mir nicht geblieben ist. Als ich ihr die Hand noch vom Pferde reichte, standen ihr die Tränen in den Augen, und mir war sehr übel zumute. Nun ritt ich auf dem Fußpfade gegen Drusenheim, und da überfiel mich eine der sonderbarsten Ahnungen. Ich sah nämlich, nicht mit den Augen des Leibes, sondern des Geistes, mich mir selbst, denselben Weg, zu Pferde wieder entgegen kommen, und zwar in einem Kleide, wie ich es nie getragen: es war hechtgrau mit etwas Gold. Sobald ich mich aus diesem Traum aufschüttelte, war die Gestalt ganz hinweg. Sonderbar ist es jedoch, daß ich nach acht Jahren in dem Kleide, das mir geträumt hatte und das ich nicht aus Wahl, sondern aus Zufall gerade trug, mich auf demselben Wege fand, um Friederiken noch einmal zu besuchen. Es mag sich übrigens mit diesen Dingen, wie es will, verhalten, das wunderliche Trugbild gab mir in jenen Augenblicken des Scheidens einige Beruhigung.«
Wie Goethe im übrigen den okkulten Phänomenen gegenüber stand, ergibt sich aus folgendem Passus aus seinen Wahlverwandtschaften. Bekannt ist oder könnte doch sein, was er im elften Kapitel des zweiten Teiles über die Wünschelrute erzählt. Da dieses Phänomen aber seit zwei Jahren sogar von der Fachwelt anerkannt zu werden beginnt, hat es für uns weniger Interesse, als die andere Stelle, die wie folgt lautet (2. Teil, 8. Kapitel):
»Wenn sie (Ottilie) sich abends zur Ruhe gelegt und im süßen Gefühl noch zwischen Schlaf und Wachen schwebte, schien es ihr, als wenn sie in einen ganz hellen, doch mild erleuchteten Raum hineinblickte. In diesem sah sie Eduarden ganz deutlich, und zwar nicht gekleidet, wie sie ihn sonst gesehen, sondern im kriegerischen Anzug, jedesmal in einer anderen Stellung, die aber vollkommen natürlich war und nichts Phantastisches an sich hatte: stehend, gehend, liegend, reitend. Die Gestalt, bis aufs kleinste ausgemalt, bewegte sich willig vor ihr, ohne daß sie das mindeste dazu tat, ohne daß sie wollte oder die Einbildungskraft anstrengte. Manchmal sah sie ihn auch umgeben, besonders von etwas Beweglichem, das dunkler war, als der helle Grund, aber sie unterschied kaum Schattenbilder, die ihr zuweilen als Menschen, als Pferde, als Bäume oder Gebirge vorkommen konnten. Gewöhnlich schlief sie über der Erscheinung ein, und wenn sie nach einer ruhigen Nacht morgens wieder erwachte, so war sie erquickt, getröstet, sie fühlte sich überzeugt: Eduard lebe noch, sie stehe mit ihm noch in dem innigsten Verhältnis.«
Es handelt sich hier unzweifelhaft um ein telepathisches Phänomen. Mag Goethe nun Ähnliches aus zuverlässiger Quelle erfahren, mag er es, wie seine Drusenheimer Vision, selbst erlebt haben, eines ist sicher: er hielt es für möglich, denn sonst hätte er ganz gewiß nicht gewagt, in einer Zeit der rücksichtslosesten Aufklärung solche erstaunliche Begebenheiten zu schildern.
Übrigens verleiht er seiner Ottilie in den »Wahlverwandtschaften« (2. Teil, 11. Kapitel) noch eine andere Fähigkeit, die dem Vorgefühl eines Witterungswechsels, unter dem ja viele Leute leiden und das Shakespeare im Hamlet bereits in die Literatur einführt, verwandt zu sein scheint. Der Passus lautet:
»Ottilie, die uns begleitete, stand an zu folgen, und bat sich auf dem Kahne dorthin begeben zu dürfen. Ich setzte mich mit ihr ein und hatte meine Freude an der Gewandtheit der schönen Schifferin. Ich versicherte ihr, daß ich seit der Schweiz, wo auch die reizendsten Mädchen die Stelle des Fährmanns vertreten, nicht so angenehm sei über die Wellen geschaukelt worden, konnte mich aber nicht enthalten sie zu fragen, warum sie eigentlich abgelehnt, jenen Seitenweg zu machen: denn wirklich war in ihrem Ausweichen eine Art von ängstlicher Verlegenheit.
Wenn Sie mich nicht auslachen wollen, versetzte sie freundlich, so kann ich Ihnen darüber wohl einige Auskunft geben, obgleich selbst für mich dabei ein Geheimnis obwaltet. Ich habe jenen Nebenweg niemals betreten, ohne daß mich ein ganz eigener Schauer überfallen hätte, den ich sonst nirgends empfinde und den ich mir nicht zu erklären weiß. Ich vermeide daher lieber mich einer solchen Empfindung auszusetzen, um so mehr, als sich gleich darauf ein Kopfweh an der linken Seite einstellt, woran ich sonst auch manchmal leide.
Wir landeten, Ottilie unterhielt sich mit Ihnen, und ich untersuchte indes die Stelle, die sie mir aus der Ferne deutlich angegeben hatte. Aber wie groß war meine Verwunderung, als ich eine sehr deutliche Spur von Steinkohlen entdeckte, die mich überzeugt, man würde bei einigem Nachgraben vielleicht ein ergiebiges Lager in der Tiefe finden.«
Goethe hatte selbst wiederholt telepathische Erlebnisse gehabt. Er sagt: »Unter Liebenden ist diese magnetische Kraft besonders stark und wirkt sogar in die Ferne. Ich habe in meinen Jünglingsjahren Fälle genug erlebt, wo mich auf einsamen Spaziergängen ein mächtiges Verlangen nach einer Geliebten überfiel, und wo ich so lange an sie dachte, bis sie mir wirklich entgegen kam. Es wurde mir in meinem Stübchen unleidlich, sagte sie; ich konnte mir nicht mehr helfen, ich mußte hierher.« Einen solchen Fall erzählt Goethe ausführlich[69]. Das ist allerdings ein räumliches Ferngefühl.
Die Gabe der Weissagung oder doch die der Visionen – man erinnere sich des Drusenheimer Falles – war in Goethes Familie heimisch. Man höre, was er darüber in »Dichtung und Wahrheit« erzählt[70]:
»Was jedoch die Ehrfurcht, die wir für diesen würdigen Greis (Großvater, der Schultheiß Johann Wolfgang Textor) empfanden, bis zum Höchsten steigerte, war die Überzeugung, daß derselbe die Gabe der Weissagung besitze, besonders in Dingen, die ihn selbst und sein Schicksal betrafen. Zwar ließ er sich gegen niemand als gegen die Großmutter entschieden und umständlich heraus; aber wir alle wußten doch, daß er durch bedeutende Träume von dem, was sich ereignen sollte, unterrichtet werde. So versicherte er z. B. seiner Gattin, zur Zeit als er noch unter die jüngeren Ratsherren gehörte, daß er bei der nächsten Vakanz auf der Schöffenbank zu der erledigten Stelle gelangen würde. Und als wirklich bald darauf einer der Schöffen, vom Schlage gerührt, starb, verordnete er am Tage der Wahl und Kugelung daß zu Hause im stillen alles zum Empfang der Gäste und Gratulanten solle eingerichtet werden, und die entscheidende goldene Kugel ward wirklich für ihn gezogen. Den einfachen Traum, der ihn hiervon belehrt, vertraute er seiner Gattin folgendermaßen: Er habe sich in voller gewöhnlicher Ratsversammlung gesehen, wo alles nach hergebrachter Weise vorgegangen. Auf einmal habe sich der nun verstorbene Schöff von seinem Sitze erhoben, sei herabgestiegen und habe ihm auf eine verbindliche Weise das Kompliment gemacht; er möge den verlassenen Platz einnehmen, und sei darauf zur Türe hinausgegangen.
Etwas Ähnliches begegnete, als der Schultheiß mit dem Tode abging. Man zaudert in solchem Falle nicht lange mit Besetzung dieser Stelle, weil man immer zu fürchten hat, der Kaiser werde sein altes Recht, einen Schultheißen zu bestellen, irgend einmal wieder hervorrufen. Diesmal ward um Mitternacht eine außerordentliche Sitzung auf den andern Morgen durch den Gerichtsboten angesagt. Weil diesem nun das Licht in der Laterne verlöschen wollte, so erbat er sich ein Stümpfchen, um seinen Weg weiter fortsetzen zu können. ›Gebt ihm ein ganzes‹, sagte der Großvater zu den Frauen; ›er hat ja doch die Mühe um meinetwillen.‹ Dieser Äußerung entsprach auch der Erfolg: er wurde wirklich Schultheiß; wobei der Umstand noch besonders merkwürdig war, daß, obgleich sein Repräsentant bei der Kugelung an der dritten und letzten Stelle zu ziehen hatte, die zwei silbernen Kugeln zuerst herauskamen und also die goldne für ihn auf dem Grunde des Beutels liegen blieb.
Völlig prosaisch, einfach und ohne Spur von Phantastischem oder Wundersamem waren auch die übrigen der uns bekannt gewordnen Träume. Ferner erinnere ich mich, daß ich als Knabe unter seinen Büchern und Schreibkalendern gestöbert und darin unter andern auf Gärtnerei bezüglichen Anmerkungen aufgezeichnet gefunden: ›Heute nacht kam N. N. zu mir und sagte ..... Name und Offenbarung waren in Chiffren geschrieben. Oder es stand auf gleiche Weise: Heute nacht sah ich .... Das übrige war wieder in Chiffren, bis auf die Verbindungs- und andere Worte, aus denen sich nichts abnehmen ließ.
Bemerkenswert bleibt es bei, daß Personen, welche sonst keine Spur von Ahnungsvermögen zeigten, in seiner Sphäre für den Augenblick die Fähigkeit erlangten, daß sie von gewissen gleichzeitigen, obwohl in der Entfernung vorgehenden Krankheits- und Todesereignissen durch sinnliche Wahrzeichen eine Vorempfindung hatten. Aber auf keines seiner Kinder und Enkel hat eine solche Gabe fortgeerbt; vielmehr waren sie meistenteils rüstige Personen, lebensfroh und nur aufs Wirkliche gestellt[71].«
Fußnoten:
[35] Vgl. Enneas Sylvius (Piccolomini), Historia Friderici, ed. Kollar, p. 136.
[36] Vgl. Eduard Vehse, Geschichte des preußischen Hofes und Adels (in der Geschichte der deutschen Höfe), I. Bd., S. 48.
[37] Vgl. Walter Bormann, »Die Nornen«, S. 206 f. Ailly beruft sich noch auf einen »tractatus de magnis coniunctionibus« von Abumasar. M. J. Schleiden bespricht in seinen »Studien«, Leipzig 1855, S. 264 ff., diese Vorhersage und kommt zu dem Resultate, daß sie auf einem astronomischen Rechenfehler beruhe, da der große Saturnumlauf nicht 300, sondern nur 294½ Jahre betrage. Das braucht uns nicht weiter zu kümmern, da es an der Tatsache der richtigen Vorhersage nichts ändert.
[38] Vgl. Schleiden, Studien, S. 247 f. Über Astrologie – vom gegnerischen Standpunkt aus – vergleiche dessen Aufsatz »Wallenstein und die Astrologie«, Studien, S. 217 f. Es mag Vielen neu sein, daß unter dem Namen »Zodiakus« seit 1910 eine deutsche astrologische Zeitschrift erscheint.
[39] Vgl. Ch. Lichtenberg, Vermischte Schriften, IV. Band. Göttingen 1802, S. 214.
[40] Schleiden, Studien, S. 243.
[41] Vgl. Tharsander, Schauplatz sonderbarer Meinungen I, S. 187. Goclenii Libri Uraniae divinatricis. Marp. 1694. Zitiert nach (Vulpius) »Curiositäten der Vor- und Mitwelt« 5. Bd., Weimar 1816, S. 15. Hier sei nicht verschwiegen, daß die Tradition, Lucas Gauricus habe den Tod Heinrichs II. von Frankreich vorhergesagt – vgl. »Curiositäten« S. 15 – falsch ist. Vgl. (Adelung) Geschichte der menschlichen Narrheit, II. Bd., Leipzig 1786, S. 261. Hier sind noch andere falsche Nativitäten notiert. Vgl. auch Suden, Gelehrter Kritikus, 3. Bd., S. 62. Weitere Literatur in »Curiositäten«, 5. Bd., S. 15 Anm. ***. Was Keplers Vorhersage des Todes von Matthias betrifft, so kann ich sie bei Frisch, J. Kepleri opera omnia, I. B., Frankfurt 1858, p. 483 ff., nicht finden.
[42] Vgl. Freher, Theatrum virorum eruditorum, p. 1551. Die Schriften Goldmayers bei (Adelung) Geschichte der menschlichen Narrheit, 4. Bd., S. 218 ff.
[43] Vgl. Allgemeine deutsche Biographie, 15. Bd., p. 618.
[44] Vgl. Albert Kniepf, Zodiakus, 1911, S. 3 ff.
[45] Vgl. Zadkiels Almanac 1911, London, nach gütiger Mitteilung des Herrn A. Kniepf.
[46] Zitiert nach »Woldenckwürdige Weissagung unnd Propheceyung, von den jetzigen Läufften, unnd sonderlich von dem noch innstehenden 1619. Unnd nachfolgenden 1620. 1621. 1622. 1623 Jahre. Von Johanne Capistrano usw.« 1619. VII. Abschnitt.
[47] Vgl. E. A. Schmidt, Geschichte von Frankreich in Heeren und Ukert, Geschichte der europäischen Staaten, 3. Bd., Hamburg 1846, S. 386 f.
[48] »Journal de ma vie« Mémoires du maréchal de Bassompierre. I. Bd., Paris 1870, p. 270 f.
[49] Vgl. A. Debay, Histoire des sciences occultes. Paris 1860, p. 103. Das Folgende eb. p. 103 f.
[50] Zitiert nach Gottfried Arnold, Kirchen- und Ketzerhistorie, 3. Teil, Frankfurt a. M. 1700, Kap. 26, S. 248 ff. Die (ungedruckte) »Relation«, der Arnold diese Visionsberichte entnommen hat, trägt die Aufschrift: »So schrieb anno 1653. am II. Pfingsttage im namen der Heiligen Dreyfaltigkeit, ich Joachim Greulich, und bekenne mit GOTT und dem Vater, den Sohn, und den Heiligen Geist, wie folgt ...«
[51] Vgl. v. Tettau, Erfurts Unterwerfung unter die mainzische Landeshoheit 1648–1664. Halle 1887 in den »Neujahrsblättern«, herausgegeben von der historischen Kommission der Provinz Sachsen und »Thüringische Lesehalle«, 1886, S. 173 f.
[52] Wir haben hier und weiter oben nur gesperrt, was auch im Original gesperrt gedruckt ist!
[53] (Adelung) Geschichte der menschlichen Narrheit, III. Bd., S. 118.
[54] Anm. der Erzählerin: Ein englischer Schrank, wie sie ihn wohl noch nie gesehen hatte. – Der Fall trägt bei Flammarion, Rätsel des Seelenlebens, die Nummer LXXV und steht auf S. 411 ff.
[55] Vgl. G. Villani, Chronik von Florenz, Geschichte der Vorzeit, XIV. Jahrh., II. Bd., S. 137. Eine Verulkung der Prophetie hat sich aus dem Jahre 1536 erhalten unter der Titel »Propheci und wunder–/ barlich Pronostication, uff das 1536./ jar kürtzlich gefunden zu Rätersch/ eym im Nergaw.« Vgl. O. Clemen, Archiv für Kulturgeschichte, 7. Bd., 1909, S. 1 ff.
[56] Diese Mitteilung verdanke ich Fräulein Isolde Kurz. Vgl. unter anderen zeitgenössischen Quellen: Benedetto Varchi, Storia Florentina, Florenz 1844, 3. Bd., p. 262 ff. Auch Nardi und Guicciandini berichten ähnliches.
[57] Friedrichs des Großen Werke, Frankfurt und Leipzig 1788, S. 88–95.
[58] Leipzig 1817. Karl August von Eschenmayer, geb. 1768, gest. 1852, war Professor der Medizin und Philosophie in Tübingen. Seit 1836 ins Privatleben zurückgezogen, beschäftigte er sich viel mit Mystizismus, was ihm natürlich Spott eintrug. Immermann stellte ihn im »Münchhausen« unter dem Namen »Eschenmichel« satirisch dar.
[59] Vgl. A. J. Davis, Die Wirklichkeit eingebildeter Krankheiten: Sphinx, 2. Bd., 1886, S. 216 ff.
[60] Übersetzung von Kiesewetter, Psychische Studien, 17. Bd., 1890, S. 402 f.
[61] Bessières führte den Titel eines Herzogs von Istrien.
[62] Marschall Ney.
[63] Nach einer Anmerkung von Kiesewetter ist das ein Gedächtnisfehler von Baudus, da die Anhöhe, auf der sich jetzt ein Bessières’ Namen tragender Gedächtnisstein befindet, unweit Weißenfels nach Rippach zu liegt.
[64] Vgl. Justinus Kerner, »Magikon«, III. Bd., S. 262. Zitiert nach Kiesewetter a. a. O. gleich dem Folgenden.
[65] Nach Du Prel in den Psychischen Studien, 17. Bd., 1890, S. 207. Die in Kerners Magikon II, 263 berichtete Tatsache wurde von Du Prels Großonkel, einem Verwandten und Waffengefährten Lasalles, bestätigt. – Das Folgende nach Brierre de Boismont, Des hallucinations, S. 295 (nach Du Prel).
[66] Zu Davis vgl. H. Johannsen »Gibt es ein Hellsehen?« Psychische Studien, 36. Bd., 1909, S. 480 ff.
[67] Hierzu machte Frau de Ferriëm, »Mein geistiges Schauen in die Zukunft«, Berlin 1895, S. 105 Anm., der wir obenstehenden Bericht entnehmen, die Bemerkung: daß sich damals durch die französische Seherin ein Spirit kundgab, der sich merkwürdigerweise ebenso wie =ihr= »Haupt-Kontroll-Geist« »Gabriel« nannte usw. Die Erklärung für diese prophetischen »Geister« dürfte meines Dafürhaltens wie schon weiter oben bemerkt, im Kausalitätsbedürfnis der Seherinnen liegen. Sie beobachten an sich das Phänomen der Visionen usw., ohne es sich erklären zu können und greifen deshalb zur Spirithypothese, die weder bisher bewiesen wurde, noch auch notwendig ist, so wenig wir zum Hypnotismus oder zur drahtlosen Telegraphie »Spirits« benötigen. Es handelt sich hier jedenfalls um eine uns noch nicht näher bekannte Naturkraft.
[68] Zitiert nach den »Psychischen Studien«, 36. Bd., 1909, S. 78 ff.
[69] Vgl. Eckermann, Gespräche mit Goethe, III. S. 137–139. Die ebenda wiedergegebene Erzählung, der Dichter habe das Erdbeben, das am 5. Februar 1783 Messina zerstörte, in Weimar auf telepathischem Wege gespürt, ist nicht stichhaltig. Vgl. R. Hennig, Gartenlaube 1910, S. 758 (Nr. 36).
[70] 1. Teil, erstes Buch, Cottasche Ausgabe ed. Goedeke, 20. Bd., S. 38 ff.
[71] Vgl. auch den Aufsatz von A. P. Brumm, »Seltsames und Mystisches aus der englischen Dichterwelt«. »Sphinx«, II. Bd., 1886, S. 187 ff. Hier werden merkwürdige Dinge von W. Blake, Thomas de Quincey, Shelley und Walter Scott erzählt.
Drittes Kapitel
Unsere Beweisführung
Einwände und deren Widerlegung
Wir haben in den beiden vorangehenden Kapiteln eine ganze Reihe von Prophezeiungen angeführt und schlossen mit der Bemerkung, daß wir trotzdem nicht behaupten, schon einen =zwingenden= Beweis erbracht zu haben.
Das bedarf einer eingehenden Begründung.
Gegen unser Material muß zunächst eingeworfen werden, daß es sich zum Teil um Berichte handelt, die erst veröffentlicht wurden, =nachdem= das vorhergesagte Ereignis auch =eingetreten= war. Da ist die Vermutung möglich, die Zeugen hätten bewußt oder unbewußt die Unwahrheit gesagt.
Daß Lügen, gerade wenn es sich um so Ungewöhnliches handelt, wie in unserer Untersuchung, möglich sind, soll gewiß nicht bestritten werden. Immerhin stammt eine ganze Reihe von Daten von Leuten, an deren Wahrheitsliebe zu zweifeln schlechterdings nicht zulässig ist. Wer selbst auf seine Ehre etwas hält, wird sehr vorsichtig sein, wenn er in Versuchung kommt, der eines anderen zu nahe zu treten. Deshalb wollen wir den bewußten Schwindel ganz ausschalten. Es kämen ja überhaupt nur ganz wenige der hier mitgeteilten Phänomene für diese Art des Zweifels in Frage.
Wie aber steht es mit dem andern Einwurf, dem, die Gewährsmänner hätten =unbewußt= die Unwahrheit gesagt?
Wer die Psychologie der Zeugenaussage kennt, weiß, daß unser Gedächtnis uns oft in einer Weise im Stich läßt, die wir nicht für möglich gehalten hätten. In vieler Erinnerung wird noch das Experiment sein, das der große Strafrechtslehrer Franz von Liszt in seinem Seminar – also mit lauter gebildeten jungen Leuten – anstellte und das gänzlich negativen Erfolg hatte. Es handelte sich damals um den Bericht über ein von ihm im Hörsaal inszeniertes Attentat, wobei die Zeugen keine Ahnung davon hatten, daß es sich um eine abgekartete Sache handle. Allerdings mag damals die große Erregung und die Schnelligkeit, mit der sich die Vorgänge abspielten, das Resultat ungünstig beeinflußt haben. Aber zuzugeben ist, daß unserem Gedächtnis, zumal wenn es sich um Details handelt und besonders, wenn das Erlebnis lange zurück liegt, nicht allzuviel Glauben beizumessen ist.
Das liegt hauptsächlich in der Art begründet, in der solche Gedächtnisbilder zustande kommen. Es sind keineswegs, wie man annehmen sollte, lauter Beobachtungen, Eindrücke, die wie die Bilder auf der photographischen Platte festgehalten und nach Hause getragen werden. Vielmehr ist nur ein Bruchteil wirklich beobachtet, das andere aber kombiniert, und zwar ganz unbewußt kombiniert.
Sehen wir jemanden in großer Erregung mit gezücktem Dolch auf einen Dritten zustürzen und ihm scheinbar die Waffe in den Körper bohren, dann glauben wir auch sofort den Blutstrahl aufspritzen zu sehen. Auch wenn gar nicht zugestochen wurde. Unsere Phantasie, verbunden mit dem Kausalitätsbedürfnis, mit der Erfahrung, daß bei Wunden auch Blut fließt, spielte uns einen Streich.
Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren. Das Fazit, daß auch intelligente Menschen mit großer Wahrheitsliebe objektiv unwahre Dinge berichten, können wir schon jetzt ziehen. Die Vermutung bei besonders merkwürdigen Phänomenen, wie denen, um die es sich hier ausschließlich handelt, sei die Phantasie doppelt geschäftig, liegt gewiß nahe.
Nun ist aber dagegen einzuwenden, daß es sich fast regelmäßig um so Wichtiges – etwa den vorhergesagten Tod naher Angehöriger – handelt, daß =das Essentielle der Vorhersage behalten wird=, wenn auch =Irrtümer= in bezug auf die =Nebenumstände vorkommen mögen=. Denn wenn wir daran zweifeln wollen, daß jemand Fragen von solcher Bedeutung in sein Gedächtnis eingraben kann, dann müssen wir das Gedächtnis als Gehirntätigkeit überhaupt streichen. Dann kann auch jemand vergessen, daß er irgendwo verwundet wurde oder daß sein Vater starb. Auch hier führt eine Hyperkritik zu absurden Konsequenzen.
Einräumen wollen wir aber, daß in allen jenen Fällen, in denen die Vorhersage eines Ereignisses erst =nach= dessen Eintreffen publiziert wird, der Leser das Recht hat, an der Glaubwürdigkeit des oder der Zeugnisse zu zweifeln.
Deshalb schreibt der bekannte verstorbene Vorkämpfer des Okkultismus, Freiherr von Du Prel, ein Forscher, dessen Verdienste im vollen Umfange auch erst die Zukunft anerkennen wird:
Solche Visionen müssen »vor dem Eintreffen in einer Zeitschrift =publiziert= werden, selbst auf die Gefahr hin, daß einzelne nicht eintreffen. – Das bloße Deponieren im Archiv der betr. Gesellschaft hätte höchstens für die Gesellschaftsmitglieder einen Wert«.
Nun ist aber eine große Anzahl der von uns mitgeteilten Fälle von zeitlichem Fernsehen bereits früher, ja oft schon Jahrhunderte vorher, im Druck erschienen.
Was läßt sich gegen deren Beweiskraft anführen? Da besteht zunächst der Einwand, diese Prophezeiungen seien so unklar gefaßt, daß sie vielleicht auch auf andere Ereignisse bezogen werden könnten. Er ist häufig schwer oder gar nicht zu widerlegen.