Part 7
Tatsächlich legten einige Jahre später – die Visionen wurden 1653 niedergeschrieben – mehrere große Feuersbrünste das damals bedeutende Erfurt fast ganz in Asche. Anfangs der sechziger Jahre entstanden Reibereien zwischen der Bürgerschaft und dem Rat, welche jahrelang dauerten und in offene Empörung gegen Kurmainz ausarteten. Als die Erfurter einen kaiserlichen Herold, der der Stadt die Reichsacht verkünden sollte (1660), schwer mißhandelt hatten, beauftragte Kaiser Leopold I. den Kurfürsten Johann Philipp von Mainz mit der Reichsexekution. Dieser belagerte, weil wegen der Türkenkriege kein Reichskontingent verfügbar war, die Stadt mit französischen aus Ungarn zurückkehrenden Hilfstruppen und nahm sie durch Kapitulation (1664)[51].
Greulich hatte auch eine auf die =Belagerung Wiens= durch Kara Mustapha und die große Pest, die 80000 Menschen dahinraffte, bezügliche Vision:
»Den 29. August um 4 uhr zu nachts kam der Engel GOttes wieder zu mir und sprach: Siehe wieder in den Himmel, wie er so blutig ist; da sahe ich darin pfitzschpfeile, bögen und blutige säbel, und ein creutz auch dabey, und neben dem säbel stund geschrieben mit güldenen buchstaben: Du schöne stadt =Wien=, du wirst schrecklich von den Türcken betränget werden; und über den pfitzschpfeilen, bögen und blutigem säbel stund ein schöner adler, und ich fragte den Engel GOttes, was der adler bedeuten wird; da sagte er mir, der Engel GOttes, nach eroberung der stadt Raab werden sich die Türcken für Wien machen, daß gleichsam Käyserliche Majestät von seiner Residentz-stelle weichen wird müssen, jedoch werde unsere Käyserl. Majestät den Türcken gewaltig schlagen, und die Türcken mit schand und spott wieder vor Wien werden abziehen müssen; keinen Teutschen krieg kan ich der stadt Wien anzeigen, auch keine straff als sterben und den Türken.«
Auch über die Vertreibung der Bourbonen hatte Greulich zwei Visionen:
Die erste beschreibt er (p. 253) folgendermaßen: »Ady den 28. Aug. zu nacht um 4 auff der großen uhr, kam der Engel GOttes wieder zu mir und sprach: ... Und nach diesem sprach der Engel GOttes wieder zu mir, ich solte in den himmel sehen, wie er so blutig sey, da sahe ich darinnen ein blutiges schwerd, und ein kreyß oben darauff, und auf der rechten seiten neben dem schwerd stund geschrieben mit güldenen buchstaben: Ihr Königl. Majestät in =Franckreich=, und auf der lincken stund abermal mit güldenen buchstaben geschrieben: Schönes Franckreich, es wird jämmerlich mit dir zugehen, da fragte ich den Engel GOttes, was das bedeuten wird, da sagte er zu mir, siehe wol an den himmel, wie des Königes in Franckreich sein Name sich =daran verdunckelt, und er hat sich gantz verlohren, das bedeut, daß er soll mit den seinen verjagt und verderbet werden=, und es wird ein sterben auch dazu kommen.«
Die zweite Vision Greulichs lautet:
»... Über eine weile kam der Engel GOttes wieder zu mir und sprach: Sihe in den himmel, wie er so blutig ist, und ich sahe darinnen einen grausamen stuhl gesetzt; und auf dem stuhl saß einer in einer güldenen crone, und er hatte in seiner rechten Hand Scepter und Reichs-apfel, und über seinen stuhl (der grausam schön war anzusehen) stund mit güldenen buchstaben geschrieben: =Königl. Majestät in Franckreich=, und über der schrifft stund eine blutige fahne; und der Engel GOttes sagte zu mir: Siehe jüngling, da kommen des Königs in Franckreich seine Räthe, die ältisten so wol als die jüngsten, daß beysamt der blutigen fahnen kniend für dem König in Franckreich sie müssen einen eid ablegen, daß sie bey ihrer treu und glauben bey ihme leben und sterben wollen, und auch gegen ihres Königs feinde seyn (der Schwur im Ballhause und die große Feier auf dem Marsfeld!) und wie das verrichtet war, saß der König noch auf seinem stuhl, =und der Engel GOttes sprach zu mir: Siehe, jüngling, wie des Königs seine crone, scepter und Reichsapfel alles verrostet=, und es anfangs alles schöne geglissen hat, nun aber siehestu, daß es mit allem Königlichen Ornat von seinem stuhl herunter gestoßen wird[52].«
Wenn wir uns bei der Betrachtung obiger Visionen vor Augen halten, daß sie, selbst wenn wir an Arnolds Quelle zweifeln sollten, da er ungedruckte Papiere benutzt zu haben behauptet, ein volles Jahrhundert früher publiziert wurden, als sie eintraten, daß also auch nur der allerleiseste Zweifel an ihrer Authentizität hinfällig ist – denn auch Arnold konnte ja gar keine Ahnung davon haben, daß neunzig Jahre, nachdem er es im Druck erschienen ließ, das Gesicht sich realisieren würde – dann wird wohl auch der größte Verfechter der Unmöglichkeits- und Zufallstheorie einigermaßen bedenklich werden.
Um die volle Wunderbarkeit der Prophezeiung richtig bewerten zu können, müssen wir uns vergegenwärtigen, daß Greulich so gut wie Arnold in der Zeit des auf die Spitze gesteigerten Absolutismus lebten. Man muß ferner wissen, daß Frankreich, vom Sonnenkönig Ludwig XIV. regiert, damals auf dem Gipfel seiner Macht und seines Ansehens stand. Es lag außerhalb jeder menschlichen Berechnung sowohl an einen Sturz des Königtums irgendwo in Europa, als besonders an den der glänzenden, allmächtigen Bourbonen Frankreichs zu denken.
Die Vision wird noch erstaunlicher durch den Nebenumstand, daß der König erst vertrieben wird – und zwar wie der »grausame stuhl« und die »blutige fahne« andeuten nicht eben sänftiglich; den Henkerstod zu prophezeien scheute sich wohl auch ein Greulich – nachdem ihm der Treueid geleistet worden war. Daß dieser Zug jede Berechnung ausschließt, dürfte kaum bestritten werden können.
Wir haben es hier – und zwar zum ersten Male in diesem Buche – mit einer richtigen Vision zu tun. Die Form, in der die Zukunft enthüllt wird, das Erscheinen eines Engels, ist höchst befremdlich und der Verdacht, es handele sich um Schwindel oder Wahnideen, liegt nahe. Wir werden aber später noch häufig Gelegenheit haben, bei anderen Sehern ganz Ähnliches zu finden. Entscheidend ist hier eben nur, ob die Vorhersage eintrifft oder nicht. Und da hier letzteres der Fall ist, müssen wir wohl oder übel das Phänomen hinnehmen, wie es sich uns bietet.
Zur Warnung für vorschnelle Urteile ist es nicht überflüssig, daran zu erinnern, daß das Problem der Prophetie noch Neuland ist. Unsere erste Aufgabe muß es sein, festzustellen, ob es überhaupt ein Fernsehen in der Zeit gibt. Erst wenn das geschehen ist, kann die Untersuchung der Bedingungen, unter denen diese Kraft wirksam wird, uns beschäftigen. Wenn wir also auch die allerwunderlichsten Berichte finden – wie etwa in bezug auf Greulichs Engel – so werden wir uns hüten müssen, daran herumzukritisieren. Vielmehr handelt es sich für uns zunächst nur darum, ob dieser angebliche Engel sich durch die Wahrheit seiner Eingebung sozusagen legitimiert.
Wenn eine neue Naturkraft oder irgendeine Erscheinung der Natur untersucht werden soll, so bedient sich der Naturforscher zu diesem Zweck des Experimentes. Dann ist es seine Aufgabe nicht etwa – wie der Laie meinen mag – der Natur das Experiment aufzutrotzen, sondern ganz im Gegenteil ihr die Bedingungen abzulauschen, unter denen sie den Versuch gelingen läßt. Nicht der Naturforscher stellt also die Bedingungen auf, sondern die Natur.
Um ein Beispiel zu gebrauchen: die Entwicklung der photographischen Platte ist nur in der Dunkelkammer bei rotem Lichte zu bewerkstelligen. Dieser Bedingung des roten Lichtes hat sich der Photograph einfach zu fügen und erst wenn er auf Grund von vielfachen Versuchen zum Resultate gekommen ist, daß Licht von anderer Farbe ihm die Platte verdirbt, wird er dazu übergehen die Gründe dieser Erscheinung zu prüfen. Hier stellen also das rote Licht, die Natur, die Beschaffenheit der Platte die Bedingungen, und die Aufgabe des Experimentators kann nur sein, diese Bedingungen herauszufinden und sich ihnen zu fügen. Erst auf einer höheren Stufe wird er dazu übergehen können die Natur – scheinbar – zu zwingen.
Leute, die sich am Engel in der Prophetie oder am Symbolismus vieler Vorhersagen stoßen, erscheinen fast so, als wollte jemand das Schwimmen der Fische untersuchen und sich darüber aufregen, daß das nur im Wasser vor sich geht. Auf dem trockenen Lande wären doch die Beobachtungsbedingungen viel bequemer!
Was übrigens den Sturz der Bourbonen bzw. die große Revolution betrifft, so wurde sie – von Cazottes Prophezeiung, auf die wir noch eingehend zurückkommen werden, abgesehen – außer von Greulich und Ailly noch von =Johannes Cario= in seiner 1522 zu Berlin erschienenen »Prognosticatio« vorhergesagt. Es ist nun sehr spaßhaft, daß der superkluge Adelung noch im Jahre 1787 die Richtigkeit dieser Prognose mit folgenden Worten bestreitet:
»Noch unbarmherziger soll es in dem Jahre 1789 zugehen; das sollte das schrecklichste unter allen sein, indem in demselben große und wunderbare Geschichten, Veränderungen und Zerstörungen vorfallen würden. Allein, so sehr sich der Narr in Ansehung des 1693sten Jahres betrogen hat, so sehr wird er vermutlich auch 1789 zum Lügner werden[53].«
Kehren wir noch einen Augenblick zum »Engel« zurück! Daß es sich nicht um einen der biblischen Engel handeln kann, sondern nur um ein Phantasieprodukt unterliegt natürlich bei Greulich so wenig, als bei irgendeinem andern Seher dem allergeringsten Zweifel. Das Wahrscheinlichste ist, daß das Kausalitätsbedürfnis der Propheten, die Eingebungen haben ohne zu wissen, woher sie stammen, einen Geist oder Engel oder gar Gott selbst erfinden und die Figuren ihrer Phantasie dann für wirkliche Personen halten. Damit ist keine Erklärung des hellseherischen Phänomens gegeben, es sollen lediglich die Seher nach Tunlichkeit von dem Verdacht des Schwindels oder Irreredens befreit werden. Denn daß es sich hierum nicht handelt – wenn auch gewiß beides da und dort vorkommen mag – geht aus dem Inhalt des Geschauten und dessen Uebereinstimmung mit der Wirklichkeit zur Evidenz hervor. Im übrigen müssen wir den Leser vorläufig noch um Geduld bitten.
Ebenso merkwürdig fast, wie der Engel als Vermittler der Zukunft, sind Karten und Kaffeesatz der Wahrsagerinnen. Daß es noch zahllose andere angebliche Mittel gibt Zukünftiges zu sehen, Spiegel, Kristalle usw. sei im Vorbeigehen bemerkt. Darauf näher einzugehen, müssen wir ablehnen, da wir ja nicht untersuchen wollen, auf welchem Wege das zeitliche Fernsehen zustande kommt, sondern uns ganz bescheiden damit begnügen müssen, festzustellen, ob und daß es ein solches tatsächlich existiert.
Um aber das Unsere zu tun, um den Leser vor vorschnellem Aburteil zu bewahren, sei folgende interessante Geschichte hier zum besten gegeben.
»Eine Freundin von mir, Lady A., wohnte in den Champs-Elysées. An einem Oktoberabend 1883 hatte ich bei ihr diniert. Trotz ihres großen Vermögens war sie eine sehr häusliche, ordnungsliebende Dame und machte jeden Abend ihre Abrechnung vor dem Schlafengehen.
Wie sehr war sie betroffen, als ihr an diesem Abend 3500 Frs. aus der Innentasche ihres großen Reisekoffers fehlten, in dem sie ihre Juwelen und ihr Geld verwahrte.
Das Schloß war nicht verletzt; nur die Ränder der Tasche waren ein wenig verbogen. Und doch war Lady A. überzeugt, daß sie um 2 Uhr nachmittags in Gegenwart ihrer Kammerfrau die Tasche geöffnet und eine Nota bezahlt hatte. Dann hatte sie das Geld bestimmt wieder an seinen Platz gelegt. Sie schellte ihrer Kammerfrau und teilte ihr den Verlust mit. Diese wußte auch nichts anzugeben, erzählte aber dem Personal den Verlust. Die Folge war, daß der oder die Schuldige Zeit finden konnte, das gestohlene Gut in Sicherheit zu bringen.
Zeitig früh wurde der Polizeikommissar der rue Berryer benachrichtigt. Alles wurde verhört und durchsucht, umsonst.
Der Kommissar besprach noch mit Lady A. den Fall und fragte sie aus, wen sie am ehesten für den Schuldigen halte.
Lady A. gab ihre ganze Dienerschaft als vertrauenswürdig an; ganz ausgeschlossen sei aber von dem Verdacht der zweite Kammerdiener, ein großer, 19jähriger Mensch, den sie aus einer Art Protektion, die er sich durch seine musterhafte Haltung erworben, zärtlich ›den Kleinen‹ zu nennen pflegte.
Der Morgen verlief resultatlos. Um 11 Uhr vormittags schickte Lady A. die Erzieherin ihrer jüngsten Tochter zu mir mit der Bitte, ich möchte diese Dame doch zu einer Hellseherin begleiten, deren Fähigkeit ich vor einigen Tagen gerühmt hatte.
Ich kannte diese Hellseherin auch nur aus den Erzählungen einer Dame und wir machten uns auf den Weg.
Unsere Hellseherin, Frau E., brachte eine mit Kaffeesatz gefüllte Tasse und ersuchte die Erzieherin, dreimal darauf zu blasen. Dann goß sie den Kaffeesatz in eine zweite Tasse und in der ersten blieb in verworrenen Linien nur der festere Kaffeestaub zurück. Darin schien unsere Pythia zu lesen.
Sie breitete ihre Karten aus und begann: ›Ah! ein Diebstahl ... Der Dieb ist im Hause selbst und hat sich nicht erst eingeschlichen. Warten Sie, jetzt will ich aus dem Kaffeesatz die Details herauslesen.‹
Sie nahm die Tasse, die Erzieherin mußte wieder dreimal blasen und sie griff nach ihrem Lorgnon.
* * * * *
Als hätte sie der Szene beigewohnt, beschrieb sie auf das genaueste das Zimmer der Lady A. Sieben Bediente, die sie dem Alter und Geschlecht nach genau beschrieb, sah sie in dem Haus. Dann kam sie wieder in Lady As. Zimmer zurück und bemerkte einen eigenartigen Schrank[54].
›Warum ist dieser Schrank nicht versperrt? Er enthält viel Geld ... in ... wie komisch das Ding ist! ... es öffnet sich wie ein Portemonnaie ... es ist kein Koffer ... ah, ist weiß ... ein Reisesack ... welche Idee, hier sein Geld aufzubewahren und wie unvorsichtig, es so unverschlossen zu lassen! – Die Diebe kennen den Sack wohl ... sie haben das Schloß nicht verletzt. Sie biegen die Seiten auseinander und mit einer Schere oder mit einer Pinzette ziehen sie die Banknoten heraus.‹
Wir lassen sie sprechen; alles, was sie sagt, stimmt in den feinsten Details mit der Wahrheit überein. Sie hält ermüdet inne. Wir beschwören sie, uns den Schuldigen zu nennen. Sie erklärt, dies sei gegen die französischen Gesetze, denn man dürfe ohne Beweise, nur durch okkultes Wissen, niemand als einen Verbrecher bezeichnen.
Da wir weiter in sie dringen, erklärt sie, das Geld werde niemals gefunden und der Dieb nicht für den Diebstahl bestraft werden, aber in zwei Jahren würde er die Todesstrafe erleiden.
So oft sie von dem ›Kleinen‹ spricht, sieht sie ihn bei den Pferden. Wir versichern ihr, er sei Kammerdiener und komme mit den Pferden gar nicht in Berührung. Aber sie besteht auf ihrer Behauptung.
Wir lassen also diese Kleinigkeit fallen, die uns aber in ihren sonst so richtigen Angaben stört.
Vierzehn Tage später entläßt Lady A. ihren Portier und ihre Kinderfrau; der ›Kleine‹ tritt ohne Grund einige Wochen später aus ihrem Dienst. Das Geld wird nicht gefunden, und ein Jahr später reist Lady A. nach Ägypten.
Zwei Jahre nach dem Diebstahl erhält Lady A. die Aufforderung vom Tribunal de la Seine, als Zeugin nach Paris zu kommen. Man hatte den Dieb gefunden. Es war Marchandon, der Mörder Frau Cornets, ehemals der so hochgeschätzte ›Kleine‹.
Wie es die Hellseherin von rue Notre-Dame-de-Lorette vorausgesehen, erlitt er die Todesstrafe. Im Prozeß konstatierte man auch, daß der ›Kleine‹ ganz nahe der Residenz von Lady A. einen Bruder hatte, der als Kutscher in einem großen Haus bedienstet war. Der ›Kleine‹ war ein großer Pferdeliebhaber und hatte jeden freien Moment bei seinem Bruder im Stall zugebracht.
So hatte die Hellseherin in jedem Detail recht behalten.
L. d’Ervieux.
Ich bestätige, daß dies der Wahrheit entspricht, da ich der Konsultation beiwohnte.
C. Deslions.«
Zu diesem außerordentlich interessanten Fall, einer Verbindung von zeitlichem und räumlichem Fernsehen, macht Dariex die Anmerkung:
»Dieser Fall von Hellsehen ist äußerst interessant. Lady A. hat mir ihn in allen Einzelheiten bestätigt. Die Karten und der Kaffeesatz sind nur ein nebensächliches Mittel, das das Medium unbewußt anwendet, um sich in Autosomnambulismus zu versetzen, d. i. in einen Zustand, worin das normale Bewußtsein außer Tätigkeit tritt, und zwar zugunsten des unbewußten Handelns. Es ist möglich, daß in diesem Zustand die unbewußten Fähigkeiten ihren größten Aufschwung nehmen können und daß die hellseherische Fähigkeit, die vielleicht in uns allen schlummert, bei manchen Individuen ziemlich viel zu leisten vermag.«
Ob es sich auch bei der Astrologie um ein ähnliches nebensächliches Mittel, wie Kaffeesatz und Karten, handelt, bleibe dahin gestellt. Desgleichen was es mit dem Engel für eine Bewandtnis hat. Denn wie man auch darüber denken mag, der Sache selbst bringt es uns nicht näher. Wenn die gut beglaubigte Geschichte, die durchaus nicht vereinzelt ist, den Erfolg hat, daß die Leser dieser Zeilen sich nicht lediglich deshalb unwillig abwenden, weil in den Visionsberichten Engel oder sonst was Merkwürdiges vorkommt, so ist der Zweck des Autors vollauf erreicht.
Kehren wir nach dieser Abschweifung wieder zur Sammlung historischer Beispiele für ein richtiges Vorhersehen der Zukunft zurück! Daß die chronologische Reihenfolge nicht strenge innegehalten wird, dürfte die Natur des Gegenstandes rechtfertigen.
=Alessandro de Medici= wurde im Jahre 1536 von seinem Vertrauten und Vetter Lorenzino auf raffinierte Weise ermordet. Dieses Ende war dem Herzog wiederholt vorhergesagt worden, sogar mit Bezeichnung der Person des Mörders. Ein Page aus Perugia hatte es geträumt und der Astrologe Giuliano del Carmine in seiner Nativität gelesen. Und zwar nicht nur, daß er ermordet, sondern sogar, daß ihm die Gurgel durchschnitten würde, und zwar durch seinen Vetter Lorenzino. Alessandro, der nicht an Astrologie glaubte, hatte darüber nur gelacht.
Ja, er hatte zum Entsetzen der Florentiner zur Hochzeit mit Margarete von Parma einen astrologischen Unglückstag gewählt, nämlich eine Sonnenfinsternis und noch dazu einen Dreizehnten.
Es gab eben zu allen Zeiten Leute, die von Wahrsagerei, Astrologie oder andern Versuchen, die Zukunft zu enthüllen, nichts hielten. Hatte doch schon Villani davor gewarnt[55]. Diese Skepsis, die also keineswegs absolut neu ist, nur daß die Gegenwart in der Ablehnung viel weiter geht, als frühere Zeiten, ist dazu angetan, die Glaubwürdigkeit einiger Berichte zu erhöhen.
Alessandro war auch von verschiedenen Personen, denen Lorenzinos Benehmen aufgefallen war, gewarnt worden, jedoch ohne jeden Erfolg. Deshalb glaubte man allgemein in Florenz, sein Tod sei ihm vom Schicksal bestimmt.
Ein Soldat von Alessandros Leibwache hatte geträumt, der Herzog sei von einem kleinen, schmächtigen Menschen, dessen Äußeres er sich genau erinnerte, ermordet. Er redete darauf seinen Herrn des Morgens an der Tür an, um ihm den Traum zu erzählen. Und als Lorenzino eben dazu trat, rief er: »Dieser ist es.« Der Herzog aber schickte den Warner mit barschen Worten fort[56].
Unterm 27. Dezember 1759 hatte der =Marquis d’Argens= König Friedrich dem Großen gemeldet: daß ein Mensch, der vor einundeinhalb Jahren für einen Narren gegolten, ihm im Jahre 59 großes Unglück prophezeit, für das Jahr 60 aber glücklichere Ereignisse. Er fährt in einem zweiten Briefe von 1760 fort:
»Sire! mein Prophet, über den Sie sich lustig machen, sagt noch immer Wunderdinge vorher.«
Hier folgt eine niedliche Antwort, die der Prophet dem einfältigen Markgrafen von Schwedt gab, der ihn mit vornehmen Worten abzuspeisen versuchte: »Geht, Ihr seid ein Narr!«
»Meine Frau sagt mir das täglich, aber ich achte nicht darauf, weil ich den Umfang ihres Geistes kenne,« replizierte der schlagfertige Prophet.
D’Argens erzählt jetzt weiter, daß der Seher die =Schlacht bei Küstrin einen ganzen Monat vorher mit folgenden Worten angekündigt habe=: »Der König wird in dreißig Tagen eine blutige Schlacht über die Russen gewinnen; an 15000 werden bleiben und lange Zeit auf dem Schlachtfeld liegen und den Vögeln zur Beute werden.«
»=Der Tag=«, fährt Argens wörtlich fort, »=war gerade der Tag der Schlacht=. Ich weiß wohl, das Ungefähr hat die Vorhersage dieses Mannes wahr gemacht, aber man muß doch gestehen, es war ein sonderbares Ungefähr.«
Der Marquis betont ausdrücklich, daß er trotzdem =nicht= an Propheten glaube – wie konnte er auch anders in der Zeit der Aufklärung und in einem Briefe an einen ihrer glänzendsten Vertreter?! – sondern ein treuer Anhänger Epikurs nach wie vor sei[57].
Der Tod des Königs =Friedrich von Württemberg= im Jahre 1816 wurde bereits 1812 von den Stuttgarter Somnambulen Wanner und Krämer vorhergesagt. Eschenmayer berichtet darüber im ersten Bande des »Archivs für tierischen Magnetismus«[58] ausführlich. Das wesentliche seines Berichtes lautet:
»Die erste Vorhersage geschah im Jahre 1812, wahrscheinlich am 12. Juli, in Gegenwart von Hofmedikus Klein, Oberfinanzrat St..., dessen Frau und Tochter. Sie lautete: »S. M. stirbt im Jahre 1816 zwischen dem 18. und 20. April auf ungewöhnliche Weise.« (Zu Klein): »Zu Dir wird noch vorher geschickt werden und eine andere Person (die sie nannte) wird vorangehen.«
Die Somnambule verpflichtete alle zu strengstem Stillschweigen aus Furcht, man werde sie für eine Irrin erklären, wenn ihre Prophezeiung bekannt würde. Später sagte die Wanner: »Das Jahr des Todes sei zuverlässig, aber im Monat könne sie sich irren.« Dem fügte Frau von St... hinzu, »daß nachmals ihr Mann ihr gesagt hätte, er habe noch besonders herausgebracht, daß der Monat der Oktober sein könne.«
Eschenmayer wollte den Finanzrat von St... deshalb interpellieren, traf ihn jedoch nicht an und sagt: »Soviel ist aber gewiß, daß St... das Ende des Monats Oktober vom Jahre 1816 mit einer solchen Zuverlässigkeit als den wahren Termin der Erfüllung annahm, daß er sich gegen mehrere meiner Bekannten äußerte, er biete seinen ganzen Weinvorrat als Wette auf dieses Ereignis an.«
Die in der Behandlung des Dr. Nick befindliche Somnambule =Krämer= führte mit diesem ihrem Arzte, dem Hofmedikus Klein und Professor L...t am 17. April 1816 folgendes Gespräch:
Krämer: »S. M. stirbt in diesem Jahre im Monat Oktober.«
Nick: »Ist es der Anfang, die Mitte oder das Ende des Oktobers?«
Krämer: »Das Ende des Oktobers.«
Nick: »Du kannst wohl den Tag bestimmen? Ist es wohl der 26.?«
Krämer: »Nein.«
Nick: »Aber der 28. Oktober?«
Krämer: »Da trifft ihn ein Kopf- und Brustschlag.«
Der Leibarzt Dr. Klein hatte eine Reise nach Augsburg gemacht, von der er am 28. Oktober zurückgekehrt war, als ein königlicher Läufer erschien und ein chirurgisches Instrument für den König holen wollte. »Wie ein Blitzschlag erinnerte sich Klein an diesen Vorboten, der den Tod verkündigte.« Und wirklich traf an diesem Tage den König ein Schlaganfall, welchem er am 29. erlag. Bezüglich der Zeugenschaft führt Eschenmayer folgendes an:
»Dr. Christian Reuß. Diesem übergab Professor L...t mehrere Monate vorher einen versiegelten Zettel, auf welchem die vorhergesagte Begebenheit stand, mit der Bemerkung, denselben nach Ablauf der Zeit zu erbrechen. Da aber späterhin durch die allmähliche Verbreitung des Gerüchts diese Vorsicht unnütz wurde, so ließ L...t durch R...ß den Zettel öffnen. Mit dem Inhalt und den Umständen vertraut, bekam R...ß selbst Glauben an die Geschichte, wettete darauf und gewann zwei förmliche Wetten. Einer der Wettenden ist der Major C..., der andere ist mir unbekannt.
Minister von W..., ein tätiger Beschützer des Magnetismus, sprach selbst in Gesellschaften von dieser sonderbaren Vorhersage, um die Möglichkeit solcher Phänomene in wissenschaftlicher Hinsicht zu beleuchten. Tatsache ist es, daß er mit Graf G...z eine Wette eingehen wollte.
Geheimrat von St... ist Zeuge, daß St... drei bis vier Monate vorher auf das letzte Drittel des Oktobers mit Einschluß bis zum 11. November seinen ganzen Weinvorrat als Wette anbot.
Madame von W... teilte ich selbst etwa drei Monate vorher auf besondere Veranlassung diese Vorhersage mit. Sie bekam später Gelegenheit mit St... darüber zu sprechen, der ihr gleichfalls äußerte, daß er jede Wette darauf eingehe.«