Part 6
Deshalb wollen wir uns im Nachstehenden, unter teilweisem Verzicht auf die oben skizzierte, an sich gewiß außerordentlich verlockende Aufgabe, damit begnügen, einige Beispiele für Prophetie anzuführen, an deren Authentizität sich kaum zweifeln läßt. Dabei schicken wir aber voraus, daß wir hier nur den Boden für die weitere Untersuchung bereiten wollen und uns völlig darüber klar sind, daß ein zwingender Beweis auf dem in den beiden ersten Kapiteln dieses Buches eingeschlagenen Wege nicht zu erbringen ist.
=Tommaso Parentucelli=, Bischof von Bologna, bestieg 1447 als Nikolaus V. den Stuhl Petri. Er hatte in der Nacht vor Papst Eugens Tode seine Wahl geträumt, ja, mehr als das, Kaiser Friedrich III. hatte in der Nacht, als Parentucelli Österreich verließ, geträumt, daß er von ihm zum Kaiser gekrönt werde, und sich gewundert, daß ein einfacher Bischof diese feierliche Handlung vornehmen würde. Als nun Nikolaus wirklich Papst geworden war, zweifelte der Habsburger nicht, daß er auch die Kaiserkrone aus seinen Händen empfangen würde. Da Äneas Sylvius, der nachmalige Papst Pius II., zugegen war, als Nikolaus und Friedrich sich gegenseitig ihre Träume erzählten, auch in seinem Berichte beifügt, daß vier weitere Zeugen anwesend waren, ist die Beglaubigung dieser Vorahnung völlig einwandfrei[35].
Der bekannte Arzt =Thurneysser= gab von 1573 bis 1585 Kalender heraus, wobei er den einzelnen Monatstagen »Prognostika« beisetzte. Wunderbarerweise traf manche Vorhersage erstaunlich richtig ein, so daß die Vermutung nicht ferne liegt, Thurneysser habe eine gewisse Sehergabe besessen.
Um ein Beispiel anzuführen, steht im Kalender von 1579 beim 17. Dezember: »Eine schändliche Tat einer fürstlichen Person.« Die Erklärung lautete im Kalender des folgenden Jahres: »Auf diesen Tag hat Signora Bianca Capelli ihren Stiefsohn zu Florenz mit Gift vergeben, welcher am 18. Dezember gestorben, da denn bald hernach folget ›Mord oder Totschlag einer fürstlichen Person‹, welches also erfolget[36].«
Es sei niemandem verwehrt, hier Zufall anzunehmen; immerhin ist es ein recht merkwürdiger Zufall, denn solche Taten passierten auch damals nicht allzuoft, und ihre Festlegung auf einen bestimmten Tag gibt zweifellos zu denken.
=Pierre d’Ailly= (geb. 1350 zu Compiègne, gest. zu Avignon zwischen 1419 und 1425), Kanzler der Sorbonne, Almosenier und Beichtvater des Königs Karl VI., Bischof von Puy, dann von Cambray, seit 1411 Kardinal, schrieb unter dem latinisierten Namen Petrus de Aliace mit dem Titel »Concordantia Astronomiae cum Theologia, Concordantia Astronomiae cum Historica Narratione« ein Buch, das erst im Jahre 1490 in Augsburg im Druck erschien.
Pierre d’Ailly, der übrigens vornehmlich den Tod des Johann Huß auf dem Konstanzer Konzil verschuldet hat, war einer der angesehensten Männer seiner Zeit und wurde wegen seines Scharfblicks »der Adler der französischen Gelehrten« zubenannt.
Wie Ersch und Grubers »Encyklopädie« bemerkt, hatte er aber die »Schwäche«, astrologischen Berechnungen zu glauben. Fast könnte er uns zu dieser Schwäche durch die Lektüre des 60. Kapitels genannten Werkes bekehren.
In diesem »de octava coniunctione maxima« betitelten Abschnitt ist zu lesen, daß nach der großen achten »Konjunktion« des Saturn die Vollendung von gewissen 10 Umdrehungen dieses größten Planeten im Jahre 1789 stattfinden wird.
»Wenn die Welt bis zu jenen Zeiten stehen wird, was allein Gott weiß, dann werden große und erstaunliche Umwälzungen und Wandlungen geschehen, die am meisten die Gesetze und das Parteiwesen betreffen.«
Also eine Vorherbestimmung der großen französischen Revolution[37]!
Es bedarf keiner Betonung, daß uns der astrologische Weg völlig unverständlich ist. Das ändert aber natürlich nichts daran, daß Berechnung und Wirklichkeit hier harmonieren. Jedermann sei es auch hier freigestellt, den Zufall als Begründung anzunehmen.
Was im übrigen die Astrologie betrifft, in früheren Jahrhunderten die bevorzugte und mit Gold überhäufte Schwester der Astronomie, so beruht der Glaube an sie bekanntlich auf einem supponierten Einfluß der Gestirne auf das Leben des einzelnen.
Es ist ohne weiteres klar, daß nur kindische Spielerei aus der Übereinstimmung des Planetennamens Mars mit dem Kriegsgott, oder des Planetennamens Venus mit der freundlichen Göttin der Liebe irgend etwas zu folgern vermag. Man hätte selbstverständlich die Gestirne auch anders taufen können und die Analogie käme dann in Fortfall.
Anders läßt sich allerdings die Sache betrachten unter der Annahme, daß jahrhunderte-, ja, jahrtausendelange Erfahrung ein Zusammentreffen gewisser Ereignisse und Schicksale mit bestimmten Konjunktionen der Gestirne ergeben habe. Wie es etwa zahlreiche Menschen gibt, die bei Witterungswechsel Rheumatismus oder Kopfweh bekommen.
Wäre letztere Annahme richtig, dann müßte allerdings – eine ausreichende Erfahrung und genügend scharfe Beobachtung vorausgesetzt – wenigstens in der Regel die schwierige astrologische Berechnung mit den Tatsachen übereinstimmen. Das ist nun aber keineswegs der Fall. Vielmehr sind die Beispiele, daß selbst die größten Astronomen – die also keine Kunstfehler machen – sich ganz gründlich irren, nichts weniger als selten.
So sandten zum Beispiel im Jahre 1179 sämtliche Astrologen Briefe an alle Länder und verkündeten den Untergang des Menschengeschlechtes für das Jahr 1186. Oder Johann Stoffler berechnete für das Jahr 1524 eine neue Sintflut und erregte damit das größte Entsetzen in ganz Europa. Andere, so Georg Tannstetter in Wien, griffen zur Feder, um das Irrtümliche dieser Prophezeiung zu beweisen. Es war auch notwendig, etwas zur Beruhigung der Gemüter zu tun, denn man hatte schon begonnen Archen zu bauen, um für alle Fälle gesichert zu sein.
Cyprianus Leovitius, Hofmathematiker des Kurfürsten Otto Heinrich von der Pfalz, verkündete aus den Sternen den Weltuntergang für das Jahr 1584[38]. Diesen Vorhersagen des Weltunterganges folgten noch viele andere, auf die einzugehen wenig Interesse bietet.
Noch im 18. Jahrhundert hat ein gewisser Ziehen die einfältigsten astrologischen Weissagungen zum besten gegeben. So, daß die Erdoberfläche Europas sich immer mehr gegen Süden senken würde, daß der Ärmelkanal austrocknen würde und anderes mehr[39].
Überhaupt ist an falschen astrologischen Prophezeiungen gewiß kein Mangel. So hat z. B. Kepler dem damals sechsundzwanzigjährigen Wallenstein im Jahre 1609 das Horoskop gestellt, das heute noch im Original erhalten ist. Darin sagt er dem späteren großen Feldherrn neben einigem Richtigen auch voraus, er werde im siebzigsten Lebensjahre einem viertägigen Fieber erliegen.
Melanchthon, ein heftiger Gegner des Kopernikanischen Sonnensystems, der zu einem astrologischen Handbuch des Johann Schoner eine lange Vorrede verfaßte, kehrte einst auf einer Reise bei seinem Freunde Melander ein. Er stellte dessen jüngstem, etwa halbjährigen Kind das Horoskop und prophezeite, daß es gleich seinem Vater sehr gelehrt sein werde und als tapferer Streiter Gottes zu hohen geistlichen Würden gelangen würde. Darauf rief Melander lachend aus: »Philippe, Philippe, es ist ja ein Mägdlein[40]!«
Solche und ähnliche Entgleisungen der Astrologie sind außerordentlich häufig. Dagegen werden wir aber noch sehen, daß auch Vorhersagen erstaunlich richtig eintreffen. Letzteres läßt sich natürlich am einfachsten durch Zufall erklären, was einem Verzicht auf Erklärung gleichkäme. Ob wir zu diesem Auskunftmittel in allen Fällen greifen müssen, wollen wir vorläufig dahingestellt sein lassen. Soviel ist jedenfalls sicher: eine Methode, die zu so zahlreichen Mißgriffen führt, wie die astrologische, ist mangelhaft, vielleicht überhaupt ganz falsch. Auf keinem Fall kann der Astrologie für sich allein und in ihrer bisherigen Handhabung ein hoher prophetischer Wert beigelegt werden.
Daß =Goethe= der Astrologie nicht völlig fern stand, was gewiß manchen interessieren wird, mag aus dem Anfang seiner »Dichtung und Wahrheit« hervorgehen. Er schreibt hier im ersten Buche des ersten Teils:
»Am 28. August 1749, mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glücklich; die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau und kulminierte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sich freundlich an, Merkur nicht widerwärtig; Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig: nur der Mond, der soeben voll ward, übte die Kraft seines Gegenscheins um so mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war. Er widersetzte sich daher meiner Geburt, die nicht eher erfolgen konnte, als bis diese Stunde vorübergegangen.
Diese guten Aspekten, welche mir die Astrologen in der Folgezeit sehr hoch anzurechnen wußten, mögen wohl Ursache an meiner Erhaltung gewesen sein: denn durch Ungeschicklichkeit der Hebamme kam ich für tot auf die Welt, und nur durch vielfache Bemühungen brachte man es dahin, daß ich das Licht erblickte.«
=Tycho de Brahe= deutete den neuen Stern, der 1572 in der Cassiopeia erschien, als Ursache der Geburt eines tapferen Prinzen, dessen Waffen Deutschland überstrahlen, der selbst aber 1632 wieder verschwinden würde. Er verfaßte darüber die Schrift: »De stella nova in Cassiopea exorta.« Die Deutung auf Gustav Adolf von Schweden liegt nahe genug. Allerdings wurde er erst 1594 geboren, starb aber 1632.
=Kepler= sagte in seiner astrologischen »Practica« für das Jahr 1619 den Tod des Kaisers Matthias richtig voraus, und zwar durch ein sechsfaches M. _M_(agnus) _M_(onracha) _M_(atthias) _M_(ense) _M_(artis) _M_(orietur), d. h. der große Monarch Matthias wird im Monat März sterben. Das war auch richtig, denn der Kaiser schloß die Augen am 20. dieses Monats.
Der Astronom =J. H. Vogtius= sagte nicht nur das Ende seines Sohnes, der als Mörder hingerichtet wurde, sondern auch im Jahre 1682 den Untergang Moskaus vorher mit den Worten: »Moscovia infortunium suum noc evitabit.« Bekanntlich verbrannte die alte Hauptstadt im Jahre 1812. Vogtius, ein gelehrter Mann, starb zu Stade im Jahre 1691[41].
Der Astrologe Andreas =Goldmayer= (geb. 1603) sagte 1632 in Straßburg voraus, daß Gustav Adolf bei Lützen eines gewaltsamen Todes sterben würde. Diese Vorhersage war Ursache, daß er die Stadt verlassen mußte. Als sie sich aber erfüllt hatte, erntete er Ruhm und Ferdinand III. zeichnete ihn aus[42].
Man wird zugeben, daß das Eintreffen dieser Vorhersage ein merkwürdiger Zufall ist. Wallenstein war ganz begeistert von der treffenden Sicherheit, mit der Kepler aus den ihm, ohne nähere Kenntnis der Person, übermittelten astrologischen Daten, Charakter und Gestalt der Herzogin erkannt hatte.
Übrigens versäumte der große Astronom nie, einem Horoskop oder einer Nativität die Bemerkung hinzuzufügen, die seinen Zweifel an der Richtigkeit dieser Kunst ausdrückte[43].
Auch der Tod =Eduards VII.= wurde im Horoskop vorgesehen[44]. Zu denken gibt auch, daß der Astrologe A. J. Peare schon 1868 aus dem Horoskop des jetzigen Königs von England, der damals 2 Jahre zählte, voraussagte, »dieser Prinz wird, wenn er am Leben bleibt, König von England werden mit dem Namen =Georg V.=« Übrigens hat der König das beklagenswerte Schicksal seines Bruders auch im Horoskop, und seiner Regierung sollen Katastrophen zu Lande und Wasser bevorstehen[45].
In jüngster Zeit sagte die Pariser Astrologin Mme. =Thebes= in der Neujahrsnummer des »Gaulois« 1899 =den Tod des Präsidenten Felix Faure= vorher, der auch wirklich am 16. Februar dieses Jahres eintrat. Auch hier überlassen wir es selbstverständlich dem Leser, Zufall anzunehmen. Das ist um so mehr erlaubt, als bei einem Manne Ende der fünfziger Jahre die Todeswahrscheinlichkeit in einem Jahre etwa 1 : 20 beträgt, also keineswegs die Irrtumsmöglichkeit enorm ist. Im Keplerschen Falle wäre diese Zahl, da der Monat angegeben ist, natürlich noch mit 12 zu multiplizieren.
Bemerkenswert ist auch, daß ein englischer und ein französischer Astrologe, deren Namen verschwiegen werden, durch das Horoskop gefunden haben, daß =Dreyfuß unschuldig= sei und Ende des Jahres 1899, wohl im Oktober, freigelassen würde. Bis dahin werde er trotz seiner Unschuld im Exil bleiben müssen. Tatsächlich wurde der unglückliche Hauptmann am 21. September 1899 begnadigt.
Was an diesen Astrologen Wahres ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Da aber die angegebene Vorhersage bereits in der siebenten Nummer der Zeitschrift für Spiritismus vom 18. Februar 1899 erschien, so handelt es sich zweifellos um eine richtige Vorhersage.
Gerade hier scheint es aber nicht am Platze, dem Fall außerordentliche Bedeutung beizulegen. Denn da die Dreyfußaffäre die ganze Welt, in erster Linie Frankreich beschäftigte, so werden zahllose Leute prophezeit haben. Da es ferner nur die Möglichkeiten schuldig oder unschuldig, Freilassung oder Exil gab und auch der Natur der Sache nach nicht viele Termine in Frage kommen konnten, so läßt sich eine Wahrscheinlichkeitsrechnung ohne Schwierigkeit konstruieren. Da das Verhältnis der wirklichen zu den möglichen Fällen nur begrenzt ist, so wäre gerade bei dieser Prophezeiung Zufall keineswegs ausgeschlossen.
Cardanus, einer der geistreichsten Astrologen und, wie bekannt, berühmter Mathematiker und Arzt, ließ im Jahre 1543 in Nürnberg ein Werk »Zwei Bücher des Cardanus usw.« erscheinen, in dem er 67 Horoskope von bedeutenden Menschen aller Zeiten veröffentlicht, so das des Patrarcha, Karls V., Albrecht Dürers u. a. Hier findet sich auch folgende Charakterskizze Luthers, dessen Geburtstag er fälschlich auf den 22. Oktober 1483 festgesetzt. Sie lautet:
»Dies ist das wahre Horoskop Luthers. Auch mußte eine so bedeutende Erscheinung einen solchen Anfang haben, und bei einer so wunderbaren Konstellation konnten solche Folgen nicht ausbleiben. Denn Mars, Venus und Jupiter traten neben der Ähre der Jungfrau im untersten Winkel des Himmels zusammen, so daß aus ihrer Verschwörung notwendig auch ohne königliches Blut eine fast königliche Gewalt hervorgehen mußte. Unglaublich ist es, welche große Anzahl von Anhängern sich diese Lehre in kürzester Zeit erworben hat. Schon entbrennt die Welt in wildem Kampfe ob dieses Wahnes, der doch, weil Mars sich in seine Erzeugung mischte, in sich selbst zerfallen muß. Unzählig sind die Köpfe, welche in ihm herrschen wollen, und wenn nichts anderes uns von seiner Nichtigkeit überzeugen könnte, so müßte es die Menge der verschiedenen streitenden Meinungen sein, da doch die Wahrheit nur eine einzige ist, die vielen verschiedenen Ansichten also notwendig abirren. Nichtsdestoweniger zeigen uns Sonne und Saturn an dem Orte der zukünftigen großen Konjunktion die =Festigkeit und lange Dauer dieser Ketzerei=.«
Selbst Schleiden muß zugeben, daß diese Prophezeiung, wenigstens was ihren Schluß betrifft, von erstaunlicher Richtigkeit ist, und das wiewohl Cardanus das dogmatische Gezänk, den Krebsschaden der Reformation, ganz richtig als Gefahr erkannt hatte.
Einigermaßen merkwürdig ist auch die Prophezeiung, die =Johannes Capistrano= in seiner »Astronomie« im Jahre 1460 nebst mancher anderen bemerkenswerten für das Jahr 1622 gibt. Sie lautet: »=Der große Löw von Mitternacht= zeucht auß, und kömpt nicht heim, er habe dann verricht, was ihme befohlen, viel, die sich für klug achten, werden sprechen: Non putaram, andere werden sagen: Hab ich das nicht ehe gesagt, die aber, so es am härtsten treffen wird, werden blind seyn, und den Löwen für einen Hanen halten, für welchem sich auch kein Adler fürchtet. Er wird aber im 1622. Jahr sehr brüllen, daß die Erde erzittert, unnd alle Menschen sehr erschrecken werden.«
Wenn Capistranus sich auch um einige Jahre irrte, so stimmt doch die Tatsache. Denn die Deutung auf Gustav Adolf ist geboten. Bedenkt man, daß damals Skandinavien noch gar keine Rolle spielte, so wird man, angenommen es spiele hier der Zufall, immerhin zugeben müssen, daß es ein merkwürdiger Zufall ist.
Merkwürdig ist auch der unmittelbar anschließende Passus: »Niederland wird sich heiß und hefftig umb aller Welt Händel annemen, unnd uberall vorne an der spitzen seyn wollen.« Daß in diese Zeit der Kriege mit Spanien die höchste Blüte der Niederlande, damals des reichsten Landes Europas, fällt, ist hinlänglich bekannt. Daß ab 1620 Deutschland in eine große Kriegsperiode eintritt, sagt Capistrano auch voraus. Gewiß ist der Anfang nicht genau richtig angegeben, die Tatsache stimmt aber[46].
Die angeführten Beispiele aus der Astrologie dürften um so mehr genügen, als sie aus einschlägigen Werken leicht vermehrt werden können. Wir wollen nun noch nachstehend eine Reihe von Vorhersagen zusammenstellen ohne Rücksicht darauf, auf welchem Wege sie gewonnen wurden.
Als im Jahre 1610 König Heinrich IV. von Frankreich gegen Spanien rüstete, bestimmte er für die Zeit seiner Abwesenheit seine Gemahlin Maria von Medici zur Regentin. Schon im Begriff der Abreise zur Armee, wiederholte seine Gemahlin ihre Bitte, sich vor seiner Abreise salben und krönen zu lassen, um dadurch ihrer Regentschaft in den Augen des Volkes mehr Glanz zu verleihen. Er zeigte anfangs die größte Abneigung dagegen. Nicht nur, weil diese Feierlichkeit bedeutende Summen kosten und ihn noch einige Zeit in Paris zurückhalten würde, sondern auch wegen der gegen Sully ausgesprochenen Besorgnis, daß sie die Ursache seines Todes sein würde. Denn ihm war verkündet worden, er werde bei dem =ersten Feste, das er veranstalte, getötet werden=. Endlich willigte er in die Bitte der Königin und bestimmte am 12. Mai den folgenden Tag zu ihrer Krönung und den 16. zu ihrem feierlichen Einzug in Paris. Die Krönung und Salbung fand mit großer Pracht zu St. Denys statt. Am folgenden Tage, dem 14. Mai 1610, wollte der König vom Louvre zum Arsenal fahren, um Sully, der hier wohnte und krank war, zu besuchen. In seinem Wagen, der wegen des schönen Wetters offen war, saßen noch die Herzöge von Epernon und Montbazon und fünf weitere Personen. Eine kleine Anzahl Edelleute zu Pferde und einige Diener zu Fuß folgten ihm. Die Straße La Ferronnerie, welche schon durch Buden, die an die Mauer des neben ihr liegenden Kirchhofes gebaut waren, sehr verengt war, wurde durch einen mit Wein beladenen Wagen und einen Heuwagen gesperrt, so daß der König anhalten mußte. Die meisten der ihm folgenden Edelleute und Diener schlugen den Weg über den Kirchhof ein, um an dem anderen Ende der Straße sich wieder dem königlichen Wagen anzuschließen. Während von den zwei Zurückgebliebenen der eine vorwärts ging, um Platz zu machen, und der andere sich bückte, um sein Knieband zu befestigen, trat ein Mann auf das Hinterrad des Wagens und stieß dem König, der soeben aufmerksam einen Brief anhörte, den Epernon ihm vorlas, ein =Messer etwas oberhalb des Herzens in die Brust=. Der König, rief aus »ich bin verwundet!« Im selben Augenblick traf ein zweiter Stoß sein Herz und sogleich stürzte ihm das Blut in solcher Menge aus dem Mund, daß er =erstickte=. Der Mörder hieß Franz Ravaillac[47].
Bassompierre, der in seinen Memoiren diese Erzählung bestätigt, weiß noch von Vorzeichen bzw. Vorahnungen zu berichten: »Er (der König) sagte mir kurze Zeit vorher (d. h. vor seiner Ermordung): ›Ich weiß nicht, was das ist, Bassompierre, aber ich kann mich nicht davon überzeugen, daß ich nach Deutschland gehen werde und das Herz sagt mir nicht, daß du auch nach Italien gehen wirst‹. Wiederholt sagte er mir und auch andern: ›Ich glaube bald zu sterben‹. Und am ersten Tage des Mai, als er aus den Tuilerien durch die große Galerie zurückkehrte (er stützte sich immer auf jemand) und er Mr. de Guyse an der einen Seite führte und mich auf der andern und uns erst verließ, als er im Begriffe war, ins Gemach der Königin einzutreten: da sagte er uns: ›Gehen Sie nicht fort, ich gehe nur fort, um meine Frau zu veranlassen, sich schnell anzuziehen, damit sie mich beim Essen nicht warten läßt‹, denn er speiste gewöhnlich mit seiner Gemahlin.
Wir stützten uns, ihn erwartend, auf das eiserne Geländer, das auf den Hof des Louvre geht; als plötzlich der Maibaum den man hier in der Mitte eingesetzt hatte, umfiel, ohne durch den Wind oder eine andere Ursache erschüttert worden zu sein, und dabei nach der Seite der kleinen Treppe zu, die zum Zimmer des Königs führt, stürzte. Ich sagte darauf zu Herrn von Guyse: ›Ich wollte viel darum geben, wenn das nicht passiert wäre; das ist ein sehr schlechtes Omen. Gott wolle den König schützen, der ja der Maibaum des Louvre ist.‹
Er antwortete mir: ›Was sind Sie närrisch, an solche Sachen zu denken!‹ Ich entgegnete: ›In Italien und Deutschland würde man von einem solchen Vorzeichen noch ganz anderes Aufhebens machen, wie wir jetzt hier. Gott schütze den König und alles was ihn betrifft.‹
Der König, der nur ins Gemach der Königin eingetreten war und es gleich wieder verlassen hatte, war ganz leise herangetreten, um uns zuzuhören, im Glauben, wir sprächen von irgendeiner Dame, vernahm alles, was ich gesagt hatte und unterbrach uns mit den Worten: ›Ihr seid närrisch euch über solche Vorzeichen zu unterhalten: seit dreißig Jahren haben alle Astrologen und Charlatans, die es zu sein vorspiegeln, mir alljährlich vorherverkündet, daß ich mein Leben aufs Spiel setze; et celle que je mourray, on remarquera lors tous les presages quy m’en ont adverti en celle, dont l’on fera cas, et on ne parlera pas de ceux quy sont avenus les années precedentes[48].‹
Nach diesem Bericht, der den Stempel der Wahrheit an der Stirn trägt, wird man wohl kaum an der Tatsächlichkeit der Vorhersage eines gewaltsamen Todes zweifeln können.
Übrigens soll auch ein Edelmann Namens Villandry und der Astrolog Rizacasa das Attentat auf Heinrich IV. vorhergesagt haben[49].
Katharina von Medici sagte dem Herzog von Biron seinen Tod bei der Belagerung von Epernay voraus.
Der Bruder des Herzogs, der denselben Astrologen fragte, dessen sich auch Katharina bediente, erhielt folgende Antwort:
»Er wird unter dem Henkerbeil sterben.«
»Was soll das heißen?« rief Biron aus.
»Gnädiger Herr, wenn ich mich besser ausdrücken soll, so muß ich sagen, daß ihm der Kopf zerrissen wird.«
Der erzürnte Biron richtete in seiner Wut den armen Astrologen darauf übel zu und ließ ihn auf dem Boden liegen. Dieser Gewaltakt hinderte nicht, daß die Prophezeiung nach sechs Monaten in Erfüllung ging. Eine Kanonenkugel raffte den Herzog hinweg.
Ein besonderes Interesse verdienen die Visionen des sonst unbekannten =Joachim Greulich=, die ihrer Zeit ein ungeheures Aufsehen machten. Die somnambulen Zustände des Greulich stellten sich öfter und zuletzt täglich ein. Greulich verlor im tagwachen Zustande nicht die Erinnerung an seine auf die politische Lage der Staaten und Hauptstädte Europas bezüglichen Visionen, sondern führte über sie ein Tagebuch. Einige Stellen dieses Tagebuches seien nachstehend wiedergegeben[50]:
Am 18. August »kam der Engel GOttes wieder zu mir um die mitternachtsstunde und sprach zu mir: Siehe in den himmel, wie er so blutig ist; da sahe ich darinne ein blutiges schwerd, und neben dem schwerd stund mit güldenen buchstaben geschrieben: Du schöne stadt Erfurt; und auff der andern seiten stund wieder mit güldenen buchstaben geschrieben: Große feuersbrünsten, die in dieser stadt auskommen werden; über dem schwerdt aber stund geschrieben, =groß auffruhr=, rebellerey wird sich da begeben, sonsten keinen krieg weiß ich ihnen anzuzeigen; dann dieses schwerd ist ihnen selbst in ihre hand gegeben.«