Prophezeiungen

Part 5

Chapter 53,574 wordsPublic domain

»Meine ganze Familie besinnt sich noch auf einen Zufall, vor dem mein Vater durch Hilfe der Ahnung in seiner Jugend bewahrt wurde. Das Fahren auf dem Fluß ist eine der gewöhnlichen Vergnügungen der Einwohner der Stadt Rouen in Frankreich. Auch mein Vater fand an diesen Spazierfahrten ein großes Vergnügen und er ließ wenige Wochen vorbeigehen, ohne daß er dasselbe genoß. Er vereinigte sich einstmals mit einer Gesellschaft zwei Meilen weit von Rouen nach Port St. Quen zu fahren. Man hatte ein Mittagsmahl und Instrumente ins Schiff gebracht und alles zu einer angenehmen Fahrt vorbereitet. Als es Zeit war aufzubrechen, stieß eine von den Tanten meines Vaters, welche taubstumm war, eine Art von Geheul aus, stellte sich an die Tür, versperrte sie mit ihren Armen, schlug die Hände zusammen und gab durch Zeichen zu verstehen, daß sie ihn beschwöre, er möchte zu Hause bleiben. Mein Vater, der sich von dieser Spazierfahrt viel Vergnügen versprochen hatte, trieb nur seinen Spott mit ihren Bitten, allein das Frauenzimmer fiel ihm zu Füßen und äußerte eine so heftige Betrübnis, daß er sich endlich entschloß, ihren Bitten nachzugeben und seine Lustfahrt auf einen andern Tag zu verschieben. Er bemühte sich daher, die andern auch zurückzuhalten und bat sie seinem Beispiel zu folgen, allein man lachte über seine Nachgiebigkeit und reiste ab. Kaum hatte das Schiff die Hälfte des Weges zurückgelegt, so bekamen diejenigen, die sich darin befanden, die größte Ursache zur Reue, daß sie ihm nicht gefolgt hatten. Ihr Schiff riß voneinander, viele kamen dabei ums Leben, und diejenigen, die sich durch Schwimmen retteten, wurden von dem Schrecken, der sie dabei überfallen hatte, in die äußerste Lebensgefahr gestürzt.«

Zum Schluß folgende Zeitungsnotiz:

»Der Jugendschriftsteller Boussénard, der in Frankreich, wo er für den Erben Jules Vernes gilt, bekannt und beliebt ist, ist letzten Sonntag gestorben. Er fühlte seinen Tod herannahen und verfaßte selbst seine Todesanzeige, die folgendermaßen lautet: ›Louis Boussénard, Schriftsteller, beehrt sich, Sie zu seinem bürgerlichen Leichenbegängnis einzuladen, das Montag, den 12. September (1910) nachmittags, stattfindet. Untröstlich über den Tod seiner Frau, erliegt er in seinem 63. Lebensjahre einem Schmerz, den nichts hat lindern können. Sein letzter Gedanke gilt seinen zahlreichen Freunden und treuen Lesern. Man versammelt sich im Sterbehaus, um den Leichenzug bis zum Bahnhof zu geleiten, von wo der Zug um zwölf Uhr abgeht.‹ – Der Tod trat ein, wie Boussénard es erwartete, und die Anordnungen, die er für die Beerdigung getroffen hat, konnten, was die Zeitangaben betrifft, buchstäblich befolgt werden[30].«

Kehren wir nach diesem Exkurs zu Caesar zurück!

Die Art der Überlieferung nicht minder, als – das bezeugten unsere Beispiele – ihr Inhalt, würden uns berechtigen, Suetons Erzählung Glauben zu schenken. Im übrigen möge das jeder nach Gefallen tun. So viel ist aber sicher, daß Caesar, wäre er dem Übersinnlichen weniger abgeneigt gewesen, den warnenden Stimmen Gehör geschenkt hätte. Dann würde der größte Staatsmann der Geschichte, dessen Eigenname zur höchsten Standesbezeichnung der Menschheit wurde, wohl kaum unter den Dolchen von Mördern haben verbluten müssen.

Sueton erzählt noch von anderen Wahrträumen, bzw. ähnlichen Vorzeichen in seinem Leben des Augustus, der im Gegensatz zu seinem großen Onkel sehr geneigt war, ihnen Glauben zu schenken.

Wir begegnen hier dem einfältigsten Aberglauben. Etwa wenn Augustus, wenn man ihm den linken Schuh statt des rechten anzog, das als ungünstige Vorbedeutung nahm, oder wenn starker Taufall seine Entscheidungen beeinflussen konnte. Daneben finden wir auch den Glauben an Vorzeichen von größerer Bedeutung (Kap. 93). Damit ist nicht nur gesagt, daß er seltene Naturereignisse, wie das ja in einer Zeit, die dem Wesen der Natur noch sehr fern steht, gang und gäbe ist, auf sich deutete, sondern daß er auch echten Weissagungen Glauben schenkte.

Sueton erzählt im 94. Kapitel der Biographie[31]: »Atia träumte kurz vor ihrer Niederkunft, daß ihre Eingeweide gen Himmel flögen und sich dort über den ganzen Umfang von Himmel und Erde ausbreiteten. Auch Augusts Vater, Octavius, träumte, daß aus dem Schoße der Atia der Strahlenkranz der aufgehenden Sonne sich erhebe. Am Tage seiner Geburt, wo gerade über die Verschwörung Catilinas in der Kurie verhandelt wurde, und Octavius wegen der Niederkunft seiner Frau etwas zu spät in die Sitzung kam, steht es als eine allbekannte Tatsache fest, daß Nigidius Figulus[32], als er die Ursache der Verzögerung und zugleich die Stunde der Geburt selbst vernahm, den Ausspruch getan hat: In dieser Stunde sei dem Erdkreis der Herr geboren. Die gleiche Versicherung erhielt Octavius später, als er bei seinem Heerzug durch Thraziens Öden in einem Haine des Liber pater das dortige thrazische Orakel über seinen Sohn befragte, von den Priestern, weil, als er den Wein über den Altar goß, eine Flamme aufschlug, die über das Tempeldach hinaus bis zum Himmel aufstieg: ein Wunderzeichen, das, wie die Priester sagten, ähnlich nur allein noch dem großen Alexander, als er an denselben Altären opferte, zuteil wurde. Gleich in der darauf folgenden Nacht sah er denn auch seinen Sohn in übermenschlicher Größe mit Blitz und Zepter, sowie mit den Prachtgewändern des Olympischen Jupiter und einer Strahlenkrone angetan, hoch thronend auf einem lorbeerbekränzten Wagen, den zweimal sechs glänzend weiße Rosse zogen.«

Halten wir hier inne.

Was zunächst das thrazische Orakel betrifft, so werden wir – wenn die Überlieferung überhaupt auf Wahrheit beruht – recht mißtrauisch sein. Wer mit Heeresmacht Auskunft über die Zukunft heischt, wird in 99 von 100 Fällen eine günstige erhalten. Und wenn eine Flamme gen Himmel schlug, so liegt die Vermutung nahe, daß die schlauen Priester hier einen Taschenspielertric sich leisteten.

Die mitgeteilten Träume sind an sich durchaus möglich. Wenn wir uns gegen sie skeptisch verhalten, so ist ihre Häufung daran schuld. Gewiß kommt es vor, daß zwei dasselbe träumen, und wenn es sich um Ehegatten handelt, die beide nicht nur einen Sohn, sondern auch einen berühmten und tüchtigen Sohn erhoffen, so ist es ganz und gar nicht unwahrscheinlich, wenn ihnen der Traum verlockende Bilder über seine Zukunft vorgaukelt. Das ereignet sich alle Tage bei ungezählten Elternpaaren. Da hier aber der Wunsch unbedenklich für die Vaterschaft des Traumes haftbar gemacht werden kann, da ferner auch Millionen träumender Eltern nur ein Weltherrscher trifft, so werden wir, auch wenn wir der Überlieferung keinen Zweifel entgegensetzen, uns doch sehr hüten müssen, hier einen Beweis für unsere Behauptung von der Existenz der Wahrträume zu suchen. Bei Cäsar war der Fall ganz anders gelagert. Meuchelmord hofft man nicht, sondern man fürchtet ihn. Da zudem die Ermordung des Staatsoberhauptes in Rom ein ganz unerhörter Fall war, so kann man auch mit Zufall hier nicht wohl operieren. Zum Belege dafür, daß bei Eheleuten Doppelträume vorkommen, sei folgender Fall mitgeteilt:

»Als im Junius des Jahres 1812 mein zweiter Sohn, Karl, ein Knabe von früh entwickeltem Talente und hoher Herzensgüte, in seinem neunten Lebensjahre so gefährlich krank darnieder lag, daß der Gedanke an seinen möglichen nahen Verlust bisweilen düster durch meine und meiner Gattin Seele fuhr, wagten wir es, aus gegenseitiger Schonung, dennoch nicht, das wahrscheinliche baldige Hinscheiden des holden Kindes laut auszusprechen. Wir beweinten, oft von dem lieben Kranken getröstet, unser Los im stillen. In der Nacht vom 17.–18. Junius hatte ich folgenden, mir unvergeßlichen Traum: Ich führte meinen Karl auf einer blühenden Aue an der Hand, er schritt freudig rasch einher und sah mich lächelnd an: ›Wie?‹ rief ich froh, ›du kannst wieder gehen, lieber Karl?‹ (Schon seit mehreren Monaten war ihm dies unmöglich gewesen). Kaum hatte ich ausgeredet, so erblick’ ich einen großen prächtigen Palast vor mir, der Knabe reißt sich von mir los und eilt in jenen Palast. ›Ach,‹ sprach ich, ›du wirst mich doch nicht verlassen?‹ Ich versuche es, ihm nachzueilen und kann nicht von der Stelle. In dem schmerzhaftesten Gefühl erwach’ ich. Schlaf und Ruhe waren verschwunden.

Um meine Gattin nicht zu betrüben, verschwieg ich ihr diesen leicht zu deutenden Traum. Indessen sitzen wir am Abend desselben Tages noch spät in einer wehmütigen Stimmung zusammen. Wir reden von unserm kranken Lieblinge, mein Herz war zu voll, und zum ersten Male spreche ich meine bange Besorgnis um sein Leben aus. Endlich erzähle ich auch, mit pochender Brust, den in der letzten Nacht gehabten Traum. Aber noch kaum habe ich die Erzählung geendigt, so tat meine Gattin einen lauten Schrei und ruft unter heißen Tränen aus: ›Mein Gott, denselben Traum habe ich ja auch in der letzten Nacht geträumt!‹ Sie ruft sogleich unser Dienstmädchen in das Zimmer und läßt es ihren eigenen Traum erzählen, den sie ihm gleich am Morgen mitgeteilt, aber auch verboten hatte, ihn mir zu erzählen. Ich fühlte mich tief ergriffen, aber auch das Mädchen wußte sich kaum zu fassen, als es nachher den meinigen erfuhr. Nur im Ausgange des Traums fand eine kleine Verschiedenheit statt.

Meiner Gattin träumte: Sie und ihr Mädchen führten unsern Knaben auf einer blühenden Aue an der Hand. Er ging freudig-rasch, blickte seine Führerinnen lächelnd an; beide verwundern sich seines raschen Ganges. Auf einmal erblickten sie einen großen prächtigen Palast vor sich. Der Knabe reißt sich von ihnen los und eilt hinein. Beide eilen ihm nach, finden in dem Palaste eine außerordentlich große Menschenmenge, durchsuchen unter Tränen mehrere Säle und finden den Knaben nicht. ›O Gott, was wird mein Mann sagen, daß wir unsern Karl verloren haben?‹ ruft meine Gattin trostlos aus und – erwacht.

Leider bewährten sich die Worte des Ennius (beim Cicero, de divinat. II, 61) ›aliquot somnia vera!‹ Drei Tage nach diesem merkwürdigen Doppel-Traum entschlief unser Liebling sanft, unter unsern Küssen und Zähren. Auch hier war ›ein Bund des Traumes mit dem Wachen!‹ (Jean Pauls Herbstblumen, 2. Bändchen, S. 275) – aber wir hatten die trübe Wirklichkeit nicht sowohl =nach=, als =vorgeträumt=! –

Marburg. D. Justi[33].«

Es handelt sich also um ein Erlebnis des berühmten Theologen Karl Wilhelm Justi (geb. 1767 gest. 1846), an dessen Wahrheit zu zweifeln wohl niemand den Mut haben wird.

Wenn wir auch Gedankenübertragung annehmen – was ja immerhin räumliche Telepathie voraussetzt und damit bereits das Wichtigste, eine Übertragung äußerer Eindrücke ohne Vermittlung der Sinne einräumt – so genügt das nicht. Daß die Sorge die Eltern auch nicht nachts verläßt und sich in Träumen äußert, ist gewiß natürlich. Sehr merkwürdig aber die symbolische Einkleidung. Es liegt hier zweifellos ein noch nicht näher ergründetes Phänomen der Prophetie vor. Dazu kommt, daß schon nach drei Tagen die Erfüllung sich einstellt.

Bedeutungsvoller als die Träume von Augustus’ Eltern sind die Worte des Nigidius Figulus. Über seine Prophezeiung sind wir durch Dio Cassius[34] unterrichtet. Er schreibt:

»Kaum war der Knabe geboren, so prophezeite ihm der Senator Nigidius Figulus die Alleinherrschaft. Unter allen seinen Zeitgenossen verstand sich dieser am besten auf die Sternkunde und die Konstellation und wußte, was jedes Gestirn einzeln oder in Konjunktion oder Opposition mit andern für einen Einfluß übte; deshalb sagte man ihm auch nach, daß er sich mit geheimen Künsten befasse. Als dieser sah, daß Octavius (wegen der Geburt seines Kindes) etwas später in die Kurie kam (es wurde gerade Senat gehalten), trat er ihm entgegen und fragte ihn, warum er so spät komme. Als er ihm die Veranlassung nannte, so rief er aus: =du hast uns einen Herrn= gezeugt! Octavius, darüber bestürzt, wollte das Kind töten lassen; er aber hielt ihn davon ab, indem er sagte: es wäre nicht möglich, daß dem Kinde etwas der Art widerführe.«

Sueton erzählt im 94. Kapitel von einem anderen Horoskop, das dem Augustus der Astrolog Theogenes gestellt hatte, und zwar als jungem Manne. Als er dem Astrologen seine Geburtsstunde nannte, da soll Theogenes aufgesprungen und ihm verehrend zu Füßen gefallen sein. Seitdem hatte Augustus großes Vertrauen auf seinen Stern und ließ auch einst eine Münze mit dem Bild des Steinbockes, unter dem er geboren war, prägen.

Was nun die Glaubwürdigkeit von diesen Berichten – die wir nur im Auszug wiedergeben – betrifft – so mag man sagen: ein Mann, der so einfältiges Zeug erzählt, wie etwa, daß Augustus als kleines Kind den Fröschen geboten hätte zu schweigen, was zur Folge hatte, daß sie in dieser Gegend noch zur Zeit Suetons nicht quakten, verdient keinen Glauben.

Das gehört zu jenen logischen Schnitzern, an denen unsere Hyperkritik nur allzu reich ist.

Wenn es auch heißt: »wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht«, so ist das Sprichwort doch klug genug zuzugeben, daß auch ein Lügner die Wahrheit reden kann. Daß man ihm dann nicht glaubt, ist ein Fehler der Zuhörer.

Nun ist aber Sueton nichts weniger als ein Lügner, wenn er auch leichtgläubig sein mag und häufig unkritisch alles wiedererzählt, was er von mancherlei Leuten gehört hat. Er ist so wenig ein Lügner, wie unsere offiziellen Hyperkritiker es sind, wenn sie die Möglichkeit der Weissagung oder anderer nicht alltäglicher Begebenheiten leugnen. Man könnte daraus ja auch mit gleichem Rechte folgern, daß alles, was sie für unglaublich erklären, doch glaubwürdig sei. Ein Denkfehler, der nicht um ein Haar geringer ist, als wollte man alle Berichte des Sueton über ungewöhnliche Dinge lediglich deshalb ablehnen, weil er, wie wir auf Grund unserer heutigen Naturkenntnis wissen, auch Unmögliches im guten Glauben überliefert.

Gibt es etwas Natürlicheres, als die Anschauung, ein so großer Mann wie Augustus müßte auch anders als ein gewöhnlicher Sterblicher in die Welt eintreten und durch sie wandeln? Dieser stillschweigenden Voraussetzung ist es doch allein zuzuschreiben, daß man Plato so gut wie Alexander, Buddha oder Christus zu Söhnen Gottes stempelte. So wenig es uns aber deshalb einfällt, in Bausch und Bogen alles zu verwerfen, was von diesen Geisteshelden überliefert ist, so wenig dürfen wir das etwa vom Bericht des Sueton tun.

Während früher die Tendenz durch die Geschichtschreibung ging – besonders ausgeprägt finden wir sie in der mittelalterlichen Heiligenliteratur –, daß ein geistig oder sittlich großer Mann auch über außergewöhnliche Kräfte verfüge, Wunder wirken könne, läßt sich gegenwärtig die entgegengesetzte feststellen. Das hängt nicht allein mit den Fortschritten der Naturwissenschaften zusammen, es hat, wie schon in der Einleitung angedeutet, auch einen politischen Grund: die Demokratisierung unserer Denkweise hält es mit ihren Dogmen nicht für vereinbarlich, daß irgend jemand eine besondere Stellung einnimmt.

Im übrigen liegt es uns fern, uns im einzelnen für die Wahrheit oder Glaubwürdigkeit dieser Erzählungen zu erhitzen. Uns genügt der Nachweis, daß es sich ganz und gar nicht um Unmögliches, ja noch nicht einmal besonders Seltenes handelt und daß man gut tut, die Berichterstatter solcher Phänomene nicht ohne weiteres abzulehnen.

Indem wir es jedem Leser anheimstellen, davon zu glauben oder nicht zu glauben, so viel ihm beliebt, unterlassen wir nicht zu bemerken, daß Sueton wohl bei jedem Herrscher von Träumen, Vorzeichen oder ähnlichem zu erzählen weiß. Mag das auch gewiß bei flüchtiger Betrachtung seine Glaubwürdigkeit herabsetzen, so läßt sich nicht leugnen, daß der Grund hierfür zumeist bei uns selber liegt. Die Zahl der Selbstbiographien – auch von sehr nüchternen Leuten – in denen der Verfasser von übersinnlichen Erlebnissen erzählt, ist auch heute noch, trotz des entgegenstehenden Modedogmas und trotz des leichten Risikos, das jeder, der Übersinnliches von sich erzählt, läuft, sehr groß. Fast jeder hat – das ist heute genau so, wie in der fernsten Vorzeit – in seinem Leben irgendwelches Erlebnis gehabt, das er sich nicht oder nur durch Zufall, was das Gleiche ist, erklären kann. Früher achtete man darauf, heute tut man es nicht mehr. Das ist der Unterschied. Früher mag man sein Sinnen und Trachten so sehr auf Vorzeichen und Ähnliches gerichtet haben, daß die Phantasie manchen bösen Streich spielte. Heute hält man für einen Lügner oder Phantasten jeden, der wahrheitsgemäß etwas berichtet, was nicht jeden Tag passiert. In beiden Fällen ist der Aberglaube fast der gleiche; nur das Objekt hat gewechselt.

Doch genug vom Altertum. Leicht ließe sich noch mehr Material beibringen. Für unsere Zwecke genügt das Gesagte und wir wollen uns in einem neuen Kapitel dem Mittelalter und der Neuzeit zuwenden.

Fußnoten:

[7] Vgl. zu Nachstehendem H. Graetz, Geschichte der Juden, 1. Bd., Leipzig 1874, S. 372 ff., worauf mich aufmerksam zu machen Herr Rabbiner Dr. C. Werner die Freundlichkeit hatte.

[8] Otto Pfleiderer, Die Entstehung des Christentums, München 1905, S. 191 ff. und 291.

[9] Josef Merkt, Die Wundmale des heiligen Franz von Assisi. Leipzig und Berlin 1910, besonders S. 65 ff.

[10] in Saturnalibus I. 23.

[11] II, 37. Übersetzung von J. D. Heilmann, Neuausgabe von Otto Güthling, Reclams Universalbibliothek S. 167 f.

[12] Pausanias kennt nur =ein einziges= bei Herodot (VI, 66) erzähltes Beispiel von Bestechung eines Orakels (Pausanias III, 7).

[13] Vgl. Paulys Realenzyklopädie der klassischen Altertumswissenschaft, 2. Aufl., 8. Hlbd., Artikel Delphoi, S. 2533, und O. Gruppe, Griechische Mythologie und Religionsgeschichte II, S. 928, in J. v. Müllers Klassischer Altertumswissenschaft V, 2, 2, sowie Ed. Döhler, Die Orakel, Berlin 1872, eine nachstehend wiederholt benutzte Studie, und Erwin Rohde, Psyche, besonders S. 112 ff., 313 f. und 344 ff. Bouché-Leclerq, Histoire de la divination dans l’antiquité, Paris 1879/81, war mir nicht zugänglich.

[14] Unter Trance versteht man einen der Hypnose ähnlichen Zustand. Trance tritt in sehr verschiedenen Intensitätsgraden auf, doch kann es nicht unsere Aufgabe sein, hier näher darauf einzugehen. Als vortreffliche Einführung in die okkulten Wissenschaften sei Ludwig =Deinhard=, Das Mysterium des Menschen im Lichte der psychischen Forschung, Berlin 1910, empfohlen.

[15] Cicero, de Divinatione, I, 19.

[16] Viele Orakelsprüche bei R. Hendess Oracula Graeca, Halle a. S. 1877.

[17] Übersetzung von Adolf Stahr in Langenscheidts Bibliothek, 2. Aufl., S. 97 f.

[18] Justinus Kerner, Das Bilderbuch aus meiner Knabenzeit. Erinnerungen aus den Jahren 1786–1804. 2. Aufl. Stuttgart 1886. S. 240 f. Die nächste Stelle auf S. 243.

[19] Vgl. »Sphinx« 3. Bd. 1887. S. 62.

[20] Flammarion, Rätsel des Seelenlebens, Stuttgart 1909, S. 374 ff.

[21] Eb. S. 385, Brief Nr. 194.

[22] Eb. 28. Brief, p. 295, Nr. II.

[23] Justinus Kerner, Magikon, III. Bd., S. 568.

[24] Mein Leben und mein Wandern, Berlin 1894, S. 330 f.

[25] Flammarion, Rätsel des Seelenlebens, S. 384 f., 127. Brief.

[26] Otto Fürst von Bismarck, Gedanken und Erinnerungen, 2. Bd. Stuttgart 1898, S. 194.

[27] Nach Dr. Liébaut, Thérapeutique suggestive, zitiert nach Flammarion, Rätsel des Seelenlebens, S. 408.

[28] Heinrich Jung, genannt Stilling, Theorie der Geisterkunde, 1808, S. 78 f.

[29] Jung-Stilling, Theorie der Geisterkunde, S. 84, übernommen aus dem »Museum des Wundervollen«, 2. Bd., 2. Stück, S. 152.

[30] Münchener Neueste Nachrichten, 1910, Nr. 441.

[31] Übersetzung von Adolph Stahr, Langenscheidtsche Bibliothek, Sueton, 106. Bd., S. 191. Eine Anzahl historischer Träume hat Kleinpaul im Magazin für die Literatur des In- und Auslandes, 1886, Nr. 16 und 17, zusammengestellt.

[32] Nigidius Figulus war ein sehr gelehrter Mann, Senator, großer Astronom und Astrolog und Freund des Cicero.

[33] Vgl. (Vulpius) »Curiositäten«, 5. Bd., Weimar 1816, S. 274 ff.

[34] 45, 1. Übersetzung der »Römischen Geschichte« von L. Tafel, Stuttgart 1837.

Zweites Kapitel

Einzelne Prophezeiungen und Vorzeichen

Mittelalter und Neuzeit

Ist schon die Literatur des klassischen Altertums reich an mehr oder minder beglaubigten übersinnlichen Phänomenen, so gilt dies noch weit mehr von der des Mittelalters. Das Altertum hat zweifellos die Kritik häufig vermissen lassen, was freilich bei dem damaligen Stande der naturwissenschaftlichen Kenntnisse nicht verwunderlich ist. Das christliche Mittelalter ging darin, gemäß dem allgemeinen Kultursturze, noch viel weiter. Kann man sagen: die Antike berichtet manches Unglaubwürdige, =wiewohl= es unglaubwürdig oder gar unmöglich ist, so mag es vom christlichen Mittelalter heißen: gerade =weil= etwas unmöglich scheint, wird es erzählt und geglaubt.

Besonders die umfangreiche Literatur der Heiligengeschichten bringt es mit sich, daß nach Außerordentlichem geradezu gefahndet wird. Noch heute findet die Kirche es zur Heiligsprechung erforderlich, daß der also Ausgezeichnete auch »Wunder« gewirkt habe. Noch heute gilt das sacrificium intellectus, das kritiklose Glauben selbst an den haarsträubendsten Blödsinn für verdienstvoll.

Ist es da erstaunlich, wenn eine Zeit, die zur allgemeinen Kritiklosigkeit infolge mangelnder Naturkenntnis noch die Sucht, möglichst viele und möglichst verblüffende Wunder verzeichnen zu können, hinzufügt, an Wust, Unsinn und wildesten Phantasmagorien alles je Dagewesene in den Schatten stellt?

Damit ist aber keineswegs gesagt, daß nun =alles=, was berichtet wird, weil es uns erstaunlich scheint, auch falsch sein müßte. Die »voraussetzungslose« Forschung der Gegenwart macht es sich sehr bequem, wenn sie alles ablehnt, was sie noch nicht erklären kann. Und doch sollte sie gelernt haben, daß dieses negative Verhalten nicht viel unkritischer ist, als das der verspotteten Vorzeit.

Heute wissen wir, daß es tatsächlich Stein- und Fischregen gab und noch gibt, wir wissen, daß die »blutige« Hostie weniger auf einem Fehler der Beobachtung, als der Interpretation des Beobachteten beruht. Wir wissen ferner, daß eine große Zahl von Phänomenen, die noch vor wenigen Jahrzehnten einfach geleugnet wurden, nunmehr zugegeben und durch Hypnose oder Suggestion erklärt werden. Wie der »singende« oder nahende Karawanen verkündende Sandberg den Geologen kein Rätsel mehr ist und seitdem die Erklärung gefunden, seine Existenz auch eingeräumt wird – daß es mehrere solcher Berge gibt, wissen wir auch erst seit ganz kurzer Zeit –, so wurde schon vieles und wird noch mehr aus den Berichten der Alten sich bewahrheiten. Hier waren es nicht die Erzähler von wunderbar scheinenden Dingen, die sich blamierten, sondern die superklugen Gelehrten waren es, die, bewaffnet mit dem berühmten Rüstzeug der modernen Kritik, die Frage nicht vorurteilslos prüften, sondern kategorisch negierten.

Aus alledem ergibt sich, daß auch die mittelalterliche Literatur, bei gehöriger kritischer Verarbeitung, für unsere und noch manch andere Zwecke zweifellos viel wertvolles Material beizusteuern geeignet wäre. Hier kritische Methoden zu ersinnen – denn die gegenwärtig geübten der Negation lassen durchaus im Stich –, wird ein dankbares Feld der Zukunft sein. Wir können uns der Aufgabe nicht unterziehen. Weniger, weil es den Rahmen der Untersuchung zu weit ausdehnen würde, als deshalb, weil wir damit unserer Beweisführung nicht dienen würden.

Wie die Festigkeit einer Kette nicht durch das stärkste, sondern durch das schwächste Glied bestimmt wird, so auch die einer Beweisführung. Wir müssen uns deshalb ängstlich hüten, allzuviel Material zu verwenden, bei dem der Kritiker einwenden kann, es =könne= ja wahr sein, =müsse= es aber nicht sein.