Prophezeiungen

Part 27

Chapter 273,538 wordsPublic domain

Man wird zugeben müssen, daß man mit dem besten Willen keinen strengeren Maßstab anlegen kann. Es kann gewiß nicht ohne Interesse sein, daß derselbe Kampf, der heute noch nicht ausgefochten ist, bereits vor 2 Jahrhunderten zugunsten der Prophetie entschieden wurde. Allerdings nicht auf dem Wege zwingender Beweise, sondern durch den Glauben. Während aber die heutige offizielle Wissenschaft treu ihrem guten alten Brauch die ausgetretensten Wege immer noch weiter auszutreten, dafür aber dem Neuen kein Verständnis entgegenzubringen, die Frage völlig ignoriert, so daß es auch hier wieder Aufgabe der Outsider ist, eine neue Wahrheit zu finden, hatte man vor zwei Jahrhunderten wenigstens Verständnis für ihre Bedeutung. Damals schon hat die neue und im Grunde Jahrtausende alte und durch tausendjährige Erfahrung bestätigte Lehre ihre Feuerprobe bestanden. Denn daß es nicht leicht war, Luthers Autorität und die Bedenken großer Theologen zu beseitigen, liegt auf der Hand. Allein es gelang doch, wie es in wenigen Jahrzehnten wieder gelungen sein wird.

Daß die Theologen mit der Ablehnung der Prophetie in religiösen Fragen das Richtige trafen, wenn auch aus ganz anderem Grunde, als sie meinten, scheint mir festzustehen. Auch wir machten bei der Kontrolle der Voraussagen die Beobachtung, daß sie sehr häufig eintreffen, wenn sie profaner Natur sind, dagegen aber phantastisch und unrealisierbar werden mit dem Moment, wo religiöse Vorstellungen sich einmischen.

Der Grund hierfür dürfte mit Mystik nicht das allergeringste zu tun haben. Er liegt, scheint mir, daran, daß die Hellseher und Hellseherinnen häufig – wiewohl das mit ihrer Gabe an sich nicht notwendig verbunden ist – zu religiösen Wahnideen neigen. Deshalb wogen in ihrem Unterbewußtsein alt- und neutestamentliche, oft unverstandene Vorstellungen und, oft wörtliche, Erinnerungen, extravagante Hoffnungen, Wünsche und Befürchtungen durcheinander. Dazu kommt wohl auch die – im wachen Zustande nicht eingeräumte – Einbildung, etwas Besonderes, womöglich ein neuer Messias zu sein, eine Einbildung, der die Somnambule willenlos die Zügel schießen läßt.

Bei der Vorhersage profaner Dinge sind diese Faktoren weit besser ausgeschaltet. Wenn auch die Kraft, durch deren Hilfe die Prophetie zustande kommt, wie ungezählte andere, uns noch nicht näher bekannt ist, so befinden wir uns doch hier, befreit von jeglicher Mystik, auf dem festen Boden des Experimentes.

Doch kehren wir zu den alten Theologen zurück!

Auf die Frage, was man von einer bestimmten Prophezeiung zu halten habe, gibt Gottlieb Wernßdorff in seiner Disputation »De Primordiis emendatae per Lutherum Religionis« (Wittenberg 1708)[220] folgende Antwort:

Man muß drei Fälle beim Eintreffen einer Prophezeiung unterscheiden: erstens daß sie Casu, durch Zufall, zweitens Iudicio, durch Berechnung, und drittens daß sie Afflatu Numinis, durch göttliche Eingebung sich erfüllten. Wir sehen hier also eine Weiterbildung Löschers! Der Gedankengang ist genau der gleiche, den wir, aus selbständigen Erwägungen dazu geführt, in dieser Untersuchung einhielten.

Für die Kritik, die Wernßdorff walten läßt, diene folgende Geschichte als Beispiel:

Als Johann =Jessenius=, ein böhmischer Arzt und Kanzler der Akademie zu Prag, als Gesandter aus Ungarn zurückkam, wurde er in Wien gefangen gesetzt. Bevor er sein Gefängnis wieder verließ, schrieb er die folgenden 5 Buchstaben an die Wand: I. M. M. M. M. Niemand konnte den Sinn enträtseln bis auf den Erzherzog Ferdinand, nachmaligen Kaiser Ferdinand II. Er las: Imperator Matthias Mense Martio Morietur, was später eintraf, denn Kaiser Mathias starb im März. Außerdem schrieb er aber darunter: Jesseni Mentiris, Mala Morte Morieris, d. h. Jessenius du lügst, du wirst eines bösen Todes sterben. Als das Jessenius hörte, sagte er – und das beweist, daß er die Mächtigen seiner Zeit kannte: »Wie ich nicht gelogen habe, so wird sich Ferdinand bemühen, nicht zum falschen Propheten zu werden.« Darin behielt er recht, denn er wurde 1620 hingerichtet.

Wiewohl also beide Vorhersagen eintrafen, führt Wernßdorff das doch lediglich auf Zufall zurück. So leichtgläubig, wie wir es gerne ihnen zuschreiben, waren unsere Vorfahren gar nicht!

Das Eintreffen durch Vorherberechnung ist zu einleuchtend, als daß wir uns hier weiter mit den Beispielen Wernßdorffs aufhalten wollten. Was der Verfasser Afflatu Numinis nennt, ist natürlich die einzige Art der Prophezeiung, die für uns in Frage kommt und der wir diese Untersuchung widmeten. Es ist eben die Prophezeiung auf einem Wege, der die fünf Sinne und das Denkvermögen ausschaltet, dafür aber Kräfte spielen läßt, die wir nicht weiter kennen und die auch nur eine verschwindende Minderheit besitzt oder wenigstens anwendet. Es handelt sich für uns zwar nicht um ein übernatürliches Phänomen – so wenig wie Hypnotismus und räumliches Fernsehen übernatürlich sind – wohl aber um ein übersinnliches.

Demnach genügt es keineswegs, wie Wernßdorff unter Hinweis auf Berechnung und Zufall richtig hervorhebt, daß eine Vorhersage eintrifft, um sie unter die Prophezeiungen aufzunehmen. Vielmehr ist es lediglich die =Art und Weise=, auf welche eine Vorhersage zuwege kam, die ihr ihren Platz unter den Prophezeiungen anweist. Am Charakter der Vision ändert auch die Tatsache nichts, daß diese oder jene – bei solchen religiöser Art fast alle – nicht in Erfüllung gehen. So wenig wie der verstümmelte Text etwas gegen die drahtlose Übermittlung einer Depesche beweist, oder so wenig jemand die menschliche Denkkraft leugnen wird, wiewohl es bekanntlich sehr wenig Menschen gibt, die immer fehlerlos und logisch richtig denken.

Ändert demnach das Nichteintreffen einer Prophezeiung auch nichts an ihrem visionären Charakter, so ist es doch in anderer Weise keineswegs bedeutungslos. Denn wir werden in Visionen, denen in der Wirklichkeit kein Äquivalent gegenübersteht, geneigt sein, Halluzinationen, nicht aber Äußerungen einer besonderen Prophetengabe zu erblicken.

Wenn wir auch weit davon entfernt sind zu versuchen, die Prophetie zu erklären – die Naturwissenschaft hat diese meist nur auf Prägung neuer Worte hinauslaufende Illusion längst aufgegeben – so reizt es doch möglichst die Fehlerquellen zu ermitteln. Denn daß solche existieren müssen, ist einleuchtend, da es sonst nicht verständlich wäre, weshalb Personen, die durch zahlreiche zutreffende, Zufall und Berechnung ausschließende, Prophezeiungen, den Beweis für ihre Gabe erbrachten, doch da und dort irren.

Es muß also unsere Aufgabe sein zu versuchen die Kriterien festzustellen, die erfahrungsgemäß sich bei den unerfüllten Prophezeiungen finden. Daß wir hier nicht aprioristisch oder deduktiv vorgehen können, ist einleuchtend. Denn wo es sich um eine zurzeit noch so rätselhafte Erscheinung handelt, wie die vorliegende, wäre die Aufstellung eines Dogmas oder auch nur einer Theorie Verblendung. Es kann sich also nur um schüchterne Hypothesen handeln.

Mit vollem Bewußtsein verlasse ich hier die historische Basis, um mich auf ein Gebiet zu begeben, das mir fremd ist. Sollte es mir trotzdem gelingen durch aus den Tatsachen selbst gewonnene Schlüsse das Richtige zu treffen, so wäre mir das eine nicht geringe Genugtuung.

Schon weiter oben konstatierten wir, daß 1. religiöse Visionen so gut wie nie eintreffen. Es handelt sich hier eben entweder überhaupt nicht um richtige Visionen, sondern um Ausflüsse einer überhitzten Phantasie, oder aber es wird der Wunsch Vater des Gedankens.

2. Sehen wir mit Frau de Ferriëm[221] eine Fehlerquelle in den von seiten der Sitzungsteilnehmer geäußerten =Wünschen= oder =bestimmten Fragen=! »Die Gesichte müssen am besten spontan eintreten. Die spontan kommenden Visionen und Weissagungen haben sich als die zuverlässigsten erwiesen und tritt die Clairvoyance auch spontan bei mir ein. Wenn jemand z. B. wünscht, ich soll ihm seine Zukunft sagen oder etwas über seine Vergangenheit – ich könnte es nicht bzw. könnte es wenigstens nicht so ohne weiteres. Wie bemerkt, sehe ich fast täglich geistig genug und vielerlei, aber ohne irgend etwas Bestimmtes in dieser Beziehung gewünscht zu haben. Wohl könnte die gewünschte Clairvoyance, in welcher ich dem Betreffenden die questionierten Mitteilungen über seine Person usw. machen kann, eintreten; zu garantieren vermag ich indes nicht dafür. Noch weniger vermag ich aber auch dann, wenn solche Visionsmitteilungen oder Weissagungen durch mich gegeben werden, nicht die Gewähr dafür zu übernehmen, ob das Gesagte, soviel auch sonst schon immer, wie konstatiert worden, nach dieser Richtung eingetroffen ist, auch wirklich eintrifft; denn ich fürchte leicht, daß infolge des geäußerten Wunsches und des dadurch, wenn auch unmerklich auf mich ausgeübten geistigen Druckes die Vision, die Weissagung auch, ohne daß ich es eben will, ein Bild meiner für mich selber unbemerkt einsetzenden Phantasie werden könnte.« Am wichtigsten ist der Satz der Frau de Ferriëm: »=Was mich betrifft, so kann ich auf Wunsch fast nie prognostizieren oder hellsehen.=«

Diese von der Seherin abgegebene Erklärung ist ohne weiteres einleuchtend. Sie dürfte auch für das Nichteintreffen vieler unter den erwähnten Bedingungen zustande gekommener Weissagungen genügende Begründung sein.

Damit beantwortet sich auch die Frage, was von Prophezeiungen der gewerbsmäßigen Wahrsagerinnen zu halten ist, ganz von selbst. Es soll weder bestritten werden, daß viele von ihnen die Gabe des Hellsehens besitzen, noch auch daß manche Vorhersage verblüffend genau, ja bis ins kleinste Detail, eintrifft, wie ja solche Personen auch oft aus der Vergangenheit Dinge wissen, die sie auf normalem Wege unmöglich in Erfahrung gebracht haben können.

Das hindert aber nicht, daß wir mit dem größten Mißtrauen diesen Prophetinnen begegnen müssen. Wer für einige Mark sich täglich so und so oft in einen Zustand versetzen soll, der nicht viel mehr vom Willen abhängig ist, wie der Fall eines Meteors, muß notgedrungen zum Schwindel greifen, um seine Kundschaft nicht zu verlieren. Er wird allgemeine Redensarten gebrauchen, die mehr oder minder für jeden passen. Er wird, selbst wenn er eine Vision haben sollte, sie vermittelst der Phantasie nach Tunlichkeit ausmalen. Er wird sich auch absichtlich möglichst dunkel und geheimnisvoll ausdrücken. Schließlich verstehen diese Frauen wohl auch oft mehr von den Menschen und ihren Wünschen, als von der Prophetie, so daß nicht dringend genug vor ihrer Konsultation gewarnt werden kann.

Aber selbst angenommen, die Wahrsagerinnen könnten wirklich dem einzelnen die Zukunft vorher verkünden – was wäre der Gewinn? Entweder sie stellen goldene Berge – buchstäblich und metaphorisch – in Aussicht, dann wird die Mehrzahl der mit solchem Prognostikon Beglückten durch die Gegenwart hasten, nur den Blick auf das verheißene Ziel gerichtet, um, selbst wenn sie es ja erlangen sollten, zu spät zu bemerken, daß sie um ihr Lebensglück, um den Genuß des Augenblickes, betrogen wurden.

Oder aber die Prophetie lautet traurig, dann wird das arme Opfer seiner unangebrachten Neugier wie Damokles sich keiner frohen und sorglosen Minute mehr erfreuen.

Das Leben eines jeden von uns ist nun mal ein großes Drama. Mögen die retardierenden Momente auch mehr oder minder zahlreich sein, mag der Abgang mit größerem oder geringerem Glanz, mit größerer oder geringerer Pein verbunden sein:

omnes una manet nox et calcanda semel via leti[222].

Schlimmer aber noch als das eigene Ende, ist die Trennung von unseren Lieben, ist der Verlust der Achtung vor sich selbst oder jahrelanges Siechtum. Und wie vielen von uns steht das bevor?!

Wenn wir daher dem Schicksal für etwas danken müssen, so ist es für seine Dunkelheit. Gibt es Prophezeiungen, gibt es Personen, die die wunderbare Gabe besitzen, unsern Lebensweg zu schauen, bevor wir ihn vollendeten; so bewahre uns ein gütiges Geschick davor, in ihren Bannkreis zu geraten!

So sehr es das Problem der Prophetie verdient, daß die Besten sich mühen, das Rätsel dieser Naturkraft zu lösen, – denn welche schönere Aufgabe könnte der Wissenschaft winken als die durch Findung einer neuen Wahrheit das Weltbild zu ergänzen? – so sehr wir bestrebt sein müssen, nach Ausschaltung der Fehlerquellen die allgemeingültige Formel in Händen zu halten, so sehr – das kann jetzt schon gesagt werden – wäre es zu beklagen, wenn der Einzelne sich dieses Instrumentes bedienen würde, um damit Dinge zu enthüllen, die eine gnädige Vorsehung in Dunkel tauchte.

3. Eine weitere Fehlerquelle ist die =Gedankenübertragung=. Mir ist sehr wohl bekannt, daß die gelehrte Zunft dieses Phänomen noch nicht anerkennt, wiewohl die Beweise dafür längst erbracht sind. Es ist hier nicht der Ort näher darauf einzugehen, wir wollen uns daher auf folgende Erwägung beschränken:

Wenn Gedankenübertragung überhaupt vorkommt, dann liegt es auf der Hand, daß wir sie am ehesten bei besonders sensiblen Individuen finden werden. Nun scheint es doch unbestreitbar zu sein, daß die mit der Gabe des Hellsehens ausgestatteten Personen besonders feinfühlig sind. Wir werden also bei ihnen auch zuerst Reaktion auf Gedanken anderer voraussetzen dürfen. Angenommen nun in einer prophetischen Sitzung denke jemand intensiv in einer bestimmten Richtung mit, so liegt die Vermutung einer dadurch herbeigeführten Beinflussung nahe. Sie wird zur Gewißheit durch die Bekundungen der Somnambulen selbst.

Wenn wir die Möglichkeit einiger Visionen zugeben, so braucht man durchaus nicht mit gewissen Spiritisten an ungezogene oder böswillige Kobolde zu glauben, die aus reiner Freude am Unfug falsche Bilder vorgaukeln. Man braucht auch mit Dr. Egbert Müller[223] nicht einverstanden zu sein, wenn er schreibt: »Nicht in Erfüllung gehende Visionen können dennoch wirkliche Visionen sein, weil es doch scheinen will, daß für die Vorgeschichte des Sehers von dem wirklich in der Zukunft geschehenden erst noch =Zwischengesichte= durchdrungen werden müssen, gerade wie wir mit unserem Denken oft erst durch eine Fülle =unzutreffender= Gedanken endlich zu dem brauchbar =richtigen= hingelangen.« Denn wenn wir so argumentieren, dann machen wir uns die Sache zu leicht. Eine richtige Vision kann doch nur da vorliegen, wo sich wirklich die Ereignisse so abspielen, wie der Seher sie schaut. Aufs Räumliche übertragen: das beste Fernrohr, das uns Dinge zeigt, die für das unbewaffnete Auge unsichtbar sind, sieht doch Dinge, die wirklich da sein müssen, wenn auch in großer Ferne. Machten wir uns den Gedanken Dr. Müllers zu eigen, dann könnte ein Fernrohr uns auch Objekte zeigen, die nicht existieren oder doch solche, die in Wirklichkeit anders aussehen. Denn was den »Zwischengesichten« in der Zeit entspricht, wären hier die räumlichen Strecken zwischen unserem Auge und dem Objekt.

Der Vergleich dürfte zeigen, daß Dr. Müllers Deutung irrig ist.

Die Vision muß, wenn sie als Prophezeiung gelten soll, unbedingt richtig sein. Allerdings braucht sie keineswegs den Schluß eines Vorganges, noch nicht einmal den wichtigsten Moment herauszugreifen. Es genügt völlig, wenn sie, wie etwa eine Platte des Kinematographen, nur =einen= Moment einer Handlung festhält.

Mir scheinen irrige Visionen – nicht etwa Halluzinationen – nicht wahrscheinlich. Wir sind auch nicht gehalten, sie anzunehmen. Denn wie wir ja auch in die größte Verlegenheit kämen, aus einem oder wenigen Momenten des kinographischen Vorganges die ganze Handlung, deren Vorstadien und besonders deren Ende zu rekonstruieren, so muß es auch auf die größten Schwierigkeiten stoßen, eine flüchtige Vision richtig zu interpretieren.

Méry meint, die vom Propheten verkündeten Ereignisse könnten doch von ihm nicht aus dem Schoß der Zukunft herausgenommen werden, wie etwa Zigarren aus ihrer Kiste. Vielmehr handle es sich um die Wahrnehmung entfernter Wirklichkeiten, deren Ursachen zur Zeit der Vorhersage bereits gegeben sind.

Verdient der letzte Satz unsere Zustimmung, so der vorhergehende unseren teilweisen Widerspruch.

»Genommen« wird vom Propheten gewiß nichts, denn die Visionen, wenigstens die echten und zuverlässigen, kommen ebenso spontan – darin müssen wir den Hellsehern glauben – wie die Träume. Die produzierende Tätigkeit des Sehers, wenigstens die bewußte, ist also annähernd gleich Null. Wohl aber sind die einzelnen Visionen so isoliert, wie es einzelne kinematographische Platten wären, die uns, aus dem Zusammenhang der Handlung gerissen, vor Augen gestellt würden. In diesem Sinne entsprechen also die Visionen allerdings den Zigarren, nur daß sie nicht von uns freiwillig aus der Kiste gewählt, sondern von einem andern uns in die Hand gedrückt werden.

Der Vergleich hinkt allerdings: zunächst ist eine Zigarre ein von der Umgebung losgelöster Einzelgegenstand, während die Vision gleich einem Relief stets mit dem Hintergrund – unserem Bewußtsein, Unterbewußtsein oder Phantasie, sagen wir kurz: unserer Seele – zusammenhängt. Sie kann deshalb nicht isoliert betrachtet werden.

Dazu kommt ein zweites, noch wichtigeres Moment: Die Vision ist doch kein Gegenstand, den wir nach Herzenslust und mit aller Gründlichkeit beliebig lange betrachten können, sondern sie ist in Bewegung, ein Vorüberhuschen, genau wie die Films des Kinematographen.

Nehmen wir an, jemand von uns solle einige Momente einer kinematographisch reproduzierten Handlung erzählen. Er würde nicht nur im Detail große Irrtümer begehen, er würde auch vor allem wichtige Momente übersehen, Nebensächliches in den Vordergrund rücken und so durch unrichtige Beleuchtung das Bild verzerren. Dazu aber kommen Kausalitätsbedürfnis und Kombination. Er wird also Vorstadien rekonstruieren, die seines Erachtens den veranschaulichten Momenten vorangingen, ohne sich dieser seiner Tätigkeit bewußt zu sein. Ferner wird er das Bild automatisch fortsetzen und auch dieses sein Phantasieprodukt für etwas wirklich Gesehenes halten.

Nun ist noch zu bedenken, daß auch das schnell vorbeiziehende Gemälde des Kinematographen aus Einzelbildern zusammengesetzt ist, von denen jedes wenigstens ganz scharfe Konturen hat. Die Folge der Einzelbilder ist nur zu schnell, um jedes scharf erfassen zu können, aber die Bilder selbst sind vollkommen deutlich.

Anders bei der Vision, oder doch bei sehr vielen Visionen. Hier ziehen die Bilder nicht nur oft mit großer Geschwindigkeit vorüber, sie sind auch in sich häufig unklar, nebelhaft.

Berücksichtigen wir diese Faktoren alle, so liegt die Erklärung – unter der Voraussetzung, die Vision sei echt und die Bilder wahr – für irrige Voraussagen auf der Hand: Sie beruhen auf =Fehler des Sehens oder Hörens=, auf =Fehler des Gedächtnisses= und endlich auf =Fehler der Interpretation=.

Denn daß die Auslegung des Gesehenen von ausschlaggebender Bedeutung ist, leuchtet ohne weiteres ein.

Folgende Fehler scheinen mir in der Natur der Sache zu liegen:

1. Die Seherin erblickt ein Landschaftsbild, das sie nicht kennt. Sie wird in diesem Falle eine allgemeine Voraussage machen, die zwar die Handlung bzw. die Geschehnisse – unter den obigen Einschränkungen – richtig enthält, aber den Ort offen läßt. Diese Vision hat dann durch ihre Unbestimmtheit weniger Wert und wird von den Skeptikern nicht als Beweis für die Tatsache der Prophezeiung zugelassen. Denn, so heißt es dann sogar mit einigem Recht: jedes Unglück wird sich mal irgendwo ereignen. Das würde man z. B. auch gegen die Vorhersage des Scheiterns der »Gneisenau« anführen können, wenn nicht andere Momente, etwa der Bart des Kapitäns, dagegen sprächen. Rein als Geschehnis genommen, d. h. Auflaufen eines deutschen Kriegsschiffes auf einen Felsen, hätte die Vision aber wenig Wert, da das ja ein Unfall ist, dem leider unsere Marine schon öfter Verluste zuzuschreiben hatte.

2. Die Seherin erblickt ein Landschafts- oder ein Stadtbild, das sie mit einem bekannten identifizieren zu können glaubt. Sie wird nun apodiktisch erklären: Xstadt wird von einem Erdbeben zerstört! Tatsächlich hat sie sich aber insofern geirrt, als das Stadtbild zwar richtig gesehen, aber falsch gedeutet war. Es war nämlich Astadt. Hier liegt dann der Fehler nicht in der Vision, sondern in der falschen Interpretation eines richtig gesehenen Vorganges.

Da auch die weitestgereiste Seherin unmöglich die ganze Erde kennen und ihr Bild – das ja noch dazu im Laufe der Jahre sich ändert – im Gedächtnis behalten kann, da auch Irrtümer in der Agnostizierung leicht vorkommen können, so werden die beiden genannten Lücken bzw. Fehler der Interpretation sehr häufig sein.

3. Die Seherin liest eine Inschrift oder ein Datum falsch, weil die betreffende Tafel ihr nur verschwommen erscheint.

4. Die Seherin liest zwar die Tafel richtig, kombiniert dann aber falsch.

Ein solcher Fall ist mir in der Praxis passiert: Eine bekannte Dame, Hellseherin, aber weder ausgebildet noch gegen Entgeld ausübend, erzählte mir, sie hätte den Tod des Prinzregenten von Bayern für den Herbst 1907 vorhergesehen. Natürlich fragte ich, wie sie das gemacht habe, da ich damals noch Visionen für unmöglich hielt und es mir die größte Freude gemacht hätte, die Dame ad absurdum zu führen. Sie teilte mir dann mit – und ich brachte es zu Papier – sie habe fürstlichen Trauerfeierlichkeiten, die sie beschrieb, in der Theatinerkirche beigewohnt, habe auch die Inschrift auf dem Katafalk gesehen, aber, wegen zu großer Entfernung, nur verschwommen lesen können. Immerhin konnte sie den Monat entziffern – es war der November – und vom Datum mit Bestimmtheit die erste Ziffer 1, und dann glaubte sie noch eine 3 oder 5 gesehen zu haben. Das wisse sie aber nicht genau.

Tatsächlich starb ein königlicher Prinz am 12. November des genannten Jahres und wurde, wie in der Vision gesehen, beigesetzt. Der Landesherr war es aber nicht. Hier war nicht die Vision falsch, sondern die Interpretation. Die Dame hatte sich =gedacht=, es sei der Regent.

Daß Irrtümer der sinnlichen Wahrnehmung auch beim Hören von Tönen vorkommen können, und daß ferner die irrige Interpretation sich auf alles erstrecken kann, leuchtet ein. Wir wollen daher auf diesem Punkt nicht weiter verharren, um mit der Konstatierung zu schließen, daß eine falsche Prophezeiung sehr wohl bei richtiger Vision möglich ist, ja daß sogar in der Regel die Prophezeiung keine exakte Wiedergabe des auf übersinnlichem Wege Wahrgenommenen sein wird. Deshalb beweist das Nichteintreffen einer Vorhersage gar nichts gegen die Tatsache, daß es richtige Prophezeiungen gibt.

Bisher nahmen wir an, daß es sich um richtige Visionen handelt, wenn sie auch – etwa durch Gedankenübertragung – beeinflußt sein mögen. Aber sehr häufig wird der Seher eine Vision zu haben glauben, und es ist gar keine; die Phantasie spielte ihm einen Streich.

Da die Grenzen zwischen Vision und Halluzination bzw. Phantasiebild sehr schwer zu ziehen sind, wohl oft noch schwerer als die zwischen Traum und Wachen, so kommt es zweifellos sehr häufig vor, daß die Somnambule in Trance gewesen zu sein glaubt, während sie wachte. Dann wird sie etwas als eine auf übersinnlichem Wege gewonnene Wahrheit verkünden, was nur ihr Phantasieprodukt ist.

Aus allen diesen Fehlerquellen, die wir hier aufzuzeigen versuchten, ohne uns einzubilden, Vollständigkeit erreicht zu haben[224], geht so viel mit Sicherheit hervor, daß es weder leicht ist eine richtige Vision bzw. Prophezeiung als solche zu erkennen und zu interpretieren, noch auch zulässig ist aus Irrtümern, die der Seher begeht, zu folgern, daß es kein zeitliches Fernsehen gibt.

Ein von mir im übrigen hochverehrter Gelehrter suchte sich über die Realität des Fernsehens zu informieren, indem er Hellseherinnen oder Personen, die im Rufe standen, es zu sein, die Fragen vorlegte: was er in der Tasche habe? was er heute Mittag gegessen habe? usw. Da die betreffenden Personen darauf meistens die Antwort schuldig bleiben mußten, so stand für den Professor die Tatsache fest, daß Prophetie Schwindel sei.