Prophezeiungen

Part 26

Chapter 263,545 wordsPublic domain

Auch die große Kirchenverfolgung, deren Ausdruck ja die Abschaffung der christlichen Zeitrechnung war, ist historisch. Bekanntlich war die Revolution gegen den Klerus nicht weniger gerichtet, wie gegen den Adel. Man konfiszierte im Jahre 1789 den Kirchenbesitz – man schätzte 3 Milliarden! – und zwang, allerdings mit sehr geringem Erfolge, den Klerus, den Bürgereid zu leisten. Wer ihn nicht leisten wollte – so wurde am 26. Januar 1791 bestimmt – hatte auf sein Amt zu verzichten. Nicht genug damit, wurde das Christentum ganz abgeschafft und dafür der alberne Kultus der Göttin der Vernunft eingeführt, als ob die Religion ein Verstandes- und nicht ein Gemütsbedürfnis sei. Damals – es war im Jahre 1793 – hatte man in der Kirche Notre Dame in Paris einen Tempel der Philosophie errichtet und irgendeine griechisch kostümierte Operndiva agierte dort in der Rolle der Göttin der Vernunft. Manche trugen sich mit dem Gedanken, die Kirchtürme niederzulegen. Daß der Kalender aus Haß gegen das Christentum geändert wurde und nicht etwa aus praktischen Gründen, ist wohl auch erwähnenswert.

Das alles geschah 1793. Am 7. November dieses Jahres erschien der konstitutionelle Bischof Gobel mit einer Anzahl Geistlicher vor dem Konvent, und entsagte feierlich seinem Amt, weil es keinen anderen Kultus als den der Freiheit und Gleichheit geben könne. Übrigens war der Kultus der Vernunft niemals Staatsreligion.

Wenn also auch der Höhepunkt des Kampfes erst ins Jahr 1793 fällt, so ist die Prophezeiung des Nostradamus doch vollkommen richtig, denn die Feindseligkeiten gegen die Kirche dauerten ja mehrere Jahre.

Daß die Verfolgung länger dauern werde wie in Afrika, womit nur die Unterdrückung der orthodoxen Kirche durch die arianischen Vandalen gemeint sein kann, ging auch in Erfüllung.

Denn seit der französischen Revolution herrscht eine Animosität gegen die Kirche, überhaupt gegen das Christentum, wie kaum zur Zeit der Reformation gegen erstere allein. Jedenfalls dachte Nostradamus an die Saecularisation, die Beseitigung der weltlichen Herrschaft des Papstes, an die Trennung von Staat und Kirche in Italien und Frankreich, die Vorgänge in Portugal, die antikirchliche Bewegung in Spanien usw. Nach den Proben seiner Kunst ist das keineswegs ausgeschlossen. Es erfordert nicht viel Urteilsfähigkeit, um auch für Deutschland über kurz oder lang eine antikirchliche Bewegung, die hoffentlich mit der Trennung vom Staate enden wird, vorherzusagen und an einen – diesmal geistigen – Aderlaß, der stärker sein wird als die Konfiskationen zu Beginn des vorigen Jahrhunderts.

Wenn wir endlich noch hören, daß Nostradamus den Untergang des Papsttumes prophezeit – deshalb stehen seine Werke auf dem römischen Index – dann wird man auch an dem Ausdruck »Verfolgung« und dem Vergleich mit afrikanischen Verhältnissen nur mit größter Reserve zu kritisieren wagen.

Sehr merkwürdig ist auch die Prophezeiung im Absatz 109 ff. des Widmungsbriefes an Heinrich II.

»Encores par la derniere foy trembleront tous les Royaumes de la Chrestienté, et aussi des infideles, par l’espace de vingt cinq ans; et seront plus grieves guerres et batailles; et seront villes, cités, chateaux et tous autres edifices bruslés ...«[213]

»In dieser letzten Epoche werden alle Königreiche der Christenheit zittern, und ebenso die Ungläubigen, den Zeitraum von 25 Jahren hindurch; die blutigsten Kriege und Schlachten werden stattfinden, Städte, Ortschaften, Schlösser und allerlei andere Bauwerke werden in Flammen aufgehen und zerstört werden usw.«

Wir stehen – wie die vorhergehenden Abschnitte des Widmungsbriefes ergeben – in einer Periode, deren Beginn Nostradamus durch die Jahreszahl 1792 festlegt. Rechnen wir dazu 25 Jahre, so kommen wir zum Jahre 1817. In diesen Zeitraum – tatsächlich schloß die Kriegsperiode ja schon 1816 – fallen so viele Kriege, wie sie nur selten die Geschichte verzeichnen kann. Um nur die wichtigsten zu nennen: die republikanischen Feldzüge gegen Deutschland und Österreich, Napoleons Expedition nach Italien und Ägypten, die Kriege in Spanien und gegen England, seine Siege über Preußen und Österreich, die Expedition nach Rußland, die Feldzüge der Verbündeten und die Niederwerfung Frankreichs, endlich der letzte durch Napoleons Flucht von Elba entfachte Feldzug, der mit dem endgültigen Siege der Verbündeten endete. Also auch diese Prophezeiung, die durch zeitliche Fixierung und Angabe der Dauer beweist, daß Nostradamus über den Verlauf der europäischen Geschichte aufs beste unterrichtet war, sehen wir im vollen Umfange erfüllt.

Das Wesentliche ist, daß die wenigen Stichproben, die wir machen konnten, unbedingt zugunsten des Sehers ausfielen. =Nostradamus konnte also nicht nur zukünftige Ereignisse, die Namen der in späteren Jahrhunderten handelnden Personen vorhersehen, er wußte auch das Jahr anzugeben, wann seine Vorhersagen in Erfüllung gehen würden.=

Das sagt er selbst im 73. Abschnitt seines Widmungsbriefes an Heinrich II.: »Wenn ich gewollt hätte, hätte ich jedes Quatrain nach der Zeit seiner Erfüllung beziffern können.«

Wir haben allen Anlaß, dem Seher das zu glauben. Wenn er aber da und dort irrte, so beweist das nichts gegen seine Kunst, denn Unfehlbarkeit wird man billigerweise bei niemand fordern.

In Nummer 86–88 desselben Briefes gibt Nostradamus in Form von Planetenperioden sogar an, wie er zur Angabe des Jahres 1792 kam. Kniepf, der sich in astrologischen Berechnungen wohl auskennt, bemerkt jedoch, daß uns der Schlüssel dazu fehlt. Nostradamus hat die einschlägigen Schriften, die er von seinen Vorfahren geerbt hatte, vor seinem Tode verbrannt.

Sollte es also wirklich möglich sein, durch astrologische Berechnung die Zukunft zu ergründen?

Wir wissen es nicht, können es uns nicht vorstellen, sind auch nicht in der Lage zu ermitteln, welcher Anteil an den Weissagungen auf Konto der Astrologie, welcher auf hellseherische Veranlagung gesetzt werden kann: das alles liegt auch außerhalb des Rahmens einer historischen Untersuchung.

Was wir aber mit allem Nachdruck betonen müssen ist, daß =Nostradamus die Zukunft enthüllen konnte, wie niemand vor ihm oder nach ihm, von dem wir wissen. Er ist eines der größten Genies der Weltgeschichte.=

Fußnoten:

[177] Vgl. Karl Kiesewetter, Nostradamus und seine Prophezeiungen in »Sphinx«, 3. Bd., 1887, S. 41 ff.

[178] Wie er in der Widmung der achten Centurie an König Heinrich II. von Frankreich sagt, hat er seine Weissagungen »nach dem Laufe des Himmels berechnet, in Verbindung mit einer zu gewissen Stunden eintretenden Anregung, dem Erbtum seiner Urväter«. Er brachte seinen »natürlichen Instinkt in Zusammenhang und Einklang mit einer langen fortlaufenden Berechnung, indem er Seele, Geist und Gemüt von aller Sorge, Kümmernis und Aufregung frei machte durch Ruhe und Stille des Inneren«.

[179] oder »lymphatiquant«, was mit extatisch zu übersetzen wäre. Denn »Lympatiques« nannte man diejenigen, die vom Anblick eines schönen Mädchens liebestoll wurden. Da der erste dieser sinnlos Verliebten sich ins Wasser (lympha) stürzte, erhielt der Zustand diesen Namen. Vgl. »Eclaircissement des veritables Quatrains de Maistre Michel Nostradamus«, 1656 (ohne Erscheinungsort und Verfasser), S. 59. Die Stelle findet sich in der Nostradamus-Ausgabe von Le Pelletier II, p. 15.

[180] Anatole Le Pelletier, Les Oracles de Michel de Nostradame. Paris 1867, I, p. 72 f.

[181] Vgl. A. Schultz, Das höfische Leben zur Zeit der Minnesänger, 2. Bd., S. 111 ff.

[182] Vgl. – auch zum Folgenden – Kiesewetter, Sphinx, 3. Bd. 1887, S. 44 ff.

[183] Chavigneus, Jani Gallici Facies prior. Lion 1594, p. 4.

[184] Présage 141, Le Pelletier I., p. 91.

[185] Vgl. Albert Kniepf in den Psychischen Studien, 36. Bd., 1909. S. 247 und 276. Übrigens ist es auf alle Fälle merkwürdig, daß die Vossische Zeitung schon am =28. August= 1870, also =vor= Sedan, die Prophezeiung abdruckte mit dem Zusatz, daß Napoleon seinen Untergang für den =2. September= befürchte. Damals hatte noch gar niemand in Deutschland eine Ahnung davon, daß sich Napoleon bei Mac Mahons Armee befand. – Herr Dr. R. Hennig hat die Freundlichkeit, mir seinen Aufsatz »Zur Psychologie der Deutelsucht« in der »Zeitschrift für Psychotherapie und Medizinische Psychologie« zu übersenden. Hier finde ich auf S. 186 des 2. Bandes die Angabe, der gefälschte, aber doch in so wunderbarer Weise in Erfüllung gegangene Quatrain sei gedruckt in den »Ronces et Chardons« des Chevalier Jean Baptiste François Ernest de Chatelain, angeblich S. 181. Das Buch soll 1869 in London erschienen sein. Vielleicht stammt er von einem wirklichen Propheten, der sich des Namens seines großen Vorgängers bediente.

[186] Les Oracles de Nostradame, I., p. 87 f.

[187] Le Pelletier, I, S. 93 f.

[188] Übrigens heißt Heinrich III., als Person ein jämmerliches Individuum, insofern mit Recht an dieser Stelle »le Grand«, weil er zuerst König der Polen gewesen war und erst nach Karls XI. frühem Tode die Krone Frankreichs sich aufs Haupt setzte.

[189] Vgl. auch Theodor Lindner, Weltgeschichte seit der Völkerwanderung, 5. Bd., S. 184–202.

[190] Vgl. Th. Lindner, Weltgeschichte, 5. Bd., S. 198–201, und – zum Ganzen – Le Pelletier I., p. 103 f.

[191] In der mir vorliegenden =ersten= Ausgabe mit dem Titel »Les Prophéties de M. Michel Nostradamus. Centuries VIII. IX. X. Qui n’ont encore iamais esté imprimés. A. Lyon, Chez Antoine Boudraud, en rue confort à la Fortune« finden sich folgende unbedeutende Varianten: Nansy statt Nanci, und deliure statt delivré. Letzteres – so auch prouez statt prouvés – noch daher kommend, daß bekanntlich das Mittelalter zwischen u und v in der Schreibweise keinen Unterschied macht.

[192] Vgl. sein anonym und ohne Druckort im Jahre 1656 erschienenes »Eclaircissement des véritables quatrains de maistre Michel Nostradamus«, p. 18. Hier ist der Name angeführt unter einer beträchtlichen Anzahl anderer, die der Astrologe vorher gewußt hatte, und in einem Ton, als sei es eine bekannte Tatsache, die es damals ja wohl auch gewesen sein mag.

[193] Essai d’éxplication de deux Quatrains de Nostradamus, Nevers 1806, p. 30–39, (nach Le Pelletier).

[194] Was die Persönlichkeit Heinrichs II. Montmorency betrifft, so war er »der Abgott des Hofes und der Provinzen, des Volkes und der Armee«. Als der Kapitän Guitaut, =gegen= den er im Feuer gestanden hatte, vom Richter gefragt wurde, ob er den Herzog im Kampfe erkannt hätte, sagte er mit Tränen im Auge:

»Feuer, Blut und Rauch, die ihn bedeckten, hinderten mich erst ihn zu kennen. Aber als ich einen Mann sah, der, nachdem er sechs unserer Reihen durchbrochen hatte, noch in der siebenten Soldaten tötete, da war ich mir darüber klar, daß das nur M. de Montmorency sein könne.«

Der ganze Hochadel, Freund und Feind, verwandten sich umsonst für das Leben dieses Helden, dessen Leben und Tod überreich an echter Tragik ist.

Vgl. (Michaud) Biographie universelle, 2. Aufl., 29. Bd., S. 176 ff.

[195] Vgl. A. Kniepf, Echte und gefälschte Prophetien des Nostradamus, Psychische Studien, 36. Bd., 1909, S. 276 f. und 520 ff. Er meint im ersten Vers des Quatrains könnte »en terre veu« auch eine Anspielung auf die »Entrevue« Bismarcks und Napoleon III. sein. Nostradamus liebt zweifellos den Doppelsinn und sagt oft mit =einem= Worte zweierlei Dinge, die beide richtig sind. Vgl. z. B. Centurie IX., Quatrain 18, »claire peyne« = clara poena und = dem =richtigen= Eigennamen Clerepeyne. Der Spott Hennings über diese auf alle Fälle scharfsinnige Interpretation Kniepfs ist mir daher unverständlich. Vgl. Zeitschrift für Psychotherapie, 2. Bd., S. 177 ff.

[196] Le Pelletier, I., p. 279.

[197] Walter Bormann, »Die Nornen«, S. 245–264.

[198] Campan, Mémoires sur la vie privée de Marie Antoinette, Paris 1826, p. 158.

[199] Herr Karl Graf Klinkowstroem in München besitzt eine Sammlung von 10 Nostradamus-Ausgaben, darunter die ersten. Demnächst wird in der Zeitschrift für Bücherfreunde aus der Feder dieses Gelehrten eine Nostradamus-Bibliographie erscheinen. Für die mannigfachen Förderungen sei ihm an dieser Stelle mein wärmster Dank ausgesprochen. Nach diesem Kenner ist die Ausgabe von Pierre Rigaud erst zwischen 1605 und 1610 erschienen. Die unvollständige von A. du Rosne in Lyon schon 1557. Bereits 1605 tauchen falsche Quatrains auf, z. B. die der 11. und 12. Centurie. Die Ausgabe von Benoist Rigaud erschien als erste vollständige 1568.

[200] Soviel stellte ich bei M. Desormeaux, Histoire de la maison de Montmorency, Paris 1764, 3. Bd., fest. Eines dieser männlichen Mitglieder starb bereits in der Wiege.

[201] Im Adreßbuch von Paris, von dem mein Freund Herr Konsul A. Schillinger mehrere Jahrgänge einsah, kommt der Name Clerepeyne, Clairepeyne, Clairpeyn usw. usw. überhaupt =nicht= vor. Ebenso der Name Saulce, Sauce, Sause, Salce, Sosse oder Soce mit allen möglichen Varianten =nur einmal= im Adreßbuch 1889 in der Form Sausse, in der Person eines Gewürzkrämers und einer Versicherungsgesellschaft. 1911 gibt es einen Schreiner Saucet.

[202] Vgl. Le Pelletier, I., p. 174 ff.

[203] Le Pelletier, I., p. 305.

[204] Vgl. Ferdinand Gregorovius, Wanderjahre in Italien, 2. Bd. 7. Aufl., S. 185.

[205] Le Pelletier, I. p. 143 f.

[206] Le Pelletier, I. p. 168.

[207] Le Pelletier, I, p. 213.

[208] Le Pelletier, I, p. 216.

[209] I, p. 118 f.

[210] Wer uns etwa vorwirft, die Deutung dieses Verses sei gekünstelt, möge sich der in der Vergangenheit so beliebten Chronogramme erinnern. Beispiele hierfür sind etwa: LVtetIa Mater natos sVos DeVoraVIt, d. h. die Mutter Paris verschlang ihre eigenen Kinder. Es handelt sich um die Pariser Bluthochzeit im Jahre 1572. Diese Jahreszahl ist im Text enthalten: M = 1000, D = 500, L = 50, vier V = 20 und zwei I = 2. Als weiteres Beispiel mag das Distichon auf den Hubertusburger Frieden angeführt sein:

Aspera beLLa sILent: reDIIt bona gratIa paCIs. O sI parta foret seMper In orbe qVIes!

Zählen wir nach dem oben angegebenen Vorgang die Zahlzeichen zusammen, so erhalten wir das Jahr 1763.

[211] Le Pelletier, II. Bd., p. 157.

[212] Vgl. W. Bormann, »Nornen«, S. 257 f., und A. Kniepf, Psychische Studien, 36. Bd., 1909, S. 278 f.

[213] Le Pelletier, II. p. 160 f.

Zwölftes Kapitel

Stellung der Wissenschaft zur Prophezeiung

Es ist sattsam bekannt, daß die Theologie zu allen Zeiten und auch heute noch die biblischen Prophezeiungen für »Offenbarungen«, unmittelbare Äußerungen Gottes, hielt und hält. Wir haben zu dieser Frage nicht Stellung zu nehmen. Der Historiker hat die Aufgabe, das Tatsächliche festzustellen. Er verläßt den sicheren Boden mit dem Augenblick, wo er die Ursachen einer Erscheinung klarzulegen versucht, um völlig in der Luft zu schweben, wenn er sich hierbei gar zu mystischen Hypothesen versteigt. Die Erklärung von Erscheinungen, die wir in den Rahmen unserer derzeitigen Kenntnis der Natur noch nicht einzupassen vermögen durch transzendentale Ursachen, ist eine Bankrotterklärung.

Es bedarf deshalb keiner besonderen Betonung, daß wir der Theologie auf diesem Wege zu folgen uns weigern. Nicht nur, daß wir die dem Historiker gezogenen Grenzen dann überschreiten würden, wir kämen auch dem Problem nicht um Haaresbreite näher. Denn – selbst das Dasein Gottes vorausgesetzt – da wir Umfang und Inhalt dieses Begriffes nicht kennen, würden wir ein uns wenigstens teilweise, d. h. als Erscheinung Bekanntes – nämlich die einzelnen Tatsachen der Prophezeiung – durch ein völlig Unbekanntes, ja in seiner Existenz vielfach angezweifeltes X (Gott) uns verstandesmäßig näher zu bringen suchen.

Das ist aber keine Erklärung. Denn klarer wird uns etwas nur dann, wenn wir es auf bekannte oder doch bekanntere Ursachen zurückführen. Daß das hier nicht der Fall wäre, ist klar.

Immerhin mag es nicht ohne einiges Interesse sein, sich einmal zu vergegenwärtigen, welche Stellung die Theologie dem Problem der nachbiblischen Prophezeiung gegenüber einnahm.

Wir werden finden, daß die Hauptsorge der Theologen die war, die =Quelle= der Prophezeiungen festzustellen und zu erörtern, =ob es überhaupt noch nach dem Alten und Neuen Testament Propheten gegeben habe=. Denn darin, daß es sich in diesen Werken um wirkliche, und zwar von Gott unmittelbar inspirierte Propheten handelt, war man sich bis zur Stunde immer und in allen theologischen Lagern einig.

Zur Zeit des Konstanzer Konzils schon suchte der große französische Gelehrte Jean Le Charlier de =Gerson= (geb. 14. Dez. 1363 in Gerson, gest. 12. Juli 1429 in Lyon), Doctor christianissimus wegen seiner hervorragenden Verdienste auf dem Konzil genannt, die Frage zu ergründen. Und zwar geschah dies in der Schrift De probatione spirituum[214] und dem zweiten Traktat De distinctione verarum visionum a falsis.

Der Inhalt beider Schriften[215] ist kurz folgender:

Der Apostel Johannes (1. Joh. 4, 1) befiehlt mit den Worten: »Ihr Lieben, glaubet nicht einem jeglichen Geist, sondern prüfet die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viele falsche Propheten ausgegangen in die Welt« Vorsicht gegenüber Propheten und Prophezeiungen. Das geschieht, weil der Satan seine Hand im Spiele haben kann (2. Korinth. 11, 14).

Die Prüfung der Geister (d. h. Propheten, Visionen usw.) ist aber ein schwieriges Ding, denn der Heilige Geist hat nur wenigen die Befähigung dazu verliehen. Genaue Kenntnis der Hl. Schrift mag ja in manchen Fällen genügen (Modus doctrinalis), in anderen reicht ein größeres inneres Gefühl, eine innere Erfahrung dazu aus (Modus experimentalis). Da der normale menschliche Verstand aber zumeist versagt, ist innere Erleuchtung fast unerläßlich (Modus officialis) (1. Korinth. 12, 10). Die mit dieser Prüfungsgabe von Gott Ausgerüsteten sind sich ihres Besitzes bewußt und auch in der Lage, bei andern anzugeben, ob sie die gleiche Fähigkeit besitzen. Das sind aber nur wenige. Nur sie sind imstande, mit untrüglicher Gewißheit zu entscheiden.

So wenig man eine allgemeingültige Regel aufstellen kann, wodurch ein Traumgesicht sich von dem, was wir wachend sehen, unterscheidet, wiewohl doch der Wachende es weiß, was er wirklich sah, und sich erinnert, daß er ähnliches im Traum sah, so weiß auch der göttlich Erleuchtete, daß und wann er es ist. Und doch kann auch er auf den Gedanken kommen, teuflischem Blendwerk zum Opfer gefallen zu sein; denn wenn er auch wach ist, so kann er darum doch im höheren Sinne dem Göttlichen gegenüber schlafen. Das erkannte schon der selige Gregorius, als er schrieb: »Der Geist der Prophetie ist nicht immer in der Gewalt der Propheten, noch in ihrem eigenen klaren Bewußtsein[216].«

Die Prüfung modo doctrinandi, also auf Grund einer Lehrmethode, hat auf folgende Punkte ihr Augenmerk zu richten: 1. Auf die Person dessen, der eine Erscheinung hat. 2. Auf den Inhalt der Offenbarung. 3. Auf die Ursache der Mitteilung dieser Offenbarung. 4. Insbesondere zu wessen Beratung die Offenbarung geschieht und mitgeteilt werden soll. 5. Welchen Lebenswandel derjenige hat, dem etwas offenbart wurde, und 6. Woher diese Person stammt.

Auf diese einzelnen Fragen geht Gerson näher ein, wobei er eine Kritik beweist, die man dem Mittelalter im allgemeinen nicht zutrauen möchte. So sagt er z. B. zum 3. Punkt, der die Gründe prüft, aus denen sich jemand zur Mitteilung seiner Vision bewogen fühlt, u. a.:

Der Anhörende müsse sich hüten, dem Offenbarenden Beifall zu spenden, oder ihn zu bewundern. Vielmehr solle er widersprechen und tadeln, ihn als hochmütig verächtlich behandeln, weil er sich einbilde, mit Gott und den Engeln in Verkehr zu stehen. Man solle aus der Geschichte Beispiele dafür anführen, wie schädlich und trügerisch solche Einbildungen seien und wie verabscheuungswürdig die Sucht sei, Visionen zu erleben. Auch vor Täuschungen durch den Teufel müsse man warnen. Denn oft habe das Verlangen, zukünftige und verborgene Dinge zu wissen, Wunder zu sehen und zu tun, die Menschen betrogen und vom wahren Gottesdienst abgeführt.

Beim vierten Punkt macht Gerson den sehr verständigen Einwand, man solle doch bedenken, wenn etwas durch menschliche Mittel erreichbar sei, warum man dann noch nötig habe, eine unmittelbare Unterweisung des Himmels zu erwarten. Auch sei genau zu prüfen, welche Gründe jemand habe, seine Visionen mitzuteilen. Er rate, mit dem Apostel Petrus ehrerbietig zu sprechen: »Herr, gehe hinaus von mir, ich bin ein sündiger Mensch, ich bin zu gering und deiner Erscheinung unwürdig, die ich in diesem Leben weder verlange noch annehme, sondern vielmehr von mir abwende usw.«

Zum sechsten Punkt bemerkt Gerson, daß der hl. Bernhard niemals hätte bestimmen können, woher ein Geist (Vision) käme, wiewohl er öfter dessen Gegenwart gespürt habe. Deshalb müsse man mißtrauisch werden, wenn eine geringe Person genau zu wissen sich einbilde, woher der »Geist« komme. Wisse man doch noch nicht einmal im einzelnen Falle, woher eine Anfechtung komme. Dabei gäbe es viererlei Arten »Geist«: den Gottes, eines guten Engels, eines bösen Engels und den menschlichen, der sich wieder differenzieren lasse.

Soweit Gersons Ansichten in Nuce.

Besonders das 17. Jahrhundert beschäftige sich wieder viel mit unserer Materie, wobei die lutherischen Theologen begreiflicherweise sich an Luthers Ansichten anschlossen. Dieser hatte im 8. Schmalkaldischen Artikel von der Beichte sich dahin geäußert, daß alle nachtestamentliche religiöse Offenbarung ein Werk des Teufels sei, aber auch Prophezeiungen in weltlichen Dingen sei wenig Glauben beizumessen, wenn er deren Existenz auch nicht leugnet[217].

Es hat für uns wenig Interesse, im einzelnen den Streit der Theologen zu verfolgen. Wertvoll aber ist die Feststellung, daß man sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts so ziemlich darauf einigte, daß »noch heut zu Tage sich solche Offenbarungen ereignen könnten, welche den Zustand der Kirche, oder der Policey, oder das gemeine menschliche Leben insonderheit angiengen[218].« Offenbarungen religiöser Natur aber wurden verworfen.

Diese Konkordienformel am klarsten gefaßt hat Johann Olearius[219]. Aus dem Lateinischen übersetzt heißt sie:

»Man kann zwar nicht alle Erscheinungen oder besondere Offenbarungen leugnen, soweit sie die Zukunft der Kirche (soweit deren äußerer Zustand in Frage steht), oder des Staates, oder einer einzelnen Person (als da sind die Visionen Sterbender, Warnungen vor drohenden Gefahren usw.) betreffen. Nicht erlaubt jedoch ist, um in einzelnen Fragen des Glaubens oder der Sittlichkeit zu einer bestimmten Meinung zu gelangen, entweder auf eine unmittelbare innerliche oder äußerliche Offenbarung zu bauen oder eine solche von Gott zu erbitten oder gar mit Bestimmtheit zu erwarten. Noch viel weniger darf man glauben, ein Mensch könne durch sie (die Offenbarung) mit Gott inniger vereint und gleichsam vergöttlicht werden.«

War man sich so in der =Anerkennung der Prophetie=, wenigstens soweit das =profane Leben= in Frage kam, einig, so drängte sich doch naturgemäß die schon, wie wir sahen, Gerson beschäftigende Frage auf: wie erkennt man eine echte Offenbarung?

Löscher suchte in seiner Disputation die Beantwortung im wesentlichen in Gersons Kriterien, die er auf 8 vermehrt, durch Hinzunahme der Forderung, der Offenbarende müsse über seinen gesunden Menschenverstand verfügen und weder körperliche noch geistige Defekte haben, und ferner: eine Prophezeiung könne erst dann für wahr gelten, wenn sie =eingetroffen= ist und sie weder der wahren Glaubenslehre, noch den guten Sitten zuwiderläuft.