Prophezeiungen

Part 25

Chapter 253,408 wordsPublic domain

Erwähnen wir nun noch, daß diese Bücher im Jahre 1803 aus den säkularisierten Klöstern in die Staatsbibliothek kamen und daß sie handschriftliche Eintragungen der Eigentümernamen in den charakteristischen Zügen früherer Jahrhunderte aufweisen, dann muß auch der größte Skeptiker zugeben, daß an der Authentizität der Druckwerke ein Zweifel unmöglich ist.

Wir begnügen uns aber keineswegs mit der einwandfreien Feststellung, daß die genannten Ausgaben vor 1791 erschienen, sondern legen das größte Gewicht auf die Konstatierung, daß wir die =Originalausgabe= benutzten und daß =alle= Quatrains, auf die wir in diesem Kapitel Bezug nehmen, bereits in ihr enthalten sind.

Daß es sich bei der unter 1. oben genannten Ausgabe, ebenso bei der früher zitierten der 8. bis 10. Centuries, die Baudraud veranstaltete, um die =Originale= handelt, oder, vorsichtiger ausgedrückt, daß =diese Ausgaben ganz zweifellos aus dem 16. Jahrhundert stammen=, was ja für uns das Ausschlaggebende ist, geht nicht nur aus dem Titelblatt hervor – das ja gefälscht sein könnte – es ist auch einwandfrei feststellbar an den Drucktypen, Papier, Wasserzeichen usw. Das bestätigten mir so hervorragende Kenner wie die Herren Oberbibliothekar Dr. Georg Leidinger, Vorstand der Handschriftenabteilung, und Bibliothekar Dr. Freys, Herausgeber der neuen großen Inkunabeledition. Ich legte den Herren das dortige Exemplar vor, ohne zu sagen, worauf es für mich ankäme, um ihr Urteil nicht zu beeinflussen, und erhielt die Auskunft, daß es sich zweifellos um einen Druck =vor= 1600 handelt.

Damit ist jeder Einwand gegen unser Material widerlegt.

Um kurz den jetzigen Stand unserer Beweisführung zu rekapitulieren: Wir bewiesen, daß Nostradamus in zahlreichen Fällen weltgeschichtliche Ereignisse vorhergesehen hat. Den Einwand, daß sich schließlich alles einmal ereignen wird, daß wir daher mit der Deutung eines Geschehnisses auf ein bestimmtes Quatrain, eine Selbsttäuschung begingen, widerlegten wir dadurch, daß wir nachwiesen, Nostradamus habe sogar die Namen der handelnden Personen gekannt.

Das ist so ungeheuerlich und geradezu unheimlich, daß der nächstliegende Einwand der sein wird, das Material sei gefälscht, es handle sich gar nicht um Vorhersagen des Nostradamus, sondern um Einschiebsel. Diesen sehr begreiflichen Zweifel brachten wir zum Schweigen durch Hinweis auf die Originalausgabe und zahlreiche andere, die sich auf den Druck des 16. Jahrhunderts stützen und dabei sämtlich die einschlägigen Quatrains enthalten.

Wenn wir jetzt noch die Existenz der Prophetie bestreiten wollen – den Einwurf, es handle sich hier um Berechnung, wird niemand machen – so bleibt nur mehr der arme, berühmte, zu Tode gehetzte Zufall.

Gegen ihn holen wir nun zum vernichtenden Schlage aus.

Betrachten wir noch einmal den 18. Quatrain der IX. Centurie: Die ersten beiden Zeilen lassen sich schwer oder gar nicht in eine Wahrscheinlichkeitsrechnung einfangen; wohl aber die beiden folgenden, wenigstens teilweise.

Dem großen Montmorency wird Gefängnis und Tod durch die Henkershand des Clerepeyne vorhergesagt. Das trat 1632 ein, also rund 80 Jahre nach der ersten Veröffentlichung der Prophezeiungen.

Für diese zweieinhalb Generationen kommen nun acht Montmorency in Frage, da die Familie in diesem Zeitraum nicht mehr männliche Mitglieder hatte[200]. Von diesen aber genau genommen auch nur Heinrich II., da er damals der einzige war, der mit einigem Recht den Beinamen »der Große« führt. Da das damalige Frankreich etwa 20 Millionen Einwohner zählte, in zweieinhalb Generationen also 50 Millionen, erhielten wir als Dividend diese Zahl. Um aber auch den Anschein, wir rechneten zu günstig, zu vermeiden, wollen wir diese Zahl durch 10 dividieren. Denn es ist ja immerhin möglich, daß wir nicht alle männliche Sprossen gefunden haben, sowie die Hälfte, weil weiblich, abziehen.

Die so gewonnene Zahl 2½ Millionen müssen wir mit der, der im Jahre 1632 existierenden Clerepeyne multiplizieren. Dieser Name ist außerordentlich selten. Wenn wir daher annehmen, daß es damals in Frankreich fünf gab[201], die so hießen und alles Männer waren, die als Soldaten oder Henker in der Lage waren eine Exekution auszuführen – was sicherlich niemand glauben wird – so müssen wir die Einwohnerzahl von 20 Millionen durch 5 dividieren und erhalten dann, nach Abzug der weiblichen, 2000000.

Jetzt können wir folgende Wahrscheinlichkeitsrechnung aufstellen:

Die Wahrscheinlichkeit, daß Nostradamus die Namen Montmorency und Clerepeyne durch glücklichen Zufall richtig erriet, ist gleich 1 : 2½ Millionen mal 2000000 also = 1 : 5000 Milliarden, eine =vierzehnzeilige Zahl=!

Dabei lassen wir alle Nebenumstände, das neue Gefängnis, die ungewohnte Stätte usw. usw. völlig außer acht, ganz davon zu schweigen, daß die erste Hälfte dieses Quatrain die wunderbarsten gleichzeitig eingetroffenenen Voraussagen enthielt.

Anders ausgedrückt: wer immer noch glaubt, daß Nostradamus durch Zufall die Namen richtig ermittelte, muß sich klar machen, daß er =eins gegen 5000 Milliarden Wahrscheinlichkeiten wettet=.

Um das an einem Beispiel klar zu machen:

Die Wahrscheinlichkeit, daß Nostradamus zufällig die beiden Namen erriet, ist etwa um 20 Millionen mal kleiner als die, daß jemand auf der Fahrt von Berlin nach München tödlich verunglückt!

Rechnen wir also hier mit dem Zufall, dann müssen wir selbstverständlich alle unsere Fahrpläne abschaffen, die Post hat ihren Betrieb einzustellen usw. usw., weil es hier stets die Zahl der günstigen Fälle um das Vielmillionenfache unwahrscheinlicher ist, als im Falle Montmorency-Clerepeyne.

Noch grandioser wird die Rechnung beim 34. Quatrain der IX. Centurie.

Zwischen dem Erscheinungsdatum der Prophezeiungen und dem Eintritt des Ereignisses 1791 liegen 2¼ Jahrhunderte oder rund 7 Generationen. Damals hatte Frankreich eine ungefähre Bevölkerung von 30 Millionen oder, des leichteren Rechnens wegen, von 28 Millionen. Wenn wir diese Zahl nun durch die 7 überhaupt in Frage kommenden Generationen der Grafen Narbon dividieren, erhalten wir als Koeffizienten die Zahl 4 Millionen, von denen die Hälfte als weibliche Personen ausscheidet. Dabei ist bemerkenswert, daß m. W. die Familie zur Zeit des Nostradamus noch gar nicht existierte.

Das heißt mit anderen Worten: Daß Nostradamus gerade auf den Namen Narbon verfiel, statt einen anderen zu wählen ist – als Zufall betrachtet – eben so groß, wie der aus 2 Millionen Losen, den Haupttreffer bei einmaligem Wählen zu finden.

Waren wir über die Zeit und demgemäß auch über die Generation, der Narbon angehörte, im ungewissen, so ist so viel sicher, daß Sausse sein Zeitgenosse ist. Wieviele Sausse es damals in Frankreich gab, entzieht sich natürlich meiner Kenntnis. Aber so viel ist sicher, daß der Name äußerst selten ist. Nehmen wir nun an, daß es 5 Sausse damals gegeben habe, die alle – also exorbitant hoch gegriffen – Krämer waren, ja, sogar schon seit Generationen! dann erhalten wir folgende Rechnung:

Die Einwohnerschaft von 30 Millionen dividiert durch 5 ergibt als Koeffizienten 6 Millionen, wovon die Hälfte als weiblich ausscheidet.

Diesen müssen wir mit den vorher gewonnenen multiplizieren, um die Wahrscheinlichkeit von 6000 Milliarden zu erreichen.

Aber das ist keineswegs alles, selbst wenn wir von den geschichtlichen Vorgängen, die zahlenmäßig nicht faßbar sind, absehen. »Thuille« Tuillerien, gab es nur einmal. Demnach müssen wir die Zahl von 6000 Milliarden mit der aller damals in Frankreich befindlichen Gebäude, oder doch zum mindesten aller Schlösser – denn jedes hätte Schauplatz des Kampfes sein können – multiplizieren. Nehmen wir nur an, das damalige Frankreich habe 10000 Schlösser besessen, was annähernd richtig sein dürfte, dann gelangen wir zu folgender Rechnung:

Die Wahrscheinlichkeit die Namen und den Schauplatz der Tuilerien zu erraten = 1/(10000 · 6000,000,000,000). Berücksichtigen wir den übrigen Inhalt des Quatrain, das mitré, ein Fall, der in der Geschichte ohne Analogen ist usw. usw., so werden wir sagen können

w = 1/∞ = 0.

_Wenn also das früher angeführte Beispiel der Münzen richtig ist, dann haben wir hier streng mathematisch den Beweis erbracht, daß Zufall praktisch unmöglich ist und Nostradamus ein echter Prophet war, ausgerüstet mit der Gabe des zeitlichen Fernsehens._

Nicht um weiteres Beweismaterial anzuführen, was nach Vorstehendem ganz überflüssig wäre, sondern lediglich des historischen Interesses wegen, wollen wir noch einige Quatrains mitteilen.

Geradezu unheimlich in seiner Fülle grausiger Gesichte ist der 20. Quatrain der IX. Centurie:

»De nuict viendra par la forest de Reines Deux pars, vaultorte, Herne la pierre blanche, Le moyne noir en gris dedans Varennes: Esleu Cap. cause tempeste, feu, sang, tranche.

Des Nachts werden kommen durch die Pforte der Königin (forest = lateinisch fores, Pforte) Zwei Ehegatten (pars = époux), Irrweg (vaultorte romanisch, zusammengesetzt aus vaulx = vallée und de torte = tortueuse), die Königin (Herne ist Anagramm von reine mit Ersetzung des i durch h), der weiße (Edel)stein, Der verlassene (moyne, griechisch aus monos, allein) König (noir ist Anagramm von roi mit Zufügung des n) in grau (gekleidet). Sie (werden) in Varennes (ankommen) Die Wahl des Kapetingers (Cap. = Capet) ist Ursache des Sturmes, Feuer, Blut, Hackmesser (tranche ist romanisch).«

Der Kommentar, den ja der Leser im Geiste selbst geben wird, läßt =jedes= Wort als zutreffend gewählt erkennen.

König Ludwig XVI. und die königliche Familie verließen in der Nacht vom 20. zum 21. Juni 1791 die Tuilerien durch eine Geheimtüre des Appartement der Königin. Die Gazette nationale (Moniteur Universel) vom 14. Juli 1791 erzählt dieses Detail. Diese Flucht, die in Varennes endete, war bekanntlich ein »Irrweg«, denn die königliche Familie wurde gefangen genommen und nach Paris zurück geführt. Hätte der König, wie er vor hatte, die Straße nach Verdun eingeschlagen, statt nach links (Varennes) abzubiegen, wäre der Ausgang vielleicht glücklicher gewesen. Marie Antoinette trug ein weißes Kleid (pierre blanche), während der König grau (gris) angezogen war. Übrigens könnte das »blanche« auch eine Anspielung darauf sein, daß die Königin, wie Mme. Campan erzählt (II, p. 150), in der einen Nacht der Unglücksflucht weiße Haare bekommen hatte und plötzlich wie eine Siebzigjährige aussah. Sie hatte einen Ring für die Prinzessin Lamballe machen lassen, in den einige weiße Haare eingeschlossen waren. Er trug die Aufschrift: blanchis par le malheur.

Der letzte Vers ist noch besonders inhaltreich. Die =Wahl= des Kapetingers, d. h. die Verwandlung der absoluten französischen Monarchie in eine Konstitutionelle, wie sie die Nationalversammlung am 21. Juni 1791 und besonders am 1. September des gleichen Jahres vorgenommen hatte, war in gewisser Beziehung sicherlich die Ursache der folgenden Greuel. Ein eiserner, absoluter Monarch, der von seiner Gewalt umfassenden Gebrauch gemacht hätte – was die Beseitigung vieler Mißstände ja keineswegs ausgeschlossen hätte – würde jedenfalls der Revolution in ihren Anfängen noch Herr geworden sein. Das letzte Wort des Quatrain, Hackmesser oder Fallbeil war bekanntlich auch das Ende des großen Dramas[202].

Recht merkwürdig ist auch folgender Quatrain (II. Centurie, Nr. 93), den Le Pelletier noch nicht ganz richtig deuten konnte, weil er 1867 noch nicht in Erfüllung gegangen war:

»Bien près du Tymbre presse la Lybitine, Un peu devant grand inondation: Le chef du nef prins, mis à la sentine, Chasteau, palais en conflagration.«

Sehr nach dem Tiber (Tymbre = Tiber) herrscht der Tod (Lybitine = Libitina, Todesgöttin), Etwas vorher große Überschwemmung: Das Haupt des Schiffes (nef = naire, das Schifflein Petri) gefangen, gesetzt auf den Grund des Schiffes (wo man die Gefangenen unterbrachte!) In ein Schloß, der Palast in Umwälzung[203].«

Bekanntlich eroberten die Italiener, nachdem sie in die Porta Pia Bresche geschossen hatten, am 20. September 1870 Rom und beseitigten die weltliche Herrschaft des Papstes. Was die Tiberüberschwemmung betrifft, die im gleichen Jahre große Verwüstungen anrichtete, so fiel sie allerdings auf den 10. und 28. Dezember, also kurz =nach= und nicht, wie Nostradamus angibt, kurz =vor= dem politischen Ereignis von welthistorischer Bedeutung. Er hat sich hier also in einem unwesentlichen Punkte geirrt[204].

Bekannt ist die Fabel von der Gefangenschaft des Papstes im Vatikan. Daß aber diese Fiktion bis zur Stunde von päpstlicher Seite aufrecht erhalten wird, gibt dem Seher recht.

Der 100. Quatrain der X. Centurie lautet:

»Le grand empire sera par Angleterre Le pempotam des ans plus de trois cens: Grandes copies passer par mer et terre, Les Lusitains n’en seront pas contens.«

Zu deutsch: Das große Reich England wird allmächtig (pempotam, zusammengesetzt aus dem Griechischen und Lateinischen = πᾶς und potens) sein mehr als drei Jahrhunderte.

Große Heere (copies-copia, Truppen lateinisch) werden zu Wasser und zu Lande kommen.

Die Spanier (Lateinisch Lusitani) werden darüber nicht erfreut sein[205].«

Berücksichtigt man, daß England, als Nostradamus dies schrieb, noch klein und unbedeutend war, – hat ja Elisabeth erst die Flotte geschaffen – während Spanien die Weltherrschaft besaß, um mit dem Untergang der großen Armada 1588 eine Wunde zu empfangen, die nie mehr ganz verheilen sollte, dann wird man nicht umhin können neuerdings zu staunen. Wann die 3 Jahrhunderte abgelaufen sind, läßt sich nicht gut voraussagen. Da von Englands Weltherrschaft erst nach dem Niederringen der Niederlande, also seit der Mitte des 17. Jahrhunderts gesprochen werden kann, würde ihm noch fast ein halbes Jahrhundert gegeben sein.

Napoleon I. und seinen Hof zum Gegenstand hat der 60. Quatrain der I. Centurie:

Un Empereur naistra près d’Italie, Qui à l’Empire sera vendu bien cher: Diront avec quels gens il se ralie, Qu’on trouvera moins prince que boucher[206].

Ein Kaiser wird in Italiens Nähe (Korsika!) geboren werden, der seinem Reiche teuer zu stehen kommen wird.

Von den Leuten, mit denen er sich verbinden wird (die seinen Hof bilden werden), wird man sagen, daß man dort weniger Prinzen, als Metzger finden wird.

Ein Kommentar erübrigt sich!

Nun wird man noch sagen können, daß zwar Namen und Ereignisse bei Nostradamus wunderbar stimmen, daß aber etwas sehr Wichtiges, nämlich die Angabe der =Jahreszahl=, fehle. Dieser Einwurf ist um so berechtigter, als es sich ja um astrologische =Berechnung= handeln soll. Hier aber doch die Zahl leichter zu finden sein sollte, als etwa der Name. Ja, aus dem Fehlen der Zahlenangabe könnte man zur Folgerung verleitet werden, daß es sich gar nicht um Berechnung, sondern um Hellsehen handelt, was ja =teilweise=, nach des Sehers eigener Angabe, richtig ist.

Nostradamus hat selbst die Jahre der Ereignisse berechnet, und zwar bis zum Schluß des angeblich ersten Geschichtsweltzeitalters im Jahre 3797 n. Chr. Was es mit diesem Schluß für eine Bewandtnis hat, können wir ruhig dahingestellt sein lassen bzw. der Zukunft überantworten.

Die Daten teilt Nostradamus nicht mit bis auf zwei. Bevor wir sie untersuchen, seien erst noch einige weniger klar ausgesprochene Zahlenangaben mitgeteilt.

So bestimmt er die Regierungszeit des großen Napoleon ganz richtig auf 14 Jahre (vom 19. November 1799 bis zum 13. April 1814). Der Quatrain ist der 13. der VII. Centurie und lautet:

De la cité marine et tributaire La teste raze prendra la satrapie: Chasser sordide qui puis sera contraire, Par quatorze ans tiendra la tyrannie.

Zu deutsch: Der Mann mit den kurzen Haaren (so wird Napoleon wiederholt bei Nostradamus genannt im Gegensatz zu den französischen Königen, die lange Haare trugen, und weil er sich auch bekanntlich sein langes Haar schneiden ließ zum Zeichen der Beendigung der Revolutionszeit) wird die Gewalt (la satrapie) in der Seestadt (Toulon, das cité marine auch in Cent. VIII, Quatrain 17 genannt wird), die tributpflichtig ist bzw. war (nämlich den Engländern), an sich reißen.

Er wird die Gemeinheit vertreiben (wohl das Direktoire), die ihm von da ab (puis = depuis) feindlich sein wird; =vierzehn Jahre lang= wird er die Tyrannis ausüben[207].

Daß die Tatsachen richtig sind, wird niemand leugnen. Aber wie erklärt es sich, daß auch die Jahre stimmen? Zufall?!

Für irgendeinen Zweifler an der Identität der Tête rasée mit Napoleon wollen wir aus den diversen Quatrains, die aus dem Leben des großen Korsen berichten, noch einen herausgreifen. Es ist der 88. der I. Centurie und lautet[208]:

Le divin mal surprendra le grand Prince, Un peu devant aura femme espousée: Son appuy et credit à un coup viendra mince, Conseil mourra pour la teste rasée.

Es handelt sich natürlich um die am 15. Dezember 1809 vollzogene Scheidung von Josephine Beauharnais bzw. die Wiederverheiratung mit Marie Luise. Wir übersetzen:

»Der göttliche Zorn wird den großen Fürsten schlagen, Etwas vorher hat er eine Gemahlin genommen (zu lesen ist: le grand prince aura espousé femme un peu devant que le mal divin le surprenne), Seine Macht und Ansehen werden plötzlich schwinden Und die Klugheit (das Genie) wird ersterben beim kurzhaarigen Kopf.«

Wer sich an die bald nach der Verheiratung mit Marie Luise von Österreich eintretenden Katastrophen, den russischen Feldzug usw. erinnert, wird die Richtigkeit auch dieses Quatrain nicht bestreiten.

Der hartnäckige Zweifler möge im Index der großen Ausgabe von Le Pelletier die auf die tête rasée bezüglichen Quatrains nachschlagen.

Doch gehen wir zu weiteren Zeitangaben über, nicht ohne vorauszuschicken, daß Nostradamus die Jahre, in welchen seine Vorhersagen in Erfüllung gehen sollten, zu kennen behauptet und =absichtlich verschweigt=. Das bemerkt er einmal ausdrücklich.

Nun kann es niemand verwehrt werden, daran zu zweifeln, wenn es nicht gelingen sollte, wenigstens durch Stichproben zu beweisen, daß der Seher seine Fähigkeit nicht höher veranschlug, als sie es verdiente.

Außer Perioden, wie oben bei Napoleon, die sich häufiger finden, sind mir aus Nostradamus drei positive Zeitangaben bekannt. Die erste finden wir in einem der X. Centurie angehängten Quatrain der Ausgabe von 1605.

Quand le fourchu sera soustenu de deux paux, Avec six demi-corps, et six sizeaux ouvers, Le très puissant Seigneur, heritier des crapaux, Alors subjuguera sous soy tout l’univers.

Zu deutsch:

Wenn die Gabel unterstützt sein wird von zwei Pfählen (paux ist Plural von pal = pieu) Mit sechs Halb-Hörnern (corps ist Schreibfehler statt cors) und sechs offenen Scheren, Dann wird der sehr mächtige Herr, Erbe der Kröten, Sich unterwerfen das ganze Reich.«

Das ist heller Blödsinn. Daran ist auf den ersten Blick nicht zu zweifeln. Bei einigem Nachdenken werden wir aber finden, daß die ersten beiden Zeilen notwendig eine Zeitangabe enthalten müssen. Und das ist auch tatsächlich der Fall.

Le Pelletier[209] löst in folgender absolut überzeugender Weise auf:

Der Buchstabe V kann sehr wohl als Gabel bezeichnet werden. Dann entsteht, wenn wir in der Bildersprache fortfahren, durch Unterstützung des V mit je einem Pfahl an der Seite der Buchstabe M. Der Zahlenwert dieses lateinischen M ist aber 1000.

Ein Halb-Horn, d. h. die Hälfte eines Jagdhornes, bildet ein C, dessen Zahlenwert 100 entspricht.

Ein Paar geöffnete Scheren bildet ein X mit dem Zahlenwert zehn. Dann erhalten wir ein M, sechs C und sechs X zusammen schreibend, also MCCCCCCXXXXXX die Jahreszahl 1660.

Die Kröte war das Wappentier der ersten Merowinger, das erst unter den späteren durch die Lilie ersetzt wurde. Es handelt sich also um einen König von Frankreich, und zwar um einen sehr mächtigen, nämlich Ludwig XIV.

Dann aber heißt die Prophezeiung: Im Jahre 1660 wird der sehr mächtige Herrscher, Erbe des merowingischen Wappens, unter sein persönliches Regiment sein ganzes Reich bringen[210].

Und diese Prophezeiung stimmt. Denn nach dem Tode des allmächtigen Kardinals Mazarin, am 9. März 1661, ergriff tatsächlich der Sonnenkönig die Zügel der Regierung mit jener Energie, die ihn in der Geschichte als Prototyp des absoluten Monarchen fortleben läßt.

Aber – wird man einwerfen können – das ist ja alles sehr geistreich, doch müssen wir es so lange für Konstruktion halten, bis nicht aus ganz klar und eindeutig ausgesprochenen Zahlenangaben mit zwingender Gewalt hervorgeht, daß Nostradamus tatsächlich über die Zeit der Realisierung seiner Prophezeiungen informiert war. Erst wenn wir das wissen, geben wir auch zu, daß dieser Quatrain nur absichtlich dunkel gehalten ist. Und zwar von einer Dunkelheit, die sein Verständnis vor seiner Erfüllung geradezu zur Unmöglichkeit macht.

Glücklicherweise sind wir in der Lage, auch diesen Beweis mit unbedingter Logik führen zu können.

Wie schon gesagt, wollte Nostradamus möglichst dunkel sein und warf deshalb seine Quatrains, um ja keine chronologische Handhabe zu bieten, kunterbunt durcheinander. Nur ein einziges Mal machte er eine Ausnahme: Im Briefe an König Heinrich II., den er als Widmung der zweiten Sammlung seiner Centuries vorausschickt und vom 27. Juni 1558 datiert.

Hier finden wir neben einer Zusammenstellung der wichtigsten und sensationellsten Ereignisse auch die beiden Zahlenangaben. Der 89. der kurzen Abschnitte – im ganzen sind es 118 – lautet:

»... et sera le commencement comprenant ce de ce que durera et començant =icelle année sera faicte plus grande persecution à l’Eglise Chrestienne=, que n’a esté faicte en Afrique, et durera ceste-icy iusques, à l’an mil sept cens nonante deux que l’ô cuydera estre une renouation de siecle[211].«

»Und dann wird der Anfang sein, versteht sich von dem, was dauern wird, und in diesem Jahre wird beginnend eine größere Verfolgung der christlichen Kirche stattfinden, wie die in Afrika war, und ebenso lange dauern; im gleichen =Jahre 1792 wird man glauben, eine neue Zeitrechnung einzuführen=.«

Hier haben wir also zwei datierte Ereignisse von welthistorischer Bedeutung, und =beide Datierungen sind richtig=!

Der neue Kalender der Republik, durch Dekret des Nationalkonventes vom 5. Oktober 1793 eingeführt, begann seine Zeitrechnung mit der Herbstnachtgleiche 22. September 1792 um Mitternacht[212].

Bekanntlich ist in den christlichen Staaten seit den anderthalb Jahrtausenden unserer Zeitrechnung niemals der Versuch gemacht worden, den Kalender bzw. die Zeitrechnung zu ändern. Die Kalenderkorrektur Gregors gehört nicht hierher, da sie ja an der christlichen Rechnung festhält und nur aus praktischen Gründen, um den Kalender wieder mit seiner astronomischen Grundlage in Harmonie zu bringen, die julianische Rechnung verbessert.

Was nun den »Glauben« betrifft, eine neue Zeitrechnung einzuführen, so war der Ausdruck nur zu berechtigt. Denn die Herrlichkeit des revolutionären Kalenders war von erschreckend kurzer Dauer. Schon im Jahre 1804 beseitigte ihn Napoleon, um der christlichen Rechnung wieder die offizielle Geltung zu verschaffen.