Part 24
Der zweifache König stirbt (n’estre = n’est plus) als Mordtat des Süßen. (pernicie = lateinisch pernicies Verderben, Untergang).
Im unglückseligen Jahr, wenn die Anstifter der Unruhen sorgenvoll sind.
Daß der, der halten wird, nicht los läßt! den Großen nicht zur Freude. (letitie = lateinisch laetitia).
Und er wird das Ziel passieren, das ihm die Spötter (cavilleux = railleur vom lat. cavillator) bestimmt haben.
Daß König Heinrich ermordet wird von einem »Süßen«, ist ein offenbarer Unsinn, denn Mörder pflegen mit diesem Epitheton nicht belegt zu werden. Wie aber, wenn wir hören, daß der Mörder =Clément= hieß? Was dem Sinne nach ungefähr dasselbe bedeutet? Das legt den Gedanken nahe, Nostradamus habe den Namen gekannt, aber absichtlich zum Zweck der Verdunklung durch ein Synonym ausgedrückt.
Ja, ist es denn möglich, daß die Prophetie uns sogar die =Namen= zukünftiger geschichtlicher Personen enthüllt?
Wir sehen hier, daß es aller Wahrscheinlichkeit nach sogar wirklich ist. Aber erst wenn wir durch spätere Quatrains den zwingenden Beweis, daß sogar die Angabe des Namens im Bereiche von Nostradamus wunderbarer Kunst lag, erbracht haben, fordern wir vom Leser, daß er sich auch hier bekehrt und zugibt, daß »du Doux« gleichbedeutend mit »Clement« ist.
Alles andere stimmt ganz genau mit der Wahrheit überein. Heinrich III. wurde 1589 ermordet, einem Jahre, das besonders durch Bürger- und Religionskrieg verhängnisvoll sich vor anderen auszeichnete (pestilent). Die Revolutionäre waren damals tatsächlich sehr besorgt (nubileux), denn der König zog ja vor Paris und hätte es unzweifelhaft erobert und die Ligisten vernichtet, wäre die Mörderhand nicht dazwischen gekommen[190].
Geradezu bewundernswert ist das »Tien’qui tiendra«, wenn wir Heinrich IV., damals noch König von Navarra, substituieren. Er, der später die Krone tragen wird, soll nur ja nicht loslassen! Das wird allerdings seinen großen Gegnern, Philipp II., Mayenne, Herzog von Aumale und den anderen katholischen Herren wenig angenehm sein. Tatsächlich überschritt Heinrich IV. das Ziel, das die Spötter von der Partei der Guise ihm gesteckt hatten in jeder Hinsicht durch die Macht, die er, der einstige Kalvinist und Herr des kleinen Navarra, als König ausübte.
Daß dieser Quatrain im vollen Umfange in Erfüllung gegangen ist, wird ja kaum jemand bestreiten wollen. Da das erst 25 Jahre nach dem Tode des Sehers eintrat, ist Kombination ausgeschlossen und der Beweis für die Existenz echter Prophetie wäre hinreichend erbracht.
Doch wir wollen uns nicht mit der Feststellung der Tatsache begnügen, sondern auch den Umfang der Gabe zu bestimmen versuchen. Die schwersten Proben werden zweifellos richtige Angaben von Namen und Jahreszahlen sein. Denn gegen die tatsächlichen Vorgänge werden unverbesserliche Skeptiker immer wieder anführen können: irgend etwas ereignet sich immer mal in der Weltgeschichte, und sei es die verwegenste Konstruktion, zumal wenn man – wie bei Nostradamus – zwei Jahrtausende Zeit hat, seine Auswahl zwecks Identifikation zu treffen. Da hier der Gegenbeweis sehr schwer wäre, wollen wir also durch Namen, die sich in der Weltgeschichte durchaus nicht wiederholen und stets Identifizierung der Nation, häufig auch sogar Datierung gestatten, dem Gegner die Rückzugslinie abschneiden.
Der 18. Quatrain der IX. Zenturie lautet:
Le lys Dauffois portera dans Nanci Jusques en Flandres electeur de l’Empire; Neusve obturée au grand Montmorency, Hors lieux prouvés delivré à clere peyne[191].
An Namen ist hier kein Mangel. Übersetzen wir nun mit Le Pelletier (I., p. 113):
»Die Lilie des (bisherigen) Dauphin (die Lilie war bekanntlich das Wappen der Bourbons; Dauffois ist Synkope für Dauphinois = Dauphin) wird nach Nancy kommen und wird bis nach Flandern einen Kurfürsten des Reiches unterstützen (portera = supportera).
Neues Gefängnis (obturée lateinisch = obturare, einsperren) dem großen Montmorency.
Außerhalb des dazu bestimmten Ortes (prouvés für approuvés) wird er ausgeliefert werden dem Clerepeyne (oder: einer berühmten Strafe).«
Alle angegebenen Daten und Namen passen auf Ludwig XIII., den wir auch aus einem anderen Grunde mit dem lys-Dauffois identifizieren müssen.
Seine Truppen drangen am 24. September 1633 in Nancy ein und der König selbst folgte am andern Tage. Daß Nancy, die Hauptstadt des Herzogtums Lothringen, =nicht= zu Frankreich gehörte, es sich vielmehr um einen Kriegszug handelt, weil Lothringen französische Rebellen unterstützte, ist immerhin erwähnenswert. Er drang im Jahre 1635 bis nach Flandern vor, um die Sache des Kurfürsten von Trier, der 1635 in spanische Gefangenschaft geraten und nach Brüssel entführt worden war, zu unterstützen. Und zwar war diese Gefangennahme Anlaß der Kriegserklärung und Ludwig belagerte Löwen in Flandern. Etwa um die gleiche Zeit – im Jahre 1632 – wurde Heinrich II. Montmorency wegen Rebellion gegen seinen Herren Ludwig XIII. im neu erbauten Gefängnis des Rathauses in Toulouse eingesperrt (neusve obturée). Darauf wurde er einem Soldaten namens =Clerepeyne= übergeben, der ihm =nicht= an dem dafür bestimmten Orte (hors lieux prouvés), das wäre der Stadtplatz, place du Salin, in Toulouse gewesen, sondern – als Gnade – im verschlossenen Hofe des Rathauses am 30. Oktober 1632 den Kopf abschlug vor der Statue seines Paten, Heinrichs IV., dem sein Vater zum Teil die Krone Frankreichs verdankte. Auch ersteres war eine Gnade, die die Familie Montmorency beim König erwirkte, daß nämlich der Verurteilte von der entehrenden Hand des Henkers verschont bleiben sollte.
Was den Namen des Soldaten betrifft, so bezeugt der =Zeitgenosse= Etienne Joubert[192] dieses Faktum nicht minder, wie der Chevalier de Jant, wie Le Pelletier feststellt. Motret[193] hat diesem höchst merkwürdigen Sachverhalt, merkwürdig insofern als jedes Wort des Nostradamus in verblüffender Weise durch die nachträglichen Ereignisse bestätigt wurde, eine eingehende Untersuchung gewidmet.
Übrigens haben wir hier neuerdings ein Beispiel für die ungeheure Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit die Quatrains zu deuten, bevor sie sich erfüllt haben. clere peyne würde – auch wenn es nicht der Familienname des mit der Exekution betrauten Soldaten gewesen wäre – einen völlig zutreffenden Sinn geben. Denn es ist zweifellos eine berühmte Strafe, wenn ein Herzog hingerichtet wird.
Zugetroffen sind also in diesem Quatrain: 1. der Name Dauphin, da Ludwig XIII. seit einem Jahrhundert d. h. seit dem Jahre 1566, als die IX. Centurie erschien, der =erste= König von Frankreich war, der vor seiner Thronbesteigung diesen Titel geführt hatte.
2. Die Ortsnamen Nancy, das der König eroberte, und Flandern, in das er eindrang, womit implicite auch zwei Kriege richtig prophezeit sind.
3. Die Person des Kurfürsten, der den Krieg verursacht hatte.
4. Der Name Montmorency, mit dessen Tode die Hauptlinie des uralten Geschlechtes erlosch, und der mit Recht »der Große« heißt[194]. Denn mit 17 Jahren war er bereits Admiral, zeichnete sich bei der Eroberung von La Rochelle aus und setzte 1630 den Grafen Doria gefangen.
5. Der Name des hinrichtenden Soldaten Clerepeyne.
Endlich die Nebenumstände als: Neubau des Rathauses, die Hinrichtung außerhalb der Richtstätte und zwar nicht durch Henkershand, sondern durch einen Soldaten.
=Der Beweis, daß Nostradamus die Namen, und zwar gleich eine ganze Reihe, richtig zu bestimmen wußte, ist durch dieses Quatrain über jeden Zweifel sicher erbracht.=
Nun wir diese Gewißheit erlangt haben, werden wir auch nicht mehr zögern, den Namen »Doux« oben richtig in den Eigennamen des Mörders Clement aufzulösen. Aus welchen Gründen Nostradamus damals das Synonym wählte, vielleicht, weil das Ereignis zu nahe seiner Lebenszeit lag, bleibe dahingestellt.
Schon jetzt wird niemand es Vermessenheit nennen können, wenn wir Nostradamus die Gabe der Prophetie in hohem, ja, wie wir noch sehen werden, in bisher nie wieder erreicht hohem Grade zuerkennen. Es handelt sich bei ihm nicht um ein Tappen im Dunkeln, um ein Herumraten und Aufstellen von Luftschlössern, deren Realisierung er der Weltgeschichte überläßt. Es ist durchaus unzulässig anzunehmen – wie wir das früher hypothetisch taten – daß die Prophezeiungen nur deshalb zum Teil in Erfüllung gehen, weil eben alles, was Menschen sich nur ausdenken können, irgend einmal und irgendwo in der Geschichte greifbare Gestalt annimmt.
Das Gegenteil ist der Fall: Der Seher sieht hell in die Zukunft. Aber er hat Gründe, seine Sprüche so zu redigieren, daß sie erst nach ihrer Erfüllung verstanden werden können. Er weiß also viel mehr, als er sagt. Noch ein paar Beispiele mögen den Beweis unterstützen. Dabei möchten wir bemerken, daß von den annähernd zwei Jahrtausenden, auf die sich die Prophezeiungen erstrecken, ja erst dreieinhalb Jahrhunderte verflossen sind, so daß es ganz selbstverständlich ist, daß auch erst ein Bruchteil der Quatrains hat identifiziert werden können. Immerhin sind es schon gegen 200, die Le Pelletier sammelte und die neuerdings noch vermehrt werden konnten. Für unsere Beweisführung würde freilich ein einwandfrei feststehender Fall genügen – und wir haben deren ja schon eine stattliche Reihe – aber wir setzen voraus, daß der Leser, dem Zeit und Lust fehlen, bei Le Pelletier sich zu informieren, einiges Interesse an weiteren Voraussagen hat.
Der 92. Quatrain der II. Centurie lautet:
»Feu couleur d’or du ciel en terre veu, Frappé du haut nay, faict cas merveilleux, Grand meurtre humain: prins du grand le nepveu, Morts d’espactacles éschappé l’orgueilleux.«
Zu deutsch:
Goldfarbenen Feuerschein sieht man vom Himmel bis zum Erden, Geschlagen vom Hochgeborenen, wunderbares Geschehnis, Großes Menschengemetzel: Gefangen genommen wird der Neffe des Großen, Der Stolze entgeht einem aufsehenerregenden (theatralischen) Tode.«
Da »Le nepveu« (neveu) der ständige Name =Napoleons= III. bei Nostradamus ist, wird auch der Geschichtsunkundige ohne Schwierigkeit feststellen können, daß die Katastrophe von =Sedan= gemeint ist.
Jedes Wort stimmt hier wieder. Das brennende =Sedan als Hintergrund=. Der Hochgeborene, eigentlich der Höhergeborene, ist König Wilhelm I., ein treffender Gegensatz zu der kurzen Familiengeschichte des Franzosenkaisers. Der Fall der Gefangennahme einer so großen Armee war tatsächlich ein wunderbares Vorkommnis. Die Weltgeschichte bietet hierzu bis zum heutigen Tage kein weiteres Beispiel. Besonders verblüffend, mehr noch als die Vorhersage der furchtbar blutigen Schlachten und der Gefangennahme des Neffen des großen Napoleon ist die letzte Zeile. Bekanntlich war es dem dritten Napoleon vollkommener Ernst, als er in dem berühmten durch den Grafen Reille Wilhelm I. überreichten Briefe schrieb: »N’ayant pas pu mourir au milieu de mes troupes etc.« Er hatte den Heldentod gesucht, aber das Schicksal war grausam genug, dem unglücklichen Manne diese letzte Gunst zu versagen. »Morts d’espactacles« nennt es Nostradamus, gemeint ist dasselbe.
Die Worte »faict cas merveilleux« scheinen, wie Albert Kniepf, der zuerst den Quatrain identifizierte[195] bemerkt, eine Reminiszenz an 1806 und Jena zu sein.
Le Pelletier hatte seine Erläuterungen zu den Quatrains am 1. Januar 1867 abgeschlossen und bemerkt, daß er sich in bezug auf die Zukunft des Kaisers »eine gewisse Reserve auferlege, da einige Quatrains sich noch auf dessen Fatum kurz über lang zu beziehen scheinen«[196]. Er hatte also augenscheinlich diese Vorhersage, die nicht allzuschwer zu identifizieren war, nachdem man wußte, daß »le neveu«, der Neffe des großen Napoleons war, schon bemerkt, verschwieg sie aber aus persönlichen Gründen. Eine Vorsicht, die also nicht nur Nostradamus walten ließ, als er seine Vorhersagen möglichst verdunkelte, die noch bis zum heutigen Tage jeder Seher beobachtet. Es ist ja sehr naheliegend, aus welchen Gründen.
Der 34. Quatrain der IX. Centurie lautet in der im Todesjahre des Nostradamus (1566) zu Lyon erschienenen Ausgabe von Rigaud folgendermaßen:
Le part soluz mary sera mitré Retour: conflict passera sur le thuille Par cinq cens: un trahyr sera tiltré Narbon: et Saulce par coutaux avous d’huille.
Le Pelletier, der seine Ausgabe aufs sorgfältigste nach dem alten Druck von Pierre Rigaud (Lyon 1558–1566) mit den Varianten der folgenden Ausgaben hergestellt hat, erklärt die altfranzösischen etc. Ausdrücke wie folgt:
Part ist = époux, Gatte; soluz = solus, lateinisch: also seul, allein; mary = affligé, betrübt, par in der letzten Zeile ist soviel wie parmi, unter; coutaux = lateinisch custos, Wächter, Hüter. Avous = lateinisch avus, aieux, Vorfahren. Tiltré = tituliert.
Demnach heißt der Vierzeiler: Der Gatte wird einsam betrübt mit der Mitra geschmückt werden nach seiner Rückkehr. Ein Angriff wird geschehen auf den Tuille durch fünfhundert: ein Verräter wird sein Narbon mit hohem Titel und Saulce unter seinen Vorfahren Hüter des Öls (habend).
Die Sprache ist zweifellos höchst dunkel. Das Wort hat eben, wie Bormann, der diesem Quatrain eingehende Untersuchungen widmet, denen wir uns nachstehend anschließen[197], richtig bemerkt, in der gedrängten Orakelsprache oft weittragenden Sinn unter Bezug auf lange Begebenheiten.
Wenn wir allerdings die historischen Begebenheiten als Auflösung in die Rechnung einsetzen, dann sind wir gezwungen, die Prophezeiung zu den verblüffendsten zu rechnen, die überhaupt möglich sind.
Am 20. Juni 1791 ereignete sich bekanntlich die Flucht des Königs Ludwigs XVI. von Frankreich und seiner Gemahlin Marie Antoinette. Genau ein Jahr später, am 20. Juni 1792 fand die Massendemonstration der Jakobiner gegen den König statt und der Einfall eines Pöbelhaufens in die Tuilerien. Dabei wurden der König sowie seine Gemahlin nicht nur beschimpft, sondern ihnen auch die rote Jakobinermütze aufs Haupt gesetzt, bzw. er setzte sie sich nach anderen Berichten selbst auf.
Jetzt hat der erste Satz einen erstaunlichen Sinn erhalten, wie kaum jemand wird bestreiten können. Er heißt also: Der betrübte Gatte, nämlich Ludwig XVI., wird allein – denn er war von der Königin getrennt, die im Beratungssaal der Minister ähnlichen Kränkungen wie der König im Saale Oeil de Boeuf ausgesetzt war – mit der Mütze geschmückt nach seiner Rückkehr. =Jedes Wort stimmt!=
Übersetzt man mit Bormann mitré mit Infuliert, was durchaus zulässig wäre, so würde die bittere Ironie desto drastischer wirken, da hier statt des Priesters der »Gatte« infuliert wird. Übrigens sei bemerkt, daß die bischöfliche Mitra gleich der Jakobinermütze rot ist.
Der eigentliche Angriff auf die =Tuilerien= (le thuille) erfolgte in der Nacht vom 9. auf den 10. August 1792, als die sogenannten =Fünfhundert= féderés marseillais, die den schlimmsten Auswurf der großen Hafenstadt enthielten, sich in die Hauptstadt ergossen hatten. Die Folge war bekanntlich die Niedermetzelung der tapferen Schweizergarde sowie die Gefangennahme des Königs und das Ende des Königtums. Also sogar die =Zahl=, die ja den Mordbrennern ihren Namen gab, wird im Quatrain =richtig angegeben=!
Ebenso der Ort. Katharina von Medici hatte erst kurz vor dem Tode des Nostradamus (1564) an der Stelle, wo früher Ziegeleien standen – daher der Name – den Grundstein zu den Tuilerien gelegt. Das Schloß wurde später von den Königen erweitert. Bekanntlich war die gewöhnliche Residenz nicht dieses Schloß, sondern das von Versailles, das Ludwig XIV. mit ungeheurer Pracht und Verschwendung gebaut hatte. Ludwig XVI. war erst, dem Zwange folgend, am 5. Oktober 1789 in das Pariser Schloß übergesiedelt. Berücksichtigt man noch, daß das älteste Königsschloß der Louvre war, so ist diese Ortsbestimmung nur desto verblüffender. Als Nostradamus seine Prophezeiungen schrieb, ja als sie – 1566 – bereits im Druck erschienen, existierten die Tuilerien noch gar nicht.
Um das Rätselhafte der Prophezeiung voll zu machen, wollen wir noch auf die Namen eingehen.
Narbon »mit hohem Titel« wird als »Verräter« bezeichnet. Dieser Narbon ist natürlich identisch mit Louis Graf Narbonne-Lara (1755–1813), der vom Dezember 1791 bis 10. März 1792 Kriegsminister Ludwigs XVI. war. Seine Mutter, aus spanischem Geschlecht, war eine natürliche Tochter Ludwigs XV. Er selbst wurde am königlichen Hofe in Frankreich erzogen und auf alle Weise bevorzugt, wie ja schon daraus hervorgeht, daß er im Alter von 36 Jahren ein Minister-Portefeuille inne hatte.
Da er über den Parteien stehen wollte und sowohl dem Königtum, wie der neuen Verfassung gerecht zu werden trachtete, das Königtum im Kriege gegen das Ausland, Österreich und Preußen, stärken wollte und gleichzeitig vor der Nationalversammlung Reden voll Elan über die militärischen Hilfsmittel Frankreichs hielt, wurde er von beiden Parteien verdächtigt. Der König entließ ihn unter dem Einfluß der Hofkreise kurzer Hand durch einen lakonischen ungnädigen Brief.
Ein Verräter war der Graf, der am 10. August von den Jakobinern fast umgebracht worden wäre, dann nach England floh, später in die Dienste Napoleons trat und dessen Gesandter in Wien wurde, sicherlich nicht.
Da nun aber, wie Kiesewetter in einer Untersuchung der Prophezeiungen des Nostradamus feststellt, diese durchgehends vom royalistischen Standpunkt aus geschrieben sind, ist es begreiflich, daß unter diesem Gesichtswinkel der Enkel Ludwigs XV., der nicht =unbedingt= seinem König durch dick und dünn beisteht, sondern über den Parteien schweben will, als Verräter gilt.
Der andere Verräter ist Saulce »unter seinen Ahnen Hüter des Öls«.
=Auch dieser Name ist historisch.=
Sauce, ohne l, hieß nämlich der Krämer und Gastwirt in Varennes, der Ludwig XVI. auf der Flucht erkannte und anhalten ließ. Wie Le Pelletier feststellte, waren schon die Vorfahren von Sauce seit langem Inhaber dieses Krämerladens. Wie Madame Campan[198] erzählt, saß in diesem Laden Marie Antoinette zwischen zwei Paketen Talglichtern im Gespräch mit der Frau des Inhabers Sauce. Was das »Hüter des Öls« betrifft, so entspricht dieser Ausdruck, wie auf der Hand liegt, etwa unserem »Heringsbändiger«. Er soll als despektierliche Bezeichnung des kleinen Krämers im Gegensatz zum vornehmen Narbonne dienen.
Übrigens wurde der Verrat des Sauce, bestehend in der Verhinderung der Flucht des Königs am 18. August 1791, durch Beschluß der Nationalversammlung feierlich anerkannt und durch eine Dotation von 20000 Livres belohnt.
Hyperkritikern, die aus der Namensverschiedenheit bzw. der verschiedenen Schreibweise Saulce und Sauce Einwände herleiten zu können glauben, sei eröffnet, daß beide Worte dasselbe bedeuten, nämlich Brühe, und daß der Ausfall eines Konsonanten im modernen Französischen gegenüber dem hochmittelalterlichen eine außerordentlich häufige Erscheinung ist.
Der überaus erstaunliche Inhalt des Quatrain legt den Verdacht nahe, es handle sich hier um eine Fälschung, d. h. er sei erst nachträglich von einem Verehrer des Nostradamus eingeschoben worden. Da mit der Echtheit dieser Vorhersage eines unserer Hauptargumente für die Existenz eines wirklichen Fernsehens in der Zeit steht und fällt, dürfen wir uns keine Mühe verdrießen lassen, die Frage aufs gründlichste zu untersuchen.
Le Pelletier hat zu Beginn des I. Bandes seiner großen Nostradamusausgabe eine lange Reihe alter Drucke angeführt. Er benützte davon die erste unvollständige Ausgabe der »Centuries« von 1555 (Lyon Macé Bonhomme), die äußerst selten ist, ebenso die erste vollständige Edition, die Pierre Rigaud von 1558 bis 1566 in Lyon druckte. Von letzterer befindet sich ein Exemplar in der Pariser Nationalbibliothek, in der die beiden ersten Verse des Vierzeilers am Schluß der Seite 144, die beiden folgenden am Anfang der Seite 145 in Wortlaut und Schreibweise, wie wir sie oben gaben, stehen.
Da es nun von hohem Wert wäre, zu wissen, ob diese Ausgabe wirklich in den angeblichen Erscheinungsjahren herauskam und es sich nicht um eine Fälschung handelt, die später zurückdatiert wurde, wandte sich Dr. Bormann an die Nationalbibliothek, von der er folgende Auskunft erhielt:
»Quant à la date de l’entrée à la Bibliothèque des ›Prophéties de Nostradamus‹ de 1566, il ne m’est pas possible de la préciser. Tout ce que je puis vous dire, c’est que le vol. est depuis longtemps sur nos rayons.
Paris, 10. Octobre 1908
Paul Marchal Conservateur des Imprimés.«
Da diese Auskunft insofern unbefriedigend war, als »lange« noch nichts Genügendes sagt, also immerhin die Möglichkeit einer Fälschung nicht völlig von der Hand zu weisen wäre, sahen Bormann, wie auch der Schreiber dieses die Kölner Ausgabe von 1689 an. Ihr Titel – ein Exemplar befindet sich auf der Münchner Hof- und Staatsbibliothek – lautet: »Les Vrayes Centuries et Prophéties de Maistre Michael Nostradamus, où se void réprésenté tout ce, que s’est passé tant en France, Espagne, Italie, Allemagne, Angleterre qu’autres parties du monde. Reveuës et corrigées suivant les Editions imprimées à Lyon l’an 1644 et à Amsterdam 1668. Avec la vie de L’Autheur à Cologne, chez Jean Volcker, Marchand libraire l’an 1689.«
Da diese Kölner Ausgabe bereits ein volles Jahrhundert vor den in Frage kommenden Ereignissen erschienen ist und sich auf ältere Editionen beruft bzw. sie nachdruckt, so ist =jede Fälschung vollkommen ausgeschlossen=.
Wir sehen, daß selbst die vorsichtigste Kritik dieses erstaunliche und in der Geschichte der Prophezeiungen wohl ziemlich vereinzelte Faktum anzuerkennen gezwungen ist.
Meinen Nachforschungen auf der Münchner Hof- und Staatsbibliothek, die von Herrn Oberbibliothekar Dr. Leidinger in der liebenswürdigsten Weise gefördert wurden, gelang es nun, noch die folgenden Ausgaben aufzufinden und einzusehen[199]:
1. Mit dem Titel: »Les Propheties de M. Michel Nostradamus. Dont il y en a trois cents qui n’ont iamais esté imprimés. Adioustées de nouveau par ledit Autheur. A Lyon chez André Olier, en ruë Tupin.«
Auf dem Titelblatt befindet sich ein Holzschnitt, Nostradamus darstellend, der, wie Dr. Leidinger, Bibliothekar Fr. Freys und ich feststellen konnten, dem =ausgehenden 16. Jahrhundert= angehört.
Der 34. Quatrain der IX. Centurie ist durch Druckfehler zum 24. geworden. Daß nur ein Druckfehler vorliegt, ist zweifellos, weil der vorangehende Quatrain als 33., der folgende als 35. bezeichnet ist. Er befindet sich auf der 135. Seite und lautet genau so, wie wir den Text wiedergaben.
2. Eine Ausgabe vom Jahre 1665, zu Lyon erschienen, mit genau demselben Titel wie die vorige. Unser 34. Quatrain befindet sich auf S. 135 und lautet, wie bekannt, mit der einzigen Änderung, daß »thuile« mit einem l geschrieben ist, daß bei »trahyr« das Schluß-r fehlt und daß es in der vierten Zeile coûteaux heißt, also mit Akzent cirkumflex.
3. Eine Ausgabe mit folgendem Titel: »Les Vrayes Centuries et Propheties de Maistre Michael Nostradamus, où se void representé tout ce qui s’est passé, tant en France, Espagne, Italie, Alemagne, Angleterre, qu’autres parties du monde. Reveuës & corrigées suyvant les premieres Editions imprimées en Avignon en l’an 1556 et à Lyon en l’an 1558. Avec la vie de l’Autheur. Imprimé à Leyde, chez Pierre Leffen, l’An 1650.«
Diese Leydener Ausgabe, in der unser 34. Quatrain der IX. Zenturie auf S. 136 steht, hat einige kleine Abweichungen vom guten alten Text. Hier lauten die Verse:
La part sous mary sera mitré, Retour conflict passera sur la thuille: Par cinq cens un trahyr sera tiltré, Narbon et Saulce par coutaux avous d’huille.«
Die Kölner Ausgabe endlich von 1689, in der unser Quatrain sich auf S. 155 befindet, schreibt wie der alte Olier mit der Abweichung, daß das erste Wort Lepart heißt und später »trahyt« geschrieben wird.
In Summa sind die Abweichungen also außerordentlich minimal.