Part 23
Nach dem Tode des Großvaters trieb Nostradamus in Avignon humanistische und philosophische Studien, siedelte dann aber nach Montpellier über, um Medizin zu studieren. Dort erwarb er auch den Doktorhut.
Seine ärztliche Praxis übte er in Agen aus, wo er innige Freundschaft mit dem berühmten Philologen Julius Caesar Scaliger schloß. Hier heiratete er ein adeliges Fräulein, verlor sie und die beiden Kinder dieser Ehe aber bald durch den Tod. Dieses tragische Schicksal suchte er durch eine zehnjährige Reise durch Frankreich und Italien zu vergessen. Im Jahre 1544 ließ er sich in Salon nieder und heiratete eine Patriziertochter Anna Pontia Gemella. Bei der großen Pest des Jahres 1546 zeichnete er sich so aus, daß ihm die Stadt Salon als einem um das öffentliche Wohl hochverdienten Mann für längere Zeit einen Jahresgehalt aussetzte. Auch in Lyon erwarb er sich als Pestarzt den Dank der Leidenden.
Nach Salon zurückgekehrt gab der gefeierte Arzt seine Praxis gänzlich auf, da er als heimlicher Kalvinist angefeindet wurde. Er hatte mit der äußeren Welt abgeschlossen und zog sich ganz in die innere zurück. Wie er in der Vorrede zu seinen Centuries sich ausdrückt, erhob diese ihn über die Schranken der Endlichkeit und – das hintereinander Stehende nebeneinander stellend und in ein großes Bild zusammen fassend – führte sie ihm die Geschichte in ihrem Zusammenhang und ohne Vermittlung der Zeitformen an seinem inneren Blick vorüber[177].
Bei Nacht zog er sich in ein kleines Kabinett, das ihm die Übersicht über den ganzen Horizont seines Wohnortes gestattete, zurück. Man zeigt es noch jetzt in Salon. Von hier aus beobachtete er die Sterne und ließ zugleich in seinem Inneren jenes wunderbare Licht heller leuchten, dessen er sich bereits früher bewußt geworden war[178].
Diese Stelle ist von Bedeutung, weil aus ihr hervorgeht, daß es sich nicht um reine Astrologie handelt, sondern daß diese abenteuerliche Wissenschaft nur ergänzend zur Sehergabe hinzutritt. Übrigens wird man gut tun, sich über das Zustandekommen der Prophezeiungen möglichst vorsichtig zu äußern, solange noch ihre Tatsächlichkeiten von der offiziellen Wissenschaft bestritten wird.
Sicher ist, daß Nostradamus die Sehergabe – vorausgesetzt, daß wir ihm eine solche auf Grund des Folgenden zugestehen – von seinen Vorfahren geerbt hat. Das ist interessant, weil wir schon früher =wiederholt auf Fälle von Erblichkeit der Gabe= gestoßen sind. Daß Nostradamus keineswegs an eine Vererbung der rechnerischen Kunst der Astrologie, also von einer Art Geschäftsgeheimnis, denkt, sondern ganz zweifellos an seine prophetische Veranlagung, geht aus der Vorrede zu seinen Centurie, die er an seinen Sohn Cäsar als Säugling richtet, klar hervor.
Hier sagt er, daß er »=geoffenbarte Inspirationen=« erhielt, »wenn er bisweilen in der Woche sympathisch[179] angeregt worden sei und sich die Nächte durch lange Berechnungen versüßt habe.« Er konnte also die Zukunft nur völlig ermitteln, wenn er seine astrologischen Berechnungen in einer Art von Trance ausführte.
Nach Nostradamus’ Anschauung ist alles Seiende Notwendig und notwendig =so=, =wie= es ist, und alles Geschehende geschieht notwendig in =der= Weise, zu =der= Zeit und an =dem= Ort, wie und wo es geschieht. Dadurch ist jedem Ereignis eine bestimmte Stelle und Zahl gegeben, die sich berechnen läßt.
Wenn nun in gewissen Stunden die Ereignisse der Zukunft vor dem inneren Auge des Nostradamus vorüberzogen, so schrieb er sie in französischer Prosa, aber in mystischen Ausdrücken oder – wie er selbst sagt – in dunklen und verworrenen Sätzen nieder, um weder zu viel Klarheit zu geben, noch auch zu großen Irrtum zu verursachen. Ferner um eine gewisse Scheu und Ehrfurcht vor seinen Weissagungen zu erwecken.
Als er diese Sprache später immer noch für zu offen hielt, übertrug er sie aus der Prosa in gebundene Rede und stellte sie in vierzeilige Strophen, =Quatrains=, zusammen. Diese teilte er nach Hunderten als =Centuries= ab. Bei dieser Versifikation wurde die ohnehin dunkle Sprache noch mystischer, obschon sie dem Seher immer noch zu offen schien und er sich deshalb lange nicht zur Herausgabe seiner Verse entschließen konnte. Um auch keine chronologische Handhabung zur Deutung der Vorhersagen zu geben, mischte er überdies die für die verschiedensten Zeiten geltenden Sprüche noch durcheinander. Erst als verschiedene vorausgesagte Ereignisse, die Abdankung Karls V., der Tod Heinrichs II. und die Hugenottenkriege nahe bevorstanden, entschloß er sich 1555 die ersten sieben Centuries herauszugeben. Drei Jahre darauf folgten weitere drei Centuries, die Nostradamus Heinrich II. zueignete.
Kaum waren die Prophezeiungen erschienen, als sie mit Hohn und Spott überschüttet wurden. Man zögerte nicht, Nostradamus als Betrüger und Scharlatan zu erklären. Katharina von Medici aber ließ den Astrologen am 15. August 1556 an ihren Hof kommen und ihren vier Söhnen in Blois die Nativität stellen. Er sagte ihnen wahrheitsgemäß voraus, daß drei Könige werden würden, verschwieg aber diplomatisch, daß die Krönung des einen durch den Tod des andern bedingt würde.
So hatte auch Cornelius Agrippa dreißig Jahre früher Karl von Bourbon zwar die Einnahme Roms vorhergesagt, seinen Tod dabei aber verheimlicht.
Mit Gold und Ehren überhäuft, kehrte Nostradamus nach Salon zurück. Er war so berühmt geworden, daß Fälscher Prophetien unter seinem Namen herausgaben. Dadurch, durch die Dunkelheit seiner echten Prophetien und das Fehlen der Jahreszahlen wurden viele am Können des Sehers irre.
Da ging während des Nostradamusstreites eine Prophezeiung in Erfüllung, die er im 35. Quatrain der ersten Centurie gegeben hatte.
In der in Lyon im Jahre 1555 erschienenen ersten, noch unvollständigen Ausgabe seiner Prophezeiungen finden wir folgenden Vierzeiler:
»Le lyon jeune le vieux surmontera En champ bellique par singulier duelle: Dans cage d’or les yeux luy crevera, Deux classes une, puis mourir, mort cruelle.«
Auf deutsch:
Der junge Löwe wird den alten überwinden Auf kriegerischem Felde durch Einzel-Zweikampf: In goldenem Käfig wird er ihm die Augen ausstechen, Von zwei Brüchen der erste, dann sterben eines grausigen Todes.
Le Pelletier[180], der diesen Quatrain kommentiert, umschreibt classe mit κλάσις brisur, ébrachement und une als una, die erste. Daher sind wir zu obiger Übersetzung berechtigt.
Nun die Erklärung:
Im Juli 1559, gelegentlich der Doppelhochzeit von Töchtern Heinrichs II. – Elisabeth heiratete Philipp II. von Spanien, Margarete den Herzog Emanuel Philibert von Savoyen – streckte der »junge Löwe« Graf Montgomery den »alten« König Heinrich II. von Frankreich in den Sand, und zwar im Tjost, bei dem einer gegen den anderen, also einzeln (par singulier duel) die Kräfte maß. Das steht im Gegensatz zu den zur Ritterzeit gebräuchlichen Buhurt, einem ungefährlichen Reiterspiel mit stumpfen Waffen, oder dem Turnier, wo größere Scharen von Rittern gleichzeitig gegeneinander die – stumpfen – Lanzen verstechen[181]. Dabei drang seine Lanze durch das goldene Visier des Helmes (cage d’or) ins rechte Auge. Der König starb am 10. Juli erst vierzigjährig an der erhaltenen Wunde. Das war der erste gewaltsame Bruch am Aste der Valois.
Der zweite ereignete sich am 1. August 1589, als der junge fanatische Dominikanermönch Jaques Clément König Heinrich III. im Lager zu St. Cloud mit einem Dolche den Unterleib durchbohrte. Der König starb noch am gleichen Abend unter furchtbaren Schmerzen und mit ihm erlosch das berühmte Geschlecht im Mannesstamme.
Daß diese Prophezeiung richtig gedeutet wurde, wissen wir nicht nur von Hörensagen und aus der Tatsache, daß von nun an Nostradamus ein berühmter Mann war, sondern auch aus der gleichzeitigen Literatur. Brantôme in seinen Vies des Hommes illustres erzählt in dem Heinrich II. gewidmeten Abschnitt ebenso wie Guynaud in seiner Concordance des Prophétie de Nostradamus die Umstände bei diesem Turnier genau. Ja, wir wissen auch, daß dem König, der sich in Kraftproben gefiel, das bevorstehende Unglück vorhergesagt worden war, jedoch ohne ihn von seinem Vorhaben abzubringen.
Einst besuchte Herzog Philibert Emanuel von Savoyen mit seiner Gemahlin Margarete den Seher. Als letztere in gesegneten Umständen war, ließ sie Nostradamus zu sich nach Nizza kommen und befragte ihn über das Geschlecht des zu erhoffenden Kindes. Er antwortete, daß es ein Sohn sein werde, der Karl getauft und ein großer Feldherr werde. Am 12. Januar 1562 kam der Knabe zur Welt und Nostradamus stellte ihm die Nativität[182].
In dieser Nativität hieß es, daß er in einem bestimmten Jahre verwundet, aber nicht sterben werde, als bis eine 9 vor einer 7 komme. Der Prinz, der sein Horoskop sorgfältig verwahrte, sprach eines Tages mit dem Grafen Carignan über das geheimnisvolle und unsichere Helldunkel der astrologischen Prognostika und erzählte, daß ihm Nostradamus für das laufende Jahr eine bedeutende Verwundung vorhergesagt habe. Der Graf konnte nicht begreifen, wie er im tiefsten Frieden schwer verwundet werden könne, worauf der Prinz rasch aufstand, um die Nativität herbeizuholen. In der Eile stieß er den Tisch um, der ihm auf ein Bein fiel und es bedeutend verletzte.
Da sich die erste Prophezeiung so schlagend bewahrheitet hatte, glaubte Prinz Karl, daß nun auch die zweite bezüglich seines Alters eintreffen würde und rechnete auf 97 Jahre. Als er aber schon im 69. Jahre starb, erkannte man, daß auch hier eine 9 vor einer 7 komme, weil auf 69 unmittelbar 70 folgt. So war der Prophet gerechtfertigt. Allerdings beweist dieser Fall – wie zahllose andere – auch die große Schwierigkeit der Interpretation selbst einer richtigen Vorhersage.
Im Jahre 1564, als der junge König Karl IX. mit seiner Mutter den berühmten Propheten aufsuchte, weissagte er letzterer im geheimen, daß ihr Lieblingssohn, der damalige Herzog Heinrich von Anjou, den Thron besteigen würde. Auch Heinrich von Navarra, dem nachmaligen König Heinrich IV., weissagte Nostradamus die Krone.
Übrigens ernannte Karl IX. den Seher zu seinem Leibarzt und überreichte ihm ein Geschenk von zweihundert Goldtalern, Katharina aber fügte noch hundert aus eigener Tasche hinzu. So fehlte es ihm weder an Geld noch an Ehren. Da er ein Wohltäter der Armen und Kranken war, ein aufopfernder, pflichtgetreuer Arzt, so wußten auch seine Mitbürger ihn zu schätzen.
Sein Freund Jean Aimè Chavigni – latinisiert Janus Gallicus – erzählt[183], daß er des Nostradamus’ Krankenbett spät in der Nacht des 1. Juli 1566 verließ und mit Sonnenaufgang wiederzukehren versprach. Der Kranke, der die letzten sechzehn Lebensmonate an der Gicht gelitten hatte und bereits acht Tage vor seinem Tode das Abendmahl empfing, zwei Tage vorher aber sein Testament machte, antwortete dem Freund: »Der Sonnenaufgang wird mich nicht mehr unter den Lebenden finden.«
Da er jedoch leicht atmete und man überhaupt keine Anzeichen des herannahenden Todes an ihm wahrnahm, zogen sich alle zurück, um einige Stunden der Ruhe zu pflegen. Als man dann in der Morgendämmerung ins Krankenzimmer trat, fand man Nostradamus tot auf einer Bank in einer Stellung, die deutlich bewies, daß er ein sanftes Ende gefunden hatte.
Man entdeckte unter den Papieren des Verstorbenen folgendes nach seiner Rückkehr von Arles, wohin Karl IX. im Jahre 1564 ihn hatte kommen lassen, geschriebene Quatrain, in dem er die Umstände seines Todes schildert[184]:
Zurückgekehrt legt’ ich des Königs De retour d’Ambassade, don de Gabe nieder; Roi mis au lieu; Die Arbeit ist vollbracht, ich geh Plus n’en fera: sera allé à zu Gott; Dieu: Mir nahn Verwandte, Freunde, Parans plus proches, amis, Blutesbrüder – freres du sang – Bei einer Bank an meinem Bett Trouvé tout mort près du lict werd’ ich gefunden tot. et du banc.
Am 2. Juli wurde Nostradamus links vom Haupteingang der Minoritenkirche in Salon in einer Nische beigesetzt, was auch einer Prophezeiung entsprach. Hier möge es offen bleiben, ob sein Grab nicht danach gewählt wurde.
Nostradamus hinterließ außer den Centuries noch in Prosa geschriebene Prophezeiungen, die Chavigni in zwölf Büchern zusammenstellte. Sie sollen klarer gewesen sein, als die Centuries, gingen aber verloren.
Die Prophetien beginnen im Jahre 1555 und enden am Schlusse des ersten angeblichen Geschichtsweltalters im Jahre 3797 n. Chr. Räumlich behandeln sie, wie Nostradamus im Anschreiben an Heinrich II. mitteilt, ganz Europa und einen Teil Afrikas und Asiens, während sie den Osten Asiens oder Indien nicht umfassen. Besonders zahlreich sind die auf Frankreich bezüglichen Sprüche, und auch hier ist es besonders sein Heimatland Provence und das angrenzende Piemont.
Bevor wir weiter auf die Prophezeiungen eingehen, die besser überliefert sind, als man bei der Schwierigkeit der Sprache und den zahlreichen eingestreuten Provinzialismen, Fremdworten und Neubildungen – die dem Abschreiber bzw. Drucker natürlich große Schwierigkeit bereiteten – erwarten sollte, wollen wir einen Blick auf die Fälschungen werfen.
Sie sind zahlreich und in der Regel nur auf Grund alter Ausgaben bzw. der kritischen von Le Pelletier festzustellen. Dann allerdings ohne Schwierigkeit. Bis in die allerneueste Zeit haben sich Fälscher oder Spaßvögel des Namens des großen Astrologen bedient.
So zirkulierte etwa im Jahre 1903 folgendes =nicht= in einer Originalausgabe enthaltene Quatrain:
Albion royne de la mer Alors qu’ira montagne de l’air Cloche en canon, navir en cloche Dis que la dernière heure approche.
Hieraus las man den Untergang der Seeherrschaft Englands zur Zeit der Luftschiffe, Hohlgeschosse und Unterseebote. Natürlich war es eine Fälschung.
Im Jahre 1870 tauchte ein anderer angeblicher Quatrain des Nostradamus auf, in dem dem zweiten Kaiserreich eine Lebensdauer von genau 17¾ Jahren »et pas un jour de plus« vorausgesagt war. Da es vom 2. Dezember 1852 bis zum 2. Dezember 1870 dauerte, so war die Prophezeiung richtig, nur findet sich leider bei Nostradamus nichts davon[185].
Mit welchem geradezu unglaublichen Mangel an Logik zu Werke gegangen wird, wenn es gilt, eine unangenehme Tatsache aus der Welt zu schaffen, zeigt sich hier wieder einmal deutlich. Man folgert daraus, daß es auch gefälschte Prophezeiungen gibt, etwas gegen die echten! Und doch könnte jeder des Lesens Kundige sich durch einen Blick in alten Ausgaben überzeugen, daß es auch echte gibt und zwar sehr viele. Es ist ein Vorrecht der Ignoranz apodiktisch aufzutreten, und die gerade modernen wissenschaftlichen Theorien scheinen zu ihrer Unterstützung die gröbsten logischen Schnitzer nicht entbehren zu können.
Wir wollen nun aus der großen Zahl von eingetroffenen Prophezeiungen einige herausgreifen. Wir betonen dabei wiederum, daß =eine einzige= wahre Vorhersage, d. h. eine, die Zufall und Berechnung ausschließt, die Tatsächlichkeit des Phänomens bereits beweist.
Der 75. Quatrain der VI. Centurie lautet:
Le grand pillot par Roy sera mandé, Laisser la classe pour plus haut lieu atteindre: Sept ans après sera-contrebandé, Barbare armée viendra Venise craindre.
Diese Vorhersage ging schon sehr bald in Erfüllung. Wollen wir sie zunächst übersetzen und mit Le Pelletier kommentieren[186].
»Der große Pilot wird vom König mit einem Amt betraut werden (mandé = mandatus, das Mandat erhalten). Er wird die Flotte verlassen, um zu einem noch höheren Range emporzusteigen: Sieben Jahre nachher wird er Schleichhändler sein (d. h. sich gegen die legitimen Gewalten auflehnen), eine barbarische Armee wird Venedig Furcht einjagen.«
Gaspard de Coligny wurde vom König Heinrich II. zum Admiral befördert im Jahre 1552. Er dankte im Jahre 1559, beim Tode des Königs, ab, um als Parteihaupt der Kalvinisten tatsächlich eine mächtigere Stellung einzunehmen. Hier wurde er im Jahre 1562 zum ersten General-Leutnant ernannt. Im Jahre 1567, also sieben Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem königlichen Dienst, stand er auf der Höhe als Organisator des Bürgerkrieges (Contrebandé). In die Jahre 1567 bis 1569 fallen die drei großen von den Protestanten gelieferten Schlachten bei Saint-Denis, Jarnac und Moncontour. In der letzten war Coligny Höchstkommandierender. Diese Ereignisse fielen zeitlich zusammen mit dem bedrohlichen Vordringen der Waffen des Sultans Selim II., der Venedig im Jahre 1570 die Insel Zypern abnahm. Im gleichen Jahre 1570 schlossen die Protestanten und Katholiken zu St.-Germain Frieden.
Daß diese Ereignisse sich gut mit dem Quatrain identifizieren lassen, wird wohl niemand bestreiten. Ja, sie =müssen= sogar identifiziert werden, da gar nicht so viele Jahre in Frage kommen, in denen Venedig vor den Türken zittern mußte. Ferner dürfte Coligny der einzige Admiral gewesen sein, der es zum Führer der Revolution gebracht hat. Auch die Zeitangabe von sieben Jahren wird stutzig machen. Immerhin können wir den Einwand nicht widerlegen, daß diese Ereignisse, weil teils noch zu Lebzeiten des Nostradamus, teils kurz nach seinem Tode eintretend, durch Kombination von ihm hätten erraten werden können, oder daß man Ereignisse später dem Quatrain unterlegte.
Obiger Quatrain diene übrigens als gutes Beispiel für die schwer verständliche Sprache des Astrologen. pillot ist ein italienisches Wort (piloto, pillotare); la classe, von classis abgeleitet ist lateinisch, contrebandé ebenso wie mandé ist romanisch. Dazu kommt die Inversion des letzten Verses, der natürlich gelesen werden muß: Venise craindra une armée barbare qui viendra. Diese Dunkelheit bewirkt, daß es nahezu unmöglich ist, eine Prophezeiung zu verstehen, bevor sie eingetreten ist. Ist dies aber der Fall gewesen, dann wird alles, fast jedes Wort, erstaunlich klar.
Um nicht den Vorwurf zu riskieren, wir verschwiegen etwas, was zu Ungunsten des Nostradamus angeführt werden kann, sei mitgeteilt, daß man den Nachweis erbrachte, daß er zahlreiche Prophezeiungen älterer und auch zeitgenössischer Seher in seine Sammlung aufgenommen habe. Das gilt in den Augen von manchen als Beweis seiner betrügerischen Scharlatanerie.
Abgesehen davon, daß viele Seher ebenso handelten, kommt es doch ganz allein darauf an, daß eine Prophezeiung auch wirklich eintrifft. Damit, daß Nostradamus da und dort Sprüche anderer aufnimmt, um sie seinem eigenen Werke einzuverleiben, übernimmt er für sie auch die Verantwortung. Er wird sie zweifellos, schon mit Rücksicht auf seinen Namen, vorher nachgeprüft haben. Es wäre von ihm sehr töricht gewesen, wenn er wertvolle Vorhersagen nur deshalb aus seinem Werke fortgelassen hätte, weil sie nicht von ihm selbst stammen. Das wäre ja etwa so, als wenn jemand über irgend eine Wissenschaft, sagen wir über Chemie schriebe, und dabei ausschließlich das im Buche aufführte, was er selbst entdeckt hat.
Auch der Vorwurf des Plagiates wäre vorschnell. Denn abgesehen davon, daß das Mittelalter den Begriff kaum kannte, wäre es ja eine ganz unmögliche Forderung im Quatrain den Namen des Autors anzugeben.
Gehen wir jetzt zu weiteren Prophezeiungen des großen Sehers über in der Hoffnung, allmählich selbst dem hartnäckigsten Zweifler die Augen zu öffnen.
Wir nehmen einen Quatrain, der uns beweiskräftig scheint, weil die Identifizierung sehr leicht ist. Es ist der 55. der III. Centurie und lautet:
En l’an qu’un oeil en France regnera La Cour sera en un bien fascheux trouble: Le Grand de Blois son amy tuera; Le regne mis en mal et doute double.
Mit Le Pelletier[187], dem gründlichsten Kenner und liebevollsten Interpreten unseres Astrologen, übersetzen und kommentieren wir wie folgt:
Im Jahre, in welchem ein Einäugiger in Frankreich herrschen wird, wird der Hof in einer höchst unangenehmen Verlegenheit sein: Der Große von Blois (d. h. der König von Frankreich, der sein lit de Justice in Blois abhielt)[188] wird seinen Freund töten; das Königreich, in üble und unsichere Situation versetzt, wird (sera ist zu ergänzen) doppelt sein, d. h. in zwei Teile gespalten werden.
Diese Vorhersage =muß= auf das Jahr 1559 datiert werden, weil es das einzige in der ganzen französischen Geschichte ist, in dem es einen einäugigen König gab. Wie wir schon früher gesehen haben, war ja Heinrich II. vom Grafen von Montgomery das Auge ausgestochen worden, eine Verwundung, die der König kurze Zeit überlebte. Gerade vom Jahre 1559 ab ereigneten sich aber die ungünstigen Dinge, die Nostradamus andeutet, wenn sie sich auch allerdings nicht im gleichen Jahre schon erfüllten, so daß man ev. sagen könnte, der Seher habe sich in der Zeit geirrt.
Der französische Hof wurde damals in die allerunangenehmste Lage versetzt. Heinrichs II. Nachfolger, der sechzehnjährige, schwache Franz II., unter dem die Hugenotten sich empörten – auch der Name tritt jetzt zuerst auf – war in keiner Weise fähig, den beginnenden Religionskrieg im Keime zu ersticken. Als er schon 1560 starb und der zehnjährige Karl IX. unter der Regentschaft der Katharina von Medici folgte, wurde es nicht besser. Er beteiligte sich bekanntlich persönlich am Blutbad der Bartholomäusnacht, in der Tausende der Hugenotten ermordet wurden. Die Guise spielten im Reich die erste Rolle. Gegen Heinrich III., Karls Nachfolger, konspirierten sie. Da holte er zu einem Gewaltstreich aus, bei dem er seine Generalstände nach Blois berief und dort den Herzog von Guise in seinem Kabinett ermorden ließ. Vorher hatte er mit ihm als Beweis für seine Freundschaft die Hostie geteilt (daher son amy). Die Folge der Bluttat war, daß sich die zwei feindlichen Parteien, die Royalisten und die Ligisten, mit höchster Wut bekämpften. Paris ging zu offener Revolution über, die Sorbonne entband vom Treueid, und als Heinrich die Stadt belagern wollte, wurde er ermordet[189].
Man kann =nicht= sagen, daß die Voraussage des Nostradamus weniger wunderbar ist, weil sie sich bereits nach vier Jahren erfüllte; denn daß dieser Quatrain bereits in der im Jahre 1555 abgeschlossenen und edierten unvollständigen Ausgabe steht, ist sicher. Wenn wir das Phänomen der Prophetie beweisen wollen, dann ist es aber ganz gleichgültig, ob eine Vorhersage sich nach einigen Tagen oder einigen Jahrhunderten realisiert. Ausschlaggebend muß nur sein, daß es sich weder um Zufall, noch um Berechnung handelt.
Was das letztere betrifft, so wird wohl kein Mensch auf der Welt so einfältig sein, zu behaupten, daß irgend jemand auf gewöhnlichem Wege ausrechnen könnte, daß Frankreich einmal von einem einäugigen König beherrscht werden würde. So etwas zu kombinieren – das kann ohne jegliches Zögern ausgesprochen werden – ist schlechthin unmöglich.
Tatsächlich ereignete sich in Blois – der Name ist ja angegeben – das scheußliche Verbrechen mit seinen Folgen! =Jedes Wort= beruht auf Wahrheit!
Bleibt noch der Zufall. Da sich diese Ereignisse: die Einäugigkeit des Königs, das Zusammentreffen der Einäugigkeit mit dem späteren Vorgang, insofern Frankreich, von einem erfahrenen und energischen Monarchen geleitet, wohl kaum die Wirren hätte erdulden müssen, die es unter Kindern und Unreifen erlitt, die Tat des Königs, der Ort Blois, der »Freund«, die Zerspaltung Frankreichs und die üble Lage des Hofes, weil z. T. überhaupt Unica bildend, nicht gut in eine Wahrscheinlichkeitsrechnung einfangen lassen, wollen wir vorläufig darauf verzichten, den Koeffizienten zu berechnen.
Übrigens nimmt auch der 51. Quatrain der III. Centurie auf den Mord in Blois Bezug:
»Paris conjure un grand meurtre commetre, Blois le fera sortir en plain effect.«
Nachdenklich mag auch die Présage 58 stimmen:
Le Roy-Roy n’estre, du Doux la pernicie, L’an pestilent, les esmeus nubileux. Tien’qui tiendra, des grands non letitie: Et passera terme de cavilleux.«
Le Roy-Roy, der doppelte König, ist Heinrich III. der, wie bereits erwähnt, die Krone Polens vor der Frankreichs getragen hatte. Die Übersetzung lautet: