Prophezeiungen

Part 22

Chapter 223,579 wordsPublic domain

Was übrigens den von Frau de Ferriëm gebrauchten Ausdruck »aus den Gestirnen berechnet« und »zurückgerechnet« betrifft, so bemerkt die Dame dazu, daß sie sich nicht mit astrologischer Berechnung befaßt und eine solche auch hier nicht vorliegt. Vielmehr meint sie damit die Deutung von Erscheinungen, die sie »mit =geistigem= Auge am Sternenhimmel beobachtete«[167]. Ich gebe zu, daß ich mir von diesem Modus des Hellsehens keine rechte Vorstellung machen kann. Doch das will ja um so weniger für die Sache selbst bedeuten, als uns der Weg, auf dem die Somnambulen zu ihren Prophezeiungen gelangen, zurzeit überhaupt noch dunkel ist.

Während die vorige Prophezeiung der Frau de Ferriëm den =Ort= mit Namen und der Szenerie nach genauestens angab, sowie den Verlauf der Katastrophe schilderte, ist diese interessant durch ihre =Zeitangabe=. Wie die Seherin sagt – und wie ja ein Vergleich der wiedergegebenen Prophezeiungen auch ergibt – kommen bestimmte Zeitangaben bezüglich des Eintreffens ihrer Gesichte fast gar nicht vor. Erfahrungsgemäß sind aber Zeitangaben von Sehern, auch wo sie gemacht sind, ziemlich unzuverlässig, und zwar aus einem sehr naheliegenden Grunde. Da es sich bei den Gesichten doch um =räumlich anschauliche= Vorgänge handelt, die die Aufmerksamkeit des Sehers ganz und gar auf sich ziehen, so verwirren sich eventuelle zeitliche Bestimmungen in allen derartigen Angaben leicht. Dazu kommt aber noch ein Moment: Je deutlicher die Vorgänge gesehen werden, desto näher steht – das ist aber natürlich nur Vermutung – ihr Eintritt bevor. Mag dieser Anhaltspunkt richtig sein, so fehlt doch ein fester Maßstab vollkommen. Es handelt sich naturnotwendig um eine Taxe. Wie sollte denn in einem räumlichen Bilde, sagen wir dem der Landschaft oder eines untergehenden Schiffes auch eine Zeitangabe unterzubringen sein? Höchstens daß =neben= die visuelle Vision noch eine akustische treten müßte, die das Datum zuruft. Oder daß durch Zufall etwa ein Abreißkalender mit bestimmtem Datum erblickt wird. Sonst ist ja der Natur der Sache nach eine bestimmte zeitliche Fixierung ausgeschlossen. Es kann sich – von seltenen Ausnahmen abgesehen – immer nur um approximative Schätzungen handeln. Aber auch sie sind aus inneren Gründen nur dann richtig, wenn ein und dieselbe Seherin aus zahlreichen Selbstbeobachtungen eine gewisse Praxis in der zeitlichen Fixierung eines räumlichen Bildes gewonnen hat.

Erfahrungsgemäß ist die =Mehrzahl der Gesichte tragisch=. Ob das daher kommt, daß das Tragische im Leben überwiegt, oder weil sehr unglückliche Ereignisse die Nerven am stärksten erregen? Genug, es ist so. Dabei zeigt sich aber, daß häufig ein Ereignis nach der schlimmen Seite hin noch übertrieben wird.

Frau de Ferriëm führt als Beweis dafür die Vorhersage des im Mai 1897 eingetroffenen furchtbaren Brandes des Wohltätigkeitsbazars in Paris an[168].

Diese Katastrophe wurde unter anderm auch in dem in England weitverbreiteten, Prophezeiungen für das laufende Jahr enthaltenden Volkskalender »Old Moores Almanack« vorhergesagt. Die betreffende Stelle in der bereits 1896 erschienenen Ausgabe für 1897 lautet: »Fast mit Sicherheit werden wir in den letzten Tagen des April eine Nachricht von einem furchtbaren Feuer in Paris hören, welches viele Menschenopfer verschlingen wird, während eine Schar Banditen unter den Trümmern Beute zu machen suchen wird.« Die Schar Banditen sind Irrtum. Frau de Ferriëm glaubt ihn damit erklären zu können, daß der Seher in der Vision Leute nach den Erkennungszeichen, Kleinodien und Leichenresten suchen sah. Für denjenigen, der die Existenz von Visionen, die wir uns etwa einer in unser Inneres verlegten Fata Morgana ähnlich vorzustellen haben, zugibt – und das muß doch wohl oder übel jeder, der die Macht der Tatsachen höher bewertet, als ein gegenwärtig noch herrschendes aber bald gleich anderem Gerümpel aus der Zeit des Materialismus ad acta gelegten Dogma – hat dieser Erklärungsversuch viel Wahrscheinlichkeit für sich.

Übrigens sei im Vorbeigehen bemerkt, daß »Old Moore« damals in seinem Kalender den Tod des Herzogs von Clarence auf den Tag vorausgesagt hat. Auch der Untergang der »Victoria« stand in seinem Kalender prognostiziert, nur irrte sich der Alte um eine Woche.

Daß Übertreibungen nach der schlimmen Seite hin an der Tagesordnung sind, ist nichts weniger als verwunderlich. Denn wenn wir einen großen Brand oder ein Unglück sehen, stellen wir es uns ja auch im ersten Schrecken fast ausnahmslos bedeutend schlimmer vor, als es in Wirklichkeit ist. Man lese nur die Unglücksfälle in irgendeiner Zeitung nach und wird finden, daß mit seltenen Ausnahmen die ersten Nachrichten stark übertrieben wurden, um erst allmählich ihre richtigen Dimensionen anzunehmen.

Am 15. Mai 1897 erschien im »Führer«, Milwaukee (Wisc.) und am 18. September 1897 in der »Kritik«, Wochenschrift des öffentlichen Lebens, Berlin, folgender Visionsbericht:

»=Kohlengruben-Unglück bei Brüx (Dux), Böhmen.=

=Erstes Gesicht.= (Die Dame schließt die Augen und spricht): Schrecklich, die Menschen alle hier bei der Grube! Wie bleich sie aussehen! – Wie die Leichen. – Ach, das sind ja auch lauter Leichen. Ja, sie kommen heraus und werden jetzt alle fortgebracht. Und die ganze Gegend ist so schwarz, und es sind lauter kleine Hütten da. Die Leute, die ich sehe, reden eine andere Sprache, auch verschiedene Sprachen, – alles durcheinander. Und so leichenblaß sind sie alle! – Jetzt wird da einer herausgebracht, welcher einen Gurt mit einer blanken Schnalle um hat. Es ist Weihnachten bald; eine Hundekälte. Dort ist einer, der hat eine Lampe mit einem Gitter. – Es ist ein =Kohlenbergwerk=. Es ist alles so schwarz und so kahl. Ich sehe bloß die alten Hütten. Die ganze Gegend ist so öde. – Ich verstehe, was der eine da jetzt sagt. Er sagt: »Die Ärzte kommen alle aus =Brüx=« ... Ach, das ist ein =böhmischer= Ort ... Siehst du denn nicht? (Ich sehe nicht) ... Was? Du siehst nichts! (Letzteres sagt die Seherin sozusagen erschreckt und schlägt die Augen auf.)

=Zweites Gesicht.= (Am Nachmittage des auf die erste Vision folgenden Tages.) Wie traurig das hier aussieht! Die Menschen alle: O weh, so viele! – So viele Frauen sind da; wie sie weinen! Die Männer sind tot; es leben nicht viele mehr. Sie sind alle heraufgebracht worden. Ach, Gott, die Armen tun mir so leid! Sieh mal, die Kinder alle! Wie die Männer aussehen, sie sind ganz von Rauch geschwärzt, sind gewiß alle in der Erde erstickt. – Das sind =Böhmen=. Die Weiber und die Kinder haben Kopftücher um. Ja, das sind Böhmen. Ach, die armen Menschen nun gerade um die =Weihnachtszeit=. Ist doch schrecklich! – Mit solch einem Zug, der eben angekommen, bin ich schon gefahren. Da steht es dran; der kommt doch über Eger. Ja, es ist Böhmen. – Wie sie dort liegen! – Das sind wohl Ärzte, die da reiben? – Feine Männer. Viele haben Binden mit einem Kreuz um die Arme. – Was haben die Frauen und Kinder denn da in der Hand? Eine Kette. Wozu haben sie die Kette? Ach, sie bekreuzigen sich jetzt. Das ist ein Rosenkranz. Ach, sie beten; aber sie weinen doch alle! – An dem Eisenbahnzug sehe ich einen österreichischen Adler, einen Doppeladler. – Ach, das ist wohl ein Schaffner, der da steht? Ich höre, was er sagt. »In den Kohlengruben von =Dux=,« sagt er; =ich lese aber Brüx=. Der da hat’s an der Binde. – Ach, die sind von der Sanitätswache. – Aber sie können nichts machen mit den armen Menschen. Sie fahren sie alle auf so komischen Wagen fort. (Die Somnambule erwacht.)«

Diese Vision hatte Frau de Ferriëm[169] bereits im Jahre 1896. Vier Jahre später nun fand in den =Kohlenbergwerken von Dux bei Brüx in Böhmen ein Gruben-Unglück= statt, bei dem sehr viele Bergleute ums Leben kamen.

Da das Unglück aber nach der Mitte des September 1900 sich ereignete, so stimmt die Zeitangabe bezüglich Weihnachtszeit und Kälte nicht. Wie aber Godefroy, der die Vision nachgeschrieben hatte[170], dem Dr. Walter Bormann schrieb[171], dauerte die Herausschaffung der Leichen aus den Gruben mehrere Wochen. Noch Ende Oktober wurde bei starker Kälte eine Anzahl der Opfer zutage gefördert. Also ging diese Vision vollkommen in Erfüllung.

Diese Prophezeiungen sind für uns von unschätzbarem Werte aus dem naheliegenden Grunde, weil sie alle =vorher= im Druck erschienen sind, was ja leicht nachkontrolliert werden kann. Mag man auch zur Wahrhaftigkeit eines Zeugen, der das nachherige Eintreten einer Voraussage behauptet, das größte Vertrauen haben, so wird man doch die Möglichkeit eines Erinnerungsfehlers nie bestreiten können. Man wird auch gern einwenden, daß der betreffende nur von den Fällen spricht, die wirklich eintrafen, jene aber, die sich nicht erfüllten, verschweigt. Es wird sich also mehr oder minder immer um ein =Glauben= handeln. In unseren oben angeführten Fällen dagegen handelt es sich um ein =Wissen=. Das gibt ihnen eine ganz außerordentliche Bedeutung. Denn auch der größte Zweifler wird nicht leugnen können, daß es sich um ganz ungewöhnliche Ereignisse handelt, bei denen wir nicht leicht mit dem Zufall operieren können.

Bormann weist mit Recht auf die große Anschaulichkeit der angeführten Weissagungen hin. »Alles, was die Seherin angibt, stellt sich bewegt und farbenfrisch ganz unmittelbar dem =Auge= dar, und noch die Ortsbezeichnungen Dux und Brüx werden durch die Aufschriften am Eisenbahnzuge, durch die Binde eines Mannes und durch die mit dem Ohr vernommenen Worte eines Schaffners uns vermittelt. Auch bei solchem zeitlichen Fernsehen also ist hier nichts bloß abgezogenes Denken; alles ist ein Schauen des Lebens, und obwohl keine vorhandene Erscheinung der =Gegenwart= und noch =nichts Wirkliches= im menschlichen Sinne, wird es doch =räumlich= wahrgenommen, als ob diese Zukunft bereits sinnliche Gegenwart wäre[172].«

Bormann, der sich als Vorsitzender der »Gesellschaft für wissenschaftliche Psychologie« in München viel und gründlich mit diesen Phänomenen beschäftigte, sagt mit Recht, die Erklärbarkeit dieses =zugleich zeitlichen und räumlichen Fernsehens= sei ein schwer zu lösendes Rätsel. Wir wollen uns auch nicht darauf einlassen, sondern nur feststellen, daß, wenn uns überhaupt etwas diese Phänomene, an deren Existenz zu zweifeln nur wohl mehr Böswilligkeit noch vermag, verständlich machen kann, es solche authentische Berichte sind. Auch wir haben ja im Traum Ähnliches alle schon erlebt, nur handelt es sich hier um Vergangenes. Wenn wir aber den Vergleich des Traumes festhalten, dann werden uns sofort Irrtümer in der Interpretation der Visionen klar. Das Gesicht entschwindet oft, wenn wir einen bestimmten Punkt festhalten wollen. Es löst sich in Nebel auf, und im Bestreben, zu rekonstruieren, erfinden wir. Oder die Seherin sieht zwar eine Gegend ganz deutlich vor sich. Da sie aber nirgends, weder auf Stationschildern, noch auf Reklamen oder sonst wo den Namen des Ortes lesen kann, auch nicht ihn rufen hört oder das Gelände aus der Erinnerung wiederzuerkennen vermag, so hat sie zwar eine richtige Vision, weiß aber nicht, wohin den Schauplatz zu verlegen. Oder sie glaubt eine Gegend wiederzuerkennen und irrt sich dabei. Natürlich wird dann die Prophezeiung, weil irrig lokalisiert, auch nicht eintreffen. Solche und ähnliche Fehlerquellen existieren immer. Deshalb ist es desto verwunderlicher, wenn alles genau zutrifft.

Doch wir werden später noch auf dieses Thema zurückkommen. Wunderbarerweise sind wir nämlich noch keineswegs am Ende der eingetroffenen Prophezeiungen der Frau de Ferriëm angelangt.

Im Oktober 1900 wurde in Nr. 43 der »Zeitschrift für Spiritismus« (Köln) folgende Vision der Dame mitgeteilt:

»Es taucht vor mir eine schwarze Masse auf. – Was es ist? – Ich kann’s noch nicht deutlich erkennen. – Ja, so, ein =Felsen im Meer=, daran es zerschmettert ist. Sehe nämlich ein =deutsches Kriegsschiff=. Die schwarze Masse ist ein Teil des untergegangenen Schiffes. – Viele Menschen gehen beim Untergange desselben zugrunde. Ich sehe sie deutlich verzweifelt mit den Wellen kämpfen. Alles =deutsche= Matrosen. – Es ist bestimmt ein Kriegsschiff. Ich sehe den Kommandanten, wie er seine Hände zum Himmel hochstreckt. Er schreit noch seine letzten Befehle. Er trägt einen Bart, wie ihn Kaiser Friedrich trug, nur kürzer und ziemlich dunkel, fast schwarz. – Das Wasser ist fast ganz ruhig geworden. – – Ich sehe auch, daß es in =fremdem= Lande ist – – Naht denn keine Rettung? – Noch nicht. – Ein Schiff in Sicht. Hurra! – Und doch, es ist wenig Aussicht auf Rettung. – Und naht denn keine Hilfe? – Ja, ja, aber viel zu spät.« Godefroy hatte diese Prophezeiung von der Seherin stenographiert aus Österreich erhalten.«

=Anderthalb Monate später, am 7. Dezember 1900, ging diese Vision mit dem Untergang des deutschen Schulschiffes Gneisenau in Erfüllung.=

Bormann schreibt darüber[173]:

»Der ›Gneisenau‹ scheiterte am Felsen Morro Levante (im Vorhafen von Malaga). Sein Untergang traf auch in einzelnem erstaunlich mit der Weissagung überein. Der Schiffskommandant hob in der Tat seine Arme gen Himmel, indem er laut seine Mannschaften in Gottes Hut befahl. Es ist auch richtig, daß die Bemannung nicht mit dem Schiffe zugrunde ging; die Leute stürzten sich in die Wellen und gingen im Kampfe mit ihnen zahlreich unter. Der Bart des Schiffskommandanten Beckmann ist in der Tat gewesen wie der des Kaisers Friedrich, nur kürzer, wie Bilder ausweisen. Wie die Farbe des Bartes war, weiß ich nicht. Die Seherin sah das Gesicht ungewöhnlich deutlich und kündigte daher dessen =schnelle= Erfüllung an, wie es auch geschah.« Übrigens sah sie noch, daß das Schiff nicht völlig unter der Wasseroberfläche verschwand, wie es auch in Wirklichkeit der Fall war.

Daß gottlob der Untergang eines deutschen Kriegsschiffes zu den größten Seltenheiten gehört, ist hinlänglich bekannt. Aus diesem verblüffenden Zusammentreffen einer Reihe von ganz seltenen Fällen – man denke an den Bart des Kapitäns! – eine Wahrscheinlichkeitsrechnung zu konstruieren, dürfte jedoch auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen.

Eine Prophezeiung der Frau de Ferriëm über das =lenkbare Luftschiff= ist deshalb außerordentlich interessant und kann unbedenklich als Beweis für die Tatsache der Prophetie gelten, weil zur Zeit der Vision – 1899 – und auch noch viel später ein solches Fahrzeug von den ersten Autoritäten für =unmöglich= erklärt wurde. In vieler Erinnerung wird die schmähliche Behandlung sein, die noch drei Jahre später dem Grafen Zeppelin auf dem deutschen Ingenieurtage in Kiel zuteil wurde. Man verspottete ihn als Phantasten. Erst seit dem Jahre 1906 hatten seine Versuche Erfolg.

Wie das breite Publikum im Jahre der Vision (1899) dachte, geht u. a. aus der Faschingsnummer der Münchner Neuesten Nachrichten vom 12. Februar gleichen Jahres hervor. Da heißt es als Mitteilung aus dem Jahre 2899: »Aus St. Franzisko kommt uns folgende Lichtstrahlendepesche zu: Heute Nacht 11 Uhr 47 Minuten (Welteinheitszeit) ist das Luft-Expreßschiff Nr. 724 der »Union-Aero-Expreß-Companie-Comfortable« in 3000 m Höhe über Meer mit einem Meteor zusammengestoßen.«

Fast möchte man glauben, der Verfasser dieser Ulknotiz habe selbst die Gabe des Hellsehens besessen, denn bis auf das Vergreifen im Datum um fast ein Jahrtausend – man sieht daraus, wie entfernt, ja unmöglich die Zukunftsphantasie damals noch allen erschien – stimmt alles verblüffend. Die Höhe von 3000 m wurde inzwischen erreicht, der erste, zwar verunglückte, aber zum Teil auch gelungene Versuch des Überfliegens des Weltmeeres wurde im Herbst 1910 von Wellmann unternommen, ja – und das ist das Erstaunlichste – wir haben von ihm durch »Lichtstrahlendepeschen«, nämlich durch drahtlose Telegraphie, von der damals noch niemand eine Ahnung haben konnte – Mitteilung erhalten.

Doch nun zur Vision der Frau de Ferriëm. Der Bericht lautet:

»Das elektrische Luftschiff, das große, vollkommen lenkbare Luftschiff mit elektrischer Bewegung und Beleuchtung der Zukunft wird bald erfunden werden. Kapitäne werden Patent auf das Fahren mit diesem adlergleich dahin fliegenden oder segelnden Luftschiff erhalten, und man wird mit dem letzteren es dazu bringen, in zweimal 24 Stunden den Atlantischen Ozean zu überfliegen. Dasselbe wird so eingerichtet sein, daß, wenn in der Luft Unglück bei der Fahrt über das Meer passiert, man sich noch aufs Wasser retten kann. Die Erfindung wird vor 1950 gemacht und vervollkommnet sein; viele werden allerdings noch wegen Grübeleien darüber ins Irrenhaus müssen. Ich habe den Erfinder gesehen, wie er die erste Konstruktion vorführte; derselbe beherrschte mehrere Sprachen, die deutsche sprach er gebrochen. – Eine furchtbare Arbeit durch die Luft machte es, als ich’s über das Meer brausen sah. – Das ist der feurige Drache, von dem Propheten schon vor Christi Geburt sprachen[174].«

Erwähnen wir noch, daß neuerdings tatsächlich Patente, die zur Führung von lenkbaren Luftschiffen berechtigen, ausgestellt werden, so wird man nicht umhin können, die Prophezeiung im wesentlichen für erfüllt anzusehen, auch wenn man betreffs des biblischen feurigen Drachens sich etwas reserviert verhalten sollte.

Ferner hatte Frau de Ferriëm noch Visionen, die die Erreichung des Nordpols mit Luftschiffen und Schlitten betreffen. Die letztere Prognose ist ja schon in Erfüllung gegangen. Was die erstere betrifft, so scheint auch ihre Realisierung in die Wege geleitet zu sein, da bekanntlich Graf Zeppelin dieses Unternehmen plant[175].

Fassen wir unser Urteil über die Prophezeiungen der Frau de Ferriëm zusammen, so steht es fest, daß zwar eine Reihe von Prognosen nicht eintrafen bzw. noch nicht eintrafen, daß dafür aber andere in erstaunlicher Weise in Erfüllung gingen.

Wer die Visionsberichte liest, kann nicht darüber im Zweifel sein, daß es sich durchaus nicht um verstandesmäßige Berechnungen oder Vermutungen handelt, sondern um echte Visionen, um traumartige Bilder, die in der Seherin auf eine uns nicht näher bekannte Weise erzeugt werden.

Dem Einwand, es könne sich hier um Halluzinationen handeln, denen nichts Reales entspricht, muß entgegengehalten werden, daß wir keine einwandfreie Definition von Halluzination einerseits und Vision andrerseits besitzen[176]. Ferner handelt es sich hier durchaus nicht um »Erscheinungen«, von denen behauptet wird, daß sie außerhalb der Person der Seherin liegen sollen, sondern lediglich um =Vorgänge in ihrem Innern=, die nur kontrollierbar sind durch die Art, in der die Seherin von ihnen Kenntnis gibt und durch ihr späteres Eintreffen. Und dieses letztere kann für uns ganz allein ausschlaggebend sein.

Wenn es auch nicht mehr viele geben mag, die auf Grund obigen Materials noch Lust haben, die Eselsbrücke des Zufalls zu betreten, sondern wohl die überwältigende Mehrheit der Leser nunmehr von der Existenz des zeitlichen Fernsehens überzeugt sein wird, so muß doch auch hier die Möglichkeit des Zufalls geprüft werden.

An der Vorhersage des Seebebens von Martinique wird man das Fehlen der Ortsangabe rügen. Beim Untergang der Gneisenau gleichfalls. Was die Erreichung des Nordpoles betrifft, so kann man auf den prophezeiten Weg auch durch Berechnung kommen. Beim Hafenbrand in Neuyork dürfte es schon recht schwer fallen, mit der Kritik einzusetzen, denn da alle Vorhersagen der Frau de Ferriëm sich im Laufe weniger Jahre erfüllen, wird man kaum einwenden können, ein ähnliches Ereignis spiele sich früher oder später in jedem Hafen ab. Ebenso kann nur, wer den damaligen Stand der Frage gar nicht kennt, sich mit der Vorhersage des lenkbaren Luftschiffes leicht abfinden.

Besonders winden wird sich aber der Skeptiker bzw. materialistische Dogmatiker bei der Vorhersage des Grubenunglückes von Brüx-Dux. Gewiß läßt sich für jede Grube eine Wahrscheinlichkeitsrechnung aufstellen und so errechnen, wann an sie die Reihe kommt. Aber hier haben wir die ausdrückliche Konstatierung, daß die Katastrophe =bald= eintreten wird. Ja, als sie nach zwei Jahren noch aussteht, wird in verschiedenen Blättern darauf hingewiesen, daß sie nunmehr bald kommen müsse. Das soll ein zufälliges Zusammentreffen von Vorhersage und Ereignis sein?

Alle Vorgänge werden mit einer Deutlichkeit geschildert, wie sie nur ein Augenzeuge zu bieten vermag. Daß Traum und Vision, nicht aber Phantasie die Plastik und Greifbarkeit des sinnlich Wahrgenommenen besitzen, hat schon Schopenhauer festgestellt. Deshalb ist es schlechterdings ausgeschlossen, daß die von der Seherin geschauten Bilder Erzeugnisse ihrer überhitzten Phantasie sind, sondern wir haben es ganz unzweifelhaft hier mit echtem zeitlichen Fernsehen zu tun.

Leider ist es in allen obigen Fällen kaum angängig, eine Wahrscheinlichkeitsrechnung mit hohem Divisor aufzustellen. Um nun aber dem unverbesserlichen Skeptiker die letzte Möglichkeit, sich auf den Zufall hinauszureden, zu nehmen, werden wir im nächsten Kapitel unser schwerstes Geschütz auffahren.

Fußnoten:

[162] Leipzig, 3. Bd., Nr. 25, S. 220.

[163] Zitiert nach de Ferriëm, Mein geistiges Schauen in die Zukunft, Berlin 1905, S. 67 f. Die im Text angegebenen Zitate der Druckorte und Daten wurden von mir nachgeprüft und, bei mangelhafter Wiedergabe, korrigiert. Einige seltene Zeitschriften, so die »Lichtstrahlen«, konnten nicht verglichen werden. Da aber stets Organe herangezogen wurden, in denen die angekündigten Ereignisse _vor_ ihrem Eintritt veröffentlicht waren, so ist auch in diesen Fällen das Material einwandfrei.

[164] Dieser Zuruf gilt ihrem Begleiter, Kerkau bzw. Godefroy, dem wir die stenographischen Berichte verdanken.

[165] Gleichfalls zitiert nach de Ferriëm a. a. O.

[166] Ferriëm, »Mein geistiges Schauen usw.«, S. 661.

[167] Eb. S. 67.

[168] S. 68, Anm. Hier auch das Folgende »Old Moore« betreffende, das ich leider nicht kontrollieren konnte.

[169] Vgl. »Mein geistiges Schauen in die Zukunft«, S. 63 f. Den »Führer« und die »Kritik« konnte ich nicht einsehen, wohl aber ist im 3. Band der Zeitschrift für Spiritismus, S. 71, am 4. März 1899, darauf hingewiesen, daß die Erfüllung der Vision noch ausstehe, ebenso auf S. 57, am 18. Februar in der gleichen Zeitschrift. Also _vor_ Eintreffen!

[170] Im Druck erschienen in den von Godefroy (Kerkau) herausgegebenen gedruckten Berichten, Nr. 2 vom 20. September 1899, also =ein Jahr vor dem Unglück=. Godefroy hatte dazu bemerkt: »Das Gesicht dürfte sich jedenfalls bald erfüllen, bzw. in einem der kommenden Jahre.«

[171] Vgl. Walter Bormann »Die Nornen. Forschungen über Fernsehen in Raum und Zeit«. Leipzig 1909, S. 130.

[172] »Nornen«, S. 130 f.

[173] »Nornen«, S. 134. Die Vision selbst in »Mein geistiges Schauen«, S. 65.

[174] Vgl. Kerkau, Zeitschrift für Spiritismus, 3. Bd., 1899, Nr. 8, vom 25. Februar 1899, S. 62 f.

[175] »Mein geistiges Schauen«, S. 84, und Zeitschrift für Spiritismus, 2. Bd., 1898, S. 53 f.

[176] Lucian Pusch, »Spiritualistische Philosophie ist erweiterter Realismus« (Broschüre), Leipzig 1886, der selbst hell sieht, behauptet, die Gegenstände des Hellsehens seien klarer, als die der Halluzinationen. Das ist aber kein objektives Kriterium und setzt die Existenz =beider= Phänomene voraus. Überdies ist es falsch, weil suggerierte Halluzinationen ebenso lebhaft empfunden werden, wie die »Geister«. Vgl. Sphinx, 2. Bd. 1886, S. 342. Danach müßten Visionen auch an anderen beobachtenden Personen kontrolliert werden können, wären also etwas objektives, =außerhalb= der wahrnehmenden Person Vorhandenes. Mir scheint auf diesem Gebiete die nötige Klarheit noch nicht zu herrschen.

Elftes Kapitel

Michel Nostradamus

Michael Nostradamus wurde am 14. Dezember 1503 zu St. Remy geboren und starb 1566 in Salon. Eigentlich hieß er Michel und war jüdischer Herkunft. Sein Vater war Leibarzt des bekannten romantischen Königs René. Sein Großvater mütterlicherseits, Johann de St. Remy, Leibarzt des Herzogs von Kalabrien, erzog den kleinen Michel und weckte in ihm die Liebe zur Naturkunde. Vielleicht bildete er auch das jenem angeborene übersinnliche Wahrnehmungsvermögen aus.