Prophezeiungen

Part 21

Chapter 213,495 wordsPublic domain

Nun ist noch eine Inkongruenz zu beseitigen, die auf den ersten Blick recht frappierend wirkt. Wir bewiesen aus den Memoiren der Frau von Oberkirch soeben, daß Laharpe die Aufzeichnung von Cazottes Prophezeiungen sehr bald nach der Gesellschaft, jedenfalls aber noch im gleichen Jahre, niedergeschrieben haben muß. Denn schon 1788 sandte er sie nach Rußland. Und doch beginnt der Bericht mit den Worten: »Es dünkt mich, als sei es gestern geschehen und doch geschah es im Anfang des Jahres 1788.« Daraus geht hervor, daß schon Jahre darüber hingegangen waren, als Laharpe diese Zeile schrieb.

Hier ergibt sich also ein scheinbar unlöslicher Widerspruch.

Wie, wenn Laharpe nach vielen vielen Jahren das Originalmanuskript wieder hervor holte und ihm nun diese Zeilen der Einleitung vorausschickte?

Das ist gewiß möglich. Wahrscheinlicher ist aber etwas anderes: Laharpe hat auf Grund seines wahrheitsgetreuen Berichtes nach Jahren einen, Wahrheit mit Dichtung verquickenden, gemacht und dieser ist es, den wir vor uns haben. Vielleicht schrieb er ihn nur aus dem Gedächtnis nieder, da ja das Original in Rußland war. Sehr groß =kann= die Abweichung aber nicht sein, da Bormann mit Recht es als unglaublich bezeichnet, daß Laharpe eine unechte Darstellung gab, nachdem er vor Jahren durch die echte die Welt in Staunen versetzt hatte[161].

Mit dem Einwurf, die Gräfinnen Genlis und Beauharnais bestätigten ausdrücklich die Übereinstimmung von Laharpes Erzählung mit dem gedruckten Text, finden wir uns leicht ab. Denn selbst ein gutes Gedächtnis wird das nach Jahren nicht mehr zu konstatieren vermögen. Zwingend allerdings geht sowohl aus diesem Zeugnis, wie aus dem anderen hervor, daß auch die echte Prophezeiung Cazottes, bzw. der authentische Bericht von Laharpes Hand, nennen wir ihn die erste Redaktion, genug der verblüffenden Vorhersagen enthielt die nachher in Erfüllung gingen.

Da die Baronin Oberkirch so wenig wie die anderen Zeugen auf die Details eingehen, fehlt uns die Möglichkeit, die Laharpesche Prophezeiung mit dem ersten Bericht von Cazottes Seherworten zu vergleichen. Wir können also unmöglich den uns vorliegenden Bericht einfach mit dem tatsächlichen Vorkommnis identifizieren.

Was wir aber können, ja müssen, ist die Feststellung, daß =Cazotte bereits vor der großen Revolution diese vorhergesagt hat, und zwar auch mit schrecklichen und später in Erfüllung gegangenen Einzelheiten, so der Hinrichtung der Königin und anderen illustren Personen=. Möglich ist, daß ja alles sich so verhielt, wie es Laharpe uns hinterließ. Aber es ist nicht gewiß. Gewiß aber ist auch, daß wir in der Prophezeiung des Cazotte eine der bedeutendsten der Geschichte zu erblicken haben. Denn es ist, wie Bormann richtig betont, vollkommen ausgeschlossen, daß zwischen den Vorhersagen Cazottes und der folgenden Erfüllung größere Inkongruenzen liegen. Denn Laharpe hätte damit einen Propheten, dessen Vorhersagen vielen Zeitgenossen bekannt waren, nicht gefeiert, sondern lächerlich gemacht. =Als Ganzes, darüber kann gar kein Zweifel mehr obwalten, ist daher die Cazottesche Prophezeiung historisch und durch die nachfolgenden Tatsachen bestätigt worden.= Wenn wir auch nicht berechtigt sind, jeden einzelnen Zug als beglaubigt anzusehen, so geht doch Hübbe-Schleiden mit der Annahme, daß Cazotte zu verschiedenen Zeiten und privatim den genannten Personen ihr trauriges Schicksal vorhergesagt habe, unbedingt zu weit. Die Gesellschaft =hat= stattgefunden.

Greifen wir nun noch einmal auf Laharpes oben zitiertes Nachwort zurück, das leider nur als Bruchstück auf uns gekommen ist!

Ihr Sinn ist zweifellos der, daß den ewig Blinden, denen die furchtbaren Ereignisse der großen Revolution nicht die Augen darüber geöffnet haben, daß durch Gott die größten Wunder gewirkt werden, auch nicht gedient ist, wenn die Vorhersage der Schrecknisse auf Wirklichkeit beruht. Denn das ist das geringere Wunder, das größere aber – in des frommen Laharpe Augen – wäre die zeitlich unglaublich rasche Folge der grauenhaftesten Begebenheiten und noch dazu die Zusammendrängung so vieler Personen, denen das alles widerfuhr, an demselben Orte.

Es läßt sich nicht leugnen, daß sich Laharpe in dem Satz: »Voilà le prodige réel comme la prophétie n’est que supposée« mißverständlich ausgedrückt hat. Bormann übersetzt meines Erachtens richtig: »Seht, das ist das reale Wunder, so wie die Prophezeiung bloß vorausgesetzt ist,« und fährt dann fort: »Laharpe setzt also das =Wunder= der =handgreiflichen Tatsachen=, die ein jeder mit seinen Sinnen tasten konnte, dem =Wunder= einer =Prophezeiung= mit =inneren= Vorgängen des Sehers gegenüber, die eben nur zu =glauben= sind. Etwas Vorausgesetztes, Angenommenes, Geglaubtes bleibt ja die Echtheit und das ›Wunder‹ jeder Prophezeiung, insofern der Zusammenhang zwischen ihr und dem entsprechenden Ereignisse als Probe geheimnisvoller Geisteskraft, welche den Zufall ausschließt, von uns erst aufgefaßt wird und nicht unmittelbar mit sinnlicher Bestimmtheit wahrgenommen werden kann. Das Wort ›supposer‹ bedeutet aber zuweilen, obwohl seltener, auch: ›unterschieben, fälschen.‹ Es muß zugegeben werden, daß es ohne Würdigung aller Umstände, das eine hier so gut bedeuten konnte, wie das andere. Der letzte Satz des Nachwortes werde noch einmal wiederholt. Er heißt: ›=In diesem Falle=‹, d. h. gemäß den vorhergehenden Worten Laharpes: ›Wenn ihr die besondere Furchtbarkeit dieser Revolution in ihrem Unterschiede von allen anderen nicht faßt.‹ – »=In diesem Falle= würde sogar die Prophezeiung, wenn sie stattgefunden hätte, höchstens ein Wunder sein, das für euch nur verloren wäre wie für die anderen, und das wäre dann das schlimmste Unglück. – Gerade dieser Satz scheint mir, trotz dem eingestreuten Bedingungssatz, der wohl das Urteil flüchtiger Beurteiler gefangen nehmen mag, sehr kräftig für die Echtheit der Prophezeiungen zu sprechen. Laharpe sagt deutlich hier, er wolle über die Echtheit der Weissagungen gar kein Wort verlieren, weil ihm das als das schlimmste Unglück erschiene, wenn die Prophezeiung in ihrer Echtheit den ewig Blinden, welche nicht einmal die Wunderstimme der Geschichte hören, als Wunder höchstens doch verloren sein würde. Die aber, meint er, welche die Taten der Geschichte als Wunder begreifen, werden auch an dem viel geringeren Wunder der Prophezeiungen kaum zu zweifeln brauchen.«

So weit Bormann, dem wir uns anschließen.

Für uns wäre es natürlich von allerhöchstem Interesse zu wissen, in welchem Umfange der Wortlaut der echten Vorhersage Cazottes mit der Niederschrift Laharpes übereinstimmt. Das festzustellen ist uns nicht möglich, wohl aber in der Zukunft nicht ausgeschlossen, da ja der Originalbericht Laharpes an die Großfürstin Maria Feodorowna geborene Prinzessin Sophie Dorothea von Montbéliard vielleicht noch einmal ans Tageslicht gefördert wird.

Bis dahin müssen wir uns mit der Feststellung begnügen, daß Cazotte tatsächlich die große Revolution und sogar einzelne Details aus ihr vorhergesehen hat.

Als weitere Zeugnisse für Cazottes Prophezeiung führt Hübbe-Schleiden (l. c. S. 75 ff.) an: 1. Die Memoiren der Du Barry, der letzten Mätresse Ludwigs XV., die der Herausgeber E. L. de la Motte Houdancourt in der Vorrede zur 2. Aufl., Paris 1829, als »historischen Roman« bezeichnet. Da er aber in der Nachschrift zum 4. Bd. (S. 450 f.) erklärt, daß es sich durchweg um =originale= Aufzeichnungen handle, die er nur sprachlich modernisiert habe, kommt ihnen wohl doch Glaubwürdigkeit zu. Sie schreibt (Bd. VI, S. 391): »Dann erzählte mir die Herzogin de Gramont eines Abends, als sie Cazotte in einer großen Gesellschaft getroffen habe, sei man in ihn gedrungen, die Planeten zu befragen nach dem Schicksal der Anwesenden. Dies habe er durchaus abgelehnt und jede nur erdenkliche Ausflucht gesucht. Jedoch als man unbedingt die Wahrheit habe wissen wollen, sei soviel herausgekommen: daß kaum einer von der ganzen Gesellschaft einem gewaltsamen und öffentlichen Tode entgehen werde, und daß auch der König und die Königin nicht ausgenommen sein würden.« Natürlich ist der Ausdruck »die Planeten befragen« ganz falsch.

2. Die Memoiren der Marquise de Créquy (1719 bis 1803), die von einem Individuum namens Couson als »Souvenirs de 1710 à 1803 par la Marquise De Créquy« 1834/35 in 7 Bänden erschienen und sehr viele Fälschungen enthalten. Es befinden sich hier mehrere auf Cazottes Prophezeiung bezügliche Stellen. S. 43 f. des VIII. Bandes der Ausgabe von 1840 lautet: »Es ist wahr, daß Cazotte der Herzogin de Gramont eine schreckliche Prophezeiung gemacht hat in Gegenwart der Damen de Simiane und de Tessé. Aber soweit ich mich deren erinnere, war sie keineswegs so genau, wie man es nach den Angaben vermuten könnte, die La Harpe davon machte, seitdem er aus dem Gefängnis entlassen ist ...«

Fußnoten:

[143] =Jaques Cazotte=, geb. 1719, war ein fruchtbarer Schriftsteller. Er war sehr fromm, beschäftigte sich mit mystischen Studien und trat zur Sekte der Martinisten über. Er hatte häufig Visionen. Seine berühmtesten Werke sind das Schlummerlied »Tout au beau des Ardennes«, das Rittergedicht »Olivier« (Paris 1762, 2 Bde.) und »Le diable amoureux« (Paris 1772), ein Märchen, das heute noch gelesen wird. Seine Gewandtheit im Versemachen bewies er, als er in einer einzigen Nacht einen siebenten Gesang zu Voltaires »Guerre civile de Genève« hinzudichtete. Seine Gesamtwerke erschienen unter dem Titel »Oeuvres badines et morales, historiques et philosophiques de Cazotte«, Paris 1816–17, 4 Bde. Als ausgesprochener Feind der Revolution wurde er am 10. August 1792 gefangen gesetzt. Als man ihm zur Rettung durch seine Tochter, die ihn mit heroischem Mute den Händen der Mörderbande entriß, gratulierte, sagte er: »In drei Tagen werde ich guillotiniert.« Er schilderte ein ausführliches Gesicht seiner Abführung vor das Revolutionstribunal und seiner Hinrichtung. Er war seiner Sache so gewiß, daß er alle seine Angelegenheiten ordnete und die letzten Grüße an seine Frau bestellte. Am 25. Sept. 1792 fiel sein Haupt unter dem Fallbeil. Das Original »Prophétie de Cazotte, rapportée par Laharpe«, gedruckt in Laharpe, »Oeuvres choisies et posthumes«, 1806, I, p. XXI–XXVI.

[144] Jean François de =Laharpe=, geb. 1739, einer der besten Stilisten der französischen Literatur, war anfangs ein Freund, nachdem er 1794 fünf Monate im Gefängnis gesessen hatte, heftigster Gegner der Revolution. Von seinen zahlreichen Bühnenwerken sind die Tragödie »Warwick« (1763) und das Drama »Mélanie« (1770) die bedeutendsten. Besonders geschätzt waren seine Vorlesungen über Literatur, die unter dem Titel »Lycée ou Cours de Littérature« (Paris 1799 ff.) erschienen. Er starb 1803.

[145] Johann Heinrich Jung genannt Stilling, »Theorie der Geisterkunde«, Frankfurt und Leipzig 1808, S. 122 ff. Die Übersetzung ist von mir etwas korrigiert. Abdruck auch in Bormanns »Nornen«, S. 173 ff. Die dort befindlichen Noten sind hier wiederholt verwertet.

[146] Sebastien =Chamfort= (1741–1794), durch geistreiche Konversation, kaustischen Humor und Zynismus ausgezeichnet, unterstützte die Revolution literarisch und wurde Sekretär des Jakobinerklubs. Angewidert von der Schreckensherrschaft wurde er verhaftet, dann wieder in Freiheit gesetzt. Einer ihm drohenden neuerlichen Verhaftung entzog er sich durch einen Selbstmordversuch, an dessen Folgen er starb.

[147] Marie Jean Marquis de Condorcet (1743–1794), Mathematiker, stimmte in der Assemblée nationale meist mit den Girondisten. Er wurde im Oktober 1793 von der Bergpartei als Mitschuldiger des Girondisten Brissot angeklagt, hielt sich fünf Monate versteckt und wurde dann verhaftet. Man fand ihn am ersten Morgen seiner Gefangenschaft, wahrscheinlich vergiftet, tot am Boden liegen.

[148] Bekannter Arzt.

[149] Nicht zu identifizieren.

[150] Jean =Bailly=, (1736–1793) Astronom, war Präsident der ersten Assemblée nationale und Maire von Paris. Den Jakobinern verdächtig geworden, zog er sich zurück, ward aber in der Schreckenszeit verhaftet und guillotiniert.

[151] Chrétien Guillaume de Lamoignon de =Malesherbes= (1721–94) war Jurist und Staatsmann von seltener Gerechtigkeit und Freimütigkeit. Er trat der Willkür des Absolutismus schon unter Ludwig XV. entgegen und wurde unter Ludwig XVI. zweimal Minister, ohne jedoch mit seinen edlen Absichten durchdringen zu können. Als dem König der Prozeß gemacht wurde, verteidigte er ihn vor dem Konvent und flehte nach der Verurteilung um einen Appell an das Volk. Als er nach der Hinrichtung des Königs den Konvent heftig angriff, wurde er mit seiner Familie festgenommen. Er verteidigte nur die Seinen, nicht sich selbst und starb mutig auf dem Schaffot.

[152] Jean Antoine =Roucher=, (1745–94), mittelmäßiger Dichter, der die Gräuel der Revolution heftig bekämpfte. Er wurde nachts verhaftet und schnell hingerichtet, nachdem er sich noch am Tage vor seinem Tode für seine Familie hatte malen lassen.

[153] Jung-Stilling, Theorie der Geisterkunde, S. 149 f.

[154] Hübbe-Schleiden z. B. kommt in den Psychischen Studien, XXXVIII. Bd. 1911, 1. und 2. Heft, aus psychologischen Erwägungen zum entgegengesetzten Resultat. Er schreibt (S. 22): »Die Schilderung dieses Auftrittes ist ein elendes Machwerk im Stile eines Hintertreppenromans ohne irgendeine seelische oder geistige Feinheit darin. Die dichterische Erfindung ist so plump wie unwahr, sie ist dramatisch sensationell, aber nur eine abgeschmackte Effekthascherei ...« Natürlich beweist dieses Urteil nicht mehr =gegen= die Prophezeiung, als Jungs Darlegungen für sie.

[155] »Nornen«, Leipzig 1909, S. 182 ff. Die Übersetzung weiter unten nach Bormann.

[156] Vgl. Jung-Stilling, »Theorie der Geisterkunde«, S. 130 ff. Das Gesicht Cazottes vor seiner Hinrichtung ist recht mitteilenswert. De N... berichtet Cazottes Worte: »Ja, mein Freund! In drei Tagen sterbe ich auf dem Schaffot.« Indem er dies sagte, war er innigst gerührt und setzte hinzu: »Kurz vor Ihrer Ankunft sah ich einen Gensdarmen hereintreten, der mich auf Befehl des Pethion abholte; ich ward genötigt, ihm zu folgen; ich erschien vor dem Maire von Paris, der mich in die Conciergerie abführen ließ, und von da kam ich vor das Revolutionsgericht. Sie sehen also – (aus diesem Gesicht nämlich, das Herr Cazotte gehabt hatte) – mein Freund! daß meine Stunde gekommen ist, und ich bin so sehr davon überzeugt, daß ich alle meine Geschäfte in Ordnung bringe. Hier sind Papiere, an welchen mir viel gelegen ist, daß sie meiner Frau zugestellt werden; ich bitte Sie, ihr dieselben zu übergeben und sie zu trösten.« Alles traf ganz genau nach den Vorhersagen ein. Jung-Stilling, S. 131. Dieser Bericht, soweit er die Todesahnung Cazottes betrifft, trägt in so hohem Grade den Stempel der Wahrheit an sich, daß wir ihn auch glauben müßten, wenn ihn nicht – wie wir weiter unten sehen werden – Cazottes Sohn noch ausdrücklich bestätigte. Jungs Quelle ist eine in Frankfurt bei Silbermann gedruckte Broschüre »Merkwürdige Vorhersage, die französische Schreckens-Revolution betreffend: Aus den hinterlassenen Papieren des Herrn La Harpe ...«

[157] Der bekannte Arzt und Magnetiseur Joseph Phil. Deleuze hat in seiner 1836 erschienenen Schrift »Mémoire sur la faculté de prévision« mehrere solche Zeugenaussagen gesammelt, die wir nachstehend, im Anschluß an Bormanns »Nornen«, S. 185 f., wiedergeben. Die Originalausgabe war mir nicht zugänglich.

[158] Memoirs of the Baronesse d’Oberkirch, Countes de Montbrison, III. Bd., London 1852, S. 301 ff. Der oben zitierte Schluß steht p. 317 f.

[159] Nächst dem Folgenden von mir gesperrt. Die unten genannte »Großherzogin« ist die Großfürstin Maria Feodorowna.

[160] Wir haben keinen Grund, zu zweifeln, daß Laharpe selbst schon damals den Bericht verfaßt hatte. Was den angekündigten Tod Stainvilles betrifft, so trat er tatsächlich bald nach der Sitzung ein.

[161] Vgl. Bormann, Psychische Studien, 38. Jahrgang, 1911, S. 174 f.

Zehntes Kapitel

Die Prophezeiungen der Frau de Ferriëm

=Frau von Ferriëm= (dies der Mediumname), eine in Berlin wohnende Dame mit der Gabe des räumlichen und zeitlichen Fernsehens, hat fast täglich Visionen, über die sie in ihrem Büchlein »Mein geistiges Schauen in die Zukunft« berichtet. Neben den abenteuerlichsten Gesichten: über den Untergang des Mohammedanismus (S. 81), den kommenden Weltreformator (S. 88), einen neuen König in Jerusalem (S. 91), den Sieg des Christentums in Ostasien (S. 93) oder gar über den Untergang des Papsttums, eine neue Zeitrechnung und eine »neue Erde« (S. 98 f.), Visionen, deren religiös-phantastischer Inhalt uns die Weisheit der alten Theologen bewundern läßt, die die Unmöglichkeit von den Glauben betreffenden Prophezeiungen behaupteten, finden sich profane von allerhöchstem Interesse.

Das möge die nachstehend angeführte Reihe von Beispielen beweisen!

Die »Zeitschrift für Spiritismus«, vom 24. Juni 1899[162] brachte folgenden Artikel:

In Nr. 46, Jahrgang 1898, der amerikanischen Wochenschrift »Lichtstrahlen«, Zeitschrift für Philosophie, Wissenschaft usw. West-Point, Nebr., befindet sich folgender Redaktionsartikel[163]:

=Erfüllte Voraussage.= Im Juniheft der in Leipzig erscheinenden »Psychischen Studien« finden wir eine Notiz, in der über einen Artikel in dem »Illustrierten Wiener Extrablatt« Nr. 114 vom 26. April 1898 bezüglich der Aussagen der Berliner Seherin berichtet wird. In derselben lautet ein Ausspruch der Seherin, welche über eine blutige Zukunft in Deutschland, Krieg und viele Duelle in Frankreich berichtet, wie folgt: »Ich sehe viel Blut in Frankreich; =Dreyfus kommt von der Insel fort=.« – Dies wurde im April 1898 gegeben, als noch niemand eine so große Bewegung zu Gunsten Dreyfus, wie sie augenblicklich in ganz Frankreich im Gange ist, ahnen konnte, und scheint bereits in Bezug auf Dreyfus seine Bestätigung gefunden zu haben; denn den neuesten telegraphischen Meldungen nach zu urteilen, scheint Dreyfus nicht mehr auf der Teufelsinsel zu sein und bereiten sich in Frankreich unangenehme Dinge vor.

Zu der Zeit als die »Lichtstrahlen« diese Mitteilung brachten (23. September 1898), hatte Dreyfus indes die Insel noch nicht verlassen; jedoch nunmehr – am 8. Juni 1899 – ist die bezügliche Weissagung der Berliner Clairvoyante (de Ferriëm) eingetroffen.«

Das heißt mit anderen Worten: =Frau de Ferriëm hat nachweisbar, und zwar durch vorher im Druck erschienene Voraussagen, die Freilassung des Hauptmann Dreyfus= 1½ Jahre vor =ihrem Eintritt prophezeit=.

Im Januar 1898 erschien in den »Neuen Spiritualistischen Blättern« in Berlin folgender Visionsbericht der Frau de Ferriëm:

=Brand im Hafen von New York.= (Die Seherin blickt anscheinend auf einen ca. 5 Meter von ihr entfernten Punkt des Fußbodens starr mit weit geöffneten Augen hin und spricht darauf nach wenigen Augenblicken stillen Verhaltens in dieser Stellung folgendes):

»Das ist ein großer Brand, ein mächtiges Feuer. So viele Schiffe. Es brennt ein Schiff. (Das Medium senkt das Haupt und schließt die Augen dabei.) Alles schwarzer Rauch, kohlrabenschwarzer Rauch; o, und wie dick! Das ist am Land. Das brennt im Hafen. Oh, o, das ist aber schlimm. (Hebt den Kopf etwas und senkt ihn wieder. Dann schlägt es die Augen auf und sagt): Nimm ab, nimm mal das Tuch ab[164]. (Noch etwas benommen, ruft sie darauf): Ist ein Riesenbrand in New York. Ich sehe ihn ja.« (Das Medium war schon in New York und hat daher die in der Vision erschaute Stadt jedenfalls als New York erkannt.)

Eine weitere, dasselbe Ereignis betreffende Prophezeiung erschien u. a. im Maiheft 1899 der »Psyche«, Berlin, und im Juniheft 1899, der »Übersinnlichen Welt«, S. 205, Anm., Berlin, gelegentlich eines Visionsberichtes der Dame über Ereignisse im 20. Jahrhundert. Sie lautet:

»Ich sehe ein brennendes Schiff im Hafen von New York und höre einen furchtbaren Knall. Soviel ich sehe, ist es kein amerikanisches Schiff. Die Stadt ist New York; ich irre mich nicht, weil ich sie genau von meiner Amerikareise her kenne.«

Bekanntlich traf diese doppelte Prophezeiung am 30. Juni 1900 ein. Damals ereignete sich die furchtbare Schiffbrandkatastrophe im Hafen von New York, durch die der Norddeutsche Lloyd schweren Schaden erlitt, aber keine amerikanische Gesellschaft geschädigt wurde. Das Feuer griff vom Hafen auf einen Teil der Hafenanlagen von Hoboken über.

Daß diese Prophezeiung in Erfüllung gegangen war – was ja mit dem schlechtesten Willen niemand wird bestreiten können – konstatierte der New York »Herald« bereits am anderen Tage. Dieses große Blatt hatte auch am 25. April 1899 die Vorhersage der Frau von Ferriëm bereits publiziert gehabt[165].

Auch die furchtbare Erdbebenkatastrophe auf der Insel =Martinique= wurde von Frau de Ferriëm vorher gesehen.

Die »Zeitschrift für Spiritismus« brachte in ihrer Nummer 23 vom 7. Juni 1902 darüber folgenden Bericht:

Die furchtbare Katastrophe, von welcher die Antillen-Insel Martinique heimgesucht worden ist – durch die entfesselten Kräfte der Erde wurde am Himmelfahrtstage (1902) die Stadt Pierre und deren Umgebung, ein paradiesisch schöner Fleck Erde, vollständig verheert, wobei Zehntausende von Menschen auf die entsetzlichste Weise ihren Tod fanden – ruft folgenden Ausspruch der Berliner Somnambulen Ferriëm, welcher zuerst in der »Zeitschrift für Spiritismus« vom 24. Juni 1899 (S. 221), sowie weiterhin in der Schrift »Die Seherin (de) Ferriëm« Ausgabe 2, vom 20. September 1899, und in der »Spiritistischen Rundschau«, Berlin, Juli 1901, publiziert worden ist, lebhaft in Erinnerung:

»Berlin, 10. Mai (1899). (Die Clairvoyante nicht im Trance:) ›In wenigen Jahren wird sich ein großes Erdbeben ereignen. Es dürfte im Jahre 1902 sein. Ich habe es aus den Gestirnen berechnet. Ich könnte höchstens um ein Jahr zurückgerechnet haben. Die Sache differiert zwischen 3 und 4 Jahren; aber 4 Jahre werden nicht voll von jetzt an gezählt. Das Beben wird so furchtbar sein, daß selbst =Kabelzerstörungen= vorkommen werden.«

Die Voraussage wurde also genau =drei= Jahre vor der Katastrophe gegeben. Durch die Erwähnung der =Kabel=zerstörungen wurde in der Prognose darauf hingewiesen, daß das schreckliche Ereignis sich, wie =geschehen=, auch speziell =am Meere= abspielen würde. Infolge des den Eruptionen des Mont Pelé vorangegangenen und dieselben begleitenden starken =Erdbebens zerrissen die Kabel=, sodaß die Verbindung zwischen Martinique und der Außenwelt während der Katastrophe vollständig abgeschnitten war. Eine weitere Meldung besagt: Der Kommandant des Kreuzers »Suchet« hat die Stadt und die Umgebung durchforscht und berichtet, daß sich im nördlichen Teile der Insel große Spalten gebildet haben, daß das =ganze Gelände sich in Bewegung befindet= und daß sich plötzlich neue Täler bilden[166].

Man wird bei einiger Skepsis gegen diese Prophezeiung, deren hoher Wert ja gleichfalls darin besteht, daß sie =vorher=, noch dazu an mehreren Stellen, im Druck erschienen ist, einwenden, daß irgendmal an irgendeinem Ort der Erde mit Naturnotwendigkeit Erdbeben eintreten müssen. Das ist ja gewiß richtig. Da eine Ortsbezeichnung – auch nur ungefährer Art – fehlt, so käme ja der ganze Erdball in Frage.

Und doch ist dem entgegen zu halten, daß das Unglück von Martinique seit dem im Jahre 1883 erfolgten furchtbaren Ausbruch von Krakatau in der Sundastraße, der direkt oder indirekt auf der ganzen Erde sich bemerkbar machte, das größte seiner Art im letzten halben Jahrhundert war. Ferner, daß die Prophezeiung wenigstens zeitlich, wenn auch nicht örtlich, erstaunlich genau eintraf. Immerhin geben wir gerne zu, daß die vorher genannten Vorhersagen für die Tatsache, daß es Prophezeiungen bzw. Menschen gibt, die die Gabe des zeitlichen Fernsehens besitzen, beweiskräftiger sind.