Prophezeiungen

Part 20

Chapter 203,504 wordsPublic domain

Sie: »Vornehmere Damen? – Wie? – Die Prinzessinnen von Geblüt?«

Er: »Noch vornehmere.«

Jetzt bemerkte man in der ganzen Gesellschaft eine sichtbare Bewegung, und der Herr vom Hause nahm eine finstere Miene an; man fing an einzusehen, daß der Scherz zu weit getrieben werde. Madame de Grammont ließ, um das Gewölk zu zerstreuen, diese letzte Antwort fallen und begnügte sich, im scherzhaftesten Tone zu sagen: »Sie werden sehen, daß er mir nicht einmal den Trost eines Beichtvaters lassen wird.«

Er: »Nein, Madame, man wird Ihnen keinen geben, weder Ihnen noch sonst jemandem. Der letzte Hingerichtete, der aus Gnaden einen Beichtvater haben wird« – hier hielt er einen Augenblick inne.

Sie: »Nun, wohlan! Wer wird denn der glückliche Sterbliche sein, dem man diesen Vorzug gönnen wird?«

Er: »Es wird der einzige Vorzug sein, den er noch behält; und es wird dies der König von Frankreich sein.«

Nun stand der Herr vom Hause schnell vom Tisch auf und alle mit ihm. Er ging zu Mr. Cazotte und sagte zu ihm mit tief bewegtem Tone:

»Mein lieber Herr Cazotte! Dieser klägliche Scherz hat lange genug gedauert. Sie treiben ihn zu weit und bis auf einen Grad, wo Sie die Gesellschaft, in der Sie sich befinden, und sich selbst in Gefahr bringen.«

Cazotte antwortete nichts und schickte sich an wegzugehen, als Madame de Grammont, die immerfort verhindern wollte, daß man die Sache ernst nähme, und sich bemühte, die Fröhlichkeit wieder herzustellen, zu ihm hinging und sagte:

»Nun, mein Herr Prophet! Sie haben uns allen gewahrsagt; aber von Ihrem eigenen Schicksal sagen Sie uns nichts?«

Er schwieg, schlug die Augen nieder; dann sprach er: »Haben Sie, Madame, die Geschichte der Belagerung Jerusalems im Josephus gelesen?«

Sie: »Freilich. Wer wird sie nicht gelesen haben? Aber tun Sie, als wenn ich sie nicht gelesen hätte.«

Er: »Wohlan, Madame! Während dieser Belagerung ging ein Mann sieben Tage nacheinander auf den Wällen um die Stadt, im Angesichte der Belagerer und Belagerten, und schrie unaufhörlich mit kläglicher Stimme: ›Wehe Jerusalem! Wehe Jerusalem!‹ Am siebenten Tage schrie er: ›Wehe Jerusalem! =Wehe auch mir!=‹ – und im selben Augenblicke zerschmetterte ihn ein ungeheurer Stein, den die Maschinen der Feinde geschleudert hatten.«

Nach diesen Worten verbeugte sich Mr. Cazotte und ging fort.«

Soweit der Bericht bei Laharpe.

Nichts liegt näher als der Einwand, gerade weil alles so eintraf, wie es angeblich Cazotte prophezeite, sei es ein vaticinium post eventum, eine Dichtung des Laharpe.

Bereits Jung-Stilling nimmt zu dieser Frage Stellung. Seine Ausführungen können immerhin einiges Interesse beanspruchen. Wir setzen sie deshalb im Auszuge hierher:

»Ich frage jeden wahrheitsliebenden Kenner der Kunst, der Ideale von getreuen Kopien der Kunst zu unterscheiden versteht, ob diese Erzählung erdichtet sein könne? Sie hat so viele kleine Nuancen und Umständlichkeiten, die keinem Dichter eingefallen wären, und die er auch nicht für nötig gehalten hätte. Und dann, was konnte diese Erdichtung für einen Zweck haben? Ein Freigeist konnte sie nicht erdichten, weil er dadurch allen seinen Grundsätzen entgegen arbeitete; denn er verbreitete dadurch Vorstellungen, denen er todfeind ist, und die er für den dümmsten Aberglauben hält. Will man annehmen, ein Fanatiker, ein Schwärmer habe sie erdichtet, um etwas recht Auffallendes zu sagen, so widerspricht dieser Vermutung die Natur der Erzählung selbst, die nicht so wie ein Gedicht aussieht, und dann die Gewißheit, daß sie der selige =Laharpe eigenhändig= geschrieben hat ... Gewiß, apodiktisch gewiß ist, daß Laharpe die Erzählung selbst geschrieben hat. Dies kann aus oben angeführten Gründen nicht geschehen sein, als er noch Freigeist war, und wer die gründliche Bekehrung dieses großen Mannes und großen Freigeistes weiß, denen kann der Gedanke nicht einfallen, daß er in diesem bußfertigen Zustand, wo er sein voriges Leben mit blutigen Tränen beweinte, einen solchen gottesvergessenen Frevel sollte begangen haben, so etwas zu erdichten; das ist =moralisch unmöglich=. Diese Sache vor seinem Tode bekannt zu machen, das war in der Zeit, in der er starb, nicht ratsam, und noch weniger durften es die Gäste vor der Revolution und während derselben erzählen[153].«

Die Möglichkeit der Erdichtung des Vorganges ist trotz der »vielen kleinen Nuancen und Umständlichkeiten« keineswegs von der Hand zu weisen. Mit solcher literarisch-ästhetischen Kritik kommt man nicht weit[154]. Andrerseits ist zuzugeben, daß Laharpe, von dem das Schriftstück zweifellos herrührt und aus dessen Nachlaß es herausgegeben wurde, während der Periode seines sogenannten Freidenkertumes unmöglich eine derartige Arbeit, die, wenn sie nicht wahr ist, zweifellos im hohen Grade mystisch genannt werden muß, abgefaßt haben kann. Wohl aber wäre das nachträglich möglich gewesen. Denn es hätte doch sicherlich einen nicht geringen Reiz, sich einen Mann vorzustellen, der die Zukunft bis in alle Einzelheiten genau vorhergesehen hatte, und ihn in das bewegte und geistig hochstehende Milieu dieser Gesellschaft zu stellen. Den »gottvergessenen Frevel« dieses Vorganges können wir uns nicht recht klar machen.

Die einzigen Punkte, in denen Jung-Stilling unbedingt rechtzugeben ist, wären demnach folgende: daß Laharpe, angenommen, alles hätte sich wirklich so ereignet, wie er es berichtet, aus politischen Gründen von einer Veröffentlichung in der kritischen Zeit, also vor Ausbruch der Revolution, Abstand nehmen mußte. Und dann als weiterer, zwar nichts Positives aussagender, der, daß er in der Periode des Freidenkertums die Dichtung – angenommen, es handelte sich um eine solche – nicht abgefaßt oder auch nur konzipiert haben konnte.

Damit kommen wir aber nicht weiter. Denn die Möglichkeit der späteren Dichtung ist keineswegs beseitigt. Sie auszuschalten, haben wir folgende Wege:

1. Eine Erklärung Laharpes, daß es sich um tatsächliche Vorgänge handelt. Eine solche ist zwar nicht unbedingt beweiskräftig, denn wenn es sich um eine Mystifikation handeln sollte, so läge der Gedanke nahe, der Autor habe mit allen Mitteln versucht, sie aufrecht zu erhalten. Beispiele dafür bietet die Literaturgeschichte in nicht geringer Anzahl.

2. Die Erklärung von Zeugen, die entweder dem Gastmahle selbst beiwohnten, oder aber =vor= Eintritt der verkündeten Ereignisse von den Vorgängen Kenntnis erhielten. Auch das ist kein unbedingt zwingender Beweis, da bekanntlich Gedächtnisfehler nichts weniger als selten sind. Immerhin würde – die Glaubwürdigkeit der Zeugen vorausgesetzt – daraus zu folgern sein, zwar nicht, daß sich alles gerade so verhielt, wie Laharpe mit großer Künstlerschaft erzählt, wohl aber, daß bemerkenswerte Vorhersagen auf die Revolution und wohl auch auf den Tod einiger Personen aus dem Munde Cazottes tatsächlich vorliegen.

3. Einen authentischen Bericht irgendeines Teilnehmers oder einer anderen Person, die von Cazotte oder einem Teilnehmer informiert war, vorausgesetzt, dieser Bericht sei =vor= Eintritt der prophezeiten Ereignisse schriftlich festgelegt worden. Letzteres allein wäre ein absolut zwingender Beweis. Es bliebe, gelänge es den gedachten Nachweis zu erbringen, nicht mehr der Ausweg, die Cazottesche Vorhersage zu bezweifeln. Nur die Erklärung bliebe frei, insofern Skeptiker nicht Prophetie, sondern Berechnung oder den beliebten Zufall heranziehen könnten. Allerdings ohne Aussicht zu haben, viel Gläubige zu finden.

Versuchen wir nun den Weg des Beweises, vom Unsicheren zum Sicheren fortschreitend, so zurückzulegen, wie wir ihn oben skizzierten.

Walter Bormann, der sich große Verdienste nicht nur um das Studium des Fernsehens in Raum und Zeit, sondern auch besonders um Aufhellung der Cazotteschen Prophezeiung erworben hat, führt in Ergänzung von Jung-Stillings Beweisführung Tatsachen an, die zweifellos geeignet sind, nachdenklich zu machen[155].

Die Niederschrift der Prophetie von Laharpes eigener Hand befand sich nach dem Tode des Autors im Besitz eines Herrn Boulard. Sie besaß noch einen Zusatz, den der Verleger aus irgendwelchen Gründen bei der Herausgabe der gesammelten Schriften Laharpes unterdrückte. Nach Mitteilung des vorgenannten Herren Boulard machte ihn die Zeitschrift »L’Imprimée« in Nr. 40 des Jahrganges 1820 bekannt. Er lautet:

»Jemand hat mir gesagt: »Das wäre wahr? Das, was Sie mir da erzählen, wäre wahr?« – Was nennt ihr denn wahr? Habt ihr es denn nicht gesehen mit euren eigenen Augen? – Ja, die =Tatsachen=; aber die Prophezeiung, eine so außerordentliche Prophezeiung? – Das will sagen, daß alles, was euch daran höchstens wunderbar erscheint, die Prophezeiung ist. Ihr täuscht euch zweifellos; die Kenntnis der Zukunft gehört nur Gott, und keiner ist Prophet, es wäre denn durch Gottes Eingebung. Allein das ist kein so ganz seltenes Wunder. Gott hat davon tausend verbürgte Beispiele gegeben, und es widerstreitet keiner moralischen, noch philosophischen Anschauung, daß er die Kenntnis der Zukunft, wenn es ihm gefällt, mitteilen könne. Dagegen ein Wunder, oder vielmehr eine Menge von Wundern, die in ganz anderer Weise außergewöhnlich sind, das ist diese Häufung von unerhörten und ungeheuerlichen Tatsachen, die jedweder bisher bekannten Anschauung widerstreiten, welche alle menschlichen Begriffe von Grund aus umstürzen, sogar im =Schlechten= und in dem, was man von den =Verbrechen= des Menschen wußte. Seht, das ist das reale Wunder, so wie die Prophezeiung bloß etwas Vorausgesetztes ist, und wenn ihr noch immer nicht dazu gekommen seid, in dem, was wir gesehen haben, etwas anderes zu erblicken als das, was man eine Revolution heißt; wenn ihr glaubt, daß diese so sei, wie eine andere, dann habt ihr sie nicht gelesen, noch bedacht, noch gefühlt. =In diesem Falle= würde sogar die Prophezeiung, =wenn sie so stattgefunden hätte=, höchstens ein Wunder sein, =das für euch nur verloren wäre, wie für die anderen=, und dies wäre dann das größte Unglück.«

Aus diesen Worten Laharpes läßt sich nicht viel machen. Dazu sind sie zu unklar. So viel ist aber sicher, daß er an Prophetie glaubt und sagen will, daß sie nicht so wunderbar ist, als die Ereignisse selbst. Auf die Erklärung durch Gott brauchen wir natürlich nicht einzugehen. Sie heißt nicht mehr und nicht weniger als ein X durch eine andere unbekannte Größe, deren Existenz noch nicht einmal beweisbar ist, erklären zu wollen. Indem wir uns vorbehalten, später auf Laharpes Ausführung zurückzukommen, wollen wir zunächst im Anschluß an Bormann versuchen, Zeugen für die Weissagung Cazottes aufzutreiben.

Deren gibt es nun mehrere: 1. Hat ein Herr de N. – also leider ein Anonymus – in den Pariser Zeitungen erzählt, daß er oft von Cazotte, den er gut kannte, die Ankündigung der schweren Drangsale Frankreichs gehört habe, während alle Welt noch in vollkommener Sicherheit lebte[156]. Derselbe Gewährsmann bestätigt auch die Wahrheit der Erzählung, daß Cazotte seine nach drei Tagen erfolgende Hinrichtung vorhergesagt habe. Ob das von ihm Vernommene sich mit Larharpes Darstellung deckte, sagt er allerdings nicht. Immerhin beweist dieser Zeuge, daß Cazotte eine gewisse Gabe des zeitlichen Fernsehens besessen hat.

2. Bekundet die Gräfin de Genlis schriftlich folgendes: »Ich habe das hundert Male Mr. de Laharpe =vor der Revolution erzählen hören und immer durchweg= genau, wie ich es gedruckt gesehen habe, und wie er selbst es hat drucken lassen. Im November 1825. Comtesse de Genlis[157].« Diese Zeugin ist die bekannte Erzieherin der Kinder des Herzogs von Orléans. Als sie dies Zeugnis ablegt, ist sie bereits 79 Jahre alt. Alte Leute leiden oft an Gedächtnisschwäche, erinnern sich aber auch andrerseits fast stets mit wunderbarer Klarheit an Vorgänge aus ihrer Jugend. Wenn wir uns also auch hüten müssen, aus diesem Zeugnis zu folgern, daß Laharpe tatsächlich wörtlich Cazottes Vorhersage wiederholt und überliefert habe, so werden wir doch nicht umhin können zuzugeben, daß irgendeine wunderbare Prophezeiung kursiert haben muß.

3. Der Sohn von Jaques Cazotte sagt nur aus, daß sein Vater oft Proben seines zeitlichen Fernsehens abgelegt habe, was übrigens Jung-Stilling auch von anderer Seite erfahren hatte. Ob die Darstellung Laharpes in allen Ausdrücken genau ist, weiß er nicht anzugeben. Er bestätigt aber jenen Vorfall, wo die Schwester ihren 72jährigen Vater den Mordbanden entriß und Cazotte darauf seinen nach drei Tagen bevorstehenden Tod richtig prophezeite. – Diese Zeugenschaft beweist zweifellos – und das ist sehr wichtig – daß Cazotte im Rufe eines Sehers stand und auch Sehergabe besaß. Die Annahme dürfte daher nahe liegen, daß es sich gar nicht um eine Dichtung Laharpes, sondern um dichterisch verklärte Wahrheit handelt. Denn wenn Cazotte, was ja nach dem Zeugnis des Sohnes nicht bezweifelt werden kann – Hellseher war, dann besteht gar kein triftiger Grund an der Wahrheit des Berichtes bzw. daran, daß ihm ein wahrer Kern zugrunde liegt, zu zweifeln.

4. Bezeugt ein Anonymus Mr. N. in Rennes, daß der bekannte Arzt Vicq. d’Azir =mehrere Jahre vor der Revolution= die Weissagungen Cazottes die er mit angehört hatte, und die trotz seines Unglaubens ihn beunruhigt hätten, erzählte. Es wird nicht angegeben, ob er sie genau so erzählte, wie Laharpe überliefert. Aber selbst wenn das wäre, könnten wir darauf nicht bauen, da das Gedächtnis besonders hinsichtlich des Wortlautes höchst unzuverlässig ist. Immerhin ist dieses Zeugnis – wenn wir ihm trotz seiner Anonymität Glauben schenken wollen – nicht ohne hohen Wert. Denn wenn es auch nichts über den Inhalt der Prophetie verrät, so beweist es doch, wie das der Gräfin de Genlis, daß mindestens Gerüchte von Vorhersagen umliefen. Daran und daß ihnen irgend etwas Reales zugrunde lag, werden wir kaum mehr zweifeln dürfen. Aber – das sei ohne weiteres zugegeben – für den konkreten Fall ist damit nicht allzuviel gewonnen.

Rekapitulieren wir kurz den gegenwärtigen Stand der Untersuchung:

1. Es ist absolut feststehend, daß Cazotte Visionen hatte, die in Erfüllung gingen.

2. Es kursierten zweifellos, anscheinend schon vor der Revolution, Gerüchte, nach denen Teilnehmer an jener Abendgesellschaft – die Gräfin Genlis nennt Laharpe, der vierte Zeuge in Rennes den Arzt d’Azir, der erste gar Cazotte selbst als Gewährsmann – aus Cazottes Munde Unglück verheißende Aussagen über die Zukunft Frankreichs gehört haben.

Damit können wir noch nicht viel anfangen. Denn wenn es auch sicher interessant ist zu wissen, daß Vorhersagen der Revolution – wie übrigens wohl fast jedes bedeutenden Ereignisses der Weltgeschichte existieren, so ist das noch ein großer Unterschied von Cazottes Prophetie, die jedem einzelnen Teilnehmer sein Ende vorhersagt. Gerade bei dieser überaus wunderbaren Weissagung kommt alles aufs Detail an und hiervon wissen wir gar nichts.

Zudem haben wir bisher noch keine =unbedingt zuverlässigen= Zeugnisse dafür, daß die Gerüchte bereits vor der Revolution umliefen. Gewiß könnte man aus dem Fehlen solcher Zeugen nichts gegen die Wahrheit folgern, denn es ist klar, daß man sich in stürmischen oder kritischen Zeiten hüten wird, solch gefährliche Prognosen zu verbreiten. Aber das genügt uns nicht. Die ein Menschenalter später ausgestellten Beglaubigungen sind aber nicht beweiskräftig genug.

Deshalb kann uns auch das fünfte Zeugnis nicht genügen, wiewohl es an tatsächlichen Angaben so ungefähr alles enthält, was wir nur wünschen können. Es handelt sich um die schriftliche Bekundung des Barons Delamothe-Langon des Inhalts, daß eine Gräfin Beauharnais als Teilnehmerin an jener Abendgesellschaft ihm und vielen anderen Personen, die 1833 bei Abgabe dieses Zeugnisses noch lebten und es bezeugen konnten, die Wahrsagungen Cazottes in der Wiedergabe Laharpes als echt bestätigten. Allerdings erfahren wir auch hier weder, wo diese Abendgesellschaft stattgefunden hatte, noch auch in welchem Jahre die Gräfin Beauharnais dieses Zeugnis abgelegt hat. Wir freuen uns immerhin darüber als neuerliche Bestätigung dafür, daß Weissagungen, die auf Cazotte zurückgeführt wurden, kursierten.

So müßten wir also mit einem Non liquet schließen, wenn wir nicht noch ein 6. und wichtigstes Zeugnis, das Deleuze unbekannt war und von Bormann in seiner Bedeutung erstmalig voll gewürdigt wurde, heranziehen könnten.

Wir finden es in den Memoiren der Baronin Oberkirch, die als Tochter des Barons Waldner-Freundstein auf Schloß Schweighausen im Oberelsaß 1753 geboren wurde und sich mit dem Baron Oberkirch, in zweiter Ehe mit dem Grafen Montbrison vermählte. Die Denkwürdigkeiten dieser hochgebildeten Frau, die mit den bedeutendsten Zeitgenossen in Frankreich und Deutschland in Verbindung stand, wurden nach ihren eigenen Angaben in ihrem 35. Lebensjahre 1789 verfaßt. Sie erschienen zuerst 1852 in englischer Sprache, von ihrem Enkel Montbrison herausgegeben, und erst das folgende Jahr in französischer Übersetzung in drei Bänden.

Daß die letzte Zeile des Werkes wirklich noch 1789 geschrieben wurde, beweist der Schluß des 3. Bandes, der in Übersetzung lautet:

»Mein Werk ist zu Ende. Um die Welt möchte ich nicht der scheußlichen Morde gedenken, welche sich rings um mich ausbreiten, mit Verheerung drohend allem, was ich liebe und verehre. Ein Lebewohl also rufe ich dieser genußreichen Beschäftigung, den glücklichen Stunden, die ich schildernd verbrachte, zu; dahin seid ihr Tage, die ich in der Gesellschaft teurer Freunde genoß. Mein Herz sinkt, wenn ich die Wolken schaue, die am Horizont auftauchen und mit Unglück für unser unseliges Land beladen scheinen. In welchen unglücklichen Stunden habe ich unsere Kinder geboren! Eine von Unsternen erfüllte Zukunft scheint ihnen entgegen zu schreiten. Gott wende von uns die furchtbaren Vorzeichen!«

Daraus geht hervor, daß das Werk vor Ausbruch der wirklichen Revolution mit allen ihren Schrecknissen beendet wurde, augenscheinlich bald nach dem Sturm auf die Bastille, deren erschütternden Eindruck wir in diesen Zeilen nachklingen fühlen.

In diesem Werk nun, das nach Angabe der Verfasserin und, wie eben gezeigt, auch aus inneren Gründen im Jahre 1789, also =vor der eigentlichen Revolution und jedenfalls vor Eintreffen der in der Prophezeiung Cazottes vorhergesagten= Ereignisse beendet war, heißt es im letzten Kapitel, daß »=viele Personen die Prophezeiungen Cazottes angehört hätten, deren Realität zu bezweifeln unmöglich sei=«.

Ferner berichtet die Verfasserin über ein merkwürdiges Erlebnis aus den letzten Tagen von 1788 oder dem Beginn des folgenden Jahres, das ihre bereits damalige Bekanntschaft mit schriftlichen Aufzeichnungen Laharpes über die bewußten Prophezeiungen Cazottes bezeugt.

In Straßburg bei dem Marquis de Puységur, dem Entdecker des Somnambulismus, wohnte die Baronin Oberkirch Experimenten mit einer bedeutenden Somnambulen, einem jungen Mädchen aus dem Schwarzwalde, bei, als der Maréchal de Stainville hereintrat und das Ersuchen stellte, die Somnambule einige Minuten zu befragen. Diese aber sagte ihm, daß sie den Grund seines Kommens wisse: er wolle sie über die Zukunft Frankreichs befragen und sei über das Schicksal der Königin besorgt. In der Tat wollte der Marschall sie das fragen.

Zitieren wir nun die Baronin Oberkirch[158]!

»Das ist vollkommen wahr,« sagte Herr von Stainville verwundert.

=Damals sprach jeder Mensch von den Prophezeiungen des M. de Cazotte=[159], und die Mehrzahl der Leute war geneigt, sie für Träume oder Wahngebilde einer überreichen Einbildungskraft zu halten. Der Marschall dachte, dies sei eine gute Gelegenheit, um sie auf ihre Wahrheit hin zu prüfen, und frug das Mädchen, ob sie sich je erfüllen würden.

Gerade als er seine Frage beendet hatte, öffnete sich die Tür, und es trat der Marquis de Peschery ein, dem wir erklärten, was vorging. Darauf wiederholte der Marschall seine Frage.

»Bevor ich antworte, muß ich nachdenken,« sagte das Mädchen. »Diese Dinge sind so wichtig und gegenwärtig noch so verworren.«

»Sagen Sie mir nur, ob die Prophezeiungen, welche ich gehört habe, sich erfüllen werden, und ob ich daran glauben kann?«

»Sie können an alle glauben,« antwortete sie ohne zu zögern.

Wir sahen uns entsetzt an, und ich gestehe, daß =ich zitterte, da ich erst am Abend vorher M. de Cazottes Prophezeiungen gelesen hatte, welche mir von der Großherzogin geschickt worden waren=. –

»Was,« sagte der Marschall, »alle diese Dinge sollen sich wirklich ereignen!«

»Alle und mehr noch.«

»Wann?«

»Von heute an in einigen Jahren.«

»Können Sie die Zeit nicht genau angeben?«

Sie zögerte einige Augenblicke und sagte dann: »Sie werden noch in diesem selben Jahre beginnen und werden vielleicht ein Jahrhundert lang andauern.«

»Wir werden demnach deren Erfüllung nicht erleben?«

»Viele von Ihnen werden den Anfang nicht sehen.« Das war eine schreckliche Ankündigung.

Nach einer kleinen Weile sagte der Marschall: »Was geht jetzt in Frankreich vor?«

»Eine Verschwörung ist im Gange, und der, welcher verschwört, wird das Opfer seiner eigenen Schlechtigkeit werden. Eine Weile lang wird er triumphieren, aber sein Geschick wird das seiner Opfer sein. O mein Gott! Mein Gott! Welch Ströme von Blut! Es ist zu grauenhaft.«

»Sie sind sicher, daß das vielen erhabenen Persönlichkeiten prophezeite Geschick sich erfüllen wird?«

»Ich bin es.«

»Was, sie werden eines gewaltsamen Todes sterben?«

»Sie werden eines gewaltsamen Todes sterben.«

»Und ich! Werde ich teilhaben an den meiner Familie prophezeiten Unglücksfällen?«

»Sie werden es nicht.«

»Ach! Werde ich mich abseits von diesem Getümmel (mélée) halten? Das würde einem alten Soldaten, wie mir, nicht passen.«

Die Somnambule schwieg.

»Was wird mein Schicksal sein?«

Sie wollte nicht antworten.

»Sie fürchten sich, es mir zu sagen. Meine Freunde werden geköpft werden, und vielleicht blüht mir etwas Schlimmeres. Werde ich gehenkt? Das wäre ein Schicksal, unwürdig eines Kavaliers. Aber sprechen Sie; der Tod und ich sind alte Bekannte; wir haben uns oft ins Angesicht gesehen.«

Während einer langen Weile weigerte sich das Mädchen zu antworten, aber auf die Bitte des Marschalls bestand Herr de Puységur auf ihrer Antwort.

»Armer Herr!« sagte sie langsam, »warum frägt er mich, was er in einigen Monaten selbst wissen wird?«

»In einigen Monaten?« sagte der Marschall. »Werde ich in einigen Monaten sterben? Ach! Um so besser, so werde ich den Ruin und die Entehrung Frankreichs nicht sehen. Ich danke Gott dafür; werde ich in meinem Bett sterben?«

»Sie werden,« sagte sie, aber mit so leiser Stimme, daß wir sie nur mit Mühe hören konnten.

Aus dieser Aussage folgt mit einer jeden Zweifel ausschließenden Sicherheit, daß gleich nach der bewußten Abendgesellschaft, auf der Cazotte durch seine Prophezeiungen allgemeines Entsetzen verursacht hatte, die Vorgänge aufgezeichnet wurden. Denn, wie Laharpe selbst erzählt, fand die Gesellschaft 1788 statt, während der Séance beim Marquis de Puységur am Schlusse des gleichen oder zu Beginn des nächsten Jahres abgehalten wurde[160]. Damals aber war der Bericht Laharpes aus Rußland bereits wieder zurückgekehrt.

Die Beweiskraft des bereits 1789, also, um es nochmals zu konstatieren, vor Eintritt der Ereignisse schriftlich abgelegten Zeugnisses ist absolut. Dadurch wird aber auch den früher genannten Bestätigungen Sanktion erteilt. Und zwar sowohl den Gewährsmännern, die =vor der Revolution= aus Laharpes Munde die Erzählung jener Wahrsagungen in Übereinstimmung mit seinem posthumen Bericht vernommen haben wollen, als auch den Zeugen, die von anderen Teilnehmern der bewußten Abendgesellschaft von solchen Prophezeiungen Cazottes hörten.