Prophezeiungen

Part 19

Chapter 193,712 wordsPublic domain

Bald darauf kam Napoleon mit zwei Generalen, diese blieben jedoch 200–300 Schritte zurück. Napoleon aber ging grade auf sein Grab los, und zwar so ganz dicht darauf zu, daß man glauben mußte, er werde jetzt, und jetzt hineinstürzen. Er betrachtete es lange und aufmerksam.

Dann sagte ich zu ihm, er hätte bleiben sollen, wo er gewesen wäre. Darauf sahe er mich sehr verdrießlich an, und sprach viel Französisch, welches ich nicht verstand.

Nun ging er zu den Generalen zurück, und damit hörte meine Erscheinung auf.

Johann Adam Müller.«

Da Napoleon vom Grabe zu den Generalen zurück ging, muß daraus meines Erachtens gefolgert werden, daß er =nicht= sterben würde. Die Vision würde also höchstens so zu deuten sein, daß er in großer Gefahr war, oder daß er sich mit dem Gedanken getragen habe zu sterben, d. h. wohl den Tod zu suchen und es dann unterließ. Ehrlich geht also hier in seiner Skepsis zu weit, denn von einer falschen Prophezeiung kann gar keine Rede sein, höchstens von einer falschen Interpretation.

Dagegen ist die zweite Vision Müllers vom 12. August 1815 nicht in Erfüllung gegangen. Darin heißt es, Frankreich würde unter die vier Monarchen geteilt werden, die vier Religionen, die heidnische, türkische, jüdische und christliche würden miteinander vereint werden und eine Bundesstadt müsse gebaut werden.

In der dritten Vision wird Müller auf den Römerbrief, Kapitel 5, hingewiesen, was er – am 26. September 1815 – so deutet: »Jetzt werde nun alles gut werden, Friede kommen, die Erkenntnis Christi und die Befolgung seiner Lehre ausbreiten usw., aber, meint er ferner, die früher erwähnte Schlacht müsse doch wohl noch erst erfolgen. Es werde auf jeden Fall noch etwas Hartes vorfallen.«

Mit dem Frieden – einer erstaunlich langen Friedensperiode – behielt Müller recht, ebenso mit einer anderen Vision, daß die Russen nicht wieder nach Deutschland kämen. Das hat sich ja nun ein Jahrhundert bewahrheitet und war damals sicher nicht vorauszusehen, da in den Jahren Müllers sehr häufige Grenzüberschreitungen stattfanden.

Auch daß Napoleon von St. Helena aus nicht wieder in den Gang der Weltereignisse eingreifen würde, war eine richtige, wenn auch sehr nahe liegende Vorhersage.

Dann folgen noch zwei religiöse und zwei politische Visionen, letztere auf einen Krieg Österreichs mit Frankreich deutend, also falsch.

Unser Bericht wäre unvollständig, würden wir nicht die Kritik erwähnen, die Ehrlich (S. 90–119) an einem Schriftchen »Neue Prophezeiungen des Johann Adam Müller«, das anonym und ohne Wissen Müllers erschien, übt.

Es enthält massenhaft falsche Daten, die Ehrlich, auf Grund von Müllers Angaben, berichtigt. Dadurch sind wir zu dem Schluß berechtigt, daß die unwidersprochen gebliebenen Behauptungen der kleinen Schrift auf Wahrheit beruhen.

Indem wir von einer Reihe an sich nicht uninteressanter Momente absehen, sei folgendes wiedergegeben: »Die erste meiner Erscheinungen hatte ich in der Nacht des neuen Jahres von 1804 auf 1805.« Ein Geist trat da an sein Bett und sagte: »Dies Jahr entsteht ein Krieg zwischen Frankreich und Österreich, und wenn letzteres nicht Friede macht, so wird es alles verlieren. Hierauf blitzte es am Himmel und die Gestalt verschwand. Ich ging nach dem Fenster, durch das der Blitz leuchtete, da sah ich deutlich am Himmel Artillerie von Frankreich gegen Österreich zu fahren, welcher Zug ¾ Stunden währte. Pferde, Knechte, Kanonen, Pulverwagen, alles war deutlich zu erkennen, nur daß sie ganz feurig waren.«

Müller beachtete diese Vision weiter nicht und erzählte erst von ihr, als er nach einer Schlappe der Franzosen einige Leute die Befürchtung aussprechen hörte, Österreich würde siegen. Daß diese ganze Prophezeiung in Erfüllung gegangen ist, steht fest. (S. 96 f.)

Auf die gleiche Weise wurde Müller in der Neujahrsnacht 1805 auf 1806 der Krieg Frankreichs mit Preußen verkündet.

Andere Visionen hatte er 1807. Ein Mann (Geist) trug ihm auf, zu dem König von Preußen zu gehen und ihm zu sagen, er solle gemäß Jesaias, Kapitel 53 bis 64 handeln. Frankreich müsse unter vier Monarchen verteilt werden und Preußen werde so groß werden, wie es noch niemals war. Dann würden sich die Heiden und Türken taufen lassen und zuletzt die Juden und es werde nur eine Religion geben und tausendjährigen Frieden. Der »Geist« führte Müller dann nach Königsberg durch vier Städte und zeigte ihm alles, was er auf dem Wege erleben würde. So sah er Stettin, Königsberg, Memel und eine Stadt am Rhein zwischen Philippsburg und Nußloch, die für die vier Monarchen zu einmaliger Zusammenkunft jedes Jahr bestimmt war. (S. 98–102.)

Auf wiederholte Mahnung hin trat er dann seine weite Reise, von der das »Protokoll« eingehend berichtet, mit 15 Kreuzern in der Tasche und ohne jedes Gepäck an. Überall fand er kostenlose Unterkunft und Verpflegung, weil er dem Befehle des »Geistes« folgte und dort einkehrte, wo eine innere Stimme ihn hinwies. (S. 102–108.)

Friedrich Wilhelm III. hatte schon schriftlichen Bericht über Müller erhalten. Er mußte dem König alle angezeigten Kapitel aus der Bibel auslegen. Als er dem König die Treue seiner Untertanen, die Gut und Blut opfern würden, rühmte, antwortete er – und das ist bezeichnend für die allgemeine Lage, beweisend aber dafür, daß Müller unmöglich durch Kombinationen zu seinen Vorhersagen gekommen ist: »Ach nein! Es ist mir jetzt alles abtrünnig geworden!« (S. 108, Anm.)

Müller prophezeite dem König, daß Frankreich im Norden zugrunde gehen würde, daß Preußen so groß werden würde, wie noch nie, ferner die Vereinigung der Religionen und die Erbauung der bewußten Stadt. Als Friedrich Wilhelm erwiderte, daß er den Krieg ja nicht fortsetze und daher alles Geweissagte nicht eintreffen könne, gab Müller zur Antwort, der König möge machen, was er wolle, es würde doch so geschehen.

Auf die Frage, welche Religion denn übrig bleiben werde, antwortete Müller regelmäßig: »Die Religion, welche =bleiben= werde, sei weder die katholische, noch die lutherische, noch die reformierte, sondern diejenige, welche Christus selbst gelehret habe.« (Seite 109, Anm.)

Es folgen dann die Vorhersagen, die wir im »Protokoll« schon eingehend kennen lernten.

In Heidelberg hatte Müller eine halbstündige Unterredung mit König Friedrich Wilhelm III. Auch Blücher hat manches Pfeifchen mit Müller geraucht und manche Stunde mit ihm verplaudert. Die von Ehrlich ausgesprochene Vermutung Müllers felsenfeste Versicherungen der Jahre 1807 und 1808 hätten in den Freiheitskriegen im alten Marschall Vorwärts nachgewirkt, läßt sich jedenfalls hören. Seinem Adjutanten hatte er 1814, am 13. Juni, aufgetragen: »Er solle den Blücher von dem Müller grüßen und er werde nun bald =viel= mit den Franzosen zu tun kriegen, wenn er (der Adjutant) anders noch früh genug komme, um dies =vorher= bestellen zu können.« (S. 114 f., Anm.) Da die Schlacht schon am 15. begann, kam dieser Bote zu spät.

Übrigens erwartete Müller 1815 noch einen kurzen Krieg, da nicht sämtliche Prophezeiungen in Erfüllung gegangen seien, vor allem die auf die Teilung Frankreichs bezügliche und die, welche eine große, sehr blutige Schlacht zwischen Deutschen und Franzosen vorhersagt.

Endlich hatte er noch eine merkwürdige Vision. Er sah eine große Zahl Equipagen mit vornehmen Insassen. Dahinter kam der Teufel in einem Wagen. Diese Vision soll auf den Wiener Kongreß Bezug haben.

Für die Beurteilung Müllers ist nicht unwichtig Ehrlichs Versicherung, daß er, wiewohl nur Eigentümer eines kleinen Gutes von acht Morgen, doch niemals um Geschenke bat, sie auch nur von Reichen annahm. Wiewohl er durch seine Gabe ein wohlhabender, wenn nicht gar reicher Mann hätte werden können, verschmähte er es doch.

Auch seine Mäßigkeit ist bemerkenswert und schneidet von vorn herein den Verdacht ab, seine Visionen – ganz abgesehen von ihrer späteren Erfüllung – seien Wirkungen des Alkohols gewesen, wie ja mancher doppelt sieht oder gar weiße Mäuse zu erkennen glaubt. Wein und Branntwein trank er seit 6 bis 8 Jahren – also gerade in der Zeit seiner Visionen – überhaupt nicht. Ebenso Kaffee nur bei festlichen Gelegenheiten. Bei Gastmählern, zu denen er oft geladen wurde, begnügte er sich mit Suppe, Gemüse und Fleisch ohne je Braten usw. anzurühren. Nur auf dringende Bitten griff er zur Mehlspeise. In Memel und Königsberg war seine Nahrung durch fast volle neun Monate nur trockenes Brot und etwas Milch. Und das, wiewohl er natürlich viel Besseres hätte haben können.

Das Protokoll, das wir oben in extenso brachten ist nicht das Königsberger, das verloren gegangen zu sein scheint oder vielleicht noch einmal aus einem Archiv das Tageslicht erblicken wird. Trotzdem ist es durchaus =authentisch=, denn es wurde im Jahre 1808, also =vor sämtlichen Ereignissen= aufgenommen und befand sich seit dieser Zeit in den Händen des Pfarrers Hautz und seit mehreren Jahren (d. h. vor 1816) des Kirchenrates Abegg.

Übrigens scheint das Protokoll =nicht alles= zu enthalten, was Müller seinerzeit dem König Friedrich Wilhelm III. mitteilte. Denn er sagte darüber Ehrlich:

»Ich war in betreff dieser Punkte nur an den König von Preußen gesandt, also hielt ich es für Pflicht, gegen hiesige Menschen davon zu schweigen. Außerdem riet es mir auch die Klugheit, denn hier war damals alles noch im höchsten Grade französisch gesinnt. Man hätte mich vielleicht umgebracht, wenn ich das alles schon damals hier bekannt gemacht hätte.«

Der seltene Fall, daß von durchaus glaubwürdiger Seite – Ehrlich hat stets die Prophezeiungen Müllers nach seinem Diktat niedergeschrieben – eingehende Berichte über einen Seher vorliegen, und daß, wie aus den Briefen des Königs Friedrich Wilhelm, wie auch aus einem bei Ehrlich abgedruckten Brief, der die Anfrage der russischen Kaiserin enthält, hervorgeht, jede Mystifikation ausgeschlossen ist, rechtfertigen es, wenn wir uns eingehend mit Müller befaßten.

Für unsere Beweisführung im Speziellen aber ergibt sich folgendes Resultat:

Wir haben das =gesamte= Material eines Sehers zur Verfügung und konnten auf dieser Grundlage feststellen, daß nicht nur die wichtigsten und zur Zeit ihrer Verbreitung am wenigstens glaubwürdigen Vorhersagen in Erfüllung gingen, sondern auch die erdrückende Mehrheit. Daraus geht aber hervor, daß der Einwand, man entsinne sich nur der erfüllten, vergesse aber die unerfüllten Weissagungen, wenn es sich um »Seher« handelt, hinfällig ist.

Was nun den Inhalt der Vorhersagen betrifft, so sind sie gewiß zum Teil sehr merkwürdig. Aber keine einzige ist darunter, die so erstaunlich wäre, daß wir eine Gleichung mit einem Divisor aufstellen könnten, die den Zufall ausschließt.

Desto verblüffender sind die folgenden Weissagungen.

Fußnoten:

[124] Zitiert nach »Geschichte, Erscheinungen und Prophezeiungen des Joh. Adam Müller eines Landmanns auf dem Maisbacher Hofe, zwei Stunden von Heidelberg. Aus seinem eignen Munde aufgesetzt. Nebst allen dazu gehörigen Original-Briefen in getreuen Abschriften und der Widerlegung von 37 Unrichtigkeiten in der ohne sein Wissen, erschienenen Schrift: Johann Adam Müller, der neue Prophet usw. Mit dem getreuen Bildnisse des Mannes, einer genauen Nachahmung seiner Handschrift, der Abbildung seines Wohnhauses nebst der Umgegend, und dem von ihm selbst entworfenen Plane der noch zu erbauenden Bundesstadt Neu-Jerusalem und der Burg Zion. Frankfurt a. M., bei den Gebrüdern Wilmans 1816«, S. 25 ff. Ich benutzte wie bei Heering das Exemplar der Kgl. Bibliothek in Berlin.

[125] Heißt bei Müller jedesmal: »Ich geriet in Verzückung«.

[126] Ein Stadtplan von Neu-Jerusalem, nach dem Entwurf von Müller gezeichnet von F. L. Hoffmeister, befindet sich im Anhang der zitierten Schrift.

[127] Eigentlich waren es 24 Kreuzer. In Heidelberg aber trank er ½ Maass Bier und kaufte sich 2 Päckchen Tabak, behielt also nur noch 15 Kreuzer (Anm. im Original).

[128] Damals trank er noch, wiewohl selten, wenig, und nur vor Mattigkeit, Branntwein. Seit 6–8 Jahren gar nicht mehr. (Anm. des Protokolls Seite 36 des Buches.)

[129] Hier und im folgenden handelt es sich deutlich um eine Erfüllung des Gesichts vor Antritt der Reise, als die Feinde ihm in Gestalt von wilden Tieren erschienen. Hier dürfte es angezeigt sein, auf den Aufsatz von Rudolf Kleinpaul »Die Traumsprache« im »Magazin für die Literatur des In- und Auslandes«, 55. Jahrg., 1886, S. 241 ff. und 265 ff. hinzuweisen. Die Frage der Traumsymbolik ist selbst von solchen, die ihre Realität zugeben, noch keineswegs gelöst. Es gibt hier eine unerschöpfliche Mannigfaltigkeit des Ausdrucks – man denke im Gegensatz zu Müller an Kerner – und daher sind Fehler der Interpretation sehr naheliegend.

[130] Die damalige verwitwete Prinzessin Ludwig, nachmalige Herzogin von Cumberland.

[131] Diese Vorhersage kehrt immer wieder. Tatsächlich wurde Frankreich ja später verkleinert, aber von einer Dreiteilung zu reden, ist doch nicht angängig. Auch Neu-Jerusalem vergißt Müller nie. Daß solche Prophezeiungen religiöser Art nicht in Erfüllung gehen, konnten wir schon wiederholt beobachten. Das dürfte zum Teil daher kommen, daß es sich hier gar nicht um Fernsehen, sondern um biblische Reminiszenzen handelt.

[132] Beide sind durch jene Gegenden gereist (Anm. des Protokolls S. 48).

[133] Ich bemerke eventuellen Vermutungen gegenüber, daß ich durchaus =nicht= Spiritist bin und daher an eine objektive »Erscheinung« auch nicht glauben kann. Vielmehr dürfte es sich hier um nichts anderes als Träume handeln. Daß es zum guten Teil =Wahrträume= sind, geht aus der folgenden Erscheinung hervor. Müller hatte sich zweifellos in die Rolle einer Art von Glaubensapostel hineingelebt.

[134] Frau von St...s hat diese Predigt mit angehört, und versichert, daß sie allgemeinen und sehr tiefen Eindruck gemacht habe. (Anm. des Protokolls, S. 61.)

[135] Geschichte, Erscheinungen und Prophezeiungen des Joh. Adam Müller, Frankfurt a. M., 1816, S. 73 ff.

[136] Von mir gesperrt.

[137] Von mir gesperrt.

[138] a. a. O., S. 79.

[139] a. a. O., S. 80 ff.

[140] a. a. O., S. 84 ff. Die zweite Antwort des Königs ist abgedruckt auf S. 84, die dritte auf S. 89.

[141] »Geschichte, Erscheinungen und Prophezeiungen des Joh. Adam Müller«, Frankfurt a. M. 1816. Auf dem Titel steht =kein= Verfassername, sondern Wilhelm Ehrlich hat die Vorrede (S. 3–24), der wir obige Angaben über Müllers Person und Prophezeiungen, soweit sie nicht im »Protokoll« enthalten sind, entnehmen, unterzeichnet.

[142] Ehrlich verhält sich zu Müller also geradeso skeptisch, wie ein halbes Jahrhundert früher Süße gegenüber Heering.

Neuntes Kapitel

Cazotte’s Weissagung der französischen Revolution.

Eine der berühmtesten Weissagungen, der des Klosters Lehnin an Ruf wohl vergleichbar, ist die des Jaques Cazotte[143], die uns Laharpe überliefert. Sie gilt im allgemeinen, besonders bei allen jenen, die Prophetie für unmöglich halten, als ein stilistisches Meisterwerk Laharpes[144], zugleich aber auch als Produkt seiner Phantasie. Bevor wir diese Frage näher prüfen wollen, sei der Wortlaut der Weissagung nach der Übersetzung von Jung-Stilling[145] nachstehend mitgeteilt:

»Es dünkt mich, als sei es gestern geschehen, und doch geschah es im Anfang des Jahres 1788. Wir waren zu Tische bei einem unserer Kollegen an der Akademie, einem vornehmen und geistreichen Manne. Die Gesellschaft war zahlreich und aus allen Ständen ausgewählt, Hofleute, Richter, Gelehrte, Akademiker usw. Man hatte sich an einer wie gewöhnlich wohlbesetzten Tafel recht wohl sein lassen. Beim Nachtisch erhöhte der Malvasier und der Capwein die Fröhlichkeit und vermehrte in guter Gesellschaft jene Art Freiheit, die sich nicht immer in den genauen Schranken hält.

Man war damals in der Welt auf den Punkt gekommen, wo es erlaubt war, alles zu sagen, wenn man den Zweck hatte Lachen zu erregen. Chamfort[146] hatte uns von seinen gotteslästerlichen und unzüchtigen Erzählungen vorgelesen und die vornehmen Damen hörten sie an, ohne sogar zum Fächer ihre Zuflucht zu nehmen. Hierauf folgte ein ganzer Schwall von Spöttereien auf die Religion. Der eine führte eine Tirade aus der Pucelle von Voltaire an; der andere erinnerte an jene philosophischen Verse Diderots, worin er sagt: »Mit den Gedärmen des letzten Priesters schnüret dem letzten König die Gurgel zu!« und alle klatschten Beifall. Ein anderer steht auf, hält das volle Glas in die Höhe und ruft: »Ja, meine Herren! ich bin ebenso gewiß, daß kein Gott ist, als ich gewiß bin, daß Homer ein Narr ist;« – und in der Tat, er war von dem einen so gewiß, wie von dem anderen, und man hatte gerade von Homer und von Gott gesprochen, und es waren Gäste da, die von dem einen und dem anderen Gutes gesagt hatten.

Die Unterredung wurde nun ernsthafter. Man spricht mit Verwunderung von der Revolution, die Voltaire bewirkt hat, und man stimmte ein, daß sie der vorzüglichste Grund seines Ruhmes sei. Er habe seinem Jahrhundert den Ton gegeben; er habe so geschrieben, daß man ihn in den Vorzimmern, wie in den Sälen liest. Einer der Gäste erzählte uns lachend, daß sein Friseur ihm, während er ihn puderte, sagte: »Sehen Sie, mein Herr, wenn ich gleich nur ein elender Geselle bin, so hab’ ich dennoch nicht mehr Religion als ein anderer.« Man schloß, daß die Revolution unverzüglich vollendet sein würde, und daß durchaus Aberglauben und Fanatismus der Philosophie Platz machen müßten; man berechnete die Wahrscheinlichkeit des Zeitpunktes, und wer etwa von der Gesellschaft das Glück haben würde, die Herrschaft der Vernunft zu erleben. Die älteren bedauerten, daß sie sich dessen nicht schmeicheln dürften. Die jüngeren freuten sich über die wahrscheinliche Hoffnung, daß sie dieselben erleben würden; und man beglückwünschte besonders die Akademie, daß sie das große Werk vorbereitet habe und der Hauptort, der Mittelpunkt, die Triebfeder der Freiheit zu denken gewesen sei.

Ein einziger von den Gästen hatte an aller dieser fröhlichen Unterhaltung keinen Anteil genommen und hatte sogar ganz sachte einige Scherzreden in Rücksicht unseres so schönen Enthusiasmus eingestreut. Es war Mr. Cazotte, ein liebenswürdiger, origineller Mann, der aber unglücklicherweise von den Träumereien derer, die an eine höhere Erleuchtung glaubten, ganz eingenommen war. Er nahm nun das Wort und sagte mit dem ernsthaftesten Tone: »Meine Herren! freuen Sie sich; Sie alle werden Zeugen jener großen und erhabenen Revolution sein, die Sie so sehr wünschen. Sie wissen, daß ich mich ein wenig aufs Prophezeien lege; ich wiederhole es Ihnen: Sie werden sie sehen.«

»Dazu braucht man eben keine Prophetengabe«, antwortete man ihm.

»Das ist wahr,« erwiderte er, »aber wohl etwas mehr für das, was ich Ihnen noch zu sagen habe. Wissen Sie, was aus dieser Revolution – wo nämlich die Vernunft gegenüber der geoffenbarten Religion triumphiert – entstehen wird? was sie für alle, die hier sind, sein wird? Was ihre unmittelbare Folge ihre unleugbare und anerkannte Wirkung sein wird? –«

»Laßt uns sehen,« sagte Condorcet[147] mit seiner sich einfältig stellenden Miene; – »einem Philosophen ist es nicht leid, einen Propheten anzutreffen.«

»Sie, Mr. Condorcet« – fuhr Cazotte fort – »Sie werden ausgestreckt auf dem Boden eines unterirdischen Gefängnisses den Geist aufgeben; Sie werden an dem Gift sterben, das Sie verschluckt haben werden, um den Henkern zu entgehen, an dem Gift, welches Sie das Glück der Zeiten, die alsdann sein werden, zwingen wird, immer bei sich zu tragen.«

Dies erregte anfangs großes Staunen, aber man erinnert sich bald, daß der gute Cazotte bisweilen wachend träumte, und bricht in ein lautes Gelächter aus.

»Mr. Cazotte« – sagte einer der Gäste – »das Märchen, das Sie uns da erzählen, ist nicht gar so lustig, wie Ihr »Verliebter Teufel«; was für ein Teufel hat Ihnen denn das Gefängnis, das Gift und die Henker eingegeben? Was hat denn dies mit der Philosophie der Vernunft gemein?«

»Dies ist es gerade, was ich Ihnen sage,« versetzte Cazotte. – »Im Namen der Philosophie, im Namen der Menschlichkeit, der Freiheit, unter der Vernunft, wird es eben geschehen, daß Sie ein solches Ende nehmen werden; und alsdann wird doch wohl die Vernunft herrschen, denn sie wird Tempel haben; ja, es wird in derselben Zeit in ganz Frankreich keine anderen Tempel geben, als Tempel der Vernunft.«

»Wahrlich« – sprach Chamfort mit einem höhnischen Lächeln – »Sie werden keiner von den Priestern dieser Tempel da sein.«

Cazotte erwiderte: »Dies hoffe ich; aber Sie, Mr. de Chamfort, der Sie einer derselben sein werden und sehr würdig sind, es zu sein, Sie werden sich die Adern mit 22 Einschnitten mit dem Schermesser öffnen, und dennoch werden Sie erst einige Monate darauf sterben.«

Man sieht sich an und lacht wieder. Cazotte fährt fort:

»Sie, Mr. Vicq. d’Azir[148], Sie werden sich die Adern nicht selbst öffnen; aber hernach werden Sie sich dieselben an einem Tage sechsmal in einem Anfall von Podagra öffnen lassen, um Ihrer Sache desto gewisser zu sein, und in der Nacht werden Sie sterben.«

»Sie, Mr. Nicolai[149], Sie werden auf dem Schaffot sterben.«

»Sie, Mr. Bailly[150], auf dem Schaffot.«

»Sie, Mr. de Malesherbes[151], auf dem Schaffot.«

»Gott sei gedankt!« – ruft Mr. Roucher[152] – »Es scheint Mr. Cazotte hat es nur mit der Akademie zu tun; er hat eben ein schreckliches Gemetzel unter ihr angerichtet: ich – dem Himmel sei es gedankt ...«

Cazotte fiel ihm in die Rede: »Sie? – Sie werden auch auf dem Schaffot sterben.«

»Ha! was gilt die Wette?« – ruft man aller Orten aus – »er hat geschworen alles auszurotten.« Er: »Nein, ich habe es keineswegs geschworen.«

Die Gesellschaft: »So werden wir denn von Türken und Tartaren unterjocht werden? Und dennoch –«

Er: »Nichts weniger; ich habe es Ihnen schon gesagt, Sie werden alsdann allein unter der Regierung der Philosophie und der Vernunft stehen. Die, welche Sie so behandeln, werden lauter Philosophen sein, werden immer dieselben Redensarten führen, die Sie seit einer Stunde auskramen, werden alle Ihre Maximen wiederholen, werden, wie Sie, die Verse Diderots und der ›Pucelle‹ anführen.«

Man sagte sich ins Ohr: »Sie sehen wohl, daß er den Verstand verloren hat (denn er blieb bei diesen Reden sehr ernsthaft). Sehen Sie nicht, daß er spaßt? – Und Sie wissen, daß er in alle seine Scherzreden Wunderbares einmischt.«

»Ja!« sagte Chamfort, »aber ich muß gestehen, sein Wunderbares ist nicht lustig; es ist allzu galgenartig. Und wann soll denn dies alles geschehen?«

Er: »Es werden nicht sechs Jahre vorbeigehen, daß nicht alles, was ich Ihnen sage, erfüllt ist.«

»Dies sind viele Wunder« (diesmal war ich es, nämlich Laharpe, der das Wort nahm) – und von mir sagen Sie nichts?«

»Bei Ihnen,« antwortete Cazotte, »wird ein Wunder vorgehen, das wenigstens ebenso außerordentlich sein wird: Sie werden alsdann ein Christ sein.«

Allgemeines Ausrufen! »Nun bin ich beruhigt,« rief Chamfort, »kommen wir erst um, wenn Laharpe ein Christ ist, so sind wir unsterblich.«

»Wir, vom weiblichen Geschlecht,« sagte hierauf die Herzogin von Grammont, »wir sind glücklich, daß wir bei der Revolution nichts gelten werden. Wenn ich sage ›nichts‹, so heißt das nicht so viel, als ob wir uns nicht ein wenig darein mischten; aber es ist so Brauch, daß man sich deswegen nicht an uns und unser Geschlecht hält.«

Er: »Ihr Geschlecht, meine Damen, wird Ihnen diesmal nicht zum Schutze dienen, und Sie mögen noch so sehr sich in nichts mischen wollen, man wird Sie gerade wie die Männer behandeln und in Ansehung Ihrer keinen Unterschied machen.«

Sie: »Aber was sagen Sie uns da, Mr. Cazotte? Sie predigen uns ja das Ende der Welt.«

Er: »Das weiß ich nicht; was ich aber weiß, ist, daß Sie, Frau Herzogin, werden zum Schaffot geführt werden, Sie und viele andere Damen mit Ihnen, und zwar auf dem Schinderkarren, mit auf den Rücken gebundenen Händen.«

Sie: »In diesem Falle hoffe ich doch, daß ich eine schwarz ausgeschlagene Kutsche haben werde.«

Er: »Nein, Madame! Vornehmere Damen als Sie werden auf dem Schinderkarren, die Hände auf den Rücken gebunden, geführt werden.«