Part 18
In Königsberg kam ich in das Haus des Planinspektors. Er übergab mir dann einen Brief von dem Herrn Concentius an Herrn Abegg und ein paar Zeilen an den Geheimenrat Simson und an den Herrn Oberhofprediger in Königsberg. Letzterer nahm mich sehr gütig auf und fragte mich, ob ich derjenige sei, von dem er schon so vieles gehört habe? Er wünschte meine Geschichte zu wissen, ich antwortete aber: sie sei zum Erzählen zu weitläuftig, aber ich habe alles zu Papier gebracht, um es dem Könige zu übergeben und wolle es ihm zum Durchlesen bringen.
Er las das Ganze durch und sagte dann: »Wollte doch Gott, daß alles das geschehe, was hierin geschrieben ist!« Darauf bot er mir seine Hilfe an, insofern ich ihrer bedürfe.
Da ich den König selbst zu sprechen wünschte, gab er mir den Rat, meinen Aufsatz am folgenden Tage dem Könige beim Exerzieren zu überreichen, so sich dazu die beste Gelegenheit finden werde. Ich antwortete ihm, ich scheue mich gar nicht vor dem König und wolle also lieber zu ihm ins Schloß gehen. Er hieß auch dies gut und bot mir noch einmal seine Hilfe an, wenn ich ihrer bedürfe. Als ich ans Schloß kam, standen so viele Offiziere da, daß ich nicht hinein gehen wollte; ich wartete also die Wachtparade ab. Indes hatte aber ein Offizier, der mich kannte, dem General Göcking gesagt: Müller sei da! Darauf kam dieser zu mir und fragte mich, was ich wolle? Ich bat ihn, mich beim Könige zu melden; aber er antwortete: das gehe nicht wohl an! Darauf wurde mich der Bruder des Königs gewahr. Zugleich sagte man mir, wenn ich etwas Schriftliches bei mir hätte, so sollte ich es nur abgeben, es werde besorgt werden. Ich gab also das Schreiben dem General Göcking und bemerkte dabei, daß es ja der König selbst erhalte. Wenn es dem Könige zu schwierig sein sollte, so möge er den Königsberger Oberhofprediger und noch irgendeinen andern Geistlichen dazu nehmen. Man versprach mir dies alles zu bestellen.
Am andern Tage kam der Graf Brühl zu mir und brachte mir vom Könige einen Louisdor; ich wollte ihn aber nicht nehmen. Er behauptete, ich =müsse= ihn nehmen, denn er habe Befehl vom Könige ihn mir zu geben. Zugleich erzählte er mir, die beiden Oberhofprediger, sowohl der von Berlin, als der von Königsberg, seien berufen worden. Der erstere habe aber die ganze Sache verworfen, und nichts daraus gemacht. »Die Herren meinen,« setzte Graf Brühl hinzu, »wenn sie nur in Berlin wären, so seien sie im Himmel!«
Am Himmelfahrtstage bezog sich der Oberhofprediger in Gegenwart der königlichen Prinzen in seiner Predigt auf meine Angelegenheit und wünschte, daß Gott alle Herzen regieren möge, damit alle sich bekehrten, denn sie sähen ja deutlich, die Hand des Herrn aufgehoben, sie zu strafen[134].
Am zweiten Tage danach kam der Graf Brühl zu mir und sagte: Der Hofmeister des einen königlichen Prinzen, der Geheimerrat Reimann, wünschte sehr mich zu sprechen, ich möchte doch also in das Graf Brühlsche Haus kommen, der genannte Hofmeister werde auch hinkommen. Doch stehe es in meinem Willen. Ich ging an demselben Abend 4½ Uhr hin und fand den Hofmeister und noch einen Offizier. Beide verlangten, ich solle ihnen die ganze Sache noch einmal erzählen, sie wollten sie aufsetzen, sie dem Könige, bei dem sie täglich wären, vortragen und dafür sorgen, daß sie nicht vergessen werde. Der Offizier, dessen Namen ich aber nicht weiß, mußte nun aufschreiben. Ich erzählte ihnen in drei verschiedenen Tagen alles vom Anfang bis zu Ende. Als alles aufgeschrieben war, las der Hofmeister es durch und sagte, dies sei eine Geschichte, wie keine besser in der Bibel stehe.
Er verlangte nun von mir zu wissen, was das oben angeführte fremde Wort bedeute? Ich antwortete: daß ich das nicht wisse. Er verstehe ja mehrere Sprachen, müsse es also wohl besser wissen, als ich. Dann fragte er, aus welcher Sprache denn das Wort sei? Ich antwortete: das wisse ich wohl, daß es griechisch sei. Dann besann er sich lange, und ich zeichnete ihm das Wort noch einmal vor, und die Krone dazu, gerade so, wie ich beide gesehen hatte. Darauf sagte er: das sehe er nun wohl ein, daß es ein griechisches Wort sei, auch wisse er nun, was es bedeute. Darauf bat er sich vom Grafen Brühl aus, das Schreiben mit nach Hause zu nehmen, mit dem Versprechen jedoch, es dem Grafen wieder zurück zu geben. – Mir gestand er, daß er bei der Königin im Anfange über meine Geschichte gelacht habe, jetzt aber einsehe, daß alles wahr sei, daß er nun nicht mehr darüber lachen werde. Auch wünschte er noch einmal mit mir zu sprechen, ehe ich fortginge.
Dann bat ich den Grafen Brühl, er möge mich mit dem Wagen, der nach Berlin gehe, abreisen lassen, aber er meinte, das werde mir zu beschwerlich sein, er wolle mir einen Freiplatz auf der Post besorgen. Wirklich tat er dies und ich hatte den Freiplatz schon abgegeben, als er sagte, ich könne noch nicht abreisen, weil das Reisegeld noch nicht beisammen sei. Ich holte mir also meinen Freiplatz von der Post wieder ab. Dann fragte mich aber Herr Abegg, ob ich denn wirklich am andern Tag abreisen werde? Ich erzählte ihm darauf den Vorfall mit dem Grafen Brühl. O, antwortete er, das kann noch lange so gehen! und redete mir dann zu, meine Reise zu beschleunigen, weil meine Frau so sehnlich nach mir verlange. Das nötige Reisegeld bot er selbst mir an und fragte mich deshalb, wie viel ich wolle? Zwanzig Taler, antwortete ich, aber er behauptete, daß ich damit nicht auskommen werde und gab mir fünfunddreißig Taler. Hierauf nahm ich Abschied beim Grafen Brühl und beim Oberhofprediger und beide versprachen mir, sie wollten gern alles anwenden, um die gute Sache zu fördern.
Am ersten Pfingsttage abends um 7 Uhr reiste ich mit der freien Post von Königsberg ab bis Berlin. Von Berlin bis Nürnberg bezahlte ich das Postgeld, von Nürnberg aus machte ich den Weg zu Fuße. Meine ganze Reise dauerte gerade drei Wochen. Die Meinigen fand ich gesund.
(Unterschrieben) Hautz, Pfarrer in Meckesheim. Johann Adam Müller.«
(Soweit das Protokoll.)
Außer obigem langem Protokoll hat Müller noch Briefe an den König Friedrich Wilhelm III. von Preußen verfaßt, in denen er immer wieder die Notwendigkeit betont an Gott und Christus zu glauben und mit biblischen Phrasen aufs verschwenderischste umgeht. Mit dem nichtssagenden Gefasel würden wir uns nicht weiter befassen, wenn nicht auch Stellen in den Briefen enthalten wären, die sich auf die seinerzeit dem König gemachten Prophezeiungen beziehen und beweisen, daß tatsächlich eine =ganze Reihe von ihnen in Erfüllung gegangen ist=. Es läßt sich durchaus nicht annehmen, daß ein Mann wie Müller, der nach Berichten, aber auch nach dem ganzen Tenor seines »Protokolles« zweifellos an seine Mission glaubte – warum hätte er sonst ohne Geld und Paß die weite Reise gewagt, was ihm doch neben der Trennung von Frau und fünf Kindern auch berufliche Schädigung brachte? – daß ein solcher Mann es hätte wagen sollen, sich auf Prophezeiungen zu beziehen, die er gar nicht gemacht hatte. Aber selbst wenn er diese ungewöhnliche Frechheit besessen hätte, so würde der König sie zweifellos haben zurückweisen lassen statt ihm zu danken.
Wir entnehmen dem Briefe Müllers vom 28. Januar 1815 an den König folgenden Passus[135]:
... Ihro Majestät, es wird Ihnen noch wohl bekannt sein, wie mich Gott zu Ihnen gesandt im Jahre Christ 1807, wie ich nach Königsberg gekommen bin, da wurde ich zum General Rüchel und Herrn General Blücher und sonst noch zu vielen Herren geführt, mit welchen ich wegen dessen sprach, um welches willen mich Gott zu Ihnen gesandt hatte. Dann hat der General Rüchel mich bei Ihro Majestät der Hochseeligen Königin gemeldet, und sie ließ mich bei sich kommen. Da ich mit ihr gesprochen hatte, da war Freude über Freude. Auch der Kronprinz hat mit zugehört, welcher noch alles wissen wird, was ich mit seiner seligen Frau Mutter gesprochen habe.
Da mich Gott mit seiner großen Vatergüte vor Sie gestellet hat, um mündlich mit Ihnen zu reden, was Sie tun sollten, habe ich Sie dabei getröstet, daß =Sie ein größeres Reich bekommen sollten, als Sie je gehabt, und daß Frankreich in drei Teile geteilt werden solle, und daß Zion und Jerusalem gebauet werden soll=, welches alles Sie mir als König heilig zugesagt haben. Ich habe es auch öfters schriftlich eingegeben und von Ihnen zur Antwort erhalten, daß Sie das Gute nicht verkennen wollten.
Und die =drei Schlachten in Sachsen, welche mir Gott vorher gezeigt, daß Sie und Ihre Majestät der Kaiser von Rußland selbst dabei sein werden (habe ich Ihnen vorausgesagt). Sie sollten nur nicht verzagen, der Feind werde überwältigt werden=.
Und daß mich der Hofmeister der Prinzen zum letztenmal verhört und alles zu Papier genommen hat, woran wir drei Tage gearbeitet. Dann hat der Hofmeister zu mir gesagt: »Müller, wenn wir aber mit allen Mächten Frieden halten und alles gehen lassen, so kann das nicht geschehen, was er hier sagt.« Da sagte ich zu dem Hofmeister: »=Sie mögden machen, was Sie wollten, es würde doch geschehen=[136].«
Müller erzählt dann noch einige religiöse Erlebnisse, um endlich noch folgende Vision (oder Traum) zu berichten:
»Ihro Majestät von Preußen, ich will Ihnen kund tun, daß ich eine Erscheinung gehabt habe und mir Gott zu wissen getan hat im Jahr Christi 1814 in der Christnacht, da mir der Geist Gottes erschien. Ich war da in einem großen Saale. Da sprach einer zu mir: Müller, ist er auch hier? Ich antwortete: Ja! Dann sagte der Mann zu mir: ich werde vor die Herren kommen.
Nun stand ich auf einem großen ebenen Felde. Da sind Sie, der König von Preußen, und der König von Hannover und der König von Würtemberg und der König von Baiern gegenwärtig gewesen, und es sind vier Pfähle aufgerichtet worden. Da es aber an den 4ten kam, so wollte der König von Baiern diesen nicht aufrichten lassen. Der Geist des Herrn sprach aber: Es =muß= sein! da ist es denn geschehen.
Eine Weile nachher war der König von Baiern sehr freundlich.
In der zweiten Christnacht erschien mir der Geist des Herrn abermals und brachte mich auf eine Anhöhe. Da sahe ich eine so fürchterliche Schlacht, daß ich vor lauter Feuer zuletzt nichts mehr erkennen konnte. Dann zogen sich die Deutschen von einander und die Franzosen drangen hinein, aber über eine kleine Weile sprach der Geist des Herrn:
=Die Franzosen sind alle gefangen[137]!=«
Da der Brief, den wir hier abbrechen wollen, verloren ging, schickte am 12. März Müller ein Duplikat, dessen Empfang der König bestätigt:
»Ich schätze den religiösen Sinn, welcher den Johann Adam Müller seine Erbauung in der heiligen Schrift finden läßt und lasse auf seine Eingabe vom 12ten d. M. seinen guten Gesinnungen Gerechtigkeit widerfahren.
Wien den 29sten März 1815.
Friedrich Wilhelm[138].«
Unzweifelhaft ist der Brief erstaunlich kühl. Wenn auch kein Mensch dem König zumuten kann, daß er an dem biblischen Bombast der Müllerschen Diktion Gefallen fand, so hätte er doch immerhin anerkennen können, daß eine Reihe von Vorhersagen eintrafen, als niemand es geahnt hatte. Der Gedanke, der König, nun wieder im Glück, habe Müller so gern vergessen, wie die seinem Volke versprochene Verfassung, liegt ja allerdings nahe.
Für uns hat diese Korrespondenz den großen Wert, dokumentarischer Beweis dafür zu sein, daß Müller mit dem Hofe wirklich in Verbindung stand und – das wird wohl der größte Skeptiker zugeben müssen – zum wenigsten sich selbst für einen Seher gehalten hat.
Eine nicht uninteressante Wiederholung der Prophezeiungen enthält auch der Brief, den Müller am 4. August an den König Friedrich Wilhelm schrieb und auf den er ihm unterm 15. August von Paris aus noch kürzer dankt. Der einschlägige Passus lautet[139]:
»Da sagte ich Ihnen, =daß Gott Sie und Sr. Majestät den Kaiser von Rußland ausersehen hätte, Frankreich zu demütigen und die Völker zu befreien; daß sie Mut und Vertrauen zu Gott, zu sich und zu Ihrem treuen Volke fassen sollten und daß Gott Sie und Ihr Reich größer als je machen wollte, wenn Gott und sein Wort wieder in Ihrem Lande gefürchtet und geehrt würde=.
=Damals in Königsberg hat mir auch die Erscheinung den Zug der nordischen Völker nach Frankreich und die Vernichtung des französischen Adlers gezeigt, ferner daß Ew. Majestät bei einer Schlacht in den sächsischen Gebirgen, wo Sie selbst kommandieren, den Feind besiegen würden usw.=«
Nach einem ganzen Schwall biblischer Reminiszenzen fährt der Bauer fort: »Monarchen! Gott rufet Ihnen durch meinen Mund zu, was Sie tun sollen =und bevor das nicht geschehen ist, wird keine Ruhe werden auf Erden=.
=Sie sollen Frankreich in drei Teile teilen=, es soll nicht mehr Frankreich heißen, sondern mit einem andern Namen benannt werden.
=Sie sollen dem Könige von Frankreich die Krone nicht geben, auch nicht dem jungen Napoleon=, damit diese nicht eine Geißel werden über ganz Europa, wie Gott den Jehu wider Joram und Ahab gewendet hat. Gott hat befohlen und ich rufe es Ihnen in seinem Namen zu: Es ist ein Wort der Gerechtigkeit, dabei soll es bleiben, er hat uns alle berufen, daß wir seinen Willen ausrichten wie die Engel im Himmel.
Sie sollen, das hat mir die Erscheinung schon 1807 kund getan, zur Erinnerung für ewige Zeiten eine Bundesstadt erbauen, in derselben sollen die vier Monarchen: Preußen, Rußland, Österreich und England alle Jahr einmal zusammen kommen, sich über das Wohl ihrer Völker beraten und sollen alle gleichmäßig von hieraus über Frankreich herrschen.
Ich habe den Plan der Stadt, die nach Gottes Befehl Neujerusalem und die dabei liegende Burg Zion genannt werden soll, so wie sie mir die Erscheinung gezeigt und mich darin umhergeführt hat, auf Papier gezeichnet und gedachte sie Ihro Majestät dem Könige von Preußen bei Ihrer Durchreise zu übergeben....«
Am 7. Oktober 1815 schrieb Müller noch einen dritten Brief an den König[140], in dem er wieder an seine Königsberger Prophezeiungen erinnert, die dem König im tiefsten Elend künftige Größe vorhergesagt habe. Er kommt wieder auf die Vierteilung Frankreichs und auf die Bundesstadt zurück und prophezeit, daß »alle Religionen sich zur Anbetung eines Gottes und Jesu Christi bekennen werden.«
Er beruft sich – mit Recht – auf die zahlreichen eingetroffenen Vorhersagen, die niemand glauben wollte – zuletzt habe er noch den Krieg von 1815 durch eine Erscheinung voraus gesehen – und stellt das Eintreffen der anderen in Aussicht.
Er bittet den König, ihn wiederum zu empfangen wie 1807 in Königsberg.
Der König lehnte in einem Schreiben, das Berlin, den 27. Oktober 1815 datiert ist, das Gesuch ab. Wir können es ihm nicht verübeln, denn wenn es überhaupt etwas gibt, was selbst den Sanftesten zur Raserei bringen kann, dann sind es die schwülstigen mit biblischen Zutaten durchsetzten Expektorationen Müllers. Hie und da möchte man glauben, er sei vom religiösen Wahnsinn befallen worden. Aber ob uns dieser ungebildete und ehrliche, recht selbstbewußte Bauer sympathisch ist oder nicht: die Billigkeit fordert es seine Vorhersagen zu prüfen.
Und da finden wir denn, daß, abgesehen von denen, die sich auf Frankreichs Teilungen beziehen und einige religiösen Inhalts, fast alles in Erfüllung ging.
Wir tun am besten das Urteil Ehrlichs, der sich eingehend mit der Person Müllers und seine Vorhersagen beschäftigt, nachstehend wiederzugeben.
Müller hatte, wie so oft die ehrlichen Seher, nur den einen Wunsch, daß die =Wahrheit= und nichts als sie über ihn verbreitet würde. Deshalb kam er Ehrlichs Bemühungen, sie zu ergründen, durchaus entgegen. Letzterer sammelte alles, was Müller betraf, vollständig[141].
Wie er dazu kam, erzählt er auf S. 5 ff. der Vorrede seiner Geschichte dieses Mannes. Als er im Jahre 1807 und 1808 in Königsberg bei der preußischen Königsfamilie weilte und merkte, daß Geheimrat Reimann, der Erzieher des Prinzen Friedrich, über ihn lachte, sagte er: »Ich sage und tue, was ich muß und kümmere mich weiter um nichts.« Auf Reimanns Einwendungen hin sagte er: »Von dem allen verstehe ich nichts; aber es wird doch so kommen, wie ich gesagt habe, denn der Geist, der es mich versichert hat, kann nicht lügen, und ich habe es durch denselben ja selbst =gesehen=.« Endlich veranlaßte diese Sicherheit Müllers doch Reimann, die Sache ernst zu nehmen. Er verfaßte also ein langes Protokoll über Müllers Aussagen, das er sorgfältig aufhob und das nach seinem Tode in die Hände Ehrlichs gelangte.
Letzterer war sich über die Ehrlichkeit Müllers klar. Im Lobe seiner Redlichkeit, Mäßigkeit und Arbeitsamkeit stimmten alle überein, besonders der Pfarrer Hautz in Neckargemünd, der sehr lange in Müllers Geburtsort Meckersheim Pfarrer gewesen war, versicherte, daß er eine treue und ehrliche Seele war. Auch andere Pfarrer, die ihn kannten, bestätigten dies Urteil. Die Frage, ob er ein Betrogener oder Schwärmer sei, beantwortet er damit, daß Müller =das Glück Preußens zu einer Zeit voraussagte, als es im allertiefsten Unglück war=. Das hatte er damals schon felsenfest selbst gegen die Einwürfe des Königs und der Königin behauptet, wiewohl man seine Aussagen albern und unmöglich nannte. Im Laufe der Zeit aber sollte er nicht nur in der Hauptsache recht behalten, sondern selbst in Nebenumständen.
=Der Krieg Frankreichs von 1812 mit Rußland, Frankreichs Niederlage und der ungeheure Brand Moskaus, die Verfolgung durch die Russen, der Enthusiasmus des preußischen Volkes für Freiheit und König, Preußens Krieg mit Frankreich und die Besiegung der Franzosen, bei welcher namentlich Schlachten in Sachsen erwähnt sind, in denen der König von Preußen und der Kaiser von Rußland kommandieren würden. Ferner der Übergang der Deutschen über den Rhein, Müllers persönliche Begrüßung des Königs bei dieser Gelegenheit=, das und noch manches andere steht in diesen Papieren, die schon 1807 auf 1808 für den preußischen Hof niedergeschrieben wurden.
Ehrlich so gut wie die über Müller befragten Pfarrer waren sich darin einig, daß sie am liebsten die Prophezeiungen Müllers fortgeleugnet hätten. Aber es ging nicht, da so manches, was früher lächerlich erschienen war, später in Erfüllung ging.
Ehrlich genoß in kurzer Zeit Müllers Vertrauen, daher kann er wertvolle Nebenumstände mitteilen. Als er am 4. Januar 1815 das Gespräch auf seine neuesten Erscheinungen brachte, erzählte er, daß bald ein blutiger Krieg mit Frankreich ausbrechen werde.
»Gerade damals fanden sehr =ernste= Spannungen zwischen Österreich, Preußen, Bayern, Rußland, Frankreich usw. statt; ich bezog daher – =politisch vernünftelnd= – alles, was er mir sagte, =darauf=, und wünschte =seine= Gründe zu wissen, weshalb er so =bestimmt glaube=, daß es zum Kriege unter den Erwähnten kommen müsse. Er lächelte aber ruhig und heiter, gerade wie ein Mensch, welcher jenseits der Wolken und Stürme sicher steht, über mein Vernünfteln, Politisieren und Zweifeln, und sagte zuletzt:
›=Ja, das verstehe ich alles nicht, aber der Geist hat mir gesagt, daß es wieder Krieg mit Frankreich gibt, und das bald!=‹
Er besuchte mich seit der Zeit sehr oft, =ungeachtet ich ihm – absichtlich! – nie ein Geschenk gab und jedesmal sein Gegner war und blieb=[142].
Allmählich ließen die Spannungen auf dem Wiener Kongreß nach. Die Angelegenheiten mit Polen, Sachsen usw. kamen eine nach der andern in Ordnung, und ein tiefer Friede wurde (dem Anschein nach) mit jedem Tage gewisser. Jetzt durfte Müller nur die Türe öffnen, so scherzte ich schon mit ihm und spöttelte (jedoch freundlich heiter!) über =seinen baldigen blutigen Krieg gegen Frankreich=. Sein Benehmen dabei blieb sich immer gleich. Er erzählte nämlich stets aufs neue seine Erscheinungen in den Weihnachtsträumen, und schloß jedesmal damit: ›=Sie werden sehen, daß alles zutrifft, und das bald! Denn der Geist kann nicht lügen!=‹
Endlich in den ersten Tagen des März 1815 kam er abermals zu uns; diesmal um Abschied von uns zu nehmen, weil wir verreisen wollten. Jetzt war, nach =aller Vernünftigen= Meinung, an gar keinen Krieg mehr zu denken! Ich scherzte wie gewöhnlich mit ihm; ergriff ihn unter anderm am Kinn und wiegte schäkernd seinen Kopf hin und her mit den Worten: ›=Nun, mein lieber Müller! Nun ist es mit dem blutigen Kriege gegen Frankreich rein aus, denn jetzt ist tiefer, tiefer Friede!=‹ (Zugleich erzählte ich ihm den ganzen Stand der politischen Verhältnisse.)
Er hörte mich ganz aus, antwortete dann aber mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit: ›=Und ich sage Ihnen, nun dauert’s gar nicht lange mehr! Nun geht’s gleich los in Frankreich.=‹
Wir lachten gegenseitig über unsere, so höchst verschiedenen Behauptungen, schieden aber, wie immer, als gute Freunde voneinander.
Am Nachmittage desselben Tages ließ unsere Reisegesellschafterin uns bitten, die beabsichtigte Reise noch einige Tage auszusetzen, weil sie sich nicht ganz wohl befinde. Wir willigten ein. Ehe aber noch ihre Kränklichkeit völlig gehoben war, erfuhren wir schon aus den öffentlichen Blättern, daß Napoleon in Frankreich gelandet sey. In demselben Augenblicke, in welchem ich dies las, strafte ich mich selbst durch den unwillkürlichen Ausruf: =Nun hat Müller doch recht!= –
Jetzt begriff jedermann, daß ein =Krieg=, und wahrscheinlich ein =sehr blutiger= Krieg entstehen =müsse=. Die Reihe wäre also nun an Müllern gewesen, =uns auszulachen=, aber er tat es =nicht=, sondern sagte bloß – etwa wie ein Mensch, dem man etwas abgestritten hat, was er =doch vor Augen sah=: – ›=Ich sagte es Ihnen ja immer! Geschehen mußte es durchaus! Denn – Gott kann ja nicht lügen.=‹«
Soweit der Bericht Ehrlichs. Wir sperrten nur die Stellen, die auch im Original gesperrt sind.
Ferner versicherte Müller, daß die Gegend von Mannheim und Heidelberg in diesem Kriege von 1815 vom Feinde verschont bleiben werde. Aber auch diese Prophezeiung war außerordentlich gewagt und keineswegs, wie der Zweifler in solchen Fällen gern annimmt, Resultat einer Wahrscheinlichkeitsrechnung. Denn diese Gegend war damals fast ganz von Truppen entblößt, die russische Armee noch sehr weit zurück und, wie leider unsere Geschichte lehrt, der Weg den Franzosen nur zu gut bekannt. Deshalb zitterte alles vor der drohenden Gefahr. Und doch behielt Müller recht. Daß die mit Haut und Haar dem Dogma der Unmöglichkeit jeglicher Prophetie Verschriebenen =nachher= sagten, es hätte so kommen müssen, ist selbstverständlich.
Ehrlich betont ausdrücklich, daß er weder für noch gegen Müller Partei ergreife, sondern nur Tatsachen berichte und es jedem überlasse, darüber zu denken, was er wolle. Ehrlich weist daher auch ruhig auf die Irrtümer Müllers hin.
Die Erscheinung, die er in den Weihnachtsnächten 1814 hatte, stimmen vollkommen mit den Begebenheiten des 16. und 18. Juni 1815 überein. Aber die zweite Schlacht zwischen Elsaß und Lothringen, die Müller vorhergesehen hatte, wurde nicht geschlagen, weil die außerordentlichen Leistungen der Preußen Napoleon entscheidende Niederlagen beigebracht hatten. Sie wäre wahrscheinlich gewesen, aber sie war nicht wirklich. Ebenso wäre es in jeder Beziehung besser gewesen, Napoleon wäre damals gefallen, wie Müller wahrsagt bzw. andeutet, als er ihn mit seinen Generalen am Rande eines frischen Grabes stehen sah. Und doch erfüllte sich diese, wie wir gleich sehen werden falsch interpretierte, Vision nicht. Wie wir ja bei allen Wahrsagern die Beobachtung machen, daß hie und da ein Spruch nicht in Erfüllung geht.
Dem »Protokoll« sind noch einige Visionsberichte mit Müllers Unterschrift aus den Jahren 1815 und 1816 angereiht. Daß die Prophezeiung von Napoleons Grab nicht in Erfüllung ging, hatte bereits Ehrlich konstatiert.
Wir lassen hier den Bericht (S. 120 f.) folgen:
»Am 18. April 1815, Dienstag nachts um 12 Uhr, brachte mich der Geist des Herren auf eine Anhöhe im Elsaß und zeigte mir ein frischgemachtes Grab mit den Worten: ›Es sei für Napoleon. =Er wird gleich selbst kommen!=‹ setzte der Geist hinzu.