Prophezeiungen

Part 17

Chapter 174,042 wordsPublic domain

Des andern Tages (Sonntags) trank ich erst in einem Wirtshause ein Glas Branntwein[128]. Hier traf ich zwei preußische Soldaten, die sich selbst ranzioniert hatten. Sie erkundigten sich, wo ich hinwollte? Ich antwortete: nach Danzig. Sie baten mich bis Mittag zu warten, weil sie dann mit mir gehen wollten, und ich blieb. Ich ging indes in die Kirche. Während dem hatten die Bauern den Soldaten gesagt, ich sei ein Spion, sie mögen mich daher nach Kolberg abliefern. Es wurde auch wirklich ein Wagen bestellt, auf welchen ich mich mit den 2 Soldaten setzte. Man tat mir aber nichts zuleide. Im nächsten Dorfe, wo der Wagen gewechselt wurde, wollte einer der Soldaten mich mit Gewalt von dem Wagen reißen, aber er zerriß bloß meine Hutschnur. Ich sagte ihm er solle sich nicht unterstehen, mir etwas zuleide zu tun. Sie mögen mich zu den Preußen oder zu den Franzosen führen, ich werde mich allenthalben verantworten. Die Bauern drohten mir auf allerlei Art. Ein dabeistehender Edelmann aber sagte, sie sollten mich zufrieden lassen, sie sähen ja, daß ich mich gutwillig in alles ergäbe. Da ließen sie mich ruhig. In der Nacht kamen wir in ein anderes Dorf. Der Edelmann wollte uns aber nicht die Nacht dabehalten, auch keinen Wächter hergeben mich zu bewachen. Der eine von den 2 Soldaten wurde also grob gegen ihn und gegen mich und schlug mich mit seinem Stock über die Nase, daß sie blutete[129]. Der Edelmann fragte mich, ob es mir wehe täte? Ich antwortete aber: Nein. Auf des Edelmanns Befehl ward ich durchsucht, ob ich etwas Verdächtiges bei mir habe? Man fand aber nichts. Der eine Soldat versuchte meinen Stock zu zerbrechen, weil er glaubte, daß darin etwas verborgen sei. Er konnte es aber nicht und der Edelmann bemerkte, wenn er hohl sei, wäre er schon längst gewiß zerbrochen. Der Mann, setzte er dann gegen die Soldaten hinzu, ist ehrlicher als Ihr! Mir gab er jetzt ein Glas Branntwein. Als nun der Soldat immer noch drohte, er wolle mich erstechen, tröstete mich der Edelmann, das solle nicht geschehen dürfen, denn er werde mir zu meinem Schutze einige Bauern zu Pferde mitgeben. Dies geschah auch und zwar 1½ Meile von Rügenwalde.

In einem der folgenden Dörfer, wohin wir morgens um 2 Uhr abfuhren, bekamen wir einen frischen Wagen und wieder einige Bauern zur Wache. Bei Rügenwalde erhielten wir abermals eine frische Fuhre, die uns bis ein an der See liegendes Dorf brachte. Die Soldaten begehrten wieder eine Fuhre, der Schulze aber verweigerte sie. Der eine Soldat schimpfte darauf, und der Schulze drohte, ihn den Polacken zu überliefern. Wir gingen nun an den Strand hin gegen Stolpmünde, aber ich bedauerte insgeheim, mit einem so rohen Menschen gehen zu müssen, und bat Gott, mich von ihm zu erlösen. Nach einer halben Stunde zeigte der Soldat Lust, sich in die See zu stürzen. (Man meinte überhaupt, er sei nicht recht bei Verstand.) Sein Kamerad verwies ihm sein Betragen. Bisher, sagte er, hast du diesen (auf mich deutend) umbringen wollen, und nun willst du dich selbst töten. Du siehst daraus, was für ein böser Mensch du bist. Bald nachher fiel der andere Soldat im Gehen um und konnte auf keinem Fuße mehr stehen. Wir suchten ihm zu helfen, aber es ging nicht. Er bat daher seinen Kameraden, er möge dem Schulzen des nächsten Dorfes auftragen, ihn durch eine herausgeschickte Fuhre nachholen zu lassen. Der Soldat tat dies aber nicht. Ich erinnerte ihn zwar daran, er antwortete mir aber: Nein! Denn jener habe durch sein Betragen deutlich genug gezeigt, daß er nicht besser als ein Vieh sei. Auch wäre er schuld, daß ich so schlimm behandelt sei, er habe dafür von den Bauern Geld genommen. In Stolpmünde, in einem Wirtshause, trafen wir den Bedienten eines gewissen Herrn Inspektors. Der Bediente hatte von mir gesprochen. Der Herr Inspektor ließ mich also in der Nacht des Ostersamstags zu sich kommen. Ich erzählte ihm meinen Auftrag und mein Geschäft und blieb bis 2 Uhr morgens bei ihm. Ich sollte noch länger bei ihm bleiben, aber ich wollte nicht. Er erbot sich dazu, daß auch er sich vor dem Könige stellen wolle, wenn derselbe mir etwa nicht glauben wolle.

Es hieß, 3 Meilen unter Stolpmünde werde ein Schiff nach Danzig abgehen, es war aber keins da. Ich wurde also mit mehreren preußischen Soldaten, die sich selbst ranzioniert hatten, die Osterfeiertage über einquartiert. Am Osterdienstag hieß es, es werde ein Boot ausgerüstet, mit welchem wir nach Danzig fahren sollten. Wir gingen also die See aufwärts und fanden da wirklich ein großes Boot. Man sagte uns aber, wir sollten einen günstigen Wind abwarten. Ich wurde also zu 6 preußischen Soldaten einquartiert. In der Nacht segelten die andern ohne uns 7 ab. Früher schon sagten sie, sie nähmen uns nicht mit, es sei denn, daß ich ihnen verspräche, daß sie glücklich nach Danzig kommen würden. Ich hatte ihnen aber geantwortet: »Daß ich glücklich ankommen würde, wisse ich gewiß; wenn sie also mit mir reiseten, würden sie ja auch wohl glücklich ankommen!« 6 Stunden nach ihrer Abreise ohne uns mußten sie aber widrigen Windes halber wieder zurück. Wir 7 gingen nun zu Fuß wieder nach Rügenwalde zurück. Hier trafen wir einen Husarenwachtmeister vom Schillschen Korps an. Er erkundigte sich zuvor nach mir bei den 6 Soldaten und bezeigte sich dann ungemein liebreich und freundlich gegen mich. Schon am folgenden Tage wurden wir auf einem Boote nach Kolberg eingeschifft. Zwar wollten die Soldaten es nicht leiden, daß ich mit in das Boot käme, aber der Wachtmeister jagte sie aus dem Boote und ließ mich hinein kommen. Alle Mitfahrenden bekamen die Seekrankheit, ich aber nicht.

In Kolberg wurden wir alle vor den Kommandanten geführt. Er fragte mich nach dem Zweck meiner Reise und lachte anfangs darüber, war aber doch nachher zur Fortsetzung meiner Reise sehr behilflich. So schickte er einen Korporal mit mir an das Schiff, damit auch ich mit denjenigen Soldaten, die unter Schill nicht dienen wollten, nach Pillau gebracht werde. Es war ein so großes Schiff, daß 118 Mann, mehrere Pferde und Gewehre darauf fahren konnten. Mit anbrechendem Tag fuhren wir fort; ich legte mich nieder, und jene 6 Soldaten legten sich zu mir.

Gleich am ersten Tage spotteten 6 Offiziere über Gott und alles, was heilig ist. Ich konnte es zuletzt nicht mehr anhören und bestrafte sie. Mich, sagte ich, könnten sie verspotten; aber über Gott sollten sie nicht spotten, sondern bedenken, daß sie auf einem gefährlichen Platze wären. Sie spotteten jetzt aber noch viel mehr und sagten: der besorgt gewiß, der Teufel werde ihn holen. Ich erwiderte: Mich holt der Teufel nicht, aber an euch könnte wohl die Reihe kommen. In der Nacht darauf kam in dem Schiffe Feuer aus, und brannte es bis in der Nacht um 1 Uhr. Der Jammer ward unbeschreiblich und stieg noch höher, als es hieß, die Schiffsleute wollten sich von dem Schiffe wegbegeben. Jetzt ermahnte ich sie zur Ruhe und zum Beten zu Gott um Hilfe, und versicherte sie, daß keiner von uns umkommen solle. Jeder legte sich nun wieder auf seinen Platz und in Zeit von einer halben Stunde war das Feuer aus; die brennenden Bretter wurden abgehauen und ins Wasser geworfen. (NB. die Offiziere, die so sehr gespottet hatten, beteten nun am lautesten.)

Nun wurde es so stürmisch, daß die Wellen hoch über das Schiff hinweg schlugen. Die Matrosen mußten sogar angebunden werden, damit das Wasser sie nicht mit fortrisse. Am andern Tage stieg ich bei heiterem Wetter auf das Schiff, um Tabak zu rauchen, hatte aber mein Pfeifenrohr verloren. Die Offiziere wollte ich nicht um ein Rohr ansprechen, damit sie nicht aufs neue Gelegenheit zum Spotten bekämen, deshalb wendete ich mich an 3 badische Soldaten, die vor Kolberg gefangen genommen waren. Kaum aber bemerkten dies die Offiziere, so litten sie es nicht, sondern gaben selbst mir eine Pfeife mit dem Zusatz: wenn ich nicht gewesen wäre, würden sie alle zugrunde gegangen sein. Der Schiffskapitän erwiderte: Dieser (mich meinend) hätte können glücklich davon kommen und doch ihr alle versaufen, denn solche Spötter habe ich noch nie gehört. Geschieht dergleichen aber wieder einmal, so werde ich die Spötter in die See werfen.

In Pillau wollte der Schiffer mich auf dem Schiffe behalten; der Schiffskapitän aber wollte mich mitnehmen. Der Kommandant gab es jedoch nicht zu, weil ich erst verhört werden müßte. Man brachte mich daher auf die Wache, wo ich drei Tage warten mußte, bis der zurück kam, der mich verhören sollte. Am ersten dieser 3 Tage kam ein Offizier dahin und ließ mich in das Zimmer des wachthabenden Offiziers holen. Da fand ich ihrer mehrere, die sich mit mir über meinen Auftrag unterredeten. Einer von ihnen, ein kleiner Mensch, setzte mir den bloßen Degen auf die Brust und fragte mich, ob ich glaube, daß dieser Degen mich durchbohren könne? Ich antwortete ihm: Das können Sie probieren! Am zweiten Tage kamen wieder andere Offiziere auf die Wache und ließen mich holen. Sie legten mir zwei bloße Degen auf den Kopf und ließen mich schwören, daß ich kein Spion sei, welches ich denn auch mit gutem Gewissen tat. Dann fragten sie: Wenn sie mich nun aber nicht zum Könige ließen, sondern mich wieder zurückschickten? Ich antwortete: Zum Könige käme ich doch, wenn sie mich auch wieder zurückschickten. Darauf antworteten sie: Nun, so sollte ich dann zum Könige kommen. Endlich kam ich ins Verhör zu einem Offizier, den ich aber weiter nicht kenne. Ich setzte ihm alles auseinander, und er schrieb es auf. Am folgenden Tage ging ich mit unbewehrten Soldaten nach Königsberg. Ein Junker hatte das Protokoll über mich bei sich und trug es, während ich mit den Soldaten in der Wachtstube blieb, zum General Rüchel. Nach einer halben Stunde kam dessen Bedienter, um mich zu seinem Herrn zu holen. Es war Mittagsessenszeit, als ich zum General Rüchel kam. In dem Zimmer, in welches ich gebracht wurde, fand ich viele Offiziere, russische, schwedische, englische und preußische. Auch sie fragten mich nach meinem Geschäfte. Ich sagte es ihnen. Dann wollten sie wissen, ob ich ihnen denn auch =alles= gesagt hätte. Ich antwortete: »Ein paar Worte könne und dürfe ich nur dem Könige selbst sagen. An sie sei ich nicht gesandt. Wollte der König sie ihnen aber sagen, so habe ich nichts dawider.«

Einer derselben führte mich in ein anderes Zimmer und gab mir zu essen und Wein. Wohl 5–6mal fragte er mich über meine gehabten Erscheinungen, ich antwortete ihm aber jedesmal die Wahrheit. Dann wurde ich ins Bedientenzimmer geführt. Am andern Tage sollte ich vor die Königin. Ein Bedienter des General Rüchel führte mich dahin. Ich fand wohl an 200 Offiziere. Man fragte mich, ob ich denn der Königin nicht =alles= sagen wolle? »Nein!« antwortete ich, »wenn ich aber mit dem Könige rede, so kann die Königin dabei mir zuhören.« Ich wurde dann wieder nach Hause gebracht, bis der König käme. Die Königin konnte dies aber doch nicht erwarten, sondern sie und ihre Schwester ließen mich an demselben Tage wieder holen.

Ich fand niemand in dem Zimmer, als die Königin, ihre Schwester[130] und einen Prinzen. Die Königin fragte mich, ob ich ihr denn nicht =alles= sagen wolle? Und warum nicht? Ich antwortete: »Es schicke sich nicht, ihr dasjenige früher mitzuteilen, was ich dem Könige zu sagen habe.« Sie versicherte mich dann, der König sei ein braver Herr, ich sollte mich nur gar nicht vor ihm scheuen, sondern ihm alles ohne Furcht sagen. Ich antwortete ihr, daß ich mich auch gar nicht vor dem Könige scheue. Darauf gab sie Befehl, daß man mir täglich 1 Gulden gebe, und daß der General Rüchel mich speisen sollte, bis der König komme. Auch sie selbst gab mir etwas Geld. Die Sache wurde dem Könige gemeldet, und am fünften Tage nachher kam derselbe nach Königsberg. In der Nacht um 10 Uhr ward ich zum Könige geholt. Er war mit der Königin ganz allein. Er stand mir zur linken und sie zur rechten Seite. Ich machte dem Könige mein Kompliment und bat ihn, er möge es mir nicht übelnehmen, daß ich, als ein geringer Mann, es wage, ihm Vorschriften zu geben, wie er seine Sachen einrichten solle. Der König klopfte mir auf die Achsel und sagte: ich solle ihm gar nichts verhehlen, sondern ihm alles sagen, er nehme es mir nicht übel. Da erzählte ich ihm, daß ich die verschiedenen Erscheinungen gehabt, und daß der alte Mann mir die Kapitel aus dem Jesaias gezeigt habe, die er lesen und darnach sein Land regieren sollte. Daß er ferner seine Untertanen durch die Geistlichkeit auffordern solle, Buße zu tun und sich zu bessern, weil sonst nicht Friede werden könne. Wenn aber dies geschehe, so werde es wieder besser werden. Frankreich werde in drei Teile geteilt[131] und die neue Stadt zum Gedächtnis erbauet werden.

Der König antwortete: Er allein könne das nicht und die Köpfe der Leute seien zu verdreht. Ich erwiderte: Er solle nur seine Schuldigkeit tun, ich wolle die meinige auch tun. Der alte Mann habe mich versichert, daß Gott den König und den Kaiser von Rußland dazu ausersehen hätten.

Täten sie es aber nicht, so werde Gott durch Hungersnot und Pest strafen, so daß von 100 Mann nur 10 übrig blieben, diese aber würden dann Gott die Ehre geben und sich bekehren. Der König versprach, er wolle seine Schuldigkeit tun. Es wurde auch an den russischen Kaiser geschrieben, auch war es bestimmt, daß er kommen wolle, so daß der König und gar viele Offiziere ihm entgegen ritten, aber er kam nicht. Der König griff in die Tasche und wollte mir Geld geben; ich bedankte mich aber, weil ich kein Geld nötig hätte. Meine Kost hätte ich beim General Rüchel, sagte ich, und die Königin habe schon befohlen, daß man mir des Tages 1 Gulden gebe, und das sei mehr als genug. Die Königin sagte jetzt, ich sollte jetzt künftig 2 Gulden haben, welches ich aber ausschlug. Der König sagte, ich möchte das Geld nur nehmen, es sei teuer in Königsberg und Geld brauche man doch immer. Darauf drückte mir die Königin das Geld in die Hand.

Der König gab mir nun zu erkennen, daß ich fortgehen möge. Ich tat es. Vor dem Zimmer stand die Schwester der Königin. Auch =sie selbst= kam mir nach und beide sprachen noch ¾ Stunden mit mir, befragten mich nach der Gegend von Wiesloch, sowie nach manchen Gastwirten[132], ob sie noch lebten. Dann ging ich wieder in das Haus des General Rüchel.

Da der russische Kaiser nicht kam, fuhr der König wieder fort von Königsberg. Ich ließ die Sache wegen des russischen Kaisers auf sich beruhen, weil doch der König versprochen hatte, es zu besorgen.

Am 4. Junius hatte ich wieder eine Erscheinung. Ich sah nämlich die Franzosen gegen Königsberg anmarschieren und bemerkte deutlich, woher sie kamen. Ferner, daß es eine heiße Schlacht gebe und daß man meinen werde, es sei alles verloren; daß man aber nicht zurückweichen solle, denn am 17ten werde alles wieder gewonnen werden. Unter anderm wurde mir befohlen, ich möge mit 6000 Mann auf das flache Feld gehen, wo mir denn der Feind in die Hände gegeben werden solle. Ich bat aber mich damit zu verschonen, weil, wenn auch alles so geschehe, die Ehre doch immer nicht Gott werde gegeben werden. Darauf antwortete die Erscheinung: so möge ich es denn gehen lassen, es werde alles wieder gut werden. Aber es kam so weit nicht; – denn es wurde Waffenstillstand gemacht.

Am 4ten Julius abends, als ich eben zu Bette gehen wollte und nur bloß die Beinkleider an hatte, kam ich auf einmal weg und wußte nicht, wo ich war. Es schien mir, als wenn viele Soldaten an mir vorüber marschierten, ein =Teil von Abend her=, ein anderer von =Mitternacht= her, alle aber gegen Frankreich. Morgens, beim Aufstehen, erzählte mir der Kammerdiener: es werde bald Friede sein. Ich antwortete: das werde nichts helfen, der Friede werde nicht lange dauern, denn ich hätte in der vergangenen Nacht die eben erwähnte Erscheinung gehabt. Der Kammerdiener erzählte dies dem General Rüchel und dieser dem Geheimrat Simson und dem Grafen Brühl. Vielleicht hat er es auch dem König erzählt, doch weiß ich dies nicht. Darauf ging ich am Tage vor dem Einmarsch der Franzosen in Königsberg mit dem General Rüchel und seinem Gepäcke von Königsberg ab nach Memel. In Memel wurden wir im Hause des Kaufmann Wachs einquartiert. Als bald nachher der General Rüchel seinen Abschied bekommen hatte, ging er mit seinem Kammerdiener zu Wasser nach Stralsund.

Sein Adjutant, ein Hauptmann, sollte mir nun das Geld, täglich 1 Gulden, ausbezahlen, wie die Königin befohlen hatte; allein ich forderte es nicht und er ging ab, ohne es mir zu geben. Die Bedienten und Pferde blieben da und ich mit ihnen.

Unser Quartier war in Wachsens Hofe. Da sie denn aber nach Pommern abgehen wollten, verlangten sie, ich sollte mit ihnen reisen. Ich antwortete, ich müsse es noch einmal mit dem Könige besprechen, wogegen sie meinen, ich solle doch lieber an ihn schreiben.

Wirklich schrieb ich nun an den König und gab den Brief seinem Kammerdiener, erhielt aber keine Antwort darauf. Der Geheimrat Simson fragte mich bald darauf, ob ich keine Antwort bekommen habe? und ich versicherte ihn: Nein! Ei, meinte er, wenn der König meinen Brief bekommen habe, so hätte ich gewiß auch Antwort erhalten, er wisse nicht wie das sei. Als ich einige Tage nachher wieder zu ihm kam, fragte er mich, wo ich mich jetzt aufhielte? Ich antwortete in Wachsens Hofe und setzte hinzu: es seien aber dort lauter Russen. Da sagte er, ich möge doch am nächsten Sonntage in Bachmanns Hoff (Haus) kommen, dort sei General Knobloch einquartiert, und der Graf Brühl werde auch dahin kommen. Ich ging also hin. Als sie gespeist hatten, redeten sie mit mir und befahlen mir am andern Tage wieder zu kommen; der General werde mir geben, was ich brauche und der Hof-Inspektor das Essen.

Etwa einen bis zwei Tage nachher kamen der Graf Brühl und der Geheimrat Simson zu mir und ratschlagten, wie es anzufangen sei, daß ich den König sprechen könne. Ich teilte ihnen alles mit, was ich wußte, und setzte hinzu, daß alles so kommen werde, wie ich gesagt hätte, folglich =schlimm=, wenn man nicht tue, was ich angedeutet habe. Endlich beschlossen sie, ich möge alles aufschreiben z. E. was ich für Erscheinungen gehabt habe usw. Das tat ich dann und der Planinspektor mußte es abschreiben. Der Graf Brühl wollte es dem Könige übergeben, hat es aber nicht getan. So oft ich darnach fragte, antwortete er: er habe noch keine schickliche Gelegenheit dazu gefunden. Ich erwiderte, wenn es sich nicht schicken wolle, es dem König selbst zu geben, so möge er es seiner Gemahlin, der Königin geben. Er tat aber auch dies nicht.

Späterhin schrieb ich alles noch einmal auf und gab es auf die Post, da erhielt ich mit der Post folgende Antwort:

»Sr. Königl. Majestät von Preußen machen dem Johann Adam Müller hierdurch nachrichtlich bekannt, daß Sie seine unterm 3ten dieses eingereichte Eingabe wohl erhalten haben und die von ihm dabei gehabte gute Absicht nicht verkennen wollen.

Memel den 3ten Jannar 1808

Friedrich Wilhelm.«

Einige Zeit nachher hatte ich wieder eine Erscheinung. Ein Engel nämlich hatte ein Schwert in der Hand, so hell wie ich noch nie eins gesehen habe. Er gab es mir in die Hand und sagte: damit solle der Feind geschlagen werden. Ich möge aufstehen und dem Könige sagen, er solle den Propheten Amos und Jonas, aber beide Bücher =ganz= durchlesen.

Nicht lange nachher faßte mich des Nachts etwas bei der Hand. Ich erwachte, richtete mich auf und sah zwei weibliche Gestalten in ganz weißen Kleidern. Die zur Rechten hatte ein rotes, die zur Linken ein blaues Band um den Leib. Sie trugen ein großes Buch in die Hände auf mein Bette. Ich betrachtete die Krone genau und bemerkte ein Wort, dessen eine Hälfte auf der linken, die andere auf der rechten Seite der Krone stand. Das Wort war so geschrieben:

Bera – beae.

Ich fragte sie, wer sie wären? Sie antworteten sie wären zwei Königinnen. Sie hätten dem Könige der Ehren noch nie ein Lied gesungen, auch hätten sie kein Lied ihm damit zu dienen. Ich sann hin und her und dann versicherte ich sie, daß ich ihnen 2 Lieder machen wolle, wenn sie darauf warteten. Die Lieder würden von Gott und Jesu Christo handeln. Gut, antworteten sie, ich möge sie nur recht schön machen; und vor großer Freude darüber lächelten sie mich an. Dann aber sagten sie, sie hätten nicht länger Zeit darauf zu warten; doch wollten sie wieder kommen die Lieder abzuholen. Nun nahmen sie das Buch wieder zu sich und verschwanden. Über ihr schnelles Verschwinden erschrak ich[133].

Einige Tage nachher erschienen mir zwei Adler, ein schwarzer und ein gelber, und kämpften sehr lange miteinander, dicht vor meiner Bettlade. Endlich wurde der gelbe Adler besiegt, so daß er sich vor Mattigkeit auf den Boden legte. Da trat der schwarze auf ihn, bis der gelbe allmählich verging. Als dieser verschwunden war, verschwand auch nachher der schwarze.

Dann kam der alte Mann, der mir in meinem eigenen Hause erschienen war, zum drittenmal zu mir, und wurde es dabei wieder so hell, als das erstemal. Ich wachte vollkommen. Er setzte sich nun mir zur Seite und hatte ein Buch wie eine Handbibel, es war aber sehr prächtig und mit lauter =goldenen= Buchstaben. Er redete mir zu, ich sollte mich nicht fürchten und mutig verrichten, was ich zu tun habe; denn es solle mir kein Unglück widerfahren, er werde mir allemal helfen. Dann öffnete er mir das Buch und sagte: Die zwei Königinnen, die mir erschienen wären, seien zwei Königreiche, die das Christentum noch nicht angenommen hätten. Sobald die Christen sich gebessert hätten, würden sie kommen und den christlichen Glauben annehmen.

Dann las ich folgendes:

So ihr mich liebet, so werde ich euch wieder lieben, und so ihr mich ehret, so werde ich euch wieder ehren. Dann will ich mit meinem heiligen Engel vor euch hergehen und will für euch streiten. Und ein jeder soll erkennen, daß ich der Herr bin und tun kann, was ich will. Die aber, die es nicht auf- und annehmen und wollen mein Werk verhindern, auf die wird Feuer vom Himmel fallen und die Erde wird ihren Rachen auftun und sie verzehren, damit ein jeder erkennen müsse, daß ein Gott im Himmel sei.

Dann verschwand der alte Mann für diesmal.

Zum viertenmal erschien er mir in einem blauen Rocke. Da kam ich mit ihm weg und wußte nicht, wie mir war. Unterwegs gesellte sich einer zu uns mit einem weißen Kleide. Der alte Mann fragte ihn, wo er hin wollte? »Ich bin von Gott gesandt,« sagte er. Gut, antwortete der alte Mann, so komm und hilf mir streiten, damit der böse Feind überwunden werde, der so viele Menschen verderbt hat! Dies hat Gott gesagt. Darauf versprach der im weißen Kleide, er wolle ihm helfen kämpfen, aber er solle dann auch mit ihm gehen und ihm helfen, daß er seine Sache, die ihm Gott befohlen habe, auch ausrichten könne, worauf der alte Mann, ja! antwortete.

Mit einem Male befand ich mich wieder im Bette und wachte vollkommen, gerade wie zuvor. Dies alles habe ich ebenfalls dem Könige geschrieben.

Am 17. April erhielt ich folgenden ersten Brief von meiner Frau:

(Folgt Seite 56–58 der Brief, dessen wesentlicher Inhalt die Bitte um baldige Rückkehr ist. Der Familie Müller geht es gut.)

Ich war früher entschlossen gewesen, bald zu den Meinigen zurückzukehren, aber etwa sechs Wochen vorher hatte ich eine Erscheinung, wobei mir angekündigt wurde, ich werde noch acht Wochen in Memel bleiben, müsse aber vor meiner Abreise mein Schreiben an den König ihm selbst überreichen.

Der Kaufmann Concentius, in dessen Hause der König in Memel gewohnt hatte, brachte mir persönlich den Brief von meiner Frau und fragte mich, was ich zu tun willens sei? Ich antwortete, ich sei auch ohne diesen Brief schon zur Rückreise entschlossen gewesen, ich wollte bloß noch einmal mit dem Könige in Königsberg sprechen. Da bot er mir an, er wollte mir einen Kahn bis Königsberg bestellen und mir auch das nötige Reisegeld geben. Ich erfuhr aber, daß der General Knobloch zu Lande, und der Planinspektor zur See nach Königsberg reisen würden und daß ich mit dem Letzteren dahin kommen könne. Weil wir nun noch zwei Tage lang auf günstigen Wind zur Abfahrt warten mußten, so wurden die mir angekündigten acht Wochen gerade vollendet.