Part 16
Unter diesen Umständen dürfte es nicht allzugewagt erscheinen, auch die Erfüllung dieser Prophezeiung allerdings erst nach einem Jahrzehnt zuzugeben, und zwar mit dem Eingreifen der Türken in den Polnischen Krieg. Zur Verteidigung der Herrschaft des katholischen Glaubens in Polen und der Verfassung erhob sich im Jahre 1768 die Konföderation zu Bar unter Führung des Marschalls Michael Krasinski, wurde aber, da der polnische Senat die Russen zu Hilfe rief =trotz Unterstützung durch die Türken=, vernichtet.
Bei dieser Gelegenheit können wir Süßes Vorsicht bzw. Skepsis kennen lernen, schreibt er doch (Vorbericht, S. 25): »Indessen ist meine Absicht nicht, einen präzisen Apologeten, oder absoluten Verteidiger von des Fischer Heerings Visionssache überhaupt, abzugeben, indem ich nicht in Abrede seyn kann, daß ich ihn allemal, bey seinen verschiedenen eröfneten indeterminirten oder unbestimmten Ideen und Ausdrücken, und bey seiner bisweilen hervorgeblickten Neigung, zu gleichsam ecstatischen Umständen, für ein Objekt der Versuchung gehalten und ihn daher (wie er mir dessen Zeugniß geben wird) auf die genaueste Selbstprüfung einer vielleicht bey sich vorwaltend lassenden starken Imagination oder Vorbildung, geführet, und daß er sich dadurch nicht verleiten lassen möchte, sorgfältig angewiesen habe, und noch fernerweit anweisen werde ...« Bemerkenswert ist auch, daß er auf Seite 6 der »Umständlichen Nachricht«, in einer Anmerkung zu der Türkenprophezeiung schreibt »GOtt gebe, und erhöre uns in dem demüthigen Gebet unserer Lithaney auch darinnen Gnädiglich, daß zu keiner Zeit, und auch jetzo, bey denen unter einander entrüsteten Hohen Mächten, die Interposition oder Einmischung, deren Türken nicht nöthig und erfolglich sey.« Aus einer Kleinigkeit, wie dem Stehnbleiben dieses Ausrufes, ergibt sich auch, daß der Bericht von 1759 =unverändert= abgedruckt wurde.
Mir scheint die Skepsis hier übertrieben. Heering sagte ausdrücklich, daß die Türken sich erst =nach= Friedensschluß einmischen würden. Der Hubertusburger Friede wurde 1763 geschlossen, die Türken aber griffen in die polnischen Unruhen 1768 ein, also fünf Jahre später. Das will mir nicht so ungeheuerlich erscheinen[123].
Wir wissen ja gar nichts über die zeitliche Begrenztheit der Prophetengabe. Im Gegenteil werden wir später noch sehen, daß es möglich ist, Ereignisse, die erst nach Jahrhunderten eintreten werden, genauestens vorher zu sehen. Daß die Erfüllung zumeist den Voraussagen Heerings auf den Fuß folgte, läßt den Schluß durchaus nicht zu, daß es aus inneren Gründen so sein mußte. Wir würden, wollten wir uns ablehnend gegen die Türkenvision verhalten, stillschweigend die enge zeitliche Begrenzung der Prophetie oder überhaupt irgendwelche gesetzmäßige Gebundenheit voraussetzen. Dazu sind wir aber bei dem geringen Grade unserer Kenntnis von dem ganzen Phänomen um so weniger berechtigt, als die ganze Schulwissenschaft ja bis zur Stunde überhaupt die Tatsache noch leugnet.
Erst wenn diese nicht nur einwandfrei festgestellt ist – was ja in vorliegender Schrift geschieht – sondern wenn wir auch Tausende von gesicherten Fakten kennen, erst dann können wir ein Gesetz oder – sagen wir bescheidener – eine Regel abstrahieren. So weit sind wir aber noch lange nicht und deshalb besteht kein triftiger Grund, die Erfüllung der Türkenvision nicht zuzugeben.
An eine völlig unbekannte Sache mit aprioristischen Regeln oder Gesetzen heranzutreten, verbietet die Logik. Das war und ist auch heute noch der Kardinalfehler der gelehrten Zunft, dem es zugeschrieben werden muß, wenn sie allen großen und genialen Neuerungen oder Entdeckungen gegenüber bankrott machte.
Zum Schluß noch eine Vision Heerings, die er »schon vor anderthalb Jahren« hatte, das wäre zu Beginn des Jahres 1770, da der »Vorbericht« das Datum des 20. August 1771 trägt: Unweit des Ortes Prossen erschien ihm die Gestalt eines kleinen Mädchens, die ein altes Büchlein in den Händen hatte, auf dessen einem Blatt die Worte standen: =schwere und theure Zeit=; »über welche Anzeige er sich noch immer beklagt, daß ihm damals niemand habe Glauben beymessen wollen«. (Vorbericht, S. 19, Anm.)
Resümieren wir, dann kann es nicht dem allergeringsten Zweifel unterliegen, daß – selbst, wenn wir annehmen wollen, die Interpretation einiger weniger Vorhersagen sei gewaltsam – doch die erdrückende Menge in Erfüllung ging. Daß Berechnung ausgeschlossen ist, wird kaum jemand bestreiten wollen. Also besteht nur die Annahme des Zufalls, wenn wir den Beweis für die Sehergabe Heerings nicht für erbracht halten.
Nun wollen wir nicht bestreiten, daß die Möglichkeit des Zufalls besteht. Denn es handelt sich in keinem einzigen Falle um ganz außerordentliche Dinge mit sehr hohem Divisor. Die möglichen Fälle sind vielmehr relativ begrenzt. Zugeben wird man uns aber müssen, daß es sich sicherlich um einen sehr merkwürdigen Zufall handelt.
Auf alle Fälle beweist auch diese Vision, daß Heering keineswegs nur ganz kurze Zeit vorher sehen konnte.
Es ist nun sehr interessant, daß Süße, als er am 20. August 1771 diesen Visionsbericht abschloß, noch nicht wissen konnte, daß er im nächsten Jahre in Erfüllung gehen würde, und zwar in ungeahnt schrecklicher Weise. Denn es kann nur die große Hungersnot gemeint sein, die im Jahre 1772 allein in Kursachsen 15000 Menschen hinweg raffte. Wir haben hier also einen jener seltenen und günstigen Fälle, daß eine Prophezeiung vor ihrem Eintreffen im Druck erschienen ist. Das verleiht auch allen anderen Angaben Süßes in den Augen der unverbesserlichsten Hyperkritiker erhöhte Glaubwürdigkeit.
Fußnoten:
[122] Die von Süße genannten Schriften sind: 1. Johann =Charlier=, genannt Gerson, Traktat de discernendis veris visionibis a falsis. Helmstedt 1692. Als »Abhandlung von Prüfung derer Geister« ist die Übersetzung dieser Schrift im Anhang der »Umständlichen Nachricht« S. 131–164 abgedruckt. Hier auch 2. ein Auszug von D. Philipp Jacob =Speners= »Erklärung, was von den Gesichten zu halten sey«, S. 165–184. Frankfurt a. M. 3. =Luthers= und 4. Gottlieb =Wernssdorfs= Ansichten gibt Süße S. 106 bis 120 wieder. Endlich berücksichtigt er die Gutachten der Wittenberger theologischen Fakultät.
[123] Wahrscheinlicher ist allerdings die Deutung, Heering habe die Polen für Türken gehalten. Da er ja in seinen Visionen =sah=, also die Uniformen usw. agnostizieren mußte, scheint diese Interpretation nicht gewagt. Wir werden in einem spätern Kapitel noch darauf zurückkommen.
Achtes Kapitel
Johann Adam Müller
Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts erregten die Prophezeiungen eines Landwirtes namens =Johann Adam Müller= vom Maisbacher Hofe, unweit Heidelberg viel Aufsehen. Dieser Mann, der in mancher Beziehung große Ähnlichkeit mit dem Fischer Heering aus Prossen besitzt, sollte sogar in die Politik eingreifen. Bevor wir auf seine Person des Näheren eingehen, sei das Protokoll hier wiedergegeben, das der Pfarrer Hautz in Mekels, nachmals in Neckargemünd, im Jahre 1808 nach dem mündlichen Bericht Müllers zu Papier gab[124].
Es lautet:
»Ein Jahr vor dem Anfang des letzten österreichischen Krieges erschien mir des Nachts eine ganz weiße Gestalt, die mich bei der Hand nahm, daß ich darüber erwachte; ich glaubte anfangs, es sey meine Frau, fand aber, daß diese ruhig neben mir schlief. Einige Zeit blieb ich wachend im Bette sitzen und die Gestalt verschwand. Darauf legte ich mich wieder nieder und fing an zu schlummern, aber kaum war ich eingeschlummert, als mich wieder etwas an der Hand faßte und mich aufweckte. Die Gestalt glich vollkommen einem Menschen. Sie ging hin zum Tisch in meiner Stube, und als ich mich ihr näherte, verschwand sie plötzlich; worauf außen vor dem Hause am Himmel ein sehr starker Blitz erfolgte. Ich öffnete das Fenster und sah an dem Himmel einen großen Zug Kanonen, der sich von Frankreich gegen Österreich hin bewegte. – Vierzehn Tage vor Weihnachten 1805 erhielt ich eine andere Erscheinung, die mich abermals erweckte, und mir sagte, daß bald auch ein Krieg zwischen Frankreich, Preußen und Rußland ausbrechen würde, und nach Verlauf eines Jahres müsse ich zum König von Preußen gehen; der russische Kaiser werde auch dazu kommen. Doch sagte mir diese Erscheinung noch nicht, was ich bei dem König von Preußen tun sollte.
Am 2. Mai 1806 tat es abends gleich nach Sonnenuntergang einen starken Blitz; ich stand unter der Haustüre und sah ein Schwert vom Himmel hin- und gerade durch den eben vollgewesenen Mond fahren; das Schwert wurde rot und fuhr dann gegen Norden.
Nach Verlauf eines Jahres dachte ich wohl wieder an diese Erscheinung, aber mein Herz dachte nicht daran fortgehen zu wollen. Am ersten Sonntag im Jahre 1807 kam jene weiße Gestalt wieder und sagte mir: ich sollte mich eilends aufmachen und zum König von Preußen gehen. Wenn ich zum König käme, sollte ich mich gar nicht besinnen, was ich sagen solle, denn Gott würde mir schon in den Sinn geben, was ich sagen solle. Der russische Kaiser würde auch dazu kommen, ich solle mich aber gar nicht vor ihnen scheuen, denn es werde mir nichts zuleide geschehen. Darauf versprach ich, daß ich fortgehen wolle; da verschwand die Gestalt. Weil ich nun aber nicht wußte, was ich bei dem Könige zu tun habe, so bat ich Gott, er möge mir dies doch offenbaren, und 14 Tage hernach erschien mir wieder die Gestalt, und sagte mir, ich sollte mich 7 Tage meiner Frau enthalten, dann würde mir offenbart werden, was ich dem König zu sagen hätte. Nach Verlauf dieser 7 Tage in der achten Nacht kam wieder etwas, und nahm mich bei der Hand. Als ich erwachte, war alles um mich her so hell (NB es war nachts 12 Uhr) als ob das ganze Haus im Brand stände. Ich sah aber wohl, daß es kein Brand war, denn es war so hell weiß, wie die Sonne am Mittag ist. Da stand ein alter Mann, dem Ansehn nach etwa 80 Jahr alt, der hatte zwei Bücher unter dem Arm, die ganz veraltet schienen, ohne Deckel und voller Falten. Ich betrachtete den Mann und besonders seine Bücher sehr aufmerksam. Er fragte mich, was mich so in Erstaunen setze? Ich schwieg stille und nun fragte er: ob es etwa die Bücher seien? Ich sagte ja! und nun antwortete er: darüber brauche ich mich weiter nicht zu wundern! So wie diese veraltet seien, so sei Gott, Jesus Christus und Gottes Wort, das in diesen Büchern stände, leider! auch veraltet. Darauf zog er das eine Buch unter dem Arm hervor, schlug den Jesaias auf, zeigte mir das 58ste bis in das 64ste Kapitel und sagte mir: ich solle mich jetzt schnell auf den Weg machen und zum König von Preußen gehn, und ihm so wie dem russischen Kaiser, wenn er dazu käme, diese Kapitel vorlegen und ihnen verkündigen, nach Anweisung dieser Kapitel sollen sie ihre Länder einrichten, denn so wie ich gesehen hätte, das Schwert durch den Mond fahren und hell rot werden, so werde die Finsternis bestraft werden, wenn sie sich nicht bekehre. Noch setzte er hinzu, ich solle mich nicht scheuen, er werde mich gesund hin, und wieder zurück zu meiner Frau und meinen Kindern bringen. Als ich versprochen hatte, dem Berufe zu folgen, kam ich auf einmal weg[125], und wußte gar nicht mehr, wo ich war, der alte Mann aber blieb bei mir. Wir kamen in eine Stadt, wo ein Haufen Wölfe, Bären und Löwen waren. Diese sprangen an mich hin; der alte Mann aber wehrte ihnen und beschützte mich. Wir kamen wieder weiter und an ein Wasser, ohne daß wir hinüber kommen konnten. Nach einigen Tagen kam ich aber hinüber ohne, zu wissen wie? Bald darauf kam abermals ein Haufen Wölfe, Bären und Löwen, die mich noch fürchterlicher anfielen. Mir war zugleich ich sei auf einem Wagen. Ein besonders großer Löwe verwundete mich, daß ich blutete. Der alte Mann fragte mich, ob es arg wäre? als ich nein! antwortete (ich blutete nur an der Nase), sagte er, es werde mir das nicht schaden, und mir auch sonst nichts mehr zuleide geschehen. Nun kamen wir zu Leuten, die Feuer hatten, aber ich konnte nicht sehen, von was das Feuer brannte. Sie hatten auch etwas, was ihnen zur Speise diente; mir aber kam es vor, als könne man es nicht essen. Ich fragte sie daher, von was sie lebten und welches ihnen recht gut schmecke. Dann kamen wir an einen sehr schönen gepflanzten Weinberg, worin einige Reihen Reben, dann eine Reihe von Obstbäumen, und dann ein Weg war. Da sagte mir der alte Mann: in diesem Weinberg würde ich eine Zeitlang bleiben. Darauf kam ich in eine große schöne Stadt, in welcher man mich überall herumführte. Mitten in der Stadt kam ich in eine ungemein große Kirche. In den 4 Ecken der Stadt standen vier Königsschlösser. Der alte Mann sagte mir nun, diese Stadt sei die Stadt =Zion= und =Neu-Jerusalem=, sie solle aber noch erst gebauet werden, zum Gedächtnis, wenn die Menschen sich gebessert und sich wieder zu Gott gewendet hätten. Er zeigte mir den Platz, wo die Stadt sollte hingebaut werden[126]. Darauf verschwand der alte Mann, und ich befand mich wieder, jedoch =wachend=, in meinem Bett.«
Ich muß den Leser um Entschuldigung bitten, daß ich alles dieses phantastische Zeug ihm wortgetreu aus dem Protokoll vorführe. Aber nur so dürfte das ausreichende Material zu einem Urteil gegeben sein. Daß Müller Visionen hatte, die er für reale Dinge hielt und daß er der festen Überzeugung war mit dem »alten Mann« leibhaftig zu verkehren, scheint festzustehen. Daß es sich – so merkwürdig und abenteuerlich alles anmutet – doch keineswegs nur um Phantastereien, wie zweifellos beim Traum von Neu-Jerusalem, handelt, ergibt sich aus dem Folgenden zwingend. Besonders merkwürdig ging die Vision (oder war es ein Traum?) von den wilden Tieren in Erfüllung. Es wird sich überhaupt empfehlen, das Mißbehagen bei Lektüre des Protokolles zu überwinden und auch, mit Rücksicht auf das Folgende, auf Einzelheiten zu achten.
Doch fahren wir im Protokoll (S. 30) fort!
»Jetzt wußte ich nicht, was ich tun sollte. Gern wäre ich fortgegangen, aber der Gedanke an meine Frau und Kinder hielt mich zurück; ich ließ es also anstehen. Zehn Tage darnach kam ein Mann von mittleren Jahren des Nachts zu mir, und sagte: wenn ich nicht fortginge, so würde all das Blut auf meinen Kopf kommen und von meinen Händen gefordert werden. Ich wußte nicht, was ich machen sollte, und fragte also einmal des Nachts meine Frau, was sie machen werde, wenn ich einmal ¼ oder ½ Jahr nicht bei ihr sein sollte. Sie antwortete: »Lieber Gott! da wüßte ich mir weder zu raten noch zu helfen!« Darauf nahm ich mir fest vor, =nicht= fort zu gehen, es möge kommen wie es wolle. Am dritten Tage aber ward ich unruhig im Gemüt, und diese Unruhe nahm mit jedem Tage zu. Am siebenten Tage sagte ich zu meiner Frau: Du siehst nun, es tut nicht gut, wenn ich dableibe, es gehe also in Gottes Namen wie es will, da antwortete sie: »So gehe denn in Gottes Namen hin und richte deinen Befehl aus.«
Darauf ließ ich meinen Schwager holen, wozu auch der Schuhmacher Sattler aus Nußloch gekommen war. Beiden legte ich die ganze Sache vor, erzählte ihnen alles ganz genau und verlangte von ihnen, sie sollten mir raten. Sie antworteten aber, sie könnten mir hierin nicht raten, die Sache sei zu wunderbar. Wenn es nur 30 Stunden Weges wäre, so wollten sie wohl noch eher dazu raten, aber dieser Weg sei =zu weit=; wie ich denn hin und wieder zurückkommen wollte? Am Ende wenn ich denn auch hingekommen wäre, so werde ich doch nicht vor den König kommen können. Ich versetze: =das= weiß ich sicher, daß ich hin, wieder zurück und auch vor den König kommen werde. Da sagte der Schuhmacher, ich sollte es meinem Pfarrer vorstellen und hören, was der davon halte. Ich antwortete ihm, wenn es ein Pfarrer wissen sollte, so würde es ihm unser Herr Gott schon gesagt haben; doch (setzte ich hinzu), wenn ich den Sonntag in die Kirche gehe, will ich mit unserm Pfarrer reden.
Am folgenden Sonntag blieb ich bis zuletzt in der Kirche, und wollte dann zu dem Pfarrer ins Haus gehen; als ich aber die Haustreppe hinauf stieg, zog mich etwas am Rock zurück, worauf ich denn auch fortging, ohne mit dem Pfarrer über die Sache zu reden. Zwei Nächte darauf hörte ich (jedoch ohne etwas zu sehen) eine Stimme, die zu mir sprach: »Ich sollte eilends fortgehen, der Verderber sei hinweg!«
Am folgenden Abend ging ich zu meinem Nachbar und vertrautesten Freunde und sagte ihm, daß ich fort müsse, ob er sich nicht in meiner Abwesenheit meiner Frau und meiner Kinder annehmen wolle. Ich verschwieg ihm aber, wohin ich gehen werde, und was ich auszurichten habe. Er versprach mir, meiner Frau zu helfen, so viel er könne, und setzte hinzu: ich solle nur in Gottes Namen fortgehen. Ich sagte also zu meiner Frau, ich werde des andern Morgens fortgehen, und belehrte sie, wie sie inzwischen ihre Geschäfte und Haushaltung besorgen solle. Des andern Morgens kochte mir meine Frau ein Stück Dörrfleisch ab, dies, ein Stück Brot und 15 Kreuzer an Geld[127] nahm ich mit, und so trat ich meine Reise, ohne Paß, in Gottes Namen an.«
Die Ähnlichkeit der Vorgeschichte des Ganges zum König mit der des Prossener ist unverkennbar. Beide handeln aus unwiderstehlichem inneren Drange in der unerschütterlichen Überzeugung, Werkzeuge in Gottes Hand zu sein. Daß in beiden Fällen alles Sensationelle, so merkwürdig die erzählten Vorgänge auch sein mögen, völlig ausgeschlossen ist, sei ausdrücklich hervorgehoben. Was Müllers Charakter betrifft, so werden wir noch später auf ihn zurückkommen. Den des Prossener kennen wir ja bereits als völlig einwandfrei.
Doch fahren wir fort (S. 32):
»Als ich in die Gegend von Frankfurt kam, sah ich einen Berg mit Weingärten, an dem ein Weg hinauf ging. Dieser Weg war mir früher durch den alten Mann gezeigt. Nachher kam ich in einen Wald und so von Dorf zu Dorf bis Miltenberg. Hier fragte ich nach dem Wege nach Würzburg. Von da ging ich nach Baireuth, dann über Leipzig, Wittemberg, Berlin, bis nach Prenzlow. Vor Prenzlow fragte mich ein Mann, wohin ich wolle? Ich antwortete, nach Stettin, um dort einen Badenschen Dragoner, meiner Frau Schwestersohn, zu besuchen. Da erbot er sich, mir den Weg um die Stadt herum zu zeigen, damit ich nicht nötig habe, durch die Stadt zu gehn, weil ich sonst leicht angehalten werden könnte. Ich nahm es aber nicht an, sondern ging durch die Stadt, weil ich sie als eine von denen erkannte, die mir der alte Mann gezeigt hatte.
Am Tore fragte mich die Bürgerwache, wohin ich wollte? und ob ich einen Paß habe? Ich antwortete: nach Stettin! Einen Paß hätte ich aber nicht. Da wurde ich denn durch einen Gefreiten vor den Stadtrat geführt. Dieser hatte nun eben gerade eine solche Gestalt und Kleidung, wie mir es durch den alten Mann vorgestellt worden war. Jetzt, als ich sah, wie alles, was mir früher vorgestellt war, in Erfüllung zu gehen anfange, lachte mir das Herz im Leibe. Auf dem Wege nach dem Rathaus bedauerte mich der Gefreite! »Mann! Ihr dauert mich,« sagte er, »denn Ihr werdet lange sitzen müssen, ehe Ihr fortkommt!« Ich antwortete aber, das habe nichts zu bedeuten. Vor dem Magistrat in Prenzlow wurde ich gefragt, wohin ich wolle? Ich antwortete: nach Stettin, um einen badischen Dragoner, meiner Frauen Schwestersohn, zu besuchen. Nun wurde ich zu dem französischen Kommandanten geführt. Mein Wächter bedauerte mich jetzt noch mehr, aber ich antwortete ihm abermals, er solle meinetwegen außer Sorgen sein. Der französische Kommandant fragte mich das Obige wieder, und ich beantwortete es gerade wie vorher. Er entließ mich mit den Worten: ich solle in Gottes Namen sehen, wie ich weiter nach Stettin komme. Beim Weggehen sagte jener Gefreite, ob ich denn nicht weiter wollte, als bis Stettin? Ich antwortete: Nein! aber er versetzte: Ihr geht doch weiter und müßt wohl einen ganz besonderen Auftrag haben. Nun! glückliche Reise! Zugleich brachte er mich auf den rechten Weg.
Bei meiner Ankunft in Stettin, ging ich gerade durch die Stadt durch, ohne angehalten zu werden, und doch mußte jeder andere seinen Paß vorzeigen. Mitten auf der Oderbrücke aber wurde auch ich angehalten, auf die Wache geführt und nach meinem Paß gefragt. Ich sagte jetzt, ich wolle nach Kolberg. Man führte mich nun zum französischen Kommandanten, welcher befahl, mich nicht über die Oderbrücke zu lassen. Ich ging also wieder in die Stadt, trank ein Glas Bier und wollte nun zur Stadt hinaus. Da rief mir ein badischer Dragoner zu, wo ich herkäme und wo ich hinwollte? Ich antwortete ihm das mehrmals Erwähnte, und er führte mich dann zu seinem Offizier, bei welchem er zugleich Bedienter war. Auch dieser fragte nach dem Zweck meiner Reise, und ich sagte auch ihm, ich wolle zu meiner Frau Schwestersohn. Es wurde nun ein Chirurgus gefragt, ob mein Vetter nicht etwa im Lazarett sei! Es hieß aber: Nein! auch konnte man mir nicht sagen, ob er in der Gegend von Kolberg oder Danzig sei.
Als ich wieder vor die Stadt kam, sah ich den mir früher vorgestellten Berg, zugleich auch ein Dorf, in welches ich ging und in einem Hause (es war das Pfarrhaus) einkehrte. Der Pfarrer kam mir entgegen und fragte mich, was ich wolle? Ich bat ihn, mir doch zu sagen, wo und wie ich über die Oder kommen könne? Zugleich entdeckte ich ihm etwas über den eigentlichen Zweck meiner Reise. Darauf ließ der Pfarrer einen Mann holen und fragte ihn, ob er, Müller von jenseits der Oder, die Bienen schon abgeholt habe? Es hieß: Nein! doch wisse man nicht, ob er sie heute oder morgen holen werde. Da sagte der Pfarrer zu dem Manne, er solle doch sorgen, daß ich mit über die Oder gebracht werde, wenn der Müller die Bienen hole, denn an mir könne man einen Gotteslohn verdienen. Er setzte mir auch Butterbrot vor und gab mir einen preußischen Gulden mit dem Zusatze, ich sollte mich in einem mir von ihm angewiesenen Wirtshause so lange aufhalten, ohne mich viel umzusehen, bis dieser Mann kommen werde mich abzuholen. Ich war aber kaum eine halbe Stunde in dem Wirtshause, als der Mann mich schon abholte.
Dann fuhr ich mit dem Manne über die Oder, ging mit ihm in sein Haus und blieb die Nacht bei ihm. Er riet mir nun, mich nach Stolpmünde hinzuwenden, da würde ich vielleicht ein Schiff treffen, mit welchem ich weiter reisen könnte. Eine Stunde von Stolpmünde blieb ich über Nacht, und hier traf ich das Brot, welches ich nicht essen konnte.