Prophezeiungen

Part 15

Chapter 153,547 wordsPublic domain

Daß vorher der Fischer nicht die allergeringste Ahnung von den Vorgängen der hohen Politik haben konnte, liegt auf der Hand. Aber selbst die Vermutung, er habe sich – was nach Lebensstellung und Bildungsgrade völlig ausgeschlossen ist – mit politischem Instinkt begabt, zum Sprachrohr der öffentlichen Meinung machen wollen, schießt völlig daneben.

Wie die öffentliche Meinung noch zwei Monate =nach= seiner Vision den Bündnisfall beurteilte, geht deutlich aus der Erlanger Zeitung vom 15. Mai hervor. Sie fährt fort: »Diesen beyden Artickeln öffentlich zu widersprechen, sehn wir uns sowohl aus natürlichem Trieb, als Pflicht halber, verbunden.

.... Wie gesagt, es streiten diese Gerüchte sowohl wider die Vernunft als die Erfahrung ...

Es ist offenbar, daß dergleichen wunderliche Gerüchte bloß von gall- und milz- und hirnsüchtigen Gemüthern, die ihren Mäusekoth auch gern für politischen Pfeffer verkaufen wollen, herrühren, und ob sie wohl nicht ungeahndet bleiben werden, dennoch nicht die geringste Attention des Publici verdienen.« Auf S. 481 der Nr. 61 revoziert die Zeitung natürlich alles. Das war also schon damals so!

=Daraus geht zur Evidenz hervor, daß wir es bei der Vorhersehung des Bündnisses zwischen Österreich und Frankreich mit einer richtigen Prophezeiung zu tun haben=. Denn 1. lag das Geschaute völlig außerhalb des Interessen- oder Wissensbereichs des Fischers. 2. Wußte er von dem Vertrage schon geraume Zeit, bevor er überhaupt abgeschlossen war. Ja, noch nach seiner Unterzeichnung hielt die öffentliche Meinung ihn für eine Unmöglichkeit. Damit fällt aber die Vermutung, Heering habe kombiniert, in sich zusammen. Wie bei der Voransage des Jahres 1744 handelt es sich also auch hier um eine richtige Vision.

Das war auch Süße sofort klar und gerade dem Umstande, daß sich unter seinen Augen ein solches auffallendes Phänomen abgespielt hatte, ist es zuzuschreiben, daß er Heering hinfort erhöhte Aufmerksamkeit schenkte.

Merkwürdig ist übrigens, daß nicht nur Heering sich bei der Prophezeiung des Bildes eines Unwetters bediente bzw. daß ein solches ihm erschien, sondern daß auch die Erlanger Zeitung in ihrer Nummer 75 vom 10. August 1756 (S. 393) – wie Süße feststellt – die gleiche Metapher gebraucht.

Nachdem sie von den täglich bedenklicher werdenden Zeichen der Zeit gesprochen, fährt sie fort: »... Alles, was uns zu sagen erlaubt seyn mag, besteht darinnen, daß, wenn bey schwülen Tagen heftige trübe Wolken aufsteigen, und selbige sich thürmen, anzünden und zusammenstoßen, gemeiniglich Blitz, Donner, Hagel und andere schwere Wetterschäden darauf zu folgen pflegen ... Wolken ziehen auf (geharnischte Wolken), das sehen wir vor Augen. Ob sie sich aber thürmen, zusammenstoßen, blitzen und donnern werden, steht zu erwarten.«

Süße macht dazu die Anmerkung (S. 29), daß das Zusammenstoßen, Blitzen und Donnern, das der Zeitung im August noch ungewiß erschienen war, bereits im Oktober des gleichen Jahres 1756 eintraf. Denn am 1. Oktober hörte man in der Prossner Gegend den Schlachtendonner von Lobositz und als am 12. Oktober das Lager der Sachsen aufbrach, ging es auch nicht ohne Blitzen und Donnern ab. =Tatsächlich hatte Heering den Ausbruch des Siebenjährigen Krieges sechs und einen halben Monat früher unter dem Bilde eines Unwetters gesehen und prophezeit=.

Es ist dies also die =zweite Vision= des Jahres 1756, die in Erfüllung ging.

Es liegt auf der Hand, daß die verblüffende Übereinstimmung der Aussagen des ungelehrten Fischers mit den sich später einstellenden hochpolitischen Ereignissen im Lande bekannt wurde. Als daher um die Mitte des August die Sachsen auf dem Marsche gegen Pirna bei Schandau eine Schiffbrücke schlugen, sondierte man Heeringen, der sich damals gerade dort aufhielt, was er von der Brücke hielte.

»Worauf er, ob er schon merkte, daß man ihn mehr spöttisch aufziehen, als im Ernst befragen wollte, diese Antwort gab: =Daß diese Brücke hier nicht viel nütze seyn, und nicht gebraucht werden würde, aber Leipzig möchte man wohl verwahren, da habe er fremde Völker ankommen sehen.=« (S. 31.)

Damals wußte man weder, daß die Schiffbrücke unnütz sei – denn sonst hätte man sie ja nicht geschlagen – noch auch vermutete man den am 29. August erfolgten Einzug der Preußen in Leipzig, der den Hof zur Flucht zwang.

Dies war also die =dritte richtige Prophezeiung= Heerings im gleichen Jahre, und zwar ging sie diesmal bereits nach 14 Tagen in Erfüllung.

Im Oktober 1757 aber kamen auch fremde Kontingente bestehend aus der kombinierten Reichs- und der französischen Auxiliararmee, nach Leipzig, so daß auch diese Prophezeiung, wenn auch nicht sofort, so doch nach einiger Zeit eintraf.

Endlich prophezeite Heering Süße und anderen einen Rückzug an, der während die sächsischen Truppen zwischen Pirna und Königstein lagerten, vom Hauptlager Struppen aus über Markersbach versucht, aber durch den preußischen Kordon verhindert wurde. Das geschah einige Wochen vor der Ausführung.

Bedeutungsvoller war eine weitere Vision des Fischers neun Tage vor der Schlacht bei Roßbach am 5. November 1757. »Nach seinem gewöhnlichen Trieb, wie sonst, ohne das geringste Veranlassen und dessein,« kam er zu Süße und zeigte ihm an, daß wieder etwas Wichtiges bevorstehe, »worbei er ebenfalls, wie sonst ängstlich wünschte, daß er solches Hohen Orts möchte eröffnen können. Er sagte indessen so viel hiervon:

=Man möchte Gott ernstlich anrufen, daß das vorseyende Unternehmen möchte können abgewendet werden, indem es in der Schärfe nicht gut hinaus gehen würde. Es zögen nämlich zwey Heere in unserm Lande gegen einander, ein großes und ein kleines, von welchen er gesehen, daß das letztere gesieget hätte, und das große wäre ganz zerstreuet worden.=« (S. 32.)

Als =diese Prophezeiung wider Erwarten in Erfüllung ging=, kam Heering zu Süße und erinnerte ihn, ob er auch an seine Vorhersage gedacht hätte.

Also wieder eine erfüllte Vision!

Am meisten Aufmerksamkeit erregte der Fischer mit zwei Prophezeiungen des Jahres 1758 sowohl bei den Landeseinwohnern, als auch bei den beiden sich in der Königsteiner Gegend gegenüber stehenden Armeen.

=»Er zeigete nämlich fast ein Vierteljahr vorher, ehe und bevor in der Mitte des Augusts erwehnten 1758sten Jahres die Annäherung der Kayserlichen und Reichsarmee in unserer Elbgegend geschahe, an glaubwürdige noch lebende und es allezeit geständige Personen des Schandauer Kirchspiels an, wie er gesehen hätte, daß auf dem Schandauer so genannten Kirchstück am Elbufer wäre geschanzt, und gegen das sogenannte Krippner Horn über, eine Schiffsbrücke geschlagen worden, über welche er fremde Völker hätte sehen übergehen.«=

=Diese Vision ging in der Zeit vom 14. zum 19. August in Erfüllung!=

Tatsächlich wurde von fremden Kriegsvölkern am angegebenen Orte eine Schiffsbrücke geschlagen, sowohl bei Krippen, als auch am andern Elbufer zwischen Postelwitz und Schandau. Auf dem vorgezeichneten Schandauer Kirchstück, wurde ein Brückenkopf gebaut und Schanzen, die nebst den Bäckereigebäuden der kaiserlichen Regimenter und der Reichsarmee noch in späteren Jahren zu sehen waren. Die Brücke aber passierten die Truppen des Lagers, das im August 1758 auf der Höhe der Rathmansdorfer Felder neben Schandau errichtet wurde.

Die zweite Prophezeiung dieses Jahres erregte noch größeres Aufsehen. Heering erzählte seinem Beichtvater und einigen Bekannten bei Annäherung der kaiserlichen und der Reichsarmee folgendes:

»=Die Zeit ist nun da, wen das Schwert trift, den wirds treffen. Über der Elbe= (d. h. auf dem Königstein gegenüberliegenden Ufer) =wird sich vornehmlich noch ein größeres Heer zusammenziehen, bey selbigen wird es blutig zugehen, und es wird auch endlich noch herüber über die Elbe kommen müssen.=« (S. 53 f.)

=Diese Vision ging in Erfüllung, als die große Daunsche Armee eintraf=, von deren Herannahen in der Königsteiner Gegend noch niemand etwas Näheres wußte oder wissen konnte.

Der Prophezeiung fügte Heering die Worte hinzu:

=»Der Herr zeigete mir endlich, daß das heranziehende Reichsheer sich wiederum über die Berge nach Böhmen zurückzog. Ich sahe recht eigentlich die Maulthiere nach einander hinüberziehen, und jenes Heer (das preußische) zog hernach, da erst alles vollbracht war, auch in Frieden aus Sachsen.«=

Die Erfüllung dieser Prophezeiung war damals ganz unwahrscheinlich mit Rücksicht auf die gegen Dresden im Vormarsch befindliche große Heeresmacht und die überall getroffenen festen Dispositionen. =Als trotzdem die Vision sich nach drei Monaten bewahrheitete=, war jedermann verwundert und viele Standespersonen, besonders ein damals in Pirna bei der kaiserlichen Armee liegender Fürst, trugen Verlangen den Fischer vor ihrem Abmarsch zu sehen und zu sprechen. Da er so Gelegenheit hatte, seine Prophezeiungen hohen Orts vorzubringen, war er befriedigt und hielt sich – auch auf den wiederholten Rat Süßes hin – ruhig. Er sah damals nur noch, daß es jenseits der Elbe und im Norden von Sachsen am schlimmsten zugehen würde und daß jenseits Neustadt bei Dresden »ein Balgen« sein würde, sowie daß endlich eine solche Heeresmacht in Sachsen sich versammeln würde, daß das Land wie eine Tenne zertreten würde und die Hufeisenspuren auf der Erde unzählig seien. Im übrigen bat und flehte er nur noch, daß das Werk der Buße und Besserung unter den Menschen noch mehr zunehmen möchte. Hierbei bezog er sich weinend auf Christi Bußgleichnis (Luc. 13).

Die Vision läßt sich ungezwungen auf die Schlacht bei Kunnersdorf 1760 deuten, sowie auf das Eintreffen der Österreicher bei Dresden-Neustadt, die vergebliche Belagerung Dresdens durch Friedrich II. und den berühmten Finkenfang bei Maxen, alles im Jahre 1760.

Sollte jemand an der Wahrhaftigkeit Süßes zweifeln, was mir nach dem ganzen Tenor des Berichtes ausgeschlossen scheint, so mag er sich daran halten, daß die Prophezeiungen auch in außerkirchlichen Kreisen Aufsehen erregten.

Fußnoten:

[109] Der Titel geht noch fort: »benebst einer Historisch-Theologischen Abhandlung der Casual-Frage: Ob es noch heut zu Tage neue Offenbarungen von wichtigen Revolutionen in der Kirche, im Staat, und von besonderen Schicksalen einzelner Personen gebe, und was von selbigen zu halten sey? Auf Veranlassen des dieserhalben längst begierig gewesenen Publici entworfen, und zusammt Johannis Charliers, sonst Gerson genannt, Tractat: von der Prüfung derer Geister, allhier ins Teutsche übersetzt und mit Anmerkungen erläutert, dem Druck überlassen von M. Johann Gabriel Süßen, Pfarrern zu Königstein, und der Societät Christl. Liebe und der Wissenschaften zu Dresden Mitglied.« Der Bericht von 1759 wurde bis 1771 von Süße zurückgehalten, um, wie er im »Vorbericht« sagt, das Eintreffen von weiteren Prophezeiungen abzuwarten. Der Bericht erschien unverändert in der Fassung von 1759, nur in einigen Anmerkungen nimmt der Verfasser auf Späteres Bezug.

[110] Ich lege Gewicht auf die Feststellung, daß Heering kein Hysteriker war, wiewohl das ja selbstredend auch nur ein Name ist, der nicht das allergeringste zur Aufklärung des Phänomens beiträgt, aus folgendem Grunde. Im »Türmer« 1910, S. 842, hatte ich u. a. auch auf die unbedingt feststehende, aber z. Z. noch unerklärte Tatsache der Stigmatisation des heil. Franz von Assisi hingewiesen. Dagegen erschien ein Aufsatz eines Dr. Karl Oetker in der Züricher Zeitschrift »Wissen und Leben«, (S. 358–372) indem er (S. 366) folgende goldene Worte schreibt. »Daß der heilige Franz von Assisi einer der interessantesten Hysteriker war, die je gelebt haben, das wußte man längst ... doch was ist da schließlich Besonderes daran? Einer muß doch der größte sein.« So erklärt die moderne Wissenschaft!!

[111] »Umständliche Nachricht«, S. 1 ff. Auch ein Exemplar der weiter unten genannten »Zuverlässigen Nachricht« liegt mir vor.

[112] In Süßes Werk ist der Name Heering in der »Zuverlässigen Nachricht« aber Herig geschrieben. Süße zitiert hier also unkorrekt. Zugleich lehrt dieses Beispiel, wie lange man die mittelalterliche Gleichgültigkeit gegen Namensformen beibehielt.

[113] Eine Anfrage beim Staatsarchiv in Dresden führte zu keinem Resultat. Danach scheint das Original des Berichtes in Verlust geraten zu sein.

[114] Abgedruckt in »Zuverlässige Nachricht«, S. 11. Der Zweifler möge daraus ersehen, daß wenigstens die in der »Umständlichen Nachricht« berichteten Nebenumstände richtig sind. Denn die »Zuverlässige Nachricht« erschien ja bereits 1756 im Druck.

[115] Diese Prophezeiung ging insofern in Erfüllung, als Friedrich August II. am 10. September ins Lager bei Pirna ging, dann, als die Armee kapitulierte, auf den Königstein flüchtete. Später begab er sich allerdings nach Warschau und kehrte erst nach dem Friedensschluß wieder nach Sachsen zurück. Daß die junge Mannschaft viel leiden mußte, erfüllte sich ganz, denn Friedrich der Große stellte die gefangenen Sachsen in sein eigenes Heer ein und zwang sie, so gegen ihr Vaterland zu fechten.

[116] Zu dieser Stelle bringt Süße die Anmerkung: »Die erste Heftigkeit des unsere Gegend betroffenen Kriegs müßten etwa 7 bis 8 Wochen seyn, da gleich zu Anfang des Krieges 1756 vom Anfang des Septembr. bis zur Mitte des Octbr. die Preußische Armee einen Cordon um unsere Elbgegend des Sächsischen Lagers gezogen, und solche auf drey Meilen lang und zwey Meilen breit eingeschlossen hatten.«

[117] Die zwei Kirchen sind zweifellos eine symbolische Anspielung auf die beiden Konfessionen, da bekanntlich das sächsische Fürstenhaus (die Kirche in der Stadt) katholisch war, das Volk aber protestantisch. Die Vision fordert augenscheinlich Freiheit des Glaubens.

[118] Anm. S. 22: »Dieser Bäume wegen meynete man, als der Fischer Veranlassung und Erlaubnis bekam, seine Anzeigen vor Hohen Personen zu eröffnen, er hätte damit seine Rücksicht auf die Worte der Johannitischen Bußpredigt, Matth. III, 10. Daher der Fischer befraget wurde, ob die Bäume abgehauen, und ins Feuer geworfen worden wären? Worauf er geantwortet: Die Bäume wären ausgerissen, und vom Lande weggeführet worden. Wovon man sonst einen Parallelausdruck findet, 1. Buch der Könige XIV. v. 15.« Vielleicht ist es eine symbolische Andeutung auf die Flucht der Vornehmen.

[119] Anm. zu S. 23: »Als Referent und Concipient dieses Vorberichts, unter den 4ten März 1758 aus einer ausländischen Residenz, durch den Secretair der Gemahlin eines vornehmen Ministers, vermittelst eines Briefes, sondiret wurde, was denn, bey denen damaligen Kriegstroublen, der Proßner Fischer (welches ehrlichen Mannes vormals entdeckte Gedanken gar nicht zu verwerfen gewesen, sondern in billige Erwegung zu ziehen wären) noch gegenwärtig äußere, und ich derhalben den Fischer auf sein Gewissen fragte, blieb er beharrlich bey seinen bisherigen Anzeigen, und bat mit Thränen, den endlichen ihm gezeigten Heranzug des Türken, besonders und ausdrücklich mit zu melden.«

[120] Es werden wohl außer Friedrich dem Großen, dessen Bruder Heinrich, und der Herzog von Braunschweig gemeint sein. Vielleicht ist der vierte Zar Peter III.

[121] Der »neue Grundstein« ist zweifellos der russische Regierungswechsel, als auf den Freund Friedrichs, den Zaren Peter III., die preußenfeindliche Katharina II. folgte. Mit den Hilfsvölkern sind russische gemeint. Heering verwechselt überhaupt die Russen mit den Türken.

Siebentes Kapitel

Die Art der Prophezeiung Heerings

Was nun die Art und Weise betrifft, in der sich bei Heering die Prophezeiungen einstellten, so gibt auch darüber Süße (S. 36 ff.) ausführlichen Bericht.

Er hatte seine Vorahnungen oder Visionen keineswegs im Schlaf, vielmehr sah er im Wachen »Gestalten, Vorbildungen und Prospekte«, hörte Stimmen oder verspürte in sich immerwährende »Anregungen, worbei er allemal eine Freudigkeit, es bald anzuzeigen, verspüret«.

So sah er bei der ersten Erscheinung des Jahres 1744 Gestalten, es war also eine richtige Vision. Die Vorahnung der Schlacht bei Kesselsdorf stellte sich als »Vorbildung« ein, wobei ihm das fünfte Kapitel Jeremiä aufgeschlagen wurde. (Wie man sich das zu denken hat, sagt Süße nicht. Ich kann mir daraus keinen Vers machen.)

Den Ein- und Auszug der Preußen in Dresden im Jahre 1745 sah er in einem »Prospekt«, also gleichfalls als Vision, ebenso den unfruchtbar liegenden Acker und das Unwetter des Jahres 1756, die sich gegenüberstehenden Mächte, das 1757 gegen die Preußen stehende Reichsheer im gleichen Jahre und endlich das Reichsheer im Jahre 1758 drei Monate vorher im Rückzuge auf Böhmen.

Als er Jesus und die beiden Kirchen sah, hörte er die Stimme Christi wieder. Hatte er eine solche Vision oder Eingebung gehabt, dann drängte es ihn, sie hohen Orts zu melden.

In einer Anmerkung (S. 38) des, wie bereits eingangs erwähnt, =unveränderten= Abdrucks von Heerings vom 11. Juli 1759 datiertem Bericht erwähnt er, daß er dem kranken Heering am 24. November 1760 das Abendmahl gereicht habe. Hierbei erzählte er, daß er »etwa vor drey Wochen, eine Versammlung gesehen, welche von einem, der das Handwerkszeug eines Maurers, besonders eine Maurerkelle, in der Hand gehabt, wäre angeführet worden, von welcher Versammlung er den Gesang: Allein GOtt in der Höh sey Ehr etc. hätte anstimmen und singen hören, und ohnerachtet sich immer noch mehrere zu dieser Versammlung hinzugefunden, welche das Getöse dieses Liedes immer heller gemacht, so wäre doch von beyden Seiten dieser Versammlung eine noch größere Menge gewesen, welche solchen Gesang mit seinen Worten: =all’ Fehd hat nun ein Ende=, nicht hätten stören wollen, und sich mit dem Gehöre Feldweg gewendet, es aber dennoch hätten hören müssen.«

Zu dieser Erscheinung bemerkt Süße (S. 39): »Ob dieses von dem nach zwey Jahren erfolgeten, aber von den Partheyen mit ganz ungleicher Gesinnung angenommenen Frieden, abermals eine Heeringische Voraussagung hat seyn mögen, solches überlasset man dem G(eneigten) L.(eser) zur selbstbeliebigen billigen Beurtheilung.«

Daß jeder Krieg einmal aufhören muß, wissen wir auch ohne besondere Inspiration. Deshalb scheint mir Süße mit seiner Reserve gut getan zu haben. Überhaupt will es mir scheinen, als hätten bei Heering die akustischen Erscheinungen weniger zu bedeuten, als die optischen, ganz zu geschweigen davon, daß hier der Verdacht, es handle sich lediglich um religiöse Exaltationszustände, nicht leicht von der Hand zu weisen ist. Ein Mann, der immer in die Kirche geht, viel die Bibel liest, bei jeder Gelegenheit zu seinem Beichtvater läuft, beweist dadurch, daß er völlig in der Weihrauchatmosphäre der Kirche lebt. Da dürfte auf religiöse Visionen auch dann wenig Gewicht gelegt werden, wenn nicht gleich mit so schwerem Geschütz, wie einer persönlichen Erscheinung und Anrede Christi aufgefahren wird.

Von seinen Visionen machte Heering meistens in Form eines Gleichnisses Mitteilung. Und zwar sagte er: »Ich prophezeye nicht, ich deute auch nicht, sondern ich zeige nur an, was mir der HErr anzuzeigen befohlen hat. Und darbey habe ich dem HErrn dreymal geschworen, daß ich von dem allen, was mir der HErr befohlen hat, nichts verhalten, und mich keine Furcht um meinet und der Meinigen willen abhalten lassen will.« Dabei weinte er heftig.

Was seine Empfindung oder richtiger, was sein Gefühl im Augenblick der Prophezeiung betrifft, so sagte er davon: »Es ist mir vom HErrn gegeben worden, der HErr hat mirs befohlen, der HErr hat mirs gezeigt, Er hat mirs sehen und – bisweilen – der HErr hat michs schmecken lassen.«

Der Fischer glaubte also zweifellos im göttlichen Auftrage zu handeln. Aber selbst wenn das nicht der Fall gewesen wäre, wenn er hätte täuschen wollen, was ja allerdings nach Lage des Falles unmöglich ist, so würde das nicht das allergeringste an dem wunderbaren Phänomen ändern, daß seine Prophezeiungen, soweit es sich um Irdisches und nicht um religiöse Phantasmagorien handelte, eintrafen.

Nachdem Süße in dieser eingehenden und gewissenhaften Weise seine Beobachtungen am Fischer niedergelegt hat, wobei er dem hartnäckigen Zweifler rät, doch den Prossener persönlich aufzusuchen, präzisiert er seine eigene Stellungnahme.

Er betont ausdrücklich (S. 42 f.), daß er »der Sache neuer Offenbarungen niemals zugethan gewesen, sondern jederzeit ein Mißtrauen gegen selbige gehabt habe.« Das ließ sich ja bei einem Mann der Aufklärungszeit, nicht zum mindesten bei einem protestantischen Geistlichen, voraussetzen und ist auch ganz der Standpunkt, den Schreiber dieses allen solchen Phänomenen gegenüber einnimmt. Aber jeder Zweifel muß bei einem denkenden und sich gegen jegliches Dogma, sei es nun ein kirchliches, naturwissenschaftliches, philosophisches oder sonst eines auflehnenden Menschen der Gewalt der Tatsachen gegenüber verstummen.

So ging es auch Süße. Und das, wiewohl er schon mit Rücksicht auf sein Amt aus einer gewissen Reserve nicht heraustrat, dem Fischer zahlreiche Einwendungen machte und keinen Beifall zeigte »und diss zwar aus der guten Absicht, dass ich eine etwa bey ihm excedirende Phantasey, und einen gemeiniglich damit verknüpften Hochmut, oder auch wohl einen ungeziemend partheyische Absichten verdeckt hegenden Sinn, nicht verstärken möchte.«

In seiner Ratlosigkeit, wie sich diese merkwürdige Gabe des Fischers erklären lasse, wandte sich Süße, aber erst =nachdem= er den Tatbestand, wie wir ihn oben finden, festgestellt hatte, an Werke protestantischer und katholischer Theologen. Was er dort fand, hat für uns wenig Interesse, deshalb unterlassen wir es, ihm in eine Literatur zu folgen, die der Erklärung nicht näher steht, als wir[122]. Nur mit dem Unterschied, daß wir ehrlich bekennen, bei dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft ein ignoramus aussprechen zu müssen.

Begeht die offizielle Wissenschaft den grotesken Fehler, die Tatsachen zu leugnen, weil sie keine befriedigende Erklärung weiß, so die Theologie den andern – allerdings weit geringeren –, daß sie eine Lösung des Rätsels gefunden zu haben glaubt, wenn sie mit Worten wie Gott, Heiliger Geist, Offenbarung usw. operiert. Uns genügt die Feststellung des Tatsächlichen, d. h. in diesem Falle:

=daß der Fischer Heering aus Prossen die Gabe der Prophezeiung besaß=.

Nun wird man zwar ohne weiteres zugeben müssen, daß die bei weitem überwiegende Zahl der Prophezeiungen in Erfüllung ging, aber man wird darauf hinweisen können, daß in unserem obigen Bericht bei einigen nichts vom Ausgang gesagt wurde. Deshalb wollen wir aus dem »Vorbericht« der »Umständlichen Nachricht«, der am 20. August 1771 abgeschlossen wurde, also 12 Jahre nach dem Tatbestand, wie wir ihn oben kennen lernten, einiges nachtragen.

Damals hatte Heering prophezeit, daß »=das Preußische Heer, nachdem alles vollbracht war, in Frieden aus Sachsen zurückgezogen=« =werden= würde. An dieser Voraussage hielt Heering fest, wiewohl der Krieg noch sechs Jahre währte und die Verhältnisse oft so kritisch waren, daß nichts ferner lag, als die Wahrscheinlichkeit, die Preußen würden friedlich aus Sachsen abziehen. =Und doch trat dieser Fall ein!=

Eine weitere Prophezeiung Heerings =nach= dem Friedensschluß, »daß er auf das künftige =viel Brand-Stätte, wie auch viele entkleidete und beraubete Menschen in Pohlen gesehen=« ging gleichfalls in Erfüllung.

Wir erinnern uns noch der die Türken (»der aus Morgen«) betreffenden Voranzeige, daß sie sich künftig =in den Krieg= einmischen würden. Der Fischer hatte gesagt: »daß nach denen damaligen, im Deutschen Reich, sich geendigten Troubeln, sich =der Krieg nordwärts gezogen hätte=«, daß es sich also nicht um kriegerische Verwicklungen mit Deutschland handeln würde. Da, wie wir sahen, alle Prophezeiungen Heerings in erstaunlich kurzer Zeit in Erfüllung gingen, so würde die Vermutung nahe liegen, daß das auch hier der Fall hätte sein müssen. Aber Heering sagte – wie auch sonst wiederholt – in diesem Falle ausdrücklich: »=Zeit und Stunde hat mir der HErr hiervon nicht bestimmt=«.