Part 14
In seinem Benehmen zeichnete er sich durch Ehrerbietung und Gehorsam gegen Vorgesetzte und Obrigkeit, durch Verträglichkeit gegen die Nachbarn und Bescheidenheit und Dienstfertigkeit gegen jedermann aus. In seinem Fischhandel war er sehr billig, da er viel Glück im Fang hatte und glaubte, Gott verpflichte ihn durch den ihm zugehenden reichen Fischsegen zu Billigkeit. Er hatte bei mäßigem Vermögen und Zufriedenheit stets sein Auskommen gehabt und auch alle seine Kinder versorgt. In seinen alten Tagen zog er als Austrägler mit seiner Frau zu seiner ältesten verheirateten Tochter, der er sein Prossener Haus übergab, übte aber – unter andächtigem Gesang – immer noch sein Fischergewerbe aus. Wegen seiner redlichen Führung verwaltete er jahrelang das Amt eines Gerichtsschöppen.
Was nun endlich seine Konstitution betrifft, so war er bis zu seinem sechzigsten Lebensjahre kräftig und gesund, trotz der schwersten Arbeit, die er von Jugend auf bei Hitze und Frost verrichten mußte. Die einzigen Spuren dieser Tätigkeit waren ein etwas gebückter Gang und – eine Folge des schweren Ziehens – ein etwas verdickter Hals. Er hatte einen Sprachfehler und stockte in der Rede.
Sein Gesicht war aufrichtig, sein Wesen beständig freundlich, sein Temperament sanguinisch-cholerisch, »und wenn auch etwas vom Temperamento Melancholico bey ihm influiret, so hat man doch zu keiner Zeit das geringste Unordentliche, oder etwas Vitiös-Melancholisches in seiner Gesinnung, Thun und Lassen verspüret, immaßen er sonst auch bey der Prossner Gemeinde nicht als ein Gerichtsschöppe hätte mögen bestellet und gebrauchet werden können. Und wie er mit keiner Melancholie behaftet ist, so kann man in seinem Wandel weder ein herrschendes Laster überhaupt, noch insonderheit einen Ehrgeiz oder Hochmuth an ihm finden, indem er sich sowohl in seiner Kleidung sparsam und gering hält, als auch in seinen Worten, Werken, Thun und Lassen, im äußerlichen Bezeigen, alle Demuth und Niedrigkeit von sich an den Tag leget, und sich darneben mit geringer Kost begnüget.
So ist auch der Fischer am allerwenigsten ein Sonderling, oder einer falsch eingebildeten vorzüglichen Heiligkeit, eines schwärmerischen enthusiastischen Unwesens, noch irgend einem andern sektirischen Wesen zugetan, sondern hält sich in seiner Evangelischen Bekäntniss zur Lauterkeit in unserer Religion, und unter Göttlichen Beystande in der Thätigkeit des Glaubens zu denen Schranken, in welchen ein Christ suchen muß, sein Gewissen allenthalben zu bewahren, worbey er sich jedoch unausgesetzt als einen armen Sünder vor GOtt demüthig bekennt.«
Zum Schluß ruft Süße die ganze Gemeinde und alle die Heering kennen, zum Zeugen auf, daß er in keiner Weise bezüglich seiner Personalien übertrieben habe. Wir glauben das um so eher, als – von äußeren Gründen ganz abgesehen – der Bericht das Zeugnis innerer Wahrheit an der Stirne trägt.
Fassen wir die wichtigsten Momente aus der Charakteristik zusammen, so steht fest, daß es sich beim Prossener nicht um einen überspannten Schwärmer, sondern um einen an Körper und Seele =gesunden=, in Arbeit ergrauten, ehrlichen, fleißigen Bürger und Familienvater handelt, dessen soziales Niveau gleich dem seiner Bildung tief liegt[110].
Daß Heering die Gabe der Prophezeiung besaß, war bald im Volke bekannt. Während man ihm aber Visionen andichtete, die er nie gehabt hatte, hat sein Beichtvater Süße bereits seit dem Jahre 1756, als die Weissagungen ernsten Inhalt bekamen und schon mit Rücksicht auf den beginnenden Krieg bedenklicher wurden, den Mann gewissenhaft beobachtet und darüber einen Aufsatz verfaßt, in dem er Heerings Charakteristik und Vergangenheit skizzierte. Und zwar tat er das auf Veranlassung des Prossener hin, nicht aber umgekehrt. Damit fällt der Verdacht, Süße habe, um sich interessant zu machen oder aus anderen Gründen, Heering »entdeckt« oder habe ihn gar zu kirchlichen Propagandazwecken benutzt[111].
Zwar enthielt der erwähnte Aufsatz, die Art, in der die Visionen sich einstellten, angegeben, nichts aber von deren Inhalt, mit alleiniger Ausnahme der Voraussage einer damals noch nicht existierenden hohen Allianz.
Dieser Aufsatz war also lediglich zu privaten Zwecken verfaßt worden, um nämlich Süße als Grundlage für weitere Forschung an Heering zu dienen, ferner um Freunden, die sich bei ihm über den merkwürdigen Mann erkundigten, Auskunft erteilen zu können. Wiewohl also die Absicht der Publikation nicht bestand, hat ein Freund Süßes eine Abschrift ohne sein Wissen und Willen und ohne Revision, auch nicht vollständig, veröffentlicht, und zwar in zwei einzelnen halben Druckbogen. Dadurch sah sich Süße veranlaßt in Nr. XXXVIII der »Dresdner wöchentlichen Frag- und Anzeigen des politischen Blats« vom Jahre 1757 dagegen öffentlich Stellung zu nehmen.
Die Verwahrung, die für uns, wenn wir an Süßes Ehrenhaftigkeit zweifeln wollten, doppelt wertvoll ist, da sie beweist, wie frühzeitig schon die Öffentlichkeit sich mit dem interessanten Phänomen beschäftigte und wie viele Jahre lang Süße nachweisbar den Mann unter Augen hatte, lautet:
»Man siehet ohne beniemten Ort des Abdrucks im Druck: =Zuverlässige Nachricht derer außerordentlichen Anzeigen und Voraussagungen Christian Heerings, eines Fischers zu Prossen bey Königstein=, 1757[112].
Es ist dieses ein Aufsatz, mit welchem sich der Verfasser veranlasset gesehen, einestheils denen, über den Fischer Heering und seine neuerliche Anzeigen, bisher rouillirenden so mancherley Andichtungen, ungleichen Beurtheilen, und auch wohl einem unbilligen Verspotten, Einhalt zu thun; anderntheils verschiedenen Anfragen in einer zuverlässigen Nachricht eine Idee, oder einen wahren Begriff von dem Fischer Heering und seinen Anzeigen zu machen, wie auch die Schranken wohlmeynend anzuzeigen, wornach von dergleichen außerordentlichen Begebenheiten und Vorfällen, bewandten Umständen nach, ein christbilliges Urtheil zu fällen seyn möchte.
Es ist indessen dieser Aufsatz weder von dem Verfasser selbst, noch sonst mit seinem Wissen und Willen, dem Druck überlassen worden, da er, erwehntermaßen, solchen Aufsatz nur zu einer Privatnachricht für einige Anfragende, in und außer seiner Kirchfahrt, entworfen, und das Manuscript davon, oder eine Abschrift desselben, in den Druck zu geben nie gesonnen gewesen. Daher auch dem Verfasser, dem allerdings dieser eigenmächtig, und ohne vorher von ihm geschehene Revision seines Aufsatzes unternommene Druck, nicht anders als zuwider sein muß, keinen Antheil an solchem sub- und obreptitie zum Vorschein gekommenen Abdruck nimmt.
M. S.«
Trotz dieser Verwahrung erschien noch ein zweimaliger Abdruck der inkriminierten Schrift, d. h. der vorgenannten Halbbogen, in Sammlungen von Prophezeiungen. Den Titel dieser Schriften nennt Süße nicht. Sie hätten ja auch schließlich nur bibliographischen Wert. Endlich erschien ohne Angabe des Druckortes und anonym im Jahre 1758 ein Schriftchen mit dem Titel »Einige Prophezeiungen, welche von einem Fischer und Einwohner in einem Dorfe bey Königstein, auf die Jahre 1759 und 1760 gestellet sind«. Da Süße auch dieser Publikation fern stand, wir in ihnen also kein authentisches Dokument zu erblicken haben – ein Exemplar befindet sich auf der kgl. Bibliothek in London – ist sie für uns ohne Interesse.
Süße konstatiert sogar ausdrücklich (S. 5 f), daß bis auf =einen= Punkt, daß nämlich die Türkei sich in den Krieg mischen würde, keine einzige der genannten Prophezeiungen mit den authentischen des Fischers übereinstimme, daß ihm vielmehr vieles angedichtet worden sei, woran er nicht gedacht habe, und daß er sich deshalb ausdrücklich Süße und anderen gegenüber darüber beklagt habe.
Was nun zunächst die Zahl der Prophezeiungen betrifft, so war sie durchaus nicht so groß, wie Fernstehende meinten (S. 16). Sie traten schon in seiner Jugend auf, um sich später zu mehren.
Gehen wir nun auf den Inhalt der Visionen ein!
Die erste, von der wir Kenntnis haben, fällt in das Jahr 1744, als Heering ein Mann von etwa 34 Jahren war. Süße schreibt darüber (S. 16 f):
»So begegnete ihm im Jahre 1744 die Erscheinung, als er sich noch bey Tage bey Postelwitz zu Lande, am Ufer des Elbstroms, auf dem Wege nach Hause zu gehen befand, daß er eine Menge Menschen und den HErrn JEsum sahe, wie er seine Hand über die wenige Ihn begleitende Nachfolger Aufhub, worbey Heering das Lied, weil die mehresten Menschen den breiten Weg zur Verdammnis giengen, von einem derer Nachfolger JEsu anstimmen hörete:
Mache dich mein Geist bereit, Wache, fleh’ und bete, Daß dich nicht die böse Zeit Unverhofft betrete etc.
Welche Erscheinung mir der Fischer zu wiederholten malen mit innigster Gemüthsbewegung und vergossenen Thränen erzehlet hat.«
Begreiflicher Weise können wir mit dieser Vision oder Halluzination nicht das geringste anfangen. Sie hat für uns keinen anderen Wert als den festzustellen, daß der sonst nüchterne Mann zeitweilig religiösen Exaltationen unterworfen war. Das ist bei einer anscheinend sehr religiösen oder doch kirchlichen Natur nicht weiter verwunderlich.
Ganz anders liegt der Fall bei der zweiten Vision des Jahres 1744. Wenn auch sie religiösen Ursprungs war, insofern ihm das fünfte Kapitel des Propheten Jeremias, eine Klage über Unglauben und Ruchlosigkeit in allen Ständen, erschien, so ist der weitere Verlauf doch von höchstem Interesse. Es wurde ihm nämlich »vom HErrn gezeigt«. =Daß ein Held mit seinem feindlichen Heer würde nach Sachsen kommen, und das Schwerdt bis an das Heft ins Blut tauchen, und dieser Held würde hernach zu Dresden wie in einem offenen Garten einziehen, aber bald darauf wieder zum Obern Thor hinaus ziehen.=«
Hier haben wir die erste kontrollierbare Prophezeiung vor uns, interessant sowohl durch ihren dem einfachen Bildungsgrade des Fischers an sich fernliegenden politischen Inhalt, als nicht minder durch die begleitenden Nebenumstände.
Heering muß von dem bedeutungsvollen Inhalt der Vision aufs heftigste berührt worden sein, denn er begab sich nach Dresden, um von ihr hohen Orts persönlich Mitteilung zu machen. Er hielt sich in der Landeshauptstadt mehrere Wochen »in einem hohen Hause« auf und ließ sich hinsichtlich seiner Aufführung und Charakters prüfen, auch ob er dem Trunk ergeben oder geldgierig wäre. Gleichzeitig ließ er einen umständlichen Bericht von seiner Prophezeiung machen und war bemüht, ihn dem König einzuhändigen[113].
Aus der, wie gesagt nicht authentischen, »Zuverlässigen Nachricht« von 1756 erfahren wir Näheres. Heering »suchte seine damaligen Voraussagungen schriftlich in die Hände des Cabinets-Ministri, Grafen von Brühl Excellenz zu bringen, er ließ auch eine Zeit hernach, in eben diesem Jahre, um Johannis-Tag, einen Aufsatz an Ihro Majestät unserm allergnädigsten König selber richten, und übergab solchen Sr. Hochwürden, den Königl. Beichtvater, Herrn P. Ludovico Ligeritz S. J., welcher Herigen zwar anhörete, ihm aber antwortete, weil er sein Glaubens-Genoß nicht sey, so könne er sich mit der Sache nichts zu thun machen, er müsse sich an seinen Beicht-Vater wenden.
Der Herr Pater gab Herigen hierauf etliche Groschen Geld, welche Herig anzunehmen sich weigerte, und sagte, daß er Geldes wegen zu Sr. Hochwürden nicht gekommen wäre, doch dabey durch fernere Verweigerung dem Respect nicht entgegen handeln wolte.«
Mag der Bericht, dem wir diese Stelle entnehmen, auch apokryph sein, so haben wir doch um so weniger Grund an der Wahrheit zu zweifeln, als Graf Brühl, der allmächtige Premierminister, erst 1763 starb, und man es kaum gewagt haben würde, seinen Namen oder den des Beichtvaters Ligeritz zu mißbrauchen. Dasselbe gilt von dem weiter unten genannten Grafen Hennicke. Die Vermutung liegt nahe, daß Süße die Namen aus Gründen der Diskretion verschwieg. Im Kern stimmen übrigens die Berichte ja völlig überein, nur daß der anonyme eine Ergänzung liefert.
=Diese Prophezeiung nun traf im vollen Umfange ein=! Als Heering die Vision hatte, operierten die Preußen noch in Schlesien, niemand konnte etwas von ihrem Übergreifen auf Sachsen, geschweige denn dem Ausgang der Operationen sagen. Die Schlacht bei Kesselsdorf, in der Leopold von Dessau die Sachsen schlug, fand ja erst am 15. Dezember 1745 statt, Dresden wurde besetzt, doch schon am 25. Dezember daselbst der Friede zwischen Preußen, Sachsen und Österreich geschlossen. Berücksichtigt man noch, daß es Preußen im Jahre 1744, als Heering die Vision hatte, militärisch sehr übel ging, so erscheint das Eintreffen der Prophezeiung noch merkwürdiger.
Das muß auch – nach der »Zuverlässigen Nachricht« – Graf von Hennicke gefühlt haben, denn er ließ nach der Schlacht bei Kesselsdorf den Fischer zu sich kommen »und sich von im mündlich anzeigen, was Herigen fast 2 Jahr vor der Kesselsdorffer Bataille (wie Herig zu reden pfleget) vom HErrn gezeiget, und anzuzeigen befohlen worden, bey welchem Verhör aber Herig, wie er erzehlet, abermals wenig Glauben gefunden, sondern weil er unter seinen Anführungen unter andern anzeigete, daß er auch bey dem ihm angezeigeten Sachsenlande bevorstehenden Ungewitter das fünfte Capitel des Propheten Jeremiä aufgeschlagen, wäre er von vorerwehnten hohen Minister mit dem Bescheide dimittiret worden, daß Herig verschiedenes aus der Bibel nehme, und solches auf künftig geschehen sollende Dinge, und auf sich applicire.« Heering ist seitdem viele Jahre lang seiner Vorahnungen wegen nicht wieder nach Dresden gekommen.
Die rationalistische Erklärung des Grafen Hennicke ist zweifellos die nächstliegende. Wir würden sie uns auch ohne weiteres zu eigen machen und den Fischer als Eideshelfer für die bei einigen Personen bestehende Prophetengabe nicht nennen, wenn dem nicht die gewichtigsten Bedenken entgegenstehen würden.
Zunächst ist es auffällig, daß – selbst angenommen, er habe biblische Verhältnisse auf seine Zeit übertragen – diese Übertragung durch die Tatsachen bestätigt wurde. Denn statt von Sachsen, Dresden, dem Oberen Tor und der kurzen Frist des Abzuges, hätte er auch von ganz anderen Parteien und Lokalitäten reden können. Immerhin ist die Möglichkeit, es handle sich hier lediglich um Zufall, nicht völlig von der Hand zu weisen. Stutzig macht allerdings die in den »Zuverlässigen Nachrichten« mitgeteilte Äußerung des Generals Bose, Kommandierenden in Dresden, der König Friedrich antwortete: »=Aus einem Lustgarten könne er sich nicht wehren=«. Die Übereinstimmung dieser Worte bei Übergabe der Stadt mit den in der Vision gebrauchten, das Heer würde in Dresden »=wie in einen offenen Garten einziehen=«, ist auf alle Fälle erstaunlich.
Doch der Deutung auf Zufall bei Zugrundelegung dieses einzigen Falles steht noch ein anderes sehr gewichtiges Bedenken entgegen: Heering war es unbenommen, aus der Bibel nach Herzenslust zu prophezeien. =Warum tut er es nur in diesem konkreten Falle? Warum ist er vor allem so sehr von der Richtigkeit des Geschauten überzeugt, daß er die langwierige und kostspielige Reise nach Dresden unternimmt= und dabei zum mindesten Gefahr läuft als Phantast verspottet zu werden?
Mir persönlich scheint es sich hier tatsächlich um eine =Vision= zu handeln, die Heering vielleicht nachträglich – seinem Bildungsgrade und Ideenkreis entsprechend – biblisch verbrämte.
Doch unterlassen wir es, Erklärungsversuche zu machen, bevor die Tatsachen einwandfrei feststehen.
Die Vermutung, daß es sich hier tatsächlich um eine Vision handelt, wird zur Gewißheit erhoben durch die nachfolgenden Prophezeiungen desselben Mannes. Er fuhr nicht etwa fort, Biblisches auf seine Zeit zu übertragen – was bei dem Erfolge der ersten Prophezeiung das Nächstliegende gewesen wäre –, sondern er hat im Gegenteil mehr als ein volles Jahrzehnt überhaupt nichts mehr geweissagt.
Erst Mitte März 1756 stellte sich die erste Vision wieder ein und damals war es auch, daß er erstmalig, und zwar aus freien Stücken, zu seinem Beichtvater Süße kam. Das zweitemal suchte er Süße am Karfreitag des gleichen Jahres auf, zum drittenmal aber Ende Juli 1756, »bey welchem seinen dreymaligen Anbringen er einmal wie das andremal mit innigster Gemüthsbewegung, ja mit Jammern und mit Thränen anzeigete, wie er sein mir bereits etlichemal eröffnetes Anbringen nicht weiter mehr zu verbergen wüßte, er fände sich Tag und Nacht getrieben, es dem Allergnädigsten Landesvater anzuzeigen. Das Unglück wäre nahe und nicht weit mehr entfernet.«
Wiewohl nun Süße fürchtete, daß Heering kein Gehör finden würde, da er, wie bei seinem Bildungsgrade ja natürlich, keinen ordentlichen Vortrag halten konnte und überdies mit einem Sprachfehler behaftet war, konnte er ihm doch das verlangte Führungsattest nicht vorenthalten. Es war datiert vom 2. August 1756[114]. Gleichzeitig verschaffte Heering sich ein Attest von seinem ehemaligen Beichtvater M. Clauß, Pfarrer in Schandau.
Ausgestattet mit beiden Dokumenten ging er gleich nach Dresden, wurde von einem Minister gnädig aufgenommen, brachte seine Prophezeiung vor und ging dann »ruhig und freudig, sich seines Anliegens entledigt zu haben« wieder heim.
Auch der größte Skeptiker wird zugeben, daß es sich hier nicht um einen Schwindler handelt, sondern um einen Mann, der zweifellos persönlich von der Wahrheit und Wichtigkeit seiner Visionen überzeugt ist. Stellt sich nun heraus, daß diese auch objektiv zutreffen – und zwar nicht etwa nur in einem einzelnen Fall, sondern wiederholt und in mehreren Punkten, so daß der Zufall auszuscheiden scheint –, dann steht nichts im Wege, Heering unter die Zahl der mit Prophetie ausgestatteten Personen einzureihen.
Vorausgeschickt sei, daß nach Süße (S. 20) seine Visionen =nicht= »Glaubens – oder die H. Göttliche Offenbarung der Bibel angehende Sachen, sondern lediglich Dinge und Vorfälle sind, welche die bevorstehende Schicksale des Weltlichen Regiments, der Policey und Kirche vornämlich anbelangen.« Das bestärkt unsere Vermutung, daß es sich nur um unbewußte religiöse Einkleidung handelt.
Gehen wir nun auf den Inhalt der Prophezeiungen des Jahres 1756 ein!
=Süße schreibt darüber (S. 20 f.): »Der HErr habe ihn sehen lassen, daß nächstens ein großes Ungewitter entstehen würde, durch welches unser Sächsisches Vaterland mit Krieg überzogen werde, und solches unsere hiesige Elbgegend zuerst betreffen würde. Hierbey würde es hart zugehen; Und dieses Ungewitter wäre sehr nahe, so, daß Ihro Königl. Majestät, unser Allergnädigster Landesvater, an Dero Reise nach Dero Königreichen würden gehindert werden, Höchst-Dieselben würden nicht von Dero Volke gehen[115]. Es würde aber das Ungewitter mit seiner Heftigkeit in unserer Gegend nicht von langer Dauer seyn[116], sondern es würde sich noch weiter ziehen und viel Blut vergossen werden. Besonders würde dieses Ungewitter in unsserm Vaterlande auch daher viel Elend nach sich ziehen, weil die junge Mannschaft würde viel leiden müssen. Er hätte auch Brandstätte gesehen, und er wäre sogar auf selbigen herumgeführet worden. So sei ihm auch ein Acker gezeiget worden, welcher als ein bisher unfruchtbar gelegner Acker hätte müssen umgerissen und von neuem geflüget und besäet werden, und dis darum, weil der Acker theils gar unfruchtbar und verwildert gelegen, theils Gerste darauf gesäet worden. Gerste bringe aber ein herbes Brot.
Ferner zeigte der Fischer mit an: Wie ihm auch zwo Kirchen gezeiget worden wären, eine in der Stadt, die andere außer der Stadt, in welchen man aber dem HErrn nur das halbe Herz gegeben habe; der Herr hätte aber gesprochen: Ich will das ganze Herz haben, das ganze Herz will ich haben, und das will ich mit dem Finger des Heil. Geistes rühren[117].
Noch ferner führete der Fischer an: Daß sich Dresden ihm in den Prospekt eines Gartens gezeiget hätte, aus welchem Garten die stärksten Bäume wären mit den Wurzeln herausgerissen, und vom Lande hinweggeführet worden[118].= So habe er auch gesehen, daß der alte Grundstein wäre herausgerissen, und ein neuer gelegt, auch die Kirche außer der Stadt geschlossen worden.
Der angegebene Hauptzweck von allen diesen Anzeigen war endlich dieser, daß der Fischer Heering sagte, daß ihm der Herr befohlen hätte, dem =Allergnädigsten Landesvater= es anzuzeigen, daß um des herannahenden Ungewitters willen, =möchte ernstlich im Lande Buße geprediget, und die Verbindung mit Süd-Ost und Süd-West möchte verlassen werden, so wolle Gott dem Hause Sachsen wohlthun.=
Fragte ich den Fischer Heering, woher dieses von ihm beniemte herannahende Ungewitter entstehen sollte; so antwortete er mir folgendergestalt: =Es würde sich Süd-Ost und Süd-West mit einander wider Nord-West verbinden, Süd-West wäre gedemüthiget worden, wie Vier Helden neben einander gegen Süd-Ost und Süd-West stünden, welche vier Helden so lange hinter und neben einander stehen würden, bis Süd-Ost und Süd-West von einander abließen.= Er setzte hinzu: =Es wäre ihm endlich gezeiget worden, daß der aus Morgen, welcher ihm mit dem Namen wäre genennet worden, daß es der Türke sey[119], herangezogen wäre, worauf sich der Krieg seitwärts gegen Norden gezogen hätte=.«
Auf diese ziemlich unklaren Äußerungen hin fragte Süße sein Beichtkind, was er denn unter den Himmelsrichtungen verstehe. Er erfuhr dabei, daß Heering die Potentaten nach der Lage ihrer Länder bezeichne, daß also Süd-Osten die Kaiserin Maria Theresia sei, Süd-Westen aber König Ludwig XV. von Frankreich und daß er eine zwischen beiden Mächten sich vollziehende Alliance vorhersehe. Das war um so merkwürdiger, als das Publikum – und demnach auch der Fischer – von diesen hohen Bündnissen nichts ahnte und auch tatsächlich ein Vertrag zwischen Wien und Versailles noch gar nicht geschlossen war.
Unter Nord-Westen verstand Heeringen den König Friedrich den Großen von Preußen. Wer aber die drei Helden wären, »welche mit des Königs von Preußen Majestät zusammen =vier= Helden neben einander stehend, ausmacheten, konnte er mir damals so wenig, als noch jetzo anzeigen. Es müßten also vermutlich die Preußischen Alliierten seyn, worüber sich aber Heering, etwa wegen Mangel der Erkenntnis derer Geschichte und derer Staaten, eigentlich aber, wie er ausdrücklich sagt: =weils ihm nicht weiter gezeigt worden wäre=, nicht deutlicher zu erklären wußte[120]. Der Fischer setzte dieser seiner Anzeige nur noch dieses hinzu, die vier Helden wären jetzo noch nicht beysammen, sie würden aber schon noch erscheinen, und da werde der Held aus Nord-Westen, der König in Preußen, wenn er ziemlich ins Enge getrieben, und matt geworden sey, neue Kräfte bekommen; diese Hilfsvölker des einen zu des Königs in Preußen getretenen Helden, wären grün gekleidet gewesen. Hierauf wären die vier Helden standhaft bey einander gestanden, und wären nicht gewichen, =bis ein neuer Grundstein wäre geleget worden=[121].«
Süße ließ darauf die Prophezeiungen auf sich beruhen und ermahnte den Fischer zur Ruhe, ja er dachte gar nicht weiter an Heering und seine seit etwa dem 15. März 1756 und dann noch einige Male dem Geistlichen erzählten Visionen. Da fand er auf einmal in Nummer 61 der =Erlanger Zeitung= vom 22. Juni des Jahres die =Bekanntgabe des »Unions-Freundschafts-Defensiv-Traktats« zwischen Maria Theresia und Ludwig XV. Und zwar war er am 1. Mai 1756 zu Versailles geschlossen worden, also tatsächlich etwa sieben Wochen später, als der Fischer die Vision gehabt hatte. Die Erlanger Zeitung aber fing jetzt erst an ihre Stellungnahme dem Vertrag gegenüber zu ändern, hatte sie sich doch noch in ihrer Nummer 51 vom 15. Mai des Jahres in dem Artikel »von allgemeinen Staatshändeln« ablehnend verhalten=.
Damals hatte sie nämlich (S. 393) geschrieben, man hätte verschiedentlich in den Zeitungen einen rätselhaften Artikel gelesen, nach dem zwischen zwei der vornehmsten Höfe wichtige Verhandlungen im Gange wären. Diese Höfe, so sei leicht zu raten, sei der österreichische und französische. Sie brachte dann aus der Leydener Zeitung zwei Artikel mit der Mitteilung, zwischen Wien und Versailles bestehe die Absicht ein Bündnis zu schließen, ja es sei bereits geschlossen. Das war also am 15. Mai!