Part 13
[96] Vers 93 und 94 beziehen sich auf Friedrich Wilhelm IV. Ohne gewaltsame Interpretation anzuwenden, werden wir finden, daß auch sie wunderbar zutreffen. Allerdings ist der König nicht der letzte protestantische Hohenzoller, wohl aber der letzte, der das Zepter führt im Sinne eines absoluten Monarchen. Denn die Märztage des Jahres 1848, auf die Vers 94 deutlich anspielt, brachten bekanntlich die Konstitution, die Friedrich Wilhelm III. zwar zu geben geschworen, aber nicht gehalten hatte, wirklich. Beziehen wir Vers 92 statt auf Friedrich Wilhelm III., auf seinen Sohn, so trifft es ebenfalls vortrefflich zu. Denn beide Fürsten hatten keine Ahnung davon, was für eine Macht im Verlangen des Volkes, sein Schicksal selbst mit zu bestimmen, heranwuchs.
[97] Am verblüffendsten ist das Eintreffen des 95. Verses: =Das 1871 durch Wilhelm I. errichtete deutsche Kaisertum.=
Ob die folgenden Verse nun in Erfüllung gehen oder nicht, d. h. ob der Katholizismus wieder ausschließlich herrschen wird, können wir der Zukunft überlassen. Richtig ist ja leider, daß die Klostergründungen ebenso wie die Macht des Zentrums in den letzten Dezennien beängstigend zugenommen haben.
[98] Vgl. =M. W. Heffter=, Die Geschichte des Klosters Lehnin, Brandenburg 1851, S. 103 ff. Dagegen führt Ponk (Schrammen-Lehnin S. 15 ff.) eine Reihe von Zeugnissen für die Existenz weit älterer Handschriften an. Zwingende Beweiskraft hat keines, wenn auch höchst merkwürdig die Tatsache anmutet, daß die Prophezeiung des P. Speer über Bayern zum Teil wörtlich mit der Lehninschen übereinstimmt. Da Speer aber bereits 1632 starb, muß entweder unsere fast ein Jahrhundert älter sein, als behauptet wird, oder aber der angebliche Hermann hat Speer kopiert. –
[99] =Sabell=, Literatur der sogenannten Lehninschen Weissagung. Heilbronn 1879.
[100] Nämlich Hermann I. 1234–1243; Hermann II. 1248–1257 und Hermann III. bis 1296. Vgl. D. B. Dettmar, Lehnin und seine Fürstengräber, Regensburg 1885, S. 119.
[101] J. C. L. Gieseler, Die Lehninsche Weissagung gegen das Haus Hohenzollern als ein Gedicht des Abtes von Huysburg, Nicolaus von Zitzwitz, aus dem Jahre 1692 nachgewiesen, erklärt und in Hinsicht auf Veranlassung und Zweck beleuchtet. Erfurt 1849.
[102] Die Lehninsche Weissagung, Berlin 1888, S. VII.
Fünftes Kapitel
Christina Ponitowssken
Unter den außerordentlich zahlreichen vermeintlichen und wirklichen Sehern des 17. Jahrhunderts verdient die Jungfrau Christina Ponitowssken schon deshalb Beachtung, weil es gar keinem Zweifel unterliegen kann, daß sie von der Göttlichkeit ihrer Mission und dem hohen Wert ihrer Visionen überzeugt war. Was letzteres betrifft, so sind wir darüber allerdings anderer Ansicht und neben Bewunderern hat es auch unter ihren Zeitgenossen nicht an solchen gefehlt, die ihnen allen Wert absprachen[103].
Tatsächlich handelt es sich auch in der Regel um recht allgemeine, phantastisch verbrämte, biblische Redensarten und Ermahnungen, deren Unterlassung die Welt nicht aus ihren Gleisen geworfen hätte.
Als Beispiel für die Art der Visionen, aber auch um ihres Inhaltes willen, den man immerhin auf die Schwedenkriege beziehen kann, sei nachstehend eine Vision vom 13. Januar 1628 mitgeteilt.
Es sei vorausgeschickt, daß Christina die Tochter eines böhmischen Geistlichen war, etwa sechzehnjährig in eine schwere Krankheit verfiel und von da ab zahlreiche Visionen hatte, die im Jahre 1629 im Druck erschienen. Die erste auf die hin sie dann krank wurde, trat am 2. November 1627 ein. Sie sah eine blutige Rute am Himmel, deren Stiel gegen Mitternacht, deren Spitzen aber gegen Mittag gekehrt war. Daß nach dem Einfall Gustav Adolfs diese Vision als Voranzeige des Schwedenkrieges, der ja wenige Jahre später ausbrach, gedeutet wurde, ist nahe liegend.
Die Vision vom 13. Januar lautet[104]:
»Donnerstags hatte ich um 2 Uhr nach Mittage folgendes Gesicht: Erstlich kam zu mir der HERR, in schöner Gestalt, both mir die Handt, und sprach: Mein Segen sey mit dir jmmer und zu ewigen Zeiten. Weiter sprach er: Komm mit mir: Und ich ging mit ihm, gleich als in einen schönen Garten, da kam zu uns der Alte[105], grüßte mich mit Handgebung, giengen also spatzieren, der HErr mir zur Rechten, der Alte zur Linken, ich aber in der Mitten, von ihren beyden Händen geführet: Da klagte ich dem Alten mein Elend, daß ich nun gantzer 8 Tage meine Ohren verstopfft, und meine Zunge gebunden hette gehabt, unnd bahte, daß er mir meine Ohren öffnen, unnd meine Zunge wieder lösen wolte, weil der HErr, solches zu thun, sich geweigert, und gesaget, Er der Alte, hette eben die Gewalt als er, weil sie gleich an Macht und Ehren: Darauff sprach der Alte: Wie bistu doch so ungeduldig, unnd warumb klagest du also? Ich antwortet: Darumb O HErr ist mein Herz betrübet gewesen, weil ich gedachte, das were eine Straffe und Züchtigung von dir, und eine Anzeigung deines Zorns gegen mir, wie ich denn weiß, daß ich nicht allein zeitliche, sondern auch wol ewige Straffe verdienet: Er sprach abermal: Worbey merckestu, daß das ein Zornzeichen sey, an deiner Zunge und an deinen Ohren[106]?«
Überspringen wir die Wechselreden, um zum tatsächlichen Inhalt der Vision zu kommen: »Mit den Worten ergriff er mich bey der lincken, und der HERR bey der rechten Hand, und führeten mich an einen Ort des Gartens, und als bald kam gelauffen ein großer Löw, und von der andern Seithen her ein anderer, auch sehr groß, daß ich mich sehr fürchte: Unnd einer war roth der ander blaw, und ein jeder hatte ein sehr großes Schwerdt in den fördern füßen, auff den hindern aber stunden sie, und hatten auch sehr lange scharffe und spitzige Klawen. Siehe für dich sprach der Alte: und siehe, da kam ein überauss großes weißes Pferdt, auch auff zweyen Füßen her getretten, unnd hatte zween große Köpffe, in den fördern Füßen aber hilt es eine eisserne glüende Kugel, das gieng und tratt starck unter sich, daß der Erdbodem erschutterte, als es aber zu den Löwen nahete, gieng es langsam und mählich, gleich als wenn es sich für jnen fürchtete, die Löwen aber stunden muthig gegen einander, und sahen das Pferd an, neigeten auch bissweilen die Köpffe zusammen, als wenn sie heimlich mit einander redeten, unnd gaben doch gute Achtung auff das Pferdt: Als nun das Pferdt hart an sie kam, warff es die Kugel unter sie hin, gleichsam in Hoffnung, wann sie sich mit einander darumb rauffen würden, es unter dessen ungehindert davon kommen köndte: aber die Löwen ließen die Kugel ligen, setzen an das Pferdt, rießen ihm beyde Köpffe herunter, zermalmeten es auch in kleine Stücklein, redeten abermahls was mit einander, unnd stießen die Kugel von sich: Unnd der Alte sprach: Siehe ferner, und mercke auff: Und als bald sahe ich einen Baum, der war hoch und breit, stunde mitten unter den Löwen, und bedecket sie mit seinen Asten, weil er so groß war: Und sihe, auff dem Wipffel desselben Baums sahe ich ein Adler sitzen, der war sehr groß, und hatte 2. Köpffe, 4. Füße, 4. Flügel, 2. Schwäntze, und ich hörete daß der Adler ein groß Geschrey führete, davon ich aber nichts verstund, sondern fragte den Alten, warumb, und was doch der Vogel also schrie? Der Alte sprach: Dieser Vogel ruffet also: Sihe, ich sitze hoch, und bin erhöhet uber alle, darumb wer ist so keckes Hertzens, das er keme, und mich von meinem Ort vertreibe? Niemand ist, es wird auch niemand seyn. Als er aber ausgeredt, tratten die Löwen zu dem Baum, machten sich dran, rüttelten ihn mit solcher Gewalt, daß der Vogel herunter fiel, unnd von den Löwen zerrissen unnd verzehret wurde, eben wie das Pferdt. Abermahl sprach der Alte: Komm noch weiter mit mir, unnd sie beyde brachten mich zu einem großem Wasser, darbey abermahl ein uberauss großer Baum stund, der sich sehr aussbreitet: Der Alte sprach: Merck auff: Unnd siehe, die Löwen kamen wieder, hieben und hackten in den Baum, zerbrachen und zerspelten ihn mit großem Krachen, kratzen auch die Wurzeln mit den Klauen auss der Erden, worffen das alles ins Wasser, und verscharreten die Löcher, da die Wurtzeln gestanden, unnd vertratens wieder fein glatt, daß kein Anzeigung, wo der Baum gestanden, uberbliebe. Der Alte sprach weiter: Komm, jetzt soltu das Ende sehen: Und ich gieng, und sahe ein trefflich schön unnd wolgebawtes Hauss, von lauter Werckstücken erbawet, und volles Glantzes: Da fragte ich den Alten, was das für ein schön unnd wol gebawtes Hauss were? Er antwortet: Diss Hauss ist das Widerspenstige, stachlichte unnd verstockte Hauss, von außen scheinet unnd glentzet es zwar, aber innwendig ist es voll Unreinigkeit, Grewel, Boßheit, unnd aller Gottlosigkeit. =Ist das große Babel, dessen Fall nun vorhanden: Dann es ist gar unmüglich, daß es lenger solte stehen bleiben, darumb, daß seine Sünde unnd Missethat nunmehr biss an den Himmel reichen=: Derohalben mercke fleißig drauff, was geschehen wird. Bald kamen die vorigen zween Löwen, unnd neben ihnen noch einer schneeweiß: Diese alle drey fielen das Hauss an, brachen einen Stein nach dem andern herauss, (der weiße Löw thet allhier das beste) biss das Hauss also untergraben wurde, daß es uber einen Hauffen fiel, unnd ward zu malmet wie Sandt. Und die drey Löwen spatzierten auff dem Sande hin und her, und schryen uber laut: =Babel ist gefallen, Babel ist gefallen: Das große Hauss ist gefallen: Siehe, das prächtige hochmütige Hauss ist gefallen, und soll nicht wieder erbawet werden. Es ist vollkömlich das Hauss, so voller Grewel und Hurerey war, umbgekehret: Doch nicht durch unsere Macht, sondern durch Krafft des starcken Löwens von dem Stamm Juda=[107]. Mit den Worten giengen die Löwen von einander, und der Dritte kam mir auch auss dem Gesichte: Unnd bald hernach erhub sich ein starcker Wind, unnd zerstrewet den Sand so gar, daß nichts davon uberblieb. Der Alte aber sprach: Hastu gesehen, was da geschehen ist? Ich sagte: Ja Herr: Ich bitte aber, unterrichte mich, was durch das Pferd, den Adler, den Baum unnd das Hauss verstanden werde? Er sprach: Durch diss alles, soltu nichts anderes verstehen, als das große F. unnd P. unnd den gantzen =Antichristischen Anhang=, welches alles in kurtzer Zeit uber die massen schnell verderbet, unnd aussgerottet werden wird. Die Löwen aber sind V. T. T. Sch. D. St. E. F. U. S. W. durch diese wird Babylon, Antichrist, und das gantze Reich des Teuffels erstritten, niedergerissen unnd zerstöret, wie du selbst gesehen, daß sie diss alles so grawsam weg gereumbt, zu mahl das große Hauss: Welches alles zwar, sie nicht hetten können einreißen, sondern der dritte Löwe auss dem Stamm Juda muste kommen: Wie ernstlich er ihnen geholffen, hastu wol gesehen; Der wird ihre Krafft und Stärcke seyn, daß sie in seiner Krafft werden siegen können ...«
Wer diesen Bericht liest, wird nicht zögern alles für einen Fiebertraum oder, noch einfacher, für Blödsinn zu erklären. Nun werden wir aber noch im weiteren Verlaufe dieser Untersuchung wiederholt die Beobachtung machen, daß sich Visionen in symbolische Gestalt hüllen, und zwar Visionen, deren Richtigkeit durch den folgenden Gang der Ereignisse zweifellos bewiesen wird. Meistens wird auch das symbolische Bild sofort vom Seher selbst richtig gedeutet.
Wenn uns also auch der Bericht höchst befremdlich anmutet, so ist das noch durchaus kein zureichender Grund, um ihn als Hirngespinst oder völlig wertlos zu verwerfen. Wir werden überhaupt sehr gut daran tun in unserem Urteil uns einer weitgehenden Zurückhaltung zu befleißigen. Denn da es sich hier um Dinge handelt, die noch so gut wie garnicht untersucht sind, gibt uns keine genaue Kenntnis des Sachverhaltes das Recht gewisse Forderungen aufzustellen, also etwa zu verlangen, daß es sich nicht um symbolische Visionen, sondern ausschließlich um klare und greifbare Bilder handelt, etwa wie die, die wir im Traume sehen.
Nun liegt es mir natürlich völlig fern für die Sehergabe der Poniatowssken Lanzen zu brechen. Was ich ganz allein beweisen will und auch beweisen werde, ist, daß es echte Prophetie gibt. Das ist etwas ganz anderes als sich für die übersinnliche Gabe einer bestimmten Person zu erwärmen, oder gar an irgend eine noch nicht eingetroffene Prophezeiung zu glauben.
Hier sei ausschließlich betont, daß das befremdliche Bild, unter dem hier die Zukunft enthüllt werden soll, nicht zur Annahme zwingt, als handle es sich um Phantasmagorien eines hysterischen jungen Mädchens. Das kann ja sein, muß aber nicht sein.
Wenn wir auch keine in Einzelheiten richtige Interpretation der merkwürdigen Vision geben wollen oder können, so ist doch immerhin die Deutung auf Gustav Adolfs Einfall in Deutschland zulässig. Was die Buchstaben zu bedeuten haben, entzieht sich meiner Kenntnis. Berücksichtigt man, daß die Seherin Protestantin ist und in den politisch und konfessionell erregten Zeiten des Dreißigjährigen Krieges die Gegner jeder im andern den Antichrist verabscheute, dann wird der Ton so wenig wunder nehmen, wie der Vergleich der katholischen Gegner bzw. des österreichischen Kaiserhauses mit Babel, des Schwedenkönigs aber mit dem Löwen aus Juda.
Doch mag dem sein, wie ihm wolle. So viel ist sicher, daß die Jungfrau von ihrer Mission überzeugt war. Also um eine Schwindlerin handelt es sich keinesfalls. Denn sonst wäre es völlig unverständlich, daß sie sich den Gefahren einer Reise zu Wallenstein unterzog, um ihm, dem damals Allmächtigen, sehr unangenehme Dinge zu sagen. Wir werden später noch häufig auf Ähnliches stoßen, daß nämlich ein Seher, völlig überzeugt von seiner göttlichen Mission, ohne jegliche Rücksicht auf persönliche Nachteile und Gefahren den ihm seiner Überzeugung nach erteilten Auftrag ausführt.
Die Mission an Wallenstein ward der Poniatowssken am 25. Januar aufgetragen und zwar folgendermaßen:
»Am Tag Pauli Bekehrung, hatte ich abermahls ein Gesicht. Es kam zu mir der HErr selbst, bot mir die Hand und sprach: Die Krafft meiner Gegenwart sey mit dir: Ich wil, daß du einen Brieff schreibest, mit den Worten, welche du hören wirst: Wann du aber den wirst geschrieben haben, so leg ihn zusammen, versiegle ihn mit drey Siegeln, und trag ihn selbst hin nach Gitzschin, und ubergieb ihn dem rasenden Hund, dem von Wallenstein, wirst ihn aber nicht zu Hause finden, so übergieb ihn seinem Weibe, ihr selbsten, und ich wil verschaffen, daß er dem Bluthunde in seine eigne Hände zu kommen wird. Denn so war als ich lebe, spricht der HErr, meine Seele haz keinen Gefallen am Todte des Gottlosen, unnd seine Lust am Untergange der Unbußfertigen: Sondern das ist mein Wille, daß sich der Ruchlose von seinem bösen Wege bekehre und lebe. Darumb vermahne ich diesen Gottlosen Mann selbst, und stelle ihm die größe seiner Sünden vor Augen unnd seine Tyranney, damit er doch in sich gehen, sich entsetzen, unnd erkennen wolle, daß ich der HErr alle seine Wercke gesehen habe, und sie sehr wol kenne, unnd daß ich vergelten wil, einem jeden nach seinen Wercken, wie er gehandelt hat, wider umbkehren, seine Sünde für mich berewen, unnd sich also von dem Blut, welches er uberflüssig vergossen, reinigen, so wil ich die Gnadenthür noch für ihm öffnen, und seine Schuldt von ihm nehmen, wie groß die auch sey. Wird er sich aber nicht bedencken, sondern meine Warnung für Schimpff und Schertz halten, und sich hinfort nicht bekehren, siehe, so wil ich auch mein Hertz wieder ihn verkehren wie Eisen und Stahl, und mein Schwerdt wieder ihn wetzen, und meinen Bogen spannen, und zu seinem Hertzen zielen: Ich wil mir auch tödtlichen Geschoß zu richten, und damit in sein Hertz schießen, biss ich ihn umbbracht unnd ausgerottet habe. Dieses aber soltu wissen, daß, wo er nicht auf gewiese Zeit, die ich ihm noch bestimmt, sich bekehret, =er schon wie ein Kalb zum ewigen Schlachten übergeben sey=. Mein Aug sol sich nicht mehr erbarmen, es sol sich, sag ich, nicht erbarmen, jhn auch nicht mehr anschawen. Du aber thu also, wie ich dir befehle: Künftigen Freytag fahre hin gen Gitzschin, mit denen Personen, so ich darzu erkohren, welche du zu Zeugen haben wirst. Furchte dich aber für dem Tyrannen nicht, noch für andern, die dir zu schaden bekehren möchten: Denn sihe, ich bin bey dir: Wil auch meine Engel zum Schutz und Wache mit dir schicken, dieselben, welche du offt sihest, und sie kennest, ja auch der andern eine große Menge, die du noch nie gesehen: mit denen wil ich dich, wie mit einer fewrigen Mawer umbgeben, und du wirst sie auch mit deinen leiblichen Augen sehen. Wenn du aber hin kommst, sorge nicht, was du reden solt, denn ich werde bey und in dir seyn, und wird dir, kein Mensch etwas thun können, darumb, daß ich bey dir bin. Am Sambstage aber, wirstu den Brief erst ubergeben, und ein wenig daselbst verharren. Dennn (sic!) ich wil dir erscheinen, und die Hertzen derer, so dich sehen werden, bewegen und erschrecken.«
Die Jungfrau reiste tatsächlich nach Gitschin, traf Wallenstein nicht anwesend und wurde nach verschiedenen Schwierigkeiten von der Fürstin in Audienz empfangen.
»Als ich aber ein wenig da gesessen, ward ich entzückt, und der HErr erscheint mir und sprach: Wie sicher du hierher gekommen bist, also sicher wirstu auch von hinnen kommen. Sihe aber, ich werde mich allhie nicht lange seumen, denn diess gottloss Hauss ist meiner Gegenwart nicht werth: darumb so gehe auch du bald weg. Hiermit bot er mir die Hand, und schied von mir: Ich kam auch zu mir selbst, und sahe alle die Umstehenden, und die Fürstin selbst, erschrocken und weinend: gieng aber bald von dannen, und vermahnete die, so mit mir wahren, daß wir uns bald von dannen machten, wie auch geschehen. etc.«
Man mag von dieser Vision halten, was man will und wird sich gewiß nicht darüber wundern, daß Wallenstein darüber spottete, daß der Kaiser nur Briefe aus Rom, Konstantinopel, Madrid usw. erhielte, er selbst aber sogar aus dem Himmel[108]. Das ändert aber nichts an der merkwürdigen Tatsache, daß der oben gesperrt gedruckte Passus, der Wallensteins gewaltsamen Tod verkündet, als einziger auch im Original fett gedruckt ist und das fünf Jahre vor der Ermordung des großen Feldherrn in Eger. Mag sein, daß nur die ewige Verdammnis und nicht der leibliche Tod hier verkündet wird. Daß die Beteiligten es anders auffaßten, scheint aus den Tränen der Fürstin mit Sicherheit hervorzugehen.
Wir führten diesen stark gekürzten Visionsbericht nicht als Beweismaterial für die Existenz echter Prophetie an, sondern mehr als Beispiel für die verschwommene Art, in der in der Regel in der Vergangenheit geweissagt wurde. Aber auch zur Illustration unserer Behauptung, daß auch den phantastischsten Visionen ein wahrer Kern inne wohnen kann.
Von ganz anderem Werte und ganz anderer Beweiskraft ist der folgende Visionsbericht, obgleich auch er in symbolischem Gewande auftritt.
Fußnoten:
[103] Gottfried Arnold nennt in seiner »Kirchen- und Ketzer-Historie«, 3. Teil, Frankfurt a. M. 1700, S. 216, § 16, Überzeugte und Zweifler. Übrigens heißt die Ponitowssken bei ihm fälschlich Poniatovia oder Poniatowizsch.
[104] Zitiert nach »Göttliches Wunderbuch, darinnen auffgezeichnet und geschrieben stehen, 1. Himlische Offenbahrungen und Gesichte, einer gottfürchtigen Jungfrawen auss Böhmen, vom Zustand der Christlichen Kirchen, deren Erlösung, und schrecklichen Untergang ihrer Feinde usw.« (Stettin) 1629. Der Sammelband Nr. 5502, Weissagungen 2 der kgl. Bibliothek in Berlin enthält noch eine große Zahl von Prophezeiungen von 1613–1689.
Vom rationalistischen Standpunkte aus behandelt Adelung in seiner anonym erschienenen »Geschichte der menschlichen Narrheit«, Leipzig 1785 noch eine Reihe von Sehern, die er als Schwindler oder Narren hinstellt, darunter auch VI. Bd., S. 267 ff. die Poniatowssken, von ihm Poniatowa genannt. Er stützt sich auf Comenius, der an sie glaubt, als Zeugen und Gewährsmann ohne das Original der Visionen von 1629 zu kennen.
Außer den vielen Sehern bei Arnold und im obigen Sammelbande behandelt Adelung unter anderen noch aus dem 16. Jahrhundert Elisabeth Barton, I. Bd., S. 301, Johannes Cario, III. Bd., S. 118 ff., und Lucas Gauricus, II., S. 261 ff., die teilweise viel Falsches prophezeien. Besonders viel Unsinn produzierte Christoph Kotter, eb. VI., S. 231 ff. Ein interessanter Seher des beginnenden 18. Jahrhunderts ist Durand Fage, eb. III., S. 93 ff.
[105] Erschien ihr öfter.
[106] Die Seherin hatte eine Zeit lang Gehör und Sprache verloren. Die höchst uninteressante Unterredung geht noch eine Zeit lang so fort.
[107] Was hier gesperrt wurde, ist es auch im Original.
[108] Vgl. Arnold, l. c. p. 218.
Sechstes Kapitel
Die Prophezeiungen des Christian Heering aus Prossen
Um die Mitte des 18. Jahrhunderts erregte ein Mann namens =Christian Heering= in Prossen bei Königstein (Sachsen) durch seine Visionen um so mehr Aufsehen, als sich bald herausstellte, daß sie in wunderbarer Weise eintrafen. Seinem Beichtvater =Johann Gabriel Süße=, der sich jahrelang mit dem Phänomen beschäftigte und seine Erfahrungen unter dem Titel »=Umständliche Nachricht von dem sogenannten Prossner Manne, Christian Heerings=, eines Elb-Fischers und Innwohners zu Prossen bey Königstein, seit etliche zwanzig Jahren bekannt gewordene Voraussagungen betreffend«[109] am 11. Juli 1759 niederschrieb, im Jahre 1772 aber in Dresden und Leipzig erscheinen ließ, haben wir die zuverlässigen Nachrichten über den merkwürdigen Mann zu danken.
Betrachten wir zunächst an Hand des Buches (S. 8–15) die Persönlichkeit des Sehers. Er war aus Postelwitz bei Schandau an der Elbe unweit der Böhmischen Grenze am Rande der sogenannten Sächsischen Schweiz, um 1710 geboren als Sohn eines Fischers, der gleichfalls die Gabe des Hellsehens besaß. Von Jugend auf wurde er von seinem Vater auf der Elbe zur Ausübung des Fischergewerbes angehalten und blieb in Postelwitz, wo er von seinem Vater ein Haus und Garten erbte, bis zum Jahre 1746. Nun übersiedelte er nach Prossen, da seine Frau von ihrem Vater Hanns Schmidt, einem Häußler und Schiffer, dort ein Haus mit Garten geerbt hatte. Durch diesen Wohnungswechsel kam Heering als Beichtkind in die Obhut des Diakonen Johann Gabriel Süße, unseres Gewährsmannes.
Dieser stellt der religiösen und sittlichen Führung seines Beichtkindes, das er 13 Jahre unter Augen hatte, bevor er die »Umständliche Nachricht« schrieb, diese aber wiederum 12 Jahre zurückhielt, um die Wahrheit der Prophezeiungen prüfen zu können, mithin Heering 25 Jahre kannte, ein in jeder Beziehung glänzendes Zeugnis aus. Er war ein guter Hausvater, der seine Kinder zu allem Guten anleitete, ein fleißiger Kirchengänger und andächtiger Zuhörer der Predigt usw. =Seine Bildung war mangelhaft.= Denn da er schon als Kind dem Vater helfen mußte, beschränkten sich seine Schulkenntnisse auf fließendes Lesen und das Schreiben seines Namens.
»Von Weltlicher oder politischer Erkäntniss hat der Fischer Heering gar wenig erlangen können, indem ihm seine Berufs- und Lebensumstände, da er seine Zeit von Jugend auf Tag und Nacht mehrenteils auf dem Wasser zugebracht, auch sonst noch jetzo keine Gesellschaft liebt, niemals zugelassen, noch ihn auch sonst seine Neigung dahin angetrieben, weder Zeitungen, noch Geschichtsbücher zu lesen, oder Umgang mit belesenen und cultivirten Personen zu haben, von welchen er etwa von alten und neuen Staatssachen etwas hören oder lernen möge; sondern in Betracht einer politischen Einsicht kann man von dem Fischer Heering wenig oder nichts, jedoch sonst mit Wahrheit dieses sagen, daß er ein so genannter =guter einfältiger Mann= sey.«
Diese Charakteristik des Bildungsgrades ist von erhöhtem Interesse im Hinblick auf den Inhalt der Visionen. Wir machen sehr oft die Erfahrung, daß die Seher den unteren Ständen angehören und Visionen haben, deren Inhalt ihrem Interessenkreis fernliegt.